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Amy
"Zwischen Breaks und Party pur mit Schirmchen im Drink" - Amy Woyth alias ttyfal glüht für geile Partys, spannende Künstler*innen und gute Musik. Und schreibt auch gerne darüber.

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Inch by Inch – Laden, Label und Vertrieb

27. März 2021 / Kommentare (0)

Im September letzten Jahres wurde bekannt gegeben: Der Inch by Inch Store und die ehemalige Shite Music Distribution arbeiten nun unter gemeinsamen Namen zusammen. Wir haben uns zum Gespräch mit den drei jeweiligen Gründern getroffen.

Nachdem Reece und Oli (alias Carmel und Oliver Bernstein) jahrelang nebeneinander bei R.A.N.D. Muzik, dem Plattenpresswerk, arbeiteten, entschlossen sie sich, gemeinsam eine Distribution, einen Vertrieb, zu gründen. Dieser Vertrieb sitzt bis heute im selben Gebäude wie R.A.N.D. – ein großer Vorteil. Zu meiner Überraschung lernten beide Philipp (alias Drunkenstein) erst durch seinen Laden, das Inch by Inch, kennen. Auch hier bildete sich eine Freundschaft und diese führte wiederum dazu, dass die gemeinsame Geschäftspartnerschaft – die schon zwischen Laden und Vertrieb bestand – sich vertiefte. 

Aber wie kam es denn nun zur Fusion? Vorab gesagt: Natürlich sind sowohl das Inch by Inch als Laden und als auch Inch by Inch als Distribution nach wie vor zwei getrennte Unternehmen. Shite Music, wie die Distribution vorher hieß, wurde vor drei Jahren gegründet. Gewählt wurde der Name, um zu suggerieren, dass das Unternehmen Arbeit mit Humor machen würde, jedoch wurde es unter diesem Titel vor allem im englischsprachigen Raum mit der Zeit schwieriger, zu arbeiten. Weil dieser Wunsch nach einer Namensänderung schon länger im Raum stand, schlug Philipp irgendwann eine Übernahme vor – Oli fragte, ob das einfach so ginge.

„Wir haben gefragt, Philipp hat ja gesagt. Das war cool.“

Name geändert, schön und gut. Aber hat sich intern etwas verändert? Was die Arbeitsweise an sich angeht: nicht viel, meinen die Jungs. Stattdessen heiße ein „Blick in die Zukunft (…), dass beide Unternehmen immer mehr zueinander finden“. Klar mussten Sticker, Plakate und Paketbandrollen neu designed und bestellt werden, der Effekt der Außenwirkung ist aber größer. 

„Dass der Vertrieb den gleichen Namen hat, wie mein Laden, trifft bei Kunden definitiv auf Anklang,“ meint Philipp beispielsweise. Schon vorher hat er Leute im Laden, die nach einem Vertrieb gefragt haben, an Oli weitergeleitet – oder eben nicht. 

Dass die Wirkung nach außen angepasst wurde, kommt gelegen, denn die Namensänderung ist auch eine Chance für eine Änderung im Sound. Wo Shite vorher für House- und Disco-Edits stand, ist man nun aus diesem Bereich ein wenig weggekommen – „was ja nichts Schlechtes ist“, wie Reece anmerkt. Eher ein Vorteil: „So haben wir verschiedene und andere Labels mit dem Vertrieb bekommen, mit denen es so vielleicht nicht geklappt hätte.“

Was sich nicht geändert hat, ist der Faktor Leipzig-Support. Weiterhin ist es der Distribution wichtig, junge, lokale Labels und Künstler*innen zu fördern. „Unabhängig von den Labels, die dabei sind, wollen wir die Stadt [Leipzig] nach außen repräsentieren.“ So sind nicht nur etablierte Leipziger Labels wie R.A.N.D. Muzik Recordings, blaq numbers oder O*RS im IBI-Roster aufzufinden, sondern auch jüngere Labels wie Sachsentrance oder Wellness Records. Philipp merkt dazu an: „Ich bin sehr stolz, dass das R.A.N.D. Muzik Label unter dem Namen Inch by Inch läuft.“ 

Natürlich ist ein weiterer Vorteil des Zusammenschlusses, dass man nun noch stärker Kontakte austauschen und Netzwerken kann – und obwohl die internen Arbeitsweisen sich nicht viel verändert haben, fällt viel gemeinsame Labelarbeit an.

„Genauso wie ich mir im Laden überlege, was ich reinstelle, müssen die Jungs mit den Labels abwägen, wen sie reinnehmen“, kommentiert Philipp. Insgesamt probieren sie bei der Inch by Inch Distribution viel aus; wenn mindestens einer der beiden beziehungsweise einer der drei dahinter steht, dann nehmen sie ein Label meist auf. Oli äußert hierbei den Wunsch nach mehr Hip Hop Releases und Labels – auch wenn sich die Distribution auf (typische) elektronische Musik konzentriert. Warum typisch? Zum Thema ob sich Hip Hop als elektronische Musik bezeichnen lässt, hat unsere Autorin Paula bereits 2019 einen spannenden Artikel geschrieben.

Bei dem Standing, das die Distribution in Leipzig hat, vergisst man schnell, wie jung das Unternehmen eigentlich ist: Drei Jahre sind nicht nur wenig Zeit für ein Laden, wie Philipp einen hat, sondern auch für einen Vertrieb. So sieht es auch Oli: „Wenn man so will, steckt der Vertrieb immer noch in seinen Kinderschuhen.“ Dennoch wird ein gleiches, professionelles Niveau angestrebt, wie bei Vertrieben, die es schon seit 15 oder 20 Jahren gibt. Und sowieso ist der Anspruch da, alle Labels gleich zu behandeln – egal wer größer oder bekannter sein mag. 

Apropos Labels:

Neben einer Distribution und einem Store ist im vergangenen Monat ein Label unter dem Namen Inch by Inch gegründet worden, Philipps Baby. Auch dieses Projekt war schon länger im Gespräch, bis dann endlich der richtige Moment gekommen war, um es zum Leben zu erwecken. Die Zusammenarbeit mit dem Vertrieb war gegeben und somit war klar, dass die Labelarbeit nicht alleine zu bewältigen war. Das erste Release ist am 19. Februar erschienen –  Horns of Nippes heißt die EP – produziert vom Künstler T_NO. Denn: „Wenn es einen Vertrieb und ein Plattenladen gibt, muss es auch ein Label geben.“

Tino alias T_NO, der seine Roots bei Kompakt und groove attack hat, war schon lange Kunde in Philipps Laden, bis er ihm irgendwann seine Tracks vorspielte. Er hatte schon lange Musik gemacht, aber noch nie etwas veröffentlicht. Philipp erzählt: „In dem Moment war für mich klar: Das könnte das erste Release werden.“ Tatsächlich bewegt sich das Release mit drei eigens produzierten Tracks und einem Remix von DJ Balduin alias Trevor J. Baldwin irgendwo zwischen House, Techno und Electro, dreamy Melodien und clubtauglichen Kicks.

Eben, dass Tino noch nie etwas veröffentlicht hat, macht die Musik für Philipp so interessant. „Das ist vielleicht ein romantischer Gedanke, aber vielleicht sucht man nach Künstler*innen, die schon lange Musik machen, aber sich selber nicht trauen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen“. Welche Strategie man betreiben muss, um solche Leute zu finden, weiß Philipp auch noch nicht ganz – das zweite Release steht aber immerhin auch schon. Das Inch by Inch Label wird kein Label sein, wo es eine gerade musikalische Richtung gibt, für das jeweilige Publikum und die jeweilige Nische aber soll es immer den richtigen Ton treffen. Und sowieso: ein roter Faden wird bei demselben Kurator sowieso gegeben sein.

Nicht nur beim Vertrieb, sondern auch bei seinem Label kümmert sich Philipp um die grafische Handschrift. Das Cover auf der IBI001 bezieht sich auf Produzent Tinos Berufung als Lokführer: das Bild des Güterzugs ist ein Still aus einem Video von Philipp. Auf der Rückseite befindet sich eine Grafik der Voyager-Sonden 1 und 2. Die Zug-Referenz findet sich auch im von DJ Balduin erstellten Musikvideo zu Horns of Nippes wieder.

Um das Corona-Thema nicht ganz beiseite zu schieben: Wie läuft denn das Distributions-Business unter Pandemiebedingungen? Einerseits muss es doch einen Überfluss an Produktionen durch Produzent*innen, die den ganzen Tag Zuhause sitzen geben, andererseits haben die Plattenläden zu und DJs keine Gigs. Wie viele Releases in den letzten Monaten herausgekommen sind, dürften wir alle mitbekommen haben.

Überraschenderweise ist das Feedback gut; business as usual. Reece erzählt, dass er im letzten März dachte, er müsse seine Koffer packen und zurück nach Australien ziehen, ihn überrascht es, dass trotzdem so viele Menschen Musik kaufen. Oli denkt, viele würden trotz der Krise ihre Lieblingslabels und -künstler*innen unterstützen wollen. 

Auch Philipp muss nochmal nachfragen: Wie bedeutend waren Plattenläden für die Summe der Verkäufe? Auch die Plattenläden finden Lösungen, um mit der Pandemie umzugehen, meint Oli – siehe Online-Shops und Pick-Up-Lösungen. Auch Reece merkt an, welche Rolle Discogs in der Plattenindustrie spielt, denn auch kleinere Läden bestellen trotzdem noch. Philipp sieht das anders: Er traue sich nicht, neu erschienene Sachen zu bestellen. Klar ist die Lage im Moment bescheiden, aber er zieht durch.

„Ich bin jeden Tag im Laden, aber es sind keine Kunden da – das ist ein komisches Gefühl.“

Wie lange dieser Optimismus von Seiten des Vertriebs gegeben ist, weiß keine*r. Reece überlegt: „Platten sind ein Luxusprodukt – wer weiß, wenn es in einem Jahr eine wirtschaftliche Rezession geben sollte, wer dann noch Platten kauft.“ „Das Musikbusiness ist ein ehrliches Business – egal, ob die Platte von einem*r Starproduzent*in ist oder nicht, wenn der Track scheiße ist, kauft es keine*r“- so Oli. 


Alle Bilder sind von Kim Camille. Vielen, vielen Dank!

Inch by Inch, den Laden, findet ihr unter anderem auf Instagram, Facebook und Discogs.

Inch by Inch Distribution findet ihr unter anderem auf Instagram, Facebook und SoundCloud.

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