Demian „Associative Memory EP“ (Spunky Monkey Records)

Wow, was für eine eingängige Platte. Hätte ich von Spunky Monkey nicht erwartet. Aber Demian scheint auch ein Held zu sein. Solch leichtfüßige House-Tracks.

Leider sind sie wohl aber untergegangen wenn man auf Discogs schaut: nur vier Besitzer offenbaren sich dort. Dabei steckt in den vier Tracks soviel Funk, Ironie, Deepness und Detroit-Reminizenzen, wie sie sonst nur selten so vereint zu finden sind.

Hinzu kommt, dass wirklich alle vier Stücke ausnahmslos überzeugen, und dass obwohl jeder für sich eine andere Nuance stärker betont. Es passt einfach alles: selbst die Blume auf dem Label-Etikett ebenso wie die orange-rote Hülle.

Spunky Monkey Records

Clouds „Elders“ (Jahtari)

Zwei Typen aus Helsinki stecken hinter Clouds. Laut Discogs pushen sie dort die Dubstep-Szene. Ihr Track „Elders“ ist aber eher in typischer Jahtari-Manier zwischen Dub und Digitalität beheimatet.

Unsterblich wird er nicht zuletzt durch seinen tollen runtergepitchten Gesang des Dancehall-Helden Cocoa-Tea. Ras Amerlock baut allerlei Sample-Wahnsinn ein, lässt das Vocal gänzlich außen vor. Die prägnant schiebende Bassline verrät aber, dass sie aus Finnland kommt. Aber irgendwie reicht das leider nicht so richtig.

Rootah erdet seinen Remix ganz im Kontrast im Roots Reggae, mit Vocal und unbändiger Deepness. Wobei die Beats voll in der Gegenwart kicken. Wadadda bringt schließlich einen weiteren Mix auf diese Platte, der wiederum sehr klassisch auf Dubstep setzt, mit ordentlichem Rave-Appeal und dem Vocal, wahrscheinlich sogar im Orginaltempo. Toll, wie diese Platte mit einem Grundgerüst so verschiedene Richtungen einschlägt.

Clouds Myspace
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Dan Drastic „Slice Of Life“ (Moon Harbour Recordings)

Das wurde auch Zeit. Hinter den Kulissen ist Dan Drastic schon länger bei Moon Harbour, auch als DJ läuft er unter dessen Banner. Doch bis auf einen Compilation-Beitrag gab es noch nichts Eigenes von ihm bei Moon Harbour.

Nun also „Slice Of Life“, ein anfangs dubbiger, minimalistischer Track, der durch sein langsam rein mäanderndes Sample eines afrikanischen Chors ein unerwartetes Gesicht bekommt. Die Kurve zum Ethno-Kitsch kriegt Dan Drastic recht souverän. Denn seine eigenen Sounds und seine Rhythmik sind sehr behutsam mit dem Chor-Vibe abgestimmt. An manchen Stellen klingen die Arrangements dann doch etwas hölzern, aber insgesamt überzeugt „Slice Of Life“ schon.

An den Johnny D-Mix komme ich dagegen nur schwer ran. Zwar ist der Mannheimer gerade hoch im Kurs, aber sein konsequentes Stakkato, das er aus dem Original neu herausfiltert, ist arg loopig und reduziert – besonders über fast zehn Minuten. Was aber durchaus fasziniert ist die hypnotische Intensität, die durch den hektischen, nicht enden wollenden Loop erzeugt werden. Im Club ist Hypnose toll, das ist scheinbar was bei diesem Remix zählt.

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Various Artists „KANN 00“ (Kann Records)

Die DJs, Party-Veranstalter und Producer Map.ache, Sevensol und Bender haben das Label Kann Records gegründet und starten mit einer Doppel-12“-Compilation, die toll aussieht und toll klingt.

Die gemeinsame Schnittmenge ist House. Mal sehr klassisch und mal sehr oldschool bei den US-Helden angelehnt. Dann wieder mitten in der House-Renaissance der letzten Jahre mit ihren euphorischen, teils epischen Tracks. Auch ein Berliner Producer gehört zu Kann Records – Johannes Beck steht für einen vertrackteren, eher in Electronica und Indie verwurzelten House-Sound.

Auch wenn sie in ihren Nuancen variieren: Alle sechs Tracks haben das Zeug zu kleinen Hits. Die Katalognummer 0 hat diese Platte eigentlich nicht verdient. Denn eine Null ist sie einfach nicht.

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Various Artists „Circoloco @ DC10 10 Years Anniversary“ (Moon Harbour Recordings)

Moon Harbour stemmt ein dickes Paket aus sechs Mix-CDs, verteilt über drei CDs. Seit zehn Jahren lässt sich jeden Montag im Sommer im Club DC10 das Party-Wochenende auf der Rave-Insel Ibiza verlängern.

Über das ganze Jahr finden auch in anderen Ländern Circoloco-Partys statt. Im Afterhour-Hype scheint diese Reihe jedoch hervorzustechen, was den Anspruch und die Auswahl der DJs anbelangt. Matthias Tanzmann gehört seit geraumer Zeit zu den Circoloco-Residents. Durch diesen Kontakt entstand auch die Idee einer Compilation-Serie zum 10-jährigen Bestehen der Club-Reihe.

Neben dem Moon Harbour-Chef durften auch Tania Vulcano, Sossa, Thomas Melchior sowie das rumänische Minimal-Trio Arpiar je einen Mix zum Jubiläum beisteuern. Mit Ibiza-Klischees haben alle Mixe wenig zu tun. Und doch können sie im eigenen Wohnzimmer, weit entfernt von Ibiza nichts von der vermeintlich ausgelassenen Stimmung rüberbringen.

Möglicherweise wäre eine DVD hierfür das bessere Medium gewesen. Einzig der Mix der drei Rumänen sticht mit seinen vielen exklusiven Tracks und dem konsequenten Minimalismus heraus.
(Erstveröffentlichung im Kreuzer 0808)

Moon Harbour Recordings Webite
Circoloco Myspace
Matthias Tanzmann „Restless“ – frohfroh-Rezension

Tilman Schmidt & Ihlenfeld „Ships And Icy Roads“ (Privatelektro)

Die neunte CD des Leipziger Electronica-Labels teilen sich die Künstler Tilman Schmidt und Sven Ihlenfeld aus Berlin. Jeweils drei Stücke steuerten beide für „Ships And Icy Roads“ bei.

Sechs Stücke also, die sehr verschiedene Richtungen einschlagen und auch für Privatelektro ungewöhnlich sind. Tilman Schmidt startet mit dem beinahe cineastischen „Ferner“, einem Stück, das zwischen Opulenz und Langsamkeit pendelt. Seine Nähe zum Post-Rock wird hingegen bei seinem zweiten Stück „Sophie“ deutlicher, am Schluss seiner Session wagt er sogar einen Exkurs in die Neue Musik.

Während Schmidt viel mit Instrumenten arbeitet, verbindet Ihlenfeld Field Recordings mit Electronica. Damit fällt er an vielen Stellen dissonanter und artifizieller als Schmidt aus, was aber keineswegs als Manko zu werten ist.

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Various Artists „Jahtarian Dubbers Vol. 1“ (Jahtari)

Das Leipziger Label Jahtari hat den Sprung vom kleinen Netlabel zum international erfolgreichen Sammelpunkt für „Digital Laptop Reggae“ geschafft. Nun verwirklichen sich Jahtari endlich ihren Traum, eigene Tonträger zu veröffentlichen.

Begleitet von einer Vinyl-Maxi gibt die CD „Jahtarian Dubbers Vol. 1“ einen wunderbaren Überblick über die Aktivitäten der Labelbetreiber Disrupt und Rootah und ihres inzwischen beachtlich gewachsenen Netzwerks an gleichgesinnten Dub-Erneuerern.

Highlights bietet die Compilation etliche: Disrupt zeigt sich wieder einmal in Bestform mit dem sich sehnsüchtig in alle Richtung ausweitendem „Selassi I Continually“ sowie „Kozure Okami“, einem schräg-leichtfüßen Skanker im 8bit-Stil. Ebenfalls aus Leipzig kommen Illyah & Ltd. Candy, die mit der geheimnisvollen Süße von „Machines and Ghosts“ verführen. Und African Simba hält, unterstützt von Rootah, die Wurzeln des Conscious Dub lebendig.

Mit seinem rohen und zugleich atmosphärischen Sound beweist „Jahtarian Dubbers Vol. 1“, dass die Geschichte des digitalen Dubs nicht Anfang der 1990er Jahre endete, sondern in Leipzig weiter geschrieben werden kann.

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Jakin Boaz „Metafour EP“ (Spunky Monkey Records)

Ein neues Label aus Leipzig. Spunky Monkey Records verortet sich selbst zwischen Techno und IDM. Die erste EP bildet beides ab, begeistert aber insbesondere durch seine vertracktere B-Seite.

Intelligent Dance Music war um die Jahrtausendwende das große Ding, Laptop-Künstler waren mit vertrackten elektronischen Tracks die Helden. Nachdem aber alles irgendwie ähnlich klang, wurde es langweilig. Dass IDM wieder spannend sein kann, zeigt Joan Boaz, ein Leipziger Producer, der auch bei Alphacut und Phantomnoise veröffentlicht hat.

Seine erste eigene EP „Metafour“ startet mit düster-vernebeltem Techno. Die anderen drei Stücke sind IDM in Höchstform – hektisch umher flirrende Beats und angenehm sphärische bis punktuell aufschimmernde Sounds. Diese Verbindung aus Schroffheit und Musikalität ist zwar keineswegs neu für IDM, doch in so homogener, beinahe eingängiger Form überzeugen die Tracks.

Spunky Monkey Records Website

Good Guy Mikesh & Filburt „Hypnopoint“ (Broque)

Mikesh, seit geraumer Zeit ein selbsternannter Good Guy, ist einmal nicht der Charmeur, sondern mutiert auf seiner ersten Vinyl-EP zum Raver. Zusammen mit Filburt werkelt er derzeit an einer Club-Variante seines herzzerreisenden Pop-Funk.

So richtig viel von Mikesh ist allerdings nicht zu hören – seine markante Stimme fehlt, nur ein paar Harmonie-Bögen und das Orchestrale im Hintergrund erinnern vage an ihn. „Hypnopoint“ startet viel versprechend als zwingender Tech-House-Track, ist mit der sich im Wechsel reinsteigernden knarzigen Bassline sowie den Rave-Fanfaren am Ende aber leider etwas überladen.

Die beiden Remixe von Lars Sommerfeld und Lucy and Rone fangen dieses Manko mit mehr House und mehr Minimal auf. In ein perkussives Dub-Techno-Gewand wird „Hypnopoint“ schließlich von Mapache gehüllt. Daher bleiben die Punkte letztendlich doch in Leipzig.

Good Guy Mikesh & Filburt Facebook
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Mix Mup „Something More To Play“ (Mikrodisko Recordings)

Eine Hommage an die Spontaneität ist die vierte Platte des Leipziger Labels Mikrodisko. Der Leipziger Producer und Künstler Mix Mup hat in einem Ritt drei Tracks aufgenommen, denen man ihre Ungeschliffenheit anhört.

Genau dieser raue Klang macht sie so anziehend. Die A-Seite wandelt sich von einem reduzierten, treibenden Acid-House-Track zu einer wahnwitzigen Hymne, die mit epischen Melodien und spleenigen Sounds abzuheben droht.

„Fresh Breeze“ zeigt indes Mix Mups Vorliebe für leicht kitschigen Italo-Disco-Pop. Mit legeren Vocals und eingängigem Aufbau wird daraus ein richtiger Pop-Dancefloor-Hybrid. Düsterer und angelehnt an den klassischen Electro-Sound schlägt abschließend „How Much I Love You“ ein weiteres Kapitel auf.

Mikrodisko entwickelt sich tatsächlich zu einem Label, dass verschiedene Stile elektronischer Musik unter einen Hut bringt, ohne dass es beliebig wird. Und dazu auf eine sehr authentische Weise.

Mix Mup Website
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Ein Mosaik aus Vinyl

Die elektronische Musik-Szene in Leipzig bleibt in Bewegung: immer mehr Enthusiasten dieser Stadt trotzen der Krise der Musikindustrie indem sie eigene Plattenlabels gründen. Alphacut Records gehört dabei schon fast zu den alten Hasen.

Musikalisch bewegen sich die Veröffentlichungen von Alphacut meist grob im Universum des Drum’n’Bass, aber Labelmacher LXC – bekannt für Veröffentlichungen auf Labels wie Offshore, Subtle Audio und Death$ucker – betont: „Es geht um keine konkrete Sparte, wir sind in keiner Schublade drin, darum ist jede Platte auch ein bisschen anders.“ Mit Alphacut lassen sich zum einem eher unübliche Tracks immer neuer internationaler Künstler entdecken, zudem entstehen durch die Zusammenstellung von verschiedenen Acts auf einer Platte mit jedem Release spannende Kombinationen.

Genauso wichtig ist LXC aber auch, die Kontrolle über den gesamten Produktionsprozess zu behalten, von der Kontaktaufnahme zu den Künstlern bis zur eigenhändigen Plattenpressung. Dieser aus dem Punkrock stammende DIY-Gedanke scheint ihm im Blut zu stecken: „Ich kann das gar nicht, immer nur zugucken und zuhören, sondern ich will dann auch selber meinen Senf dazu geben, weil ich denke, dass sonst auch gar nichts ins Rollen kommt.“ Auch besondere Features wie farbiges Vinyl, Handnummerierungen und so genannte Endlosrillen zeugen von einer Leidenschaft, die Alphacut-Platten zu einem Geschenk für Vinyl-Liebhaber machen.

In den ersten Jahren veröffentlichte Alphacut zwar konstant, aber relativ selten. Mittlerweile wird die liebevolle Beharrlichkeit, mit der LXC seine Ideen verfolgt, auch nach außen hin deutlicher: „Es ist, als hätte sich mit jeder Platte das Mosaik mehr zusammengefügt und jetzt haben die Leute verstanden, worum es uns geht.“ Insbesondere auf die achte Veröffentlichung in diesem Sommer gab es viel positives Feedback. Das Resultat, nicht zuletzt auch dank der persönlich gepflegten Kontakte zu Künstlern und Fans des Labels, ist inzwischen ein erheblich angewachsener Pool an guten Musikern, der dem Labelbetreiber Ansporn für neue Veröffentlichungen ist.

So folgte im Dezember schon die nächste Platte mit zwei wunderbar zugänglichen Stücken. „High Resolution“ von Paranoid Society aus Estland erinnert mit der perfekten Mischung aus Hektik und Gefühl daran, warum Neunziger-Jahre-Helden wie Photek so zukunftsweisend waren. Der Engländer Randomer dagegen beeindruckt auf seinem Track „Down In The Woods“ mit frisch-steppenden Ethno-Elementen. Mit Randomer werden Alphacut auch ihre Jubiläumsplatte bestreiten, dann mit der böse zappelnden Energiebombe „Seeing Angels Redux“. Diese 10. Veröffentlichung wird aber auch noch einen ganz besonderen Leckerbissen bieten: eine B-Seite mit 111 Endlosrillen, darunter von international bekannten Künstlern wie Paradox und Melt Banana, aber auch von weniger bekannten und lokalen Freunden des Labels.
(Erstveröffentlichung im Kreuzer 1208)

Alphacut Website
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Thomas Christoph Heyde „HCMF“ (HCMF Records / Phantomnoise Records)

Dass der Kurator vom Forum für Zeitgenössische Musik Leipzig hier relevant ist, ist nicht selbstverständlich. Aber Thomas Christoph Heyde ist niemand, der sich von dem Label E-Musik vereinnahmen lässt. Das zeigt auch sein Album.

Es beginnt mit einem unangenehmen Fiepen. Nach und nach steigern sich jedoch Piano, Schlagzeug und eine verzerrte Gitarre mit Metal-Attitüde zu einem klanglichen Feuerwerk, das eindrucksvoll eine dramatische Kinosequenz untermalen könnte.

Thomas Christoph Heydes gilt als „junger Wilder“ der Neuen Musik. Dort ist er musikalisch tief verwurzelt, doch auf einen exklusiven Hochkultur-Diskurs möchte sich der freie Leipziger Komponist nicht einlassen – dies machen bereits der Albumtitel und die Zusammenarbeit mit dem Label Phantomnoise deutlich.

Die Stücke sind nichts für nebenbei. „HCMF“ zwingt zum Zuhören, und ist voller spannender Details, die immer auch auf andere Genres der so genannten U-Musik referieren. Da schimmern Jazz-, Electronica-, Minimal- und Pop-Anleihen durch, die in dem Avantgarde-Kontext überaus erfrischend wirken. Die Arrangements wechseln nahtlos zwischen fragilen Harmonien und schroffen Dissonanzen. Gewährt man „HCMF“ die nötige Zeit zum Entfalten, dürfte die Euphorie nachvollziehbar sein.

Thomas Christoph Heyde Website
Phantomnoise Records – frohfroh-Porträt