Vera „The People’s House“ /
„All That Glitters“ (Cargo Edition)

Vera Heindel ist die einzige Frau im Roster von Moon Harbour und deren Sublabel Cargo Edition. Und ihr Sound ist höchst eigenwillig. Schwer zu sagen, ob Veras Tracks nun überaus unique oder nicht doch etwas naiv sind. 

Irgendwie ist es ja wirklich mutig so reduziert an House heranzugehen und trotzdem eine gewisse Deepness zu erreichen. Allerdings klingen die Tracks ihrer beiden EPs auf Cargo Edition sehr hölzern, sehr staksig, sehr auf Loops beschränkt. Wie Malen nach Zahlen oder Klötzchenschieberei. Und trotzdem ist sie mit ihren Vocal-Samples und dem ganzen Vibe ziemlich nah an dem leichtfüßigen Funk US-amerikanischer House-Platten.

Eigentlich schaffen es aber erst die Remixe von Miss Fitz und dem Rumänen Rhadoo auch die Zwischenräume mit Leben zu füllen und die Tracks damit fließender zu gestalten. Ich denke trotzdem, dass der Purismus von Vera einen nicht zu unterschätzenden Wert hat. Vielleicht hat er einfach noch nicht seine Zeit.

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Sven Tasnadi „Break The Night“ (Oh! Yeah!)

Nach Daniel Stefanik verwirklicht sich nun auch Sven Tasnadi auf dem gemeinsamen Label Oh! Yeah!. Sehr verschiedene Richtungen werden hier eingeschlagen.
Auf der einen Seite ist The Flying Carpet“ ziemlich düster mit einer prägnanten Bassline und einem überraschend runter gedimmten Break, in dessen Mitte sich plötzlich eine orientalische Note herauskristallisiert. Solche Ethno-Anleihen können ja schnell nach hinten losgehen. Irgendwie klappt es bei „The Flying Carpet“ aber. Vielleicht ist der Track durch seine schnipsenden HiHats und die klatschenden Claps genug geerdet, um nicht in die Ethno-Falle zu geraten.

„Charizma“ wagt dagegen weniger, was aber keineswegs negativ zu sehen ist. Es ist ein solider deeper House-Track mit einem hell klingenden Chords und einer warmen Bassline, wie er auch bei Dial Records passen würde. Freundlich, elegant und mit einem Seitenblick in Richtung Detroit. Selbst der Break hält sich angenehm zurück, ohne sich ganz den Clubgeflogenheiten zu verwehren.

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Michael Melchner „You Understand“ (Cargo Edition)

Michael Melchner ist noch ordentlich jung, in seiner Heimatstadt Nürnberg gehört er aber zu den besten DJs. Sein Producer-Debüt gab er im Frühjahr 2008 bei Cargo Edition.

Die zweite EP ist solider House, zeitgemäß mit seinen Vocal-Spielereien und seinem minimalistischen Duktus, aber trotz seiner Aufgeräumtheit durchaus deep und nicht zu funktional. Die großen Hits werden es aber wohl auch nicht. Hits im Sinne von Tracks, die einem auch noch in einem Jahr in den Sinn kommen.

Warum auch immer. Das ist vielleicht auch nicht Kriterium für eine Musik wie House, aber wenn man schon beim ersten Hören spürt, dass die Tracks nett an einem vorbeirauschen wie die Landschaft bei einer Zugfahrt, dann reicht das irgendwie nicht.

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Seuil „Double Room“ / „Musm“ (Moon Harbour Recordings)

Moon Harbour scheint sich gerade neu auszurichten und nach einer Phase der einmaligen Gast-EPs von Gregor Tresher, Miguel Toro, Samin sowie Leif & Tom Ellis mehr auf Kontinuität zu achten. Neben Martinez ist nun auch der Franzose Seuil neu im Boot.

Zwei EPs mit je drei Tracks hat er veröffentlicht. Und beide kommen ohne Remixe aus. Das zeugt von einer gewissen Produktivität und letztendlich auch davon, dass Moon Harbour hinter Seuil steht und nicht auf große Remixer setzt, um eine Platte besser zu platzieren.

Seuil ist auch keine schlechte Wahl, obwohl er in seiner noch recht jungen Producer-Karriere keine Präferenz für ein bestimmtes Label zeigte und stattdessen seine bisherigen EPs über acht verschiedene Labels verteilte. Die beiden Moon Harbour-Platten sind beide sehr trackorientiert, detailreich und dicht produziert. Das hat Substanz, richtig begeistert es aber trotzdem nicht.

Klar, es ist es House, die Deepness ist gewahrt, die Sounds sind toll, aber in ihrer Dramaturgie rauschen die Tracks ziemlich rastlos, teilweise sogar etwas gelangweilt vorbei. Da gibt es kaum Anker, an denen man hängen bleibt oder die aus dem Fluss herausbrechen. Rave-Keulen sind die Stücke indes auch nicht. Sie sind da und irgendwie nicht.

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Arsen1Computerklub „Truebnfishn EP“ (Break The Surface)

Hey Hey, was für tänzelnde Tracks. Den Arsen1Computerklub aus Berlin kennt man ja von seinen überaus vielseitigen DJ-Sets. Hier nun also eine eigene EP mit eigenen Tracks. 

Klar, da steckt viel Albernheit in den Stücken, aber irgendwie ist das sehr stimmig und funky. Die Vocals, die Sounds und Melodien, die leicht stolprigen Beats, alles ist auf Spaß getrimmt, ohne dass hier plumpe Party-Tracks daraus werden. Im Prinzip sind dies auch keine Club-Tracks, dafür haben sie zuviel Pop-Appeal.

Vielleicht ist das auch ihre Stärke: ihr Club-Kontext ist unüberhörbar, aber in ihren Arrangements und Sounds sind sehr eingängig. Und das gilt für alle vier Tracks dieser EP gleichermaßen. Nur „Hartraster“ schert ein wenig aus. Der „Grinderman“-Remix von Metasound & Lucius14 schielt dagegen viel deutlicher auf den Club – straighter und reduzierter, aber den Arsen1-Funk behaltend.

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Luna City Express „Rough Neck“ (Moon Harbour Recordings)

2009 ist ja noch mit einem Album von Luna City Express zu rechnen. Und die Vorfreude ist groß. Denn im derzeitigen Moon Harbour-Roster sind die beiden Berliner diejenigen, die ihre Freude an klassischen House am deutlichsten ausleben.

Ihr Vorgeschmack auf das Album ist „Rough Neck“, ein typischer Luna City Express-Track, der aber eine ungewöhnliche Spannung aufbaut und sie eigentlich nie richtig entlädt. Kein aufschäumender Rave-Break in der Mitte mit anschließenden Fanfaren. Alles bleibt kontinuierlich lässig, mit viel Perkussion und einer zart angedeuteten Deepness. Der Brothers’ Vibe-Mix glättet den Track zu einem klassischen House-Track, mit deeper ebenso wie straighter Ansage. Irgendwie viel amerikanischer. Und der Tanzmann-Mix, der schlägt noch andere Richtung ein. Sehr treibend, noch perkussiver und mit eigenen Sounds angereichert. Erstaunlich an diesem Mix ist, wie er trotz der Hektik die Deepness beibehält, obwohl alles viel mehr auf Dancefloor gebürstet ist.

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Kassem Mosse „Workshop 08“ (Workshop)

Kassem Kassem, the hero! Er wird immer besser. Nach seiner letzten superben EP auf Mikrodisko hier nun wieder eine Platte auf dem nicht minder sympathischen Label Workshop.

Drei Tracks ohne Namen, aber mit einer Menge Oldschool-Charme. Auf der A-Seite entfaltet sich über zehn Minuten ein Track mit einem eigentümlich umher schwirrenden Elektro-Chord. Während sich an der Oberfläche nicht viel ändert, passiert darunter umso mehr: ein hell klingender, erst mäandernd später aufschäumender Sound, der kurzzeitig den Track bestimmt. In der zweiten Hälfte wird es schließlich noch etwas melodiöser.

Auf der B-Seite findet sich dann ein Kuriosum. Ein Slow-Mo-Techno-Track, der eigentlich auf 33 gespielt werden muss, aber fast noch besser auf der 45 funktioniert. Andererseits: Wenn man sich auf die Langsamkeit einlässt, wirken die Sounds noch klarer und deutlicher.

Ähnlich smooth ist denn auch der dritte Track, mit futuristisch anmutenden Harmonien, einer kraftvollen Basslinie und einem untypisch klaren Rhythmus.

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Various Artists „OO Remixed“ (Kann Records)

Hier also Neubearbeitungen von zwei Tracks der allerersten Kann-Compilation – von Sven Weisemann und Daniel Stefanik. Beide gehen recht behutsam heran.

Weisemann betont den Dub stärker von „Evol Peed“, im Original von Sevensol & Bender. Das bringt eine eigene Deepness und Lässigkeit und bringt den Track tatsächlich auf neue Weise weiter.

Etwas enttäuschend ist hingegen der Stefanik-Remix von Brotherhoods House-Hymne „Memorial Smith“. Insgesamt fällt er zwar etwas schnittiger, funkiger und perkussiver aus. Aber in seiner Grundstimmung und seiner Dramaturgie bleibt er weitgehend unberührt. Da helfen auch die zusätzlichen Vocals und das Gitarrensoli am Enden nicht mehr viel. Klar, die Elemente des Originals sind alle sehr eindrücklich und lassen sich bestimmt schwer übertragen. Vielleicht ist es einfach der falsche Track zum Remixen.

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Kleinschmager Audio „Audiology“ (Rrygular)

Die dreikommanull-Crew hat in den letzten vier Jahren wohl am konsequentesten den Minimal-Sound auf den Leipziger Tanzflächen zelebriert. Jörn Kleinschmager ist einer von ihnen und auch als Producer durch und durch minimalistisch.

Minimal hat gerade keinen guten Stand. Das Genre in seiner zeitgenössischen Club-Form hat den Zenit längst erreicht und den Club-Sound der letzten Jahre ziemlich dominiert. Und doch ist noch nicht alles ausformuliert. Gerade jene Labels und Producer, die bereits sehr früh mit reduziertem, aber keineswegs hartem Techno experimentierten, sind auch heute noch aktuell.

Dapayk beispielsweise. Zusammen mit Jörn Kleinschmager sind sie Projekt Kleinschmager Audio. Der Titel des ersten Albums deutet schon einen ernsten, fast wissenschaftlichen Ansatz an. Doch akademisch sind Kleinschmager Audio nicht. Eher tief versunken in der Wirkung von repetitiven Klängen und der reduzierten Einbettung von Deepness.

Und hier entwickeln die Tracks auf „Audiology“ – teils komplett neue, teils von den ersten drei EPs kompiliert – eine Magie, die nicht nur auf einer Club-Anlage, sondern auch unter dem Kopfhörer wirkt. In ihrer Klarheit strahlen die Stücke etwas sehr ausgeglichenes aus, eine stete Balance zwischen strenger Geradlinigkeit und vertrauter Wärme. Dadurch klingt Minimal hier nicht so blutleer uninspiriert, wie er in letzter Zeit oft rüber kam. Also: Minimal ist tot. Lang leben Minimal.

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Water Field „Reborn Intellectual“ (Instabil)

Scam Circle heißt die Band von Koji Mizuno, sein Solo-Projekt Water Field ist eine Reminiszenz an Detroit und Elektronik-Pioniere wie Kraftwerk, Aphex Twin und den Japaner Ryuichi Sakamoto.

Für Instabil ist dieses Album durchaus ungewöhnlich. Weit weg von den warmen Dub-Gefilden, in denen sich das Label sonst bewegt. Doch es ist nicht minder bewegend, was Water Field in diesen acht Tracks auffährt. Teilweise ist es solider Neo-Detroit-Sound, wie ihn das Amsterdamer Label Delsin seit über zehn Jahren zelebriert mit ausladenden, schwelgerischen Harmonien.

Doch an vielen Stellen merkt man, dass der Japaner noch weiter zurück möchte. Da strahlt jener Futurismus aus den Sounds heraus, der in der späten Sechzigern und frühen Siebzigern bei den ganzen Krautrock- und Elektronik-Bands so magisch und eigentümlich weltentrückt klingt. Bei Water Field treffen Neo-Detroit und Neo-Futurismus zusammen – ziemlich gut sogar. Da sind ebenso zeitgenössische wie auch nostalgische Sounds zu hören.

Musik, die in den Clubs kaum zu hören sein wird, weil sie nicht funktional und reduziert genug ist, weil die Beats viel zu zurückgesetzt sind. Und trotzdem gehört sie eigentlich auf eine große Anlage oder unter einen guten Kopfhörer.

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Marko Fürstenberg „Blofeld“ (Ornaments)

Und wieder zwei neue Fürstenberg-Tracks. Einerseits gewohnt tief im Dub verwoben, andererseits gerade auf der A-Seite ungewohnt verhalten und leicht düster.

Vielleicht liegt es an den verhallten Stimmen, die in der zweiten Hälfte ab und zu auftauchen. „Tiffany’s Case“ auf der B-Seite ist wieder positiver gestimmt, gemischt mit klassischen Dub-Chords und teilweise futuristischen Harmonien. Insgesamt ist dieser Track auch offensiver auf den Dancefloor ausgelegt. Wie immer toll ist Fürstenbergs Zusammenspiel aus Beats und Basslines, die herrlich lässig und abgefedert sind und dennoch klar nach vorne marschieren. Also, eigentlich kann es gar nicht genug Platten und neue Tracks von ihm geben.

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Sven Tasnadi & Juno6 „Leipzig EP“ (Liebe*Detail Spezial)

Was für ein Name. Als gelte es den zweiten Frühling von Leipzig als House-Standort nochmals manifestieren zu wollen. Das neue Traum-Duo Tasnadi/Schultz kommt hier mit zwei tighten House-Tracks.

Bei „Tranquillo“ auf der A-Seite offenbaren sich mit den Chords deutliche Detroit-Reminizenzen. „Hotel Seeblick“ wiederum atmet eher den Dub-Geist. Nur das Saxophon und die Flöte sind bei beiden Tracks zu viel des Guten. Vielleicht ist es aber auch nur meine grundsätzliche Aversion gegenüber dem Saxophon.

Den heimlichen Höhepunkt markiert aber der Marko Fürstenberg-Remix von „Hotel Seeblick“. Wahrscheinlich einer seiner Remixe überhaupt. Soviel hymnische Euphorie und Eleganz, wunderbar überschäumende Breaks und ein unglaublich treibender Groove. Und alles ganz tief verwurzelt im warmen Dub. Schon erstaunlich, wie es Fürstenberg immer wieder schafft, straight und schwelgerisch zugleich zu sein.

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