„Ich muss nicht irgendeiner Crew angehören“ – Kali Avaaz

Kali Avaaz ist seit vielen Jahren eine konstante Begleiterin der Leipziger Club-Szene. Im frohfroh-Interview erzählt sie von ihren musikalischen Schlüsselmomenten, der Frauenquote und ihrer Unabhängigkeit.

Kali Avaaz steht für sich. Sie prägt ihren eigenen Rahmen, in dem House und Drum’n’Bass keine Gegensätze sein müssen. Und so spielte sie für Kann Records ein Podcast-Set ein und stand kürzlich erst bei der Ease Up-Reihe hinter den Plattenspielern. Vinyl ist ihr Format. Aber das war kein Thema für das Interview.

Kannst du bitte kurz was zu dir schreiben: wie bist du zum DJing gekommen, was waren wichtige Stationen für dich beim Ausgehen und insbesondere beim Auflegen?

„Mit Musik fühle ich mich verbunden, solang ich mich erinnern kann. Sie war schon immer das Mittel, um mich auszudrücken, Emotionen zu begleiten oder hervorzurufen.“

Woher kommst du denn?

„Ich stamme aus einer eher provinziellen Gegend in Sachsen Anhalt. Das Angebot an guter, elektronischer Musik war dort damals stark begrenzt und viele Leute hatten auch noch kein richtiges Interesse daran. Wir mussten längere Wege auf uns nehmen. In Thüringen oder Leipzig waren wir oft. Dass ich einige meiner Teenagerjahre beim Partyersatzamt verbracht habe, bedauere ich heute manchmal – aber es hat sicherlich auch Einfluss darauf gehabt, irgendwann selbst hinter den Plattentellern zu stehen.

Laurent Garniers Unreasonable Behaviour Tour war einer der schönen und wirklich positiv prägenden Momente. Und ein Auftritt von Eva Cazal in Leipzig 2001 war definitiv ein Anstoß in Richtung DJing. Das Set habe ich heute noch sehr gut in Erinnerung. Da kam soviel Kraft mit, das hat mich damals sehr beeindruckt, auch wenn es heute gern etwas stiller sein kann. Ich glaube dann habe ich angefangen Platten zu kaufen – zu dem Zeitpunkt habe ich in Halle gewohnt.“

Und was waren deine ersten Entdeckungen?

„Das waren erstmal viele Electronica-Sachen. Autechre, Funkstörung und der ganze Kram. Parallel dann auch Drum’n’Bass-, Techno- und Electro-Scheiben. Die ganze Vielfalt an elektronischer Musik. Das hat mich einfach alles interessiert. 2002 bin ich dann zum Studieren nach Leipzig gezogen und hatte hier 2007 meinen ersten Gig bei einer kleinen Ausstellung namens ‚Durch den Spiegel‘.“

Neulich hattest du überraschenderweise auch einen Auftritt bei der Ease up-Reihe.

„Zu Drum’n’Bass hatte ich lange eine Neigung und gerade in Leipzig ist da früher ja auch einiges passiert. Die ganzen atmosphärischen Sachen wie Omni Trio oder Future Engineers haben mich besonders interessiert. Davon gibt es auch noch einige in meinem Plattenregal. Wie bei vielen anderen war dann aber auch für mich die Luft irgendwann raus. Die Klänge, die man beim Ausgehen zu hören bekam, waren alle sehr ähnlich und die ganze Sache schien zu stagnieren.

Mit Neurofunk und Techstep war aber schnell wieder Interesse geweckt, wenn auch mehr durch Rhythmus als durch mysteriöse Flächenklänge. Alphacut ist ein tolles Label, das einen modernen Sound transportiert und frischen Wind bringt. Die Ease Up Reihe im Conne Island zeigt ja auch, wie Drum’n’Bass im Jetzt tickt und dass es auch genügend offene Ohren dafür gibt. Dort neben Hybris zu spielen, hat mir super viel Spaß gemacht.“

Die siebte Ausgabe des Kann Records-Podcasts konntest du mit einem Mix gestalten – gibt es zu Kann eine besondere Nähe?

„Jeder der in Leipzig wohnt weiß, dass es tatsächlich ein Dorf ist. Man trifft immer wieder die gleichen Leute, Freundeskreise überschneiden sich ständig. So bin ich irgendwie immer wieder mit den Jungs vom heutigen Kann-Label in Kontakt gekommen bin. Die haben mich dann hin und wieder zu ihren Veranstaltungen eingeladen haben. Und 2009 dann sogar auf ihren Floor beim Nachtdigital. Daraufhin gab es auch die Gelegenheit in Berlin und Tschechien zu spielen.

Für den Kann-Podcast gab es keinen Anspruch auf Dancefloor-tauglichkeit. Der Mix ist sicher keine Überraschung für jemanden, der meine Sets verfolgt oder mich kennt. Ich denke, er zeigt ganz gut, wer ich bin und was ich mag. Ich habe sicher nicht immer das sonnigste Gemüt. Ich liebe den Winter, mag es wenn es lange dunkel ist, verbringe Zeit manchmal eben lieber allein mit meinen Kopfhörern und einer Menge an Süßigkeiten als einer Menge Menschen und kann heute auch gut dazu stehen.“

Der Mix hat sehr ruhige, ausgeglichene Züge – war der speziell für das Hören zuhause konzipiert oder ist die Peaktime auch nicht unbedingt deine Lieblingszeit?

„Natürlich hat die Peaktime trotzdem einen Reiz für mich. Jeder DJ kennt und mag das Gefühl, wenn die Leute auf der Tanzfläche auf das was man da macht eingehen und wenn sie den Moment und das Gefühl zur Musik teilen können.

Aber ich mag es auch am Anfang zu spielen. Schon allein der Möglichkeit wegen Stücke, die eben nicht ganz tanztauglich sind, auf einer großen Anlage hören zu können. Auch wenn ich manchmal für den Schluss gebucht werde, ist das für mich nicht ganz die Zeit, die ich mir selbst geben würde. Aber das ist ja auch alles situations- und stimmungsabhängig.“

Du bist eine der wenigen weiblichen DJs in Leipzig – inwieweit spielt das für dich eine Rolle?

„Die Frage wurde mir schon öfter in Interviews gestellt. Bis vor kurzen hat das für mich gar keine Rolle gespielt. Ich fand die Frage immer ziemlich komisch, denn eigentlich geht es ja nur um Musik. Dann wurde ich zu der Ease Up-Veranstaltung ins Conne Island eingeladen und später stellte sich heraus, dass es da einen Drang nach einer Frauenquote gab.

Das hat mir doch zu denken gegeben. Es gibt sicher deutlich weniger Frauen, die auflegen. Und im Drum’n’Bass-Bereich vielleicht noch vereinzelter. Auch wenn das Feedback nach der Veranstaltung sehr positiv ausfiel, war es schon irgendwie traurig, dass die Idee anzufragen so initiiert wurde.“

Wie könnten die Veranstalter deiner Meinung besser damit umgehen – kommt nicht automatisch ein Dilemma auf?

„Das ist tatsächlich ein Dilemma und so richtig habe ich da auch keine Antwort darauf. Das Wort Frauenquote an sich ist schon seltsam genug. Man sollte Künstler nach der Musik buchen und nicht nach Geschlecht. Und da gibt es auf beiden Seiten gute Leute.

Dass weniger Frauen auflegen verstehe ich gar nicht so recht. Es steht jeder Frau heute offen dem nachzugehen. Vielleicht ist es eher schwierig in diese ‚Crews‘ oder Organisationen, die schon aus festen Bindungen bestehen und – eben weil es einfach mehr davon gibt – männerdominiert sind, reinzukommen.“

Wie hast du Projekte wie die Propellas oder Do It Herself wahrgenommen?

„Die finde ich schon gut, vielleicht gibt es ja wirklich Frauen, die Hemmungen haben einen Kurs zu besuchen und als einzige zwischen einer Menge Männern zu stehen. Ich selbst habe bisher an keinem der Projekte teilgenommen, aber das hat keinen bestimmten Grund. Bisher hatte ich auch noch nicht das Gefühl, mich irgendeiner Gruppe oder Crew anschließen zu müssen.

Booking-Agenturen machen Sinn, wenn man darauf aus ist mit dem Auflegen sein Geld zu verdienen. Ansonsten weiß ich nicht so recht warum da etwas in Klammern stehen muss, sofern man nicht selbst auf Labels Sachen veröffentlicht. Ich bin keine Feministin und halte nicht viel von DJane Nights, auch wenn ich manchmal dafür gebucht werde. Aber was will man denn mit so einer Veranstaltung sagen?

Ich möchte nicht gebucht werden, weil ich eine Frau bin, sondern für die Sets, die ich spiele. Ich finde es schade, dass man immer noch darüber reden muss. Musik sollte verbinden und kein Anlass zur Gruppenbildung sein.“

Kali Avaaz Facebook / Soundcloud

John Barera „Mile End“ (Ortloff)

Ortloff legt nach der wunderbaren PorkFour-EP recht schnell nach. Und dann auch gleich noch mit einem US-Producer.

Bisher war der Fokus von Ortloff schon sehr konzentriert auf Leipziger Producer, auf ein freundschaftlich gepflegtes Netzwerk. Aber Ortloff als Läbel ist kein hermetisches Projekt. Mittlerweile dürfte einiges an Demos dort eintrudeln. Im April letzten Jahres kamen beispielsweise John Bareras Tracks in Leipzig an. Und die Ortloff-Ohren blieben hängen, die Chemie zwischen beiden stimmte.

In der Zwischenzeit gründete Barera in Boston sein eigenes Label Supply Records, auf dem bislang zwei EP seine anderen Projekts B-Tracks heraus kamen. In den Januar/Februar-Charts schaffte es „Specialize“ auf den fünften Platz. Im April 2011 war das sicher noch nicht abzusehen – besser könnte der Release von „Mile End“ also terminlich nicht passen. Wobei sie eigentlich schon Ende Dezember kommen sollte. PorkFour war aber vorher noch dran.

Dass Ortloff nun erstmals musikalisch direkt in den USA ansetzen, ist mehr als schlüssig. Die Referenzen von einem Großteil der Ortloff-Platten liegen über dem Teich. Und dennoch klingen John Bareras Stücke noch einmal anders. Sie strahlen in ihrer durchaus direkten, forschen und teilweise auch ungelenken Art eine ungewohnt naive Freude aus.

Vielleicht liegt es am Tempo, das für heutige House-Verhältnisse einen unheimlichen Zug hat. Vielleicht sind es aber auch die Synthie-Chords, die den Druck aus den Tracks herausnehmen mit ihren ausformulierten Harmonien. Barera arbeitet sehr musikalisch, opulent und dicht verwoben. Er bricht einen Strom aber auch schon mal ab und haut eine Acid-Hookline rein. Bei „Sound Love“ kommt denn noch eine Soul-Note hinzu.

Viel Oldschool-Vibe steckt in den vier Tracks. Unverfälscht und irgendwie auch sehr authentisch. Können Tracks in dieser Tonalität wirklich nur aus den USA kommen?! Ach übrigens: Ortloff-Love wieder für das Cover-Artwork. Siebdruck, neu geschnittene Schrift. Dafür muss Vinyl weiter am Leben bleiben.

Ortloff Website
John Barera Website
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Die weichen Roots

Deep House-Basis-Arbeit bei FM Musik. Die letzten beiden EPs zelebrieren mit Felipe L sowie Helly Larson & Deep Spelle unbeirrt die klassischen Deep House-Roots. Solide und ärgerlich zugleich.

In all dem House-Hype der letzten Jahre ist dieser cleane Deep House-Sound der späten Neunziger und früher Nuller ja bekanntlich ein wenig auf der Strecke geblieben. Vielleicht sind die Erinnerungen an all die ganzen Weichspüler-Compilations noch in zu unangenehmer Weise wach. FM Musik hatte damals aber seine große Zeit – im besten Sinne.

Einige der jüngeren Veröffentlichungen hatten aber einen anachronistischen Touch. So als wäre die Zeit stehen geblieben. Doch irgendwie bleibt sich das Label einfach treu und schafft damit doch immer wieder gute Momente.

Das Gerüst ist teilweise auch so simpel, wie einnehmend. Scheinbar gibt es eine Form von Chords, die einfach immer ziehen werden. Der Gral der Deepness. Ein bestimmter Ton, vielleicht nur eine Skizze davon. Aber es berührt. Bei Deep Spelles „Trapped In“ ist das so. Also in erster Linie der Chord. Spoken Vocals dahinter, fertig. Helly Larson trimmt das alles noch eine Spur, bleibt dem ganzen aber sehr nahe. Sein eigenes „Love Is“ auf dieser Split-EP hat auch jene mit Hall unterlegten Chords.

Felipe-L-Too-Sexy-MusicDass es aber auch nach hinten los gehen kann, zeigt Felipe L aus Spanien. „Too Sexy Music“ ist schon vom Titel her kaum toppen. Alarmglocke. Laut. Und der Track trägt zu viel von all den Klischees auf, von denen sich die etwas dreckigeren House-Varianten der vergangenen Jahre befreien konnten. Der ein oder andere Remix kann da mehr rausholen. Am besten vielleicht Papouban mit seiner sehr reduzierten, dunklen Version.

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Me And Oceans „The Pond“ (Analogsoul)

Fabian Schützes Solo-Projekt Me And Oceans zieht weitere Kreise – keine grundlegenden Neuen, aber die braucht es auch nicht unbedingt. „The Pond“ hält das Glühen des Debüts.

Und dieses Glühen machte schon „Lakes“ zu einer lang nachhallenden EP. Solo-Arbeiten sind oft reduzierter, persönlicher, etwas introvertierter. Im direkten Vergleich mit Schuetzes anderer Band A Forest trifft dies auch voll zu. „The Pond“ ist sogar noch eine Spur stiller geworden als sein Vorgänger. Vielleicht weil es um A Forest und Analog lauter geworden ist. Aber das ist eine vage These.

Letztendlich spielt der Grund auch keine Rolle. Bei Me And Oceans zeigt sich einfach sehr schön, was passiert, wenn ein Singer/Songwriter mit dem Laptop arbeitet und ihn auch als eigenständiges Instrument zu schätzen weiß. Und dass wirklich erst bei den Zwischentönen. Die Elektronik spielt fast keine Rolle bei „The Pond“. Es dominieren warme, organische Sounds, die sich auch mit einer Band einspielen ließen.

Aber in den geöffneten Arrangements und der Arbeit mit vielen Loops vollzieht sich jene Neuverortung des Lagerfeuers. Das wusste „Lakes“ auch schon zu erzählen. Mit den sechs Stücken auf „The Pond“ festigt Fabian Schuetze genau diese wohl ausbalancierten Pop-Miniaturen. Sogar bis hin zu einem wunderbaren Duett bei „When I Was A Dancer“ mit Arpen von Mud Mahaka.

Me And Oceans Website
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Think Open Air, 29NovFilms und mehr

Wann summieren sich eigentlich genug Neuigkeiten? Keine Ahnung. Manchmal reichen vier News.

Das Think Festival am Cospudener See hat gestern die ersten Namen seines 2012er-Line-Ups bekannt gegeben: DJ Koze und Marbert Rocel. Not bad.

Auf frohfroh liegt übrigens auch noch eine Interview mit DJ Koze, drei Jahre alt und eigentlich für das Nachtdigital-Heftchen geführt. Da war Pampa noch in den Windeln.

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Bestimmt erinnert ihr euch an die tollen Musikvideos der The29NovFilms-Jungs. Tracks von Kassem Mosse, Daniel Stefanik, Sevensol & Bender und anderen Leipzigern haben die beiden schon mit altem Filmmaterial unterlegt und kostenlos bei Youtube hochgeladen. Die Groove hat ihnen nun selbst über die Schulter geschaut und ein Video davon bei sich gepostet. Höchst interessant.

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Here Is Why sind gerade auf Record Release-Tour. Und den Marbert Rocel-Remix von „Waiting For The Sun“ gibt es rund 200 mal zum kostenlosen Download. Ranhalten – limitierte MP3s sind die Schwarzmarktbomben von morgen!

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Und: Esoulate hat nun einen eigenen Podcast. Dsant mixt zuerst. Außerdem gibt es neue Podcast-Folgen von Doumen und Riotvan.

Webermichelson „Album“ (No Label)

Äh, eine Menge Gitarren, jaja. Aber auch eine Menge Freiraum – so versüßen Webermichelson die letzten beiden – eigentlich trüben – Tage.

Es ist nicht so, dass der Elektronikszene von Leipzig langsam die Puste ausginge und daher nun Gitarren im frohfroh-Fokus die Leerstellen auffüllen müssten. Und es ist auch kein Flashback in meiner persönlichen Rock-Sozialisation. Denn Webermichelson gehören eigentlich mitten auf die Tanzfläche eines Techno-Clubs. In der Mitte all die Gitarren, Effektpedale, Schlagzeug und Mikrofone, drum herum auf gleicher Ebene das Publikum.

Keine Ahnung, wie die Shows von Philipp Weber und Sven Michelson wirklich ablaufen, aber rein musikalisch könnte dieses Setting aufgehen. Die beiden hieven den offenherzigen Post-Rock-Geist ziemlich spannend in die Dramaturgien des Clubs. Ohne viele Worte, ohne die obligatorischen und schnell ermüdenden Laut-Leise-Wechsel des Genres. Die Nähe zu anderen Disziplinen, etwa zur bildenden Kunst und Mode, ist da. Mit dem Leipziger Mode-Label howitzweissbach arbeiten Webermichelson schon länger zusammen.

Ende Januar erschien ein live eingespieltes Album als Free-Download und als limitierte Kassette. Sechs Stücke zwischen 3 und 14 Minuten Länge sind darauf. Gerade Bassdrums, repetitive Gitarren, eingestreute Elektronik und immer mal ein von weitem her hallender Gesang. Zwischen Post-Rock-House und Shoegaze-Ambient – damit ließe sich der Vibe des Momentanen der sechs Stücke grob verorten.

Aus Rock-Sicht gäbe es sicherlich noch andere Beschreibungsansätze, und vielleicht wären da auch die einen oder anderen Konventionen auszumachen. Doch das macht Webermichelson scheinbar aus – dass sie aus verschiedenen Perspektiven betrachtet schillern. Dass sie einfach so ein Album raus hauen, dass nicht einfach so im Netz versauern sollte.

Webermichelson Website

MM/KM „s/t“ (The Trilogy Tapes)

Bothers, keine Frage. Mix Mup und Kassem Mosse haben wieder gemeinsam an den Knöpfen gedreht. Und dabei ist dieses Mal ein Mini-Album heraus gekommen.

Unglaublich, welchen Stellenwert der Sound von Kassem Mosse in Großbritannien genießt. Nicht, dass es hier groß anders wäre. Aber irgendwie scheint die UK-Verbindung besonders zu sein. Das Fact Magazine verkündete noch im Februar den Release von „MM/KM“ mit leuchtenden Worten. Und auch die bisherigen Platten auf Doldrums und Nonplus zeugen von einem speziellen Zugang für die harsche Sehnsucht von Kassem Mosses Tracks.

Nun also eine Platte bei The Trilogy Tapes, dem Label von Will Bankhead, der als Grafiker seine visuellen Spuren auf zahlreichen großen Platten hinterlassen hat. Sein eigenes Label ist ein Sammelsurium für Obskures – Noise, rough geschnittener House oder psychotische Disco-Tracks. Im Herbst 2010 tauchte Kassem Mosse das erste Mal mit einem Live-Set bei Trilogy Tapes auf.

Die EP mit Mix Mup schließt den Kreis zwischen den beiden bereits bekannten Polen der beiden. Einerseits super reduzierte House-Skizzen wie sie auch schon auf der Gemeinschaftsplatte von Mikrodisko und Kann zu hören waren, andererseits den abwegigen, experimentellen Geist, den Mix Mup und Kassem Mosse mit ihrem Projekt Chilling The Do ausleben.

„MM/KM“ hat beides in abgeschwächter Form. Sie schätzt den Dancefloor und bringt ihn zugleich ins Wanken. Gerade, gebrochen, schwelgende Synths, scharf rasselnde Hihats – es sind sechs Tracks mit angenehmen Leerstellen und einem brüchigen, durchaus schwermütigem Funk, wie er in dem lithografischen Cover auch optisch rüberkommt. Tracks, deren einzelne Töne mehr erzählen können, als eine ganze Pre-Set-Sound-Datenbank.

Kassem Mosse Facebook
Mix Mup Website
The Trilogy Tapes Website
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Aloo „Klangbild“ (Astor Bell)

Und wieder Thüringen, und wieder etwas zu spät. Mit Aloo bringt ein weiterer Thüringer Producer neuen Input nach Leipzig. Seine aktuelle EP sollte man noch einmal hervorkramen.

Etwas zu spät ist wirklich untertrieben – „Klangbild“ kam schon im Januar 2011 bei dem Stockholmer Netlabel Astor Bell heraus. Doch erst vor wenigen Wochen kam ein beiläufiger Tipp auf die EP, dann die Auftritte neulich im Elipamanoke und Pferdehaus. Und schließlich lag sie noch ein paar Wochen hier rum.

Nun also in Rotation. Sechs Stücke, die viel vom einstigen IDM-Vibe von vor zehn Jahren atmen. Bis auf „TreiToTrei“, den locker tänzelnden House-Opener. Der Rest sind relativ kurze Electronica-Stücke, mit vielen Schichten, elegischer Dichte und teilweise auch ordentlich aufgetragener Poesie.

Am eindrücklichsten in diesem Fünfklang ist „Arabinu“ mit seiner fast schon dubsteppigen Schärfe am Anfang und den langsam erhebenden Synth-Wolken im späteren Verlauf. In Sachen Pathos lässt „Harmonium Pump“ keine Gelegenheit aus – orchestrale Passagen, einsam angestrichenes Cello.

Aloo kommt aus Erfurt, war viel im Drum’n’Bass unterwegs und lebt nun in Leipzig. Die EP auf Astor Bell ist bislang die einzige und kann ruhig auch erst ein Jahr später entdeckt werden.

Aloo Facebook
Astor Bell Website

Connwax 01 (Connwax)

Hardwax-Style in Connewitz – heraus kommt Connwax. Ein neues Label, das mit seiner ersten EP den Resonanzraum von Techno auslotet.

Ende November gab es eine gleichnamige Party. Jetzt also ein ganzes Label. Seit Februar ist die erste Platte draußen. Dub geerdeter, deep schwingender Techno von Eduardo De La Calle ist darauf gepresst. De La Calle, Ende 30, ist ein kosmopolitischer Spanier, der im letzten Jahr einen beängstigend hohen Output hatte. Gut ein Dutzend EPs kamen 2011 allein auf seinem eigenen Label Analog Solutions heraus.

Die Connwax-Verbindung bleibt verschleiert. Auf der Website keine Infos. White-Label-Label-Politik in Reinform, ähnlich den verschwommen Hardwax-Mythen. Statt Hardwax scheint aber Clone den Vertrieb zu übernehmen.

Und wahrscheinlich ist es auch genau richtig. Denn einerseits fällt der Fokus in solchen Fällen automatisch stärker auf die Musik, andererseits kann man sich ebenso selbstständig auf eine so allseits reizvolle Mythenbildung einlassen. Den Kontext zu Eduardo De La Calle kann man sich übrigens sehr umfassend auf seinem Soundcloud-Profil erschließen. Alle Stücke seiner Labels sind dort vollständig im Stream.

Connwax Website
Eduardo De La Calle Website

Wooden Peak „Lumen“ (Analogsoul)

Peaktime im Februar – aus Holz geschnitzt. Aber auch für Analogsoul gibt es einen neuen Peak: denn mit „Lumen“ von Wooden Peak veröffentlicht das Label erstmals auf Vinyl.

Die Geschichte an sich hat auch etwas Kurioses. Denn „Lumen“ ist schon im Mai 2011 veröffentlicht worden. Auf CD und MP3. Mehr als ein halbes Jahr später folgt das Vinyl. Mutig. Aber bestimmt eine super Erfahrung für ein Label, dass mit CD-Rs und Net-EPs angefangen hat.

Ich muss zugeben, dass ich Wooden Peak bisher nur rudimentär im Blickfeld hatte. Soviel organische Jazz-Arrangements hatte ich aber nicht erwartet. Auch wenn Jazz bei dem Duo nur als Gerüst genutzt wird. „Lumen“ ist weit weg von der klassischen, immer etwas prätentiösen Jazz-Attitüde.

Die Arrangements sind offen gehalten, instrumentiert in einem schlichten, post-rockigen Sinne – Gitarre, Bass, Schlagzeug. Plus Gesang und spartanisch eingesetzter Elektronik. Eine Killerzusammensetzung also, wenn es um ein minimalistisches Musikverständnis geht. An einigen Stellen fehlt aber die Reibung, da sind die Details zu lieb.

Doch die vielen kleinen Unvorhersehbarkeiten im Aufbau der Stücke bescheren einige sehr schöne Momente. „Lumen“ als Stück ist herrlich slim gehalten, mit einer still abdriftenden zweiten Hälfte. Und „Much Better Land“ ist formvollendeter Electronica-Pop – oder Indietronic, wie es einmal hieß. Und jetzt mit echtem Knistern zwischen den Tönen.

Wooden Peak Website
Analogsoul Website
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Here Is Why „HRSY“ (Riotvan)

Doppel-Debüt – für Here Is Why und Riotvan gleichermaßen. Es kursierte ja schon lange. Nun ist es also wirklich draußen: „HRSY“. Und es hält das Versprechen der Single.

Ende Januar kam ja schon „Waiting For The Sun“ als Vorgeschmack heraus. Wenig später das dazugehörige Video. Und auf „HRSY“ gibt es nun noch zwei weitere Songs von ähnlichem Hit-Kaliber. „Standing On The Mountain High“ und „Heaven Does Know“ zeigen Here Is Why von ihrer schillernden, tänzelnden Seite. Breite Synthie-Flächen, unglaubliche Hooks.

Doch das Album, das mit seinen acht Stücken eher eine pralle EP ist, hat noch ganz andere Ecken. Stillere und mit dunklerem Lidstrich. Mit Mikeshs verzehrter Stimme bei „Room“ und einer schneidend-direkten Reduziertheit bei „Mittens“. Der Hit neben den drei offensichtlichen Hits ist aber „The Show“.

Hier wird am deutlichsten, was für eine emotionale Kraft hinter einem Refrain-Part stecken kann. Und im Prinzip ist alles ab der zweiten Hälfte ein großer Refrain in diesem Stück. Die sich aufbäumende Wehmut im Gesang, die sakralen Keyboard-Chords, der düster-schraubende Bass – das müssen House, Techno & Co passen.

„HRSY“ klingt insgesamt wie ein lange überfälliger Befreiungsschlag. Und überblickt man den Werdegang von Good Guy Mikesh, dann konnte ihm nichts Besseres passieren, als sein einstiges 1-Mann-Projekt zur Band aufzustocken. Mit Gregor an den Synthesizern, Markus am Schlagzeug und als großen Katalysator hinter den Kulissen und Linda am Bass.

Nach all den Hürden um Mikeshs Solo-Album strahlt „HRSY“ eine geerdete Erhabenheit aus. Vielleicht liegt es auch an dem kompletten Engagement, das nun dahinter steckt: Riotvan wächst zum Label, eine Release-Tour durch Deutschland folgt. Beseelt klingt nach Kitsch, aber dieses Wort kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn ich gerade an Here Is Why denke.

Here Is Why Website
Riotvan Website
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