Kassem Mosse „Workshop 08“ (Workshop)

Kassem Kassem, the hero! Er wird immer besser. Nach seiner letzten superben EP auf Mikrodisko hier nun wieder eine Platte auf dem nicht minder sympathischen Label Workshop.

Drei Tracks ohne Namen, aber mit einer Menge Oldschool-Charme. Auf der A-Seite entfaltet sich über zehn Minuten ein Track mit einem eigentümlich umher schwirrenden Elektro-Chord. Während sich an der Oberfläche nicht viel ändert, passiert darunter umso mehr: ein hell klingender, erst mäandernd später aufschäumender Sound, der kurzzeitig den Track bestimmt. In der zweiten Hälfte wird es schließlich noch etwas melodiöser.

Auf der B-Seite findet sich dann ein Kuriosum. Ein Slow-Mo-Techno-Track, der eigentlich auf 33 gespielt werden muss, aber fast noch besser auf der 45 funktioniert. Andererseits: Wenn man sich auf die Langsamkeit einlässt, wirken die Sounds noch klarer und deutlicher.

Ähnlich smooth ist denn auch der dritte Track, mit futuristisch anmutenden Harmonien, einer kraftvollen Basslinie und einem untypisch klaren Rhythmus.

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Various Artists „OO Remixed“ (Kann Records)

Hier also Neubearbeitungen von zwei Tracks der allerersten Kann-Compilation – von Sven Weisemann und Daniel Stefanik. Beide gehen recht behutsam heran.

Weisemann betont den Dub stärker von „Evol Peed“, im Original von Sevensol & Bender. Das bringt eine eigene Deepness und Lässigkeit und bringt den Track tatsächlich auf neue Weise weiter.

Etwas enttäuschend ist hingegen der Stefanik-Remix von Brotherhoods House-Hymne „Memorial Smith“. Insgesamt fällt er zwar etwas schnittiger, funkiger und perkussiver aus. Aber in seiner Grundstimmung und seiner Dramaturgie bleibt er weitgehend unberührt. Da helfen auch die zusätzlichen Vocals und das Gitarrensoli am Enden nicht mehr viel. Klar, die Elemente des Originals sind alle sehr eindrücklich und lassen sich bestimmt schwer übertragen. Vielleicht ist es einfach der falsche Track zum Remixen.

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Kleinschmager Audio „Audiology“ (Rrygular)

Die dreikommanull-Crew hat in den letzten vier Jahren wohl am konsequentesten den Minimal-Sound auf den Leipziger Tanzflächen zelebriert. Jörn Kleinschmager ist einer von ihnen und auch als Producer durch und durch minimalistisch.

Minimal hat gerade keinen guten Stand. Das Genre in seiner zeitgenössischen Club-Form hat den Zenit längst erreicht und den Club-Sound der letzten Jahre ziemlich dominiert. Und doch ist noch nicht alles ausformuliert. Gerade jene Labels und Producer, die bereits sehr früh mit reduziertem, aber keineswegs hartem Techno experimentierten, sind auch heute noch aktuell.

Dapayk beispielsweise. Zusammen mit Jörn Kleinschmager sind sie Projekt Kleinschmager Audio. Der Titel des ersten Albums deutet schon einen ernsten, fast wissenschaftlichen Ansatz an. Doch akademisch sind Kleinschmager Audio nicht. Eher tief versunken in der Wirkung von repetitiven Klängen und der reduzierten Einbettung von Deepness.

Und hier entwickeln die Tracks auf „Audiology“ – teils komplett neue, teils von den ersten drei EPs kompiliert – eine Magie, die nicht nur auf einer Club-Anlage, sondern auch unter dem Kopfhörer wirkt. In ihrer Klarheit strahlen die Stücke etwas sehr ausgeglichenes aus, eine stete Balance zwischen strenger Geradlinigkeit und vertrauter Wärme. Dadurch klingt Minimal hier nicht so blutleer uninspiriert, wie er in letzter Zeit oft rüber kam. Also: Minimal ist tot. Lang leben Minimal.

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Water Field „Reborn Intellectual“ (Instabil)

Scam Circle heißt die Band von Koji Mizuno, sein Solo-Projekt Water Field ist eine Reminiszenz an Detroit und Elektronik-Pioniere wie Kraftwerk, Aphex Twin und den Japaner Ryuichi Sakamoto.

Für Instabil ist dieses Album durchaus ungewöhnlich. Weit weg von den warmen Dub-Gefilden, in denen sich das Label sonst bewegt. Doch es ist nicht minder bewegend, was Water Field in diesen acht Tracks auffährt. Teilweise ist es solider Neo-Detroit-Sound, wie ihn das Amsterdamer Label Delsin seit über zehn Jahren zelebriert mit ausladenden, schwelgerischen Harmonien.

Doch an vielen Stellen merkt man, dass der Japaner noch weiter zurück möchte. Da strahlt jener Futurismus aus den Sounds heraus, der in der späten Sechzigern und frühen Siebzigern bei den ganzen Krautrock- und Elektronik-Bands so magisch und eigentümlich weltentrückt klingt. Bei Water Field treffen Neo-Detroit und Neo-Futurismus zusammen – ziemlich gut sogar. Da sind ebenso zeitgenössische wie auch nostalgische Sounds zu hören.

Musik, die in den Clubs kaum zu hören sein wird, weil sie nicht funktional und reduziert genug ist, weil die Beats viel zu zurückgesetzt sind. Und trotzdem gehört sie eigentlich auf eine große Anlage oder unter einen guten Kopfhörer.

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Marko Fürstenberg „Blofeld“ (Ornaments)

Und wieder zwei neue Fürstenberg-Tracks. Einerseits gewohnt tief im Dub verwoben, andererseits gerade auf der A-Seite ungewohnt verhalten und leicht düster.

Vielleicht liegt es an den verhallten Stimmen, die in der zweiten Hälfte ab und zu auftauchen. „Tiffany’s Case“ auf der B-Seite ist wieder positiver gestimmt, gemischt mit klassischen Dub-Chords und teilweise futuristischen Harmonien. Insgesamt ist dieser Track auch offensiver auf den Dancefloor ausgelegt. Wie immer toll ist Fürstenbergs Zusammenspiel aus Beats und Basslines, die herrlich lässig und abgefedert sind und dennoch klar nach vorne marschieren. Also, eigentlich kann es gar nicht genug Platten und neue Tracks von ihm geben.

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Sven Tasnadi & Juno6 „Leipzig EP“ (Liebe*Detail Spezial)

Was für ein Name. Als gelte es den zweiten Frühling von Leipzig als House-Standort nochmals manifestieren zu wollen. Das neue Traum-Duo Tasnadi/Schultz kommt hier mit zwei tighten House-Tracks.

Bei „Tranquillo“ auf der A-Seite offenbaren sich mit den Chords deutliche Detroit-Reminizenzen. „Hotel Seeblick“ wiederum atmet eher den Dub-Geist. Nur das Saxophon und die Flöte sind bei beiden Tracks zu viel des Guten. Vielleicht ist es aber auch nur meine grundsätzliche Aversion gegenüber dem Saxophon.

Den heimlichen Höhepunkt markiert aber der Marko Fürstenberg-Remix von „Hotel Seeblick“. Wahrscheinlich einer seiner Remixe überhaupt. Soviel hymnische Euphorie und Eleganz, wunderbar überschäumende Breaks und ein unglaublich treibender Groove. Und alles ganz tief verwurzelt im warmen Dub. Schon erstaunlich, wie es Fürstenberg immer wieder schafft, straight und schwelgerisch zugleich zu sein.

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Daniel Stefanik „Two.Zero. Zero.Nine“ (Oh! Yeah!)

Da ist es also, das eigene Label von Daniel Stefanik. Nicht von ihm allein, sondern zusammen mit Sven Tasnadi und Stefan Schultz alias Juno6. Stefanik macht aber den Start, und was einen.

Hypnotischer Techno, wie man ihn nach seinem sehr dubbigen Album „Reactivity“ nicht erwartet hätte. „Say It Loud“ ist so straight und reduziert, dass einem erstmal der Atem stockt. Ganz leicht schimmern dann auch mal Rave-Fanfaren durch, die aber nie die Regie über den Track übernehmen. Es bleibt das Unbändige, was so fasziniert.

„Like This“ auf der B-Seite ist ebenfalls Techno, in den Sounds aber verschachtelter, melodiöser und subtiler, weniger auf Peak-Time getrimmt. Oh! Yeah! soll auch die weniger bekannten Seiten der drei Producer zeigen, mit dieser ersten Platte ist das auch im positiven Sinn gelungen.

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Efka „RDY For D.I.S.C.O. EP“ (Break The Surface)

Oha, Break The Surface ändert seinen Sound – vom gebrochenen zum geraden Beat. Efka ist bisher ja nur als DJ aus dem esoulate-Umfeld bekannt, nun debütiert er also auch als Producer – durchaus viel versprechend.

„rdy“ ist ein dunkel eingefärbter Techno-Track mit allerlei umher schwirrenden Sounds – sehr digital und spooky in ihrem Klang. Alles gut ausbalanciert, in der richtigen Dosis an neuen Elementen.

„D.I.S.C.O.“ ist auch nicht gerade ein lebensfrohes Stück, wenn auch mit wesentlich mehr Funk. Die Vocals, die Sounds, die Bassline alles ziemlich düster. Da kommt allerdings kurz ein toller Chord rein, nur wenige Sekunden. Den habe ich woanders aber schon gehört, in dem letzten Ellen Allien-Set auf Resident Advisor.

Chris Manura und Marc Model setzen da bei ihrem Remix von „D.I.S.C.O.“ reduzierter und homogener an, mehr House, mehr Deepness. Allerdings stören die Vocals, die passen einfach nicht, ziehen den Track so runter. „Coco Loco“ zum Schluss ist mir etwas zu albern, obwohl das gemäßigte Tempo dem Track sehr gut tut.

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Various Artists „Moon Harbour Inhouse Vol. 3“ (Moon Harbour Recordings)

Moon Harbour hat sich mit der Zeit immer mehr für Minimal und Techno geöffnet oder, wie sie es selbst beschreiben, „einer stärkeren Funktionalität, ohne die Komplexität und Wärme zu verlieren“. Diese Suche nach komplexer Funktionalität ist auch auf „Inhouse Vol. 3“ zu hören.

Wirkliche Seele findet sich dagegen nur in wenigen Momenten. Zwischen trocken-monotonen und tribalistisch nach vorne drängenden Tracks lassen sich zwar viele interessante Elemente entdecken, aber in ihrer Ganzheit kann die Compilation kaum fesseln. Auf der Vinyl-Version, die neue Stücke versammelt, hinterlässt einzig Dot einen wirklich euphorisierenden Eindruck. Der Israeli ist ein Beweis dafür, wie international Moon Harbour inzwischen geworden sind.

Dies gilt auch für den Dänen Martinez, der ebenfalls auf der Compilation vertreten ist und der für die CD-Version einen DJ-Mix aus neuen und älteren Moon Harbour-Stücken aufgenommen hat. Wäre schön, wenn Moon Harbour beim Spagat zwischen Klassischem und Neuem auch bald sein Herz wiederfinden würde.
(Erstveröffentlichung im Kreuzer 0409)

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Disrupt „The Bass Has Left The Building“ (Jahtari)

Jahtari ist gerade nicht zu stoppen. Was bei uns gar nicht so recht auffällt, ist in Großbritannien ein lang erwartetes Album aus Leipzig. „The Bass Has Left The Building“ ist das zweite große Werk von Jahtari-Mitbetreiber Jan Gleichmar alias Disrupt.

Klar, da ist der Bass. Der drückt tief nach vorn und legt das Dub-Fundament. Vielmehr passiert dann aber darüber. Soviel verhalltes Gefippe und Geplubbere, so leichtfüßige Oldschool-Sounds und 8bit-Harmonien schwirren umher, dass man sich sofort in einem alten Computerspiel oder in einem antiquierten Science Fiction-Film wähnt.

Dabei ist die wilde Spielerei keineswegs albern. Gerade durch die abstraktere Spielart von Reggae und Dub hat Jahtari und insbesondere dieses Album das Potential auch Leute zu begeistern, die sich bisher wenig von solcher Musik begeistern lassen konnte. Es klingt, als wüsste Disrupt ziemlich genau, wo er hin will – Die Experimentierphase ist lange überstanden.
(Erstveröffentlichung im Kreuzer0309)

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Map.ache „Carmella“ (Kann Records)

Die erste eigene Platte von Jan Barich alias Map.ache. Und was soll man sagen, sie ist toll, sie ist sehr eigen und während seine Live-Sets sehr auf den Dancefloor ausgelegt sind, entfalten seine Tracks eine ganz andere Tiefe und Emotionalität.

Die Überraschung beginnt mit dem Schlagzeug am Anfang von „Clouds Over Clowns“. Da schimmert die Rock-Sozialisation durch. Später mäandert alles jedoch in einen schwelgerischen House-Track mit Piano und Streichern – sehr zurückgelehnt und doch mit einem angenehmen Drive.

„Tel Aviv“ ist dagegen stromlinienförmiger, mehr im Fluss, aber nicht weniger auf Harmonien aus. Die Percussions und Kinderstimmen bringen aber noch etwas Sommer dazwischen. „Carm“ schließlich ist mit seinem Beat am straightesten, mit seinen Chords am reduziertesten und in seiner Stimmung am amerikanischsten. Toll ist generell bei allen Tracks, wie Map.ache seinen Funk zwischen abstrakten und sehr organischen Sounds austariert.

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Various Artists „Satellite Religion“ (Statik Entertainment)

Statik lässt momentan einfach nicht nach. Jede Platte ist ein Kleinod in Dub. Und dabei gar nicht immer nur auf die technoide Seite beschränkt. Dieses tauchen zwei Briten ganz tief in den Dub ein.

Diese Compilation gehört dem britischen Kollektiv Satellite Religion und den beiden Mitgliedern Grit und SEN. Grits Tracks pendeln zwischen einem relativ klaren Dub-Techno-Gerüst und sehr sphärischen Sounds. Beides tritt gleichberechtigt hervor, so dass die Tracks nie überladen klingen oder sich in Sound-Orgien verlieren. Interessant auch wie hier eine düstere und zugleich schwelgerische Stimmung hervorgebracht wird.

Bei dem einen kurzen Track von SEN sind die Beats gebrochener und insgesamt viel stärker im Hintergrund. Die Dub-Erdung ist hier auch viel geringer. Als Ausklang passt der Track aber gut, wenn auch das Ende so abrupt ist.

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