Aus der Szene für die Szene: KeinFestival geht in die zweite Runde

Am 12. Juli 2025 geht das KeinFestival in die zweite Runde, erneut in den Pittlerwerken im Leipziger Norden und erneut unter dem Leitspruch „Aus der Szene für die Szene“. Gemeinsam mit der Crew werfen wir einen Blick hinter die Kulissen.

Wenn bis in die frühen Morgenstunden der Bass den Rhythmus der Menge bestimmt, sich Menschen zwischen Häkeln, Hakken oder Bier-Yoga begegnen und all das im Charme alter Backsteinbauten – dann ist in Leipzig wieder KeinFestival. Was als kleiner Rave im Wald losging, hat sich über einige Jahre und Veranstaltungen zu einem Festival entwickelt, welches es in sich hat: Vier Floors, über 40 Acts, eine Chillout-Area und ein Programm, das weit über Musik hinausgeht.

Am 12. Juli 2025 geht das KeinFestival in die zweite Runde, erneut in den Pittlerwerken im Leipziger Norden und erneut unter dem Leitspruch „Aus der Szene für die Szene“. Ich hatte die Möglichkeit, dem KeinKollektiv ein paar Fragen zu stellen und tiefere Einblicke in deren Arbeit, Geschichte, Wünsche, aber auch Ängste und Sorgen zu erhalten.

„Kein Kollektiv, nur ein Freundeskreis“

Alles begann mit einem Freundeskreis. Menschen, die Freude daran hatten aufzulegen und eigentlich nur einen kleinen Rave veranstalten wollten, um die neu erlangten Fähigkeiten im geschützten Rahmen auszuprobieren. Sie selbst sagen: „Was als privates Get-Together geplant war, wurde schnell größer als erwartet – und auch das Feedback war überwältigend positiv.“ Auf die mehrfach gestellte Frage, wie das organisierende Kollektiv denn heiße, antworteten sie: „Wir sind kein Kollektiv, nur ein Freundeskreis.“ Und so entstand, fast schon aus Versehen, der künftige Name der sich bald gründenden Gruppe: KeinKollektiv.

In den folgenden Jahren veranstalteten sie mehrere Veranstaltungen, wuchsen und merkten mehr und mehr, dass das gesamte Projekt immer größer und auch zeitaufwändiger wurde. Aus diesem Grund entschied sich das Kollektiv 2023, das Projekt für neue Menschen und neue Ideen zu öffnen. Heute ist KeinKollektiv ein fester Bestandteil der Leipziger Technolandschaft. Rund 30 Mitglieder organisieren sich in selbstverwalteten Arbeitsgruppen – von Booking bis Awareness – und stemmen alles ehrenamtlich.

Auch die Idee, ein eigenes Festival auf die Beine zu stellen, gab es eigentlich von Anfang an. Die erste Umsetzung im letzten Jahr, war dann allerdings, laut des Kollektivs, doch eher ein Zufall: „Ursprünglich sollte unsere Veranstaltung in den Pittlerwerken nur eine normale Clubnacht werden. In Gesprächen mit dessen Team und in Kombination mit dem Charme der Location hat sich dann aber immer mehr die Möglichkeit eines eigenen Festivals konkretisiert.“ Und so ging es auch schon in die erste Runde. Das Kollektiv selbst beschreibt die Atmosphäre auf dem Festival als „ungezwungen und familiär, offen und ausgelassen – losgelöst von alltäglichen Problemen.“ Und auch die Resonanz der befragten Festivalbesucher:innen war ein einziges „Wow“ –  wow, was dieses Kollektiv alles auf die Beine gestellt hat und wow, wie schön es sich angefühlt hat, da zu sein.

Ehrenamtlich und mit Risiko

Doch was macht das KeinFestival eigentlich aus? Neben Musik gibt es spannende Workshops, Performances eine Tattoo-Area und dieses Jahr erstmals einen Marktplatz mit Food-Trucks und kleinen Ständen. Das Besondere: Das Rahmenprogramm hat fast denselben Stellenwert, wie das Techno-Line-up selbst. Und alles unter dem Motto „Aus der Szene für die Szene“. Für das Kollektiv bedeutet dieser Leitsatz in erster Linie, dass das Festival von Menschen organisiert wird, die selbst tief in der Techno-Szene verwurzelt sind. Es gibt keinen großen Konzern, keine Agentur dahinter, sondern nur Menschen, die selbst auf Raves „groß geworden“ sind und die Techno-Szene aktiv mitgestalten. Auch das Line-Up spiegelt das wider: „Unser Fokus liegt vorrangig auf regionalen DJs, Performer:innen und Workshops. Und wenn wir überregionale Acts buchen, dann meist, weil sie über Ecken Bezug zur Leipziger Szene haben oder weil über Freunde und Bekannte der Kontakt hergestellt wurde.“ Das ist also der Part „Aus der Szene“. Und „Für die Szene“? Das ist quasi eine Hommage an die Leipziger Technokultur. Das Kollektiv meint dazu: „Wir wollen etwas zurückgeben. Ohne die Leipziger Techno-Szene würde es auch das KeinKollektiv nicht geben. Wir sind sehr dankbar, dass unsere Veranstaltungen so gut angenommen werden und deshalb wollten wir einen Ort bzw. Anlass schaffen, wo die Leipziger Techno-Szene zusammenkommen und sich vernetzen kann.“

Doch trotz aller Euphorie bleibt auch dieses Festival nicht ohne Herausforderungen. Das Kollektiv spricht offen über finanzielle Risiken und ihre Unsicherheiten. Sie selbst sagen: „Das finanzielle Risiko ist eigentlich immer unsere größte Sorge, besonders in Bezug auf das Festival. Es können immer unerwartete Kosten auf uns zukommen oder der Ticketverkauf nicht wie erwartet laufen.“ Auch bei vorherigen Veranstaltungen sind sie mehr als nur einmal mit Minus in der Tasche nach Hause gegangen. Als nicht-kommerzielles Festival kommen alle Einnahmen durch den Ticketverkauf. Sie planen das Budget so, dass sie mit plus/minus Null aus der Veranstaltung gehen. Sollte mehr Geld eingenommen werden, fließt dieses in die nächsten Veranstaltungen oder Equipment.

Offen für Austausch und Vernetzung

Eine weitere Hürde: das Clubsterben. Viele Kollektive sind auf Kulturräume angewiesen, um Veranstaltungen zu organisieren. So auch das KeinKollektiv. Um auf das Thema allgemein, aber auch die Gründe und Ursachen aufmerksam zu machen, organsierten sie im März 2025 eine Podiumsdiskussion zum Thema „Leipziger Clubkultur“. Sie selbst sagen dazu: „Klar kann man mit so einer Veranstaltung die Probleme nicht aus dem Weg schaffen, aber man kann dafür sorgen, dass verschiedene Perspektiven an einem Tisch zusammenkommen, gemeinsame Baustellen identifiziert werden und vielleicht auch Aspekte hervorbringen, die bis dato noch nicht so viel in die Diskussion eingeflossen sind.“

Das Kollektiv wünscht sich, dass das Festival fortwährenden Bestand hat, jedoch nicht um jeden Preis. Nach dem Erfolg des ersten Festivals, wollen sie den Besucher:innen dieses Jahr zwar nochmals mehr bieten: mehr Bühnen, mehr musikalische Abwechslung, mehr Acts, mehr Workshops, mehr Angebot. Doch dabei geraten sie finanziell, aber auch kapazitiv an ihre Grenzen. Sie sagen: „Um das Projekt weiterhin aus Überzeugung und mit Spaß weiterzuführen, sehen wir aktuell erstmal kein weiteres Wachstum.“ Und so widersetzen sie sich auch hier dem kommerziellen und kapitalistischen Druck. Es muss nicht immer alles größer werden, um gut zu sein. Viel wichtiger sind die Qualität und das Gefühl, an einem freien und sicheren Ort zu sein.

Das KeinFestival ist also viel mehr als nur ein Festival. Es steht für Diversität, Achtsamkeit, Solidarität und der Überzeugung, dass Kultur nicht nur von großen Namen lebt, sondern vom Engagement vieler. Wer sich am 12. Juli tanzend durch die Pittlerwerke bewegt, kann erfahren was es heißt, eine Alternative zu leben: tanzend, bastelnd, hakkend, mit neuem Tattoo, gutem Essen und ganz viel Bass.

Alle Hardfacts auf einen Blick

KeinFestival // 12. Juli 2025 // 14:00 – 08:00 Uhr // Pittlerwerke

Live-Sets:
Hotbass Mob, Itsadisata x Shallat x Sir Mantis x NoProTekt, Left Clueless, Liebestrunken, Malina

DJ-Sets:
Abyssus b2b Fränk, Anka, Cargo b2b DiscoDaisy, Casimir von Oettingen, CNuts, Disco Amore, DJ SeXex b2b DJ Würlpool, HΛllvk, Hyperplexion, Josephine Wedekind, Kacy, KΣNΘ, Kø:lab, Latchey Kid, La Vie En Glass (Laviena b2b Glassbass), Maria Die Ruhe, Nachtigall b2b KunstTechnologe, Nemoa, Ostreaktor, Phoebe, Pierre Arndt, Reza, Rottnmeier, Slany, Suprema Luna, Takt & Taumel, Tomashkin, Vluna, X-Delight, Yantshi

+ Kreative Workshops, artistische Performances, eine Tattoo-Corner und Chillout Area

Tickets Tickets

Alle Bilder: KeinKollektiv

KW 25 – Samstag

Früh ausgehen und draußen feiern – das geht heute an diesem KW 25-Samstag und zur Fête de la Musique sehr gut. Plus zu Trance abgehen.

frohfroh-Tagestipp //

ASMR // Axxon N. // 23:00 – 07:00 Uhr
w/ Philippa Pacho, Agy3na, Carlotta Jacobi, Drunkenstein b2b Sarah, Pierre Arndt, Prince of Paranoia

Und nochmals ein Tagestipp mit dem Axxon N. an diesem Wochenende – aber bei diesem guten Line-up geht es nicht anders. Denn Philippa Pacho aus Berlin und Leipzigs Carlotta Jacobi liefern hier einen sehr elegant-cleanen und treibenden Techno ab. Dazu cosmic-uplifting und positiv aufgeladenen House von Agy3na und Drunkenstein.


Außerdem heute //

Polyphon3 Open Air / Friedenspark, 14:00 – 22:00 Uhr – Guter Day-Rave mit Techno und House von Teemo, Tevital, Bottistelli, Junction, Mononom, KuDJa

Resonant x Leider9 x Open Air / Neue Messe, 13:00 – 06:00 Uhr – Etwas mehr Big-Room-Techno draußen? Dann ist die Neue Messe besser. Hier geht es sogar die ganze Nacht durch mit DJ Cedric, DJ Stimula, Fennek, Langnikel, Lukov, Midea, Moto Moto, Roeni, Tante E, Toni Button

My Grooves x Le Cygne pres Fête De La Musique / Connewitz, 16:00 – 24:00 Uhr – Ein Classic zur Fête De La Musique: Die My-Grooves-Crew lädt zur wilden Block-Party auf die Heinze-Straße. Dieses Jahr mir LetKidBe, Dardara, Traxx Jr, F.D.M, Ramin

Jetset / xxx, 23:00 – 09:00 Uhr – Die Jetset-Reise geht dieses Mal tief ins Off, rein geht es nur über Liste und via Telegram-Einladungslink. Wer drin ist, darf sich auf treibend-pushenden Techno von Catjes, Lutecia.h, Muraks, Tsorn, Templeton und Void 6 1 freuen

Bermuda Blocparty / Bermuda Dreieck, 10:00 – 22:00+ Uhr – Auch im Westen gibt es heute zur Fête de la Musique einen ordentlichen Block-Day-Rave. Mit dabei Naroma, Nici Palm, Schlepp Geist, Often Vague, J.Nuggetz und Lauter Unfuch

Instore Session / Sleeve++, 14:00 – 21:00 Uhr – Proper Pull veröffentlicht seine erste Artist-EP. Wir sind schon sehr hyped – demnächst mehr zur neuen Esgeem-EP bei uns. Zur Record-Release-Party gibt es heute Sets von Alba Acab, Ch4r20tte b2b Yung Jacob, Discobabe2 b2b GlutenfreeGirlz, Esgeem, Kontinuum, Uusoca

Looong Saturday / Inch by Inch, 11:00 – 20:00 Uhr – Auch im Westen gibt es heute eine Record-Instore-Session mit housy Grooves von Yugo, Leroy und Optyi

Small Great Things Label Showcase / Duqo, 12:00 – 22:00 Uhr – Auch im Duqo gibt es heute einen Open-Air-Day-Rave, hier mit dem Berliner Disco- und House-Label. Mit dabei Sam Paradise, Siggatunez, Luca Olivotto, Eva Crystaltips, Nephews, Quadrakey, Seemless

Trance Island / Conne Island, 16:00 – 06:00 Uhr – Volle Trance-Abfahrt im Island, es dürfte wohl wieder eng werden mit Monsoon Traxx, Cargo, Jacky Ickx, Carotin, Eloisa, S-ray, :Mumm, Sacid, Bephål, DJ Ferrari, Cheetah, DJ Softice, DJ Twerking Class, Lena xx

Resonance by Tax Fraud / Neue Welle, 23:00 – 07:00 Uhr – Noch eine Trance- und Bounce-Abfahrt, hier aber in kleinerem Rahmen mit Tax-Fraud-Vibes von RichieRollin, DJ Kammerflimmern, DJ Icetab, Land Graf und CallMe Lassi

Monkeycircus / Elipamanoke, 23:59 – 09:00 Uhr – Big-Room-Techno und Tech-House-Zirkus mit Maurice Mino, Randali, Blank Vision, Silvi Knallt, Emel White, M4schino, IsoSportler, Proma.Mc, Minthrill

Housemusic.w / Aufgelauscht / Absturz, 23:30 – 05:30 Uhr – Noch mehr House und Electro gibt es auch auf der Feinkost mit Herman Her, Dan Is, Nok!a

KW 25 – Sonntag

Hier sind noch drei interessantes House-Dates für diesen Sonntag.

frohfroh-Tagestipp //

Groovers // SKM Galerie // 14:00 – 22:00 Uhr
w/ Daisy Weweh, Jean Mauj, Reese, Lars Fester

Nach dem Showcase im Duqo neulich, wechselt die Groovers-Crew dieses Mal in den Westen in eine noch nicht groß bespielte Locaction auf der Rückseite des Westwerks für einen Day-Rave. Musikalisch bleibt sich die Reihe treu: deepen, uplifting und bouncy Classic House. Dieses Mal mit der spannenden Ukraine-Gästin Daisy Weweh.


Außerdem heute:

It’s all about House Open Air / Duqo, 14:00 – 22:00 Uhr – Die Cremant Ultras lassen heute die Korken im Duqo-Garten knallen – mit deep-discoidem House von Zischko b2b Zacharias, Filburt, Luvless und Padsingers

Sunday Session Afterhour / Nachtcafé Bar, 06:00 – 14:00 Uhr – Interessant interessant: Das Nachtcafé öffnet Sonntagfrüh zur Afterhour mit einem überraschend guten House-Line-up. Mit dabei sind Napoleon Dynamite, Maradoca, Mp.ulle, Mario Wiedemann, Alldaynightshift

KW 25 – Freitag

Neue Woche, neue Raves – das geht heute am KW 25-Freitag.

frohfroh-Tagestipp //

Bash // Axxon N. // 18:00 – 06:00 Uhr
w/ Kichererbsenstampf, Genelle, Itsadisasta, Clju_2k, Makahaun, Mama Lior, Am3li3, Anka, Red Portraits, Leni Lazer – Performance by Malixious 

fem*vak hostet seinen ersten Rave im Axxon N. Ab 18 Uhr öffnet der Outdoorbereich und lädt zum lässigen Community-Hangout und einem Newcomer:innen-Showcase mit Red Portraits und Leni Lazer ein. Später geht es rein zu einem exzessiven Mix aus Trance, Hardstyle und Happy Hardcore auf dem kleinen Floor und House, Leftfield Techno und Hardgroove auf dem Mainfloor. Zwischendurch performt Malixious mit Luftseide.


Außerdem heute //

How Deep Is Your Rave / Kulturlounge, 22:00 – 07:00 Uhr – Neue Ausgabe dieser kleinen Reihe für Mit Synth-Pop-Live-Act Sorian Filbereisen sowie House und Techno von Lausbø b2b Kya Debrah, Maria, LD6

KeinKollektiv / Elipamanoke, 23:00 – 08:00 Uhr – Das KeinKollektiv entert mal wieder das Eli für ein Anti-Big-Festival-Programm zu günstigen Konditionen und viel Trance, Bounce und Techno von DJ Würlpool, DJ Skonti, Timstagram, Polly Saint Cado, Ilovedaddyz, Ninette, KΣNΘ, ooo_inreesa, Tomashkin

N8chtschicht / Absturz, 23:30 – 06:00 Uhr – Neue Nachtschicht mit Techno und Trance von Attila, Tinou, FeFiuz und DBT

Sen∼sato presents: House of Kaliente / Garage Ost, 18:00 – 02:00 Uhr – Spannend uplifting House mit Nair aus Brasilien sowie Heckintosh, X-Delight und Azulado

Butschi „Clouds Over My Mind“ – ein Pro und Contra

Vor einigen Wochen erschien das Debütalbum des Leipziger Trance-Acts Butschi. In unserer New-In-Redaktion gibt es dazu durchaus unterschiedliche Meinungen, die wir hier gern mit euch teilen.

„Clouds Over My Mind“ heißt das erste Album von Butschi, ein kompaktes Acht-Track-Album, das laut Presse-Info den „alten“ und „neuen“ Butschi vereint – also nicht nur softe Leichtgängigkeit, sondern auch eine gewisse Melancholie. In unserer aktuellen Ausgabe vom New In Radio haben wir bereits etwas ausführlicher über das Album und Trance im Allgemeinen gesprochen. Das war so spannend, dass wir die Review zum Album auch zweiteilen – in ein Pro und Contra. Zur Einstimmung könnt ihr hier in das Album selbst reinhören.

Was denkt ihr zum Album? Sagt es uns gern!

David meint: Butschi schafft es, mit Emo und Trance zwei adoleszente Erfahrungswelten zu harmonisieren

Eigentlich sollten doch alle happy sein. Nach langen Jahren in der seltsamen Schattenwelt elektronischer Tanzmusik, fernab der zeitgeistigen Diskurse und des kritischen Erfolges, entdeckt eine Generation junger Produzent:innen Trance wieder. Nach der (pop-, sub- und überhaupt) kulturellen Zäsur der Covid-19-Pandemie wirkt das eigentlich folgerichtig; es geht um Hedonie in post-epidemischen Zeiten, um ein einfache, demokratisierte Teilhabe am subkulturellen Leben; einem nur allzu nachvollziehbaren Bedürfnis der Generation, deren subkulturelle Erfahrungswelt zu einem kritischen Zeitpunkt für gar nicht so kurze Zeit komplett auf Eis gelegt wurde.

Und ist es nicht Geschichte, die sich hier wiederholt? In seiner ersten Blüte in den frühen Neunzigern war Trance, gedacht hier sowohl als Musik, aber auch als Set kultureller Praktiken, die hier jetzt einfachmal als Szene zusammengefasst werden, ja vor allem in erster Linie Euphorie. 25 Stunden im Ufo in Frankfurt durchfeiern, einfach um den extremsten denkbaren Gegensatz zu setzen. Kein Gedanke an morgen, den Moment noch chemisch verstärken, eine Art ekstatisch gelebtes Carpe Diem. Kann man es also der post-pandemischen Generation verübeln, genau diese Hebel wieder aufleben zu lassen?

Und so leid es mir tut, aber ich denke an diesem Punkt müssen wir einmal über Gatekeeping reden; ich befürchte, es tut sich hier ein Generationengraben auf, an dem wir einmal genauer hinschauen sollten. Trance der frühen Neunziger wurde zum Teil ja von Personen mitgeprägt, deren Impact aber mal ganz weit über Marathon-Raves hinausging. Visionen von Clubkultur, Weiblichkeit im Produzent:innentum, politische Äußerungsformen und die Auflösung diverser Widerstände – all das findet man im Trance-Zeitgeist der 1990er Jahre wieder, und vieles davon kennen wir heute nicht als bloße Nachwirkungen, sondern als Manifestationen. Oder anders gesagt: Viele Errungenschaften dieser Zeit erscheinen uns heute selbstverständlich. Man darf nicht vergessen: Die Love Parade in Berlin war 1996 das erste Thema in der Tagesschau; ein Massenphänomen vor dem Internet. Da waren die Protagonisten der derzeitigen Trance-Renaissance größtenteils nicht mal geboren.

Aber, und das ist vielleicht das Entscheidende: Wir müssen uns von dem Gedanken lösen, dass Protagonist:innen wie Butschi ein Interesse daran haben, diese Geschichte fortzuschreiben. Man hört es seinen Tracks an – Butschi bringt eine sehr eigene, sehr genuine, und – ich gebe zu, ich hasse, dass ich das so schreibe aus verschiedenen Gründen – eine frische, weil junge Perspektive in seine Musik. Klar dienen tendenziell klassische Trance-Muster mit 140 bpm aufwärts hier als Canvas, aber mit einer Nonchalance, die sich halt wirklich in erster Linie mit jugendlicher Unbekümmertheit erklären lässt, legt er eine Melancholie in seine Spielart von Trance, die fast schon so eine kitschige romantische Energie erzeugt, wie sie emotional agitierten Stürmer:innen und Dränger:innen zusteht. Oder anders formuliert: Irgendwie hat er einen Weg gefunden, mit Emo und Trance zwei adoleszente Erfahrungswelten zu harmonisieren. Und, auch nicht zu verachten: Als Produzent gelingen ihm eben auch die selbstbewussten Big-Room-Momente; die große Geste sitzt.

Damit fordert er Genre-Konventionen heraus, aber aus dieser Herausforderung entsteht auch einfach mehr Reiz und Reibung als um technisch perfektionierte Epigonen.

Im Grunde wiederholt sich hier ja nur ein uraltes Muster subkultureller Transfomation: die derzeit lauteste Generation krallt sich etwas, was ihr nicht gehört; und fügt ihre eigene Dimension hinzu. Findet nicht jede:r toll, aber das wiederum darf (!) unsere jungen Visionär:innen gar nicht interessieren. Und ich bin zuversichtlich, dass es das auch nicht tut. Die Debatte per se gab es ja schon viele Male und die Positionen sind so klar verteilt, wie sie auch asymmetrisch sind: die Zeitzeug:innen beklagen Verrat und Verruf, die aktuellen Protagonist:innen finden das bestenfalls unterhaltsam und sorgen sich ansonsten nicht weiter drum – und haben doch noch immer gut daran getan.

Bedeutet das, dass mich die Musik von Butschi abholt? Nicht komplett. Ich finde Passagen auf der Platte, die mir gut gefallen, anderes lässt mich kalt. Den subkulturellen Moment finde ich aber in der Tat unfassbar spannend, weil solche Augenblicke immer auch Ausdruck eines Aufbegehrens gegen etablierte Konventionen sind.

Nils meint: „Clouds Over My Mind“ ist zu gleichförmig und durchstrukturiert

Trance was my first love. Und wie das mit der ersten Liebe so ist, lässt sie einen nie richtig los. Man denkt (hoffentlich) gern daran zurück und sie ist auch etwas wie eine Richtschnur für zukünftige Lieben.

Mitte der 1990er waren Techno, House und Trance im Mainstream angekommen und zwischen den Musikvideos auf Viva und anderen Musiksendern lief Werbung für diverse Compilations eben dieser Genres. Nach ersten Anbandelungen mit Hardcore-Techno und Gabber sowie den dazu passenden Thunderdome-Compilations merkte ich schnell, dass es vor allem die melodiöseren und flächigeren Parts in den Tracks waren, die mir gefielen – und somit war der Weg zu meiner ersten Trance-Compilation nicht weit.

Lese ich mir heute die Tracklist von „Trance Nation 95“ durch, muss ich sagen, dass sich zahlreiche Tracks auf der Zusammenstellung finden, die heute als Klassiker des Genres gelten. Stücke von Emmanuel Top, Resistance D, Sunbeam oder Lazonby sind (in meinen Ohren) sehr gut gealtert und haben den Weg bereitet für meine Liebe zu elektronischer Musik im Allgemeinen, aber eben auch für einen nicht enden wollenden Hang zu „tranciger“ Musik. In den letzten Jahren ist mein Interesse an dem Genre, vor allem aber an Produktionen aus den 1990ern auf Labels wie Eye Q, Superstition und Le Petit Prince wieder entflammt.

Mit Wohlwollen beobachte ich zudem eine fast schon seit Jahren andauernde Rückbesinnung auf die goldenen Jahre des Genres in Produktionen von DJ Metatron bis Nthng. Teilweise finden sich in den Titeln sogar direkte Bezüge zur Trance-Musik der 1990er Jahre (man nehme zum Beispiel DJ Metatrons „Oh Ah“ in dem fast schon skrupellos DJ Dave Davis‘ „Transfiguration“ gesampelt wird, ein Hardtrance-Klassiker auf dem Label Bonzai).

Nicht nur im sogenannten Underground ist Trance wieder ein Thema. Nein, auch im Mainstream scheint es angekommen. Aber ich lasse mich zu der These hinreissen: Trance ist nicht gleich Trance. Ich finde es nur logisch zu behaupten, dass es zum einen (wie in jedem anderen Genre auch) qualitative Unterschiede gibt und zum anderen sollen und wollen unterschiedliche Tracks auch ein unterschiedliches Publikum erreichen. Oft hört man, Trance polarisiere, an dieser Musik scheiden sich die Geister, Trance sei was für junge Leute. Und ich finde dabei sollte immer die Frage gestellt werden, über welche Art von Trance reden wir gerade? Trance muss nicht zwangsläufig einfältig oder einfach sein, Trance kann durchaus Tiefe haben und einen berühren.

Und um diesen riesigen Bogen endlich zur Rezension zu Butschis „Clouds Over My Mind“ zu schlagen, steigen wir direkt mal mit dem Informationstext zu seinem Debüt-Album ein. Ein Album mit acht Tracks, das sich programmatisch in zwei Teile teilt. Zwei Schalplatten, die den Sound des „alten“ und des „neuen“ Butschis repräsentieren sollen. Die Party und das Feiern stehen der mentalen Ausgelaugtheit und den Erschöpfungszuständen gegenüber. Ich muss zugeben, dass ich den alten Butschi bislang noch nicht kannte, aber ein Blick auf Soundcloud verrät mir, dass Butschi mit Edits bekannter Popsongs („Empire State Of Mine“, „Video Games“ usw.) und eigenen Pop-Trance-Tracks, die wahnsinnig viele Klicks generieren konnten, seine Fanbase zu haben scheint.

Das spaßige und verführerische an Edits bekannter Popsongs leuchet mir völlig ein. Du bist auf einer Party und auf einmal kommt eine Hook, die man aus einem anderen Kontext kennt und man kann zu dem Track im neuen Gewand weiter feiern. Ich persönlich finde solche Edits oder ravige Versionen poppiger Lieder oder Schlager furchtbar und fühle mich schnell an die Kehrseite der Rave-Revolution Mitte der 1990er erinnert, als „Somerwhere Over The Rainbow“ oder Blümchen die Charts und auch teilweise die Raves dominierten. Und das sind noch die erträglichen Beispiele aus dieser Era. Der „alte“ Butschi ist nicht für mich und ich ertrage diese Art von Musik ca. zehn Sekunden.

Wenden wir uns der aktuellen Platte zu und hören diese völlig unvoreingenommen von vorne bis hinten durch. Sie soll für einen neuen und melancholischeren Sound stehen. Und das tut sie tatsächlich. Ich habe mir das Album zweimal von vorne bis hinten durchgehört und musste nicht abbrechen auf dem Weg. Ich finde die Titel beim ersten Hören erstaunlich unepisch für Trance. Im Pressetext werden Referenzen wie das Label Eye Q angeführt, was von Anfang bis Mitte der 1990er Jahre den Sound aus Deutschland prägte und auf dem zahlreiche, sehr deepe Trance-Klassiker erschienen sind.

Die Produktionen von Butschi erinnern mich tatsächlich eher an den Sound der späten 1990er und der 2000er Jahre, als beispielsweise Artists wie Kai Tracid, Talla 2XLC, Paul van Dyk und Future Breeze die Szene dominierten. Es fehlt mir trotz der technisch guten Produktion an Tiefe und auch an einem Sound, den man als Markenzeichen des Produzenten ausmachen könnte.

Viele Titel klingen sehr ähnlich. Die Beats muten generisch an, alles scheint in der gleichen Geschwindigkeit zu laufen und wirklich jeder Track hat die Offbeat-Bassline auf zwei bis drei Tönen.

Tiefe entsteht für mich nicht durch ein Female-Voice-Sample oder zwei Orgel-Akkorde in Moll. Die Tracks sind allesamt sehr gleichförmig und durchstrukturiert. Jeder Sound ist glasklar hörbar. Es gibt keinen Dreck. Das deutet einerseits auf gutes tontechnisches Verständnis des Produzenten hin, andererseits fehlt mir bei den Titeln das gewisse Etwas. Die Merkmale und die Sounds von Trance sind da, aber wie ich bereits versuchte deutlich zu machen: Trance ist nicht gleich Trance!

Trotz allem möchte ich festhalten, dass die Platte in eine deutlich angenehmere Richtung geht als vorherige Produktionen des Künstlers. Ich supporte es zudem zu 100 Prozent, dass sich eine neue Generation an DJs und Produzent:innen aufmacht, diese Genre für sich neu zu entdecken und zu erkunden. Dieses Album ist für mich eine Platte eines Produzenten, der zwar einen neuen Weg geht, aber bis die Tracks an die im Infotext erwähnten Referenzen wie Eye Q heranreichen, wird es wohl noch eine Weile dauern.

KW 24 – Freitag

Der Freitag startet übersichtlich, aber musikalisch dennoch wild.

frohfroh-Tagestipp //

Clear Memory presents 10 Yrs Electro Madnezz // Kulturlounge // 23:00 – 07:00 Uhr
w/ DJ Overdose, Mr. Beef, Alice In Flames, Hayter, DJ Detox, Robyrt Hecht, R3kord3r

Nicht zu fassen – seit zehn Jahren prägt die Clear-Memory-Crew die Leipziger Classic-Electro-Szene, erst mit Partys, später auch mit eigenen Releases. Wir sagen Happy Birthday. Heute gibt es eine Jubiläumsparty mit lauter Memories und Residents. Und einem beat-funklastgen Live-Set von Mr. Beef aus der Resistant-Mindz-Ecke.

Ab 18 Uhr gibt es übrigens ein Warm-up mit einer Instore-Session im Sleeve++-Plattenladen.

Korrektur: Wir haben ganz übersehen, dass auch DJ Overdose spielen wird – der Headliner, der bei der Clear-Memory-Gründungsnacht auch schon gespielt hat. Gänsehaut.


Außerdem heute //

Felō invites / Axxon N., 18:00 – 06:00 Uhr – Jede Menge Genrefluidness mit Pop-Rap-Live-Sets von Fairy Mary und Gac00n anfangs und später indoor mit einem wilden Mix aus bouncy und proggy House-, Edit-, Trance- und Bass-Sets von DJ Aya aus Berlin sowie Clausenjunge, Deetachi, DJ Luiser, Gretaepisch, Lénergie, Raikou, Sophiise b2b Zipperclit, Uusoca, Vinyldependents

Sugarbass / Elipamanoke, 23:00 – 08:00 Uhr – Poppig bis dunkel eingefärbte Techno- und Trance-Sets mit Berlin-Headlinerin Shoki287 sowie HoudaFK, Polly Pocket, Richie Rollin, Scrappy Coco, Kaya Karacho, Uncle F, Saucy Raul, Gigi Spears, Saskix, Stinksüß, David Ghetto

ArtTechnology Invites / Absturz, 23:30 – 06:00 Uhr – Funny-dauerironischer Edit-Trance mit Beccslyn, KunstTechnologe, Limoncello

KW 24 – Samstag

Der KW 24-Samstag wird nun doch deutlich voller – hier sind unsere Tipps.

frohfroh-Tagestipp //

99% Wasser // Ost:end // 10:00 – 22:00 Uhr
w/ David Hornung, Sevensol, DJ Mille, Natascha Kann, DJ Balduin

Das Ost:end gleitet endlich offiziell durch den Sommer und hostet heute wieder ein schönes Day-Rave-Open-Air mit verschiedenen House-Vibes von der Achse Leipzig-Berlin-Hamburg. Kuratiert wird das Ganze vom Kann-Records-Sublabel Long Vehicle und featuret mit DJ Mille und Natascha Kann herrlich deep drückende, soulful aufgeladene House-Sets. Und am frühen Abend DJ Balduin ist mal wieder mit einem treibend-housy Live-Set zu erleben.


Außerdem heute //

Somewhere Warm / Neue Welle, 18:00 – 05:00 Uhr – Danach könnte es ähnlich housy im Welle-Garten und Club weitergehen. Heute mit Kanada-Hero Priori sowie Goldie, Niklas Wandt, Oliv, Stanley Schmidtt

Feral: The Darkest Realm / Axxon N., 23:00 – 07:00 Uhr – Hypnotisch-eleganter bis brutalistisch-harscher Techno mit Berlin-Bezügen von Jamaica Suk, Mina Lord, Laviena, Rill, Momo und Andrew Beaton

TechnoFlohmarkt by Geschwofe & Leider9 / Elipamanoke, 16:00 – 09:00 Uhr – Special Flohmarkt mit Tattoo- und Nail-Services, Bingo und smooten bis pushenden House- und Trance-Sounds von Polly Holiday, Beron, Komszi*Komsza. Später wird es dann schneller und tighter mit Big-Room-Techno, Tech House und Trance von Æol, WantHât, Bananbangers, Kichererbsenstampf, KnightHeart b2b Tobe, Nyn Lou, Fennek, Moto Moto, Langnikel

Beach & Beats / Stadtstrand, 18:00 – 22:00 Uhr – Etwas generische House-Soul-Funk-Strandsounds mit EchoRausch

Community Festival / Westhafen, 14:00 – 07:00 Uhr – Der Westhafen möchte junge lokale House-, Techno- und Disco-Acts supporten, um die „Clubkultur“ aufrechtzuerhalten, moin. Also ist heute der Eintritt frei mit Aio, Carlo Bonanza, Julita Just, OutWithJane, Buntfink, Stigmatique, Blank Vision, Cafgar, Techmo, TraumaMia, Fab Massimo

KW 24 – Sonntag

Und hier sind noch zwei Open-Air-Tipps für den KW 24-Sonntag.

frohfroh-Tagestipp //

Electric Biergarten // Conne Island // 15:00 – 22:00 Uhr
w/ Philipp Rmke, Werner Benzo, Anna Malysz

Der Island-Biergarten wird electric. Mit angenehmen laidback und deep House-Vibes von einigen Island-Originalen.


Außerdem heute //

Sunday Groove Garden / Duqo, 15:00 – 22:00 Uhr – Auch im Osten kann heute tagsüber entspannt getanzt und gechillt werden, bei Sounds von Poka, Phoebe, Djon b2b Multimax

New In Radio #3 – 2025

Gestern lief die dritte Folge unseres New In Radios – erstmals auf unserem neuen festen Sendeplatz bei Radio Blau und erstmals zwei Stunden lang. Wir haben die Zeit genutzt und viel über neue Elektronik-Releases aus Leipzig gesprochen. Hier ist der Mitschnitt.

Mehr Zeit heißt mehr Musik – und teilweise mehr Unterhaltung. Erstmals haben wir unser New In Radio in einem der Radio-Blau-Studios aufgenommen. Eine schöne, durchaus fordernde Erfahrung. Aber dass nun jeder von uns ein eigenes Mikrofon hat, eröffnet uns eine neue Freiheit, um neue Releases aus Leipzig zu sprechen. Wieder ist eine musikalisch sehr diverse Folge entstanden, die ebenso Club- als auch Experimental-Tracks featuret.

In unserem Deep Dive stellen wir das Debüt-Album des Leipziger Trance-Producers Butschi näher vor – und geben unsere unterschiedlichen Takes zum Trance-Hype der letzten Jahre. Interessiert? Dann checkt den Mitschnitt der entweder in der Mediathek von Radio Blau – dort ist noch die nächsten sieben Tage zu finden. Oder ihr bleibt einfach hier und hört es über Soundcloud:

Hier ist auch noch die komplette Tracklist:

DJ M€r$€bvrg – „Submerged“
Crc & Vc-118a – „Spores“
Kiki Hitomi – „Red Mustang“
Kinked – “Tempo Artificioso“
New World – „Stay“
M.ono – „The Secret Life Of Socks“
Kid Kozmoe – „Simple Mood“
8x 10 – „Architecture“
Wylid Node – „The Hug“
Kalme & Map.ache – Mexico“
Pony Pracht – „Computerlove“

Butschi – „Shake“
Butschi – „Transmissions“
Butschi – „Dünne Linien“
Deslin Ami Kaba – „Endless Summer“

Free/Future/Music – Altin Village & Mine eröffnet kreative Allianzen

Vor Kurzem erschien beim Leipziger Label Altin Village & Mine ein sehr besonderes Mixtape, das auf mehreren Ebenen neue Perspektiven ermöglicht: „Free/Future/Music – Volume 1“. Wir haben es oft gehört in letzter Zeit – und ihr solltet das auch tun.

Altin Village & Mine erhält bei uns immer mal wieder einen extra Blick mit ausführlicheren Stand-alone-Reviews. Und das aus einem guten Grund: Die Releases dieses seit über 20 Jahren aktiven Labels sind meist sehr besondere Ereignisse. Mit eigener Tiefe, großer musikalischer Offenheit und unkonventionellen Twists. „Free/Future/Music – Volume 1“ toppt das nochmals.

Ursprünglich als Compilation zum 20. Labeljubiläum geplant, brauchte dieser Release doch noch einige Jahre mehr zum Reifen und Herausforderungen meistern als gedacht. Am Ende waren es vier Jahre an Arbeit. Herausgekommen ist ein Mixtape im doppelten Sinn. Denn tatsächlich ist „Free/Future/Music – Volume 1“ auch auf Tape erhältlich. Und musikalisch ist die Zusammenstellung so divers wie es früher gute, selbst kuratierte Mixtapes für Freund:innen auch waren. Dieser Release öffnet ebenfalls mehrere Horizonte mit jedem neuen Song. Auch für die beteiligten Musiker:innen – es handelt sich nämlich ausschließlich um Stücke, die in teils bewährten, teils neuen Kollaborationen entstanden sind.

Und genau dieses Zusammenbringen und Aufeinanderprallen verschiedener musikalischer Handschriften und Perspektiven macht „Free/Future/Music“ so wertvoll. Er schafft „kreative Allianzen“, wie es sehr passend im Pressetext heißt. Ein Blick auf die Tracklist verrät, dass hinter diesen Allianzen lauter Musiker:innen stecken, die irgendwie schon einmal mit Marcel Schulz und dessen Label Altin Village & Mine verbunden waren. Das schafft erstmal eine große Vertrautheit, und doch gibt es viele Überraschungen. Die Zusammenarbeit von Kalme und Map.ache beispielsweise. Natürlich passen beide mit ihren subtilen Sounds und der sanften Ästhetik eh schon sehr gut zusammen. Dass „Mexico“ dennoch so schlüssig traumwandlerisch-poppig klingt, lässt einen noch um einiges mehr beseelen.

Das Gleiche gilt für „Salamander“, der Zusammenarbeit von Station 17 und Dataschock, bei der zeitgenössischer Krautrock mit eindrücklich-abstrakten Vocals in einen langen mantrahaften Sog münden. Ansonsten flackern über die 72 Minuten und zwölf Tracks von „Free/Future/Music“ immer wieder spannende Genre-Überlagungen auf. Dub und Jazz, Minimal-Techno und Ambient, Indie und folkloristische Sounds von unterschiedlichen Kontinenten.

Was die Compilation bei all der Diversität gut zusammenhält, ist eine gewisse Zurückgelehntheit und ein künstlerisches Understatement von Künstler:innen, die Lust am Forschen haben und zugleich so versiert sind, dass sie sich easy auch in unbekannten Sphären schnell neue Pfade ebnen können. Und sicherlich hat auch Fritz Brückner alias Modus Pitch beim Mastern seinen Anteil an dieser Homogeninät im hyper-hetorenen Ansatz von „Free/Future/Music“ gehabt.

Zur Vielschichtigkeit der Compilation passt auch, dass sie eine solidarische und theoretische Ebene aufmacht. Zum einen geht die Hälfte des Erlöses an Mission Lifeline. Zum anderen hinterfragt sie mit theoretischen Exposés zu den drei Schlagworten des Compilationtitels aktuelle Dysbalancen der kulturellen Praxis. Zu der gehört, dass die beteiligten Künstler:innen und das Label ihre Arbeit umsonst zur Verfügung gestellt haben. Das „Free“ öffnet in diesem Zusammenhang zwei Bedeutungsräume: Wie frei kann Musik sein, wenn sie von vielen Menschen weitgehend frei im Sinne von „kostenfrei“ genutzt wird und von Musiker:innen oftmals ohne ausreichende finanzielle Gegenleistung produziert wird? Und wie viel Zukunft steckt in einer zeitgenössischen Musikkultur, die sich stärker denn je in historizistisch-nostalgischen Revival-Schleifen verfangen hat?

„Free/Future/Music – Volume 1“ ist also so vieles mehr als eine einfache Compilation und Label-Werkschau. Das „Volume 1“ macht sehr viel Hoffnung, dass daraus eine Reihe wird, die in Zukunft immer wieder neue Perpektiven, Faszinationen, Diskussionen und Überraschungen offenbart. Der Premiere ist dies nämlich sehr gut gelungen.

KW 23 – Freitag

Das Pfingstwochenende startet mit einem seltenen Label-Showcase und vier sehr unterschiedlichen Partys.

frohfroh-Tagestipp //

RAND Muzik Recordings presents: Like Spinning Plates // Kulturlounge // 23:00 – 06:00 Uhr
w/ Eira Haul + Reece Walker

Dafür dass R.A.N.D Muzik Recordings – das Label des gleichnamigen lokalen Vinyl-Presswerks – derzeit eines der aktivsten und erfolgreichsten Leipziger Labels ist, ist es vor Ort recht wenig live zu erleben. Heute gibt es mal eine dieser seltenen Gelegenheiten. Und zwar im kleinen Rahmen mit einem All-Nighter von Label-Head Reece Walker sowie Eira Haul, einem Act aus dem R.A.N.D.-Roster. Neulich hat Eira eine neue EP auf dem Label herausgebracht. Freut euch also auf eine intime Nacht voll pulsierendem, perkussivem und sphärisch-deepem House


Außerdem heute //

Medea 002 / Conserve, 22:00 – 06:00 Uhr – Zweite Ausgabe dieser neuen international-queer-dunklen Underground-Reihe für Wave-Minimal-Synth-Sounds, sehr gut getimed zum Wave Gotik Treffen (WGT) an diesem Wochenende. Heute spielt Synth-Punk-Act Ruhr sowie Gia, Tau Ceti, Medea Project

Hypnotic Tango / Ilses Erika, 23:00 – 06:00 Uhr – Die Ilse hostet an diesem Wochenende einige WGT-Specials. Heute gibt es neben einem Nine-Inch-Nails-Floor auch einen Italo-Disco-Floor mit Dans Danza, Mr. Urns, Uschmar

Datsche #22 / Elipamanoke, 23:59 – 09:00 Uhr – Die Sommer-Datsche öffnet wieder zu einer uplifting Trance-House-Nacht mit Escalea, Luzi, R-Sohr, Traxx Jr, DJ Stimula

N8chtschicht Clubnight / Absturz, 23:30 – 06:00 Uhr – Volle Edit-Trance-Hard-Dance-Abfahrt mit Vluna, Miss Lulu, Richie Rollin, Scrappy Coco

KW 23 – Sonntag

Und weiter geht’s – mit House, Trance und Trap geht es in den Pfingstmontag rein.

frohfroh-Tagestipp //

2PM Club // Ost:end // 12:00 – 22:00 Uhr
w/ Theodor, Marie Lung, May/o, Lulu b2b Nell, Osinscky

Das Ost:end kann dieses Jahr endlich seine erste Open-Air-Saison genießen. Heute öffnen die Tore des Tanklager Wests beim Lindenauer Hafen wieder für einen lauschigen Day-Rave mit jeder Menge soulful-softem House und „psychodelic Soul“ von Theodor.


Außerdem heute //

Mische x Kollektiv Kitsch / Axxon N., 16:00 – 06:00 Uhr – Gut gemixt startet heute die nächste Mische-Ausgabe. Gemeinsam mit dem Leipziger Kollektiv Kitsch gibt es erst draußen und später drinnen Live-Acts, Trance, Trap und Rap. Mit dabei sind Am3li3, Vice und Versa, Blaubassbube, Alemiko, Elysea, Minthrill b2b J<3ss, Desperate House Guy, Mehrlinks, IsoSportler, Aroma Pink, Sweetboyz, Malina

Next Generation / Absturz, 23:30 – 06:00 Uhr – Newcomer:innen aus Trance und Techno checken Part 1? Heute geht das mit DJ Lieb, Raphus, Spirituelli, Arcomaus b2b Rauh

New Faces Weekend Special / Elipamanoke, 23:59 . 09:00 Uhr – Newcomer:innen aus Trance und Techno checken Part 2? Heute geht das auch im Eli mit Alibirlopez, DJ Vicimaus, Kaltekola, Lumor, Mona:mi, Passix, Pflux, Resüma, The Spooky Spill, Stenella

Arndt29 Open Air / Neue Messe, 12:00 – 22:00 Uhr – Day-Rave mit sommerlichen House-Vibes mit Mp.ulle, Jay Magnum und der Arndt29-Crew