Various Artists „Jahtarian Dubbers Vol. 3“ (Jahtari)

Die „Jahtarian Dubbers“-Compilations sind wirklich immer wieder eine Freude. Kompakt zusammengestellt und mit wunderbarem Artwork versehen. Die dritte Ausgabe ist gerade erschienen.

Zwei Jahre sind seit der letzten „Jahtarian Dubbers“-Compilation vergangen. Insgesamt ist der Output an neuen Releases etwas gedrosselt worden. Die letzte Net-EP liegt ebenfalls zwei Jahre zurück, das letzte Vinyl ein dreiviertel Jahr. Aber das hat nichts zu heißen. Jahtari ist weiter eine große Nummer. Disrupt und Rootah reisen viel umher. Ebenso Soom T, die Leipzig als Wahlheimat allerdings hinter sich gelassen hat.

Die „Jahtarian Clubbers Vol. 3“ zeigt aber auch der heimischen Stereoanlage, dass mit dem 8-Bit-Reggae weiterhin zu rechnen ist. Der klangliche Rahmen ist jedoch schon sehr eng eingefasst mittlerweile. Die Nummer 3 weicht nicht weit von ihren Vorgängern ab. Der Jahtari-Sound hat seine Mitte gefunden, wird nun weiter verfeinert. Eigentlich gibt es also nichts zu meckern. Neue Nuancen bleiben aber vorerst aus.

Okay, bei Monkey Marcs „Rudebwoy Dub“ bollern die Bassdrums ungewohnt derb. Und mit „Secret Laboratory“ konnte Rootah einen Lee Perry & Dub Syndicate-Klassiker um eine neue Version ergänzen – eine sehr gute sogar. Rootahs eigener „Mr. Vibe“ nähert sich ebenso einem organischerem Dub. Ansonsten bleibt der 8Bit-Kosmos erhalten. Auf gewohnt hohem Niveau.

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Mix Mup „Drive-by“ (Mikrodisko Recordings)

Es ist fast ein Jahr vergangen seit der letzten Mikrodisko. Wenn es eine Konstante bei dem Label gibt, dann die Unberechenbarkeit – und eine eigensinnigen Charme.

Unberechenbarkeit dürfte in jedem Label-Handbuch als No-Go notiert sein. Aber die Mikrodisko-Köpfe werden sehr wahrscheinlich eh andere Lektüre bevorzugen. Allein die Art der berühmt-berüchtigten Promo-Zettel bricht mit sämtlichen Konventionen. Kein opulent-euphemistisches Gestammel ist zur neuen Mix Mup-EP zu lesen.

Stattdessen ein kurzes Schriftstück zwischen Philosophie und Regie-Notizen. Der weitaus größere Teil ist aber ein Plädoyer für mehr Obacht und Toleranz zur Erhaltung des Naturgleichgewichts – exemplarisch angerissen anhand des Maulwurfs. Völlig frei von Ökodogmen wird hier ein Nebenschauplatz eröffnet, der dem Info-Blatt eine ganz eigene Relevanz gibt.

Konsequent also, dass er in Englisch und Französisch übersetzt wird und auf der Label-Website präsent ist. Sonst bleiben diese Zettel im Verborgenen. Schon bei der „Musical Generics“-7″ von Kassem Mosse gab es solch eine zusätzliche Auseinandersetzung.

Mit Maulwurf-Innereien haben die vier neuen Tracks von Mix Mup allerdings nichts zu tun. Blieb seine letzte EP auf Spunky Monkey mit ihrem diffusen Funk positiv in Erinnerung, so fallen die „Drive-by“-Stücke deutlich dunkler und rauer aus. Wie der nachträgliche Soundtrack zu experimentellen Super8-Filmen. Gerade „8:04 Before“ hat atmosphärisch cineastische Züge – ergänzt wird das Stück durch die noch etwas intensivere Ambient-Version „Dub“.

„Transition“ ist schlanker, dreckiger, ist mehr Techno als Soundtrack. Und „Tunnels“ lässt die Bassdrum kollabieren. Immer wieder bricht sie aus der Bahn heraus, während der Rest des Tracks stoisch weiter voran schreitet. Klar, der analoge Schimmer in Mix Mups Tracks ist denen von Kassem Mosse nicht unähnlich. Bei Mix Mup schwingt aber meist eine eher latente Ironie mit. Wie ein Schalk, der die richtigen Knöpfe kennt.

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Grüße aus dem Osternest – der frohfroh-Beutel

Für den Fall, dass ihr die blaue Banderole rechts von hier gar nicht mehr ernst nehmt: das Thema T-Shirts ist für uns noch nicht durch. Wir tasten uns langsam heran und hauen unser erstes Stück Textil raus. Aber nur für die richtigen Antworten.

Es ist Ostern, drüben bei Facebook meinen mittlerweile mehr als 2.000 Leute, dass ihnen frohfroh gefällt, irgendwann muss es ja mal klappen mit den Stoffen – genug Anlässe sind also da. Und so haben wir eine Special Edition an grauen frohfroh-Beuteln drucken lassen. Obwohl es die reguläre Edition noch gar nicht gibt. Aber wir rollen das Feld von hinten auf. Erst die Specials, dann die Standards.

Doch wir wollen auch eine spezielle Antwort: Wie viele Veröffentlichungen haben wir seit 2009 bei frohfroh vorgestellt? Schätzt oder zählt. Schreibt dann eine Mail bis zum 15. April an dance [at] frohfroh.de mit dem Betreff „Wie ziehe ich einen Stoffbeutel am besten an?“ Die 10 Leute, die am nächsten an der richtigen Zahl sind, gewinnen.

Frohe Rest-Ostern.

Frühjahrs-Rundumblick Pt. 2

Teil 2 des Frühling-Rundumschlags kommt mit Lake People, der neuen O’RS und der dritten Esoulate-Compilation.

Lake People „On EP“ (URSL Records)

Ohne Lake People wäre die Stadt ärmer. Das dürfte unbestritten sein. Denn so viel flirrende Electronica packt sonst kaum jemand zwischen die Bassdrums. Bei dem Hamburger Label URSL kamen kürzlich vier neue Tracks heraus, die den Lake People-Sound nahtlos weiter führen. Super leichtfüßig mit „Candle“ und langsam-ausgeglichener bei „Kmmk“ und „Off“.

Einzig „Tide“ schwächelt etwas. Den Main-Chords fehlt der organische Abgang, die klingen vordergründig recht plastisch. Aber dennoch bleibt der Ansatz spannend – entschlackte Electronica-Arrangements plus House-Fundament. Heraus kommen Stücke mit sehr dichten Sounds, die viel Raum zum Entfalten erhalten. Das sind keine klassisch reduzierten Chords.

Various Artists „1700“ (O’RS)

Bei O’RS ist Lake People dieses Mal nicht dabei. Dafür das gemeinsame Debüt von Ron Deacon und Filburt als RDF. Eine längst überfällige Kollaboration. Ihr House-Ansatz hatte schon immer gewisse Ähnlichkeiten. „True!“ verbindet erstmal die mäandernde Weitläufigkeit von Ron Deacon mit Filburts Hang zur großen, disco-geprägten Geste. Runter gepitchte Vocals, Streicher-Opulenz – eine A-Seite, keine Frage.

M.ono & Luvless schmettern auf der anderen Seite „Never Gonna Leave U“ aus den Boxen. Ein relativ zurück haltendes und reduziertes Stück für die beiden. Aber mit ungebrochener Sehnsucht in den Vocals.

Wie zuvor gönnt O’RS zwei weiteren vorher nur digital veröffentlichen Tracks noch ein Vinyl-Issue. Einmal der Tricus & Vitez-Remix von Stereotyps Klassiker „Keepin Me“. Große Pop-Deepness. Und schließlich Good Mikesh & Filburts Mix von Savile & Olins „Horizon“. Das tief versunkene Original holen sie raus an die Sonne.

Various Artists „Zugpferd EP“ (Esoulate)

Künstleraufbau Teil 3 bei Esoulate. Die dritte Compilation des Netlabels ist draußen. Selbst Esoulate-Kopf Georg Bigalke ist dabei. Zusammen mit Simon Sunset haut er ein ungewohnt schroffes Stück Techno heraus. Das ist eine Ansage, eine sehr gelungene. Metallisch, unterkühlt, unterkellert. Auch Dsant ist recht straight unterwegs. Was ist hier los?

Aber auch bei Dsant geht es auf. „American“ ist sein bislang schlüssigstes Stück. Von Anfang bis Ende – und dazwischen liegen immerhin über 10 Minuten – hält er eine unheimlich erfrischende Dynamik wach.

Nicht leicht für Tonsystem Klangkunst – bei ihrem „Grace“ walzen sie ein eigentlich solides Fundament mit zu viel Rave weg. Auch wenn es wirklich einige gute Momente gibt. Etwa wenn die Rave-Walze immer wieder kurz gebrochen wird. Alex Bull & Private bleiben leider auch eher im Tech-House-Dschungel hängen.

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Frühjahrs-Rundumblick Pt. 1

Der Frühling sollte eigentlich geballt kommen. Laut der Anzahl an aktuellen Releases ist er auch schon voll da. Genauso geballt kommt daher auch der Rundumblick Nummer 1 mit Moon Harbour, Oh! Yeah! und Definition.

Hartmut Kiss „Flaming Passion“ (Definition Records)

Los geht es mit Definition, dem Label von Christian Fischer, das hier ja sonst eher unter den Tisch fällt. Nicht bewusst. Denn eigentlich ist es nur schlüssig, dass diese Facette der Clubkultur in Leipzig auch eine mehr als relevante Adresse hat. Hartmut Kiss ist in dem Bereich auch kein Unbekannter – erst recht nicht in Leipzig als Resident im Nachtcafé.

Mit Christian Fischer zusammen brachte er vor zehn Jahren drei EPs unter dem Namen Men Of Noise heraus. Im letzten Herbst unterbrach er seine lange Pause mit seiner ersten Solo-EP. „Flaming Passion“ ist der Nachfolger. Episch aufgeladene Synthie-Chords, pathetisch in der Dramaturgie, super tight in der Produktion.

Ja, Rave. Aber nicht in der versöhnlich aufgewerteten Form der Raves-strikes-back-Attitüde. Sondern amtlicher. Tranciger. Aber auf seine Weise auch sehr authentisch. Progresse House eben. Ich möchte trotzdem nicht auf einer Tanzfläche mit diesem Track stehen. Johannes Heil und Guy J verlagern das Rave-Level leicht.

ONNO „Paragroove EP“ (Moon Harbour Recordings)

Bei Moon Harbour geht es auf dem digitalen Ableger weiter. Mit ONNO, einem Jungspund aus Amsterdam, der innerhalb der letzten beiden Jahre mit Platten auf Souvenir, Upon.You und Remote Area einen gewissen Schub erlebte. Ich kenne die anderen EPs nicht, seine „Paragroove EP“ hält die Moon Harbour-Spur aber sehr liniengenau ein. So wie es Dan Drastic kürzlich im frohfroh-Interview auch ankündigte.

Die Überraschungen bleiben also aus. Die Vocal-Samples – insbesondere bei „Mumblin Groove“ zeugen von viel Spaß im Studio. Warum sind die Vocals eigentlich der einzige Part, in dem noch gespielt wird. Bei den Bassdrums und Chords ist alles durch dekliniert.

Sven Tasnadi & Juno6 „Mulm“ (Oh! Yaeah!)

Bei Sven Tasnadi & Juno6 reicht die Spielfreude mit Samples ein gehöriges Stück weiter. Für ihre „Mulm EP“ suchten die beiden nach Schnittstellen zwischen heutigen und vergangenen Dancefloor-Geflogenheiten. Gemessen an den vergangenen gemeinsamen Platten ist der „Mulm“-Sound eine 180°-Wendung.

Praller Soul-Appeal bei „What’s Up“, 80er-Orient-Disco bei „Gönül Daği“ und Patina-House mit „Appagio“. Wirklich hervorstechend ist aber eigentlich nur „Gönül Daği“. Denn unabhängig von dem prägenden Vocal-Sample, trifft die trocken-schleppende Bassdrum, die Bassline und die analog klingenden Synthesizer-Sequenzen genau jene Cosmic Disco-Atmosphäre, die in den letzten Jahren wieder so sehr an Charme gewonnen hat. Da passiert auf jeden Fall etwas in den Studios der beiden.

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„Ich muss nicht irgendeiner Crew angehören“ – Kali Avaaz

Kali Avaaz ist seit vielen Jahren eine konstante Begleiterin der Leipziger Club-Szene. Im frohfroh-Interview erzählt sie von ihren musikalischen Schlüsselmomenten, der Frauenquote und ihrer Unabhängigkeit.

Kali Avaaz steht für sich. Sie prägt ihren eigenen Rahmen, in dem House und Drum’n’Bass keine Gegensätze sein müssen. Und so spielte sie für Kann Records ein Podcast-Set ein und stand kürzlich erst bei der Ease Up-Reihe hinter den Plattenspielern. Vinyl ist ihr Format. Aber das war kein Thema für das Interview.

Kannst du bitte kurz was zu dir schreiben: wie bist du zum DJing gekommen, was waren wichtige Stationen für dich beim Ausgehen und insbesondere beim Auflegen?

„Mit Musik fühle ich mich verbunden, solang ich mich erinnern kann. Sie war schon immer das Mittel, um mich auszudrücken, Emotionen zu begleiten oder hervorzurufen.“

Woher kommst du denn?

„Ich stamme aus einer eher provinziellen Gegend in Sachsen Anhalt. Das Angebot an guter, elektronischer Musik war dort damals stark begrenzt und viele Leute hatten auch noch kein richtiges Interesse daran. Wir mussten längere Wege auf uns nehmen. In Thüringen oder Leipzig waren wir oft. Dass ich einige meiner Teenagerjahre beim Partyersatzamt verbracht habe, bedauere ich heute manchmal – aber es hat sicherlich auch Einfluss darauf gehabt, irgendwann selbst hinter den Plattentellern zu stehen.

Laurent Garniers Unreasonable Behaviour Tour war einer der schönen und wirklich positiv prägenden Momente. Und ein Auftritt von Eva Cazal in Leipzig 2001 war definitiv ein Anstoß in Richtung DJing. Das Set habe ich heute noch sehr gut in Erinnerung. Da kam soviel Kraft mit, das hat mich damals sehr beeindruckt, auch wenn es heute gern etwas stiller sein kann. Ich glaube dann habe ich angefangen Platten zu kaufen – zu dem Zeitpunkt habe ich in Halle gewohnt.“

Und was waren deine ersten Entdeckungen?

„Das waren erstmal viele Electronica-Sachen. Autechre, Funkstörung und der ganze Kram. Parallel dann auch Drum’n’Bass-, Techno- und Electro-Scheiben. Die ganze Vielfalt an elektronischer Musik. Das hat mich einfach alles interessiert. 2002 bin ich dann zum Studieren nach Leipzig gezogen und hatte hier 2007 meinen ersten Gig bei einer kleinen Ausstellung namens ‚Durch den Spiegel‘.“

Neulich hattest du überraschenderweise auch einen Auftritt bei der Ease up-Reihe.

„Zu Drum’n’Bass hatte ich lange eine Neigung und gerade in Leipzig ist da früher ja auch einiges passiert. Die ganzen atmosphärischen Sachen wie Omni Trio oder Future Engineers haben mich besonders interessiert. Davon gibt es auch noch einige in meinem Plattenregal. Wie bei vielen anderen war dann aber auch für mich die Luft irgendwann raus. Die Klänge, die man beim Ausgehen zu hören bekam, waren alle sehr ähnlich und die ganze Sache schien zu stagnieren.

Mit Neurofunk und Techstep war aber schnell wieder Interesse geweckt, wenn auch mehr durch Rhythmus als durch mysteriöse Flächenklänge. Alphacut ist ein tolles Label, das einen modernen Sound transportiert und frischen Wind bringt. Die Ease Up Reihe im Conne Island zeigt ja auch, wie Drum’n’Bass im Jetzt tickt und dass es auch genügend offene Ohren dafür gibt. Dort neben Hybris zu spielen, hat mir super viel Spaß gemacht.“

Die siebte Ausgabe des Kann Records-Podcasts konntest du mit einem Mix gestalten – gibt es zu Kann eine besondere Nähe?

„Jeder der in Leipzig wohnt weiß, dass es tatsächlich ein Dorf ist. Man trifft immer wieder die gleichen Leute, Freundeskreise überschneiden sich ständig. So bin ich irgendwie immer wieder mit den Jungs vom heutigen Kann-Label in Kontakt gekommen bin. Die haben mich dann hin und wieder zu ihren Veranstaltungen eingeladen haben. Und 2009 dann sogar auf ihren Floor beim Nachtdigital. Daraufhin gab es auch die Gelegenheit in Berlin und Tschechien zu spielen.

Für den Kann-Podcast gab es keinen Anspruch auf Dancefloor-tauglichkeit. Der Mix ist sicher keine Überraschung für jemanden, der meine Sets verfolgt oder mich kennt. Ich denke, er zeigt ganz gut, wer ich bin und was ich mag. Ich habe sicher nicht immer das sonnigste Gemüt. Ich liebe den Winter, mag es wenn es lange dunkel ist, verbringe Zeit manchmal eben lieber allein mit meinen Kopfhörern und einer Menge an Süßigkeiten als einer Menge Menschen und kann heute auch gut dazu stehen.“

Der Mix hat sehr ruhige, ausgeglichene Züge – war der speziell für das Hören zuhause konzipiert oder ist die Peaktime auch nicht unbedingt deine Lieblingszeit?

„Natürlich hat die Peaktime trotzdem einen Reiz für mich. Jeder DJ kennt und mag das Gefühl, wenn die Leute auf der Tanzfläche auf das was man da macht eingehen und wenn sie den Moment und das Gefühl zur Musik teilen können.

Aber ich mag es auch am Anfang zu spielen. Schon allein der Möglichkeit wegen Stücke, die eben nicht ganz tanztauglich sind, auf einer großen Anlage hören zu können. Auch wenn ich manchmal für den Schluss gebucht werde, ist das für mich nicht ganz die Zeit, die ich mir selbst geben würde. Aber das ist ja auch alles situations- und stimmungsabhängig.“

Du bist eine der wenigen weiblichen DJs in Leipzig – inwieweit spielt das für dich eine Rolle?

„Die Frage wurde mir schon öfter in Interviews gestellt. Bis vor kurzen hat das für mich gar keine Rolle gespielt. Ich fand die Frage immer ziemlich komisch, denn eigentlich geht es ja nur um Musik. Dann wurde ich zu der Ease Up-Veranstaltung ins Conne Island eingeladen und später stellte sich heraus, dass es da einen Drang nach einer Frauenquote gab.

Das hat mir doch zu denken gegeben. Es gibt sicher deutlich weniger Frauen, die auflegen. Und im Drum’n’Bass-Bereich vielleicht noch vereinzelter. Auch wenn das Feedback nach der Veranstaltung sehr positiv ausfiel, war es schon irgendwie traurig, dass die Idee anzufragen so initiiert wurde.“

Wie könnten die Veranstalter deiner Meinung besser damit umgehen – kommt nicht automatisch ein Dilemma auf?

„Das ist tatsächlich ein Dilemma und so richtig habe ich da auch keine Antwort darauf. Das Wort Frauenquote an sich ist schon seltsam genug. Man sollte Künstler nach der Musik buchen und nicht nach Geschlecht. Und da gibt es auf beiden Seiten gute Leute.

Dass weniger Frauen auflegen verstehe ich gar nicht so recht. Es steht jeder Frau heute offen dem nachzugehen. Vielleicht ist es eher schwierig in diese ‚Crews‘ oder Organisationen, die schon aus festen Bindungen bestehen und – eben weil es einfach mehr davon gibt – männerdominiert sind, reinzukommen.“

Wie hast du Projekte wie die Propellas oder Do It Herself wahrgenommen?

„Die finde ich schon gut, vielleicht gibt es ja wirklich Frauen, die Hemmungen haben einen Kurs zu besuchen und als einzige zwischen einer Menge Männern zu stehen. Ich selbst habe bisher an keinem der Projekte teilgenommen, aber das hat keinen bestimmten Grund. Bisher hatte ich auch noch nicht das Gefühl, mich irgendeiner Gruppe oder Crew anschließen zu müssen.

Booking-Agenturen machen Sinn, wenn man darauf aus ist mit dem Auflegen sein Geld zu verdienen. Ansonsten weiß ich nicht so recht warum da etwas in Klammern stehen muss, sofern man nicht selbst auf Labels Sachen veröffentlicht. Ich bin keine Feministin und halte nicht viel von DJane Nights, auch wenn ich manchmal dafür gebucht werde. Aber was will man denn mit so einer Veranstaltung sagen?

Ich möchte nicht gebucht werden, weil ich eine Frau bin, sondern für die Sets, die ich spiele. Ich finde es schade, dass man immer noch darüber reden muss. Musik sollte verbinden und kein Anlass zur Gruppenbildung sein.“

Kali Avaaz Facebook / Soundcloud

John Barera „Mile End“ (Ortloff)

Ortloff legt nach der wunderbaren PorkFour-EP recht schnell nach. Und dann auch gleich noch mit einem US-Producer.

Bisher war der Fokus von Ortloff schon sehr konzentriert auf Leipziger Producer, auf ein freundschaftlich gepflegtes Netzwerk. Aber Ortloff als Läbel ist kein hermetisches Projekt. Mittlerweile dürfte einiges an Demos dort eintrudeln. Im April letzten Jahres kamen beispielsweise John Bareras Tracks in Leipzig an. Und die Ortloff-Ohren blieben hängen, die Chemie zwischen beiden stimmte.

In der Zwischenzeit gründete Barera in Boston sein eigenes Label Supply Records, auf dem bislang zwei EP seine anderen Projekts B-Tracks heraus kamen. In den Januar/Februar-Charts schaffte es „Specialize“ auf den fünften Platz. Im April 2011 war das sicher noch nicht abzusehen – besser könnte der Release von „Mile End“ also terminlich nicht passen. Wobei sie eigentlich schon Ende Dezember kommen sollte. PorkFour war aber vorher noch dran.

Dass Ortloff nun erstmals musikalisch direkt in den USA ansetzen, ist mehr als schlüssig. Die Referenzen von einem Großteil der Ortloff-Platten liegen über dem Teich. Und dennoch klingen John Bareras Stücke noch einmal anders. Sie strahlen in ihrer durchaus direkten, forschen und teilweise auch ungelenken Art eine ungewohnt naive Freude aus.

Vielleicht liegt es am Tempo, das für heutige House-Verhältnisse einen unheimlichen Zug hat. Vielleicht sind es aber auch die Synthie-Chords, die den Druck aus den Tracks herausnehmen mit ihren ausformulierten Harmonien. Barera arbeitet sehr musikalisch, opulent und dicht verwoben. Er bricht einen Strom aber auch schon mal ab und haut eine Acid-Hookline rein. Bei „Sound Love“ kommt denn noch eine Soul-Note hinzu.

Viel Oldschool-Vibe steckt in den vier Tracks. Unverfälscht und irgendwie auch sehr authentisch. Können Tracks in dieser Tonalität wirklich nur aus den USA kommen?! Ach übrigens: Ortloff-Love wieder für das Cover-Artwork. Siebdruck, neu geschnittene Schrift. Dafür muss Vinyl weiter am Leben bleiben.

Ortloff Website
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Die weichen Roots

Deep House-Basis-Arbeit bei FM Musik. Die letzten beiden EPs zelebrieren mit Felipe L sowie Helly Larson & Deep Spelle unbeirrt die klassischen Deep House-Roots. Solide und ärgerlich zugleich.

In all dem House-Hype der letzten Jahre ist dieser cleane Deep House-Sound der späten Neunziger und früher Nuller ja bekanntlich ein wenig auf der Strecke geblieben. Vielleicht sind die Erinnerungen an all die ganzen Weichspüler-Compilations noch in zu unangenehmer Weise wach. FM Musik hatte damals aber seine große Zeit – im besten Sinne.

Einige der jüngeren Veröffentlichungen hatten aber einen anachronistischen Touch. So als wäre die Zeit stehen geblieben. Doch irgendwie bleibt sich das Label einfach treu und schafft damit doch immer wieder gute Momente.

Das Gerüst ist teilweise auch so simpel, wie einnehmend. Scheinbar gibt es eine Form von Chords, die einfach immer ziehen werden. Der Gral der Deepness. Ein bestimmter Ton, vielleicht nur eine Skizze davon. Aber es berührt. Bei Deep Spelles „Trapped In“ ist das so. Also in erster Linie der Chord. Spoken Vocals dahinter, fertig. Helly Larson trimmt das alles noch eine Spur, bleibt dem ganzen aber sehr nahe. Sein eigenes „Love Is“ auf dieser Split-EP hat auch jene mit Hall unterlegten Chords.

Felipe-L-Too-Sexy-MusicDass es aber auch nach hinten los gehen kann, zeigt Felipe L aus Spanien. „Too Sexy Music“ ist schon vom Titel her kaum toppen. Alarmglocke. Laut. Und der Track trägt zu viel von all den Klischees auf, von denen sich die etwas dreckigeren House-Varianten der vergangenen Jahre befreien konnten. Der ein oder andere Remix kann da mehr rausholen. Am besten vielleicht Papouban mit seiner sehr reduzierten, dunklen Version.

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Me And Oceans „The Pond“ (Analogsoul)

Fabian Schützes Solo-Projekt Me And Oceans zieht weitere Kreise – keine grundlegenden Neuen, aber die braucht es auch nicht unbedingt. „The Pond“ hält das Glühen des Debüts.

Und dieses Glühen machte schon „Lakes“ zu einer lang nachhallenden EP. Solo-Arbeiten sind oft reduzierter, persönlicher, etwas introvertierter. Im direkten Vergleich mit Schuetzes anderer Band A Forest trifft dies auch voll zu. „The Pond“ ist sogar noch eine Spur stiller geworden als sein Vorgänger. Vielleicht weil es um A Forest und Analog lauter geworden ist. Aber das ist eine vage These.

Letztendlich spielt der Grund auch keine Rolle. Bei Me And Oceans zeigt sich einfach sehr schön, was passiert, wenn ein Singer/Songwriter mit dem Laptop arbeitet und ihn auch als eigenständiges Instrument zu schätzen weiß. Und dass wirklich erst bei den Zwischentönen. Die Elektronik spielt fast keine Rolle bei „The Pond“. Es dominieren warme, organische Sounds, die sich auch mit einer Band einspielen ließen.

Aber in den geöffneten Arrangements und der Arbeit mit vielen Loops vollzieht sich jene Neuverortung des Lagerfeuers. Das wusste „Lakes“ auch schon zu erzählen. Mit den sechs Stücken auf „The Pond“ festigt Fabian Schuetze genau diese wohl ausbalancierten Pop-Miniaturen. Sogar bis hin zu einem wunderbaren Duett bei „When I Was A Dancer“ mit Arpen von Mud Mahaka.

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Think Open Air, 29NovFilms und mehr

Wann summieren sich eigentlich genug Neuigkeiten? Keine Ahnung. Manchmal reichen vier News.

Das Think Festival am Cospudener See hat gestern die ersten Namen seines 2012er-Line-Ups bekannt gegeben: DJ Koze und Marbert Rocel. Not bad.

Auf frohfroh liegt übrigens auch noch eine Interview mit DJ Koze, drei Jahre alt und eigentlich für das Nachtdigital-Heftchen geführt. Da war Pampa noch in den Windeln.

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Bestimmt erinnert ihr euch an die tollen Musikvideos der The29NovFilms-Jungs. Tracks von Kassem Mosse, Daniel Stefanik, Sevensol & Bender und anderen Leipzigern haben die beiden schon mit altem Filmmaterial unterlegt und kostenlos bei Youtube hochgeladen. Die Groove hat ihnen nun selbst über die Schulter geschaut und ein Video davon bei sich gepostet. Höchst interessant.

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Here Is Why sind gerade auf Record Release-Tour. Und den Marbert Rocel-Remix von „Waiting For The Sun“ gibt es rund 200 mal zum kostenlosen Download. Ranhalten – limitierte MP3s sind die Schwarzmarktbomben von morgen!

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Und: Esoulate hat nun einen eigenen Podcast. Dsant mixt zuerst. Außerdem gibt es neue Podcast-Folgen von Doumen und Riotvan.