Webermichelson „Album“ (No Label)

Äh, eine Menge Gitarren, jaja. Aber auch eine Menge Freiraum – so versüßen Webermichelson die letzten beiden – eigentlich trüben – Tage.

Es ist nicht so, dass der Elektronikszene von Leipzig langsam die Puste ausginge und daher nun Gitarren im frohfroh-Fokus die Leerstellen auffüllen müssten. Und es ist auch kein Flashback in meiner persönlichen Rock-Sozialisation. Denn Webermichelson gehören eigentlich mitten auf die Tanzfläche eines Techno-Clubs. In der Mitte all die Gitarren, Effektpedale, Schlagzeug und Mikrofone, drum herum auf gleicher Ebene das Publikum.

Keine Ahnung, wie die Shows von Philipp Weber und Sven Michelson wirklich ablaufen, aber rein musikalisch könnte dieses Setting aufgehen. Die beiden hieven den offenherzigen Post-Rock-Geist ziemlich spannend in die Dramaturgien des Clubs. Ohne viele Worte, ohne die obligatorischen und schnell ermüdenden Laut-Leise-Wechsel des Genres. Die Nähe zu anderen Disziplinen, etwa zur bildenden Kunst und Mode, ist da. Mit dem Leipziger Mode-Label howitzweissbach arbeiten Webermichelson schon länger zusammen.

Ende Januar erschien ein live eingespieltes Album als Free-Download und als limitierte Kassette. Sechs Stücke zwischen 3 und 14 Minuten Länge sind darauf. Gerade Bassdrums, repetitive Gitarren, eingestreute Elektronik und immer mal ein von weitem her hallender Gesang. Zwischen Post-Rock-House und Shoegaze-Ambient – damit ließe sich der Vibe des Momentanen der sechs Stücke grob verorten.

Aus Rock-Sicht gäbe es sicherlich noch andere Beschreibungsansätze, und vielleicht wären da auch die einen oder anderen Konventionen auszumachen. Doch das macht Webermichelson scheinbar aus – dass sie aus verschiedenen Perspektiven betrachtet schillern. Dass sie einfach so ein Album raus hauen, dass nicht einfach so im Netz versauern sollte.

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MM/KM „s/t“ (The Trilogy Tapes)

Bothers, keine Frage. Mix Mup und Kassem Mosse haben wieder gemeinsam an den Knöpfen gedreht. Und dabei ist dieses Mal ein Mini-Album heraus gekommen.

Unglaublich, welchen Stellenwert der Sound von Kassem Mosse in Großbritannien genießt. Nicht, dass es hier groß anders wäre. Aber irgendwie scheint die UK-Verbindung besonders zu sein. Das Fact Magazine verkündete noch im Februar den Release von „MM/KM“ mit leuchtenden Worten. Und auch die bisherigen Platten auf Doldrums und Nonplus zeugen von einem speziellen Zugang für die harsche Sehnsucht von Kassem Mosses Tracks.

Nun also eine Platte bei The Trilogy Tapes, dem Label von Will Bankhead, der als Grafiker seine visuellen Spuren auf zahlreichen großen Platten hinterlassen hat. Sein eigenes Label ist ein Sammelsurium für Obskures – Noise, rough geschnittener House oder psychotische Disco-Tracks. Im Herbst 2010 tauchte Kassem Mosse das erste Mal mit einem Live-Set bei Trilogy Tapes auf.

Die EP mit Mix Mup schließt den Kreis zwischen den beiden bereits bekannten Polen der beiden. Einerseits super reduzierte House-Skizzen wie sie auch schon auf der Gemeinschaftsplatte von Mikrodisko und Kann zu hören waren, andererseits den abwegigen, experimentellen Geist, den Mix Mup und Kassem Mosse mit ihrem Projekt Chilling The Do ausleben.

„MM/KM“ hat beides in abgeschwächter Form. Sie schätzt den Dancefloor und bringt ihn zugleich ins Wanken. Gerade, gebrochen, schwelgende Synths, scharf rasselnde Hihats – es sind sechs Tracks mit angenehmen Leerstellen und einem brüchigen, durchaus schwermütigem Funk, wie er in dem lithografischen Cover auch optisch rüberkommt. Tracks, deren einzelne Töne mehr erzählen können, als eine ganze Pre-Set-Sound-Datenbank.

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Aloo „Klangbild“ (Astor Bell)

Und wieder Thüringen, und wieder etwas zu spät. Mit Aloo bringt ein weiterer Thüringer Producer neuen Input nach Leipzig. Seine aktuelle EP sollte man noch einmal hervorkramen.

Etwas zu spät ist wirklich untertrieben – „Klangbild“ kam schon im Januar 2011 bei dem Stockholmer Netlabel Astor Bell heraus. Doch erst vor wenigen Wochen kam ein beiläufiger Tipp auf die EP, dann die Auftritte neulich im Elipamanoke und Pferdehaus. Und schließlich lag sie noch ein paar Wochen hier rum.

Nun also in Rotation. Sechs Stücke, die viel vom einstigen IDM-Vibe von vor zehn Jahren atmen. Bis auf „TreiToTrei“, den locker tänzelnden House-Opener. Der Rest sind relativ kurze Electronica-Stücke, mit vielen Schichten, elegischer Dichte und teilweise auch ordentlich aufgetragener Poesie.

Am eindrücklichsten in diesem Fünfklang ist „Arabinu“ mit seiner fast schon dubsteppigen Schärfe am Anfang und den langsam erhebenden Synth-Wolken im späteren Verlauf. In Sachen Pathos lässt „Harmonium Pump“ keine Gelegenheit aus – orchestrale Passagen, einsam angestrichenes Cello.

Aloo kommt aus Erfurt, war viel im Drum’n’Bass unterwegs und lebt nun in Leipzig. Die EP auf Astor Bell ist bislang die einzige und kann ruhig auch erst ein Jahr später entdeckt werden.

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Connwax 01 (Connwax)

Hardwax-Style in Connewitz – heraus kommt Connwax. Ein neues Label, das mit seiner ersten EP den Resonanzraum von Techno auslotet.

Ende November gab es eine gleichnamige Party. Jetzt also ein ganzes Label. Seit Februar ist die erste Platte draußen. Dub geerdeter, deep schwingender Techno von Eduardo De La Calle ist darauf gepresst. De La Calle, Ende 30, ist ein kosmopolitischer Spanier, der im letzten Jahr einen beängstigend hohen Output hatte. Gut ein Dutzend EPs kamen 2011 allein auf seinem eigenen Label Analog Solutions heraus.

Die Connwax-Verbindung bleibt verschleiert. Auf der Website keine Infos. White-Label-Label-Politik in Reinform, ähnlich den verschwommen Hardwax-Mythen. Statt Hardwax scheint aber Clone den Vertrieb zu übernehmen.

Und wahrscheinlich ist es auch genau richtig. Denn einerseits fällt der Fokus in solchen Fällen automatisch stärker auf die Musik, andererseits kann man sich ebenso selbstständig auf eine so allseits reizvolle Mythenbildung einlassen. Den Kontext zu Eduardo De La Calle kann man sich übrigens sehr umfassend auf seinem Soundcloud-Profil erschließen. Alle Stücke seiner Labels sind dort vollständig im Stream.

Connwax Website
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Wooden Peak „Lumen“ (Analogsoul)

Peaktime im Februar – aus Holz geschnitzt. Aber auch für Analogsoul gibt es einen neuen Peak: denn mit „Lumen“ von Wooden Peak veröffentlicht das Label erstmals auf Vinyl.

Die Geschichte an sich hat auch etwas Kurioses. Denn „Lumen“ ist schon im Mai 2011 veröffentlicht worden. Auf CD und MP3. Mehr als ein halbes Jahr später folgt das Vinyl. Mutig. Aber bestimmt eine super Erfahrung für ein Label, dass mit CD-Rs und Net-EPs angefangen hat.

Ich muss zugeben, dass ich Wooden Peak bisher nur rudimentär im Blickfeld hatte. Soviel organische Jazz-Arrangements hatte ich aber nicht erwartet. Auch wenn Jazz bei dem Duo nur als Gerüst genutzt wird. „Lumen“ ist weit weg von der klassischen, immer etwas prätentiösen Jazz-Attitüde.

Die Arrangements sind offen gehalten, instrumentiert in einem schlichten, post-rockigen Sinne – Gitarre, Bass, Schlagzeug. Plus Gesang und spartanisch eingesetzter Elektronik. Eine Killerzusammensetzung also, wenn es um ein minimalistisches Musikverständnis geht. An einigen Stellen fehlt aber die Reibung, da sind die Details zu lieb.

Doch die vielen kleinen Unvorhersehbarkeiten im Aufbau der Stücke bescheren einige sehr schöne Momente. „Lumen“ als Stück ist herrlich slim gehalten, mit einer still abdriftenden zweiten Hälfte. Und „Much Better Land“ ist formvollendeter Electronica-Pop – oder Indietronic, wie es einmal hieß. Und jetzt mit echtem Knistern zwischen den Tönen.

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Here Is Why „HRSY“ (Riotvan)

Doppel-Debüt – für Here Is Why und Riotvan gleichermaßen. Es kursierte ja schon lange. Nun ist es also wirklich draußen: „HRSY“. Und es hält das Versprechen der Single.

Ende Januar kam ja schon „Waiting For The Sun“ als Vorgeschmack heraus. Wenig später das dazugehörige Video. Und auf „HRSY“ gibt es nun noch zwei weitere Songs von ähnlichem Hit-Kaliber. „Standing On The Mountain High“ und „Heaven Does Know“ zeigen Here Is Why von ihrer schillernden, tänzelnden Seite. Breite Synthie-Flächen, unglaubliche Hooks.

Doch das Album, das mit seinen acht Stücken eher eine pralle EP ist, hat noch ganz andere Ecken. Stillere und mit dunklerem Lidstrich. Mit Mikeshs verzehrter Stimme bei „Room“ und einer schneidend-direkten Reduziertheit bei „Mittens“. Der Hit neben den drei offensichtlichen Hits ist aber „The Show“.

Hier wird am deutlichsten, was für eine emotionale Kraft hinter einem Refrain-Part stecken kann. Und im Prinzip ist alles ab der zweiten Hälfte ein großer Refrain in diesem Stück. Die sich aufbäumende Wehmut im Gesang, die sakralen Keyboard-Chords, der düster-schraubende Bass – das müssen House, Techno & Co passen.

„HRSY“ klingt insgesamt wie ein lange überfälliger Befreiungsschlag. Und überblickt man den Werdegang von Good Guy Mikesh, dann konnte ihm nichts Besseres passieren, als sein einstiges 1-Mann-Projekt zur Band aufzustocken. Mit Gregor an den Synthesizern, Markus am Schlagzeug und als großen Katalysator hinter den Kulissen und Linda am Bass.

Nach all den Hürden um Mikeshs Solo-Album strahlt „HRSY“ eine geerdete Erhabenheit aus. Vielleicht liegt es auch an dem kompletten Engagement, das nun dahinter steckt: Riotvan wächst zum Label, eine Release-Tour durch Deutschland folgt. Beseelt klingt nach Kitsch, aber dieses Wort kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn ich gerade an Here Is Why denke.

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Grüße aus Darkonia

Mit gleich zwei neuen Releases startet Juno6 in dieses Frühjahr. Einmal dark, einmal deep, einmal for free, einmal auf Vinyl.

Bei Stretchcat, dem House-Hub von Statik Entertainment bespielt Juno6 die vierte Katalognummer. Damit ist nach Daniel Stefanik und Sven Tasndi das Oh! Yeah!-Trio einmal komplett bei Stretchcat in deepe Gefilde abgetaucht. Wobei Juno6 damit kein unerforschtes Terrain betritt. Bei Freude Am Tanzen kam er zuletzt mit sehr smartem Pop und klassischem Deep House hervor.

Auf seiner Stretchcat-EP, die in den kommenden Tagen erscheinen wird, geht ebenso lässig zu. In einem sehr angenehmen, leicht dreckigen Sinne. Die Bassdrums und Claps stolpern etwas, die Deepness und Vocals bleiben angeteast, die Breaks schlagen nur ganz sanfte Wogen. Alles ist wohldosiert, in analoge Wärme getüncht. Ein Track, wie er auch bei Kann gut passen könnte.

„Psycho Girl“ ist weniger neurotisch, als der Titel vermuten lässt. Eher schnarrend als sanft, mit mächtiger Funk-Bassline. Sehr schön auch, wie sich nur ganz kurz ein hell strahlender Synth-Chord den Weg bahnt und eigentlich nur den etwas rougheren Part des Tracks einleitet. Wie gesagt: da ist angenehmer Dreck im Sound.

Überraschender aber fällt seine dritte EP für Broque aus. Da ist noch mehr Rohheit in den fünf Tracks. Zwischen Techno und Ambient bewegen sich die Stücke – in einer sehr historisch ausholenden Weise. Da schwingt der futuristisch geprägte Forscherdrang mit. So wie man sich das als Zuspätgeborener eben vorstellt. Riesige Geräte, kosmische Sounds, psychedelisch und tight.

Neben „Sub Rosa“ und „Deadlock“, die sehr klar zum Stroboskop-Dancefloor tendieren, kommen „Chain“, „Darkonia“ und „State Of Flux“ mit mehr Crisp, mehr Kanten, mehr Abwegigkeit. Gerade bei „Chain“ ist einiges von der Chain Reaction- und Rhythm & Sound-Energie zu spüren.

Ich will gar nicht wieder mit diesem Format-Hack anfangen, aber manchmal verstehe ich nicht, weshalb solch wichtige Veröffentlichungen es nicht ins Schallplattenpresswerk schaffen. Wie auch immer: hier ist es kostenlos in bester MP3-Qualität zu bekommen.

Juno6 Website
Broque Website
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Pentatones „The Devil’s Hand“ (Lebensfreude Records)

Es könnte das Frühjahr der Alben werden. Erst Micronaut, nun auch Pentatones. Mit einem ähnlich vielseitigen Werk.

Im letzten Herbst gab es mit der Single-Auskopplung zu „The Devil’s Hand“ einen ersten Eindruck auf das Pentatones-Album. Und abgesehen von einer EP auf dem Netlabel Homebody und einer selbstvertriebenen CD-R ist „The Devil’s Hand“ quasi die Nullstunde für alles, was nun folgen könnte. Live passiert bereits enorm viel – opulentes Licht, große Inszenierung. Mit dem Album wird diese Breitwand-Erfahrung nun auch zuhause erfahrbar.

Pentatones sind klar im Pop verwurzelt. Auch wenn sie die klassischen Strukturen immer wieder aufbrechen und dem Electronica sehr sehr nahe stehen. Doch Dehlias Stimme nimmt sich ihre eigene Präsenz – egal was dahinter laufen würde. In einem weniger experimentierfreudigen Kontext wäre der Gesang wahrscheinlich zu clean. So ist der Kontrast aber überaus reizvoll.

„The Devil’s Hand“ als Album löst denn auch das Versprechen der Single ohne Zweifel ein. Gezehrte Songs, teilweise still, teilweise mit ungewohnter Rave-Note. „On Our Own“ strahlt besonders hell – obwohl es so dunkel anmutet. Und auch so widersprüchlich. Einerseits hat es super reduzierte, intensive Momente, andererseits peitscht es sich später phasenweise enorm hoch.

„The Devil’s Hand“ zeigt insgesamt aber mehr noch die Vielseitigkeit der Pentatones auf – bei „I Am Facermarker Pt. 2“ schimmern Jahtari-Chords hervor, bei „Determiner“ ein ganzer Tuba-Satz und „This Is An Ocean“ schließt das Album mit einer amtlichen Ballade. Überall ist es aber vor allem die unberechenbare Dramaturgie mit ihren Wendungen, die den Sound bestimmt. Weit sind sie damit von Micronauts Ansatz gar nicht entfernt.

Pentatones Website
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Bassblick

Neonlight, Alphacut Records, Wintermute – einiges ist in den letzten beiden Monaten abseits der geraden Bassdrums passiert. Eine kleine Zusammenfassung.

Alphacut Records kommen ja bei frohfroh doch – wenn auch immer etwas verspätet – regelmäßig vor. Bei Neonlight war das bislang anders. Und dass obwohl Jacob Thomser und Tobias Jakubczyk quasi die Matthias Tanzmann des Leipziger Drum’n’Bass sind. Allein in diesem Frühjahr bespielen die beiden Clubs zwischen Prag und Tokyo. Auch die Diskografie erweitert sich kontinuierlich seit gut drei Jahren.

Jüngste Ergänzung sind zwei digitale Re-Releases von EPs, die auf Vinyl bereits rauskamen. In einem Monat soll „Perpetuum Mobile“ rauskommen – eine Gemeinschaftsarbeit von Neonlight mit den Leipzigern sH1 und Wintermute. Ein mächtig pumpendes Stück. Mächtig scheint bei Neonlight aber immer alles zu sein. Demnächst dann mehr. Schon jetzt gibt es einen Teaser zum Reinhören.

Wintermute wiederum verhalf einem neuen Label aus Berlin Ende Dezember zum Start – Katakis Recordings veröffentlichte seine „Out Of Scale“-EP. Und sie scheint in vier Tracks ein möglichst breites Spektrum zwischen düsteren Momenten und Pop aufzeigen zu wollen.

Zwischen „Clouds“ und „Out Of Scale“ liegen zumindest Welten. Stiller Hit ist aber „Cell Cycle“ – und zwar in seiner so unprätentiösen, in sich ruhenden Art. Bei „Lukumo“ ist auch Audite im Studio mit dabei gewesen. Insgesamt etwas glatt.

Bei Alphacut Records schafft es nach längerer Zeit wieder ein Leipziger Producer auf LXCs Schneidetisch. Lowcut (Foto) gelangt auf Alphacut 26 mit „Therapist“ der Sprung raus aus der Soundcloud. Zu Recht. Das schnarrende, lange Intro, die fein sezierten Beats, die gespenstisch runter gedimmten Breaks und die sich langsam hoch pushende Steigerung. Sehr schön, sehr dicht.

Parallel & Tim Reaper schießen mit „Vega“ dagegen wild um sich, erstaunlich trocken. Ohne mächtige Bassline. Brandon Burger vom losen NSF-Haufen und Reaper, ein 17-jähriger Spund aus London, stecken hinter dem Track.

Auf der Alphacut 25 war auch schon ein Track von Parallel dabei. „Parastic Oscillations“ lebt von seinen leicht übersteuert klingenden Basslines, die auf eigenartige Weise melodiös sind. Zusammen mit Relapse aus Großbritannien entstand dieses Stück.

Und dann noch Scale aus Kirchheim mit seinem Vinyl-Debüt. „Secret Sun“ heißt der Track und er ist ein fast schon prototypischer Alphacut-Track. Angedunkelt, mit Funk versehen und einfach losgelassen.

Neonlight Website
Wintermute Facebook
Alphacut Records Website

Digital Digital

Freude am Tanzen hat ihn schon, einige andere Labels sicherlich auch – ihren eigenen Digital-Ableger. Nun zieht Moon Harbour nach und launcht Moon Harbour Digital. Dan Drastic erklärt die Hintergründe.

Vielleicht ist es müßig, dieses Vinyl-Digital-Ding immer wieder raus zu holen. Aber sich ganz kann man sich ihm nicht entziehen, dafür ist die Transformation einfach zu spannend. Und so stellt auch der Digital-Ableger von Moon Harbour eine weitere Wegmarke dieser Phase dar, an deren Ende das Vinyl noch stärker als jetzt zum Liebhaberobjekt avancieren dürfte. Wir wollten mehr wissen zu Moon Harbour Digital und fragten Dan Drastic.

Hat der Digital-Markt in den letzten Monaten noch einmal rasant an Fahrt gewonnen, oder was hat euch davon überzeugt einen reinen Digital-Ableger von Moon Harbour zu starten?

„Der Digitalmarkt wird in der Tat immer wichtiger. Wir bieten ja schon seit einiger Zeit unsere Releases zum gleichen Zeitpunkt auf Vinyl und digital an. Die Entscheidung einen reinen Digitalableger zu starten, stand schon länger im Raum.

Und es geht dabei auch darum, die Release-Dichte etwas zu erhöhen, da die Vinylherstellung alles in allem doch recht lange dauert und man mit einem Digitallabel etwas flexibler und schneller releasen kann. Die Digital-Releases werden qualitativ gleichberechtigt zu Moon Harbour behandelt, es wird definitiv kein ‚B-Waren Label‘ werden.“

Soll es musikalisch eine Differenzierung zwischen Moon Harbour und MHD geben?

„Die ersten drei Releases, die in den nächsten Monaten rauskommen werden, haben schon den typischen Moon Harbour-Sound. Die erste EP von Arado & Marco Faraone konzentriert sich mehr auf die toolige Seite unseres Sounds.

Ähnlich wie auch das zweite Release von ONNO aus Amsterdam. Die dritte Veröffentlichung kommt von den Australiern Nil By Mouth und wird auch recht deepe Stücke beinhalten. So richtig festgelegt ist da noch nichts.“

Bei Freude am Tanzen ist das Digital-Sublabel die Newcomer-Plattform – ist das für euch auch so denkbar?

„Im Moment haben wir drei Digital-Veröffentlichungen von Arado, Marco Faraone, ONNO und Nil By Mouth in Arbeit. Im Grunde sind das alles schon gestandene Produzenten und keine Newcomer mehr. Der Plan ist aber schon, auf dem Digital-Label zudem mehr Tracks von Newcomern zu veröffentlichen. Auch Tracks von Künstlern, die nicht zum festen Stamm von Moon Harbour gehören.“

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Arado & Marco Faraone landeten im Herbst 2010 bereits bei Moon Harbour auf Vinyl. Damals gab ich die voreilige Prognose ab, von dem deutsch-italienischen Duo wahrscheinlich nichts weiter auf Moon Harbour zu hören – zu sehr klang das A-Seiten-Stück „Strange Neighbours“ nach schnell nach gepresstem Sommerhit. Okay, Fehlanzeige.

Arado & Marco Faraone starten Moon Harbour Digital mit vier Tracks. Tatsächlich sehr toolig – so wie es Dan Drastic oben ankündigt. Aber irgendwie haben sie auf der „Goodfellas EP“ doch mehr Biss als 2010 – vielleicht liegt es daran, dass sie beide einzeln mit je zwei Tracks auftreten und nicht als Duo. Die höchst präsente Art, wie bei allen Stücken mit den Vocals umgegangen wird oder die ungewohnt schroffe Straightness bei „New Life“. Hier gewinnt der Moon Harbour-Sound überraschend an Kanten, ohne seine eigentliche Erdung aufzugeben. Wow.

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Connwax, Elipamanoke, Tür-Testing und mehr

Das Elipamanoke zieht um, in Leipziger Innenstadt-Diskos werden Migranten diskriminiert – zwei von sechs Neuigkeiten.

Nicht nur Riotvan gründet sich 2012 als neues Label. Es gibt weiteren Nachwuchs in der Stadt: Connwax. Neulich gab es schon eine gleichnamige Party, jetzt also eigene Platten. Demnächst mehr dazu bei frohfroh.

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Dass die Tage in der Zschocherschen Straße gezählt sind, war klar. Nun hat das Elipamanoke eine neue Adresse sicher und baut bereits fleißig an der neuen Location in der Markranstädter Straße 4. Da wo das alte Superkronik war. Am 23.3.2012 wird eröffnet. Wir sind gespannt.

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Das Antidiskriminierungsbüro Sachsen und das Referat Ausländischer Studierender der Universität Leipzig haben die Ergebnisse ihres Disko-Tür-Testings vom Oktober 2011 am vergangenen Freitag veröffentlicht – in sechs von elf getesteten Innenstadt-Läden kamen die Tester mit Migrationshintergrund nicht rein. Aus verschiedenen Alibigründen. Die deutsch aussehenden Tester hatten keine Probleme an der Tür. Das Protokoll hält einige gruselige Stellen bereit.

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Ominira, das Label von Kassem Mosse, reagiert auf die Spekulationsblase, die sich mit der ersten 12″-EP ergeben hat. Bei Discogs ist die Platte nicht mehr unter 30,- € zu bekommen. Das hätte wohl eher mit Spekulation als mit Künstlersupport zu tun, heißt es. Und so wird die Platte demnächst nach gepresst. Ätsch. Ansonsten steht als nächste Veröffentlichung eine Zusammenstellung von Stücken der Band Molto an.

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Neue Remixe: Ron Deacon macht „Under Sleeve“ von Oren Bi zu einem deepen Manifest. Marko Fürstenberg ist auch noch da als Remixer. Und Nu Disko-Held Pwndtiac hat vor gut einem Monat schon „Place Of Love“ von Good Guy Mikesh & Filburt Beine gemacht.

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Vorausschau: Mit Sinwald gibt es Ende April ein neues Festival für Musik und Performance. Klingt viel versprechend.

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In eigener Sache: wer die Cover der Leipziger Platten und digitalen Releases einmal in gebündelter Pracht sehen möchte, kann unserem Pinterrest-Account gern folgen. Der soll zu einer kleinen Werkschau der hiesigen Covergestaltung wachsen.

Udo Blitz „Salamitaktik“ (Oh! Yeah!)

Oh! Yeah! ist auf dem digitalen Wege also wieder voll am Start. Nach der Comeback-Compilation neulich folgt nun das Debüt von Udo Blitz – jenem neuen viel versprechenden Zögling.

Erinnert euch mal: auf der 05 gab es diesen schrägen Track namens „Drunken Talk“. Weird und deep zugleich. Und genauso gibt sich auch „Salamitaktik“, die erste komplette EP von Udo Blitz. Newcomer, Fake oder was auch immer – auf jeden Fall steckt in den vier Tracks ungewohnt viel Funk für Oh! Yeah!. Dass Udo Sachse sein muss, lässt sich zum Ausklang von „Sick Men“ nicht überhören. Funkgitarre, Querflöte, laszive Bassline und ein sickes Lachen von einem verdrehten Typen bestimmen vorher den Sound des Tracks. Ironie auf dem Dancefloor scheint gerade ein großes Thema zu sein.

„Roter Kobold“ wirkt mit seiner Geradlinigkeit und den Detroit-Claps dann fast wie ein Fremdkörper auf der EP. Leicht, verträumt und mit einem dezenten Schub. Doch auch hier ziehen spleenige Soundschleifen ihre Kreise. Sehr kompakt und ausgewogen. „Soufle“ spielt mit einer ähnlichen Verspieltheit, jedoch gedämpfter im Tempo und teilweise krautig in den Sounds. „Basstard“ dann slicker, elektronisch tiefer gelegter HipHop. Ohne Worte, ohne Goldkette.

Wahnsinn, welches Feld Udo Blitz mit dieser EP öffnet – fast wie Cuthead aus Dresden, der ebenso mühelos zwischen ambitioniertem HipHop, Funk und klassischem House switcht und dabei das verschmitzte Grinsen nicht ganz verbergen kann. Ein wenig erinnert der Ansatz auch an „Jenz Lutz“, die Pop-Platte von Juno6. „Salamitaktik“ kann also im selben Fach liegen – wenn es sie denn als Vinyl geben würde. Bei dem neuem Coverstyle von Oh! Yeah! wirklich ein Jammer.

Oh! Yeah! Website
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