Thomas Fröhlich & Swilen Oschatz „Stretchcat 01“ (Stretchcat)

Seit dem letzten Herbst geistert der Name Stretchcat herum, wieder ein neues Label aus Leipzig. Eingebettet ist der Newcomer allerdings in einem durchaus bekannten und versierten Umfeld.

Ein Blick zu Discogs verrät schnell, wer hinter Stretchcat steckt: Matthias Kretzschmar, Daniel Stefanik und Thomas Fröhlich. Und noch etwas steht da: Statik Entertainment ist das „Parent Label“ hinter Stretchcat.

Matthias Kretzschmar erklärt wie es zu dem neuen Label kam: „Stretchcat ist ein Sublabel von Statik Entertainment. Bei der Gründung des Labels war das aber nicht unbedingt ein entscheidender Aspekt. Ich wollte mit Daniel und Thomas etwas in der housigeren Richtung machen – Statik als ‚Mutter-Label’ kam erst hinzu, als wir auf Vertriebssuche waren. Als Ergebnis wird jedoch jetzt auf Statik Entertainment eher der technoidere Stuff releast – Stretchcat fungiert als ‚House’-Basis. Aber wie gesagt – die Entwicklung war da eher zufällig.“

Vor der Nummer 1 gab es auch eine 00 von Daniel Stefanik, angeblich mit nur 20 Kopien. Insofern ist die Platte von Thomas Fröhlich und Swilen Oschatz das erste offizielle Stretchcat-Lebenszeichen. Fröhlich hat seinen House-Ritterschlag schon auf Kann Records erhalten. Dort hat er mit seinem Bruder als Brotherhood „Memorial Smith“ veröffentlicht. Ein fast schon zu dreist imitiertes Chicago-House-Brett, dessen roher Energie sich aber kaum entziehen war.

Stretchcat 01 kommt in zwei Versionen. Auf der A-Seite als klar geschnittener Floorkiller, auf der B-Seite als deeper Downbeat-House-Hybrid. Zwei Seiten wie Tag und Nacht, zusammengehalten von einem mehr oder weniger aufdringlichen Preacher-Vocal, das besonders der A-Seite eine enorme Dynamik verleiht. Andererseits reißt es den Track mit dieser Intensität und Prägnanz auch sehr an sich, lässt ihm kaum Luft. Das wird am Ende des Tracks deutlich, wenn die Vocals wegbleiben. Interessant an dieser Version ist aber, wie runtergekühlt dieser House-Classic-Appeal ist.

Die B-Seite ist perkussiver, gedrosselter und dichter im Rhythmus. Überhaupt ist alles gedrosselt, deep und angenehm elegisch. Der Prediger predigt runtergepitcht und drängt sich dadurch weniger auf. Insgesamt klingt diese Version eigenwilliger und damit auch irgendwie ehrlicher. Für den Label-Einstand aber ein viel versprechendes Statement.

Thomas Fröhlich Myspace
Stretchcat Myspace

Poll Poll 2009

Das Jahr neigt sich dem Ende. Zeit zurückzublicken und zu fragen, welche Platte aus Leipzig am besten gefiel, welche Party am meisten rockte und was man sich im nächsten Jahr wünscht. Einige DJs und Producer aus dem frohfroh-Kosmos geben ihre persönlichen Antworten.


Filburt (Permanent Vacation, Mirau Musik, Liebe*Detail Spezial)

Leipzig-Platte des Jahres:
Praezisa Rapid 3000. Ich weiß leider nicht ob das dieses Jahr noch klappt – aber hot.

Leipzig-Party des Jahres:
John Roberts im Ortloff. Das beste Publikum ever.

Leipzig-Überraschung des Jahres:
Die Verlängerung der Kurt-Eisner-Straße.

Dein Leipzig-Wunsch für 2010:
Das alle so weiter machen.


Map.ache (Kann Records)

Leipzig-Platte des Jahres:
Alles von Gunnar (Kassem Mosse).

Leipzig-Party des Jahres:
Nachtdigital, Electric Weekender-Samstag mit Margaret Dygas und Redshape.

Leipzig-Überraschung des Jahres:
Keine.

Dein Leipzig-Wunsch für 2010:
Weiter so.



LXC (Alphacut Records)

Leipzig-Platte des Jahres:
Die Tapes EP auf Jahtari hat mich derbe geflasht. Jackson ist aber auch eine coole Sau, deswegen durfte er ja auch auf meinem Geburstag den geilen Scheiß mal in laut machen.

Leipzig-Party des Jahres:
Dickste Fete 2009 war ohne Frage die Bassmaessage im November! Großen Respekt an Leipzig, das macht Hoffnung! Dermaßen viel und gutes Publikum hatten wir zuletzt 2001 in der Feinkost – da wo jetzt der Aldi steht, schnüff…

Leipzig-Überraschung des Jahres:
Überraschung? Mich hat letztens überrascht, wie arrogant und realitätsfremd OBM Jung auf den sogenannten Hitschfeld-Brief reagiert hat.

Dein Leipzig-Wunsch für 2010:
Ich wünsche mir für 2010 mindestens eine neue Location, die stilistisch offen, gut organisiert und den Stadtvätern gegenüber clever agiert und mal wieder die ganzen rostigen Schuppen ordentlich durchrüttelt… Hehe, nichts gegen das was es schon gibt, aber frischer Wind wär der Hammer, vielleicht mal was im Osten? Yeah!


Daniel Stefanik (Oh!Yeah!, Freude am Tanzen)

Leipzig-Platte des Jahres:
Juno6 „My Name Is Schultz“ auf Freude am Tanzen.

Leipzig-Party des Jahres:
Chitlin‘ Circuit mit Mathias Kaden & Daniel Stefanik.

Leipzig-Überraschung des Jahres:
Zest – Vegetarisches Restaurant in Connewitz. Grandios!!!

Dein Leipzig-Wunsch für 2010:
Dass es ein erfolgreiches Jahr wird und wir alle ein Stückchen näher zusammen rücken.


Metasound (Break The Surface)

Leipzig-Platte des Jahres:
Juno 6 auf Oh Yeah.

Leipzig-Party des Jahres:
Klangwagon triftt Break The Surface/Gusto EP-Release-Party im Elipamanoke.

Leipzig-Überraschung des Jahres:
Ich kann jetzt ehrlich gesagt nichts benennen, was mich konkret überrascht hätte. Aber sehr spannend und bemerkenswert finde ich das was um Kann, Oh!Yeah!, Sven Tasnadi & Co. passiert. Vor allem die Releases von Juno6 auf Freude am Tanzen und Oh!Yeah! finde ich großartig.

Dein Leipzig-Wunsch für 2010:
Ich hoffe das es auch 2010 spannende Releases von Leipziger Künstlern und Labels geben wird, die in den Clubs für gute Stimmung sorgt. Und natürlich auch das sich für frohfroh viel Stoff zum Berichten ergeben wird.


Sven Tasnadi (Oh!Yeah!, Ornaments, Pokerflat Recordings, Cargo Edition)

Leipzig-Platte des Jahres:
Daniel Stefanik „Say It Loud“ auf Oh!Yeah!

Leipzig-Party des Jahres:
Chitlin‘ Circuit @ Distillery.

Leipzig-Überraschung des Jahres:
Ortloff

Dein Leipzig-Wunsch für 2010:
Leipzig-Special in der Groove oder auf der Slices.


Marko Fürstenberg (Ornaments, Rotary Cocktail Recordings)

Leipzig-Platte des Jahres:
Ornaments 008 – Rhauder feat. Paul St. Hilaire „No News“. Ist zwar kein Leipziger Label, jedoch kommen zwei Remixe von Leipzigern.

Leipzig-Party des Jahres:
Kann 1-Year B-Day @ Conne Island 28.11.2009. Vor allem Kettenkarussell live war herausragend.

Leipzig-Überraschung des Jahres:
Mod.Civil. Wobei das eigentlich keine Überaschung darstellt. Ansonsten noch die beiden Ortloff-Platten.

Dein Leipzig-Wunsch für 2010:
Das alle so weiter machen.


Gerrit von Mod.Civil (Ornaments, Ortloff, Rotary Cocktail Recordings)Leipzig-Platte des Jahres:
Ortloff 2 – keine Frage!

Leipzig-Party des Jahres:
Vitali Disko mit John Roberts im Ortloff.

Leipzig-Überraschung des Jahres:
Rene ist Vater.

Dein Leipzig-Wunsch für 2010:
Weiterhin tolle Abende mit guter Musik in guter Umgebung.

MZE / Unquote „Taorrizm“ / „Ugly Face Of War“ (Alphacut Records)

Seit zwei Wochen ist sie schon draußen, die Nummer 13. Und in der Serien-Dramaturgie befinden wir uns nun komplett auf dem dunklen Dancefloor. Zwei unmissverständliche Tracks wurden hier 100mal gepresst.

Die A-Seite präsentiert nach zwei Jahren Pause mal wieder einen MZE-Track. Der Leipziger gehört quasi zum Alphacut-Inventar. Sein „Taorrizm“ hat zwei Gesichter – einmal die unerbittlich zupackenden, schroffen Parts, dann aber auch längere Momente mit futuristisch-deepen bis darken Chords. Die Übergänge, wie hier zwischen den Welten geswitcht wird, sind dabei überaus spannend. Teilweise bleiben es harte Umbrüche, dann wird aber auch ganz behutsam das Schroffe vom Musikalischen durchdrungen.

Die B-Seite gehört schließlich dem Russen Unquote, der vor kurzem auch auf der Hospital-Compilation „Future Sound Of Russia“ vertreten war. „Ugly Face Of War“ ist natürlich ein ziemlich assoziativer Titel. Und man möchte unweigerlich die verstörend harten Bassdrums und die rasend schnell schellenden Percussions als Schüsse und Säbelrasseln interpretieren. Der Track ist kompakt, kommt sehr klar auf den Punkt. Und diese Überschaubarkeit macht ihn reizvoller als sein Gegenpart auf der A-Seite.

Alphacut Records Website
MZE Website
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Kleinschmager Audio „Baan Panburi EP“ (Dekadent Schallplatten)

Knapp 600 Einwohner hat Buhla, und ein Techno-Label – Dekadent Schallplatten. Bei dem westthüringischen Label ist nun auch Joern Kleinschmager mit einer mehr oder weniger subtil ravenden EP angekommen.

Buhla liegt im Eichsfeld und schaut man auf das Artist-Roster, fallen einige Überschneidungen mit den Berliner Labels Ornaments und Rotary Cocktail Recordings auf. Deren Betreiber stammen auch aus dem Eichsfeld und sie sind per Du mit Marko Fürstenberg und Mod.Civil. So lässt sich wahrscheinlich auch der Link zu Kleinschmager Audio ins Eichsfeld erklären.

Die neue EP von Joern Kleinschmager und Niklas Worgt – die erste seit ihrem Album in diesem Frühjahr – gibt sich erstaunlich nach vorn gewandt. „Cochlea“ schleicht sich sehr direkt an. Es ist ein Track, der einer Clubnacht zu einer Wendung verhelfen kann, der ein neues Level einläutet. Der Rave-Appeal ist eindeutig, bleibt aber insgesamt doch recht subtil. Am tollsten ist der Funk, der zwischen dem treibenden Chord und den Stakato-artigen Sounds aufkeimt und permanent die Spannung hält, die sich aber nie in einem Rave-Break entlädt. Wohl einer der bisher besten Kleinschmager-Tracks.

Im From Karaoke To Stardom Remix wird „Cochlea“ genau diese faszinierende Spannung entzogen. Stattdessen wirken die Chords aufgeblasen und die vielen Rave-Delays klingen nach Brandenburg. Warum dieser Rave?

„Rasananda“ ist klassischer im Kleinschmager Audio-Kosmos verortet. Die Arrangements sind superaufgeräumt, ein durchlaufender Track ohne Anfang und ohne Ende. In der Dramaturgie sehr toolig ausgerichtet mit einem reduziert-treibenden Grundgerüst und einigen eingestreuten Sounds. Solide, aber auch leider sehr konventionell im Minimal verankert.

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„Wir wollen schon anders klingen“ – Mod.Civil im Interview Part 1

Mod.Civil haben sich ohne Firlefanz zu einem der viel versprechendsten Leipziger Techno- und House-Acts gemausert. Wie sie sich Gerrit Behrens und René Wettig gefunden haben und zu Mod.Civil wurden, erklären sie im ersten Teil des frohfroh-Interviews.

In den Clubs geistern die Beiden schon länger als einer der weniger Leipziger Live-Acts rum. Mit Tracks auf den Berliner Labels Ornaments und Rotary Cocktail Recordings kommen sie allmählich auch überregional ins Gespräch. frohfroh traf Gerrit Behrens und René Wettig zum Interview.

Wie würdet ihr euch selbst definieren, was ist Mod.Civil überhaupt?

Gerrit: Also, Mod.Civil ist ein Musikprojekt, das René und ich ins Leben gerufen haben vor ungefähr drei Jahren. Wir haben uns im Plattenladen getroffen, wollten unbedingt Musik zusammen machen, weil wir festgestellt haben, das funzt irgendwie. Und der Name Mod.Civil, der ist auf irgendeiner Party geboren. Abgeleitet aus dem Code Civil, hab ich gedacht, dass Mod.Civil ganz schön klingt, weil es eben mit Modulation was zu tun hat, also die elektronische Musik.

Ihr habt euch ganz klassisch im Plattenladen kennengelernt, René, du bist nicht nur mit Mod.Civil als Produzent und Liveact unterwegs, sondern legst auch regelmäßig allein auf. Wie hat das denn angefangen bei dir mit dem DJing?

René: Das war in meiner Heimatstadt Erfurt. Mein Onkel, der grad mal anderthalb Jahre älter ist als ich, ist Orchesterleiter und sehr musikinteressiert. Er hat damals die aufkommende Clubmusik aufgegriffen und sich dann Plattenspieler gekauft und angefangen aufzulegen. Und das hat mich so inspiriert, dass ich dem nachgegangen bin.

Und dann hast du auch bald angefangen zu produzieren?

René: Das kam etwas später, zumindest ernsthaft. Also ich bin schon mal vor knapp zehn Jahren damit in Berührung gekommen, aber irgendwie hab ich nie den richtigen Zugang gefunden, obwohl ich schon über meinen damaligen Mitbewohner an viel Technik gekommen bin. Aber so richtig weit bin ich da nicht gekommen.

Bei dir Gerrit ist es genau andersherum: Du hast viel produziert, warst aber nie als DJ unterwegs?

Gerrit: Genau, nie. Ich bin zwar Clubgänger und geh schon seit Mitte der Neunziger weg, aber so richtig heiß wurde ich erst, als ich mal ein Musikprogramm in die Hände bekommen habe. Das heißt „Rebirth“, das war Ende der Neunziger und das hat so viele schöne Sounds gemacht von den Sounds, die ich auch schon aus den Clubs kannte. Und von da an, war es eigentlich um mich geschehen. Ich hab sehr viel über die Software selbst Zuhause rumgeschraubt.

Du hattest dann aber nicht den Drang diese Musik direkt wieder in die Clubs zu tragen?

Gerrit: Nein, den Drang hatte ich komischerweise nicht. Aber das hätte ich mich auch überhaupt nicht getraut damals.

Ihr seid ja zu zweit. Wie funktioniert denn eigentlich das Produzieren im Team? Gibt’s da eine bestimmte Arbeitsteilung, nach dem Motto René macht die Bassline und Gerrit macht die Hihat oder wie läuft das?

René: Also wir machen das momentan alles an einem Rechner, weil wir kein Studio oder Proberaum haben. Gerrit macht Skizzen, spielt Melodien, ich gebe meine Kommentare dazu ab, manchmal komm ich auch mit eigenen Sachen von meinem Rechner und die schmeißen wir dann zusammen. Und live funktioniert das dann so, dass wir quasi die halbfertigen mit den fertigen Sachen kombinieren.

Gerrit: Also, ich spiele meist wirklich die vorgefertigten Skizzen ab und deswegen ist es auch jedes Mal eine neues Liveset, weil es halt niemals gleich bleibt. Wir spielen einfach keine vorgefertigten Tracks, sondern arrangieren unsere Tracks jedes Mal neu und jedes Mal anders.

Ihr habt ja auch mal zusammen gewohnt. Wie kann man sich das vorstellen, war dann immer das eine Zimmer das, wo ihr die ganze Nacht an den Rechnern saßt um zu produzieren?

Gerrit: Ja, das ist auch eigentlich immer noch so. Das ist mein Zimmer, da gibt’s eine schöne große Ecke, das ist meine Produzentenecke. Da steht mein Schreibtisch mit allen Geräten und den Boxen.

Verfolgt ihr musikalisch eine gewisse Programmatik, also, dass ihr versucht eine bestimmte Stilistik zu entwickeln? Ich meine zum Beispiel, dass ihr anders klingen wollt als andere?

Renè: Wir wollen schon anders klingen.

Gerrit: Aber das ist nicht so einfach…

René: Also, uns wurde schon gesagt, wir hätten einen typischen Sound, so einen gewissen Trademark, wenn man das so bezeichnen möchte. Aber man legt es auch nicht bewusst drauf an, das irgendwie zu schaffen. Es passiert irgendwie doch, wahrscheinlich liegt das dann an den eigenen Vorlieben oder dem eigenen Geschmack halt.

Also passiert das eher automatisch?

Gerrit: Die Hörgewohnheiten fließen auf jeden Fall mit ein, das kann man gar nicht umgehen. Man ist immer angeregt von Dingen, die aktuell stattfinden oder von irgendwelchen alten Platten, irgendwelchen alten Sounds, die man ganz bewusst auch aufnimmt. Aber trotzdem mach ich mir darüber nicht sehr viele Gedanken, wenn ich einen Track produziere, dabei passiert ziemlich viel auch einfach so im Moment.

Es gibt auch oft so etwas wie Labelsounds, dass ähnlich klingende Musik von verschiedenen Künstlern auf demselben Label erscheint.

René: Ja, es gibt bestimmt Vorlieben der Labels. Nimmt man jetzt mal ein Leipziger Beispiel wie Kann Records, die haben sich schon sehr diesem deepen House-Sound verschrieben und das hört man dann auch in den Produktionen. Und ich glaube, das ist heute mehr denn je wichtig, sich abzugrenzen. Sowohl als Label als auch als Künstler.


Im zweiten Teil des Mod.Civil-Interviews beziehen Gerrit und René Stellung zu ihrem Trademark-Sound und erklären das Konzept Ortloff, einem Kunstraum, dem sie sich sehr verbunden fühlen.

Mod.Civil Myspace
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Markus Schatz „Drippin“ (Cargo Edition)

Ein neues Gesicht bei Cargo Edition, und zwar ein Urgestein der Berliner Techno- und House-Szene. Markus Schatz ist als DJ fast von Anfang dabei, seit fünf Jahren produziert er auch. Doch als Solo-Künstler emanzipiert er sich jetzt erst.

Bisher war Markus Schatz eher in Zusammenarbeit mit anderen Producern in Erscheinung getreten, mit Tom Clark von Highgrade Records beispielsweise. Als Solo-Act scheint er sich aber erst jetzt langsam vorzutasten. Insofern ist seine EP auf Cargo Edition ein weiterer Schritt dahin.

Die drei Tracks klingen wie eine Werkschau, über die Bandbreite, die Markus Schatz abdecken mag. „Drippin“ ist sehr extrovertiert und mit ein wenig spielerischem Glamour und Oldschool-Appeal verziert. „Flippin“ ist dagegen ordentlich auf die Mütze – sehr reduziert in seinen Elementen, mit einem massiv rollenden Bass und auf ungewohnt deutliche Weise maskulin und körperlich.

„Restart“ kehrt dann noch die deepe Seite von Markus Schatz heraus, es ist der angenehmste und ausgeglichenste Track dieser EP. Alles ist sehr funktional und klar. Cargo Edition ist von seinem ursprünglich intendierten Weg der Experimentierfreude etwas abgekommen, wie es scheint. Nachvollziehbar und schade zugleich.

Markus Schatz Myspace
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Soom T „Dirty Money EP“ (Jahtari)

Der Promotext behauptet frech, es handele sich um den besten Jahtari-Tanzhit seit Jahren: Dirty Money heißt es von einem tighten Mädchen aus Glasgow, Soom T.

Kein Wunder, dass Jahtari die eigene Veröffentlichung so abfeiert, allein die Veröffentlichung einer Soom T-Platte auf dem Leipziger Label ist schon etwas Besonderes. Die Glasgower MC ist mit über 40 Veröffentlichungen und Kollaborationen mit u. a. Miss Kittin, T. Raumschmiere und The Bug stilübergreifend bekannt geworden. Zuletzt war Soom T viel mit Disrupt bei gemeinsamen Auftritten unterwegs. So kam sie letztlich zu Jahtari und Jahtari zur Dirty Money EP.

Der Titeltrack haut gleich ziemlich rein: Verzerrter Bass in voller Lautstärke, darüber ein Soundsample wie aus Super Mario – „Dirty Money“ klingt wie Crystal Castles nach dem Konsum einer Tonne Gras. Dabei sind die Vocals allerdings so tragend, dass sie nicht nur eine durchdringende Melodie, sondern auch erhebliche Anziehungs- und Tanzkraft entwickeln.

Herausragend ist der Text: Darin weigert sich Soom T nachdrücklich für dreckiges Geld zu arbeiten und greift die Dienstleistungsgesellschaft der großen Ketten, den Kapitalismus, ja, eigentlich gleich das ganze System an. Eine gesellschaftskritische Haltung, die in der Clubkultur eigentlich viel zu selten ist, es bleibt allerdings fragwürdig, bei wie vielen Tanzwütigen diese kritische Haltung überhaupt ankommt.

Der zweite Track „Doobie Dee Doo“ legt erheblich weniger Wert auf den Text, dafür hebt er das Tempo erheblich an, Gesang und Gitarrensample steigern das Reggae-Feeling. Ein Gefühl, das im dritten Stück „Survivor“ sogar noch verstärkt wird, vor allem durch das abwechslungsreiche Bassspiel und die Tempoverminderung.

Die Disrupt Versions von „Dirty Money“ und „Doobie Dee Doo“ gehen beide auf eine ganz ähnliche Weise vor: Vocals weg, dafür die Basslastigkeit nochmals konsequent verstärkt. Dadurch werden beide Tracks dubbiger, aber auch eintöniger.

Die „Dirty Money EP“ zeigt in typischer Jahtari-Manier einen möglichen Weg, Dub und Reggae neue Einflüsse zu vermitteln: Vor allem die durchgreifenden und verzerrten Elemente des New Rave sind überpräsent, das macht die Sache tanzbar, leider aber auch etwas nervig.

Soom T Facebook
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Analog-digitaler Advent

Es ist Advent. Und schon seit drei Tagen werden Adventskalender geöffnet. Schokolade für die Ohren und Festplatten bietet Analogsoul in diesem Jahr. Das Label veröffentlicht jeden Tag ein neues Stück von Labelkünstlern oder Freunden.

Mit insgesamt 24 Stücken wird aus dieser Serie am Schluss eine beachtliche Compilation, stilistisch offen und sicherlich immer einen annehmen Tick neben der herkömmlichen Spur, so wie wir es von Analogsoul kennen. Wer das Label also bisher nicht im Blick hatte, kriegt nun einen Monat das volle Programm zum Eintauchen. Los ging es mit Stücken von A Forest, Clannisch und Tim Schmidt.

Viel Spaß beim Türchenöffnen.

Analogsoul Adventskalender

Limousine Rot „Stadtwechsel“ (Tetmusik)

Polarisieren, ohne dass es zur Plattitüde verkommt. Kein leichtes Unterfangen. Dem Duo Limousine Rot gelingt das Polarisieren auf hohem und durchaus unprätentiösem Niveau.

Im Club mit Lyrik anzufangen, noch dazu deutschsprachiger, dürfte eine Menge Skepsis hervorrufen – an allen Fronten. Zu unpassend, zu pathetisch, zu überambitioniert. Tech und Puma von Limousine Rot klingen mit ihren Tracks aber keineswegs so, als wollten sie sich mit allen Mitteln gegen die musikalischen und clubkulturellen Konventionen aufbäumen. In fast naiver Unbeirrtheit und Gelassenheit nehmen sie das Wagnis einfach auf sich.

Schon mit ihrer Vorgängerband Süßwasserpolypen waren sie auf dünnem Eis unterwegs. Limousine Rot ist noch eine Spur geradliniger, musikalisch geerdet im düster gehaltenen Tech-House, angereichert um einige Electro- und Rave-Querverweise. Allein dies böte genug Stoff zum Polarisieren. Denn puristisch wird hier nicht mit Genres umgegangen. Erstaunlich ist in jedem Fall aber die Versiertheit in den Arrangements und Sounds, auch wenn manches hölzern und zu ravig klingt.

Pumas Gesang und seine Texte werden definitiv mehr spalten. Es ist leider auch nicht leicht mit deutscher Sprache lässig zu wirken. Jedes Wort steht bedeutungsschwer im Raum, bekommt eine herausgehobene Präsenz mit scharfen Kanten. Hinzu kommt, dass Puma keine süß-melancholische Lyrik raussäuselt, es ist trotz der einfachen Sprache vertrackt-kritisch, ebenso eingedunkelt und unterkühlt vorgetragen wie die Musik.

Was macht Limousine Rot aber so anziehend? Die Konsequenz mit der sie vorgehen und sich allen Szene-No-Gos lossagen. Und letztendlich auch die Eingängigkeit ihrer Tracks. Es steckt viel Pop-Appeal und Musikalität in den Stücken der dritten EP „Stadtwechsel“, die zwischen verschiedenen Städten entstanden und die digital sowie auf CD-R veröffentlicht wird. Und dass übrigens bei Tetmusik, einem jungen Digital-Label aus Leipzig, das stilistisch auch offen in Richtung Indie scheint. Ein Stück der EP gibt es auf der Limousine Rot-Website übrigens zum freien Download.

Limousine Rot Website
Tetmusik Website

„Es ist ein bisschen outstanding“

Seit zwei Jahren machen Good Guy Mikesh und Filburt gemeinsame Sache. Dass dies durchaus viel versprechend ist, zeigen die drei EPs allein in diesem Jahr. Im großen frohfroh-Interview erzählen sie von der gegenseitigen Horizonterweiterung, den Kontakten zu guten Labels und von ihren ersten Live-Erfahrungen.

Als im Herbst 2008 „Hypopoint“, der erste Track von Good Guy Mikesh und Filburt erschien, war dies schon eine kleine Überraschung. Mikesh trat bisher als Ein-Mann-Pop-Elektro-Soul-Band auf, Filburt alias Steffen Friedrich ist als DJ in den Leipziger Clubs in ganz verschiedenen Genres unterwegs. Nebenbei betreibt er seit ein paar Jahren den Freezone Plattenladen. Vor gut zwei Jahren trafen sie aufeinander und beschlossen ab und an gemeinsam Tracks zu produzieren. Und es scheint aufzugehen: allein in diesem Jahr erschienen drei EPs auf bekannten Labels. Wie alles dazu kam, erzählen sie selbst.

Wie habt ihr euch gefunden?

Filburt: Das ging schon über die Musik. Das erste Mal hatte ich Mikesh bei einem Konzert im Ilses Erika wahrgenommen. Das war die Record Release Party zu seiner ersten EP. Und darüber sind wir ins Gespräch gekommen.

Mikesh: Obwohl du vorher schon einmal in meiner Wohnung warst, um einen Stuhl zu holen.

Filburt: Ich hatte später auch eine Veranstaltung in Dessau organisiert. Ich hatte damals noch mit Smooth Pilots aufgelegt und Micha hat live gespielt. Naja, und da hatten wir überlegt mal was zusammen zu machen.

Mikesh: Wobei Filburt am Anfang eher die Vision dafür hatte. Ich habe das so aus Neugier gemacht.

Ihr kommt musikalisch beide aus eher konträren Richtungen. Wo habt ihr den gemeinsamen Nenner gesehen?

Filburt: Ich fand die Stimme einfach interessant und auch diese Musikalität. Ich war damals von dieser ganzen Minimal-Ära abgenervt und habe nach etwas anderem gesucht. Deswegen fand ich das erstmal interessant.

Michael, wie war das für dich, plötzlich in die Club-Musik einzutauchen. Musstest du dich erst überzeugen lassen?

Mikesh: Auf jeden Fall. Ich kam erst überhaupt nicht klar mit Stücken, die länger als dreieinhalb Minuten sind. Allein dieser Mix-Vorlauf, den man eigentlich mit einplant, war für mich überflüssiger Anhang. Am Anfang habe ich das auch immer nicht so richtig glauben wollen. Wenn wir Stücke gemacht hatten, Filburt sie aufgelegt hat und meinte, dass es voll abging, dann hieß es von mir eher: garantiert nicht.

Einmal gab es dann aber den Moment, in dem wir eines unserer Stücke im Conne Island getestet hatten und genau dieses Stück war es dann, was die Party umgerissen hat. Da habe ich plötzlich gemerkt, dass es ja funktioniert. Ich wusste eigentlich schon vorher, dass Filburt weiß wovon er redet, aber dies hatte für mich einen echten Überzeugungseffekt.

Clubmusik hatte dich privat bisher auch nicht allzu sehr interessiert, oder?

Mikesh: Ich bin eigentlich ein Poppertyp. Und ich hab auch meine Musik so ausgerichtet. Das war ein typisches Pop-Format mit Strophe und Refrain. Manchmal war vielleicht auch mal was Ausgefallenes dabei, aber sonst war das einfach schon durch die Songlänge auf drei bis vier Minuten begrenzt. Und jetzt ist es so, dass sich die Sachen, die ich mit Filburt mache, auch auf meine aktuellen Solo-Stücke auswirken. Ich nehme mir jetzt viel mehr Zeit, um die Sachen auszufüllen. Das sehe wirklich als Bereicherung an, weil ich viele Sachen erkenne, die ich vorher nicht gesehen habe, wo ich wahrscheinlich zu borniert war, weil ich unbedingt Popsongs machen wollte. Das eigentliche Wesen habe ich da beiseite geschoben, um ein bestimmtes Format zu bedienen.

Filburt, und wie kommst du mit dem Pop-Einfluss von Mikesh klar?

Filburt: Ja, ganz gut. Die ursprüngliche House-Musik hat ja immer auch so eine Pop-Ebene drin gehabt, deswegen bin ich da wohl auch darauf angesprungen. Sonst wäre das ja von vornherein gar nicht interessant gewesen.

Mikesh: Es gibt aber immer noch Sachen, bei denen er nicht mitgeht.

Filburt: Aber das ist ja ganz normal. Ich glaube, es sind eingängige Melodien, die sich immer wieder finden, das macht es dann auch aus. Wir sind jetzt vielleicht nicht die Masters in den perfektesten Grooves, denen es um einen Beat geht, der wirklich alle umhaut. Wenn du jetzt aber einen Track machst, bei dem du etwas immer wieder findest, dann ist man schnell wieder beim Pop-Format. Und das gibt es in der Clubmusik immer wieder.

Ihr steht mit eurem Sound ja schon sehr für euch innerhalb von dem, was gerade in Leipzig passiert. Disco ist hier kein so großes Thema, oder?

Filburt: Na, es gibt schon ein paar Leute, die Interesse daran haben. New World zum Beispiel von der letzten Ortloff-Platte. Überhaupt, das ganze Ortloff-Umfeld ist da ziemlich offen. Aber es stimmt schon, gerade ist das wohl ein bisschen outstanding.

Was begeistert euch an dieser Art von Sound?

Mikesh: Die Stimmung, das Lebensgefühl, was darin steckt ist einfach positiv. Mancher könnte auch sagen, es sei oberflächlich, aber auf der anderen Seite denke ich, dass ganz grundlegende Bedürfnisse nach einer gewissen Leichtigkeit in dieser Musik liegen. Genauso kann man damit aber auch andere Facetten abdecken, auch mal was Melancholisches oder sogar Provozierendes. Ich denke auch, dass die Ausdrucksformen dieser Musik größer sind, als wenn ich mich jetzt auf einen Techno- oder Minimal-Trip begebe – zumindest aus meinem Background heraus. Ich persönlich kann mich mit solcher Musik besser ausdrücken als mit einem monotoneren Stil.

Und wie schätzt ihr ganz generell das ein, was gerade mit Disco passiert?

Filburt: Es gibt auf alle Fälle noch spannende Sachen. Was gerade sehr bemerkbar ist, ist diese Edit-Flut. Also dass seit geraumer Zeit immer wieder Originale aufgegriffen und daraus Edits gemacht werden. Das zeigt ja auch den Stand dieser Musik, die nun auch schon über 30 Jahre existiert. Spannend an den Edits ist, dass sie oft zeitintensiv produziert werden und auch soundmäßig gut in die Zeit reinpassen.

Mikesh: Es zeigt aber auch, dass es eigentlich immer da war. Das ist vielleicht so eine Szene, die immer mal nach oben quillt und wieder vergessen wird. Es ist eigentlich ein Zeichen, dass es ein gewisses Bedürfnis gibt, diese Musik wieder zu haben. Es wird bestimmt wieder mehr Leute geben, die sich dafür begeistern können.

Ihr seid da jetzt also auch in einem günstigen Zeitfenster.

Filburt: Ich denke schon. Man muss halt gucken, wie weit sich das noch hoch spinnt oder ob es nicht irgendwann einen Overkill gibt, wo die Leute dann sagen: Oh, da habe ich jetzt keine Lust mehr drauf. Es gibt ja aber immer neue Strömungen, entwickelt sich weiter. Es gibt aber auch Acts, die wieder hochkommen. The Revenge, John Daly oder Mark E zum Beispiel, alles Leute, die für so einen Sound stehen. Ich würde aber auch nicht sagen, dass wir nur Disco machen.

Mikesh: Auf jeden Fall nicht. Die erste Platte „Hypnopoint“ war ein ganz anderer Stiefel, es war auch ein bisschen ein Experiment. Aber der Remix für Coma geht ja auch noch einmal in eine ganz andere Richtung.

Filburt: Die Liebe*Detail-Platte geht auch noch einmal in eine andere Richtung als die auf Mirau.

Der Disco-Fokus ist also gar nicht so stark?

Filburt: Ich denke er spiegelt sich immer wieder.

Mikesh: Es ist kein Dogma. Ich glaube wir treffen uns und fangen an etwas zu machen und erkennen dann, ob es gut ist – unabhängig davon, was für einen Stil es bedient. Am Anfang dachten wir, was machen wir nur. Die Sachen sind alle so unterschiedlich. Aber dann haben wir aber festgestellt, dass genau das uns eigentlich ausmacht. Dass wir zwar unterschiedliche Stile bedienen, eine Handschrift aber immer erkennbar ist. Ich sehe da auch kein Problem, dass so beizubehalten. Wenn vielleicht noch einmal ein größeres Projekt käme, ein Album eventuell, dann wäre es auch interessant genau diese Bandbreite zu zeigen und trotzdem einen Zusammenhalt zu haben.

Gerade bei den „Cleaning Up“-Tracks habe ich ganz oft so eine Oldschool- und Krautrock-Ästhetik herausgehört – mit so einem Improvisationsgeist. Entstehen viele Stücke aus der Improvisation heraus?

Filburt: Das liegt wohl an dem neuen Synthesizer – leider nur ein Software-Plug-in – der extrem viel Space gibt und mit dem man sich wahrscheinlich auch monatelang im Soundforschen verlieren kann, der aber verschiedene Facetten sehr schnell verändern kann.

Mikesh: Der hat schon eine Ästhetik, die uns anspricht. Man findet sehr leicht Klänge und es macht einfach Spaß damit umzugehen. Aber das ist wirklich nur ein Aspekt, was das angeht. Es ist schon eine Art Jamming was wir machen. Wir haben auch festgestellt, dass immer dann es verkrampft geworden ist, wenn wir angefangen hatten etwas zu konzipieren. Und seitdem arbeiten wir konsequent im Jamming.

Ich denke, man hört den Stücken auch an, dass sie roh wirken. Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir es nicht anders könnten, sondern dass wir es nicht anders wollen. Es macht wenig Sinn noch drei Wochen an Stücken zu arbeiten, bis sie einen gewissen Perfektionsgrad erreicht haben, weil sie dann eben ihren Charme verlieren. Wie das vielleicht in ein zwei Jahren aussieht, ist noch eine andere Frage, aber momentan ist dieses Rohe und Kantige genau das, was wir haben wollen.

Und wo ist dann der Punkt, an dem ihr sagt, jetzt ist ein Stück fertig?

Filburt: Meist spielen wir es erstmal. Die Wirkung, die es beim Produzieren hat ist ja eine ganz andere als im Club und man die direkte Reaktion sieht. Man hat da auch ein anderes Soundgefühl und merkt, dass hier und da noch was geändert werden kann. Aber meist dreht es sich nur um Kleinigkeiten. Wir versuchen schon, uns nicht ewig daran aufzuhalten.

Gibt es denn eine klare Rollenverteilung bei euch?

Mikesh: Filburt ist derjenige, der das Gefühl für den Club und für die Sounds mitbringt. Ich bringe mich hauptsächlich mit den musikalischen Skills ein, also den Erfahrungen, die ich aus den vielen Jahren des Musikmachens und in Bands spielen gesammelt habe. Ich weiß halt bei bestimmten Dingen, wie man sie anpacken muss, um ein musikalisches Ziel zu erreichen oder was für Soundgefüge mit bestimmten Klangeinstellungen zu realisieren ist.
Aber man kann das schon gleichberechtigt betrachten, weil das sind jeweils Felder, die der andere mit seinem Know-How abdecken kann. Ein Zeichen dafür, dass es so funktionieren muss ist, dass sich erst nachdem wir uns auf all unseren Gebieten gefunden haben, die wir uns vorgenommen haben, eine gewisse Art von Erfolg eingestellt hat. Ich glaube, erst die Ergänzung von uns beiden hat dazu geführt, dass sich unser beider Horizont erweitert hat, und gleichzeitig aber auch das Produkt, was durch uns beide geformt wird, auch eine Qualität erreicht hat, die es erfolgreich machen könnte.

Filburt: Das klingt vielleicht etwas komisch, aber in den heutigen Tagen der Musikdepression finde ich es schon erstaunlich, dass wir es geschafft haben innerhalb von einem Jahr vier Releases auf vier guten Labels platzieren zu können. Also Leute zu finden, die Bock darauf haben und sagen: Wir machen das jetzt, wir nehmen das Risiko auf und das Geld in die Hand, weil wir die Sachen gut finden. Das finde ich gar nicht mehr so selbstverständlich, weil mittlerweile fast nur versucht wird auf Sicherheit zu gehen. Zum Beispiel Permanent Vacation haben: Ok, ihr macht eine eigene EP, wir bringen jetzt keinen XY für einen Remix.

Und es hat funktioniert.

Mikesh: Ja. Das war bei Mirau eigentlich genauso erstaunlich, dass die gleich drei Stücke, die in einer Woche entstanden sind, geholt haben und das als ein Werk aus einer Feder gebracht haben.

Filburt: Da hieß es nicht: Das lassen wir jetzt weg. Oder dass sie sich die vermeintliche Perle herausgepickt haben.

Michael, bei deinen Solo-Stücken ist deine Präsenz – sowohl auf Platte als auch auf der Bühne – ja sehr stark. Wie ist es nun für dich, einmal im Hintergrund zu bleiben?

Mikesh: Das ist natürlich eine ganz andere Präsentationsform. Für mich ist das aber kein Problem, weil ich weiß, was ich für diese Musik abliefere. Live ist es eben ein anderes Konzept: Zwei Akteure, die einfach die Musik vortragen. Jeder in dem, was er am besten kann. Das Solo-Projekt bekommt auch gerade mehr einen Band-Charakter, weil es auch dort Leute gibt, die live mit performen. Das wird vielleicht nicht die klassische Band repräsentieren, aber es wird so ein Band-Gefühl dabei geben. Ich finde es aber gut, dass es genau diesen Ausgleich gibt.

Ich habe auch festgestellt, dass es mir seitdem wir zusammenarbeiten viel leichter fällt einen viel spezielleren Stil für das Solo-Projekt auszuarbeiten, weil ich gar nicht mehr gezwungen bin bestimmte Facetten aufzuzeigen. Ich arbeite jetzt an einem Solo-Album und habe konsequent ein relativ ruhiges, spaciges Album gemacht, was in eine krasse Achtziger-Richtung geht. Früher hätte ich gedacht, ich muss jetzt noch bestimmte Aspekte reinbringen, um da ein rundes Album daraus zu machen, um zu beweisen, dass ich es kann. Jetzt ist es aber okay: Mit Filburt mache ich hier die Club-Tracks, die Party machen und bei den anderen Projekten kann ich mir einen viel konkreteren roten Faden spannen durch das, was mir gerade durch den Kopf geht, was ich in mir habe.

Noch einmal zu „Someone Told Me“. Das Stück hat ja schon ziemliche Wellen geschlagen. Gab es da direkt Dinge, die sich daraus ergeben haben?

Filburt: Ich glaube, es arbeitet noch.

Mikesh: Wahrnehmung, also die ist jetzt nicht riesig, aber wir merken eben, dass wenn eine neue Platte kommt, dass die in verschiedenen Radiosendungen läuft, dass die in DJ-Playlists auftaucht oder in Blogs angepriesen wird. Das wird auch immer mehr. Je mehr Veröffentlichungen wir machen, umso mehr stolpern die Leute darüber und fügen das Puzzle zusammen. Das drückt sich dann für uns in einer gewissen Vereinheitlichung der Wahrnehmung aus.

Bisher sind alle Platten auf verschiedenen Labels herausgekommen. Ist das so, wie ihr euch das wünscht, oder würdet ihr lieber exklusiv mit einem Label zusammenarbeiten?

Filburt: Manchmal wäre es vielleicht schon gut, mit einem Label exklusiv zu arbeiten, aber da kann es eben passieren, dass man lange Wartezeiten bei der Veröffentlichung in Kauf nehmen muss.

Mikesh: Ich finde auch die Verteilung besser. Das hat einen gewissen Charme, weil man weiß, dass man genau in verschiedenen Szenen aufgenommen wird. Wenn wir uns auf ein Label festlegen würden, dann könnte man davon ausgehen, dass das eine bestimmte Crowd von Leuten gibt, die die Musik von diesem Label hören und für das, was nebenbei noch läuft, interessieren sie sich vielleicht gar nicht mehr, oder sie bekommen es nicht mit.

Filburt: Die Liebe*Detail Spezial-Platte wird für das Label auch herausfallen von den bisherigen Releases.

Mikesh: Das ist auch die Nummer 13, ist das nicht super?

Filburt: Aber die waren immer sehr funktional und wir bedienen ja ein ganz anderes Schema. Ich bin total gespannt, was da jetzt für Reaktionen kommen. Ob es da viele geben wird, die damit nichts anfangen können, weil sie es von dem Label nicht erwartet hätten. Der Streufaktor ist aber natürlich viel interessanter.

Wie kam eigentlich der Kontakt zu den Labels?

Filburt: Bei Permanent Vacation war es ein Traumzustand. Ich kenne diesen Benji schon seit einigen Jahren. Ich war für einen Auftritt von Ben Mono – ein Freund von ihm – Support-DJ und da hatte er gerade die erste Platte des Labels raus gebracht und darüber sind wir ins Gespräch gekommen. Und als das Label dann einen schönen Stock zusammengetragen hatte, habe ich ihn zur Midi eingeladen. Die hatten auch zugesagt, das sind nette Jungs und da habe ich „Someone Told Me“ auf CD gespielt und er fragte sofort, was das sei. Und er meinte dann: Ja, die CD hätte ich jetzt ganz gerne mitgenommen. Am nächsten Tag sagte er dann noch, dass er es seinem Kumpel vorspielen möchte. Dadurch ist der erste Kontakt entstanden.
Bei Liebe*Detail ist es über Myspace entstanden, was ich nie für möglich gehalten hätte, dass ein Myspace-Link überhaupt wahrgenommen wird.

Mikesh: Aber auch da war es ein richtiger Glückszufall. Denn die haben das erst nach Monaten zufällig wieder auf ihrem MP3-Player wieder gefunden.

Filburt: Bei Mirau war es so, dass wir ein richtiges Demo rausgeschickt haben. So wie wir es jetzt eigentlich immer machen, also richtig auf CD brennen und rausschicken.

Mikesh: Da haben sich ja dann gleich vier gute Labels gemeldet, die es haben wollten.

Filburt: Ja, aber Mirau waren eben die ersten.

Sind denn schon weitere Releases geplant über die Liebe*Detail hinaus?

Filburt: Es gibt Projekte, die anstehen, aber die sind noch nicht sicher.

Mikesh: Es gibt schon Abnehmer, die Stuff haben wollen. Aber wir haben uns so überlegt, dass es eigentlich toll wäre mal was Zusammenhängendes zu machen. EP oder Album, aber das ist noch nicht so richtig fest. Ich hätte schon Bock darauf, aber da muss man ja ein wenig Zeit mitbringen und ein bisschen konsequenter arbeiten, was die Sounds angeht. Ich denke aber, dass wäre ein guter Zeitpunkt, um das jetzt zu beginnen.

Wie oft trefft ihr euch eigentlich generell zusammen zum Produzieren?

Filburt: Zu wenig.

Mikesh: Nö, jetzt gerade vielleicht. Ich bin jetzt dabei mein Solo-Album vorzubereiten. Das steht vor der Produktion, da hat sich ein Label gefunden. Das will ich jetzt erstmal durchziehen. Deswegen passiert jetzt nicht so viel auf der Schiene.

Filburt: Wir treffen uns schon regelmäßig, aber es gibt keine festen Zeiten.

Mikesh: Aber es gab schon Zeiten, da haben wir uns jede Woche ein zweimal getroffen.

Filburt: Ja, aber dann haben wir eben auch mal zwei Monate nichts gemacht haben. Man hat ja trotzdem miteinander zu tun und es gibt auch drumherum viel zu tun. Das ist auch okay. Ich finde manchmal, dass es den Kreativprozess viel einfacher macht. Die Mirau-Tracks sind an zwei Tagen entstanden, davor war lange nichts passiert.

Mikesh: Man muss manchmal auch ein bisschen Gras über Sachen wachsen lassen, um nicht genau wieder das gleiche zu machen, was man vorher gemacht hat. Einfach, um wieder auf einen anderen Trichter zu kommen oder neue Einflüsse einzubringen. Ein paar Wochen haben wir uns dann eben nicht gesehen. Aber wenn wir uns dann getroffen hatten, dann waren gleich zwei Stücke fertig, die wir wahrscheinlich eine Woche später weggeschickt haben. Es besteht ja auch kein Lieferzwang. Wir müssen jetzt kein Soll erfüllen. Das gibt uns eine gewisse Freiheit und Leichtigkeit, mit der wir da ran gehen können.

Ihr tretet nur live auf, Filburt, das müsste für dich als DJ wiederum ja Neuland sein.

Filburt: Nee, das ist ja ein Hybrid. Wir haben einen fertigen Mix und bringen noch weitere Elemente mit ein. Das ist natürlich immer erweiterbar, wo man auch Live-Instrumente mit reinnehmen kann. Wir hatten auch schon einen Gig mit Bassisten und einem zusätzlichen Sänger. Es bleibt aber schon so, dass wir auch unabhängig von all dem arbeiten können, also auch in einer Zweier-Besetzung.

Mikesh: Filburt macht das, was er eh am liebsten macht: Er legt Platten auf und mixt die ineinander – nur mit unseren Stücken allerdings. Ich stehe mit dem Keyboard da und singe. Mein Lieblingsinstrument ist gerade das Tamburin.

Filburt: Wir haben lange überlegt, ob wir überhaupt live auftreten. Wir fanden es total unspektakulär nur mit Ableton und irgendwelchen Clips zu arbeiten. Am Ende sind es bei uns zwar auch viele Playbacks, aber schon in einer freieren Form.

Mikesh: Wir sagen auch nicht, dass die anderen schlechter sind als wir. Wir haben uns Weg eben so gefunden.

Michael für dich ist diese Club-Situation bestimmt neu für einen Live-Auftritt. Bisher bist du eher im herkömmlichen Konzert-Kontext aufgetreten.

Mikesh: Auf jeden Fall. Ich habe auch komplett meine Präsenz überdacht. Früher dachte ich, ständig liefern zu müssen, weiß aber mittlerweile, dass auch die Musik für sich stehen kann. Früher habe ich gedacht, ich müsste singen und singen und singen. So als müsste ich mich im Singen noch übertrumpfen. Aber mittlerweile ist mir klar, dass es das gar nicht braucht. Es kommt eher darauf an, im richtigen Moment das richtige zu tun und sich auch einmal zurück zu nehmen. Das hat sich auch auf das Solo-Projekt ausgewirkt.

Das Booking mach Riotvan. Wie kam das denn?

Mikesh: Wir haben gedacht, dass Riotvan das doch einmal tun sollte. Und Riotvan dachte dann, ja, das probieren wir mal.

Filburt: Ich fand die immer recht frisch. Die sind zwar auch ganz schön auf New Rave abgefahren – eine Musik mit der ich mich gar nicht identifizieren kann – aber trotzdem haben die einfach so eine Frische mitgebracht. In die anderen Booking-Agenturen hier haben wir mit unserem Sound auch gar nicht reingepasst. Riotvan waren diejenigen, die uns in Leipzig als erstes Aufmerksamkeit geschenkt haben und uns die Möglichkeit gaben den Live-Act auszuprobieren.

Das ist ja im Prinzip eine neue Generation an Party- und Clubkultur, die Riotvan da mitprägen.

Mikesh: Ja, das ist auch gut, weil man dadurch das Ganze eigentlich wieder zusammenführt. Man könnte sagen: Es gab die jungen Leute in Leipzig, die gefeiert haben und von den älteren ein wenig belächelt wurden und genauso andersherum. Jetzt wird da eine Brücke geschlagen. Und dadurch, dass wir mit Riotvan zu tun haben, ergeben sich auch noch einmal ganz andere Brücken aus anderen Bereichen.

Filburt: Das gibt uns ja auch neue Impulse. Es ist immer schwierig, wenn man merkt, dass man den Anschluss verpasst. Andererseits gibt es gewisse Sachen, auf die habe ich keine Lust mich einzulassen, weil icg das schon vor zehn Jahren scheiße fand. Ich finde es für die eigene musikalische Entwicklung aber wichtig, sich nicht immer zu versperren und seinen alten Idolen hinterherzuhängen.

Ihr seid ja aus deren Sicht wahrscheinlich die Rave-Opas, oder?

Mikesh: Wir denken, die wissen gar nicht, wie alt wir sind. Die fallen immer um, wenn sie hören, wie alt wir sind. Es sind ja aber nicht nur wir, die der Sache etwas entnehmen können. Ich denke, es geht auch andersherum so. Wir sagen zwar nicht, ihr müsst das jetzt so und so machen, aber wir merken eben doch, wie man sich treffen kann.

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7 Tage wach

Die Zukunft von Radio Blau ist weiterhin ungewiss, aber das Freie Radio von Leipzig steht kurz vor dem Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde – mit einem einwöchigen DJ-Marathon. Los geht es heute um 18 Uhr.

Die Lage der drei Freien Radios in Sachsen bleibt weiterhin prekär und offen, doch die Sächsische Landesmedienanstalt scheint alles aussitzen zu wollen. Mit einem ambitionierten Umgang mit alternativer Radio-Kultur konnte sich die Anstalt ja noch nie so richtig rühmen, doch die aktuelle Situation toppt alles. Die drei sächsischen Radios geben derzeit alles, um die Probleme weithin publik zu machen.

Heute um 18 Uhr startet ein DJ-Marathon, bei dem sich quasi jeder beteiligen kann. Bis der Nikolaus kommt avanciert das gesamte Radio Blau-Programm zu einem siebentagelangen DJ-Set. Auch zahlreiche Größen der lokalen Szenen haben sich bereit erklärt die Aktion zu unterstützen. Map.ache, LXC, Steffen Bennemann und Zacker werden beispielsweise heute am 20 Uhr einzelne Stücke spielen.

Zu hören gibt es den Marathon über die bekannten UKW-Frequenzen 99,2, 94,4 oder 97,9 MHz oder via Web-Stream. Über die Web-Cam aus dem Studio kann man jederzeit schauen wer gerade auflegt.

Also, bleibt dran, um Freies Radio in Leipzig zu erhalten.

Radio Blau Website
Aktion Radio für Alle Website

Various Artists „Five“ (Rotary Cocktail Recordings)

Rotary Cocktail feiert sein fünfjähriges Bestehen mit einer Compilation. Darauf enthalten sind auch Tracks von Marko Fürstenberg und Mod.Civil, beide gehören durchaus zum Stamm des Berliner Labels.

Rotary Cocktail ist ja eher Tech-House, während sich das Sub-Label Ornaments eher House widmet. Beide Labels sind ziemlich dicht mit der Leipziger Szene verknüpft, hauptsächlich durch Marko Fürstenberg. Er und Label-Betreiber Martin Müller kennen sich beide aus Thüringer Heimat.

„Tatuet“, er exklusive Compilationbeitrag von Fürstenberg klingen aufgeräumter und reduzierter als seine bisherigen Tracks. Obwohl eigentlich alles dabei ist, was man auch sonst an Fürstenberg so mag: die super abgefederten Bassdrums, die teilweise schiebenden HiHats, die dubbige Tiefe. Und doch sind gerade die Dub-Chords zurückgenommer, der Track wirkt irgendwie schlanker und mehr auf den Punkt gebracht.

Mod.Civil besinnen sich mit „Compress“ einmal mehr auf ihre Liebe zu Detroit. Mit schnarrendem und ungeschliffenem Funk wird hier ganz dezent mit dem Rave-Appeal gespielt – sehr angenehm im Tempo und sehr kompakt in all seinen klanglichen Facetten.

Im Vergleich zu einem Großteil der anderen Tracks auf „Five“ sind die Leipziger Tracks regelrecht understatement. Bis auf YouAndMe und Mr. Statik schwingen die anderen kräftig mit der Rave-Keule.

Rotary Cocktail Recordings Website
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