Daniel Stefanik „Dambala Experience #2“

Daniel Stefanik baut seine Dambala Experience-Serie weiter aus. Wieder mit drei experimentelleren Tracks. Und wieder auf einer dunkelrot eingefärbten 10″-Platte.

Es war also nicht nur ein einmaliger Ausflug weg von den Tanzflächen. Vor genau einem Jahr überraschte Daniel Stefanik mit dem ersten Tei der „Dambala Experience“ – im anschließenden Sommer wurden die Stücke dann tatsächlich auf Vinyl materialisiert.

Jetzt also die Fortsetzung. Und bei genauerem Hinhören, ist der Dubstep-Einschlag des Debüts mehr einer Ambient-Note gewichen. Die Sounds fallen ausgedehnter, elegischer aus. Vielleicht schwingt da der ein oder andere Einfluss von Sensual – dem Ambient-Projekt von Juno6 und Daniel Stefanik – mit.

Bei „#4“ wird dies ganz deutlich – im zweiten Teil des 12-Minuten-Epos faden die vorher schleppenden, schweren Bassdrums einfach aus. Es bleiben hypnotisch ineinander verwobene Synthesizer-Sounds zurück, ganz ihrer eigenen Dynamik überlassen. Auch bei „#5“ quellen irgendwann orchestrale Ambient-Flächen hoch. Im Hintergrund, wie aus der Ferne zu hören, strauchelt ein skizzierter Rhythmus und ein Chor-Sample. Ein wenig wie der verwackelte Blick mit der Lupe auf eine abstrakte Miniatur.

„#6“ ist in seiner Rhythmik am geradlinigsten und druckvollsten. Ein klassisches Electronica-Stück, mitten im Spagat zwischen Dissonanz und warmen Wohlklang. Kopfhörer-Musik. Aber warum eigentlich? Wann gibt es endlich eine langfristig kuratierte Ambient- und Electronica-Reihe in Leipzig?

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Die Schwingung unter der Gänsehaut

Der zweite ist der erste Verlierer – doch manchmal erregt die Nummer zwei mehr Aufsehen als der Gewinner. Im Fall von Subkutan geschah genau dies. Grund genug, ihn mit einem Interview näher vorzustellen.

Von wegen Techno ist tot. Neu aufgerappelt hat sich das Genre. Und salonfähiger ist es geworden. Man erinnere sich nur an die heroischen Retrospektiven zum 20-jährigen Jubiläum. Der Gasmasken-Karneval ist weitgehend verschwunden, okay. Subkutan (eigentlich geschrieben mit einem verdrehten „k“) ist ebenso geflasht von dieser im Tempo zurück genommen Rohheit und der zugleich tief sitzenden Melancholie. Obwohl er musikalisch aus einer ganz anderen Ecke kommt.

Mit seinen Sets hat der Wahl-Leipziger eine Menge Leute auf den Tanzflächen beglücken können – und dass brachte ihn im Kickstart auf Platz 2 des Leserpolls 2011. In der Attitüde ist er jedoch ganz Oldschool – keine direkten Fotos, kein Name. Also genauso, wie Techno anfangs dem Pop-Gestus entgegenwirken wollte. Wir sind ganz Ohr!

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Platz 2 beim Leserpoll 2011 – völlig überrascht oder hast du insgeheim doch ein wenig damit gerechnet, da in den Top 5 aufzutauchen?

„Ich wohne ja erst seit einem knappen Jahr in Leipzig und hatte den Leserpoll zunächst gar nicht so auf dem Schirm. Dann haben mich Leute darauf angesprochen und durch das positive Feedback habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, da vielleicht irgendwo aufzutauchen. Mit einem zweiten Platz hätte ich jedoch nicht gerechnet. Das hat mich schon total überrascht und sehr gefreut.“

Bitte erzähle mal ein wenig zu deinem Background – wo kommst du her, wo bist du musikalisch verwurzelt, mit wem fühlst du dich kulturell verbunden?

„Also die letzten Jahre habe ich in Erfurt verbracht und war dort im besetzten Haus auf dem ehemaligen Topf & Söhne-Gelände aktiv. Dort gab es auch irgendwann Partys mit elektronischer Musik, aber eigentlich liegen meine musikalischen Wurzeln im Punk und im Industrial. Zu Techno hatte ich anfänglich noch keine positiven Bezugspunkte. Zu meiner Schulzeit in der ostdeutschen Provinz dominierten oft Nazis die Technopartys, weshalb diese Veranstaltungen für Kids mit bunten Haaren oder anderweitig nicht ins Raster passende Leute tabu waren.“

Wie fand Techno dann trotzdem zu dir?

„Erst in so einem subkulturellen und ganz klar nazifreien Rahmen wie dem besetzten Haus wurde das auf einmal möglich. Und es hat einen Riesenspaß gemacht. 2009 wurde das Projekt mit einem Großeinsatz von der Polizei aber geräumt – die klaffende kulturelle Lücke konnte danach nicht mehr geschlossen werden. Also wurde es Zeit wegzugehen.“

In Erfurt hat sich in der Zwischenzeit aber auch einiges getan, was House und Techno angeht. Trotzdem war die Luft nach der Räumung des besetzten Hauses raus?

„Klar. Es gibt ja auch eine – wenn auch übersichtliche – Anzahl an Clubs in Erfurt. Und es gibt Produzenten, Labels und sogar noch zwei Plattenläden. Allerdings fehlt seit der Räumung ein Ort für unkommerzielle Kultur. Ein Ort, wo auch Musik gespielt wird, die jenseits des Mainstreams liegt. Das war für mich ja letztlich das interessante daran. Es gab auch Versuche die Lücke zu schließen. Doch vor zwei Jahren bekam man in Erfurt von den Verantwortlichen nur Steine in den Weg gelegt. Kaum eine unangemeldete Party, die nicht von der Polizei vorzeitig aufgelöst wurde.“

Subkutan, beschreibt das Gewebe unter der Haut – hat der Name für dich mehr Bedeutung als nur ein DJ-Pseudonym?

„Eine Bedeutung ist, dass mich selbst nur Musik bewegt, die mich wirklich anrührt – die unter die Haut geht. Und das möchte ich natürlich auch bei Leuten erreichen, für die ich auflege. Nichts freut mich mehr als die sogenannte ‚Gänsehaut‘. Allerdings mag ich es nicht, wenn die Musik Gefühl vorschreibt, wenn man mir auf der Tanzfläche quasi verordnet, wann ich die Arme in die Luft reißen soll. Deshalb mag ich melancholische oder auch düstere Musik. Ich kann dabei die ganze Welt hassen, genauso gut kann ich aber auch glücklich dabei sein.“

Mit deinem Sound bist du in der House-Hochburg Leipzig ungewohnt straight. Wie geht es dir damit hier?

„Stimmt – auch von außen hatte ich Leipzig als House-Hochburg wahrgenommen und war sehr gespannt, wie sich hier alles entwickeln würde. Weil es eigentlich überall, wo ein Stil eine Dominanz entfaltet, auch Leute gibt, die sich über andere Akzente freuen. Dabei versuche ich aber nicht in Kategorien wie ’straight‘ zu denken. Und es gab ja hier auch zahlreiche Anknüpfungspunkte für mich – auch vom Sound her. Institut für Zukunft oder die ehemalige Homoelektrik-Crew, um nur zwei zu nennen.“

Du bist auch Resident der Vertigo-Reihe – ist das ein Techno-Refugium für Leipzig?

„Vertigo soll eine Party sein, auf der auch Abseitiges seinen Platz hat. In diesem Sinne ist es natürlich ein Refugium, es geht um dystopischen Techno, aber nicht nur das. Auf unseren beiden Veranstaltungen im letzten Jahr gab es auch immer einen Experimental-Floor mit Dupstep, Noise oder Circuit-Bending. Es ging und geht auch um den Versuch, mit Geschlechter-Identitäten zu spielen und natürlich auch um Provokation: Die Fetisch-Performances haben viel Zustimmung erfahren – manche aber auch geschockt. Das ist gut, das bleibt hängen und stößt vielleicht eine Auseinandersetzung an. Momentan suchen wir gerade wieder nach einem geeigneten Veranstaltungsort. Es ist nicht einfach, eine geeignete Location mit zwei Floors zu finden.“

Auch wenn es vielleicht etwas kurz greift – aber ich verbinde diesen düster-trockenen Sound deiner Sets stark mit Berlin, mit Marcel Dettmann, Shed, Mike Dehnert, Sandwell District, den neueren Hotflush-Sachen. Welche Rolle spielt der Techno aus Berlin für dich persönlich?

„Ich würde nicht sagen, dass es ein typischer Sound aus Berlin ist. Überall auf der Welt wird solche Musik produziert. Aber natürlich ist das Berghain ein ungemein wichtiger Referenzpunkt geworden. Auch für mich. Ich glaube manchmal, erst durch das Berghain habe ich diese Musik richtig verstanden. Und es waren nun mal vor allem die Berghain-Residents, die als erste die Geschwindigkeit zurückgenommen haben.

Der Sound ist nach wie vor hart, aber er hat die Hektik von einst verloren – das hat mich angesprochen. Insofern spielt das für mich schon eine Rolle. Ich möchte meinen Blick aber auch nicht so einschränken – es gibt noch so viele andere Stellen, an denen man sich Inspiration holen kann. Im Ambient zum Beispiel.“

Produzierst du eigene Tracks?

„Ich habe angefangen zu produzieren. Doch solange ich damit noch nicht rundum zufrieden bin ist es erstmal nur für meine eigenen Ohren bestimmt.“

Mit Aequalis hast du mit anderen DJs euer Booking selbst übernommen – wollt ihr unabhängig bleiben?

„Aequalis haben Club Malte und n.akin aus der Traufe gehoben, aber wir machen das alles schon gemeinsam. In erster Linie geht es darum, n.akin, club malte, perm (aka bartvogel), mir und in Zukunft vielleicht noch weiteren Artists Bookings zu organisieren bzw. das Ganze ein bisschen zu strukturieren. Es geht gar nicht in erster Linie um die Unabhängigkeit sondern um den Vorteil den es hat, wenn man sich gemeinsam um Bookings kümmert und sich gegenseitig unterstützt.“

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Various Artists „Various Two“ (Rose Records)

Besser hätte der Start für Rose Records im letzten Jahr nicht verlaufen können. Und dass mit nur einer Platte. Es dauerte aber auch nicht lange, bis die Nummer 2 folgt.

Unglaublich, wie konsequent das Rose-Producer-Trio um M.ono, Luvless und Martin Hayes die Disco-Glitzer-Flagge der Achtziger hochhält – noch einmal ganz anders als Here Is Why oder MHYH. Originärer auf den Disco-Floor geeicht. Mit all seiner überzogenen Künstlichkeit und der lässigen Eleganz. Luvless ist dabei derjenige, der der House-Gegenwart noch am nächsten ist. Und selbst bei seinem „Come On Closer“ sticht eins dieser pathetischen Vocals tief ins Eightees-Mark.

M.ono und Martin Hayes dagegen? Voll im Pop-Himmel. Mit großen Soul-Gesten bei „Marble Hill“ und Power-Pop bei „How To Dance“. Doch es sind ja nicht nur die Vocals, die hier alles so deutlich einfärben. Auch die Synthies, die Basslines und Drums schlagen sehr exakt in dieselbe Kerbe. Bestimmt ist die Sample-Trickkiste bei allen Dreien groß.

Doch auch diese zweite EP von Rose Records ist eine tiefe Verbeugung für eine Zeit, die wahrscheinlich heute glamouröser scheint als sie tatsächlich war, die aber noch genügend Sehnsüchte nach dem großen Glücksversprechen freisetzt – Vinyl only nebenbei erwähnt. Und die Ernsthaftigkeit, mit der M.ono, Luvless und Martin Hayes sich damit auseinander setzen, ist ohne Zweifel beeindruckend. M.ono hat übrigens auch ein neues Rose Tape zusammengestellt.

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Micronaut „Friedfisch“ (Acker Records)

Der Name Micronaut geisterte schon ab und an hier durch die Zeilen. Bislang nur als Remixer bei einigen Analogsoul-Veröffentlichungen. Auf Acker Records debütiert der gebürtige Rostocker mit einem raumgreifenden Album.

„Außerhalb der Norm tanzen“, ist als Motto von Micronaut immer wieder zu lesen. Das klingt vielleicht etwas hochgestochen, trifft es aber letztendlich doch. Denn so episch und angeschrägt kommen Electronica, Indie und der Dancefloor selten zusammen. Bei Talking To Turtles und A Forest legte er bereits Hand an. Jetzt also das Debüt-Album.

Dass Stefan Streck in Leipzig gelandet ist, ist dabei mehr Zufall als bewusste Entscheidung. Neubrandenburg sei auch toll, meint er. Auf jeden Fall weg von der Ostsee – das war das Fernweh-Gefühl nach einem Urlaub. Mit gebracht hat er seinen musikalischen Fuhrpark, der jene Mini-Sinfonien erst möglich macht. Der Heimat bleibt er mit Acker Records aber weiter verbunden.

„Friedfisch“ zeigt eine überaus positiv gestimmte Electronica-Variante auf.

Mit groß ausholenden Harmoniebögen, Gitarren, geraden und brüchigen Beats. Nicht mal vor einem dieser monströsen Goran Bregović-Chöre macht er bei „Karpfen“ Halt. Die sonst so präsente Introvertiertheit und ernste Miene der IDM-Nerdigkeit bleibt einfach außen vor – ohne dass es zur Wohlfühlmusik verkommt.

Allerdings kann es auch schon zu überladenen Momenten kommen – aber hey, hier beschreibt sich jemand nicht umsonst als Ein-Mann-Orchester. Teilweise wagen sich die Stücke dann auch offensiver auf den Dancefloor, etwa „Hasel“, „Rotfeder“ oder „Mairenke“. Überhaupt die Titel: tolle Fische allesamt.

Angeblich entstehen Micronaut-Stücke immer zuerst an der Gitarre – Streck hat auch eine Grindcore- und Emo-Vergangenheit. Danach fließen die wilden Ideen aus anderen Sounds zusammen, werden gebrochen, neu geordnet oder dem zufälligen Eigensinn überlassen. In jedem Fall hört man eindeutig heraus, dass Stefan Streck nicht die klassische Club-Sozialisation durchlebt hat. Auch wenn „Friedfisch“ sicherlich nicht in Leipzig entstanden ist – wir müssen diesen Typen hier halten!

Here Is Why „Waiting For The Sun“ (Riotvan)

Jetzt, jetzt – Riotvan wird zum Label und Here Is Why nehmen mehr und mehr Form an. Als Vorhut zum Debüt-Album erschien jetzt eine digitale Vorab-Single mit Marbert Rocel-Remix.

Überall Patina, in dicken Schichten. „Waiting For The Sun“ ist lupenreiner Pop aus der Zeitmaschine. Das tolle am Pop ist ja, dass sich an einem bestimmten Punkt immer wieder alles wiederholen kann, ohne an Reiz verloren zu haben. Plötzlich entdeckt eine Generation einen Sound für sich, von dem auch die Eltern geflasht waren. Aber nicht, weil es die Eltern cool fanden, sondern weil anscheinend bestimmte Grundemotionen heraus gekitzelt werden.

Und bei „Waiting For The Sun“ schwingt jene glamourös wie brüchig vorgetragene Wehmut mit, die einfach immer aktuell bleiben wird. Good Guy Mikesh singt in monochromer Eleganz, die Synthies flirren im Refrain umher, der Bass läuft stoisch geradeaus. Ich stecke nicht super tief im Original-Achtziger-Pop drin, aber „Waiting For The Sun“ kommt dem schon sehr nahe, was ich als die besten Momente dieser Zeit empfinde.

Marbert Rocel bleiben ganz in der Gegenwart: da der House-Floor, hier der eingestreute Pop-Appeal. Viel mehr gibt es dazu eigentlich nicht sagen. Noch einen Monat müssen wir warten bis zum ganzen Album. Gibt es dafür auch eine Zeitmaschine?

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Dan Drastic „Noodle Stories“ (Moon Harbour Recordings)

Oha, Moon Harbour startet erstaunlich straight ins neue Jahr – mit Dan Drastic.

Dreieinhalb Jahre ist es her, dass Dan Drastic seine erste eigene EP auf Moon Harbour heraus brachte. Damals gab es nur einen Track – auf „Noodle Stories“ bekommt er etwas mehr Raum. Und einen Martin Buttrich-Remix obendrein. Der Titel-Track schlängelt sich unaufgeregt und mit einem hintergründigen Schub entlang. Bis auf die den deepen Chord bleibt er dabei recht slim.

Buttrich zieht da erwartungsgemäß deutlich an. Er entschlackt den Track noch weiter und bearbeitet den einst so präsenten Chord komplett neu. Allerdings – und dass Martin Buttrich so unglaublich gut – geschieht dieser Kurz-vor-Peak-Zuschnitt völlig unprätentiös. Herrlich ausbalanciert in seinem deepen Driften.

Mit „Los Pollos Hermanos“ auf der Rückseite schert Dan Drastic erstmal wieder in den klassischen Moon Harbour-Kurs ein. Vocal- und Chord-Schnipsel unter einem abgefederten House-Gerüst.

Viel überraschender ist da „Fish Fingers And Custard“, zeigt es doch Dan Drastic von einer sehr offensiven Rave-Seite. Aber Rave im guten Sinne. Straight mit leicht darker Note und einer amtlichen und flächigen Chord-Welle zur Hälfte hin. Klingt zwar nicht unbedingt neu, aber es passt einfach alles zusammen. Der Track der EP, neben dem Buttrich-Mix.

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Poll-Nachlese

Eine Woche ist es her, dass die Poll-Ergebnisse verkündet wurden. Die Verlosungsgewinner sind bestimmt und haben eine Mail erhalten. Zeit noch einmal genauer bei jenen Kategorien zu stöbern, bei denen die Antworten erwartungsgemäß weit auseinander driften.

Konkret geht es um die Enttäuschungen des alten Jahres und die Wünsche für 2012. Da lassen sich die Antworten kaum bündeln, zu unterschiedlich fallen sie aus. Solch offene Fragen sind Risiko und Chance zugleich.

Enttäuschend wurde aber für nicht wenige die Schließung des Superkronik angesehen. Im Mai kam das Aus, das an sich von Anfang in der Luft lag, aber doch immer wieder abgewendet werden konnte. Es hinterlässt eine Lücke, wenn auch das Programm der zweiten Location durch die ständigen Querelen mit der Stadt nicht an die Anfänge in der Markranstädter Straße anknüpfen konnte.

Bei den Wünschen kommen ja indirekt auch aktuell wahrgenommene Enttäuschungen hervor. Insofern ist die Kategorie nicht minder interessant. Die Nachfrage an Open Airs bleibt ungebrochen. Aber das war nicht anders zu erwarten. Spannender sind Wünsche nach neuen Clubs.

Doch wie viele neue Clubs verträgt eine Stadt wie Leipzig? Klar, das Superkronik ist weg. Dafür hat sich das Westwerk etabliert. Es bleibt durchaus dynamisch, so lange immer wieder auch Off-Locations bespielt werden. Und dennoch kann es gut sein, dass sich innerhalb der nächsten fünf Jahre die Zahl der Freiräume merklich verringert. Leipzig wächst beharrlich, wird einerseits attraktiver, erschließt damit aber andererseits seine Flächen neu.

Angesprochen wird in einigen Kommentaren übrigens auch – und dass zu Recht – dass nach wie vor kaum Frauen hinter den Plattenspielern und Rechnern stehen. Das Poll-Ergebnis selbst zeugt von diesem Missverhältnis. Ein Wunsch für 2012 war auch, dass es keinen Poll mehr gibt – vergesst es!

Und sonst? Das neue Jahr geht gut los. Tolle neue Ortloff, Riotvan demnächst mit erster Platte und die nächste Rose Records steht auch an.

Zwischen Dub-Ferne und Dub-Pop

Viel neues aus dem erweiterten Statik Entertainment-Kreis. Bei Instabil sind in vergangenen Wochen zwei EPs hier untergegangen, beim Dub-Imprint Kyoto Inc. folgte soeben der zweite Teil des Kolortown-Pop-Entwurfs.

Various Artists „File Under Dub #4“ (Instabil)

Wirklich gut zu sehen, wie beharrlich Instabil weitermacht. Auch wenn der Digital-Markt für kleine Labels sicherlich keine besonders schillernden Zahlen aufweist. Die Nummer 30 kam hier vor Kurzem vor – Jakob Altmann ergänzte da seinen Statik-Einstand mit einer dubbigen EP. Vor ihm gab es noch die vierte Ausgabe der „File Under Dub“-Reihe, die seit Anfang an die Fühler nach neuen Producern ausstreckt.

Dieses Mal mit Satore, Session View und Hisato Makita. Elementar neues erzählen die drei nicht. Ultra deepe House- und Tech-House-Stücke, eingehüllt in dichte Dub-Wolken. Schleichend melancholisch, mit Ausnahme von Makitas „Void-O“, das sich etwas mehr raus ins Rave-Revier traut.

Various Artists „Soundprescription“ (Instabil)

Etwas spannender ist da die Nummer 31 – „Soundprescription“ heißt die EP und soll eine neue Serie einläuten, die eher die deepe als die dubbige Seite von Instabil ausloten will. Erstaunlicherweise sind auch Good Guy Mikesh & Filburt mit einem Stück dabei. „Passed“ ist aber zuvorderst Neuland für Instabil, weniger für die beiden Producer des Leipzig-Track des Jahres. Vielleicht einen Tick zurückhaltender und elegischer als sonst fällt das Stück aus.

Zusammen mit den anderen beiden Tracks öffnet die EP aber doch sehr deutlich das Instabil-Spektrum. Zangas „Woolfu 3“ verfängt sich zwar etwas in der Falle des House-Einerlei und Pykups „Takeadeepbreath“ mäandert im Downbeat-House-Nirvana umher. Nichtsdestotrotz lässt die EP aufhorchen – einfach wegen ihrer für Instabil untypischen Dub-Ferne.

Kolortown „Sound Is Coming Pt. 2“ (Kyoto Inc.)

Auf dem jüngsten Statik-Zögling Kyoto Inc. legen Kolortown – das Dub-House-Pop-Projekt der Dänen Jakob Ivarsson, Theodor Zox und Nana Jacobi – ihre zweite EP nach. Und dieses Pop-Ding beherrschen viele Skandinavier aus welchen Gründen auch meist sehr souverän.

Selbst in so einer Nischen-Kombination ist die Eingängigkeit überaus subtil und verlockend eingewoben. Schleppende Delays, in der Ferne schwebender Gesang und mit „How Many Lies“ ein dezent treibender House-Pop-Track im Dub-Mantel. Alles sehr unaufgeregt, lasziv und deep zugleich.

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PorkFour „v/oct“ (Ortloff)

Zugegebenermaßen ist das hier eine Traumkombination: Ortloff meets PorkFour. Und dabei ist das neue Jahr noch so jung.

Jaja, bei Ortloff ticken die Uhren langsamer, eigensinniger. Als ob die Sekundenzähler mit schelmischem Aberwitz mit dem Stundenzähler vertauscht wurden. Da wird einer Platte die verdiente Haltwertzeit gelassen, bevor eine andere ins Rampenlicht drängt. Nach Mod.Civil kommt nun auch PorkFour in den Genuss einer Artist-EP.

Jener Soundkünstler also, der den Oldschool-Charme alter Synthesizer nicht mit Nostalgie verwechselt und der durchaus konsequent die Grenzen zum Destruktiven hin auslotet. Auf „v/oct“ ist einiges von dieser poetisch ausformulierten Gratwanderung zu hören. Das gleichnamige Stück etwa zersetzt in weniger als einer Minute Detroit Techno in seine Einzelteile.

Dagegen locken „Candy“ und „Prohibit“ mit offensiveren Dancefloor-Qualitäten, wobei letzterer ein ganzes Portfolio an Wendungen und Genre-Zitaten aufbietet. Eine achtminütige Fahrt entlang der rough-sehnsüchtigen Electro- und Acid-Achsen. „Candy“ ist da richtig geradlinig, organisch schiebend. „Talk“ und „vc_pan_sonic“ wirken zwischen diesen großen Diamanten wie Interludes, die eigentlich auch zu Größerem berufen sind.

Wie auch immer: PorkFour schraubt sich sehr charmant zurück in die mittlere Ära der elektronischen Musik und verlinkt sie mit dem Heute, als sei es das einfachste der Welt. In der Herangehensweise gibt es in Ansätzen Ähnlichkeiten zu der Orange Dot-EP auf Spunky Monkey. Auch wenn die viel ernsthafter ist.

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And the winner is…

Am Freitag war es soweit – die Ergebnisse der Goldenen Yvonne wurden live im Ilses Erika präsentiert. Wer nicht dabei war, kann die Aufzeichnung hier noch einmal mitverfolgen.

Gegen 0:30 Uhr betrat Donis die Bühne, Booga von itsyours.info fuhr die Begleitmusik. In zwölf Kategorien wurde jeweils eine Goldene Yvonne, eine golden ummantelte Schallplatte verliehen – wie früher, als die Musikindustrie noch richtig glamourös auftreten konnte. Erfreulich war auch, dass für gut die Hälfte der Gewinner auch ein Vertreter anwesend war. Die genauen Ergebnisse findet ihr auf der Goldene Yvonne-Seite.

Und die Ergebnisse? Einige Klassiker, einige echte Überraschungen. Dass Kann Records, Daniel Stefanik und Kassem Mosse weit vorn landen, war zu erwarten. Dass aber Subkutan auf den zweiten Platz in der Kategorie DJ des Jahres gewählt wurde, ein kurioser Malte Rathmann-Track in die Top 5 der besten Tracks kommt, zeugt doch von einer lebendigen „Underground“-Feinsinnigkeit. Da passen auch Palette 700 und die Undergrund Disko als beliebteste Party-Crew bzw. Party mit rein.

Natürlich polarisieren solche Ergebnisse, gehen an den Nerv so mancher Eitelkeiten, sind abhängig vom Mobilisierungsgrad der Protagonisten. Doch in erster Linie ist die Goldene Yvonne auch ein großes Augenzwinkern. Schaut einfach selbst in das Video.
Die Gewinner der Verlosung erhalten übrigens in den kommenden Tagen eine Mail.

Vielen Dank noch einmal an:
über 300 Leute, die beim Poll mit abgestimmt haben
an die itsyours-Crew, die den Löwenanteil für den Freitagabend gestemmt hat
an die Ilses Erika
die eingeladenen DJs
die vielen Gäste
und an peterpaasch für den Video-Mitschnitt

Rundumschlag

Es gibt einige neue Leipziger Beiträge auf verschiedenen Platten – da lohnt mal wieder ein kleiner Rundumschlag. Ohne auf allumfassend sein zu wollen.

Im Dezember schon brachte Pokerflat Recordings eine weitere Compilation heraus, die sich auf historische Pfade der elektronischen Musik begibt. Hin zum Acid House mit seiner roughen Synthie-Schnoddrigkeit. Neben Motorcitysoul, Steve Bug oder Kink gehen auch Juno6 und Sven Tasnadi auf Zeitreise. Einmal im Duo, einmal Tasnadi allein.

„Generation A“ – das Gemeinschaftswerk – rattert ordentlich los, trocken in den Bassdrums, fanfarenhaft in den Synthie-Filter-Schleifen. Sven Tasnadis „Follow The Roots“ geht sogar noch etwas straighter heran. Und düsterer. Spannend an der gesamten Compilation ist zu hören, wie limitiert ein Genre doch eigentlich ist, wenn es so markant von einem Element dominiert wird.

Aber rüber nach Bayreuth. Von dort kommen nun auch liebevoll gepresste Platten. Lofile Records heißt das Label, das mit der „Brothers & Sisters“-EP startet. Wowmom heißt das Projekt dahinter, das den gleichnamigen Track veröffentlicht. Ein House-Stück, das auch gern Pop sein möchte. Präsente Vocals, luftige Leichtigkeit, ein dezentes Driften.

Mod.Civil nehmen viel davon einfach raus bei ihrem Remix. Sie schieben eine tiefe Bassline hinein und betonen den ausschweifenden Detroit-Chord stärker. Besser besser. Auch Boytalk gehen weg von dem etwas zu clean geratenen Original. Obwohl die Pop-Elemente durchaus in den Horizont der beiden passen. Doch sie konzentrieren sich auf die große Funk-Ansage. Die ist auch super leicht und luftig, aber ganz anders, schlitzohriger.

Von Boytalk gibt es auch noch einen ganz neuen Track. Auf Freund der Familie teilen sie sich eine EP mit den Analogsoul-Nachbarn Klinke Auf Cinch. „Bestrafungstanz“ heißt der Track von Boytalk. Das Tolle an den Tracks der beiden ist wirklich diese unverstellte Feier-Attitüde. Hier sind die lässigen Beats, die leicht glitzernden Disco- und Funk-Harmonien, dort der schwitzige Dancefloor. Fertig. Umso harscher haut einen der Titel ins Gesicht. Filburt remixt das Stück und slimmt es zu einem forschen House-Track mit unmissverständlichem Drive. Super übrigens auch „Nieselregen“ von Klinke Auf Cinch – das volle Band-Sound-Programm für den ruhigen Dancefloor.

Und zum Schluss noch ein Good Guy Mikesh & Filburt-Stück auf der „Llewellyn Ap Gruffydd EP“ des britischen Labels Crow Castle Cuts. „Place Of Love“ greift den zuckrigen Disco-Appeal der beiden einmal mehr auf. Mit lockeren Piano-Anschlägen und großem Pathos. Gerade das Pathos erreicht hier eine neue Qualität. Hin zu feudalem Überschwang und tief eingehüllter Melancholie. Und dass wirklich dick aufzutragen. Schon groß. Hier gibt es auch ein Video zu dem Stück.

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Deephope „A Day In Japan“ (FM Musik)

Das neue FM Musik-Jahr beginnt mit einem Newcomer. Deephope und seiner eintägigen Reise durch Japan.

Ich weiß gar nicht, ob es wirklich typisch japanische Einflüsse bei elektronischer Musik gibt. Darum scheint es Deephope mit seinen drei Tracks aber auch nicht zu gehen. Vielleicht ist es auch überhaupt nicht von Belang. Die EP heißt halt so. Musikalisch passen sie im Großen und Ganzen zum FM Musik-Spektrum. Große Deepness-Wellen, wohl ausbalaciert mit flächigen, warmen Chords und langem Nachhall. „Fleeting Happiness“ gefällt mit seiner für FM überraschend trocken-angerauten Bassdrum.

„Toward An Uncertain Future“ mit seiner antiquierten Verspieltheit. Das ist so der heimliche Hit eigentlich. Voll mit Funk-Glitzer, aber gerade noch so runter reduziert, dass es spannend wird. Könnte wirklich eine Skizze von vor 30 Jahren sein, die erst jetzt ausgegraben wurde. „A Day In Japan“ ist dann komplett FM-verwurzelt. Schöner Jahreseinklang.

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