Die Distillery-Doku

Die Distillery feiert am kommenden Wochenende ihr 20-jähriges Bestehen. Anlass für ein kleines Team aus vier TV-Journalisten eine Dokumentation zu drehen. Die Hälfte ist geschafft, für die Zielgerade seid ihr gefragt.

Crowdfunding heißt das Zauberwort, VisionBakery die Plattform. Dort rufen Janine Göhring, Johannes Amm, Benedikt Fitzke und Stefan Leuschel zur finanziellen Unterstützung bei der Produktion und Promotion der für das Frühjahr 2013 angekündigten DVD auf.

Das Prinzip ist einfach und von Labels wie Analogsoul bereits öfter erfolgreich angewandt worden: ihr spendet einen selbst gewählten Beitrag, bekommt eine entsprechende Gegenleistung und – viel wichtiger – fördert dem Quartett ein unabhängiges Filmprojekt. Denn hinter „20 Jahre Distillery – Der Film“ steht keine kommerziell agierende Produktionsfirma, die im Auftrag eines Senders arbeitet, hier arbeiten vier Leute mit wahr werdenden Flausen im Kopf.

Ein Großteil des Filmmaterials wurde bereits aufgenommen, es kommen noch Interviews hinzu. Die Spenden gehen für Lizenzgebühren, Plakate, Pressung und mehr drauf. Schaut selbst auf der Aktionsseite. Dort gibt es alles im Detail. Hier geht es auch noch zur Facebook-Seite des Films.

Der Deacon-Oktober

Gleich zwei EPs veröffentlicht Ron Deacon in diesem Oktober. Neulich bei Oh! Yeah!, in wenigen Tagen auf Farside Records.

Ron Deacons Diskografie ist in den vergangenen zwei Jahren ja erfreulich gewachsen. Erfreulich auch, wie unique er sich einen Sound herausgearbeitet hat, der viele seiner Tracks zusammenhielt. In diesem Oktober folgen sieben neue Stücke, verteilt auf zwei EPs. Die größere Überraschung liegt bei „Songs About Love“.

In erster Linie, weil sie auf Oh! Yeah! herauskommt. Die Öffnung des Labels abseits von Sven Tasnadi und Juno6 erreicht damit den nächsten Schritt. Und zugleich einen sehr schlüssigen. Musikalisch ist die Überraschung ambivalent. Einerseits präsentiert Ron Deacon teilweise eine ungewohnt funktionale Seite, andererseits wirkt die aber auch etwas verwaschen. Zurückgelehnt und perkussiv bei „Sax Groove“, straighter hingegen bei „Don’t Stop“. Solide in beiden Fällen, aber eben ohne jene tief vereinnahmende Spannung, wie sie sonst bei Ron Deacon herrscht.

Bei „Beauty Irony“ kommt diese wieder hervor. Ein 9-Minuten-Epos, grazil strahlend und knisternd zugleich. Aber auch hier: ein Saxofon. Da gräbt Ron Deacon ein echtes Kriegsbeil aus. Obwohl der Rest des Tracks es abfedern kann. „Fall In Love“ klingt wie eine kleine Persiflage. Worauf, kann ich nicht orten.

Bei Farside gibt es ein Wiederhören. Vor zwei Jahren sorgte das Label von Ingo Sänger mit der „Secret Garden“-EP für Ron Deacons zweiten Frühling. „In Temptation“ heißt die neue Platte. Und sie greift genau diese sich nicht entladen wollende Spannung auf, von der ich immer wieder schwärme. Lang gezogene Momente, episch ausholend und nach Jam-Sessions klingend.

Die Dramaturgie ist hier nie fixiert. Alles fließt, kommt oder kommt vielleicht auch nicht. Henry L & Ingo Sänger wollen mit ihrem Remix von „Did You Know“ jedoch lieber die klassische Deep House-Nummer schieben. Sie entledigen sich aber eines sehr sehr gewagten Elementes des Originals – nämlich um das Sample eines Musikers, der sein Publikum auf eine Ballade vorbereitet. Aus dem Nichts taucht es plötzlich auf, und genau dahin verschwindet es am Ende der Breaks auch wieder.

Im Club vielleicht ein Killer, vielleicht aber auch gar nicht nötig, denn der Track ist mit seinem scharfen Kontrast aus marschierender Bassdrum und hoch aufbäumenden Synth-Melodien eigentlich genau richtig besetzt. Ein Deacon-Oktober mit Überraschungen also.

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Philipp Matalla „Space Line“ (Internasjonal Spesial)

Distillery-Resident Philipp Matalla wächst über seinen DJ-Status hinaus. Und zwar mit einer Debüt-EP auf dem Label von Prins Thomas.

Kein schlechter Start für einen jungen Newcomer. Eine Mail reichte, natürlich auch die Aussagekraft der Tracks. Der Norweger Prins Thomas antwortete prompt und meinte, er könne sich das auf seinem Label Internasjonal Spesial vorstellen. Nun ist die „Space Line“-EP draußen. Und sie ist großartig. Ohne Umleitung kommt das Resümee gleich am Anfang.

Klar, wieder eine House-Platte. Aber mit einer Lässigkeit und Krautigkeit, die mich doch überrascht. Ganz langsam schiebt sich Matalla entlang von Piano-Chords, Vibraphon-Melodien, Synth-Harmonien. Poetisch, völlig ohne Hast und ohne Profilierungswahn entfalten sich die drei Tracks. Was für ein Understatement da mitschwingt.

„What About“ schält am deutlichsten noch die Disco-Einflüsse heraus, die in Philipp Matallas Sozialsation wahrscheinlich keine unbedeutende Rolle spielten. Bei „Line Ten“ und „Space Line“ dominiert eine angenehme Wehmut. Eine, die sich genießen lässt.

Phillipp Matalla lebt seit drei Jahren in Leipzig. Groß geworden ist er 30 Kilometer von hier entfernt, in Braunsbedra. In Leipzig hat er schnell Anschluss gefunden. Einen Doumen-Podcast bestritt er bereits, Buki Good bucht seine Auftritte. Da wird auf jeden Fall noch mehr kommen.

Philipp Matalla Facebook

„Es fehlt die Nische“ – Resom im Interview

Leipzig ist das neue Berlin? Erst letzte Woche holte ein ZEIT-Artikel diesen Vergleich wieder hervor. Doch so aktiv die hiesige Szene ist – sie kommt auch an ihre Grenzen. Gerade in dem direkten Vergleich mit der Hauptstadt. Darum trafen wir uns mit Nadine Moser alias Resom. Als DJ, Bookerin und Partyveranstalterin kennt sie beide Städte bei Tag und Nacht.

Seit über einem Jahr lebt Resom in Berlin und ist Veranstalterin im Club ://about blank. Nebenbei bucht sie für Kassem Mosse, Mix Mup, Lowtec und andere die Auftritte. Und natürlich legt sie weiterhin selbst auf. Zuvor prägte sie jedoch über Jahre hinweg die Leipziger Clubkultur. Als Teil von Homo Elektrik, aber auch mit ihrem Engagement bei Projekten wie Propellas, Do it herself oder Caramba Records. Im Südblock am Kottbusser Tor trafen wir uns zu einem Gespräch über Berlin und Leipzig.

Was genau machst du im ://about blank? Bist du dort freie Mitveranstalterin oder gibt es Strukturen, in denen du mit drin steckst?

„Das ist eine längere Geschichte. Da gehört auch viel persönliche Beziehung dazu – vor allem die engen Beziehungen zu einzelnen Leuten vom Kollektiv des ://about blank. Sie haben mich in den letzten Jahren als DJ immer gepusht und zu allen ihren Veranstaltungen eingeladen. Das war aber noch weit bevor es den Club gab. Als sie dann dieses Kindergartengelände gefunden hatten, gab es natürlich den Bezug, obwohl ich zu der Zeit noch in Leipzig war. Ich durfte zu fast jeder wichtigen Veranstaltung auflegen, wofür ich sehr dankbar bin.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass das ://about blank der Ort ist, an dem ich eigentlich schon immer tätig sein wollte und dass es das ist, was ich in Leipzig immer vermisse. Meine Stelle in Leipzig lief auch aus, ich war durch mit der Stadt, brauchte neuen Input. Ich kam hier nicht weiter – weder beruflich, noch musikalisch. Ich habe auch schon mal in Berlin gelebt und wollte gern wieder mein gewohntes Umfeld reaktivieren.

Zumal ich zur gleichen Zeit auch das Booking für die Workshop-Jungs und Kassem Mosse angefangen hatte. Es war klar, dass ich das etwas professionalisieren will. Und in Leipzig gab es nicht die Möglichkeit mich auszutauschen für ein Booking auf meine Weise. In Berlin habe ich ganz andere Kontakte. Es bringt keine Punkte, die Leute immer nur auf Partys zu treffen.

Man möchte sich doch auch mal zum Essen verabreden und in Ruhe einen Kaffee trinken. Oder einfach mal Fragen austauschen, was der und der Paragraf in dem Vertrag aussagt. Ich habe das nicht gelernt, sondern schüttele mir das alles aus dem Ärmel. Das ist super hier und das habe ich in Leipzig immer vermisst. Klar gibt es Buki Good, was auch großartig ist, aber dahin hatte ich nie einen so persönlichen Draht.“

Hast du aber eine konkrete Rolle im ://about blank?

„Ich habe angefangen bei ‚Memory‘ mitzumachen, einer der ersten Kollektivveranstaltungsreihen. Es gibt mittlerweile fünf Reihen vom ://about blank selbst – Cotton Wood, Contour, Memory, Zeroize und Ghosts. Memory macht wahnsinnig viel Spaß und wir haben in der Stadt auch schon einen Ruf für ’sophisticated‘, also besondere Veranstaltungen, bei denen es um eine bestimmte Atmosphäre geht, mit einer Musik, die eine Nische füllt, aber nicht total unbekannt ist.

Und wir versuchen eine Mischung aus local support zu geben für noch eher unbekannte Leute wie Helena Hauff oder Mix Mup, von denen wir sagen, dass das was ganz besonderes ist und die wir mehr in Berlin verankern möchten, sowie unserem eigenen Support und Künstlern, die es sonst nur in der Panoramabar oder gar nicht hier zu sehen gibt, hinzubekommen. Und das funktioniert unserer Meinung auch ganz gut.“

Die Leipziger Verbindungen kommen dann hauptsächlich durch dich, oder auch noch andere?

„Nein, nicht nur durch mich. Es gibt viele persönliche, über Jahre entstandene Beziehungen zwischen ://about blank-Leuten und etwa den alten Homo Elektrik-Leuten oder dem Conne Island Umfeld. Da ist ein Fundament entstanden. Es gibt auch starke Bezüge zwischen Potsdam und Leipzig. Genauso wie zwischen Potsdam und dem ://about blank-Kollektiv durch die Leute aus dem alten Spartacus-Umfeld.

Es ist eine große Clique und das erweiterte Umfeld darum, was aber vorher schon präsent war. Viele aus dem ://about blank-Kollektiv kannte ich auch schon vorher, aber aus ganz anderen Richtungen. Im Endeffekt ist die Welt eben doch kleiner als angenommen.“

Wo siehst du konkret Unterschiede zwischen der Clubkultur von Leipzig und Berlin?

„Ich glaube, es ist vor allem die Menge an Menschen, die sich für eine spezielle Art von elektronischer Unterhaltungsmusik zusammenfindet. Ich denke, dass es alles, was es in Berlin gibt auch in Leipzig gibt. Aber es macht die Menge der Menschen aus. Die Prägnanz des Freak-Faktors ist in Berlin natürlich wesentlich höher. Es gibt hier soviel mehr Labels, Plattenläden, Musikkonsument/innen und überhaupt von allem mehr – das heißt aber nicht, dass die Qualität dadurch besser wird.

Musikalisch würde ich da gar nicht so Unterschiede sehen. Außer, dass es in Berlin bei House durch Leute wie Prosumer, Tama Sumo oder Steffi einen prägnanteren Chicago House-Input gibt. Es besteht auch viel eher einen Bezug zum alten Holland-Electro, der in Leipzig eher durch die Blackred- und Audiofiction-Leute vertreten ist. In Berlin ist das alles viel präsenter, es gibt mehr Fans, die zu der Musik tanzen gehen. Und was es auch unterscheidet, ist die Möglichkeit auszugehen an sich.

Leipzig hat nicht mehr den einen Club, den es aber wieder bräuchte – vor allem vom Soundsystem her. Es fehlen die Nische, aber auch die Finanzen um Experimente überhaupt finanzieren zu können. Zu viele haben sich daran schon versucht und sind leider gescheitert. Klar dass dann vor allem Konsensmusik von Konsensmusiker/innen gespielt wird. Ich finde aber zum Beispiel das Booking im Sweat Club erstaunlich mutig und spannend.

Es gibt auch viele Veranstaltungskollektive, die eine gute Anlage haben und die sich Orte suchen, an denen man viel Spaß haben kann und gleichzeitig Orte neu definiert. Aber auch das wird mit der Suche nach passenden Locations immer schwieriger. Zumal die Repression durch die Provinzsheriffs immer mehr zunimmt.“

Sind in Berlin aber auch noch mehr Freiflächen vorhanden? In Leipzig wird dies ja schon als Problem gesehen.

„Es verändert sich. Im Gegensatz zu Leipzig ist Berlin ja permanent in Bewegung. Man hat hier eine ganz andere Veränderungsgeschwindigkeit. Es entstehen neue Sachen, dafür gehen andere kaputt. Es gibt hier auch nicht unbedingt mehr Freiflächen, sondern mehr Mut, mehr Risikobereitschaft, vielleicht auch einen größeren Teil an Naivität. Das alte Bar25-Gelände wurde jetzt von den alten Betreibern gekauft – klar ist das stadtpolitisch gesehen ein Erfolg für die Szene.“

Kommt Leipzig einfach automatisch an seine natürlichen Grenzen, oder meinst du, dass etwas grundlegend fehlt? Oder gibt eine irgendeine Schrulligkeit, die Leipzig im Weg steht?

„Wenn ich mir die letzten zwei Jahre anschaue, in denen ich noch in Leipzig gewohnt habe und sehe, was es an illegalen Open Air-Veranstaltungen gab, kann man schon sagen, dass sich das potenziert hat – in einer Dimension, bei der klar war, dass die Stadt irgendetwas dagegen tun wird. Es gibt auch gar kein Bewusstsein mehr der Gäste für den Umgang mit der Natur oder den Respekt vor der Möglichkeit, dass dies so stattfinden kann.

Gerade auf der Fläche am Richard-Wagner-Hain lag Müll in unglaublichen Mengen verteilt rum. Die Qualität des Publikums hat sich auch verändert. Als musikliebende und extasesuchende Person ist man da einfach nicht mehr weiter gekommen. Das war für mich dann nicht mehr interessant. Ich war davon abgegessen, weil es auch respektlos war. Alle haben plötzlich Open Airs veranstaltet und es gab nicht mehr dieses Besondere… aber meckern ist leichter als machen.“

Foto: Daniel PauseliusWann hast du Leipzig verlassen?

„Offiziell im Juli letzten Jahres, aber ich habe den Umzug über Monate vorbereitet und war schon sehr viel in Berlin. Die Bezüge zu Leipzig gehen ja auch nicht verloren. Wenn man da einmal eine Basis hat, bleibt die auch bestehen. Es ist nicht so, dass ich dort mit niemanden zu tun habe oder dass ich da nicht mehr hin will – eher im Gegenteil. Ich bin weiter viel in Leipzig und liebe die Stadt auch. Es hat eine ganz andere Qualität, die Ruhe genieße ich schon. Aber ich bin auch froh, dort keinen Alltag mehr zu haben.“

Du warst in Leipzig in einigen clubkulturell geprägten Projekten beteiligt, bei denen es um die Förderung von Mädchen und Frauen ging. Braucht es das in Berlin auch oder ist hier ein anderes Selbstverständnis da?

„Schwierige Frage. Es hat beides. Es gibt hier viel mehr Initiativen, die solche Arbeit leisten und es gibt auch eine andere Notwendigkeit. In Leipzig hatte ich oft das Gefühl, dass man noch Grundlagenarbeit leisten und gleichzeitig im Austausch mit Projekten aus anderen Städten ein Niveau halten muss, dass in der Breite des Spektrums eine echte Herausforderung war. Man hat in Leipzig eben beides: die Grundlagenarbeit, die die Frauenkultur immer noch bietet und Projekte wie Do it herself und den DJ- und Band-Proberaum im Conne Island.

Andererseits gibt es im Austausch mit anderen Projekten ein relativ hohes Niveau, gerade mit Sachen wie Outside The Box oder AFBL, die in der Qualität der Diskussionsführung auf einem ganz anderen Level sind. Das hat man in Berlin in einem wesentlich breiteren Spektrum. Es gibt hier mehr eine queere-homosexuelle Debatte. Letztens bin ich auch von jemandem gefragt worden, der gerade von England nach Leipzig gezogen ist, wo denn die ganze schwule Szene sei. Ich musste lange darüber nachdenken und dann sagen, dass sie mittlerweile alle in Berlin sind.

Den Anspruch habe ich natürlich immer noch, aber ich bin nicht mehr so fixiert darauf. Bei diesem Umzug nach Berlin ging es vor allem einmal um mich und nicht um die Förderung anderer – auch wenn ich das mit dem Booking noch mache. Ich habe über die Jahre immer in einer Gruppenidentität gedacht, und jetzt hat sich der Fokus etwas verlagert. Natürlich achten wir bei unseren Veranstaltungen darauf, dass auch Female-DJs mit am Start sind. Aber dadurch, dass es im ://about blank vier Resident-Female-DJs gibt, ist es viel einfacher als in Leipzig.“

Beobachtest du noch, was in Leipzig passiert.

„Ja. Do it herself gibt es als Gruppe weiterhin. Interessant ist übrigens, dass eine aus der Gruppe in Markkleeberg ein Studio aufgemacht hat. KC hat das von der Stadt Markkleeberg gefördert bekommen. Sie gibt dort auch DJ- und Ableton-Kurse. Andere haben danach ebenfalls angefangen ihre eigenen Sachen zu machen. Die Propellas machen auch noch ab und zu mal was. Der DJ-Proberaum für Frauen im Conne Island wurde laut meinen Informationenen gerade verlegt, wird aber weiterbetrieben.

Überhaupt gibt es von Seiten Einzelner ziemlich viel Aktivität, soweit ich das von hier aus beurteilen kann. Aber ich denke, dass es gerade auch ein Generationsproblem gibt. Es gibt nicht viel Nachwuchs. Das haben wir auch bei Do it herself festgestellt. Unsere Annahme, dass es so etwas wie eine Notwendigkeit dafür gibt, hat sich nicht so recht bestätigt. Natürlich gibt es Nachwuchs, aber der ist sehr dezimiert.

Kurioserweise treffe ich selbst jetzt noch Frauen, die heute auflegen und die mich daran erinnern, dass sie einmal einen Kurs bei mir hatten. Es gibt schon noch einzelne, die sich dafür interessieren, aber in der ganzen Breite hatte es nicht diesen Effekt, den wir erwartet haben. Trotzdem sind solche Projekte wie Electricdress in Berlin oder eben Do it herself in Leipzig wichtig und notwendig und von meiner Seite aus immer unterstützenswert.“

Wenn du jetzt doch noch einmal nach Leipzig zurückziehen würdest – was würdest du zuerst angehen?

„Ich würde mir eine Wohnung außerhalb des Bermudadreiecks suchen und dann weiterschauen. Aber ohne konkreten Job würde ich erstmal nicht nach Leipzig zurückgehen. Dafür gefällt es mir in Berlin viel zu gut. Allein schon die Auswahl der Plattenläden ist so großartig, die Vielfalt der alltäglichen Überraschungen trotz der Routine oder die kulinarische und kulturelle Vielfalt.

Leipzig hat eine starke Kulturszene und viele Menschen die sich subkulturell engagieren. Insgesamt wäre es aber wünschenswert, wenn auch die Stadtpolitik endlich kapieren würde, dass der Charme dieser – sich doch immer noch in Sachsen befindenden – Stadt durch diese starke Subkulturszene geprägt ist.“

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Brockdorff Klang Labor „Die Fälschung der Welt“ (ZickZack)

Fünf Jahre nach „Mädchenmusik“ nun also die „Die Fälschung der Welt“ – das Brockdorff Klang Labor übertrifft sich mit seinem Eklektizismus selbst.

Mit Electro-Pop ist das so eine Sache. Oftmals wird mehr als zuviel in das doch streng verfolgte Strophe-Refrain-Schema gepackt. Aufgedickte Beats, massive Synthie-Schleifen, Gitarren natürlich. Das Brockdorff Klang Labor bewegt sich musikalisch ebenso zwischen Clubexzess und Indie-Pop-Bühne. Und doch ist es etwas anders. Ähnlich wie bei dem Berliner Band-Projekt Mittekill.

Sind es dort jedoch die sarkastisch-bohrenden Satzfetzen, ist es bei dem Leipziger Trio die Fähigkeit mit feinsinnigen Sätzen Salz in Wunden zu streuen, es aber als Zucker zu tarnen. Ohne perfide Absicht. Zeigefinger sieht man bei Nadja von Brockdorff, Sergej Klang und Ekki Labor nie. Dass sie im letzten Jahr mit „Festung Europa“ den Spex-Protestsong-Contest gewannen, ist da wenig verwunderlich.

brockdorff-klang-laborMusikalisch klingen die neuen Stücke noch einmal ausgereifter – amtliches Pop-Business, Wölfe im Schafspelz. Es geht hier über zwölf Songs hinweg schon ganz klar um eine gute Zeit. Aber es gibt beim Brockdorff Klang Labor eben noch eine weitere Ebene, im wortwörtlichen Sinne voller Zitate. Im Innen-Booklet sind sie aufgeführt. Wie ein dramaturgischer Beizettel. Und eine 3D-Papp-Brille liegt bei. Mit ihr wird die Coverfälschung plastisch.

Keine Fälschung ist aber der Label-Code. Wie schon das Debüt erscheint die „Die Fälschung der Welt“ wieder bei der Indie-Label-Legende ZickZack. Und manchmal muss ich mich selbst daran erinnern, dass diese Platte aus Leipzig kommt. Denn sie klingt in ihrer subtil-charmanten Art auch sehr nach Hamburg. Da wo gute Leute herkommen, die etwas zu erzählen haben und ohne rot zu werden große Pop-Songs schreiben und die auf Genres pfeifen. Aber: wer braucht jetzt noch Hamburg?

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Guido Schneider & Florian Schirmacher „Places EP“ (Moon Harbour Recordings)

Guido Schneider mit einer eigenen EP auf Moon Harbour. Schon eine kleine Überraschung. Eine positive.

Beide hatten bereits mit Leipzig zu tun. Schneider mit einem Track auf der letzten „Inhouse“-Compilation und einem Remix für Daniel Stefanik auf Moon Harbour, Schirmacher als Label-Mitbetreiber von FormResonance auf dem Chris Manura schon veröffentlichte. Ihre Zusammenarbeit ist nicht neu. Als Glowing Glisses brachten sie vor zehn Jahren einige Platten auf Pokerflat Recordings heraus.

In erster Linie ist die „Places EP“ aber eine Guido Schneider-EP. Schirmacher ist lediglich bei „In The Toilet“ mit beteiligt gewesen. Einem reduzierten House-Stück, dem das trüb-gelangweilte Pop-Vocal in der Mitte erstaunlich gut steht. Philip Bader von Highgrade zieht das Rave-Level des Tracks leicht an.

Bei den Solo-Tracks von Guido Schneider sticht besonders „Hanna“ heraus. Hauptsächlich wegen der Vocals, die sich lang ausdehnend zu einem kleinem Chor hochschaukeln. Aber ohne Klamauk, oder sakralem Beiklang. Nee, sehr unaufgeregt und trotz ihrer deutlichen Präsenz irgendwie auch zurückhaltend. Ehrlich gesagt der bewegendste Moment auf einer Moon Harbour-Platte seit langem. „Lost“ ist dann wieder gewohntes Tech-House-Terrain mit gehöriger Minimal-Note.

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Imugem Orihasam „The Nippon Express Record 1“ (Statik Entertainment)

Oh, Statik Entertainment ist derzeit wirklich sehr straff auf Techno-Kurs. Nachdem mit Jakob Altmann ein Newcomer gefeatured wurde, kommt jetzt ein japanischer Klein-Hero.

Die Diskografie ist schon gewachsen über die letzten drei Jahre. Insofern kann bei Imugem Orihasam keine Rede von Newcomer sein. Allein 2012 kamen bereits fünf EPs des Japaners heraus. Nun auch bei Statik Entertainment. Der Techno-Kurs zeichnete sich bereits mit Jakob Altmann ab. Auf der „The Nippon Express Record 1“ nimmt er aber eine etwas Ausfahrt. Noch strenger fokussiert einerseits, andererseits auch noch eigenwilliger.

„Breakfast At New Meg’s“ etwa schraubt sich über fast acht Minuten hinweg nur um einen Loop. So bohrend und unnachgiebig und klaustrophobisch. Tief verzahnte, maschinelle Sounds mit Acid-Elementen. Ähnlich auch „Ray Of Ligght Incident On“, wenn auch offener gestrickt und weniger neurotisch. Das spannende an beiden Stücken ist, dass nicht die Bassdrums, sondern die Chords im Vordergrund stehen. Das nimmt ihnen den Brett-Charakter.

Doch es ist nicht nur schroff und dark. Bei „Untitled 280.3“ klingt auch Raster-Noton mit durch. Und zwar in den Basslines und der vertrackten Rhythmik. Den Ambient-Ausklang liefert dann „Cleave“.

Keine leichte Kost insgesamt. Sie braucht Zeit. Und wahrscheinlich die richtige Anlage im richtigen Raum. Wie schon bei Jakob Altmann verknüpft sich Statik Entertainment plausibel mit seinem Digital-Pendant Instabil: Ende des Monats erscheint dort nämlich noch eine EP des Japaners.

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Sinistarr & Sub „Drama Dub / Instantaneous“ (Alphacut Records)

Bei Alphacut Records verlängern sich wieder die Intervalle zwischen den einzelnen Platten. Im Januar gab es die letzte. Nun endlich wieder eine.

Und was für eine. Zwei Tracks, wie immer. Aber: ein unglaublich geladenes, scharfkantiges Stück von Sinistarr. Einem Producer aus Detroit, der – wenn man sich auf seinem Soundcloud-Profil umhört – sehr offen mit dem musikalischen Erbe seiner Heimatstadt umgeht. In „Drama Dub“ ist es zwar nicht unbedingt zu hören, aber die Techno- und Electro-Wurzeln kommen in seinem Drum’n’Bass-Sound immer wieder durch. Es bewegt ihn aber auch noch mehr. Und diese Neugier hat ihm bereits einige gut platzierte Veröffentlichungen eingebracht – darunter auch bei Metalheadz.

Auf der 27. Alphacut-Platte reduziert sich Sinistarr auf wenige, aber überaus impulsive Elemente. Toll dieses insektenhafte Zirpen in den stillen Passagen. Und toll auch die umher flackernde Bassdrum. Ein Track, der die acht Monate zur letzten Platte schnell vergessen lässt.

Den Gegenpart bereitet Sub aus Innsbruck. Mit großen Downbeat-Wolken-Chords ausgestattet schwebt „Instantaneous“ entlang. Sub betreibt seit 2007 auch das Label Syncopathic Recordings.

Das spannende daran: vor kurzem veröffentlichte er eine 4-Track-Compilation mit einem LXC-Track. Den gibt es neben den drei anderen Stücken auch noch als Free Download. So schließen sich die Kreise.

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Rundumschlag

Okay, es kam zuviel auf einmal heraus in den letzten Tagen. Daher mal wieder ein Rundumschlag. Mit Jahtari, Marko Fürstenberg, Markus Masuhr und Tiefenherz 50.

Fünf Platten, die doch sehr verschieden ausfallen und die wahrscheinlich selten in ein und demselben Plattenkoffer anzutreffen sein werden. Außer vielleicht die von Pragmat, der neuen Vinyl-Label und Marko Fürstenberg. Denn beide sind weitgehend im klassischen Dub-Techno verortet. Während es für Masuhr das erste Vinyl ist, bekommt Fürstenberg ein Re-Issue seines Albums „Gesamtlaufzeit“ aus dem Jahr 2003.

Auf dem großen Netlabel Thinner erschien das damals. Rotary Cocktail Recordings bringen es nun noch einmal neu gemastert auf Vinyl heraus. Weil es zeitlos geblieben ist. Es zeigt aber auch, wie eng fokussiert Marko Fürstenberg seinem Sound in all den Jahren treu geblieben ist. „Gesamtlaufzeit“ entstand damals in innerhalb von rund sechs Monaten an ganz verschiedenen Orten. Norwegen, Kanada, Schweden, Thüringen. Rotary Cocktail bringt parallel zum Re-Issue auch eine Remix-EP heraus, die den Originalen jedoch nicht viel zu ergänzen hat.

Pragmat-Markus-MasuhrNach sechs Jahren Netlabel wagt Markus Masuhr mit Pragmat nun doch den Schritt zum Vinyl. Neu ist die Info nicht, aber es dauerte etwas, bis der richtige Vertrieb gefunden war. Jetzt sind „Relative Septh“ und „Falling Down“ draußen. 300-mal gepresst.

Wie sich das wohl anfühlt. Denn einerseits gibt es nun das haptische Erlebnis, andererseits erreicht Masuhr bei seinem Insectorama bis zu 30.000 Leute für einen Release. Die beiden Tracks bewegen sich auch im Dub-Techno, aber viel reduzierter angelegt als bei Marko Fürstenberg. Fast schon kontemplativ in dem schier endlosen Groove.

Damit rüber zum House-Floor. Tiefenherz 50, das Label von Wuttig & Reuter hat seine zweite EP veröffentlicht. Dieses Mal mit zwei Stücken des Erfurters Sven U.K. und seinem Projekt R:eboerk Traxx. „Save The Thrill“ kommt mit viel Soul und einer drückenden Bassdrum, „Buster Crabbe & Buck Rogers“ mit einem schnellen Piano-Chord. Solider House in beiden Fällen, von der eher klassischen und gefälligen Sorte.

Bei Jahtari gab es abgesehen von der dritten „Jahtarian Dubbers“-Compilation im Frühjahr eine einjährige Pause. Die wurde mit einem Doppel-Release beendet. Bei beiden lieferte Maffi aus Kopenhagen die Dub-Dancehall-Fundamente. Darüber dann Vocals von Mr. Williamz, Kenny Knots, Speng Bond und Rub-A-Dub Market.

Irgendwie abgefahren, wie viele Leute da immer mitmischen. Die Riddims von Maffi, teilweise „dubbed up“ von Label-Chef Disrupt und Pupajim. Plus eben die eingefangenen Vocal-Parts und dazu noch großartige Cover. Bei der „Tann Up Solid“-EP sollen die Riddims bereits älter sein. Die von Mr. Williamz scheinen aktueller zu sein. Sein leicht gelangweilter Gesang kommt übrigens sehr lässig. Ansonsten Jahtari auf gewohntem Terrain.

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Kulissenblick

„Wir wagen Transparenz – in Form eines Blogs“. Analogsoul und Klinke Auf Cinch zeigen in einem eigenen Blog die einzelnen Schritte auf, die auf dem Weg zum eigenen Album zu bestreiten sind. Wir sind Teil des Systems. Und auch wir wagen mal Transparenz.

Releasing A Record heißt das Projekt von Klinke Auf Cinch und Analogsoul. Auch an mir ist es in den vergangenen sechs Wochen nicht vorbeigegangen. Mastering, Artwork, Booking, Promo und die damit verbundenen Kosten werden in kurzen Hintergrundgeschichten offen präsentiert. Teilweise in Videos. Keine schlechte Idee, um die Promotionsphase eines Album auszudehnen.

Normalerweise spielt die sich für die Öffentlichkeit ja erst kurz vor und kurz nach dem Veröffentlichungsdatum ab. Das neue Klinke Auf Cinch-Album erscheint aber erst Ende November. Doch bereits jetzt ist es im Gespräch. Allerdings funktioniert die Idee sehr wahrscheinlich auch nur dieses eine mal.

Beim Thema Promotion kommen auch wir mit ins Spiel. Gestern um 13:35 Uhr schrieb Fabian Schütze von Analogsoul eine Mail und meinte, er würde sich freuen, wenn wir auf das Projekt hinweisen könnten. Eine kurze Mail mit durchaus großer Wirkung. Denn obwohl ich das Projekt auf dem Schirm habe und auch vor hatte, es in irgendeine Weise bei frohfroh zu erwähnen, so hievt diese persönliche Mail das Thema auf der Agenda noch einmal hoch.

Das heißt nicht, dass dies immer so wäre. Im Mittelpunkt steht die Relevanz eines Themas. Fabians Mail hätte mich kalt gelassen, wenn sie einen Blog zum Brotbacken aufgesetzt hätten. Und nicht immer fallen die Analogsoul-Veröffentlichungen auch in das frohfroh-Feld – siehe das soeben erschienene Lilabungalow-Album. Aber es gibt einen spannenden Aufhänger. Und einen Impuls im richtigen Moment.

Doch was macht Themen spannend? Wenn sie mehr zu erzählen haben, als das bloße Verkünden von Fakten. Wenn sich dadurch Kontexte vermitteln oder verbinden lassen. Das klingt theoretisch, ist es in der Regel aber gar nicht. Mit einer gewissen Erfahrung innerhalb eines bestimmten Themenfeldes kann man sich auch auf das Bauchgefühl verlassen. Natürlich kann das auch daneben gehen.

Und dann der Mythos der Objektivität. frohfroh ist persönlich eingefärbter Blog und Magazin zugleich. Die Grenzen sind also etwas fließender, wenn auch im Hinterkopf präsent. Bei Klinke Auf Cinch könnte es pikant sein: mit Clemens aus der Band bin ich in die Schule gegangen. Kumpel-Business könnte hier dominieren. Einfach nur Superlative verwenden, Album hoch loben, alles verlinken.

Doch frohfroh ist für mich nicht der verlängerte Arm einer Promo-Abteilung oder ein ungefilterter Kanal für die Musik von Freunden und Bekannten. Die Sympathien mögen noch so ausgeprägt sein, einen gewissen Ethos mag ich nicht aufgeben. Denn das ist mein Spaß an der Sache.

Doch worum ging es eigentlich? Um Releasing A Record.

Klinke Auf Cinch Website
Analogsoul Website
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Praezisa Rapid 3000 „314159265“ (Noble)

Die meisten aller Doumen-Platten von Praezisa Rapid 3000 stehen in japanischen Plattenregalen. Warum also nicht gleich bei einem japanischen Label veröffentlichen?

Das Trio ist aber nicht selbst losgezogen, um für sein erstes Album ein geeignetes Label zu suchen. Es war das Label Noble selbst, das auf Praezisa Rapid 3000 zukam und ihnen die Chance bot als erste nicht-japanische Band dort zu veröffentlichen. Noble ist im Bereich der Genre-Zwischenräume eine durchaus große Nummer in Japan. An Label-Betreiber Junji Kubo gingen die hohen Platzierungen der ersten beiden Doumen-Platten in den Verkaufs-Charts eines großen japanischen Mailorders nicht vorbei. Er kam sogar extra rüber nach Leipzig und besuchte Praezisa Rapid 3000.

Ein Jahr arbeiteten Henrik Jacobsen, David Junghans und Robert Junghans an „314159265“. Immer in verschiedenen Etappen, und quasi komplett am Rechner durchkomponiert und zusammengebastelt. Die Sample-Leidenschaft ist den Stücken auch anzuhören. Wobei viele eigene Sounds gesamplet und verfremdet werden – Stimmen, Field Recordings und mehr. „Doebeln/Detroit“, die zweite EP von Praezisa Rapid 3000 klang bereits sehr viel stimmiger als das Debüt. Im Nachhinein schälte sich da bereits der Charakter der Band heraus. Wohl auch deshalb finden sich drei Stücke dieser EP auch auf „314159265“.

Der Rest verfeinert den Sound nun weiter. Und der steht auf herrliche Weise im Nirgendwo. Was sind Genres? Warum Grenzen? Bei diesem Album spielen sie keine Rolle. Stattdessen lassen sich verschiedene Spurenelemente ausmachen, die in ihrem neuen Kontext aber doch nichts so recht mit ihrer Herkunft zu tun haben. Sampling im erweiterten Sinne. HipHop hier, Electronica da, Post-Rock, Post-Post-Dubstep, Post-Irgendwas. Solch ein Gemisch könnte ebenso verkopft wie kopflos klingen. Praezisa Rapid 3000 setzen aber auch auf eine humorige Note, die dem ganzen die ernsten Falten von der Stirn zieht. Und dennoch sind die 13 Stücke alles andere als klamaukig.

Vielleicht ist dieser Grat der schwierigste für die Band – auf welche Weise findet man in dieser stilistischen Offenheit die verbindenden Momente? Es ist natürlich auch der organische Sound aus all den live eingespielten Instrumenten. Die stolpernde Rhythmik, die Überblendungen und Überschneidungen. Und auch wenn der frühe Four Tet und der spätere Flying Lotus in diesem Bereich bereits große Vorarbeit geleistet haben, Praezisa Rapid 3000 sind mit diesem Album dabei ihre eigene Nische zu besetzen. Die Vinyl-Version bringt übrigens Doumen heraus. Das dauert aber noch ein wenig. Vorher steht dort noch eine andere EP an.

Noble Label Website
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Daniel Stefanik „Confidence“ (Cocoon Recordings)

„Confidence“ heißt das neue Album von Daniel Stefanik, das in diesen Tagen bei Cocoon Recordings erschienen ist. Wir haben reingehört und Daniel ein paar Fragen gestellt.

Seit Anfang des Jahres ist Daniel Stefanik bei Sven Väths Cocoon-Netzwerk aus Label und Booking-Agentur. Dass seine Alben sich viel Zeit nehmen und eher auf einen zeitlosen Sound zielen, zeigte schon das Vorgänger-Album „Reactivity“ auf Statik Entertainment. „Confidence“ tritt jedoch weit offener und selbstbewusster auf. Die Dub-Wolken sind weitergezogen.

In der melodiösen Tiefe bleibt sich Stefanik aber treu. Das ist seine Stärke – die Musikalität und Verspieltheit von Warp und Detroit mit dem heutigen Dancefloor zu verknüpfen. Es sind aber nicht die einzigen Einflüsse, wie er unten selbst erzählt. Nun hätte man vermuten können, dass ein Cocoon-Album eine gewisse Steigerung in der Opulenz und der Funktionalität nach sich zieht.

Beides ist auch geschehen. Aber scheinbar in einem sehr freien Rahmen. Es ist keine Maximierung der Effekte, es ist eine möglichst breite Auseinandersetzung mit verschiedenen Einflüssen der elektronischen Musik. Allein, dass es eine LP- und eine CD-Version mit verschiedenem Tracklisting gibt, zeugt von einem großen Pool an Ideen, der „Confidence“ hat entstehen lassen.

Und mit „Distillery“ setzte Daniel Stefanik seinem Heimatclub auch ein musikalisches Denkmal. Ja, es ist etwas unheimlich: Aber dieses Album klingt so stimmig in seinen ruhigen und forschen Momenten. Immer wieder auch mit einer nostalgischen Wehmut versehen, die komischerweise nie an Reiz zu verlieren scheint. Toll übrigens auch, dass Vocal-Samples auf „Confidence“ fast keine Rolle spielen – instrumental wird hier mehr erzählt, als ein ganzes Vocal vermitteln könnte.

War für dich die Zeit reif für ein neues Album oder war der Wechsel zu Cocoon mit einem eigenen Label auch eine Motivation?

„Beides zugleich. Ich hatte eh vor ein Album fertig zu stellen und natürlich hat sich das auch einfach angeboten durch den Agenturwechsel. Nach vier Jahren kann man so was schon mal wieder machen. Mir macht das Arbeiten an einem Album echt Spaß, viel mehr als für eine EP. Man kann einfach musikalisch vielfältiger sein und muss sich dabei nicht nur auf die Peaktime konzentrieren. Dennoch wollte ich – auch gerade im Bezug auf Cocoon – das Album ‚floortauglicher‘ gestalten.

Ich habe versucht den Spagat zu wagen zwischen Kann und Cocoon. Ich wollte nun nicht unbedingt weg von gewohntem Terrain, aber dennoch den Sound von Cocoon in irgendeiner Form gerecht werden. Auf keinen Fall wollte ich mich aber verbiegen, es ist absolut ehrlich. Dazu muss ich aber auch sagen, dass Cocoon mir nie das Gefühl gegeben hatte, dass sie das Album und mich als Künstler in Frage stellen würden. Was besseres kann dir nicht passieren.“

Wie lange hast du daran gearbeitet?

„Für manche Tracks lagen die Ideen fast vier Jahre auf meinen Rechner rum. Zwei Tracks wären auch richtig gut gewesen für meine ‚In Days of Old‘-Reihe auf Kann. Generell saß ich ungefähr vier Monate daran. Es ist immer so ein hin und her mit den Gefühlen, während des Entstehungsprozesses. Es gab Tage, da war ich völlig verunsichert, ob diese Musik überhaupt gut ist.

Man verliert irgendwann das Gefühl für ein Stück. Man kennt es in- und auswendig und das Thema ist für dich durch. Ich habe auch einfach mal zwei Wochen die Tracks liegen gelassen und dann mal später im Auto wieder reingehört. Letztendlich muss man dann aber auch einfach mal loslassen und das ganze abschließen. Ich bin sehr glücklich mit dem Album so wie es ist und klingt, das ist die Hauptsache.“

„Reactivity“ war konzeptionell im Dub verankert, „Confidence“ eher in Detroit – bewusst?

„Nein, unbewusst. Ich bin nun mal stark geprägt von diesem Sound und das fließt dann wahrscheinlich immer in diese Stücke mit hinein. Obwohl ich zugeben muss, dass ich die Tracks eher Frankfurt-inspiriert finde. Perlon mit seinen Protagonisten Ricardo Villalobos, Soul Capsule und Melchior Productions und auch Sven Väth selbst waren für mich immer präsent im Kopf, als ich die Tracks entwickelt habe. Mal abgesehen davon, hab ich immer das Gefühl, dass das Hardwax in Berlin meine Tracks gar nicht mag, also so ‚detroit‘ können meine Tracks gar nicht sein.“

Warum die verschiedenen LP-/CD-Varianten?

„Cocoon und ich haben uns gedacht, dass wir einen Anreiz schaffen müssen für diejenigen, die sich die Schallplatte kaufen. Exklusive Tracks für das jeweilige Format war dann so die Idee und dem entsprechend habe ich die Trackauswahl getroffen. Deshalb ist die Vinylversion etwas mehr für den Dancefloor und die CD auch für das Auto gut. Der Vinylkäufer bekommt sogar die CD dazu.“

Gibt es eine für dich überraschende neue Note oder Ebende, die du beim Produzieren des Albums entdeckt hast? Also persönlich für dich als Producer betrachtet?

„Im Grunde genommen habe ich all das Wissen ausgelebt, was ich mir vorher mit Stefan – Juno6 – und unserem gemeinsamen ‚Alienjazz‘-Projekt angeeignet habe. Das Jammen mit den Geräten. Alle Melodien wurden zum Beispiel frei eingespielt und aufgenommen und in die Tracks eingebaut, hier kam mir das Klavierspielen zu gute. Du weißt einfach, was du da gerade spielst.

Eigentlich wird es erst jetzt wieder für mich interessant, wo ich das Album abgeschlossen habe. Jetzt werde ich wieder im Studio sitzen und viele neue Sachen ausprobieren. Ich baue mir gerade ein Modularsystem auf und werde mich in Zukunft mehr mit Max/MSP auseinander setzen. Denn eins ist sicher: wenn ich so jetzt weiter Musik produziere wie bisher, wird es nicht nur für mich langweilig.“

Daniel Stefanik Website
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