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Jens
Im Stadtmagazin kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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Autumn Backstock 2017 #1

29. November 2017 / Kommentare (0)

Ein Dutzend EPs sind im bisherigen Herbst von Leipziger Labels und Acts veröffentlicht worden. Mit vielen guten Tracks – wir haben uns durch die Platten der fünf aktivsten Labels gehört.

Aktiv heißt, dass die Labels in den letzten Wochen gleich zwei neue Releases veröffentlicht haben. Und besonders aktiv waren: Riotvan, R.A.N.D. Muzik, Rat Life Records, A Friend In Need und Ortloff. Here I go.

Llewellyn „The Other Side Of You“ (Riotvan)

Riotvan-Platten sind immer erfreulich. Vor allem wegen ihrer unaufdringlich positiven Vibes. „The Other Side Of You“ sorgte aber für einen Tick mehr Euphorie, denn es ist die erste komplette EP von Llewellyn, dem Nebenprojekt von Lake People. Bisher war er unter diesem Namen nur auf diversen Compilations vertreten.

In dem kompakten EP-Format wird der musikalische Llewellyn-Rahmen noch einmal deutlicher. Es geht um House mit leichter Disco-Patina. Da formen sich aus den Synths eingängige Melodien heraus, ergänzt um verspielte Piano-Spuren bei „Again & Again“. Und auch die Beats klingen bewusst simpler und trockener angelegt.

Doch anders als beim Disco-Appeal bei Rose Records, schimmert bei Llewellyn immer eine gewisse Melancholie mit. Es ist kein purer, grenzenloser Hedonismus, es ist eher ein beseeltes Innehalten. Das verleiht den Tracks trotz aller Eingängigkeit eine erhabene Tiefgründigkeit.

Jennifer Touch „Feeling C Remixes“ (Riotvan)

Dass dies auch für die Remixe von Llewellyn gilt, ist auf der jüngsten Riotvan-EP zu hören. Sie ruft mit fünf Remixen noch einmal die wunderbare „Feeling C“-EP von Jennifer Touch aus dem letzten Jahr hervor. Llewellyn strafft „Wordless“ hier sehr schön zu einem 80s-Pop-Song, inklusive dem Wechselspiel aus Kühle und Exaltiertheit.

Den düsteren Grundsound von Jennifer Touch lässt Llewellyn unberührt, wie auch Chinaski und Curses. Wobei letztere die versteckten Industrial-Einflüsse der Originale viel stärker betonen. Panthera Krause glättet dagegen mehr, indem er die hell klingenden Streicher in den Mittelpunkt rückt. Beides hat seinen Reiz.

Auch Jennifer Touch hatte offenbar Lust, einen ihrer Tracks eine neue Nuance zu geben. „No One“ klingt im „Michigan Mix“ selbstbewusster und poppiger, ohne die schwerfällige, leicht obskure Atmosphäre des Originals. Ein Gewinn auf jeden Fall.

QY „4 / American“ (R.A.N.D. Muzik)

R.A.N.D. Muzik hat scheinbar nachhaltig Freude daran gefunden, eigene Platten zu veröffentlichen. Nach der Picture-Disc-Compilation im Sommer folgte im frühen Herbst eine 10″ mit zwei Tracks von QY. Und das ist umso erfreulicher, da sich das Leipziger Duo zuletzt immer mehr vom Feel Good-Deep House weg in breakigere Gefilde entwickelt hat. Bei „4“ kommt dies auch zum Tragen. Ein House-Electro-Hybrid, der mit seinen kickenden, gebrochenen Bassdrums und der verschlungenen Deepness großes Anziehungspotential in sich birgt.

„American“ ist da etwas geradliniger, aber in eine angenehme Dub-Schwere eingebettet. Aus dem Off tauchen klassischen Deep House-Chords auf, aber der dusty Sound raut alles ganz dezent an. Kann es nicht mehr QY-Tracks geben?

Various Artists „RM12001“ (R.A.N.D. Muzik)

Eine weitere R.A.N.D. Muzik-Platte vereinte wieder mehrere Künstler auf zwei Vinyl-Seiten. Alle kommen aus Leipzig und alle arbeiten auf unterschiedliche Weise mit analogen Sounds. Yuyay Records-Betreiber Robyrt Hecht kooperierte mit XY0815 – den wir vor drei Jahren mitentdeckt haben – und belebt einmal mehr den federnd-crispen Electro-Sound. In dem Feld bewegt sich auch Varum, allerdings gleichermaßen treibender und melodischer.

Und auch Perm ist auf „RM12001“ abseits der Techno-Hypnose zu erleben. Sein „All“ – übrigens der erste betitelte Track von ihm – wandelt sich vom reduzierten Techno- zum Electro-Track mit Acid-Einschlag. Doch selbst in diesem neuen Kontext schafft es Perm, seinen hypnotischen Vibe zu integrieren.

Ein Lächeln zaubert schließlich Credit 00 mit „On Hold“ auf diese Compilation. Sein Electro-Entwurf öffnet mit super verspieltem Funk die Herzen und holt Electro aus dem dunklen Keller heraus. Damit zeigt „RM12001“, welche Vielfalt im manchmal sehr stereotypisch bespieltem Oldschool-Electro eigentlich steckt. Super Artwork übrigens auch.

One Day In Metropia „Rat Life 11“ (Rat Life Records)

Credit 00 ließ uns in diesem Herbst noch auf andere Weise lächeln. Denn Rat Life, das von ihm kuratierte Sublabel von Uncanny Valley, brachte zwei neue EPs heraus. Eine davon ist die Ausgrabung einer Handvoll Tracks, die vor rund zehn Jahren live im Dresdner Elektronik-Underground kursierten. Und sie passen heute perfekt in das aktuelle Revival des klassischen Electro-Sounds.

One Day In Metropia bewegt sich im schrofferen Bereich des Electro, mit packenden Beats, scharfen Synths und schnarrenden Basslines. Dazu gibt es klassische Chords bei „Solaris“. Am interessantesten sind aber „Terminal 1c“ und „Static Dynamic In The Stratosphere“ – letzterer, weil es mit seinen beißenden Synthwirren und dem verstockten, immer wieder entgleitenden Beat eine durchaus andere Note in die bekannte Electro-Welt bringt. „Terminal 1c“ klingt dagegen mit der super prägnanten Melodie wie ein echter Classic. Und möglicherweise ist er das in der Electro-Szene auch, 2010 wurde das Stück schon einmal beim Dresdner Netlabel Phonocake veröffentlicht wurde.

Credit 00 verewigt sich auf dieser EP auch. Er remixt einen Track namens „Homeless“. Super trocken schnarrend und mit ebenso trockenem Drumming. Da braucht es keinen Staublappen zu Hause mehr.

Cuthead „Big Time“ (Rat Life Records)

Für mehr Überraschung sorgte aber die zwölfte Rat Life. Denn mit Cuthead hätte ich bisher nicht auf diesem Label gerechnet, immerhin steht Rat Life schon für roughe, lofi-eske Sounds. Cuthead dagegen für House- und HipHop-Brücken mit viel Jazz- und Soul-Anleihen. Scheinbar hatte er darauf aber keine Lust und so entstanden einige erfrischend reduzierte Tracks zwischen Electro und Lofi-House.

Die oftmals so entwaffnende Cuthead-Leichtigkeit kommt aber weiterhin durch. Und genau das macht die Tracks so hörenswert. „Big Time“ und „Headspin“ bringen beispielsweise Funk in den kalten Electro hinein. „5 Hard“ scheppert dazwischen mit herrlich übersteuerten House-Beats und einer simpel eindringlichen Melodie. Dagegen gerät „Watfast“ mit seiner finsteren, alles einnehmenden Acid-Modulation auf eine eigenwillige Rave-Bahn. Diese EP ist ein im besten Sinne gelungener Ausbruch aus dem bisherigen Cuthead-Rahmen.

Antonio „Hazzze / Paranoia / Trigger 2“ (Ortloff)

Damit zu Ortloff. Das Label befindet sich seit rund einem Jahr in einer interessanten Transformationsphase, weg vom deepen House hin zu schroffem Electro. Der Italiener Antonio brachte diesen neuen Weg kürzlich auf den vorläufigen Höhepunkt, indem er drei peitschende und übersteuert rau klingende Techno- und Electro-Tracks lieferte. Richtig verrückt wird es mit »Trigger 2«, einem elf Minuten langen Electro-Gemetzel, das sich mit klirrenden Synth-Sounds und hektischen Beats in Mark und Hirn reinfrisst. Ein herrlich gewagtes Stück, mit dem sich ein Dancefloor entweder sprengen oder zur komplett Ekstase bringen lässt.

„Paranoia“ und „Hazzze“ docken rhythmisch und atmosphärisch am Industrial an, nur bleiben hier das Dark-Wave-Pathos draußen. Erfreulicherweise. Wie auch die gesamte EP.

Bad Penny „Night Will Come“ (Ortloff)

Eine ganz andere Tür öffnete Ortloff mit der letzten EP. Bad Penny, das ist die Grafikerin Marcea Decker aus New York, die mit „Night Will Come“ erstmals musikalisch in Erscheinung tritt. Die 7″ ist geprägt von zwei- bis dreiminütigen Songs in einem unterkühlten Wave-Post-Punk-Setting. Zu minimalistischer und simpler analoger Elektronik singt Marcea Decker mit dunklem Timbre Geschichten über die Abgründe ihrer Heimat. Ästhetisch ist das gar nicht weit vom dystopischen Sign Bit Zero-Sound.

Rowvn „Memory Lane“ (A Friend In Need)

Das letzte fleißige Label in dieser Backstock-Übersicht ist A Friend In Need. Überhaupt gibt es gerade kein anderes Leipziger Label – außer Moon Harbour – dass so regelmäßig neue Musik veröffentlicht, auch den gesamten Sommer hindurch. Für Rowvn aus Köln ist es die erste komplett eigene EP. Und die klingt durchaus sehr eigen mit ihrem ebenso tighten wie filigranen, freundlichen und überaus musikalischen House. Besonders „Is It Real“ hat es mir mit den ungewohnt verdichteten, blechernen Beats angetan.

Doch auch bei „Feels“ und „Trip Down Memory Lane“ bleibe ich durch den Kontrast von kickender Bassdrum, super sanfter Flächenchords und einer gewissen Verspieltheit hängen. Irgendwie geht hier vieles auf, was ich an House mag.

Various Artists „Leipzig Only 3“ (A Friend In Need)

Ganz frisch draußen ist der dritte Teil der „Leipzig Only“-Reihe, die, wie der Name es andeutet, ausschließlich Leipziger Acts featuret. Darunter wieder Blinds und A Friend In Need-Betreiber Lootbeg sowie Nova Casa. AEZKVLAP hatte ich bislang nicht auf dem Schirm, doch „Ande“ überzeugt gleich durch die sich zuspitzende Verschmelzung aus Deepness und Acid-Rauheit.

Blinds und Nova Casa sind mittendrin im Lofi-House-Hype, dessen matschige Ästhetik bislang aber nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat. Lootbeg wiederum bewegt sich mit „Sorry Wrong Chat“ sehr straight und stromlinienförmig an den Übergang zum Techno, inklusive raumgreifender Synths und einer gewissen Dramatik. A Friend In Need hat gerade einen sehr erfreulichen Lauf.

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