Moon Harbour Herbst – Pt. II

Parallel zum 10-jährigen Jubiläum geht auch das Moon Harbour-Tagesgeschäft weiter. Heißt: Die Nummer 51 sowie eine neue Cargo Edition-EP sind ebenfalls vor wenigen Wochen herausgekommen.

Man neigt ja schnell dazu bestimmte Dinge, die sich ähneln in ein Raster zu packen. Das ist bequem, das macht aber auch Vergleiche möglich. Bei der EP von Arado & Marco Faranone sehe ich ebenfalls eine Ähnlichkeit im Backkatalog von Moon Harbour. Und zwar zu Santos „Hold Home“ aus dem letzten Jahr. Die Platte kam damals auch etwas überraschend als einmaliger Hit-Schuss bei Moon Harbour heraus – nachdem der Track schon Monate vorher auf den Festplatten der großen DJs gut rotierte.

Bei Arado & Marco Faraones „Strange Neighbours“ kommt dieses Prinzip noch einmal zum Tragen: Ein lange schwelender Hit erhält bei Moon Harbour seinen offiziellen Status. Ob man von dem deutsch-italienischen Duo, das bisher keine wirkliche Label-Heimat hat, jemals wieder was bei Moon Harbour hören wird, ist zu bezweifeln. Interessanter als diese Raster-Gedankenspielerei ist aber wahrscheinlich der Track an sich. Denn es ist schon erstaunlich, wie reißbrettartig und aufgeräumt der klingt. Beat an und zwei Minuten warten. Dann schleicht sich langsam ein Sound rein, der nach einer Mischung aus Sirene und Wespenschwarm klingt.

Später im Break bäumt der sich noch einmal richtig auf. Diese dezent unberechenbare Dissonanz hat sogar wirklich was. Aber insgesamt klingt es alles ziemlich statisch mit wenig Leben zwischen den Tönen. Sicherlich wirkt „Strange Neighbours“ auf einer Club-Anlage noch einmal druckvoller, unter dem Kopfhörer eines grauen Montags bleibt aber nicht viel von Ibizia übrig.

Bei den anderen beiden Tracks der B-Seite fällt das auch auf. Wobei „Broken Keyboard“ sogar noch einmal die heulende Sirene herausholt. „Do It“ ist noch am nächsten dran an der Form von deepen House, wie er für Moon Harbour gerade so prägnant ist. Allerdings fällt das soulige Vocal doch auch aus dem Rahmen. Als Bonus der Digital-Version gibt es noch „No People Here“, ein hintergründig rockender House-Track, wohl auch ziemlich klassisch und im positiven Sinn zeitlos.

Markus-Schatz-I-Am-CabbagedBei Cargo Edition kommt einmal mehr Markus Schatz zum Zuge. Der Berliner klingt auf „I Am Cabbaged“ geradezu euphorisch, was die Spiel- und die Detailfreude angeht. Da ist eine Menge Augenzwinkern und ungeschliffener Funk zu erleben. Der Titeltrack selbst ist herrlich lässig in seinem Beat und dem daran holpernden Sound. Richtig groß wird er aber erst mit durch die beiläufigen Glöckchen und dem leicht verborgen klingenden Marimbaphon-Chord – wenn es denn ein Marimbaphon ist.
Einziges Manko: Die kurzen Rave-Break-Wellen, die sich zweimal hoch pushen. Da hat Markus Schatz wahrscheinlich doch nicht so ganz an die tiefer liegende Kraft dieses Tracks geglaubt.

„Like That“ ist genau das Gegenteil: Ein offensiver, trocken rockender House-Track mit aufpeitschendem Vocal-Sample und scharfen HiHats. Der will anzünden, der will lostreten, der will nicht an morgen denken. Doch auch hier schleicht sich im Hintergrund ein kleiner Chord ein, der dem Track einen unterschwelligen Drive gibt. Auch einfach und reißbrettartig, aber eben mit Leben.

„Hit The Streets“ versucht wieder mehr Ruhe in die EP reinzubringen. Ein schlanker, klassischer Deep House-Track, wie er auch von Luna City Express kommen könnte. Die Chords schwingen lange und warm nach, die Vocals klingen oldschool. Das gleiche gilt für „I Need“, das Markus Schatz zusammen mit Markus Homm produziert hat. A- und B-Seite reißen hier also zwei völlig verschiedene Facetten auf. Jack versus Deepness. In der Gesamtheit strahlt diese Platte aber ziemlich hervor im Cargo Edition-Katalog.

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Moon Harbour Herbst – Pt. I

10 Jahre Moon Harbour Recordings – dieser Label-Herbst steht ganz im Zeichen dieses Jubiläums. Mit zwei Platten wird Vergangenes mit dem Gegenwärtigen verknüpft.

Den Beginn markierte die Remix-EP „Ten Years Of Moon Harbour Remixes“ – eine schöne Idee. Vier Klassiker des Labels werden von den aktuellen Künstlern geremixt. Wie es sich wohl für Matthias Tanzmann anfühlte noch einmal mit seinem Gamat 3000-Track „Photone“ aus dem Jahr 2000 auf Tuchfühlung zu gehen? Dieser Track zeigt ganz prototypisch wie sich der Label-Sound innerhalb der letzten zehn Jahre verändert hat.

Im Original ist die Deepness viel verträumter und sanfter. 2010 geht es um rhythmische Verdichtung. Die Deepness wird lediglich anskizziert, im Vordergrund steht eindeutig der Spannungsbogen aus verschiedenen rhythmischen Elementen. Im Prinzip gibt es hier keine klassischen Harmonien mehr. Und trotzdem: 2010 klingt einfach besser.

Diese Reduktion ist auch bei Dan Drastic zu hören. In seinem Remix von Simon Flowers House-Track „Seyyes sind die schwelgerischen und epischen Momente runter gedimmt. Nur zum Schluss tauchen sie noch einmal für eine kurze Phase auf.

Martinez lässt die tollen Chords von Luna City Express „Fresh“ da noch stärker zu. Darunter liegt jedoch seine charakteristische rhythmische Hektik, die dem Track nicht ganz so gut tut. „Fresh“ macht es mit seinem Alltime-Classic-Status aber auch nicht leicht. Denn damals stimmte einfach alles.

Marlow und Luna City Express sind sich vom Sound her wahrscheinlich am nächsten. Da ist House weiterhin eher deep und angedockt an Jazz, Soul und Chicago. Insofern fällt der Remix von Marlows „So Mellow, So Sweet“ auch relativ behutsam aus.

Insgesamt fällt diese Remix-EP doch spannender aus als erwartet, eben weil sie solch einen subtilen Einblick in den musikalischen Werdegang von Moon Harbour gewährt.

Various-Artists-Ten-Years-Moon-HarbourBei dem großen Bruder dieser Remix-EP liegt der Fokus dagegen mehr auf dem Status Quo von Moon Harbour. Wobei mit Michael Melchner und Ekkohaus auch zwei Cargo Edition-Producer auf der „Ten Years Of Moon Harbour“-Compilation enthalten sind. Generell ist neben der oben erwähnten Entwicklung hin zum Reduzierten auf dieser Werkschau auch wieder erstaunlich viel klassischer House zu hören. Chris Lattner, Marlow, Simon Flower, Ekkohaus und Luna City Express – all deren Tracks fallen durch eine wärmende Deepness und Harmonie-Freude auf.

Selbst Dan Drastic ist mit „Gun Slinger“ überraschend smooth unterwegs. Dreht sich da der Spieß wieder um und der Kreis zu den Anfängen schließt sich? Bestimmt nicht, denn die Tracks sind weiterhin vom Deep House-Standard der späten Neunziger und frühen Nuller entfernt. Dennoch erstaunt es schon, dass auf „Ten Years“ nur Matthias Tanzmann und Martinez mit ihren Tracks den Label-Sound der die letzten drei bis vier Jahre repräsentieren. Aber hey: Alles ist in Bewegung. Und dass Moon Harbour sich ebenso bewegt und Einflüsse aus der Gegenwart aufsaugt ist mehr als positiv zu bewerten.

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Ronny Ronny

Jaja, man lernt nie aus. Ronny Trettmann kannte ich bis vor einem Monat nicht. Dann eine Mail vom Label. Darin stand: „Ronny Trettmann und Ranking Smo sind mit die beliebtesten Dancehall-Musiker Deutschlands.“ Okay okay. Hier gibt es den Artikel aus dem November-kreuzer noch einmal online zum Lesen.

Vom sächsischen Reggae-Comedy-Gott zum ernst zunehmenden Dancehall-Pop-Helden. Ronny Trettmann hat es geschafft, sichinnerhalb von vier Jahren einmal um seine eigene Achse zu drehen – und dass alles von Leipzig aus. Belustigte er 2006 in überzogenem Sächsisch mit seinem Chart-Hit „Der Sommer ist für alle da“ die Republik, ist heute ein weitaus authentischerer Ronny Trettmann zu erleben – in diesem November erstmals auch auf Album-Länge.

Es begann als klassischer MySpace-Hype mit kleinen Mythen und ohne Promotion-Budgets eines großen Labels – ein Typ aus dem Erzgebirge mit Jeans, Sneaker und Jamaika-Trikot in Übergröße sächselte vom Sommer und vom Kaffeesachsen. Nicht nur MDR Jump war begeistert und ließ Ronny Trettmann von früh bis spät rotieren.

Doch hier persiflierte kein Möchtegern-Comedian die verrauschten Reggae-Klischees, hier rappte und sang jemand mit langjähriger Soundsystem-Erfahrung. Seit Anfang der Neunziger zog Trettmann mit verschiedenen Crews wie Rotzlöffels Hifi oder UpliftmentInternational von Party zu Party. Um den Sets eine ironische Note zu verleihen, nahmen sie in einem Radio-Studio ein paar Gesangsspuren auf. Daraus wurde schließlich ein Selbstläufer und Ronny Trettmann zur skurrilen Prominenz des deutschsprachigen Dancehalls neben Größen wie Peter Fox, Nosliw oder Gentleman.

Er polarisierte damals wie kaum ein anderer: Im 2006er Leserpoll des Reggae-Magazins Riddim belegte er sowohl beim besten als auch schlechtesten Stück des Jahres einen der vorderen Plätze. Dabei geht es Ronny Trettmann weniger ums Polarisieren – es fehlte ihm damals wie heute die Lockerheit in der hiesigen Szene. Und die sächsische Mundart hat nach wie vor ihre Berechtigung – immerhin „toasten“ die Jamaikaner auch in ihren Umgangssprachen über die Offbeats.

Der gebürtige Chemnitzer will sich nichts vormachen. Statt jamaikanischer soll die sächsische – oder weiter gefasst: die mitteleuropäische – Lebenswirklichkeit der Impulsgeber sein. „Reggae und Dancehall ist Volksmusik. Nur leben wir nicht auf Jamaika, sondern in Leipzig. Wir sind Atheisten und haben hier ganz andere Einflüsse – warum sollten wir da andauernd Jah preisen“, kommentiert Trettmann die teils konservative Haltung vieler Reggae- und Dancehall-Aktivisten hierzulande. Da gehe es oft nur ums Kopieren eines originalen Vibes – allerdings in einem anderen Kulturkreis.

Seit über zehn Jahren lebt Ronny Trettmann in Leipzig. Mit Messer Banzani-Mitbegründer Pionear gab es hier einen der wichtigsten Reggae-Protagonisten Deutschlands – er produzierte auch die ersten Trettmann-Höhenflüge und vermarktete sie über sein Label Germaica.

Noch bevor er sich vom Ballermann vereinnahmen lassen konnte, zog Trettmann 2008 die Notbremse: Er trennte sich von Germaica und ließ sich nicht dazu ermuntern, mit dem lustigen Sachsen-Reggae weiterzumachen. Im selben Jahr gründete er sein eigenes Label Heckert Empire und wandelte sich nach und nach zu einem Dancehall-Künstler, bei dem es nicht nur um die fettesten Partys geht, sondern bei dem auch nachdenkliche Worte fallen – etwa zum Leipziger Hanf-Blei-Skandal. In Mundart rappt er weiterhin, wenn auch wesentlich subtiler und mit weniger Klamauk. „Für den Flow ist Sächsisch einfach besser“, ist Trettmann überzeugt.

Mit der Zäsur vor zwei Jahren entwickelte sich mit Rüdiger Schramm alias Ranking Smo ein freundschaftlicher und künstlerischer Gegenpart für Ronny Trettmann. Der Berliner Rapper und Sänger gehörte lange zur Kaffee Burger-Klezmer-Haus-Big Band Rotfront. Als Solo-Künstler steht Schramm auf einer Stufe wie Ronny Trettmann – beide gehören zweifellos zu den erfolgreichsten deutschen Dancehall-Musikern. Nachdem es den Berliner Jungspund nach Leipzig zum Studium zog, wurde aus beiden ein Team. Mittlerweile hat sich Schramm hier ein kleines Heimstudio eingerichtet, in dem er mit Trettmann einen Teil des ersten gemeinsamen Albums aufnahm.

Entstanden viele der früheren Stücke in kurzer Zeit, nahmen sich die beiden für „Zwei chlorbleiche Halunken“ etwa anderthalb Jahre. Und sie schießen mit den Album-Stücken weit über die Dancehall-Grenzen hinaus. Es ist ein amtliches Pop-Album herausgekommen, das eindeutig nach 2010 klingt – da wird der Autotune-Effekt ebenso über die Stimme gelegt wie überall im Pop gerade. Da sind die Beats und Sounds elektronischer, die Genre-Grenzen und der Grat zwischen subkulturell geprägter Selbstironie und Mainstream-Posen fließender geworden.

„Es sollte ein Album für zu Hause werden. Aber eines, dem man die Club-Exzesse immer noch anhört“, meint Trettmann. Der Pop-Einschlag kommt übrigens nicht von ungefähr: Ranking Smo ist der Sohn des Silly-Mitbegründers Matthias Schramm, aufgewachsen mit einem großen musikalischen Input und einem großen Hang zum Pop-Appeal. Wenn Pop und Dancehall also aufeinandertreffen, können die Gesten gewiss großspuriger ausfallen – und mit dem gemeinsamen Debüt-Album dürfte es für Ronny Trettmann und Ranking Smo einen weiteren Schub geben.

Heckert Empire Website

Vor und zurück

FM Musik scheint wirklich Gefallen am digitalen Veröffentlichen gefunden zu haben. Immerhin beschert dieser Vertriebskanal dem Deep House-Label von Frankman in diesem Jahr eine wahre Renaissance. Zwei neue EPs gibt es.

Ende September schon kam „Salon Golden Horn“ von Henry Gilles heraus. Sein Name tauchte schon einmal hier bei frohfroh auf – bei einem Remix von Dsants Debüt-EP auf Logo Tunesia Records. Dort hat der gebürtige Münchner und nun Wahl-Istanbuler auch schon eine digitale EP veröffentlicht. Die beiden Tracks der FM-EP sind deepe House-Stücke, die insofern ein wenig aus dem FM-Katalog der letzten Monate heraus ragen, weil sie nicht an die Downbeat-Schläfrigkeit angedockt sind.

Gerade „Oscar Likes Deephouse“ hat etwas Angerautes und Forsches. Ein klassischer House-Track und dank der Vocal-Samples mit einem leichtem, irgendwie passenden Soul-Vibe überlagert.

Bei „Salon Golden Horn“ schimmert dann sehr deutlich eine Dub-Deepness hervor. Und auch hier eine Soul-Note – sonst geht das schon schnell in den Kitsch über. Hier bleibt es aber authentisch, auch von den Aufnahmen der im Hintergrund präsenten Stimmen und Gesänge, die wie Feldaufnahmen klingen.

Im Khalil-Remix wird „Salon Golden Horn“ wieder mehr auf die House-Spur gebracht. Der Dub kommt erst später mit rein. Insgesamt die bisher beste EP dieser neuen Digital-Serie.

Zuat-Zu-Nights-From-JapanAuf der soeben erschienen EP „Nights From Tokyo“ von dem spanischen Producer Zuat-Zu gibt es dann wieder eine Kehrtwende zum klassischen FM-Musik-Sound. Hell schwingende und bassige Deep House-Chords, seichte Beats – da schieben sich die Downbeat-Wolken sanft voran.

Ich kann gerade nicht sagen, ob Frankman nicht genau solche Tracks produziert, prädestiniert für den Soundtrack von einsamen, nächtlichen Fahrten durch die Stadt. Sonntagsmusik. Das klingt so negativ, aber ich komme nicht drumherum zu denken, dass die Zeit für solche Tracks gerade vorbei ist. Was nicht heißt, dass sie vielleicht bald wieder kommt. Nach dem anstehenden Techno-Revival.

FM Musik Website
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Good Guy Mikesh & Filburt „Ours“ (We Love This)

Auf einem Label mit DJ Friction und DJ Thomilla zu landen, ist nicht gerade eine Selbstverständlichkeit. Da hat der musikalische Charme von Good Guy Mikesh & Filburt bestimmt mit reingespielt. Denn deren neue EP erscheint bei We Love This.

Aus Hamburg kommt das Label und auch der Däne Kasper Bjørke hat eine EP auf We Love This veröffentlicht. Mehr ist auf die Schnelle nicht herauszufinden im Internet. „Ours“ sticht aus den bisherigen Platten von Good Guy Mikesh & Filburt auch enorm heraus. Zwar war die Disco-Liebe schon immer herauszuhören, aber so konsequent wie hier noch nie. „Ours“ und „Midnight“ klingen so authentisch und fast schon altbacken.

Während „Ours“ mit großer Kitsch-Geste, plastischem Funk und einer selbstbewussten Langsamkeit ausholt, klingt bei „Midnight“ eine ähnlich naive und unbekümmerte Synthesizer-Spielfreude heraus wie sie in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern zwischen Krautrock, Kraftwerk und Disco auftauchte. Das ist schon sehr spleenig und kommt mit einem gewissen Augenzwinkern bei mir an.

Der Norweger Marius Våreid holt „Ours“ mit seinem Remix ziemlich abrupt aus dieser verträumten Zeitreise zurück ins Jetzt. Tighter, direkter und geschmeidiger in den Übergängen. Das steht „Ours“ zwar durchaus gut, aber es raubt den roughen Charakter des Originals.

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Doppelschlag

Am vergangenen Wochenende wurden zwei neue Platten gefeiert, die stilistisch nicht weit von einander entfernt sind. Pyjama Pyrat & Mute-Nation debütieren mit einer Veröffentlichungsserie. Alphacut legt die Nummer 21 nach.

„Encephaleon 1“ heißt das Debüt von Pyjama Pyrat & Mute-Nation, zwei Leipziger Drum’n’Bass-Protagonisten aus dem Ulan Bator-Umfeld. War Pyjama Pyrats Vorgänger-Projekt Styleconfusion eher im Drum’n’Bass verwurzelt, so schreitet er mit Mute-Nation in Richtung Dubstep und Grime. Ein Sound, der in Leipzig zwar längst angekommen ist, aber allzu viele Produzenten scheint es hier nicht zu geben, die sich an eine Veröffentlichung trauen. „Encephaleon 1“ könnte insofern vielleicht auch eine Initialzündung sein.

Auf vier Teile ist die Serie angelegt – alle halbe Jahre soll eine neue Folge kommen. Encephaleon ist übrigens der Fachbegriff für Gehirn eine Gehirnkrankheit, die durch eine Bleivergiftung verursacht wird. Ist das sogar ein Verweis zu dem Blei-Hanf, das vor zwei Jahren durch Leipzig geisterte? Dass hier ein Dubstep-Album entsteht, wurde schon bei einer Ulan Bator-Jahtari-Party angekündigt. Ein Jahr später ist jetzt also soweit.

Und „Encephaleon 1“ ist fast schon episch in den Sounds. Elegisch im Tempo und selbstbewusst in seinem Pathos. Juliane Wilde und Instruktah D. sind als Sänger dabei. Was besonders auffällt ist der Pop-Charakter hinter den Tracks. Das ist nichts zwingend für den Club. Einmal durch die Vocals, aber vielmehr noch durch die Arrangements. Die Tracks stecken voller Brüche.

Das ist einerseits spannend, andererseits überladen diese Wendungen die einzelnen Stücke immer wieder auch. Schroffe verzerrte Sounds treffen filigrane Melodien, riesige Wobble-Bass-Wellen schieben nach vorn und ab und an ist auch der Autotune-Effekt mit dabei. Das klingt nach TripHop mit neuen Mitteln – ähnlich bedrückend und düster, aber in den Sounds eben doch sehr Dubstep-beeinflusst.

Eigentlich stimmt vieles an „Encephaleon 1“, nur die Überladenheit und die etwas zu saubere Atmosphäre zwischen Tönen nehmen diesem Einstand ein wenig von der klanglichen Faszination. Das könnte noch etwas rougher klingen. Und etwas entschlackter.


Alphacut-21Damit rüber zu Alphacut Records, die in den 20er-Nummern ganz auf Weiß setzen. Weißes Vinyl, weiße Hülle. Weiß auch der viele Schnee, der in Estland und Finnland im Winter liegen dürfte. Von dort kommen nämlich Dejaru und Paranoid Society her. Die Esten spielen zudem noch mit „White Lies“. Ein reduzierter rhythmischer Track, freudig tänzelnd und irgendwie mit einer etwas ironisch klingenden Poesie kokettierend.

Zumindest haben die Fanfaren in der Mitte auch etwas Hymnisches, dem der Schalk jedoch eindeutig anzuhören ist. Dejaru wirkt dazu wie ein strenger Gegenpart. Düster und rastlos, sehr loopig in den Zwischentönen. „Black Mask“ heißt das Stück und es rundet die Dramaturgie dieser Platte klanglich und mit seinem Titel ab. Auf jeden Fall ist Alphacut gerade wieder mit hohem Puls unterwegs.

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„Jugendclub für Erwachsene“

Die Distillery ist volljährig. Und ab diesem November auch auf neuen Pfaden unterwegs. Zumindest was den Freitag angeht. Verantwortlich dafür ist Steffen Thieme. Er hat das Konzept zur neuen Reihe „Fenster zum Hof“ entwickelt. Einige Fragen haben wir an ihn gestellt.

Street Art, Tanz, Benefiz und Global Bass. Aber lest selbst.

Wie kam die Idee für eine neue Freitagsreihe in der Distillery?

Wie ja fast allen aufgefallen sein dürfte, lief der Freitag in der Tille die letzten zwei Jahre nicht mehr so rund wie es eigentlich sein sollte. Ich selbst hatte mich vor ca. zwei Jahren mal wieder aus meinem musikalischen Reggae/Dancehall-Kosmos gelöst und mich neuer Musik geöffnet.

Da stellte sich für mich auch die Frage nach einem neuen Party-Konzept, das nicht nur auf 10 Uhr-Türen-auf-und-Musik-an basiert. Ich wollte irgendwie mehr. Da ich mich seit geraumer Zeit für Street Art und auch für Tanz über Breakdance hinaus interessiere, wollte ich diese beiden Elemente bei einer Party mit einfließen lassen. Im Ergebnis entstand so „Mad Again!“.

Das war im Herbst 2009. Wie kam es dann zu „Fenster zum Hof“ ein Jahr später?

Aaron konnte nach dem Sommer aus beruflichen Gründen nicht mehr als Freitags-Booker in der Distillery fungieren. Und so kam es dann dazu, das ich da rein gerutscht bin. Nichts lag näher als die Ideen von „Mad Again!“ aufzugreifen und auszubauen. Denn alles in eine Party zu packen ist aber auch recht schwierig. Gerade um die vielen Neuerungen auch nach außen tragen zu können, musste ein neuer Name und ein neues Aussehen her. In dem Zuge hat sich dann das „Fenster zum Hof“-Konzept entwickelt.

Was konkret habt ihr vor?

Ziel war von vornherein, mehr Interaktion zwischen den Leuten zu schaffen. Ein Club trägt ja auch eine soziale Verantwortung. Die wollten wir aufgreifen und zudem Musik, Grafik und Tanz wieder näher zueinander führen. An der stelle möchte ich mal ein großes Dankeschön an Mario und Christoph sagen. Und viele andere die mich bei der Ideenfindung und den Prozessen in der Vorbereitung unterstützt haben.

Da ich selbst lange aufgelegt habe, habe ich mitbekommen wie der Plattenladen als Treffpunkt leider immer mehr weggefallen ist. Es bezieht sich heute fast alles auf das Internet. Das ist, denke ich, nicht der Weg, den wir einschlagen sollten und deshalb kann man das ganze eventuell auch als Stufe zum Jugendclub für Erwachsene begreifen.

Wie nehmt ihr die soziale Verantwortung eines Clubs noch wahr?

Ein wichtiger Bestandteil sind auf jeden Fall die sozialen Projekte, die wir unterstützen wollen. Für sie wird es auf verschiedene Art und Weise die Möglichkeit geben sich zu präsentieren. Wir werden zwei Benefiz-Partys im Jahr machen und dann mal schauen, was sich noch so spannendes daraus ergibt. Und allen die dabei Bedenken haben sei gesagt, dass ich mit allen Projekten seit zwei Jahren in Kontakt stehe und wir die auch deshalb supporten wollen.

Die Musik und Party werden wir natürlich nicht vergessen. Daran orientiert sich alles, wobei wir sicherlich keine neue Feierkultur entwickeln werden. Das Rahmenprogramm vor den Partys wird recht bunt und wir sind auch für alle Ideen offen. Was sich dann wie umsetzen lässt muss sich zeigen. Sofern es machbar ist, wird es verschiedene Tanz-Workshops geben, die im Übrigen kostenlos sind.

Des weiteren bemühen wir uns, Leute an den Start zu bekommen, die von ihren Reisen in andere Länder erzählen wollen und dabei auch Bezug auf die dortige Musik-, Grafik- oder Tanzkultur nehmen. Was die Jungs von Exlepäng mit dem Circuit Bending-Workshop am 26.11. machen werden steht exemplarisch für eine etwas andere art von Workshop. Da gibt es vieles was man machen kann.

„Mad Again!“ ist ja mit dem oberen Floor auch ein gutes Beispiel dafür was alles passieren kann wenn Erwachsene spielen. Und natürlich werden wir auch mal den einen oder anderen Film zeigen oder wie bei Funky Kingston die Domino-Steine auspacken. Zudem werden wir versuchen das Essensangebot ein wenig zu erweitern und an den Abend anzupassen. Es wird sich auch an der Bar ein wenig ändern.

Und schlussendlich soll www.fensterzumhof.org die Plattform werden bei der alles was Werbung angeht passiert. Mit viel Glück haben wir dann das Zeitalter der Flyerei spätestens nächstes Jahr im Frühling hinter uns und Mutter Natur freut sich.

Wo geht es musikalisch hin?

Der Freitag wird weiterhin urban bleiben, ohne aber außer Acht zu lassen, welch großen Einfluss elektronische Musik mittlerweile auch auf die urbane Musik ausübt – wobei urban natürlich auch alles und nichts ist. Ich habe noch den kleinen Traum, das irgendwann demnächst mal südafrikanischer House an einem Freitag laufen kann – nur mal als Beispiel was möglich ist. Ansonsten wird es viel altbewährtes geben und mit dem einen oder anderen Act wollen wir uns auch mal an gewisse Grenzen wagen. Außer Techno, House, Rock, Pop und die üblichen Verdächtigen wird alles irgendwie seinen Platz finden.

Warum eigentlich „Fenster zum Hof“?

Dem Konzept einen Namen war ehrlich gesagt das Schwierigste an der ganzen Sache. Und dann auch noch einen, der allem irgendwie gerecht wird. An dieser Frage bin ich gelegentlich auch verzweifelt. Ich selbst bin ein recht bildlicher Typ, dementsprechend kam es dann zu der Lösung. Die Stieber Twins mit den gleichnamigen Track haben da natürlich auch mit rein gespielt. „… durchs Fenster zum Hof, ja dort spielt die Musik …“ – das fand ich einfach toll und vor allem ehrlich.

Doch kurz: Egal wo wir auf dieser Welt sind, ein Hof ist immer eine Lebensader und die Elemente wie Musik, Grafik oder Tanz wird man da immer wieder Antreffen – egal ob man nun am Fenster sitzt und beobachtet oder selbst Akteur auf dem Hof ist. Und da wir eben auch über Leipzigs Grenzen hinaus schauen wollen, hatte sich das angeboten.

Distillery Website
Fenster zum Hof Website

Dubstep in fünf Akten

Das Jenaer Netlabel Digitalgewitter hat seine Fühler schon länger nach Leipzig ausgestreckt. Wintermute gehört zu den Stammkünstlern dort. Nun verwirklichte auch der Leipziger DJ und Veranstalter Audite ein größeres Projekt – die „Box of Life“.

„To Rise“, „To Love“, „To Struggle“, „To Dance“ und „To Die“ – dafür hat Audite in einer fünfteiligen DJ-Mix-Box zum Herunterladen die entsprechenden Soundtracks zusammengestellt. „Eine musikalische Analogie zum Leben“, beschreibt Audite den Ansatz hinter der „Box of Life“. Die ersten beiden Episoden sowie „To Dance“ fahren mit großem Pop-Appeal auf.

„To Struggle“ und „To Die“ sind dagegen erwartungsgemäß düsterer, vertrackter und hartkantiger aus. Gerade bei „To Die“ gibt es mit zwei Neil Young-Stücken eine wunderbare, fast dokumentarische Pause in der Mitte. Mit einer heulenden Gitarre und Meeresrauschen. Dann schwebt ganz langsam ein neuer Track rein.

Eine tolle Rundreise durch alles was im Dubstep gerade Rang und Namen hat. Nun mache ich mir aber Sorgen, weil mich „To Struggle“ und „To Die“ am meisten flashen. Stecke ich mitten im Herbstkummer? Abkämpfen? Sterben?

Wie dem auch sei. Diese Box sollte unbedingt als Ganzes verstanden werden. Und jeder Mix hat sein eigenes Cover. Sehr schön.

Audite Myspace
Digitalgewitter Website

Analoger Medienzuwachs

Bestimmt erinnert sich der ein oder andere noch an das Repertoire – ein kleines Faltmagazin für „kantige Musik in 0341“. Ich selbst hüte auch noch ein oder zwei Exemplare wie einen kleinen Schatz bei mir. Jetzt wird an diese Tradition angeknüpft.

Gestern war von der Überraschung bereits bei itsyours zu lesen: Paperclip geht in diesem November erstmals offline. Ja, richtig gelesen. Es geht mal nicht um ein neues Online-Magazin, sondern um etwas Ausdrucktes. Um ein Medium 1.0, um „2 Bytes analoge Musikvermittlung“, wie es im Untertitel heißt. Herausgegeben werden soll Paperclip künftig einmal monatlich von Lowcut, Sunliq und sH1. Und es wird sich ganz offen an die Repertoire-Tradition angelehnt. Party-, Radio- und Konzert-Termine sowie Plattenrezensionen und Interviews aus der Leipziger Musik- und Clubszene. Also ähnlich frohfroh, nur eben handfester.

Die erste Ausgabe wurde 200mal gedruckt – im Copy-Shop am Rossplatz. Anschließend faltete das Paperclip-Trio die beidseitig in Schwarz-Weiß bedruckten A4-Letter einzeln zusammen und befestigte sie mit einer Büroklammer. Genau an der November-Stelle im Druck. Das ist liebevolle Perfektion mit DIY-Charakter. Ein Großteil liegt nun in Kneipen, Spätis und anderen szeneaffinen Geschäften des Südens und kreativen Westens von Leipzig aus. Die Idee kam den Dreien übrigens auf der Autobahn von Halle nach Leipzig.

Ein Fanzine im klassischen Sinne soll es nicht sein, zumindest nicht fokussiert auf eine eng abgesteckte musikalische Nische. Zwar sei das Debüt recht Drum’n’Bass-dominiert mit einem DJ Booga-Interview und einer Alphacut-Besprechung, aber schon in der Dezember-Ausgabe stehen Praezisa Rapid 3000 sowie Rezensionen zur deren erster offizieller Platte und der neuen Mancha Recordings-Platte auf dem Plan.

We like it!

Auf Abwegen

Auf Abwegen klingt nach Ausflucht. Aber so ist das gar nicht gemeint. Dennoch fällt auf, dass mit Dan Drastic und Luna City Express zwei Moon Harbour-Stamm-Artists quasi parallel auch bei anderen Labels vertreten sind.

Das ist natürlich keine Neuigkeit. Dan Drastic war auch schon bei Hairy Claw, Luna Records, Rrygular und Highgrade. Und Luna City Express bei Aerobic Studio, Justified Cause und Enliven Music, wo nun eine weitere EP der Berliner erschienen ist. „The Bartender“ ist ein smoothes Deep House-Stück mit einem House-Manifest-Vocal. Lässig, elegant und US-inspiriert.

Da liegt ein Downbeat Edit natürlich nahe. Dass sich Luna City Express für diese andere Art der musikalischen Lässigkeit erwärmen können, war ansatzweise auch schon auf deren Debüt-Album herauszuhören. Auf jeden Fall ist diese Version im Luna City Express-Kontext die Überraschendere und Frischere, auch wenn die Mittel eigentlich ganz klassisch und alles andere als frisch sind. Die Enliven Music Acoustics-Jungs machen aus „The Bartender“ aber eigentlich den besten Entwurf. Während das Original sehr glatt gestrichen ist, hat dieser Remix mehr Reibeflächen, mehr Kanten, mehr Drive. Und auch das Vocal passt sich besser rein.

Dan-Drastic-Andreas-Eckhardt-ButterflyBei Dan Drastic & Andreas Eckhardt ist es ungekehrt. Da ist das Original dem Remix voraus. „Butterfly“ kam bei dem Kopenhagener Digital-Label Girafe Sauvage heraus. Im Gegensatz zur ersten gemeinsamen EP der beiden auf Rrygular ist dieser Track weniger straight. Dafür etwas gespenstischer mit seinem Vocal und dem flirrenden Bienenschwarm-Sound im Hintergrund. Recht zurückgenommen und basic.

Patrick Bateman haut bei seinem Remix hingegen einfach mit der Rave-Keule auf „Butterfly“. Alles dicker und halliger produziert, ein zusätzlich schiebender Chord dazu. Das sind zwei Welten, die auf dieser EP aufgezeigt werden.

Und wäre das bei Moon Harbour auch gut aufgehoben gewesen? Luna City Express sind mit „The Bartender“ zu deep und zu soft, „Butterfly“ hätte zum derzeitigen Label-Sound aber durchaus gepasst.

Dan Drastic Myspace
Luna City Express Myspace
Girafe Sauvage Website
Enliven Music Myspace
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And the winner is…

Die Gürtelwoche ist rum, die Designers’ Open ebenso. Wir hatten ja für die tollsten Tanz-Moves einen wunderbaren Wechselwilld-Gürtel mit dem einmaligen frohfroh-Motiv ausgelobt. Viel getanzt wurde nicht. Gewonnen hat trotzdem jemand.

Nicht nur irgendjemand: Es ist Map.ache von Kann Records. Und das ist keineswegs als parteiische Entscheidung zu werten. Bei diesem Video stimmt einfach alles. Okay, es ist nicht mehr ganz taufrisch, aber es hat das Zeug zum Classic.

Es spielt in der Bar – einem leider viel zu früh geschlossenen Club auf der Spinnerei. Und es steckt so voller Poesie, dass einem das Herz überquellen mag. Die leere Tanzfläche, die Sonne durch das offene Fenster, der verspulte Track zu dem Map.ache den ganzen Raum ausmisst, das tanzende Duett mit dem Schal und auch der demütige Kniefall – dies ist ein viereinhalb Minuten langes Zeitzeugnis. Aufgenommen von Sevensol und schlicht untertitelt mit „Mapache does a ‚ausdruckstanz’ on a sunday morning in the leipzig based club ‚bar’ after a long dj-set…“

Jawoll!

Ganzheitliches Geschenk

Neulich: Ortstermin im Leipziger Schallplattenpresswerk. Draußen leichter Nieselregen, der Kühlturmdampf wird vom Wind wild umher gewirbelt. Doch bei dem Termin geht nicht um die faszinierende Industrie hier, sondern um Alphacut Records.

LXC empfängt mich auf dem Hof und spendiert eine Kurzführung – vorbei an den Vinyl-Pressen, der Galvanik, einer Druckmaschine für die Etiketten, lauten Typen mit rauen Zungen und zuletzt an einer gut fünf Meter langen Maschine, die die bedruckten Coverhüllen faltet, verleimt und zurecht schneidet. Faszinierend für jemanden, dessen einzige handfeste Erfahrung das Schulbetriebspraktikum in der Bus-Werkstatt des städtischen Nahverkehrsbetriebs war.

LXCs Schneideraum ist eine Etage über der Vinyl-Produktion. An der Bürotür ein Smiley, drinnen fast deckenhohe Türme aus Geräten – darunter eine alte Neumann-Schneidemaschine auf der gerade die Lackfolie für das Album einer Metal-Band geschnitten wird. Wir sitzen hier, weil die Nummer 10 von Alphacut endlich fertig ist. Und dass, obwohl der Label-Katalog bereits bis zur 20 weiter angewachsen ist.

Die Nummer 10 sollte etwas besonderes sein. Zugleich lag aber auch so viel gutes Material wie schon lang nicht mehr bei LXC auf dem Tisch. Das musste raus. Und so startete die „Second Wave“ von Alphacut – jeden Monat eine neue Platte, anfangs limitiert auf 100 Exemplare, später wurden es 200, weil sich solch kleine Auflagen dann doch kaum lohnen. Das hat LXC durchgehalten und dramaturgisch einen spannenden Bogen von roughen bis zu sehr gedrosselten Tracks gespannt.

Tolle Demos gibt es weiterhin, aber die Frequenz soll auf zwei Monate verlängert werden. „Selbst die harten Fans sind irgendwann nicht mehr hinterher gekommen. Es braucht einfach doch etwas Zeit, bis eine neue Platte auch aufgenommen werden kann“, hat LXC in dem Jahr der zweiten Alphacut-Welle festgestellt. Auch wenn es vielleicht eine kleine Überforderung war, es hat Alphacut in der weltweit gut vernetzten Szene durchaus Schub gebracht.

Doch zurück zur Nummer 10. Die sollte eigentlich schon vor einem Jahr erscheinen. Die ursprüngliche Idee war eine Jubiläums-Compilation mit Künstlern und befreundeten Musikern des Labels. Die Liste wurde irgendwann aber zu lang und so kamen die Loops ins Spiel, die bereits früher auf vielen Alphacut-Platten als Gimmicks zu finden waren.

Im Sommer 2008 gingen erste Anfragen raus, der letzte der insgesamt 111 Loops kam schließlich im September 2009. Doch die 10 musste noch weiter reifen – immerhin wollte LXC nicht nur eine schwarze Hülle, sondern eine mit Ausstanzungen und Siebdruck, die er weitgehend selbst herstellen wollte. Allein der Vinyl-Schnitt der B-Seite mit den Loops war eine Herausforderung für sich. In Sechser-Gruppen und nach 33- und 45er-Loops sind sie nun angeordnet. Es braucht etwas Geduld und Übung sich da durch zu stöbern.

Und es gleicht nebenbei einem historischen Rundumschlag in punkto elektronischer Musik – von Leipzig und der Welt aus. Da Halz, Booga, Proceed, Thomas Christoph Heyde, Qui, triPhaze und Opossum hauen ebenso zwei Sekunden-Tracks heraus wie Paradox, Hans Platzgumer, Martsman, Hey-O-Hansen, Karl Marx Stadt oder Enduser. Manche sehr reduziert, andere so aufgeladen wie es wohl nur geht. Manche total rhythmisch konzentriert, andere auf Chords fokussiert. Wunderbar übrigens auch die Track-List bei Discogs. Ein Monster.

Die A-Seite gehört „Seeing Angels“ von dem Londoner Randomer. Ein hektisch und düster umher fegender Drum’n’Bass-Track mit großen Auf und Abs sowie einer latenten Burial-Atmosphäre in den ruhigeren Passagen.

Diese Platte nimmt letztendlich nicht nur als groß inszeniertes – verspätetes – Jubiläumsgeschenk einen besonderen Stellenwert in der Label-Geschichte ein. Sie ist auch ein ganzheitliches Geschenk von LXC an sich selbst. 333 Exemplare gibt es nun, 111 davon sind den Loop-Acts reserviert. Der Rest dürfte wahrscheinlich auch bald ausverkauft sein – ähnlich wie ein Großteil der letzten Platten.

10 und 20
Cycom & Fanu „Rude Bwoy“

Quasi parallel zur Nummer 10 erschien vor kurzem übrigens auch die Katalognummer 20. Und die greift auf andere Weise auf die Alphacut-Geschichte zurück. Cycoms Track „Rude Bwoy“ von der ersten Alphacut-Platte aus dem Jahr 2003 kommt noch einmal zum Vorschein. Cycom selbst bringt sie erneut auf Vordermann.

Der Finne Fanu spielt dagegen einen ganz neuen Spannungsbogen durch. Das Tempo steigert sich langamer und schwankt später immer wieder. Irgendwie schafft Fanu auch eindringlicher und aufgeladener Momente.

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