Kassem Mosse „Workshop 12“ (Workshop)

Es geht gerade Schlag auf Schlag bei Kassem Mosse. Nach einer EP auf Kinda Soul folgt knapp zwei Monate später eine neue auf Workshop. Aber es kann auch nicht genug geben von ihm.

Zumindest für mich. Und da sind wir kurz bei der Subjektivität, die bei It’s Yours im letzten Sommer für einigen Zündstoff sorgte als es um die Kassem Mosse-EP auf dem britischen Open-Minded-Label Nonplus ging. Neben der dortigen Auseinandersetzung über guten Musikgeschmack und einigem 4/4- versus Nix-Viertel-Fauchen kam dort auch der schmale Grad zwischen Wiederholung und ewiger Spannung aufs Tableau.

Natürlich verfestigt sich auch bei Kassem Mosse mittlerweile ein Sound, der einerseits unique mit ihm verbunden ist, der aber nach gut einem Dutzend Veröffentlichungen auch einen gewissen Rahmen abgesteckt hat. Bei mir schlägt dieser Sound voll an. Diese Ungeschliffenheit, diese Reduktion, diese eingedunkelte Wehmut – davon war hier auch schon des Öfteren zu lesen.

Und auch die drei neuen Tracks auf Workshop haben viel von diesem wunderbaren Kassem Mosse-Vibe – in drei verschiedenen Ausprägungen. „A1“ als knochiger und trockener House-Track mit einem grell und metallisch schimmernden Funk und einem überraschend präsenten Vocal-Sample, „B1“ wiederum sehr sehr deep und in sich verloren. „B2“ bricht aus dieser Geradlinigkeit mit seiner harschen Brüchigkeit in den Beats und den ausladenden Synthies dann aber doch sehr heraus.

Die Faszination lässt insgesamt also nicht nach, auch wenn Kassem Mosse seinen Sound eher verfeinert als ihn wesentlich neu zu verorten. Diese drei Tracks auf Workshop noch, dann soll es erstmal eine Release-Pause geben. So kündigte es Kassem Mosse Ende letzten Jahres auf seiner Facebook-Seite an. Wegen mir müsste es die nicht geben…

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Tanzen im Tee

Hehe, im frohfroh-Leserpoll wurden schon zwei Dancitee-Gutscheine verlost, obwohl der Leipziger Online-Shop für Streetwear und Merchandise zu dem Zeitpunkt noch gar nicht online war. Nun hat er seine virtuellen Tore geöffnet. Und wer trägt da den heißen Scheiß?

Ich habe beim Durchklicken nicht schlecht gestaunt als mich plötzlich Daniel Stefanik, Bené von Mod.Civil, Filburt und Peter Invasion als Models anschauten. Sauber abfotografiert und in lockerer Pose. Die Idee ist simpel, aber überaus sympathisch. Ein Leipziger Online-Shop greift auf die Local Heroes seiner Stadt zurück.Und man erfährt sogar was neues: „Steffen ist 1,78 m groß und trägt eine Medium“. Auch Peter Invasion trägt Medium, obwohl zwölf Zentimeter größer.

Einziger Wermutstropfen: kein einziges Label aus Leipzig bietet seine T-Shirts, Hoodys und Tragebeutel bei Dancitee an. Bestimmt kommt das noch. Kann Records und Moon Harbour haben sich darin bereits probiert. Auch Alphacut Records hat neulich bei Facebook eine Idee gepostet.

Da ist auf jeden Fall noch Platz für Zuwachs. Die Überraschung schlechthin sind aber die Shirts von Workshop. So unaufgeregt großartig wie die Platten.

 

Sven Tasnadi & Juno6 „Sonar EP“ (Strictly Chosen)

Nach der dichten Frequenz an neuen Platten schien das halbe Jahr Release-Pause von Sven Tasnadi wie eine halbe Ewigkeit. Das neue Jahr startet er nicht allein, sondern mit Juno6 und mit viel House-Wärme.

Die „Sonar EP“ ist bereits die vierte EP in dieser Zweier-Kombination. Und sie entfernt sich recht deutlich vom schlanken, wie verspielten Tech-House der ersten EPs auf Cargo Edition und Liebe*Detail. Und dass auf Strictly Chosen, dem House-Imprint von Be Chosen, das auch schon Daniel Stefanik im Visier hatte.

Bei der „Sonar EP“ sind es drei Tracks, die darauf aus sind, eine klassische und zeitlose Deepness in Formvollendung zu erreichen. Sie kommen dem auch sehr nahe. Warme, umher schlingernde Chords, amerikanisch klingende Vocal-Samples und eine soulige Lässigkeit. In das derzeitige House-Hochgefühl passt das natürlich nahtlos rein. Und es könnte beim ersten Hören auch etwas bewusst platziert wirken, aber es gibt einige wirklich gelungene Passagen.

„Barcelona“ beispielsweise vermittelt durch alle Poren einen analogen Sound, der gerade bei der Bassdrum, den harsch rasselnden HiHats sowie dem immer mal wieder rauer werdenden Bass diesen antiquierten Funk versprüht, der einen doch immer wieder kriegt – egal wie klassisch die Strings und Chords tänzeln.

„Last Goodbye“ erzeugt dieses Gefühl auch. Allerdings mit etwas weniger Drive, dafür mit mehr von diesem unerschütterlichen Groove, der jede Hektik aussperrt. „Brothers“ zieht dagegen unheimlich nach vorn und verzichtet auf jegliche Kanten. Hier gibt es nur einen Strom, sehr clean und wohl dosiert. Das ist mir einen Tick zu schnörkellos – gerade im Kontrast zu den anderen beiden Tracks.

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Aufbruch mit Freunden

Die Tour des Nachtdigital-De:Bug-Border Community-Konglomerats ist fast vorbei. Was bleibt ist das Engagement von Buki Good, der aus dem Nachtdigital entwachsenen Booking-Agentur für DJs und Live-Acts aus Leipzig. Im kreuzer gab es in der Januar-Ausgabe einen größeren Artikel dazu. Hier ist er noch einmal nachzulesen.

Acht Stunden hat es gedauert am 1. Dezember vergangenen Jahres. Dann waren alle 3.000 Karten für das 14. Nachtdigital Festival in Olganitz, circa 70 Kilometer von Leipzig entfernt, ausverkauft. Rechnet man das Aufkommen auf der Website des Ticket-Anbieters hoch, hätten wahrscheinlich viermal so viele Karten abgesetzt werden können. Das Nachtdigital ist damit eines der wenigen Festivals, die lange bevor der erste auftretende Künstler bekannt wird, ausverkauft sind. Nur die Fusion konnte das mit rund 50.000 verkauften Karten innerhalb von drei Tagen noch toppen.

Für ein Festival, das über viele Jahre organisch gewachsen ist und noch immer vom idealistischen Engagement einer Gruppe von Freunden aus verschiedenen Ecken der Region getragen wird, ist der derzeitige Hype durchaus eine Herausforderung. „Da baut sich eine Erwartungshaltung auf, die eigentlich kein Mensch erfüllen kann“, meint Steffen Bennemann, einer der Mit-Organisatoren des Nachtdigital.

Und dennoch bleiben sie bei 3.000 Tickets und einem Line-up, das dem Ansturm per se nicht mit den großen Namen der elektronischen Musik gerecht werden möchte. Der musikalische Anspruch und die überschaubare, beinahe familiäre Atmosphäre sollen erhalten bleiben. Mittlerweile treibt das Nachtdigital neue Blüten über das lange Wochenende im Mittsommer hinaus.

Buki Good heißt ein Kind, das dem Festival entwachsen ist, dabei aber völlig unabhängig als Booking-Agentur die Auftritte von ausgewählten Leipziger und Dresdner Technound House-DJs vermittelt. „Ohne Nachtdigital gäbe es Buki Good nicht“, so Bennemann, der als DJ auch über die Agentur verbucht wird. Die Idee existierte schon länger und wurde ansatzweise unter dem Namen Convulse bereits verwirklicht.

Als sich im Sommer 2008 mit Kann Records und Oh!Yeah! zwei Leipziger Labels auf den Weg machten, Leipzig als ernst zu nehmenden Ort für eine vitale Elektronik-Szene weiter auszubauen, stellte sich die Frage, wer all die sich darum gruppierenden DJs und Live-Acts verbuchen sollte. Johannes Leonardi vom Nachtdigital gründete daraufhin mit Lydia Stefanik Buki Good – in enger Abstimmung mit den beteiligten Labels und Künstlern. Dieser freundschaftliche Prozess ist allen Beteiligten mit das Wichtigste.

Keiner der Künstler hat einen Vertrag mit Buki Good, es sind gut ein Dutzend Freunde, die sich regelmäßig treffen und meist neben der Buchhaltung, dem Aushandeln der Gagen, der Koordination von Terminen und Locations oder eben den Club-Auftritten noch studieren oder woanders arbeiten. Dennoch hat sich die Booking-Arbeit mit dem Buki Good-Neustart nach und nach professionalisiert.

Heute gehören Daniel Stefanik, Mod.Civil, Sven Tasnadi, Manamana und Juno6 zum Leipziger Stamm, vor Kurzem kam auch die Dresdner Crew um das derzeit aufstrebende Label Uncanny Valley dazu. „Es ist gerade ein großer Aufbruch spürbar“, findet Constantin Menze. Er ist seit Juni letzten Jahres bei Buki Good mit an Bord, um einen Großteil des Booking-Tagesgeschäfts zu erledigen.

Er kümmerte sich auch um das bislang aufwendigste Projekt von Buki Good: eine gemeinsame Tour von Nachtdigital und dem Londoner Label Border Community durch sieben renommierte Clubs, darunter das Berliner Berghain, das Robert Johnson in Offenbach und auch das Leipziger Conne Island. Auch hier war wieder das Nachtdigital der Impuls, bei dem Border Community im letzten Jahr eine eigene Bühne bespielte.

Es ist ein Label, das ähnlich auf Freundschaften basiert wie das Festival in Olganitz. Und es geht musikalisch konsequent seinen Weg – einen sehr melodiösen, der teilweise fast zum ambitionierten Trance tendiert. Doch mit genau dieser Abseitslage vom Minimal- und House-Hype der letzten fünf Jahre gelang es der Truppe um James Holden, Nathan Fake, Jake Fairley und Wesley Matsell, eine eigene Nische für sich zu besetzen.

Die „Nachtdigital Loves Border Community“-Tour wurde zusätzlich unterstützt durch das Berliner Magazin De:Bug – und koordiniert durch Buki Good. So schließt sich der Kreis. Für die junge Booking-Agentur ergab die Tour eine Menge Synergien: Neue Kontakte zu Clubs und lokalen Promotern konnten aufgebaut werden, ganz zu schweigen von den Erfahrungen, die sich sammeln ließen. Davon können künftig auch die Leipziger DJs und Live-Acts profitieren.

Für Steffen Bennemann als DJ waren die bisherigen Auftritte in Wien, Berlin und Dresden ebenso ein wichtiger Schritt: „Wir brauchen uns wirklich nicht zu verstecken mit dem, was wir machen. Das ist mir bewusst geworden.“ Obwohl die Tour als Erfolg verbucht werden kann, wird sie ein einmaliges Projekt bleiben. Was aber nicht heißt, dass solche Projekte in anderen Konstellationen nicht noch einmal möglich wären. Hinter den Club-Kultur-Kulissen dürfte Buki Good immer mehr mitmischen.

Buki Good Website
De:Bug Website
Border Community Website

Damenhandschuhfabrik, Kassem Mosse und mehr

Klacker Klacker, hier kommt einige frohfroh-Nachrichten. Mit der Alten Damenhandschuhfabrik, Kassem Mosse und Analogsoul.

Neues von der Alten Damenhandschuhfabrik. Dort gab es in den vergangenen Jahren einige Aufs und Ab. Jetzt scheint mehr Kontinuität reinzukommen. Seit November letzten Jahren haben die Betreiber eine Dauerkonzession und den nötigen Elan eine nachhaltig wirkende Location im Leipziger Westen zu etablieren. Noch steht nur eine Party für das kommende Wochenende auf dem Plan. Aber schon ab März soll der Sonnabend regelmäßig bespielt werden. Stilistisch offen.

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Kassem Mosse belebt die Audio-Kassette neu. Mit Ominira hat er ein neues Projekt zwischen Label und kreativer Spielwiese gestartet. Das erste Lebenszeichen ist ein kurzes Loop-Video und eine 8-Track-Kassetten-Compilation mit „moody elektronic oldschool jams by various ominira artists“. Demnächst soll es auch Veröffentlichungen von Wireframe Ascent, The Siege Of Troy, Khalkotauroi und Kassem Mosse selbst geben – auf CD, Vinyl und Tape.

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Analogsoul blinkt gerade in Richtung Überholspur. Nicht nur, dass die Label-eigene Konzert-Reihe für Akustik und Silentelectronica „Like Water“ ab Februar auch nach Jena, Rostock und Chemnitz expandiert. Auch A Forest wagen sich auf Neuland. Um die Produktion der neuen EP mit einer anschließenden Tour finanzieren zu können, sucht das Trio spendenfreudige Fans, die über die Crowd-/Frundraising-Plattform Vision Bakery das Projekt unterstützen. Das ist alles fresh, zumal Vision Bakery ein Leipziger Start-up ist.

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Und wieder etwas in eigener Sache: bei Freezone Records in der Kochstraße 10 liegen seit letzten Wochenende wieder massig frohfroh-Poster an der Kasse. Wer also noch keins ergattern konnte, hat hier noch einmal die Möglichkeit Flagge zu zeigen.

Frankman „New Night“ (FM Musik)

Und wieder eine neue FM Musik – da ist mittlerweile wieder eine richtige Regelmäßigkeit in den nun digitalen Label-Katalog gekommen. Und zum Jahresstart kommt Frankman persönlich mit neuen Tracks.

Mit nur einem, um genau zu sein. Allerdings hat Frankman selbst drei Versionen von „New Night“ aufgenommen. Und irgendwas ist anders. Obwohl die Deep House-Erdung nicht ins Wanken geraten ist, klingen diese Tracks um einiges frischer als die letzten Frankman-Stücke. Schlanker und direkter, weniger übersättigt mit Downbeat-Chords und auch tighter in den Beats.

Es sticht da jetzt keine der drei Versionen von „New Night“ besonders heraus. Überall sind es Nuancen, die sich unterscheiden und besonders Details, die sehr hell leuchten. Beim Original Mix fällt der tiefliegende, leicht marschierende Beat auf, der die Schwebe-Chords tatsächlich in den Hintergrund drängt.

Ganz dezent zwar nur, aber das reicht schon, um dem Track einen ungeahnt deepen Schub zu verleihen. Herrlich auch wie beiläufig und doch präzise die HiHats dann immer wieder reinkommen. Und auch der schnarrende Synthesizer.

Das hat nicht viel mit der sonst so präsenten Sanftmut zu tun. Das schimmert latent ein rauer Kern durch. Vielleicht bleibe ich an dem Orginal deshalb so hängen, weil all diese beglückenden Momente in seinen elf Minuten vereint. Der Marc Cotterell-Remix kann da nicht mehr allzu viel ergänzen.

FM Musik Website
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Abstract Elements & Hexer „Apathetic Vibe“ / „The Bomb“ (Alphacut Records)

Es ist wirklich erstaunlich, welch eine Euphorie mit jeder neuen Platte bei Alphacut Records gerade mitschwingt. Als ob die D’n’B-Welt wieder voller Perlen wäre, die es an einer Kette einzufädeln gilt. Zwei Neue kommen nun dazu.

Auf der Katalognummer 22 gibt es ein Wiederhören mit zwei Alphacut-Bekannten. Abstract Elements ist ein Duo aus St. Petersburg, das sich tief in die Mikroebene des digitalen Funks eingräbt. Es ist ein noch junges Projekt von Alexander Dmitriev, der vor drei Jahren als Bob schon einmal einen Track auf Alphacut hatte.

Mit Abstract Elements loten die beiden Petersburger seit 2009 die fragile Seite von Drum’n’Bass aus. Mikroskopische Sounds und ein schlanker, trockener Beat richten sich irgendwo am ruhigeren Rand des Dancefloors ein neues Zuhause ein. Sehr schön, wie sich ganz am Anfang unter die klickrigen Sounds dezent schiebend ein Subbass legt.

Später wird der Schub etwas offensiver, hält sich insgesamt aber angenehm zurück. „Apathetic Vibe“ ist ein Stück, das die Balance zwischen klanglicher Dichte und Reduktion ziemlich passgenau hinbekommt.

Hexer alias Daniel Myer legt nach seinem Beitrag auf der Nummer 18 erneut nach. Und auch bei ihm geht es stark ums Ausbalancieren von Gegensätzen. Der Beat legt forsch vor, bekommt dann aber eine überraschend weiche und treibende Bass-Schicht übergezogen.

Und es wird noch deeper: nach und nach steigern sich dubbig-schwebende Chords nach oben – mal zurückhaltender, mal enorm weit ausholend. Das ist Delsin und Detroit auf anderem Fundament. Ein toller Einstand ins neue Alphacut-Jahr.

Alphacut Records Website
Daniel Myer Website
Abstract Elements Myspace
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Soom T & Disrupt „Ode 2 A Carrot“ (Jahtari)

Jahtari wird ein richtiges Album-Label. Nach dem Disrupt-Debüt und zwei wunderbaren Compilations folgt nun das gemeinsame Album von Disrupt und Soom T.

Dass sich da ein gutes Producer/Live-Act- und MC-Gespann gefunden hat, war schon länger anhand der gemeinsamen Live-Auftritte zu erahnen. Die EP „Dirty Money“ offenbarte die Symbiose von Leipzigs 8Bit-Dub-Helden und der Rapperin aus Glasgow im November 2009 schließlich auch auf Vinyl.

Dass daraus gleich ein ganzes Album mit 15 Stücken werden würde, überrascht dennoch. Und dann noch als eine große augenzwinkernde Ode an Gras.

Doch was über die Länge einer EP bestens aufgeht, wird auf Albumlänge fast zuviel. Beide sind fit wie immer – Disrupt mit seinen spleenigen, elektrifizierten Dub- und Reggae-Versionen, Soom T mit ihrem uniquen Rap-Sing Sang. Aber in der Masse führt diese energiegeladene Mixtur schnell zu einer Überdosis.

Dabei gibt es durchaus Verschnaufpausen. Songs wie „I Need Weed“, „Weed Is Sweeter Than More“ oder „Wee Rant“ schillern durch ihre Langsamkeit. Und „Puff The Weed“, das schon auf der letzten Jahtari-Compilation drauf war, kommt hier auch noch einmal richtig als Pop-Paradestück mit einem leichtgängigen Drive zur Geltung.

Jahtari Website
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Mod.Civil „Somebody To Love“ (Rotary Cocktail Recordings)

Nach Techno kommt House – Mod.Civil übertragen mit der aktuellen EP ihren charakteristisch crispen Sound auf die deepere Seite der Geradlinigkeit. Und an ihrer Seite einer der House-Experten aus Dresden: Jacob Korn.

Mod.Civil pfeifen weiterhin auf Hochglanz-Sound, und dass ist das beste, was uns passieren kann. Denn so kommt ein authentischer Track nach dem anderen von dem Duo heraus – voller Leben und voller Ecken und Kanten. Allein wie die Bassdrum von „Somebody To Love“ zwischen trockenen und warm schwingenden Spektren wechselt, wie der Chord pausenlos vor sich hinschnarrt.

Selbst das Vocal klingt als ob es auf dem nächstbesten Mikrofon aufgenommen wurde. Diese scheinbare Beiläufigkeit und der rau belassene Schliff verleiht „Somebody To Love“ eine Menge wehmütige Poesie und holprige Eleganz.

Dresden-Mate Jacob Korn steht ja auf einen ähnlich spontanen Sound. Er bringt mehr Hektik und US-Appeal in den Track. Der Beat treibt stärker nach vorn, ist aber wunderbar gebrochen in seiner Geradlinigkeit.

Sein „Somebody To Love“ will schon unmissverständlicher House sein als bei Mod.Civil. Das geht einerseits auf, nimmt aber leider die oben erwähnte Poesie aus dem Track heraus. Und das Vocal ist mir einen Tick zu beliebig geworden.

Aber nichtsdestotrotz: diese Platte ist auch eine tolle Geste im Zusammenenspiel der beiden Elektronik-Szenen von Leipzig und Dresden.

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Rotary Cocktail Recordings Website
Jacob Korn Facebook
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Zwischen den Nischen

Nicht nur Moon Harbour hat 2010 auf zehn Jahre zurück blicken können – auch Privatelektro wurde 2000 gegründet. Aber erst in diesem Jahr gibt es eine kleine Jubiläumstour.

Electronica hat sich in den letzten Jahren wieder in seine Nische verzogen. Die große Klicker-Klacker-Zeit liegt mehr oder weniger zehn Jahre zurück. Privatelektro, das Leipziger Label für experimentelle elektronische Musik zwischen Electronica, Field Recordings und Noise war dennoch über die gesamten zehn Jahre dabei. A

llerdings war die Frequenz in den ersten fünf Jahren hier in Leipzig stärker spürbar. Da gab es mehr Konzerte, Veranstaltungsreihen und kleine Festivals – „Invisible Traces“ und das „Headphone Festival“ etwa. Mittlerweile ginge in Berlin wieder mehr, es gäbe mehr Räume, kleine Läden in denen elektronische Musik abseits der geraden Bassdrums stattfindet, meint Marek Brandt, einer der Mitbetreiber von Privatelektro.

Im Prinzip war das Label immer als international ausgerichtete DIY-Plattform zu sehen, mit eigenen Veranstaltungen und Schnittstellen zur Kunst und Performance. Und auch eine Netlabel-Phase gab es. Die sei aber heute aus wirtschaftlichen Gründen eigentlich nicht mehr haltbar. „Denn ein Net-Release mache genauso viel Arbeit wie ein physisches“, so Mareks Erfahrungen.

Spannend an Privatelektro zu sehen ist dieses Agieren innerhalb einer Mikroszene, die international breit vernetzt ist. Natürlich ist das auch bei Alphacut oder Statik Entertainment zu beobachten. Aber hier geht es um Musik, die immer schon autark von dem klassischen Club-Trubel eine Eigendynamik führte. Nerd-Musik, wenn man es böse meint.

Privatelektro hat sich in diesen Strukturen organisch entwickelt, immer auch abhängig von den jeweiligen Biografien der mit gestaltenden Musiker. Und die längeren Pausen zwischen den CD-Veröffentlichungen resultierten aus der einfachen Herangehensweise, dass immer erst dann ein neues Album kommt, wenn sich das vorherige refinanziert hat. Das scheint soweit geklappt zu haben, dass mindestens ein Album pro Jahr erscheinen konnte.

Das elfte Album sieht Marek als Wendepunkt. Es gäbe mittlerweile eine große Sehnsucht bei den Laptop-Musikern mehr mit richtigen Instrumenten und Musikern zusammen zu arbeiten. Und die Japanerin Manami N. steht genau an diesem Punkt. Ihr Debüt-Album „Kill Wasabi“ ist überaus eingängig für ein Electronica-Werk und zugleich verstörend schroff und eigensinnig für ein Pop-Album. Es steht zwischen den Welten. Und da gibt es durchdringende Sinustöne ebenso wie chansonhafte und balladeske Momente, stille, kontemplative und düstere Passagen.

„Kawaita Sakaku“ ist solch ein sich wandelndes Stück. Es beginnt mit schwebenden, indifferenten elektronischen Spuren, Manami N. singt mit nackter Stimme darüber. Später blüht das Stück langsam auf und es stoßen dunkle minimalistische, beinahe sakrale Streicher dazu. Das ist kein hermetischer Electronica-Rahmen, der von Manami N. abgesteckt wird – da gibt es Pop und Neue Musik als weitere starke Bezugspunkte.

Manami N. lebt seit geraumer Zeit übrigens in Berlin und gehört nun auch zu Privatelektro. Nachdem sie die europäische Szene entdeckte, kündigte sie ihren Büro-Job in Japan und widmete sich der Musik. Und vielleicht trifft sie ja auf Fans von Tujiko Noriko. Live zu sehen ist Manami N. Anfang Februar zum 10-Jahre Privatelektro-Abend.

Privatelektro Website
Manami N. Website

Outart „Sun Splash“ (Moon Harbour Recordings)

Mitten im Winter besinnt sich Moon Harbour auf den Sommer – den des letzten Jahres. Und eigentlich könnte hier eine neue Release-Serie entstehen, die ausgewählte Hits einer Saison aus dem Off ins offizielle Rampenlicht hievt.

Mit Arado & Marco Faraones „Strange Neighbours“ hatte Moon Harbour vor wenigen Wochen schon einen der verborgenen DJ-Hits ein zuhause gegeben. Und mit „Sun Splash“ von dem italienischen Duo Outart tun sie das noch einmal. Fabio Lo Monaco und Andre Sirica hatten zuvor eine EP auf IANUS – als digitaler Bonus-Track zur Vinyl-EP kam „Sun Splash“ heraus. Und genau der entpuppte sich als Hit im DC10-Wirbel. Moon Harbour haben den Track nun für Vinyl lizensiert und zusammen mit zwei bzw. drei weiteren Tracks auf einer eigenen EP veröffentlicht.

Erstaunlicherweise ist „Sun Splash“ der Track, der mich am wenigsten berührt. Schon der Start ist irritierend: Von der ersten Sekunde an bläst einem ein kompletter Beat-Loop entgegen. Dafür nimmt sich der Track später unheimlich viel Zeit um sich zu entfalten. Filigrane Percussions stoßen hinzu, kurze Vocal-Samples und schließlich ein froh gesinnter Bläsersatz, der unweigerlich an den Marek Hemmanns „Gemini“ erinnert.

Die B-Seite steckt dann aber voller Überraschungen. Denn Outart scheinen eigentlich zurückhaltender zu klingen als es „Sun Splash“ vermuten lässt. „Steinburg“ und „Carrot“ sind nämlich Tracks, die genau jene Eleganz und melancholische Leichtigkeit rüberbringen, die House im Kern auch ausmacht. Ruhig und schlank, unaufgeregt und deep – und doch nicht ohne Drive.

„Steinburg“ kann da sogar noch etwas mehr überzeugen, weil „Carrot“ einen Tick ins Esoterische entgleitet. Als digitaler Bonus gehört auch „En Vedi“ zu dieser EP – ein Track, der noch einmal alles heraus holt, was an Deepness möglich ist. Leicht dubbig und dezent aus dem Hintergrund nach vorn schiebend. Sehr toll.

Outart Myspace
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Ich und der Ozean

Im alltäglichen Trubel um den neuesten heißen Scheiß sind komischerweise genau die Momente am schönsten, wenn man etwas für sich entdeckt, was schon länger da ist. Natürlich könnte es einem auch peinlich sein. Doch die Freude über Me And Oceans ist größer als der Beigeschmack des Verschlafenhabens.

Knapp drei Monate ist es her, dass die erste EP „Lakes“ von Me And Oceans bei Analogsoul herauskam. Wieder in der typischen Papp-Falt-CD-Hülle mit dem Cover als Aufkleber und einem Stempel auf der CD.

Fabian Schuetze ist der Analogsoul-Tausendsassa dahinter: Label-Betreiber und subkultureller Netzwerker zum einen, Musiker zum anderen. Neben A Forest, Faar, Zweistreifen und Jaara ist Me And Oceans sein Solo-Projekt.

Dass es hier noch nicht zu Wort kam, liegt sicherlich daran, weil es sich nicht unter dem Banner „Dance Music“ einordnen lässt – wobei Tanzen bei frohfroh auch zuhause tanzen bedeuten kann. Hierher passt Me And Oceans aber sehr wohl. Nicht nur, weil es aus Leipzig kommt und Analogsoul bei frohfroh mit seinen teils elektronischen EPs und Alben durchaus schon Erwähnung fand.

Es sind Pop-Miniaturen, reduziert und doch auch sehr aufgeladen, elektronisch und organisch zugleich – und damit sind die Ansätze gar nicht weit weg von dem, was so alles auf dem Dancefloor passiert. Da geht es auch um die Abstraktion von Pop, allerdings viel funktionaler ausgerichtet. Me And Oceans steht dem Folk-Minimalismus naturgemäß viel näher.

Doch er berührt ebenso, nicht mit großen Bässen und tighten Bassdrums, dafür mit einer stillen Repetitivität. Da läuft eine Spieluhr durch, ein Klavier wird geloopt, Rhodes bringen Wärme. Trotz der Reduktion ist in den Arrangements aber auch immer wieder zu hören, worum es Fabian Schuetze geht: um Pop. Um vertonte Sehnsucht. Und da passt auch der emotional aufgeladene Gesang.

Und natürlich das amtliche Musik-Video, aufgenommen an der Weißen Elster. Bei dem Interview-Blog Acht Null Acht gibt es auch ein recht aktuelles Interview mit Fabian Schuetze. Mein Jahr geht ozeanisch los.

Me And Oceans Website
Analogsoul Website
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