Wie klingt Leipzig klingt

Städten wird ja zu gern ein bestimmter Sound nachgesagt, was bei genauerem Blick aber meist nicht haltbar ist. Mit Citysounds.fm gibt es eine Website, die den Sound aller möglichen Städte bündeln möchte. Leipzig ist auch dabei, höchst skurril.

Web 2.0 wird einfach nicht müde neue Angebote für User-generated-contents zu bieten. Citysounds.fm greift auf die Uploads von Soundcloud zu, wahrscheinlich generiert durch Ortsangabe jedes Nutzers. Eigentlich eine tolle Sache, um in lokale Musikszenen einzutauchen. Aber da hier nur die zuletzt hochgeladenen Tracks gelistet werden, ist der Sound Of Leipzig, den Citysounds.fm zu erkennen glaubt, wenig repräsentativ. Ein vierteiliges Radio Blau-Interview wird ebenso gelistet wie eine Menge mir unbekannter Künstler. Warum also nur eine chronologische Sortierung? Warum nicht nach den Klickzahlen der Streams?

Mit 220 geposteten Tracks liegt Leipzig auf Platz 104 der aktivsten Musikstädte, die bei Citysounds.fm gelistet sind. Wie viele es insgesamt sind, wird nirgends erwähnt, insofern ist diese Info quasi nichtssagend. Techno, Experimental und Electro wird laut Citysounds.fm am meisten produziert in Leipzig.

Sucht man übrigens bei Soundcloud direkt nach Leipzig, ergeben sich ganz andere Ergebnisse, die nicht bei Citysounds.fm auftauchen. Marko Fürstenberg, Matthias Tanzmann, LXC, Break The Surface, Booga und FM Musik – allesamt nicht erwähnt.

Schade eigentlich, aber vielleicht wird es ja aber noch etwas. Danke übrigens an Good Guy Mikesh für den Tipp zu Citysounds.fm

NACHTRAG: Mittlerweile gibt es die Seite gar nicht mehr.

Citysounds.fm/Leipzig

Good Guy Mikesh & Filburt „Cleaning Up“ (Mirau Musik)

Good Guy Mikesh & Filburt haben ja schon mit der letzten Single „Someone Told Me“ bewiesen, dass sie es drauf haben mit den großen Melodien. Auf dem Hamburger Label Mirau Musik geht es weiter.

Die dort erschienene neue Single „Cleaning Up“ beginnt sehr housig, mit einem durchgreifenden klaren Bass, viel Synthiegeklingel und einer mit jedem Takt rabiater werdenden verzerrten Hookline in den Mitten, die sich in einer breiten Achtzigermelodie entlädt. Die großen Melodien! Fast pünktlich setzen dazu die Vocals ein, erst nur angedeutet, in der stetigen Wiederholung: „There is…“ Durchgehend singt nur der Synthesizer die Grundmelodie, in verschiedenen Tonhöhen, Frequenzen, Lautstärken – aber immer präsent.

Die Vocals werden dann fast vorsichtig wieder dazugemischt, unterstützt nur noch von Claps und sich steigernden verzerrten Sequenzen in Bässen und Mitten. Kaum, dass der Beat wieder voll da ist und sich Melodie und Vocals ganz entfalten dürfen, kommt der Break: Nur noch trockener Beat. Einmal darf die große Melodie noch mal kommen, dann ist genau an der richtigen Stelle Schluss.

Der Mark E-Remix auf der Rückseite ist durch seine Reduziertheit clubbiger als das Original. Die Melodie verschwindet fast, die Vocals werden endlos geloopt, die Synthies zu einem ewig im Hintergrund bleibenden Klangteppich, der Bass drückt. Langsam baut sich über diesem festen Muster etwas auf, das in einem Break endet, in dem sich das klingende Synthie noch mal voll auslassen darf und dann hart zurückgenommen wird. Ein solider, aber nicht herausragender Track.

Viel besser als bei der letzten gemeinsamen Veröffentlichung von Good Guy Mikesh & Filburt ist diesmal das Drumherum. Denn „Serpico“ ist der heimliche Hit der Platte. Sphärisch erklingt die Melodie über dem drückenden Bass, der Snare – die hallt wie vor 20 Jahren – und dem rhythmischen Klatschen. Nach der Hälfte übernimmt plötzlich der Bass die Führung, leicht verzerrt fordert er volle Aufmerksamkeit, die er auch erhält: Alles arrangiert sich um die Bassline, irgendwann schraubt sich die sanfte Hookline des Synthies in alle erdenklichen Frequenzen, immer höher durch den Raum.

Obwohl „Serpico“ vom Namen her eigentlich nach New York gehört, klingt hier viel nach Chicago in Warehouse-Zeiten. Enden darf der wunderbare Track mit einem Nebelhorn, das fast spielerisch in „Taurus Sleeps“, auf der Rückseite, wieder aufgenommen wird. Dann aber in einer Frequenz, die eher an einen Posaunenchor erinnert, nur im Hintergrund tönt noch tief das Horn aus „Serpico“. Die Bläser werden abgelöst von einer hüpfenden Bassmelodie, die wilde Kreise in den Raum malt und dort irgendwann den Chor wieder abholt. Taurus muss zugleich wilde Träume und von einer unerschütterlichen Zuversicht beruhigt werden, denn er schläft tief und fest und trotzdem aufregend.

„Cleaning Up“ selbst ist nicht ganz so gut wie der Hit „Someone Told Me“, die Platte insgesamt aber viel überzeugender. Denn das Paket aus drei guten Tracks plus Remix zeigt, dass Good Guy Mikesh & Filburt vor allem in der Breite an Qualität dazugewinnen.

Mirau Musik Website
Good Guy Mikesh & Filburt Myspace
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Tapes „Hissing Theatrical“ (Jahtari)

Ja, Jahtari holt einige Schätze aus dem Londoner Underground. Tapes ist ein Typ aus Hackney, laut Wikipedia einer der ärmsten Bezirke der britischen Hauptstadt. Und Not kann bekanntlich viel Kreativität freisetzen.

Keine Ahnung, ob es dem Tapes-Mastermind schlecht geht, aber seine Umgebung scheint ihn durchaus zu inspirieren. In einem kleinen Studio bearbeitet er lauter verschrammelte Geräte und holt Sounds aus ihnen raus, die britsch-jamaikanischen Reggae ebenso aufgreifen, wie den ureigenen digital-antiquierten Jahtari-Funk.

Der Londoner führt nebenbei noch ein Tape-Label. Und seine erste EP auf Jahtari erschien neben der Net-Version auch auf Magnetband. Diese EP hier wurden für die Kassette gemastert und nun auf Platte gepresst. Das heimelige Grundrauschen begleitet also alle Tracks, die teils Fragmente, teils amtliche Hits sind – und doch geht keiner länger als drei Minuten. Tapes kommt schnell auf den Punkt, mit wenigen Spuren, dafür aber mit genau den richtigen Sounds.

C64-Futurismus prallt auf Dub-Deepness. Am liebsten ist mir „Lowry Dub“ mit seinem schleppend-matschigen Beat und der einfachen Melodie – sehr schön ruhig und reduziert. Rave-Hits gibt es aber auf dieser EP auch zuhauf.

Tapes Myspace
Jahtari Website
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Sven Tasnadi „Winter“ (Smallville)

Es gibt fast keinen Monat, in dem nicht etwas Neues von Herrn Tasnadi erscheint. Auf dem Hamburger Label Smallville gibt es einen neuen Track auf einer Split-EP mit Christopher Rau.

Momentan scheint niemand produktiver zu sein bzw. mehr zu veröffentlichen als Sven Tasnadi. Zugegeben: Ein wenig geht da der Überblick verloren, zumal Tasnadi stilistisch durchaus facettenreich ist. Mit „Winter“ ist ihm allerdings mal wieder ein Track gelungen, der den ganzen Winter überdauern kann.

Wären die Beats nicht da, wäre dies ein amtlicher Ambient-Track – schwelgerisch-schwebende Harmonien, sehr sehr reduzierte Dub-Elemente. „Winter“ schiebt sich in angenehm gedrosseltem Tempo voran, ohne Zwischenstopps, aber voller Deepness und Musikalität. Klar, der Name nimmt schon viel von der freien Assoziation ab, aber hier lässt sich tatsächlich ein Film abspielen, mit nur einer einzigen Einstellung aus einem Zugfenster heraus. Draußen rauschen still die kargen, teils verschneiten Landschaften vorbei. Einer der besten Tracks von Sven Tasnadi.

Sven Tasnadi Facebook
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Macc & Martsman / Reactiv „Boomer / Asylum“ (Alphacut Records)

Jaja, sie ist bereits seit einigen Tagen draußen, wahrscheinlich ist sie auch schon wieder ausverkauft – so wie die letzte Alphacut-Platte. Die Nr. 12 ist wieder auf 100 Stück limitiert, musikalisch aber überhaupt nicht.

Künstliche Verknappung ist ja ein adäquates Mittel, um Begehrlichkeiten zu wecken. Ist es also die strenge Limitierung, die Alphacut gerade zu einem Bäcker mit den wärmsten Semmeln macht? Vermutlich würden weit mehr als 100 Platten weggehen, denn die Tracks der „second wave of Alphacut“ holen mächtig aus. Nachdem der Start mit Throttler und Snaper ziemlich schroff und launig ausfiel, geht es bei der Nummer 12 musikalischer und subtiler zu.

Auf der A-Seite remixt Martsman den Macc-Track „Boomer“. Macc (Foto) ist Schlagzeuger, und das hört man. Der Rhythmus tänzelnd feingliedrig und wird von einer ordentlichen schnarrenden Bassline angetrieben. Der Wechsel aus diesen massiven Abschnitten und den weit runtergefahrenen Breaks hält permanent eine Spannung, die sich durch den ganzen Track zieht. Ganz dezent düster und eigentlich sehr reduziert und klar in seinen Sounds und Arrangements. Der Track wurde übrigens schon digital veröffentlich, Alphacut hat ihn nochmals auf Vinyl gepresst.

Auf der B-Seite dann Reactiv, ein US-Amerikaner in den Anfängen seiner Karriere. „Asylum“ ist fast schon klassisch und smooth in seinen Jungle Vibe und kommt sehr musikalisch durch die warmen Chords daher. Keine Ahnung, wie frisch dies nun ist, aber definitiv ein gelungener, deeper und ruhigerer Track. Auf der Platte verstecken sich übrigens wieder elf Locked Grooves, der gewohnte Alphacut-Bonus.

Alphacut Records Website
Macc Myspace
Martsman Website
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Anda „Do Not Care About What It Mean“ (Analogsoul)

Oldenburg – Leipzig, in einem Intercity sind beide Städte knapp vier Stunden voneinander entfernt. Mit der Band Anda und ihrer EP auf dem Leipziger Label Analogsoul verringert sich die Entfernung beträchtlich.

Richtig viel bekannt ist nicht über das Duo, selbst bei Analogsoul scheinen Anda so frisch zu sein, dass noch keine Künstlerbiografie auf der Website steht. Auf besondere Weise frisch sind auch die sechs Stücke ihrer EP, die es via Analogsoul zum freien Download gibt. Einerseits sind sie tief im reduzierten Folk verwurzelt – Gitarre, Gesang, mehr nicht. Im nächsten Moment verzerrt sich ganz langsam der Gesang, rückt in den Hintergrund und wird von Radio-Aufnahmen und elektronisch-ambienten Sounds vereinnahmt.

„Do Not Care About“ – ein quasi prototypisch gelungenes Stück – wird komplett aufgebrochen, es bricht mit der klassischen Herangehensweise des Anfangs, ohne die in sich ruhende Atmosphäre aufzugeben. Anda scheinen den Bogen zwischen gewohntem Songwriter-Duktus und verstörend-faszinierender Avantgarde, Mainstream und Lo-Fi, Pop und Medienkunst ausloten zu wollen. Und es gelingt ihnen überaus gut – selbst bei einem endlos laufenden Stück wie „A To The C“, das sich nur in den Nuancen verändert.

Hier wird trotz einer Vielzahl an Ideen und Sound-Möglichkeiten sehr behutsam mit der Experimentierfreude umgegangen. Keine Materialschlacht, kein Sound-Overkill, keine wilde Effekthascherei. Anda klingen so gar nicht nach Oldenburg, eigentlich lassen sie sich überhaupt schwer verorten, weder lokal noch musikalisch.

Anda Myspace
Analogsoul Website
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We like your walls!

Plakate sind zum Hinhängen da. Und einige von unseren frohfroh-Plakaten dürften mittlerweile an ehemals nackten Wänden hängen. Das freut uns sehr und wir wollen am liebsten ein paar Eindrücke aus euren Wohnzimmern, Studios und Läden in einer kleinen Galerie auf frohfroh zusammentragen.

Der Anfang hält gleich eine Überraschung bereit. Im Hamburger Plattenladen Smallville hängt ein Exemplar aus. Denn so wurde uns berichtet: In der dortigen House-Szene sind die Platten von Kann Records ein Hit.

Sven Tasnadi hat ein Exemplar an seiner Studiotür hängen. Dahinter werden nicht nur Beats gebaut, sondern sogar Blumen gepflegt. Techno mit grünem Daumen.

Auch in der Forschung wird Musik aus Leipzig gemocht. Genauer an der Fakultät für Elektro- und Informationstechnik von der HTWK in der Wächterstraße. In dem hier durch ein frohfroh-Poster geschmückten Büro wird sich übrigens mit FPGA-basierter Bild- und Signalverarbeitung beschäftigt.

Und ein weiteres Poster schmückt nun auch das hübsche Schaufenster der Analogsoul-Crew in der Kurt-Eisner-Straße.

Klinke auf Cinch waren ja in Osteuropa unterwegs. Und sie hatten freundlicherweise auch einige Flyer und Plakate mit. Und so hängen nun auch in Ljubljana und Wien die Leipzig-Bekenntnisse in großen Lettern. Vielen Dank an die Analogsoul-Crew.

Schöne Grüße aus Lindenau. Kata Adamek und Bernd Adamek-Schyma vom Panipanama haben einen hübschen Hund und derzeit auch ein frohfroh-Poster im Schaufenster.

Und auch im Schall & Rausch-Plattenladen heißt es „We Like Dance Music From Leipzig“.

Weitere Einsendungen nehmen wir gern per Mail an.

Wheeler „Breeze Blow“ / Maffi „Turtle Riddim“ (Jahtari)

Jahtari bleibt seinem Netlabel-Anspruch treu, obwohl der Fokus gerade stärker auf kleine Vinyl-Auflagen liegt. Von der Maffi-Serie gibt es online nun ein weiteres Original aus Jamaika.

Wheeler kommt aus Kingston, genauer Swallofield. Dort verkauft er Bier und Zigaretten und hängt mit Freunden ab. Zu dem tiefbassigen Riddim von Maffi hat Wheller ein wahnsinnig leidenschaftliches und melodisches Vocal eingesungen – angeblich mit einfachstem Equipment aufgenommen von Selectah Easy T Jam vom Esperanza Soundsystem.

Auf der B-Seite läuft dann noch einmal Maffis Riddim instrumental. Da kommen der elektronisch dicke Bass, die tollen Claps und die kleine Melodie zwischendurch besser zur Geltung und es wird klar, dass allein das musikalische Fundament schon total auf Hit getrimmt ist.

Wheeler Myspace
Jahtari Website
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Luna City Express „Hello From Planet Earth“ (Moon Harbour Recordings)

Anderthalb Jahre nach Matthias Tanzmanns „Restless“ veröffentlichen nun auch Luna City Express ihr Debüt-Album auf Moon Harbour. Nicht ohne Überraschungen, aber auch nicht ohne Enttäuschungen.

Das Cover sieht nach einem großen Kompromiss aus. Eine derartig naiv-obskure Illustration sieht weder nach House noch nach Moon Harbour aus. Aber im Grunde ist es auch sympathisch, wie weit sich Luna City Express allein mit dem Cover aus dem Fenster lehnen. Und irgendwie ist auch ihr Sinn für Humor, wie er in dem etwas albern geratenen Intro durchkommt, durchaus sympathisch.

Mit den Tracks ihres Debüt-Albums gehen Marco Resmann und Norman Weber jedoch weitaus zaghafter um. Einerseits geht es sehr klassisch in Richtung US-House, mit fast schon pathetischen Vocals von Aaron Palmer und Yoon Lee. Dann schieben sich sehr entspannt dahin gleitende House-Tracks mit einer Downbeat-Note dazwischen, und auch reine Downbeat-Stücke mit einem eher experimentellen Charakter sind als Interludes dabei.

Im Tempo und den Stimmungen ist „Hello From Planet Earth“ unheimlich vielseitig und gar nicht mal so auf Funktionalität getrimmt, wie viele der vergangenen Moon Harbour-Platten. Und es lassen sich tatsächlich auch neue Facetten von Luna City Express entdecken. Ein Track wie „Plata“ mit seinem darken dubbigen Drive hätte ich von den beiden Berliner House-Typen bislang nicht erwartet. Selbst der offensive US-Appeal auf „Celebration Of Life“ und „Dream In Berlin“ ist erstaunlich.

Also, eigentlich ist Luna City Express hier ein durchaus großer Wurf gelungen. Doch die Höhepunkte, die einen am Anfang auffielen, verpuffen auch relativ schnell. So leicht lässt sich die anfängliche Euphorie aber auch wieder nicht ausbremsen: Luna City Express sind ziemlich vorn, was zeitgenössischen House anbelangt. Und ihr Album präsentiert auch eine Breite abseits der Club-Funktionalität. Ein paar Ecken und Kanten hätte es trotzdem vertragen können.

Luna City Express Myspace
Moon Harbour Recordings Website
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Ostwärts

Analogsoul ist wohl das einzige Label in Leipzig mit einem eigenen Laden. Trotz des kleinen Budgets lassen sich die Macher aber nicht von ihren großen Ambitionen abbringen. Aktuell schicken sie Klinke auf Cinch mit Ian Simmonds am Mikrofon auf Tour nach Osteuropa.

Es ist eines der letzten noch aktiven Netlabels der Stadt, daneben erscheinen aber auch aufwändig gestaltete CD-R-Auflagen. Künstlerisches Freispiel unter Non-Profit-Bedingungen, dies lebt das Leipziger Label Analogsoul. An anderer Stelle wird dies noch ausführlicher ein Thema bei frohfroh sein.

Interessanter für den Moment ist die Jenaer Band Klinke auf Cinch, der sich Ian Simmonds als Sänger mit angeschlossen hat. Nach seinem fulminanten Album „The Burgenland Dubs“ auf Musik Krause verwurzelt er sich scheinbar immer mehr in seiner thüringischen Wahlheimat. Klinke auf Cinch gab es aber schon vor Ian Simmonds. Live-Elektronik mit Trompete und Gesang wollen die beiden Hauptköpfe dahinter Clemens Kynast und Lutz Hartmann in neuen Einklang bringen. Angeblich verirrte sich Ian Simmonds dann irgendwann zufällig in den Klinke auf Cinch-Proberaum und war geflasht. Bislang gibt es ein Album, eine Vinyl-EP ist soeben erschienen.

Vom 23.10. – 01.11. begibt sich die Band auf eine selbst organisierte Tour durch Polen, die Tschechische Republik, Slowenien, Kroatien und Ungarn. Angesteuert werden dort Galerien, Bars und Clubs, gespielt wird ohne Gage. Das Projekt ist mehr als interkulturelles Projekt gedacht, bei dem die dortigen Szenen kennengelernt werden und neue Kontakte zwischen „altem “ und „neuem“ Europa geknüpft werden sollen.

„Wir wollen uns ansehen, wie Kultur in Osteuropa funktioniert, wie mit Leidenschaft und persönlichem Einsatz Projekte realisiert werden, die vollkommen ohne finanziellen Background auskommen, die nur vom Aktionismus der Menschen vor Ort leben“, heißt es in der Projektvorstellung. Durch Spenden wurde übrigens ein Tourbus organisiert, teilweise konnte auch eine kleine CD-Auflage darüber realisiert werden.

Die Tour startet in der Galerie KUB in Leipzig und läuft über:

23. OktoberLeipzig
24. OktoberPrag
25. OktoberBudapest
26. OktoberBudapest
28. OktoberBratislava
29. OktoberLjubljana
30. OktoberMaribor
31. OktoberBrno
01. NovemberJena

 

Analogsoul Website
Klinke auf Cinch Website

Visionäre Brüche

Die Oberfläche aufbrechen, so lässt sich der Labelname übersetzen. Und Brüche sind in der noch jungen Geschichte von Break The Surface tatsächlich ein prägendes Merkmal – interessant zum Erzählen sind sie obendrein.

Die Musikindustrie steckt schon seit Jahren im Wandel, die Prognosen zu deren Zukunft bleiben aber weiterhin uneindeutig. In den USA verkauft iTunes mehr Musik als Amazon, in Deutschland bleiben die CD-Verkäufe hingegen noch recht stabil, während es online nur langsam voran geht. Dass sich unser Alltag zunehmend digitalisiert, dürfte unbestreitbar sein. Dass ein Label aber konsequenterweise nur noch digital veröffentlicht, bleibt vorerst noch ungewöhnlich.

Break The Surface ist wahrscheinlich Leipzigs erstes Label, das seine EPs ausschließlich digital im MP3-Format vertreibt. Gestartet hat es Nick Totfalusi – als DJ Metasound kein unbekannter in Leipzig – im Frühjahr 2008. Die Entstehung und Entwicklung des Labels ist dabei erstaunlich nah mit seiner Person verbunden. Ein Label zu gründen, geisterte Nick schon länger im Hinterkopf, immerhin gab es in seinem Umfeld einige talentierte Producer, denen bislang aber eine Plattform fehlte. Für Vinyl-Pressungen reichte aber das Geld nicht.

MP3 versus Vinyl

Die Idee war jedoch stärker als der Kontostand und so wurde aus der Not eben ein Stück visionärer Aktionismus – Ausgerechnet mit einem Tonträger-Format, das für einen Vinyl-Liebhaber wie Nick bis vor wenigen Jahren keine Alternative war. Aber als damaliger Drum’n’Bass-DJ merkte er irgendwann, dass es immer weniger interessante Vinyl-Veröffentlichungen gab. „Die meisten Labels und Vertriebe gehen auf Nummer sicher. Dadurch entsteht ein gewisser Einheitsbrei. In vielen DJ-Sets hörte man aber spannende und innovative Tracks, die selten veröffentlicht wurden, weil sie eher experimentell waren“, schildert Nick seine Erfahrungen. Seit drei Jahren legt er selbst nur noch digital auf und so war der Schritt zum Digital-Label nicht weit. Break The Surface startete als Drum’n’Bass-Label – in einer Phase, in der für Nick dieses Genre immer mehr an Reiz verlor und er aus House und Techno mehr Inspiration und Freude ziehen konnte.

Bruch und Neustart

Ein Jahr nach dem Start dann die Zäsur: das Label konzentriert sich ausschließlich auf gerade Rhythmen. „Ich hatte schon kurz überlegt, ein neues Label zu gründen. Aber letztendlich passt der Bruch für mich sehr gut in das Label-Konzept. Ich finde es spannend, wenn man Entwicklungen authentisch aufzeigen kann“, so Nick. Mit Konventionen und Erwartungen brechen, eine Herangehensweise, die möglicherweise seiner Punk- und Hardcore-Sozialisation zuzuschreiben ist.

Im Fall von Break The Surface trifft das Unkonventionelle auch auf den Sound der Künstler zu – mehr oder weniger deutlich. Es sind nicht unbedingt die tighten, superfunktionalen Club-Tracks die von Leuten wie Efka, Okoli, Arsen1Computerklub sowie Metasound selbst kommen. Gerade der Berliner Arsen1Computerklub könnte als prototypisch für das Break The Surface-Spektrum angesehen werden: Sein Techno-Verständnis ist geprägt von allerlei musikalischen Querverweisen und dem Blick auf ungewöhnliche Sounds, ohne dass auf dem Dancefloor keiner mehr tanzen will. Nicht zu vertrackt, nicht zu glatt, so ließe es sich weiter verkürzen.

Verhaltene Medien und Web 2.0-Promo

„Für mich ist jetzt wichtig, bei der Auswahl der Tracks noch strenger zu werden“, so Nick. Und damit ist nicht unbedingt die Strenge eines Geschäftsführers gemeint, sondern eher der Anspruch und der Wunsch zu zeigen, dass digital veröffentlichte Musik genauso gut uns spannend sein kann, wie Tracks auf Vinyl. Bis auf die De:Bug tun sich die klassischen Musikmagazine noch schwer mit den Digital-Labels. Umso wichtiger ist die Promotion im Internet – in Foren, sozialen Netzwerken und bei den Download-Shops.

Im dreistelligen Bereich werden die Break The Surface-EPs momentan gekauft, Tendenz steigend, wie Nick betont. Über einen Vertrieb ist der Label-Katalog in vielen wichtigen Download-Shops gelistet. Tragischerweise nicht beim Primus Beatport. Tragisch daher, weil die ersten EPs sehr wohl bei Beatport angeboten wurden – Allerdings reichten die Verkäufe nicht aus, so dass sie wieder rausflogen. Jetzt wo Break The Surface sogar Feedbacks von Richie Hawtin, Laurent Garnier, Someone Else und anderen internationalen DJs bekommt, ist es ungleich schwerer, wieder von Beatport aufgenommen zu werden.

„Es ist alles noch in einer Experimentierphase, und trotzdem sehe ich Break The Surface als normales Label. Die Musik ist ebenso gut, die Arbeitsabläufe sind ähnlich“, sagt Nick. Noch muss drauf gezahlt werden, um eine Promo-Agentur zu engagieren, durch die Radio-Sender wie BBC oder eben Hawtin, Garnier & Co auf das Label aufmerksam werden – die ungezählten Stunden, die Nick aufbringt noch nicht einmal eingerechnet. Letztendlich funktioniert Break The Surface auchdank eines kleinen Netzwerks: Nick kümmert sich um die gesamte Organisation und künstlerische Linie, in Berlin sitzt ein Grafiker, der das Label visuell prägt, Con.struct mastert alle Tracks.

Für die Zukunft sind übrigens weitere Brüche möglich. Nick schließt nicht aus, irgendwann schon auch mal eine Vinyl-Platte zu veröffentlichen, wenn es finanziell möglich wird. Und er schließt auch nicht aus, in die derzeitige House-/Techno-Schiene überragende Drum’n’Bass-Tracks dazwischen zu grätschen, wenn sie ihn tatsächlich flashen sollten.

Break The Surface-Website
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Various Artists „Ortloff Zwei“ (Ortloff)

Ortloff meint es ernst. Die schöne erste Compilation auf rosa Vinyl sollte kein Einzelstück bleiben. Mit der zweiten Platte bleibt die Idee einer besonderen Leipziger Werkschau erhalten.

Irgendwie erschaffen Ortloff hier einfach richtige Liebhaberobjekte: Die Auswahl der Künstler und Tracks stimmt, das artifizielle Artwork und das blaue Vinyl lassen die Platte auch toll aussehen. Und alles made in Lindenau.

Diese zweite Ortloff gewinnt aber noch einmal besonders, weil es ihr gelingt, ungewohnte Seiten von eigentlich bekannten Künstlern zu präsentieren. Bis auf Mod.Civil, die scheinbar zu Residents der Ortloff-Reihe werden wurde das Line-up neu gemischt. Bereits auf dem Debüt war ein Track von den beiden enthalten. Ihr „Pongo Rescue“ klingt dabei erstaunlich verspielt. Einerseits sind da die scharf-rasselnden HiHats, andererseits ein Haufen verschiedener Chords, die allesamt etwas schräg klingen, teilweise wie von einem Banjo, teilweise wie von einer Kinderspieluhr. Mit Klamauk hat das nichts zu tun. Viel mehr schaffen es Mod.Civil ihre Deepness und ihren roughen Sound eine angenehm humorvolle Note zu verleihen.

Map.ache holt zur großen Schwärmerei aus, so wie er es auch schon bei „Carmella“ bei Kann Records machte. Zumindest sieht anfangs alles danach aus. Doch der trockene Beat deutet schon an, dass hier etwas anders ist. „The Fool“ wandelt sich nämlich zu einem herrlich tänzelnden Track mit metallisch schwingenden Streichern und einem schnatternden Sound. Toll ist der Moment, in dem der deepe Chord vom Anfang dieses Intermezzo wieder auffängt und beide Ebenen verschmelzen. Der beste Map.ache-Track bisher, wie ich finde.

Auf der B-Seite dann ein neuer Name: New World alias Markus Gebauer. Ziemlich krasse Eighties-Sounds pumpt der über einen einfachen Techno-Beat. Das volle Kontrastprogramm zur A-Seite und irgendwie nur in diesem Kontext auch zu ertragen. Im Prinzip bricht dieser Track ähnlich aus, wie Cheslo auf der ersten Ortloff. Eine ganze Platte mit beiden wäre wahrscheinlich zuviel. So punktuell ist es okay.

Mit Steffen Bennemann und seinem Dub-Projekt Koi wird die Platte dann noch einmal in einer ganz anderen Richtung geerdet – fernab vom Dancefloor. Spannend an „Home“ ist, dass Dub hier sehr abstrakt aufgegriffen wird. Der Track ist recht düster und sehr rhythmisch, wenn auch überhaupt nicht gerade und linear. Auf jeden Fall ist dies eine überraschend ambiente und avantgardistische Seite von Koi. Nach Map.ache mein Favorit.

50 Exemplare der Platte gibt es übrigens im roten Vinyl, exklusiv erhältlich bei Freezone Records.

Ortloff Website
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