Wiedererwachter Pioniergeist

Phantomnoise Records ist wieder da! Das Leipziger Label für „experimentelle elektronische Musik der eher härteren Gangart“, wie Labelmacher Alexander Dreyhaupt die Ausrichtung selbst beschreibt, meldete sich 2008 mit einigen neuen Veröffentlichungen zurück.

Vor fast zehn Jahren gegründet, machte sich Phantomnoise anfangs vor allem in der Breakcore-Szene einen Namen. 2004 wurden sie zu einem der letzten „labels of the month“ in der BBC-Radioshow des verstorbenen John Peel, doch auf die damit verbundene Aufmerksamkeit reagierte Alexander Dreyhaupt mit einer langen Pause. Probleme mit Vertrieben hatten die Arbeit erschwert und andere Projekte wie das Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig wurden ihm zeitweise wichtiger. Vor einem Jahr veröffentlichte Dreyhaupt dann eine EP der Brasilianer Arrebite und leckte wieder Blut für die Labelarbeit: „2007 habe ich angefangen, neu zu planen, es war darum eigentlich eines der aktivsten Jahre für Phantomnoise, was man aber erst dieses Jahr merken wird.“

Wie lebendig Phantomnoise wieder ist, beweist die gerade erschienene EP „Particles“ des Ulmer Künstlers Jens Döring alias e.stonji. Die vier Tracks gibt es schon seit einer Weile als Teil eines Konzeptalbums auf dem Berliner Label Kitty-Yo – allerdings nur digital. Alexander Dreyhaupt, der schon früher mit e.stonji zusammengearbeitet hatte, war begeistert von der Kombination aus verschrobenen Beats und flirrenden Melodien.

Um der Musik doch noch ein haptisches Forum zu geben, veröffentlichte Phantomnoise sie auf Vinyl. Und es lohnt sich – die Tracks klingen fetter und wärmer, und sie werden durch ein liebevolles Artwork ergänzt. Dreyhaupt schwärmt: „Bei e.stonji ist alles durchwurstet mit seiner eigenen Ästhetik, er hat als Künstler ein Gesamtkonzept – das gefällt mir.“

Eine ganz neuartige Erfahrung dagegen war die Produktion des Albums von Thomas Christoph Heyde, das Ende Mai bei Phantomnoise erscheinen wird. Als der Leipziger Komponist sich für ein Vinyl-Album entschied, bat er Dreyhaupt, die Produktion zu übernehmen. „Normalerweise kommen die Tracks fertig bei mir an, aber das Heyde-Album war organisatorisch sehr aufwendig. Ich wollte es so groß wie möglich machen.“

Das Stück „HighCulture Motherfucker“ auf Heydes Myspace-Seite gibt einen ersten Vorgeschmack auf die zu erwartende Fusion zwischen klassischer neuer Musik und poppig-perkussiver Electronica. Mit solchen Grenzüberschreitungen beweist Phantomnoise frischen Pioniergeist und hebt sich wohltuend vom allgemeinen Gejammer der Musikindustrie ab. Ein inspirierendes Plattenlabel, nicht nur für die Leipziger Musikszene.
(Erstveröffentlichung im Kreuzer 0408)

Phantomnoise Records Website
Thomas Christoph Heyde „HighCulture Motherfucker“ – frohfroh-Rezension

Matthias Tanzmann „Restless“ (Moon Harbour Recordings)

„Ich wollte hauptsächlich Sachen produzieren, die in irgendeiner Weise für einen DJ einsetzbar sind“, so beschreibt Matthias Tanzmann die Intention hinter seinem ersten Solo-Album.

Auch wenn „Restless“ für den Club produziert wurde, so entfalten die acht neuen Stücke auch abseits des Exzesses ihre Dynamik und ihren musikalischen Reiz. Im Gegensatz zu den letzten Club-EPs mit ihrem klaren Blick auf die Tanzflächen, geht das Album mehr in die Breite und überrascht mit ruhigeren, teils Dub-inspirierten Stücken, die die Deep House-Vergangenheit von Matthias Tanzmann auf elektronischere und reduziertere Weise modifizieren.

Zum anderen entwickeln einige Tracks eine ungewohnt experimentelle Note mit perkussiven Momenten und einem Jamsession-Charakter. Dazwischen mischen sich unmissverständlich zwingende Clubtracks. Auf Gastsänger, unnötigen Pop-Appeal und stilistische Ausbrüche verzichtet Tanzmann indes weiterhin. Allerdings fehlt ihm dadurch an manchen Stellen auch der eigene Charakter, die persönlichen Kanten. „Restless“ spiegelt insofern Matthias Tanzmanns ausgereiften Umgang mit Sounds und seine DJ-Erfahrungen wider.

Matthias Tanzmann Website
Moon Harbour Website
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Tom Mangan „Good Words“ (Lorna)

Mit Deadset hat der Brite Tom Mangan ein wildes Debüt-Album veröffentlicht – voller House mit Schnittstellen zu Pop, Funk und mehr. Solo frönt er House in seiner klassischsten Weise.

Das ist eine Lieblingsplatte, ja ja ja. Diese beiden Tracks von Tom Mangan sind so euphorisch und schwelgerisch, sie schreien förmlich, wie zeitlos und berauschend House-Musik sein kann. Der Brite ist eigentlich mit dem Duo Deadset gerade gut unterwegs. Deren Album ist ebenfalls ein Manifest für House, wenn auch in einem humoristischeren und noch Funk orientierteren Sinne.

Auf „Good Words“ stimmt einfach alles: die House- und Dub-Chords, die Balance zwischen ewigem Loop und einem langsamen Hochfahren. Spätestens wenn die Strings das Ende des Breaks einläuten, hebt alles ab.

„Bit Lip“ will gar nicht mehr aufhören. Über zwölf Minuten pusht sich dieser Track nach vorn, nach oben, kühlt sich wieder ab, um kurz danach neu zu starten. Wie es scheint ist „Bit Lip“ ein wenig stärker beeinflusst von dem Deadset-Stil. Die Sounds im Hintergrund sind zackiger, manchmal alberner und mit einem Hauch von Disco. Aber die Chords, ja, die sind keinen Deut weniger schwelgerisch. Woah!

Tom Mangan Myspace

Kassem Mosse „Workshop 03“ (Workshop)

Wow, Kassem Mosse nun bei Workshop, dem neuen Label von Lowtec aus Südthüringen. Drei Tracks ohne Namen sind auf dieser EP, bei der De:Bug war sie weit oben in den Redaktions-Charts.

Die drei neuen Tracks sind zwar eindeutig Kassem Mosse, aber gerade die A-Seite ist rhythmisch gebrochener und mehr im Elektro verwurzelt als die Stücke auf seinem Mikrodisko-Debüt vom Frühjahr. Er wirkt sehr offen, freundlich, harmonisch und ausgeglichen – natürlich alles relativ zu der omnipräsenten Wehmut, die bei Kassem Mosse immer zwischen den Tönen steckt. Der A-Seiten-Track überrascht auch mit einem langen ambienten Auslauf.

Auf der B-Seite wird es dann wieder düsterer und reduzierter. Irgendwie ist es spannend, wie Kassem Mosse das Tempo drosselt und dadurch den Sounds viel mehr Aufmerksamkeit und Raum zum Entdecken gibt. Es geht hier einfach nicht um den Dancefloor, sondern um mehr. Und das klappt ausgezeichnet.

Kassem Mosse Facebook
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Kassem Mosse „Those Days“ (Mikrodisko Recordings)

Die erste wirklich eigene Platte von Kassem Mosse. Und dann noch die mit dem wahrscheinlich längsten Titel der Welt: „Those days are long sped in the night of the past, as if they never had been“.

Die Wehmut dieses Gedichtsausschnitts schlägt sich auch in der klanglichen Atmosphäre der drei Tracks nieder. „Tears Run Rings“ ist unterkühlt und streng, Techno auf dem Weg von Detroit zu uns rüber. Ganz entfernt schimmert so etwas wie eine abstrahierte Melodie hervor. Wie der Soundtrack zu einem fiktiven Tarkowski-Roadmovie.

„Shaqued“ ist dagegen eine warme, heimliche Oase. Der Beat ist verdeckter, dafür bekommen die deepe Chords und ein alter Synthesizer mehr Raum. In einer wohligen Dub-Wolke ist schließlich „Crown Gall“ eingewickelt. Die Bassdrum drückt aus der Wolke ziemlich trocken hervor, ohne Schnörkel. Dafür ist der Track am introvertiertesten von allen auf dieser EP. Wobei: Wirklich extrovertiert ist hier eigentlich nichts.

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17 Pictures „s/t“ (Ahornfelder)

Siebzehn Skizzen von Jörg Follert alias Wechsel Garland – Siebzehn Mal Musik für fiktive Kurzfilme. Musikalisch toll wie immer, leider in ihrer skizzierten Art viel zu kurz.

Jörg Follert ist ein stiller Held. Einer, der als Wechsel Garland erst mit rein instrumentalen Elektronika-Stücken verzückte und zuletzt auf seinem Album „So Easy“ überraschend zum Pop-Song fand – inklusive hinreisender Melodien und Vocals. Überhaupt: leichtfüßige und doch auch wehmütige Harmonien sind die Stärke des Kölners, der ebenfalls als Filmmusiker aktiv ist.

Und cineastisch klingen auch die siebzehn Sound-Skizzen seines neuen Projektes 17 Pictures. In teilweise nur einminütigen Stücken vertont Jörg Follert mit Gitarre, Rhodes und Harmonica imaginäre Bilder, deren Titel zwar eine mögliche Interpretation vorgeben, die aber eigentlich geradezu zum Selbst-Ausmalen einladen. Den Bogen zwischen den siebzehn musikalischen Bildern spannt ein Thema, das leicht variiert immer wieder auftaucht und den anfangs lose wirkenden Stücken zu einer gewissen Gesamt-Dramaturgie verhilft.

Im Prinzip könnte 17 Pictures als neues Wechsel Garland-Album angekündigt werden, wenn auch das Visualisierende mehr im Fokus steht – Glücklicherweise aber ohne verschrobene Kunst-Attitüden.
(Erstveröffentlichung im Kreuzer0207)

Wechsel Garland / 17 Pictures Website

Tradition im Laptop

Bei uns nur wenig bekannt, ist Jahtari in Großbritannien ein echter Exportschlager. Insbesondere Label-Mitbetreiber Jan Gleichmar alias Disrupt gilt auf der Insel als neuer Dub-Held. Nebenbei hat das Label sein eigenes Genre begründet: Digital Laptop Reggae.

Die Zahl der Net-Labels, die ihre Musik ausschließlich kostenlos über das Internet veröffentlichen, ist in den letzten fünf Jahren drastisch gestiegen. Den Überblick zu bewahren, und Qualität von Hobby-Produktionen zu unterscheiden, fällt dabei immer schwerer. Erstaunlicherweise agiert ein Großteil jener Labels im Bereich der elektronischen Musik, Dub- oder Reggae sind selten zu finden. Das mag an der traditionellen Verbundenheit dieser Genres mit dem Format Vinyl und den so genannten Dub-Plates liegen.

Ausgerechnet aus Leipzig kommt jedoch ein Label, dass sich den Wurzeln von Dub und Reggae verschrieben hat, sie aber mit neuen Methoden und aktuellen musikalischen Facetten voran bringen möchte: Jahtari. Ein Kunstwort aus Jah und Atari, das diese Verbindung bereits im Namen deutlich macht – Jah, die Gottesbezeichnung der Rastafaris, gehört fest zum Reggae-Slang, der Atari hat als einer der ersten Computer das Musikmachen revolutioniert.

Ende 2004 von Jan Gleichmar alias Disrupt und Christoph Röpke alias Rootah gegründet, ist das Jahtari-Profil bereits sehr ausgereift und wird dank der schnellen Netzwerk-Möglichkeiten im Internet auch international wahrgenommen. Kein Wunder, kommen viele, der bei dem Leipziger Label, veröffentlichten Tracks von Musikern aus Schweden, Dänemark, den USA oder Frankreich. „Wir schieben gar nicht so viel an, durch das Internet passieren die Dinge oft von sich aus“, sagt Disrupt und freut sich über das positive Feedback. „Wir sind eigentlich keine Freunde von MP3. Deshalb haben wir versucht das Vinyl-Feeling ins Netz mit einzubeziehen“, meint der freiberufliche Kamera-Assistent weiter. Jede Net-7“ hat daher eine A- und B-Seite und beginnt mit dem typischen Schallplatten-Knistern.

Roots mit neuen Mitteln
Doch das war es auch mit dem Hang zum Traditionellen. Produziert wird zumeist am Computer, und zwar „Digital Laptop Reggae“. Ein Paradoxon, das anfangs experimentell ausgereizt werden sollte, sich mittlerweile aber bewährt hat. Denn Dub und Reggae beruhen auf einem voluminösen Bass und dem Sound von alten Effekt-Geräten. Dass dies auch digital möglich ist, schien den Dub-Reggae-Hardlinern lang nicht denkbar.

„Das Problem an heutigen Dub- und Reggae-Platten ist, dass sie wie zur Blütezeit um 1970 klingen wollen. Irgendwann hat sich das tot gelaufen“, resümiert Disrupt und spannt damit zugleich den Bogen zu Jahtari. Dub ist der Ausgangspunkt, mit dem Computer wird schließlich da weiter gemacht, was mit altem Equipment nicht möglich ist.

Der Diskurs um diese Digital-vs.-Oldschool-Grundsatzfrage scheint für Jahtari ebenso wichtig wie die Musik selbst. Sogar eine eigens formulierte Theorie in drei Punkten gibt es auf der Label-Website nachzulesen, und auch die Geschichte von Dub und Reggae wird ausführlich erzählt. So verkopft das klingen mag, den Tracks von Künstlern wie Bo Marley, die britische Legende Mikey Murka, Volfoniq oder Roots Ista Posseist dies nicht als überbetonte Attitüde anzuhören.

Die bisher zwölf veröffentlichten Net-7“ und vier Net-EPs sind mal überaus eingängig mit Gesang, mal eher Track orientiert und gemächlich. Auch wird nicht dogmatisch nur auf den Computer gesetzt. Wer alte Geräte hat, wird sie auch einsetzen. Denn das Knöpfendrehen an richtigen Echoboxen und Synthesizern macht das Jammen einfacher und spannender, als mit der Maus in Sound-Bibliotheken nach dem gewünschten Stück zu suchen. Insofern könnte das Credo „Digital Laptop Reggae“ auch aus der Not heraus geboren sein. Denn eine originale Echoplex oder ein Roland SpaceEcho sind schwer zu bekommen und kosten dementsprechend.

Digitale Höchstauflagen
Größter Hit für Jahtari war bisher der Song „Bauhelm“ von der dänischen Band Bo Marley – 30.000 Downloads. Die aktuelle Net-7“ des Leipziger Projekts Illyah & Ltd. Candy wurde innerhalb der ersten drei Wochen bereits 2.500mal herunter geladen – Im Durchschnitt „ziehen“ sich 2.500 bis 5.000 User die Jahtari-Releases. Enorme Zahlen, wenn man bedenkt, dass ein konventionelles Indie-Label meist nur Auflagen von 500 bis 1.000 Kopien pressen lässt.

Klassische Reggae- und Dub-Fans von Anfang an sind Disrupt und Rootah nicht. Beide mit Kurzhaarfrisur und musikalisch von elektronischer Musik wie Drum and Bass, Techno und Electronica sozialisiert, kamen sie um das Jahr 2000 dazu, als sie die Tracks von Basic Channel und Rhythm & Sound für sich entdeckten. Die Berliner Producer griffen bereits Mitte der Neunziger Dub und Reggae auf und brachten sie mit Techno und Electronica zusammen.

jahtari_portraitAls Disrupt produziert Jan Gleichmar (im Bild rechts) erst seit circa vier Jahren Dub-Stücke, und das Interesse an seinen Tracks wächst. In Kürze veröffentlicht das britische Label Werk Discs ein Album sowie einige EPs von ihm. „Vielleicht ergibt sich über diesen Kontakt auch ein Vertriebsdeal“, hofft Gleichmar, denn optimal wäre für den gebürtigen Thüringer eine Mischform aus Net- und Vinyl-Label. Ohne Vertrieb würde sich das Pressen von Platten allerdings nicht lohnen.

Interessant ist darüber hinaus, dass Jahtari als Dub/Reggae-Netlabel sowohl im Musik- als auch im Kunstumfeld beachtet wird. So spielten Disrupt und Rootah sowohl auf der 2006er Transmediale in Berlin als auch auf größeren Dub- und Electronica-Events in Warschau oder wie vor wenigen Wochen in Großbritannien. „Wir standen da in Schottland mit dem Mungo’s Hifi Sound System auf einer Bühne mit 16 Kilowatt-Anlagen, das war ein unglaublicher Sound.“, erinnert sich Jan Gleichmar.
(Erstveröffentlichung im Kreuzer 0507)

Jahtari Website
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Die Mikrodisko ist eröffnet

Im Herbst 2006 startete Mikrodisko Recordings als Liebhaber-Label des Homo Elektrik-Umfelds. Zum Liebhaben hat sich das Label tatsächlich entwickelt. Denn die Platten von Kassem Mosse, Boys’R’Us und Mix Mup haben einen sehr eigenen Sound, fernab klassischer Funktionalitätsansprüche.

Techno und House stehen vielerorts für Macho-Balz-Veranstaltungen, auch den schwul-lesbischen Diskos hängen unsägliche, teils nicht unbegründete, Klischees an. Einen Gegenentwurf bietet seit mehreren Jahren die Homo Elektrik-Crew mit ihren mehr oder weniger offiziellen, nicht-kommerziellen Partys. Dort trifft die bloße Freude an elektronischer Tanzmusik auf einen offensiven Sex-Appeal für ein, nach eigenen Angaben, „gender-offenes Publikum“.

Aus jenem Homo-Elektrik-Umfeld ist ein Musik-Label namens Mikrodisko Recordings entstanden. Mikro als Gegenteil von Rave, Disko als klares Bekenntnis zu geradliniger tanzbarer Rhythmik – So könnte der musikalische Ansatz angedeutet werden, den die Betreiber Marco Riegel und Falk Springer mit ihrem Label anstreben. Minimalismus bildet den Kern, um den analoge wie digitale Klänge, poppige und verquere Melodien kreisen können.

Einen klar definierten Label-Stil scheut Mikrodisko Recordings aber doch. Wohl wissend, wie unterschiedlich im Detail die jeweiligen Vorlieben der Künstler Boys’R’Us, Kassem Mosse, volt.ctrl umgesetzt werden – natürlich auch aus dem Anspruch heraus, Veränderungen nicht im Wege zu stehen. Vinyl-Maxi Nummer 1 heißt „We Call It Mikrodisko“, eine Mini-Compilation bestehend aus vier Tracks, die die Facetten des Label-Repertoires zwischen Tech-House und ambientem, experimentellem Gefrickel aufzeigen. Das klingt alles sehr vielversprechend, frisch und ungezwungen. Ein Vertrieb wird noch gesucht, die nächsten zwei Platten haben auch schon Namen.
(Erstveröffentlichung im Kreuzer 0906)

Mittlerweile sind fünf Platten auf Mikrodisko herausgekommen, allesamt mit einem sehr eigenen, recht ungeschliffenen Charme. Nicht ohne Rave-Qualitäten, wie die Platte von Boys’R’Us zeigt – Sven Väth liebt sie. Über Kassem Mosse muss nicht weiter geschwärmt werden. Einen Vertrieb gibt es inzwischen auch.

Mikrodisko Website
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Musik ausgestellt

Schallplatten sind toll. Noch toller wird es, wenn sie in einer schönen Hülle stecken. Für Kann Records hat die Illustratorin Iska Kaek eine eigene Bildsprache erfunden, die nun in dem Galerie-/Magazin-Shop MZIN ausgestellt werden.

Gleich die erste Platte von Kann Records gefiel nicht nur durch ihre sechs Tracks, sondern auch durch die Gestaltung. Franziska Kempiak alias Iska Kaek hat im Rahmen ihres Diploms ein Erscheinungsbild für das Label geschaffen, das mit seiner Farbigkeit und abstrakten Illustrationen beim Plattensuchen sofort ins Auge fallen dürfte. Der Stil bleibt, aber mit jeder neuen Platte entsteht auch ein neues Label-Etikett.

Zusammen mit Rufus Horn wurden diese abstrakten Gebilde nun vom Zweidimensionalen ins Dreidimensionale übertragen – in Form von Installationen. Es geht um „eine kosmo-archeologische Entdeckung der vierten Art“, heißt es im Info-Text. Vom 11. Juli bis zum 14. August ist die Ausstellung „Kann Komet KN402“in dem Magazin-Shop MZIN in der Paul-Gruner-Straße 64 zu sehen.

Kann Records Website
Iska Kaek Website
MZIN Website

Null Inch

Zero Inch ist ein MP3-Download-Shop, der nicht einfach nur Dateien verkaufen möchte. Mit Hintergrundinformationen zu den Künstlern, Labels und Städten sowie einem sorgfältig ausgewählten Backstock soll Orientierung im File-Dschungel geboten werden. Auch Leipzig ist vertreten.

Seit letztem Jahr gibt es mit Zero Inch einen Online-Shop für elektronische Musik im digitalen – und umstrittenen – MP3-Format. Die Idee ist nicht schlecht: Mit Informationen zu Künstlern, Labels und deren Heimatstädten soll eine Art soziale und redaktionelle Ebene beim MP3-Kauf integriert werden.

Also dass, was gewöhnlich ein traditioneller Plattenladen auch übernimmt, in dem man dort neue Sachen empfohlen bekommt oder in dem Zusammenhänge deutlich werden. Leipzig ist auch bei Zero Inch vertreten. Die Informationen sind zwar eher dürftig und teilweise nicht ganz korrekt – Lowtec wird als Leipziger Künstler gelistet – aber hier geben sich wirklich mal Leute Mühe das Online-Geschäft persönlicher zu gestalten.

Die De:Bug mag es auch: MP3s kaufen: Die Stilfrage mit Zero“

Leipzig Fame

Erst Mannheim, nun Leipzig – Die De:Bug schaut gerade gern über ihre Berliner Stadtgrenzen hinaus und entdeckt einige viel versprechende lokale Epizentren. Vielleicht reizt die Provinz-Romantik aus Sicht der Hauptstadt. Nichtsdestotrotz ist es eine gelungene Außensicht.

In der Januar-Ausgabe der De:Bug gab über drei Seiten Ruhm und Ehre für die Leipziger House-Protagonisten. Leider wurden nicht alle erwähnt. Dass Mikrodisko mit Kassem Mosse bei der Außenbetrachtung außen vor bleiben, ist schade. Auch ein Blick auf den Status Quo bei Moon Harbour wäre wünschenswert gewesen. Aber Schluss mit Nörgeln. Das Bild ist toll.

Hier gibt es den Artikel online zu lesen: Leipzig – House City

Im Korsett gegensteuern

DJ Koze im Interview. Der Hamburger erzählt von seiner Heimatstadt, seinem Anspruch an House und Techno, seinem soeben gestarteten eigenem Label und seinem zweiten Alias Adolf Noise mit dem er neuerdings Kopfhörerkonzerte gibt.

Viele Worte braucht es eigentlich nicht, um Stefan Kozalla alias DJ Koze alias Adolf Noise vorzustellen. Der Hamburger ist einer der großen im Techno-Zirkus, und einer derjenigen, die sich nicht auf eingefahrenen Sounds und Konventionen ausruhen möchte. Auf dem diesjährigen Nachtdigital Open Air spielt auch DJ Koze. Für das Programmheft habe ich ein Telefoninterview mit dem Hamburger geführt. Hier ist es nochmals in kompletter Länge zu lesen.

Die Selbsteinschätzungen auf deiner Myspace-Seite, sind das Dinge, die dir im Laufe der Zeit entgegengebracht wurden oder ist das deine eigene Reflektion?

Das ist meine eigene Reflektion. Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Das ist natürlich auch nicht ganz ernst gemeint.

Im letzten Groove-Interview zusammen mit Ricardo Villalobos klangst du ziemlich pessimistisch was Techno und House angeht. Zieht dich das Auflegen so runter, weil dir im Club oft eine recht klare Erwartungshaltung entgegenkommt oder siehst generell eine Flaute in der Musik?

Es ist eine gewisse musikalische Stagnation zu erkennen, wie bei vielen Musikrichtungen. Ich mache das ja auch schon recht lange und je länger man das macht, desto mehr nervt es einen, wenn es nicht weitergeht, wenn langweilige, konventionelle Formen gefragt sind. Ich liebe die Musik und deswegen stimmt mich das so ein wenig traurig – Auch wenn ich merke, warum Leute Musik machen und mit was für Effekten, um mit einfachsten Mitteln die Crowd zu rocken.
Da ist man dann gar nicht mehr weit entfernt von Rockmusik mit einer E-Gitarre, bei der der Lauteste Recht hat. Lautstärke, Dominanz, Macht und Gebrüll. Ich finde aber in der Musik ist alles andere interessanter als das. Und es gibt wenige Musikstile instrumentaler Natur, die so offene Strukturen bieten können wie House und Techno. Es stimmt mich dann aber traurig, wenn genau die andere Seite solche Akzeptanz findet. Die berührt mich überhaupt nicht und da muss man dann ein bisschen gegensteuern.

Spürst du bei Festivals nicht noch einen größeren Druck, weil da noch mehr Menschen sind, die wahrscheinlich nur auf Peaktime-Knaller warten?

Ein bisschen ist das schon so. Beim Nachtdigital ist es genau gegenteilig. Was ich eigentlich gut finde, sind Festivals, die nicht eindeutig auf Techno oder House ausgelegt sind, wie das Melt!. Da sind die Leute dann auch dankbar, wenn man mal anderes als eine Band läuft und da kann man dann sein eigenes Fass aufmachen. Bei straighten Techno-Festivals bin ich manchmal erschrocken, dass die Leute nur so ein Durchfönen wollen. Und da weiß ich oft nicht, warum ich anreisen muss, weil vor und nach mir 28 Typen durchhämmern. Warum soll ich das dann auch noch machen? Ich will jetzt aber auch nicht so Trübsaal blasen.

Ist Hamburg der beste Platz um an Techno und House anders als gewöhnlich heranzugehen? Von außen wirken die Szenen viel stärker verwoben und die Grenzen fließender?

Ja, ich glaube es ist sehr gut hier. Viele der Leute aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis haben ähnliche Meinungen. Wir beobachten alles aus der zweiten Reihe. Ich glaube, wenn man mittendrin in so einer Hype-Blase ist, macht man alles, um auch noch den Hinterletzten zu erreichen. Von Hamburg aus steuert man wahrscheinlich etwas gelassener dagegen an. Man hat auch nicht so viel Input, man muss selbst die ganze Zeit schaffen und da kommt dann so etwas Unverfälschtes dabei raus. Ich weiß nicht, ob das auch so wäre, wenn die ganzen Protagonisten in Berlin leben würden.

Sind denn viele aus deinem Freundes- und Bekanntenkreis trotzdem nach Berlin abgewandert?

Also ganz viele Freunde sind nach Berlin gezogen und dass kann man ja auch verstehen. Da gibt es viel mehr Angebot und viel mehr Möglichkeiten in verschiedenen Bereichen. Das ist echt ein wenig lasch hier in Hamburg. Wenn man jetzt nicht so oft unterwegs ist wie ich oder Bekannte von mir, und hier jede Woche festklebt, dann kann ich verstehen, wenn man mal was anderes möchte. Ich freu mich eher darüber, wenn ich unter der Woche hier Ruhe habe, um mich wieder zu erden. Da brauche ich nicht noch eine große Stadt.

Hättest du Lust musikalisch noch mal in eine ganz andere Richtung zu gehen?

Ich mache ja noch die Adolf Noise-Geschichte, mit Kopfhörer-Konzerten in Theatern, was komplett was anderes ist. Ich mache sowieso das, worauf ich Bock habe. Und manchmal denke ich, ich will was ganz anderes machen, und dann denke ich, nein, ich muss genau im Korsett der House-Musik einen anderen Entwurf machen. Zwischen diesen beiden Polen pendele ich immer – entweder mal eine Folk-Platte mit einer Sängerin oder einfach eine Bassdrum mit was Neuem drüber.

Hast du im Vorfeld eine klare Vorstellung von dem nächsten Track oder fließt das alles?

Nein, ich mache jeden Tag, jede Woche, wenn ich Muße habe Musik und dann schau ich eben, für was ich da was rausziehen kann. Ich nehme mir nie etwas vor.

Du sprichst von einer Stagnation bei House. Wie ist es für dich als DJ dann noch die richtigen Platten zu finden?

Es ist die Suche nach Edelweiß. Ich schaue auch im Netz, höre mir neue Platten durch. Von fünfzig nehme ich dann vielleicht zwei mit. Man forscht so ein bisschen und immer wieder gibt es eine neue Baustelle, wo man merkt, dass es auch andere spannende Sachen gibt. Es ist nicht so einfach. Aber letztendlich ist es mir auch gar nicht mehr so wichtig, den neuen Scheiß zu spielen, weil der neue Kram nicht mehr so viel Neues für mich bietet. Ich finde es mittlerweile eher spannend aus den letzten zehn Jahren besondere Musik mit noch unveröffentlichten Tracks von mir oder von Freunden zusammen zu weben. Die aktuellen Charts interessieren mich nicht mehr so richtig, da fühle ich nicht mehr viel. Ich fühle mich eher wie so ein Selector, der zwar auch House-Musik präsentiert, der aber so einen eigenen Fundus hat und den mit neuen Sachen kombiniert.

Was begeistert dich denn aktuell?

Ich habe gestern gerade Ben Klocks Depeche Mode-Remix bekommen, der wirklich toll ist, weil es so wenig dubsteppig mit ganz tollen Harmonien ist. Ich finde seine Produktionen sowieso sehr gut. Es würde mich nicht wundern, wenn Depeche Mode ihn als nächsten Produzenten auswählen. Das würde sehr gut passen – seine leichte sphärische Dichte, die tighten Beats, zusammen mit der Stimme.

Ist Dubstep was für dich? Das ist ja ein Stil, der viele gute Anknüpfpunkte zu Techno und House bietet.

Es ist ein bisschen unterkühlt für mich. Es ist nicht genau meine Musikrichtung. Ich finde es interessant und es ist auch befreiend, da es etwas anderes ist. In sich ist es mir das aber zu britisch. Ich finde zum Beispiel Burial toll, aber eher aus so einem exotischen Blickwinkel heraus, weil es verstörend weit weg für mich ist. Das bezieht sich zwar auf britisches Zeug, was ich gern mag, wie LFO oder Boards Of Canada aus dieser Zeit. Aber es ist nicht sehr nah für mich. Ich betrachte es eher beeindruckt.

Du hast dein eigenes Label gegründet – Pampa. Was ist davon zu erwarten?

Davon ist eigentlich nur zu erwarten, dass es fantastische Musik veröffentlicht. Die erste Nummer werden Die Vögel sein. Das sind Freunde von mir, die mit Tuba und Herdenflöte, Bassdrum und Shaker ganz tolle Musik machen – mit ganz wenigen Zutaten nur. Die zweite wird Jackmate sein, der tolle organische, soulige Tracks gemacht hat, die aber nicht sein normaler Style sind. Eigentlich werde ich versuchen aus dem Freundeskreis Leute zu motivieren, mir doch Musik zu schicken, bei der sie sich nicht so ganz sicher sind, die anders sind als das was sie sonst machen, solche Ausrutscher oder Unfälle – und letztendlich doch tight Club. Das wird kein Ambient, sondern jede Nummer soll im Club spielbar sein. Also eigentlich Tracks, die man als DJ sucht, um seine Sets aufzulockern, die den Techno-Kontext ein wenig verlassen und mit anderen Sounds und Stimmungen arbeiten. Da bin ich immer ganz heiß drauf so etwas zu finden.

Kurz noch zu Adolf Noise – waren diese Kopfhörer-Konzerte im Frühjahr nur ein Intermezzo oder ist da auch mehr zu erwarten?

Ich glaube, dass ist eine schöne Baustelle und das ist ganz toll mit den Kopfhörern. Das wird bestimmt weitergehen. Vielleicht machen wir noch mal was auf Seebühnen oder in Parks. Man kann das ja theoretisch überall machen, weil es keine PA braucht. Das ist ein tolles Konzept und ich bin selbst ganz begeistert davon. Es ist eben auch jeder Abend etwas anderes und in Leipzig hat es besonders gut geklappt. Für mich auf der Bühne war das auch eine große Erfahrung. Dass man so sitzen kann und alle konzentrieren sich auf jeden Ton. Das hat so etwas Verschwörerisches. Wenn es gut läuft, macht mir das sehr viel Spaß.

DJ Koze Website