Sven Tasnadi „Our Destiny“ (Ornaments)

Sven Tasnadi bleibt auf der Überholspur. Nun also auch eine EP bei dem Berliner Liebhaber-Label Ornaments, strikt limitiert und auf durchsichtigem Vinyl.

Doch nicht nur die Haltung und Optik gefällt, auch der Track „Our Destiny“, ein deeper, aufgeräumter House-Track mit warmen Dub-Chords. Sehr entspannt, wahrscheinlich perfekt zum Sonnenaufgang. Und trotzdem hat er noch genügend Drive und schöne Sounds. Auf der B-Seite dann mal wieder der House-Held der Stunde: Sven Weisemann.

Sein Remix nimmt sich mehr Zeit, um aus den Elementen des Originals einen neuen Track zu skizzieren. Viel reduzierter, weniger verspielt und den Dub erst spät offenbarend. Dadurch wirkt diese Version noch eine Spur zurückgelehnter, gleichzeitig aber auch dichter gestrickt. Auf der ersten Bassdrum liegt ein einziger warmer, hallender Basston, der irgendwie fast dubsteppig ist. Trotzdem: beide Tracks sind für sich genommen sehr groß.

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Various Artists „Ortloff Eins“ (Ortloff)

Ein Kunstraum mit eigener Platte, nicht schlecht. Erst recht, wenn solch gute Kontakte da sind, um von Marko Fürstenberg, Sevensol & Bender sowie Mod.Civil exklusive Tracks für eine Compilation zu bekommen.

Lindenau wird Szeneviertel. Irgendwann. Wenn die Gentrifizierung auch Plagwitz erreicht hat und die Eisenbahnstraße cool geworden ist. Und dann können sich die Galerien und Kunsträume, die heute schon in Lindenau residieren, als Pioniere fühlen. Das Ortloff wäre auch ein Pionier. Mit eigenem Label.

Naja, zumindest einer ersten Platte mit vier Tracks von befreundeten Producern. Die gerade Bassdrum vereint sie alle, in den Nuancen ist die stilistische Spannbreite aber weit abgesteckt. Marko Fürstenberg ist einmal mehr der Dub-Techno-Held, der den Basic Channel-Vibe konsequent weiter entwickelt. Ebenso am Klassischen orientiert sind Sevensol & Bender, da aber im House. Beide aber sehr versiert und unprätentiös.

Mod.Civil spielen mit einem sehr abstrakten Funk und sympathisch stolpernden Beats. Ein kurzes Vinyl-Debüt bekommt schließlich Cheslo alias Friedmann Lichtenthal aus Weimar mit einem schnellen, verschmitzten Techno-Brett. Eigentlich lassen sich die beiden Seiten in warm und kalt unterteilen. Die A-Seite ist voller Deepness, während die andere Seite etwas unterkühlter rüberkommt.

Dass die Kunst im Ortloff einen wesentlichen Raum einnimmt, wird bei der gesamten Gestaltung deutlich: Die Platte ist knallpink und steckt in einer Kunststoffhülle mit einem riesigen Ortloff-Logo. Ein Gesamtkunstwerk also.

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Various Artists „File Under Dub #1“ (Instabil)

Hier startet wohl eine neue Compilationserie? Zumindest suggeriert das der Titel. Die Nummer 1 vereint verschiedene Künstler, die bereits mit Statik Entertainment und/oder Instabil verbunden sind oder erstmals veröffentlichen.

Ja, Dub-Techno ist einfach nicht klein zu kriegen. Diese Wärme und Entspanntheit, das Fließende, Dichte und Atmosphärische erzeugt fast automatisch etwas zeitloses, etwas nie Verblassendes. Eigentlich ist dies der Link zwischen Ambient und Techno.

In den Nuancen schlägt nahezu jeder Track auf „File Under Dub“ eine andere Richtung ein. Grit ist sehr klar und straight, Vextrex etwas schabend und dissonant, Mr. Cloudy, SEN und Souldub recht klassisch, Dubatech raschelnd und Daniel Stefanik endlos.

Siebzehn Minuten gönnt sich Stefanik, wahrscheinlich ist es in einer Session entstanden. Es beginnt mit einem mäandernden Rascheln und sanft durchschimmerten Chords. Erst nach zehn Minuten schlägt der Track eine andere Richtung ein, in dem ein geradliniger Beat beginnt. Dass Daniel Stefanik tief im Dub steckt, zeigte ja schon sein kürzlich erschienenes Album „Reactivity“. Hier wird es noch eine Spur experimenteller.

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Bo Marley vs. Disrupt „s/t“ (Jahtari)

Bo Marleys Track „Bauhelm“ ist so etwas wie ein Klassiker im Jahtari-Katalog. Überhaupt haben die Dänen das Zeug zu Legenden. Auf diesem Album stellen sie sich einem Sound-Fight gegen Jahtari-Kopf Disrupt.

Bo Marleys organischer wie plastischer Band-Sound ist umwerfend, genauso wie poppigen Melodien, die Vocals und die deutschen Texte mit ihrer dadaistischen Attitüde. Nebenbei ist dieses Album das erste Lieblingsalbum meines Sohnes. Mit seinen drei Jahren schiebt er die CD regelmäßig in den Player. „Fleisch“ und „Bauhelm“ sind seine Lieblinge, und das illustrierte Cover sowieso. Eine Präferenz für die Originale oder die etwas track-orientierteren Disrupt-Versionen lässt sich jedoch nicht ausmachen.

Das gilt generell. Das Album inszeniert einen Wettkampf zwischen Bo Marley und Disrupt. Und er geht eindeutig unentschieden aus. Vielleicht auch, weil die jeweiligen Versionen relativ nah beieinander bleiben. Disrupt ist noch einen Tick bleepiger und tighter. Dafür klingen Bo Marley einfach wie eine Band, wie eine sehr einzigartige.

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Sven Tasnadi & Juno6 „Down Under Influence“ (Cargo Edition)

Die erste Zusammenarbeit von Sven Tasnadi und Stefan Schultz alias Juno6 auf Vinyl. Zwei sehr eigenwillige Minimal-Tracks sind dabei entstanden.

Was für eine Minimal-Session. Ob die in einer Nacht entstanden ist? Über 14 Minuten lang marschiert „Aramis“ auf der A-Seite nach vorn. Mit ein paar Pausen, die angenehmerweise keine Rave-Breaks sind. Vielleicht sind es auch mehrere verschiedene Tracks, die hier einfach zu einem verwoben wurden.

Der Flow stimmt aber und wirkt nicht wie ein DJ-Set. Also, doch ein Track aus einem Guss, mit einer gespenstischen Grundstimmung und dissonant aufflackernden Sounds, die immer wieder durch neue ersetzt werden. Komischerweise ist das nie überladen oder mit einer Prog-Rock-Attitüde versehen.

„Genau So“ auf der B-Seite geht in eine ähnliche Richtung, ufert aber nicht so aus. Dafür rücken die Percussions mehr in den Mittelpunkt. Für eine Minimal-Platte recht eigen und erstaunlich straight.

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Martinez „Momomowha“ / „Le Cirkus“ (Moon Harbour Recordings)

Ein neues Gesicht bei Moon Harbour. Kein neues, Martinez hat in nur acht Jahren eine beachtliche Diskografie angehäuft. Dass er nun bei Moon Harbour ist und dort wohl auch ein bleiben möchte, überrascht aber.

Die letzten Jahre ging der Sound von Martin Swanstein alias Martinez eher in Richtung sphärischer Tech-House. Für Moon Harbour zeigt der Kopenhagener seine ausufernde House-Seite. Ausufernd, weil die Tracks auf beiden EPs fast alle die 10-Minuten-Linie überschreiten. Und dass, obwohl sie sehr loop-basiert und auf wenige Elemente reduziert sind.

Der Aufbau ist bei beiden EPs ähnlich. Die A-Seiten beschränken sich auf einen dicht gesetzten House-Loop, inklusive Vocal-Sample, viel Perkussion und einem langen Break. Die B-Seiten hingegen sind smoother Deep-House.

Wenn auch recht loopig, so sind es gerade diese beiden Tracks „Day By Day“ und „Mundial“, die mit ihrer klanglichen Wärme und der Lässigkeit wirklich begeistern. Wahrscheinlich, weil sie nicht so sehr auf Peak-Time getrimmt sind.

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Andi Numan „Glass Roots EP“ (Curl Curl)

Und wieder präsentiert Curl Curl ein neues Gesicht aus Neuseeland – Andi Numan. Seine EP bringt House mit Acid-Anleihen und analogen Sounds zusammen. Und trotzdem bleibt alles deep.

Eigentlich sollten Curl Curl-Platten nur im Frühling und Sommer herauskommen. Denn diese sommerliche Leichtigkeit und süße Melancholie, die in jeder Curl Curl-Platte steckt, wirkt im Winter fast deplatziert. Andererseits: in Australien und Neuseeland, dem Wirkungskreis von Curl Curl ist ja gerade Sommer.

Andi Numan ist gebürtiger Neuseeländer mit einem Hang für analoge aber auch deepe House-Tracks. „Glass Roots“ hat eine wunderbare Acid-Bassline und ebenso leicht futuristisch-schwelgerische Harmonie-Bögen im Hintergrund. Erfrischend satt und organisch im Sound. Der Phil Brökelmann-Mix wagt sich nicht allzu weit weg vom Original, vielleicht ein wenig geglätteter und raviger – ebenfalls ein schöner Track, aber eigentlich nicht wirklich nötig bei der tollen Vorlage.

„Translations“ ist etwas Dub-getränkt und weniger offensiv als „Glass Roots“. Dafür mit einem tollen Vocal, das dem Track in all seiner zurückgelehnten Deepness noch mehr Charakter verleiht – „Poetry is universal“, so die Aussage des Tracks.

In der zweiten Hälfte schimmert dann auch bei „Translations“ solch ein ungeschliffener Synthesizer-Sound hervor, wie ihn Andi Numan zu lieben scheint. Ich auch. Selbst der Break An dieser EP stimmt einfach alles.

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Good Guy Mikesh & Filburt „Someone Told Me“ (Permanent Vacation)

Zwei neue Tracks von Mikesh und Filburt. Und besonders der Titeltrack „Someone Told Me“ bringt beide Charaktere besser in Einklang, als dies bei der ersten EP im Sommer 2008 gelang.

Mit diesem Track finden Pop, Disco und House gleichermaßen zueinander. Besonders eindringlich ist natürlich die großartige, beinahe orchestrale Hookline, die sich erst langsam vortastet, sich dann aber ohne Scheu in den Mittelpunkt rückt. Disco-Anleihen, Retro-Synthie-Sounds und zum Ende hin ein Vocal-Sample von Mikesh, mehr braucht es nicht. Irgendwie klingt „Someone Told Me“ vertraut, wie ein House-Klassiker, der einen schon lange begleitet.

„Freddy“ auf der B-Seite kommt da leider nicht ran. Zwar sind die Zutaten ähnlich, auch der Sound ist ähnlich oldschool, doch insgesamt ist „Freddy“ ein Tick zu volumniös.

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Kassem Mosse „Aqueous Haze“ (Mikrodisko Recordings)

Unglaublich, wie Kassem Mosse seinem originären Sound treu bleibt und trotzdem immer neue Nuancen rausholt. Diese neue Platte ist dabei so zeitlos, dass man sie noch in fünf Jahren mit der gleichen Freude besprechen dürfte.
Die zwei Tracks sind geradezu prädestiniert um auf Vinyl veröffentlicht zu werden – in den Sounds so oldschool, so reduziert, ursprünglich und düster im besten Sinne. „No Peace No Love No Unity“ ist etwas vertrackt, schiebt aber vom Hintergrund her ziemlich nach vorn. Mit seiner dunkel umher schwirrenden Soundschleife ließe sich so mancher schlechte Traum vertonen.

Dagegen wirkt „578“ auf surreale Weise euphorisch. Vor der streng durchlaufenden Bassdrum steigert sich eine verhallte, hell tönende Fanfare zu einer anskizzierten Rave-Hymne, die aber eigentlich keine sein möchte. Die Detroit-Leipzig-Tangente ist eröffnet und Kassem Mosse ist Stargast auf der Überholspur.

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Sevensol & Bender „The Big Easy“ (Kann Records)

Nach der Doppel-Null folgt nun mit „The Big Easy“ die offizielle erste Platte von Kann Records. Das House-Doppel Sevensol & Bender debütiert mit drei deepen, klassische orientierten Tracks.

Von einem butterweichen Start spricht Jan Barich alias Map.ache, einer der drei Betreiber von Kann Records, angesichts der positiven Resonanz, die die Debüt-Compilation im Spätsommer auslöste. Besser hätte es tatsächlich nicht laufen können für das Leipziger Label.

Die erste offizielle Laufnummer kommt mit drei weiteren Tracks der anderen beiden Label-Köpfen Sevensol & Bender. Wie schon auf der „00“ halten die beiden die House-Flagge weit nach oben. Sehr klassisch fallen die drei Stücke aus, mit einer Deepness und Musikalität, wie sie eher für US-amerikanische Tracks typisch ist.

Wo viele aktuelle House-Producer ins Epische abdriften, bleiben „Live At Coliseum“, „Ellen Barkin“ und „Ait“ angenehm unaufgeregt. Lässig werden ebenso dubbige Momente wie auch etwas pathetische Vocal-Samples integriert, ohne dass eine offensichtliche Attitüde herauf beschworen wird.

In dieser Bescheidenheit liegt die Faszination für die an sich schnörkellosen Tracks. Hier muss nichts neu erfunden werden, hier muss kein Trend bedient werden, hier wird die eigene Lieblingsmusik einfach selbst produziert.

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Mod.Civil „Einfachheit Gewinnt“ (Ornaments Music)

Langsam bleibt einem die Spucke weg. Was in diesem Herbst an spannenden Platten aus Leipzig oder von Leipziger Producern bei anderen Labels erscheint. Nun debütiert auch das Duo Mod.Civil.

Die erste Mod.Civil-Platte kommt auf dem Berliner Label Ornaments Music heraus, das bereits mit dem Leipziger Dub-Techno-Producer Marko Fürstenberg im Mai 2008 startete. Gerrit Behrens und René Wettig stecken hinter Mod.Civil und sind als Live-Act bereits einige Male in Leipzig aufgetreten.

Ihr Track „Einfachheit Gewinnt“ wirkt anfangs introvertiert, entfaltet im Laufe seiner sieben Minuten allerdings eine beachtliche klangliche Leichtigkeit. Etwas pathetisch reißt dann ein Klaus Kinski-Zitat aus seinem „Jesus Christus Erlöser“-Programm die Aufmerksamkeit auf sich und gibt dem Stück eine überraschende Wendung.

Marko Fürstenberg ist mit einem Remix des Tracks ebenfalls vertreten. Er macht „Einfachheit Gewinnt“ noch clubbiger, kompakter und lässt das Zitat versteckter einstreuen. Beide Versionen überzeugen aber gleichermaßen.
(Erstveröffentlichung im Kreuzer 1208)

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Daniel Stefanik „The Madcap Laughs EP“ (Freude am Tanzen)

Was für ein Monat für Daniel Stefanik. Erst sein herausragendes Debüt-Album auf Statik. Nun sein Debüt auf Freude am Tanzen. Und dann mit einem solch strangen Track auf der A-Seite. Gar nicht typisch für das Jenaer Label.

In der Essenz ist „Effervescing Elephant“ ein recht düsterer Techno-Track, mit schnarrender Bassline und kristallinen bis leise surrenden Sounds. Der Beat ist allerdings federleicht, so dass Techno hier als Überbanner gar nicht unbedingt passt. Vielleicht ist es eher die Ästhetik, die eindeutig nach Techno-Keller klingt – im besten Sinne.

Voller Funk und voller House-Inbrunst ist dagegen die B-Seite. Einmal sehr skizzenhaft mit einer gerasterten Melodie bei „It Is Obvious“ und einer angerauten Bassline. Sehr tänzelnd und sogar ein wenig jazzig.

„Hey Hey, What Can I Do“ ist mehr auf Rave aus, ganz dezent allerdings mit einem breit aufschäumenden verhallten Chord. So kann Dub auch klingen: Zwar durchaus vernebelt in den Sounds, aber viel zu lebensfroh und ausgelassen, um sich in der Dub-Melancholie zu verfangen. Schöner Neustart für Daniel Stefanik bei Freude am Tanzen.

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