Bleep Out

Heute Abend wird aus Bleep Hop der Bleep Club. Warum? Weil es die vorerst letzte Sendung von Michael Wallies alias Repeatbeat sein wird. Eine Menge Gäste konnte er dafür akquirieren.

Schon komisch, wenn einem die Relevanz einer guten Konstante erst dann richtig bewusst wird, wenn sie sich dem Ende zuneigt. 221 Sendungen bereitete Michael Wallies in den vergangenen acht Jahren vor, um sie dann live auf Radio Blau zu moderieren. Für Liebhaber von ebenso geradliniger wie abseitiger, elektronischer Musik war Bleep Hop eine regelmäßige Inspirationsquelle. Zweimal durfte ich dabei sein und mir das Räuspern am Mikrofon verkneifen.

Heute Abend wird das Studio aber richtig voll. Zusammen mit seinem Moderator-Weggefährten Alexander Dreyhaupt hostet Micha ein letztes Mal Bleep Hop und macht zugleich einen Club daraus. Mit richtigen DJs und einem Live-Act. Eine Stunde mehr hat er auch bekommen – von Mrs. Peppstein, die ihn einst zum Radio brachte. Es spielen: Claire, LXC, Map.ache, Mrs. Pepstein, Orange Dot (live), Rentek und Daniel Stefanik. Aber hallo. 20 Uhr geht es los. Wir wollten aber noch ein wenig mehr wissen und haben Micha vier Fragen gestellt:

Letzte Bleep Hop-Sendung: warum?

Das hat sich kurzfristig ergeben, da ich Leipzig verlasse. So musste ich auch schnell entscheiden, was mit der Sendung passiert. Acht Jahre und über 200 Sendungen sind keine Kleinigkeit. Natürlich könnte ich weiter machen, indem ich eine Sendung vorproduziere, die dann im Radio abgefahren wird. Technisch wäre das kein Problem. Das habe ich bei anderen Sendungen bereits erlebt, die dann einen schleichenden Tod erlebten und dann einfach weg waren. Dafür liegt mir „Bleep Hop“ zu sehr am Herzen. Radio lebt davon, dass man die Sendungen live – möglichst mit interessanten Gästen – produziert.

Das Radio ist dafür ein toller Ort. Ich habe dann eine Nacht drüber geschlafen und sofort gewusst, dass der Moment gekommen ist, Bleep Hop erstmal in den Ruhestand zu schicken und zwar mit einer ganz besonderen Sendung. Am gleichen Abend hatte ich dann meine vorvorletzte Sendung. Daniel Stefanik, der an diesem Abend mein Studiogast war, meinte sofort, dass er dabei wäre. Nach einigen E-Mails war am nächsten Nachmittag das Programm für den „Bleep Club“ komplett. Das Line-up kann sich wirklich sehen lassen, weil so viele unterschiedliche Akteure zusammen kommen. Das es nun auch noch die 222. Sendung ist, ist wirklich ein schöner Zufall. Toll ist auch, dass Mrs. Pepstein mitmacht und das am Abend so viele Leute aus dem Radio mithelfen.

Was waren deine persönlichen Höhepunkte in den 221 vergangenen Sendungen?

Ein Highlight war der Besuch von Funkstörung mit ihren Live-Sets im Studio. Die Sendung war noch total neu und ich war damals ein riesiger Fan und stolz, dass Helden der Jugend einfach mal vorbei kommen. Irgendwann war es dann aber nicht mehr so wichtig, wie bekannt oder erfolgreich die Studiogäste sind. Vielmehr fand ich es wichtig, dass sich möglichst aufschlussreiche Gespräche ergaben. Dazu musste die Musik natürlich das gewisse Etwas haben.

Außerdem ist es toll, wenn man immer dann, wenn man es nicht erwartet, Feedback zur Sendung bekommt. So gibt es lustige Situationen, wenn dir einige Tage nach der Sendung jemand erzählt, dass er dazu Plätzchen gebacken hat oder in der Wanne lag und noch wissen will, welcher Track gegen halb 10 lief. Ein besonderes Highlight fällt mir doch ein: Ich konnte im März Gilles Peterson von der BBC interviewen. Das war natürlich famos, so eine Radiolegende im kleinen Radio Blau-Studio zu erleben.

Du bist in all den Jahren Radio Blau treu geblieben – gab es auch Überlegungen im Internet zu senden?

Radio Blau – und somit auch Sendung – ist ja schon seit Jahren im Live-Stream zu hören. Dazu gab es natürlich seit Ewigkeiten diverse Aktionen im Netz. Anfangs war Myspace total relevant. Mittlerweile klingt das bizarr und 90er. Heute braucht man natürlich möglichst eine eigene Seite, ein Soundcloud-Profil, ein Twitter-Account und obendrauf noch eine Facebook-Fanseite. Das macht man, aber die Online-Aktivitäten sind immer nur programmbegleitend.

Vielleicht bin ich da etwas altmodisch, aber es ist ja auch weiterhin cool, mit Vinyl aufzulegen. Ganz wichtig war es über die Jahre auch, dass der feste Sendeplatz da war und somit die Verpflichtung, alle zwei Wochen – und das in allen Lebenslagen – eine neue Sendung zu machen. Dazu ist ein freies Radio – mit all den basisdemokratischen Diskussionen, die manchmal natürlich auch nerven – ein verdammt lehrreiches, soziales Projekt, was man definitiv erlebt haben sollte.

Welche anderen Sendungen für elektronische Musik auf Radio Blau kannst du uns als Alternative zu Bleep Hop empfehlen?

Es gibt erstklassige DJ-Sendungen. Ich empfehle auf jeden Fall „Girls Edit“, „Downtownlyrics“, „Subscience“ oder „Nokogiribiki“. Mit „Future Classics“ gibt es dazu eine tolle Musiksendung für HipHop-Fans. Dazu kann man sehr eigenwillige, oft krautige elektronische Musik in der „Zonic Radio Show“ hören.

Meine absolute Lieblingssendung ist „DingDong“. Der Macher Bert the Juggler ist wahrlich Kult. Bei „Ding Dong“ gibt es zum Teil grandiose und manchmal auch ganz scheußliche Techno- und Tranceklassiker, die ich niemals in meiner Sendung gespielt hätte, aber wenn Bert dazu ein paar Geschichten erzählt, passt das einfach. Im Winter ist „Ding Dong“ und Badewanne auf jeden Fall eine grandiose Kombination.

Bleep Hop Website

Various Artists „Tetsampler 2012“ (Tetmusik)

Tetmusik ist wieder da – jenes Label, das ohne Bedenken zwischen Indie, Pop und Elektronik hin und her switcht.

Nach dem Reh und Fuchs nun der Pfau, also auf dem Cover. Der Vertriebsweg bleibt aber gleich: Bandcamp mit seiner Zahl-soviel-du-magst-Option. Auch die Diversität im Sound. Im Prinzip sind die „Tetsampler“ klassische Mixtapes. Ohne die tief persönliche Note natürlich. Aber der Ansatz erinnert daran. Die überraschenden Momente, auf die es sich einzulassen gilt. Auch wenn es im Gegensatz zu einer Kassette bei Bandcamp oder Soundcloud leicht ist, sich nur die eigenen Perlen rauszusuchen.

Meine Perlenkette würde der von 2011 ähneln. Jennifer Touch mit unterkühlter Synth-Pop-Strenge, Orangie Dot und Iami mit ihren Electronica-House-Entwürfen und natürlich Limousine Rot. Deren „Power Plant“ mäandert dem Störfall entgegen, bis es sich im elektronischen Rauschen ganz auflöst. Ebenso verstörend, aber fast der heimliche Hit ist „Idiosyncratic“ von The Empath. Vier Minuten strange Rastlosigkeit in solcher Leichtfüßigkeit, das man einfach hinhören muss. Es geht gar nicht anders. Bei den Electronica-Helden von Hymen scheint er auch schon zu sein. Unbedingt merken.

Ansonsten dabei Andreas Techer mit verspielt-träumenden House, Pumamontana mit einem Limousine Rot-Hear-A-Like, Elsterclub mit gewohnter Indie-Lässigkeit und Dead Fish Audio mit analog schimmerndem Folk. Der aktuelle „Tetsampler“ ist einmal mehr nichts für Genre-Puristen. Aber wer ist das schon noch im Jahr 2012?

Wer übrigens auch das physische Tet-Erlebnis haben möchte, kann eine der auf 100 Stück limitierte CD-R-Version bestellen.

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Annäherungen im Dub

Nicht nur zwischen Statik Entertainment und Instabil herrscht gerade ein reges Verwischen der Haupt- und Sublabel-Grenzen. Die aktuellen Platten von Alphacut Records und 457 connection sich ähnlich.

Normalerweise offenbaren Sub-Labels eine Facette, die vom Kurs des Hauptlabels mehr oder weniger deutlich abweicht. Natürlich ist dies nirgendwo in Stein gemeißelt oder gesetzlich fixiert. Und gerade ein Label wie Alphacut würde sich nie auf solche Konventionen einlassen. Insofern ist die klangliche und personelle Paralleliät eigentlich kein großes Ding. Aber dennoch irgendwie auch überraschend.

Für das Hauptlabel sicherlich noch einen Tick mehr als für 457, das sich ja deutlicher dem Dub verschrieben hat. Personell stehen auf beiden Platten der Istanbuler Flatliners und The Untouchables in den Spuren. Wie schon auf dem 457-Debüt im Frühjahr. Auf der zweiten 7″ holt sich Flatliners mit Mr Foul am Mikrofon seinen eigenen „Jah Victory“ nach Hause. Sehr viel offensiver als bei der ersten Platte, angetrieben von einer dunklen, tief hängenden Bassline.

Aber auch The Untouchables sind weniger verwunschen in ihrem Cosmic Dub unterwegs. Einerseits etwas aufgeräumter, andererseits mit mehr Noise-Appeal. Hier nähert sich 457 Alphacut an.

Umgekehrt drosselt die 28. Alphacut-Platte das Tempo in Richtung 457. Naturgemäß mit viel mehr Zeit zum Entfalten auf den kompletten 12″-Seiten. Die Verspultheit der Untouchables bleibt aber auch hier bei „Hungry Belly“, nur eben epischer ausgebreitet. Beim Flatliners „Kangaroo Dub“ legte Dubmonger noch einmal nach. Auch hier aber sehr klar im klassischen Dub geerdet. Zufall oder nicht: perfekt, dass beide Platten quasi parallel herauskommen.

Alphacut Records Website
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Der Ticket-Rummel

1. Dezember, 16 Uhr – na dämmert’s? Der Nachtdigital-Ticket-Rummel öffnet kurz seine Tore bei TixForGigs.

Obwohl die Server wohl etwas mehr Wodka Red Bull bekommen sollen, merkt die ND-Crew an: „Jedoch wird es wohl, wie auch im richtigen Laden, kaum ohne Anstehen gehen wenn ein paar tausend Leute gleichzeitig Tickets kaufen möchten.“

Von 2. bis 4. August 2013 findet das 16. Nachtdigital übrigens statt. Das Line-up gibt es hier.

Imugem Orihasam „Otaru Chords“ (Instabil)

Und wieder Dancefloor-Experimente aus Japan. Wie schon Statik Entertainment widmet sich auch Instabil dem Producer Imugem Orihasam.

Vor kurzem tauchte der Name bereits bei Statik Entertainment auf. Während „The Nippon Express“ jedoch auf ebenso eindringliche wie schroffe Weise die experimentellen und dunkleren Ränder von Techno streifte, schaltet „Otaru Chords“ einen Gang zurück. In der Weite und Rauheit der Dub-Chords unterscheiden sich die Tracks beider EPs nicht sehr. Dafür entfernen sich die drei neuen Stücke stärker vom Dancefloor und driften in Richtung Electronica.

Einem etwas in Vergessenheit geratener Sound, der bei Imugem Orihasam aber keineswegs oldfashioned klingt. Vielleicht liegt es an der präsenteren Rhythmik. Besonders „Tolerance“ gewinnt dadurch einen schleppend-gebrochenden Groove, an dem Dubstep nicht ganz spurlos vorübergezogen ist. Der definitiv stärkste Track der EP. Geradliniger ist dagegen „Same Position“, ein Track, der die Verbindung zu „The Nippon Express“ herstellt.

„Flickering“ dekonstruiert Dub-Techno – und zwar von den Chords her. Überall leiert es und entwickelt damit einen irgendwie kosmisch klingenden Sog. Ganz ganz hinten stampft in Zeitlupe die Bassdrum. Einen unterkühlten Charme haben die „Otaru Chords“.

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Leipzig – Göttingen – Detroit

Im Oktober war Kassem Mosse auf zwei Platten zu hören, die zusammen mit anderen Musikern entstanden. Eine kleine Rückschau darauf.

Einmal ging es nach Detroit, einmal nach Göttingen. Zusammen mit Fit alias Aaron Siegel und XDB alias Kosta Athanassiadis entstanden insgesamt drei Tracks. Die wahrscheinlich schillerndere ist die „Enter The Fog“-EP. Nicht nur, weil sie bei Omar S‘ Label FXHE Records erschien mitsamt eines Remixes des eigensinnigen Betreibers. Wie schon zuletzt bei FXHE tritt Kassem Mosse mit seinem echten Name hervor.

„Enter The Fog“ als Track strahlt eine holprige Leichtigkeit aus, die den weithin melancholisch-kantigen Charme von Kassem Mosse um eine ungewohnte Funk-Note erweitert. „Rollout“ schlägt einen ganz ähnlichen Vibe ein. Dabei bleiben die Rahmenbedingungen gleich – trocken, analog, skizzenhaft und doch in all ihrer Einfachheit faszinierend.

Laut Discogs kümmerte sich Kassem Mosse um die Beats, Fit um den schwelgerischen Rest. Omar S lässt ausschließlich ein drückendes Säbelrasseln raus, in dem er die „Fog Beats“ extrahiert.

„Omrish“, das gemeinsame Stück mit XDB kam bei Diamond & Pearls heraus, die ich bisher nur als Vertrieb von Kann Records, Mikrodisko, Ortloff und O’RS kannte. Hier prägt weniger Funk, sondern mehr Sci-Fi-Deepness den Sound. Stärker in sich verwoben und dramaturgisch aus dem Club-Rahmen gezogen. Die Leipzig-Göttingen-Tagente klingt eben doch etwas anders als Leipzig-Detroit. Vorhören via Soundcloud ist leider nicht. Dafür hier und hier.

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Krink „Darkness EP“ (FormResonance)

Stiff Litte Spinners-Mitgestalter Krink festigt seine House-Deepness mit einer neuen EP. Dieses Mal auf einem Hamburger Label, das nicht zum ersten Mal seine Fühler nach Leipzig ausstreckte.

FormResonance, das Label von Florian Schirmacher und André Hoffmann holte im vergangenen Jahr bereits Chris Manura mit seiner „Smohalla EP“ ins Boot. Nun also Krink, der neben seinen Tracks auf dem Audiolith-Ableger Stiff Little Spinners auch schon anderswo auftauchte.

Mit den vier neuen Stücken der „Darkness EP“ kristallisiert sich immer mehr der klangliche Faden heraus, den Krink als Producer verfolgt. Die große Wärme von Deep House einerseits, dezenter Maximalismus andererseits. Denn wenn aus den wogenden, langgezogenen Chords plötzlich eine analog-britzelnde Synth-Bassline auffährt, umarmt Krink Pathos und Oldschool mit einem Mal.

Das ist durchaus gewagt. Aber gerade dieses Aushebeln der House-Dogmen gefällt sehr. Einzig „Session“ kann da nicht mithalten. Zu weich gezeichnet klingt dieser Track. „Darkness“ ist die Hymne, keine Frage. Was aber alle Stücke gleichermaßen zusammen hält, ist ihre nächtliche Stimmung. Nicht die im Club, sondern die manchmal ganz heilsame Stille der nächtlichen Einsamkeit.

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Various Artists „SVS Sampler“ (Mayolove Music)

Raus aus der Stadt, aus dem eigenen Studio. Rauf auf eine Almhütte in die Berge. Mit dabei Freunde und Bekannte und ein Haufen Instrumente – heraus kommt Selbstversorgersound. Mit Leipziger Beteiligung.

Seit 2007 versammelt Beni Brachtel – für kurze Zeit auch Student an der Leipziger Musikhochschule – einmal im Jahr Musiker aus verschiedenen Richtungen auf einer Almhütte. Reduktion und Konfrontation sind die Ziele der mehrtägigen Sessions. Reduziert im Equipment, konfrontiert mit anderen Einflüssen in einer ungewohnten Umgebung. Brachtel taufte das Experiment Selbstversorgersound und präsentiert zusammen mit dem Müncher Label Mayolove Music erstmals Ergebnisse dieser Zusammenkünfte – auf Doppel-Vinyl.

Das Gros ist elektronisch geerdet – an ganz verschiedenen Stellen und Rändern der Genres. Downbeat, House, Techno, Pop, Avant-HipHop flackern auf, klingen in den Details am meist eine Spur abseitiger. Die stilistischen Reibungen kommen deutlich hervor. Entweder in der Auswahl oder der Mischung der Sounds. Und obwohl diese Compilation so heterogen ist, bleibt sie erstaunlicherweise recht kompakt beisammen.

Aus Leipzig nahmen Matthias Groß alias Zaquoir und Lukas Rabe bei den Selbstversorgersound-Ausflügen teil. „Tanz in den Mai“ ist ein gemeinsames Stück der beiden. Dunkel und aufgeladen, mit einer kräftigen Bassline untermauert, ist es eines der geradlinigeren und klareren Tracks auf „SVS“. Aber ebenso mit feinen Brüchen versehen. Zaquoir arbeitete auch mit dem Saxofonisten Hamza Touré zusammen.

Säuseln ist aber nicht. „Wolfsbeeren“ zerfasert verschiedene Saxofonspuren und setzt sie auf wohlwollende und experimentelle Weise neu zusammen – immer unterlegt mit einer tief bohrenden Bassdrum. Vielleicht beeinflussten hier auch die musikalischen Gegensätze von Istantbul die Arbeit, wo Matthias Groß‘ eine zeitlang lebte.

Seit 1997 produziert er Musik, entsprechend gefüllt ist sein Soundcloud-Profil. Und in den meisten dieser Stücke hallt sein Hang zum Experimentellen und zum Sounddesign wider. Das gleiche gilt aber auch für Lukas Rabe – ebenfalls dokumentiert bei Soundcloud. Zwei Querdenker auf dem Dancefloor also, die uns hier eine große Überraschung bescheren. Unbedingt aber auch die anderen Stücke anhören.

Mayolove Music Website
Selbstversorgersound Website

Bay B Kane „4Saken / Chills“ (Junglelivity)

Es sind schon gut drei Wochen vergangen seit dem Release einer doch bemerkenswerten Platte auf Junglelivitiy – dem epischen Ableger von Ulan Bator Records. Doch der Mann hinter den Tracks hat sich ebenso viel Zeit gelassen.

Zwölf Jahre war es still um Bay B Kane, einem der Jungle-Pioniere aus London. Die Familie, die Uni und das Leben an sich waren Auslöser für die Pause, wie er in einem Interview von 2011 kundgab. Ein Jahr zuvor war er das erste Mal seit Mitte der Neunziger im Studio und Bay B Kane dürfte es nicht bereut haben. Heute treibt er die Future Jungle-Bewegung an, wie Framo von Junglelivity meint. Über Soundcloud ist er mit seinen Label-Kollegen auf die neuen Tracks des Londoners gestoßen.

Und da bei Junglelivity „mittlerweile der Anspruch besteht eher langlebigere Tunes auf Platte zu bannen“, horchten sie wohl hier besonders auf. Ich kenne den alten Bay K Kane nicht. Im Oldschool- versus Future-Vergleich muss ich also passen. Was bei den beiden Stücken der Junglelivity-EP aber auffällt, ist die Ruhe, die sie ausstrahlen.

Natürlich rattern die Beats weit über der 140er-Linie, aber die Chords sind allesamt auf Schwebekurs zum eigentlich geschlossenen Chill-out-Floor. Bei den Vocals – gerade bei denen von „4Saken“ – wird es zwar stellenweise pathetisch, aber die Aufgeräumtheit beider Stücke ist doch wie ein Sog. Sicherlich eine EP mit historischen Flashbacks. Aber für mich die erste von Junglelivity, die hängenbleiben dürfte.

Bay B Kane
Ulan Bator Records Website
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Tonsystem Klangkunst „High Five EP“ (Esoulate Music)

Esoulate setzt seine Artist-Feature-Serie fort – dieses Mal mit der ersten EP des Duos Tonsystem Klangkunst.

Als Live-Act gibt es die beiden bereits seit sieben Jahren. Erstaunlich, dass es erst jetzt zu einer Studio-EP kommt. Das Interessante: sie arbeiten ohne Rechner. Das Live-Setup brachte demnach die vier Stücke der „High Five EP“ hervor. Ein wenig ist der Ansatz auch wahrnehmbar. Es ist alles in sich fließend, überschaubar in den Elementen und relativ rough im Mix. Bei den Basslines wird es manchmal etwas breiig.

Der mal sanftere, mal zwingenderere Strom hat zur Folge, dass es dramaturgisch keine großen Eruptionen gibt. Und dass durchaus im positiven Sinne. Ron Deacon arbeitet mit ähnlichen Mitteln. Die Effekthascherei bleibt somit auch aus. Aber natürlich bleiben in solch einem Fluß die charakteristischen Anker schwerer greifbar. Der Weg ist entscheidender als klar ausformulierte Stücke.

Da kommt die Live-Erfahrung sehr deutlich heraus. Also ein Kontext, der vielmehr mit dem Moment arbeitet sowie der Idee ihn solange wie möglich zu dehnen, ohne den Dancefloor zum Stillstand zu bringen. Insofern gar keine leichte Aufgabe damit eine EP zu bestreiten.

Den Unterschied hört man schließlich beim Remix von Sebastian Wolf – er ist sehr viel trackorientierter. Aber er wird den Mix sicherlich auch nicht live eingespielt haben. Wie immer gibt es die EP bei Esoulate kostenlos als MP3.

Tonsystem Klangkunst Website
Esoulate Music Website
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Chris Manura „Cube EP“ (Dirtydrivesounds)

Nach dem Remix für Douglas Greed neulich, erschien eben auch eine EP von Chris Manura. Inklusive eines Sven Tasnadi-Remixes.

Und wieder bei Dirtydrivesounds, da wo auch schon Manuras „Fockeberg“-EP herauskam. Allerdings wagt sich das Label aus der Nähe von Zeitz nun auch an Vinyl. Die „Cube EP“ kommt in einer grün-melierten Version mit zwei neuen Tracks von Chris Manura. Im Tech-House bewegen sich beide, mit etwas mehr Dub-Einfluss bei „Cube“ und mehr klassischer, leichtgängiger Deepness bei „TYO“.

Recht sphärisch und aufgeladen klingen sie, wie es desöfteren bei Chris Manura zu hören ist. Anders akzentuiert könnte „Cube“ in manchen Momenten auch eine groß ausholende Rave-Nummer mit Trance-Erdung sein. Manura hält das Stück aber trotz des raschen Tempos bescheiden.

Sven Tasnadi zieht in seinem Remix den Druck der Bassdrums merklich an. Und er nimmt die Breitwandigkeit des Originals heraus, um dagegen die helleren, schwebenden Chords zu betonen. Irgendwie runder und feiner justiert. Label-Chef Mac-Kee bleibt der Grundatmosphäre treu, doppelt aber die Bassline auf und reduziert zugleich die Arrangements. So richtig zündet er aber nicht, der Remix.

Chris Manura Facebook
Dirtydrivesounds Website
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Grüße aus Reudnitz

Am vergangenen Wochenende feierte die Distillery ihr 20-jähriges Bestehen. Und ein Geschenk kam aus Reudnitz.

Aus dem Industriehof an der Göschenstraße – genauer gesagt vom Leipziger Schallplattenpresswerk R.A.N.D Muzik. Am Samstag bekam die Distillery eine limitierte Vinyl-Compilation mit einer Seite für den Freitag und einer den Samstag. Darauf sind bislang unveröffentlichte Stücke von den Resistant Mindz-Jungs Duktus, Chris Medleigh, DFKT & Mr. Beef, Daniel Stefanik sowie Sven Tasnadi & Juno6. Außerdem ist noch „Puddle Trouble“ von Dan Drastic & Matthias Tanzmann mit dabei, ein Stück von der zweiten Moon Harbour Joints.

Auch hinter den Kulissen bleiben die Verbindungen zwischen Club und Szene nahe: Kompiliert hat das ganze Filburt, die Hülle gestaltete Philipp Neumann vom mzin-Laden, dessen großer Bruder die Anfangsjahre der Distillery mit prägte. Und gepresst wurde natürlich von R.A.N.D.. Super Sache. Und glücklich, wer eins der Exemplare überreicht bekommen hat.

Noch etwas zur Distillery: die Crowdfunding-Aktion zum Doku-Film entpuppte sich zur Rekordaktion. In nur zwei Tagen war die anberaumte Summe drin. Mittlerweile hat sie sich fast verdoppelt.