The Sonic Boom Foundation „Resistant To Change EP“ (Velocity Sounds Rec.)

Rave-Rock für britische Stadien, dreckige Kellerclubs, Outdoor-Rave-Festivals und Bandwettbewerbe – The Sonic Boom Foundation nehmen alles mit, bleiben aber erstaunlich bodenbeständig. Die neue EP gibt es nur online.

Ehrlich gesagt sind die Vier bisher weitgehend an mir vorbeigegangen, wenn auch mir die rasante Entwicklung nicht entgangen ist. Hinterließ die Vermischung von Rock und Elektronischem bei Think About Mutation teilweise harte Kanten, so scheint bei The Sonic Boom Foundation wirklich eine nahtlose Symbiose zu gelingen.

Die Mischungsverhältnisse variieren jedoch, immer zugunsten von mehr songhaften oder trackhaften Strukturen. „On The Hook“ ist eigentlich ein klassischer Rocksong mit etwas elektronischer Spielerei. „Ignorance To Change“ dagegen ist breakig, ohne Rock-Vocals und einfach mal acht Minuten lang.

Bei „Alien To Me“ und „Resistant To Change“ wird es dann interessant. Denn beide Stücke basieren fast komplett auf einem elektronischen Fundament, sind originär aber Rock-Hymnen. So sehr The Sonic Boom Foundation auf die Pauke hauen, die Auswahl ihrer Sounds – selbst in den Rave-Momenten – zeugt von einem gewissen Stil. Ebenso das Englisch des Sängers.

Die EP gibt es kostenlos bei Velocity Sounds, wer es solidarisch meint, kann sie aber auch bei Amazon & Co kaufen.

The Sonic Boom Foundation-Website
Velocity Sounds-Website

Support your local Filmtheaterclub!

Eine der schönsten Loactions von Leipzig ist in Nöten: Das UT Connewitz benötigt 20.000 EUR, um städtische Auflagen zu erfüllen. Wer etwas übrig hat auf dem Konto und für das UT, kann ab sofort spenden.

Bislang lief der Veranstaltungsbetrieb des UT Connewitz auf Grundlage von Ausnahmegenehmigungen. Nachdem Bauordnungsamt und Brandschutzdirektion Anfang August zum letzten Mal vor Ort waren, wurden neue Auflagen erteilt, die Kosten in Höhe von 20.000 EUR nach sich ziehen. Auf die Schnelle kann das UT Connewitz diese Summe allerdings nicht aufbringen. Daher bittet der tragende Verein um Spenden auf folgendes Konto:

Kontoinhaber: UT Connewitz e.V.
Kontonummer: 1100762694
BLZ: 86055592 (Sparkasse Leipzig)
Verwendungszweck: Spende UT Connewitz e.V., Namen, Anschrift

Alle die mehr als 100 EUR spenden, werden in den „Club der 100“ aufgenommen. Dafür gäbe es dann 2010 freien Eintritt für das komplette Kino-Programm. Auch ein spezieller Club-Abend ist geplant.
Einen Tipp für alle Finanzamt-Cracks: 5 Prozent der jährlichen Einkünfte können abgesetzt werden, u.a. mit einem Spendenbeleg, den das UT Connewitz auch ausstellen würde.

UT Connewitz Website

Hoax „The Destruction of Meaning“ (Instabil)

Ein Brite, der laut den Flyern auf Myspace eigentlich auf Psytrance-Partys auflegt, bringt auf Instabil seine neue EP heraus – mit Electronica-inspirierten Dub-Techno.

Es beginnt mit einem Knistern, ehe sich ganz langsam die Dub-Chords und der Beat reinfaden. Und das Knistern bleibt auch den gesamten ersten Track präsent, obwohl sich immer mehr Ebenen öffnen, und sich Tempo und Lautstärke von ruhig zu straight sowie still und laut verändern.

Es sind vier Tracks, die sich viel Zeit lassen, die scheinbar kein Ende finden würden, wenn es Hoax nicht selbst beeinflussen würde. Interessant ist, wie der Brite mit einem klassischen Dub-Techno-Elementen arbeitet, sie aber immer wieder mit kantiger Electronica und schwärmerischem Ambient durchsetzt.

Bei „Variable 3“ rückt der Dub-Techno gar ganz in den Hintergrund. Toll an dem Stück ist die Entwicklung hin zu einem überaus fröhlichen Sound, voller Farben und eine flächigen Dichte. Demgegenüber wirken die drei anderen Tracks süß-melancholisch. Vielleicht kommt Hoax sein Psytrance-Hintergrund zugute, um so unbeschwert schwelgerisch und doch so verwunschen klingen zu können. Auf jeden Fall eine sehr gute EP.

Instabil Bandcamp
Hoax Myspace

Various Artists „Deepentertained“ (Statik Entertainment)

Nach der eher düster-vernebelten Vinyl-Compilation von Statik ist die Nummer 30 überraschend poppig und unbeschwert. Eine Sommerplatte im besten Sinne könnte man sagen.

Auf der A-Seite tänzelt in dubbiger Deepness und mit abgefederten Beats ein Duplex-Remix von einem Track des niederländischen NuJazz-Duos Delgui. Eine kleine Verbindung nach Leipzig haben die beiden übrigens: 2005 war bereits ein Remix von ihnen auf einer Curl Curl-Platte vertreten. Sie scheinen im eklektischen NuJazz-Sound ziemlich weit vorn zu sein, zumindest lassen das die Tracks auf Myspace erahnen. Der Reshape von Duplex (Foto) ihres Songs „Highlights“ auf Statik ist ein süß-melancholischer House-Pop-Track, ziemlich glatt – in einer angenehmen Weise, wie es Dimension 5 auf Delsin oder auch das Stuttgarter Duo Borneo & Sporenburg beherrschen.

Bernd Maus auf der B-Seite bleibt in einem ähnlichen Bereich. Sein „Tell Me“ ist jedoch mehr House, mit einem warmen Chord, den hellen Strings am Ende und der zurückgesetzten, perkussiven Rhythmik. Sehr klassisch und schnörkellos, vielleicht aber gerade deshalb so pur und schön. Passend eigentlich auch deshalb, weil es ja insgeheim auch eine Jubiläumsplatte ist: die 30. und das mitten im 15. Jahr von Statik Entertainment.

Statik Entertainment Website
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n/a „Whiskey Bar“ (Jahmiga)

Ein neues Sublabel von Jahtahri, und zum Debüt gibt es eine 7″ von einem anonymen Künstler. Poppig ist der Track, mit ungewöhnlichem Soul und einem latenten Techno-Hauch.

Es ist eine klassische Dub-Platte. Vorn die Version mit einem Vocal, hinten dann rein instrumental. „Whiskey Bar“ ist ein richtiger Pop-Song, für Jahtari aber auch ziemlich reduziert. Im Prinzip schlagen in dem Stück zwei Seelen: eben die sehr eingängige Seite mit der gedrosselten Gesangseinlage mit Sixities-Soul-Patina. Andererseits hat das Stück eine unheimlich tighte Bassline, klassische Gitarrenakkord-Echos und ravig aufflackernde Sounds.

Bei der Instrumentalversion „Whiskey Dub“ wirken eben diese Elemente noch präsenter. Die Pop-Note fehlt zwar, aber das macht nichts – obwohl sie auf der A-Seite eine Menge reißt. Stattdessen übernimmt der Bass das Kommando. Wenn man diese Version so hört, dann lassen sich da einige Sounds heraushören, die irgendwie auch in einem Dub-Techno-Kontext passen würden. Nicht direkt, eher im übertragenen Sinne.

Jahtari Website

Gute Nacht!

Das Nachtdigital ist vorbei, und es war erwartungsgemäß schön. Schön auch die Gegend, in der das Festival seit über zehn Jahren eingebettet ist. Und so stehen bei unserem Rückblick mehr die Momente neben dem eigentlichen musikalischen Geschehen im Mittelpunkt.

Die Autos waren bedeckt von einer dünnen Staubschicht. Denn kurz vor Sonnenuntergang fuhren auf den Feldern neben dem Parkplatz noch die großen Mähdrescher ihre Runden. Richtiges Landleben eben.

Moderat waren das Live-Highlight. Schon bei ihrem Auftritt im Conne Island brachte das Zusammenspiel aus dem vielseitigen Set und den unglaublichen Visuals der Berliner Crew Pfadfinderei einige magische Momente hervor.

Bum Bum nicht nur auf dem Nachtdigital. Bum Bum auch auf dem Minigolfplatz in Bucha, ca. sechs Kilometer von Olganitz.

Zwei Turniere mit unentschiedenem Ausgang. Eins zu eins. Der Golfplatz lag direkt an einem kleinen See, der von der benachbarten Bevölkerung gern zur Abkühlung genutzt wurde. Denn es war heiß an diesem Wochenende.

Dörfer und Felder. Wenn der Wind gut stand, waren die Beats schon aus der Ferne zu hören.

Außen eine Mischung aus Western und Rumänien, innen sächsischer Pensionsstandard. Sehr okay, ja eigentlich gediegen für einen Festivalbesuch – mit Bett, Dusche und Frühstück. Mit dem Rad ging es dann durch die Nacht, den Beats entgegen.

Der Dachs ist tot! Auf dem Weg nach Olganitz hatte es ihn hingerafft.

DJ-Highlight neben Move D war DJ Koze, der vom Nachmittag bis Mitternacht spielte. Eine schöne Zeit mit Sonnenuntergang und einer Menge DJ Koze-Coolness.

Der Zeltplatz aus der Ferne.

Eingangsportal zum Kann Records-Floor. Am Sonnabend und Sonntag Nachmittag bespielten die Kann-Jungs zusammen mit Kassem Mosse einen eigenen kleinen Floor direkt am See. Wir haben es leider verpasst.

Dekoration des Kann-Floors.

Ein Spielplatz in der Nähe.

Juno6 „My Name Is Schultz“ (Freude am Tanzen)

Hey Hey, jetzt geht es wohl auch bei Stefan Schultz alias Juno6 los. Auf Freude am Tanzen kommt seine erste wirkliche Solo-EP heraus – abgesehen von den Tracks auf Broque und Liebe*Detail. Und was für eine.

Auf der A-Seite tänzelt sommerlich angeheitert und zugleich höchst eigenwillig „Action 2“. Irgendwie schafft es der Track, Eleganz und Humor zusammenzubringen. Klar, das ist House, aber da schwirren viele Ideen und Sounds nebenbei herum, die mehr als klassisches DJ-Werkzeug sind.

Juno6 ist ein Analog-Nerd, und das hört man seinen Sounds auch an, sie sind unberechenbar und warm im Klang. Noch einen Tick eigenwilliger und fern jeder Funktionalität sind die beiden B-Seiten-Tracks, wobei „Adam And Eve“ ein amtliches Ambient-Stück ist, mit analogem Rauschen, sanft angeschlagenem Schlagzeug und einem leicht utopistisch klingenden Vocal.

„Mamoo“ ist eine Brücke zwischen den beiden Tracks. In der Rhythmik noch im Club, im Herzen aber viel weiter, viel experimenteller und fast schon düster mit seinen runtergepitchten und marschierenden Vocals. Überraschend ist dann die Wendung in der zweiten Hälfte mit einem souligem, leicht entrücktem Piano-Chord. Eine mutige, aber schöne Platte.

Freude am Tanzen Website
Juno6 Website
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Metasound & Lucius14 „Traveloque“ (Break The Surface)

Break The Surface bringt gerade im Monatsrhythmus neue EPs heraus – digital only. Dieses Mal rückt mit Metasound auch der Label-Betreiber Metasound in den Fokus.

Zusammen mit Lucius14 sind vier Tracks entstanden, die – wie der Name es andeutet – eine kleine Weltreise imitiert. Geerdet sind die Tracks mit House, darüber tummelt sich allerdings eine Menge weltmusikalischer Einfluss. Weltmusik trifft es aber auch nicht wirklich.

Die folkloristischen Elemente sind alle nur skizziert, ziemlich gut sogar. So kommt nie ein Weltmusik-Schunkel-Gefühl oder ein wilder Crossover auf. Am deutlichsten und zugleich am besten schafft diesen Spagat „Szechuan Express“ mit seinen indischen Sounds, die im Laufe des Tracks immer mehr Raum einnehmen.

Metasound & Lucius14 schaffen es hier wirklich die Folklore zu integrieren, ohne dass es wie ein Fremdkörper rüberkommt. Mit „Nonnenwiese“ endet die Weltreise sehr entspannt im heimatlichen Grün, ein deeper House-Track aus der Gegenwart.

Break The Surface Website
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Everything Kann

Aus dem Stand mit Bravur gestartet und viel Applaus geerntet – Kann Records ist ein Grund, warum plötzlich wieder auf Leipzig als House-City geschaut wird. Denn solche Liebe zum Detail und so viel unprätentiöses Engagement sieht man gern. Das junge Label im Porträt.

Jan „Map.ache“ Barich, Alexander „Sevensol“ Neuschulz und Dennis „Bender“ Knoof gehören seit etlichen Jahren als DJs, Party-Veranstalter und Plattenverkäufer zu den treibenden Motoren der Leipziger Clubkultur. Alle drei bastelten aber auch schon lange an eigenen Tracks und irgendwann entstand der Wunsch, diese Musik zu veröffentlichen. Die Entscheidung, dafür zusammen ein Label zu gründen, fiel ihnen nicht schwer. „House und Techno sind unser gemeinsamer musikalischer Nenner, dafür können wir uns immer wieder begeistern, und vor allem ziehen wir uns da auch gegenseitig mit“, erklärt Alexander Neuschulz die Basis für ihre Zusammenarbeit.

Obwohl die Idee für Kann Records schon sehr lange stand, betonen die Drei, wie spontan ihre erste Veröffentlichung schließlich realisiert wurde. Ursprünglich wollten sie zuerst einen Vertrieb finden, doch ihre Bewerbungen wurden immer wieder abgelehnt. „Aber wir waren schon so verschossen in die Idee und wollten nicht wieder aufgeben“, erzählt Alexander Neuschulz. Und Dennis Knoof fügt hinzu, dass auch ein reines MP3-Label für sie nie eine Alternative war: „Wir sind Vinyl-Fans.“ Also entschieden sie sich ohne Vertrieb eine erste Platte pressen zu lassen, und zwar eine Doppel-EP-Compilation mit verschiedenen Künstlern und einem breiten musikalischen Spektrum. Ein Wagnis, von dem ihnen viele Bekannte abgeraten hatten. Kurz vor dem Nachtdigital-Festival war „Kann 00“, so die Katalognummer, fertig. Die drei spielten sie bei ihren Auftritten im Bungalowdorf Olganitz und steckten die Platte befreundeten DJs zu. Ermuntert von den positive Reaktionen, fragten sie mit der fertigen Platte in der Hand schließlich erneut bei einem Vertrieb nach und erhielten prompt eine Zusage.

Dass die Labelmacher mit ihren instinktiven Entscheidungen richtig lagen, zeigt das überaus begeisterte Feedback auf ihre erste Veröffentlichung. „Gerade weil wir als DJs selbst wissen, wie viele Platten jede Woche rauskommen, ist es toll, dass unsere Platte jetzt in den Clubs gespielt wird. Das ist ein totaler Antrieb, aber es birgt auch ganz schönen Druck,“ beschreibt Jan Barich die momentane Stimmung. Diesen Herbst noch wird die nächste EP mit Tracks von Sevensol & Bender folgen. Dabei wollen die drei Enthusiasten gemäß dem Motto „Everything Kann“ weiterhin ästhetisch offen bleiben. Und so erklärt auch Jan Barich den Label-Anspruch: „Es ist schon Clubmusik, aber die Funktionalität soll nicht so eine große Rolle spielen, sondern eher die Individualität der einzelnen Künstler.“
(Erstveröffentlichung im Kreuzer 1008)

Kann Records Website
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Okoli „Moving On Bla“ (Break The Surface)

Nach Arsen1Computerklub ein weiterer Berlin-Import bei Break The Surface. Axel Thoma alias Okoli bewegt sich ziemlich genau an der Grenze zwischen Minimal und House.

Auf der einen Seite sind die Stücke auf dieser EP sehr trackig, lassen immer wieder neue Sounds entdecken. Andererseits ist ihr Fundament sehr deep mit warmen Basslines. Das geht sehr gut auf, zumal die vier Tracks allesamt einen sehr dezenten Rave-Appeal entfalten.

Toll ist auch, dass eine Menge ungewöhnlich geformter Sounds den Tracks eine prägnante Note verleihen – bei „Moving On Bla“ beispielsweise ein komisch verzerrter Chord. Überhaupt stimmt auch die Verbindung von sehr digitalen und eher organischen Klängen. Vielleicht liegt da diese gelungene Vermischung von Minimal und House begründet.

Auch bei „Bebivita“ fällt dies auf: ein kurz angespieltes Saxophon steht neben teils dissonant aufflackernden, teils sehr kristallin-melodiösen Sounds. Vier Tracks mit viel Perfektion.

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Ungeschliffen und ehrlich

Kassem Mosse ist ein toller Name. Er klingt so ungewöhnlich und vertraut zugleich. Wie seine Tracks, die durch und durch vom Charme analoger Klangerzeuger geprägt sind – egal ob Techno oder Ambient, live oder auf Vinyl.

Der Name taucht schon seit einigen Jahren in Leipzig auf: Kassem Mosse. Als Live-Act und DJ war er des Öfteren zu erleben. Doch so richtig einzuprägen scheint er sich erst jetzt. Denn 2007 war ein Kassem Mosse-Jahr, keine Frage. Wahrscheinlich möchte Gunnar Wendel, der Kopf dahinter, solch einen Satz aber gar nicht hören. Zu bescheiden geht er auf Fragen zu seiner eigenen Musik ein.

Dennoch: im letzten Jahr veröffentlichte er seine zwei ersten Vinyl-EPs, die beide von diversen Szene-Medien sehr wohlwollend aufgenommen wurden – zuletzt belegte Kassem Mosse den ersten Platz der Redaktions-Charts des Berliner Magazins De:Bug. Und das völlig zurecht. Gunnar Wendel bremst die Euphorie: „Das ist immer noch eine Nische.“

Nichtsdestotrotz bringt er als Kassem Mosse einen Techno-Sound hervor, der sich gekonnt aus allen aktuellen Clubfunktionalitäten heraushält, ohne sich deren Grundprinzipien komplett zu verweigern. Etwas Oldschool und ungeschliffen, aber überaus ehrlich wirken die Tracks seiner beiden EPs. In ihrer schwelgerischen, leicht Welt entrückten und futuristischen Art erinnern die Kassem Mosse-Platten an das Techno-Verständnis von Producern aus dem Umfeld des Labelverbundes R.A.N.D. Muzik.

Die klangliche Verbindung kommt nicht von ungefähr. Seit 1996 produziert Gunnar Wendel eigene Techno- und Ambient-Tracks, die R.A.N.D.-Crew kennt er seit 2000. Seine zweite EP erschien schließlich Ende September 2007 auf dem Label Workshop, das Jens Kuhn alias Lowtec als Nachfolger der ehemals vier R.A.N.D.-Labels vom thüringischen Schmalkalden aus betreibt. Nicht weniger prägend für den Stil von Kassem Mosse dürfte auch dessen Equipment sein. Größtenteils entstehen seine Tracks mit Drum Machines, Synthesizern und anderen Klangerzeugern, „Hauptsache alt und idealerweise billig“, betont Wendel.

Der 30-Jährige Freiberufler war lange Zeit bei der Homo Elektrik-Crew aktiv und gründete neben anderen Mitstreitern das daraus hervorgegangene Label Mikrodisko. Sich als Musiker ins Rampenlicht zu drängeln, liegt ihm fern – nicht einmal klassische Pressebilder von ihm gibt es. Plattenveröffentlichungen und Auftritte ergeben sich, oder sie ergeben sich eben nicht.
„Wenn es Anfragen gibt, lehne ich die nicht ab. Aber ich bemühe mich auch nicht darum. Es ist für mich generell angenehmer nicht von Musik leben zu müssen“, beschreibt Wendel sein Leben als Kassem Mosse.

Musikmachen als nur eine vielen Tätigkeiten in der Hobby-Liste? Keineswegs: „Es ist Teil meines Lebens. Es gehört einfach dazu, ich mache Musik und Tapes seit meiner Kindheit“, meint Wendel dazu. In gewisser Art lebt in dieser Herangehensweise die Underground-Attitüde wieder auf. Musik steht groß im Fokus, doch einen Karriere-Plan gibt es nicht. Möglicherweise sind gerade solche Stücke anziehender, weil sie ohne den Druck des Musikmarktes entstehen und dementsprechend unbeschwerter und unverkrampfter ausfallen.

Kassem Mosse Facebook
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Santos „Hold Home“ (Moon Harbour Recordings)

Und der Loop, er läuft und läuft und läuft. Elf Minuten lang. Er läuft direkt in Richtung Ibiza. Dort dürfte die reduzierte House-Schickeria von Santos gut funktionieren.

Überhaupt ist funktionieren hier das richtige Wort. „Hold Home“ ist ein reines DJ-Tool, perfekt um den Peak einen weiteren Moment oben zu halten. Soviel balearische Leichtigkeit kann auch nur von einem Südländer kommen. Zu Santos ließe sich eine lange Geschichte erzählen, seine Biografie ist gespickt mit vielen glamourösen Momenten. Seine Diskografie dokumentiert dies ebenso. Aber das macht den Track leider nicht charaktervoller. Er bleibt ein nacktes DJ-Tool. Dabei ist der Loop an sich durchaus tight. Das Vocal-Sample nervt jedoch schnell.

Die Platte retten schließlich Luna City Express mit ihrem ureigenen Funk zwischen jedem Ton, den sie setzen. Aus den Einzelteilen des Loops haben sie ihren eigenen Track gebastelt, der nicht weniger für den Sommer im Freien taugt. Er geht jedoch mehr in die Breite mit seinen Sounds und Arrangements. Also, doch keine verschenkte Platte.

Was rede ich: die DJs lieben diese Platte.

Moon Harbour Website
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