Daniel Stefanik „In Days of Old Pt.1“ (Kann Records)

Während sich Daniel Stefanik auf seinem Debüt-Album „Reactivity“ vor allem dem Dub verschrieben hatte, zieht es ihn auf „In Days of Old Pt.1“ vollends Richtung House. Und, um es schon einmal vorweg zu nehmen, was dabei herausgekommen ist, ist grandios.

„#one“ baut nicht groß auf. Im Gegenteil, jegliche die EP einleitende Funktion geht dem Track ab: Geschwindigkeit, Bass, Deepness, alles ist sofort absolut da und deshalb sofort absolut fesselnd. Bevor die Fessel in Eintönigkeit abzugleiten droht – und das droht sie nach zwei Minuten – macht Stefanik etwas Tolles: Durch eine langsam einfadende, sphärische Melodie in den unteren Mitten gibt er dem bis dahin eiskalten Stück eine gewisse Wärme – ohne dabei im Geringsten an Druck zu verlieren. Die hintergründigen Vocals verstärken diesen Effekt noch und offenbaren scheu das Hitpotenzial von „#one“.

Auf der B-Seite fällt dann als erstes die Temposteigerung auf, weniger sphärisch und dafür rhythmisch vertrackter klingt „#two“. Mit seinen Breaks und den bestimmenden Höhen ist es komplett auf Tanzflächeneuphorie ausgelegt.

Mit „#three“ schließt sich dann allerdings die Klammer, die auf der A-Seite geöffnet wurde. In der Geschwindigkeit gedrosselt, ist dieser Track wieder vielfach housiger und melodiöser als „#two“. Auch der Aufbau ist „#one“ ähnlich: Mit trockenen Beats zu Beginn und einem einfadenden Thema, wechselt das Stück ebenso noch einmal seine Richtung. Wie Gummibälle lässt Stefanik einzelne Akkorde auf dem Beat hüpfen, auf und ab.

Springen sie einmal aus der Spur, werden sie vorsichtig mit sanften Melodienetzen wieder eingefangen. Je höher die Akkorde springen, desto tanzbarer wird das Stück, ganz am Ende legt der Beat bewusst noch einen drauf, im Rhythmuswirrwarr verschwinden die springenden Akkorde fast unbemerkt.

„In Day of Old Pt.1“ soll laut Promotext ein Tribut an die Musik sein, die Daniel Stefanik selbst beeinflusste. Das lässt sich in Vorbilderliste auf seiner Myspace-Seite auch nachvollziehen. Aber beim Hören wird vor allem etwas anderes klar: Daniel Stefanik hat inzwischen ein außergewöhnliches Niveau erreicht. Das hier ist perfekter House.

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Zwischengedanke

Über Musik zu schreiben ist wie zu Architektur zu tanzen. Ein gern vorgehaltener Vorwurf an alle Bemühungen Musik in Worten vorzustellen. Das passiert bei frohfroh bekanntlich auch, insofern ist es nicht uninteressant zu erfahren, dass die Musikkritik selbst immer mehr in die Kritik kommt.

Klar, die Frage ist nicht neu: Warum sollte man Musik mit Worten beschreiben, wenn man sie doch beim Hören eh besser erfahren kann? Warum aber auch nicht? Immerhin steht Musik neben ihrem Klang nicht nur für sich, sondern sie steht im Kontext des Künstlers, des Labels, des Genres, der Herkunft und vielen anderen Parametern. Sie bieten eine Menge Diskussionsstoff. Dennoch scheint die Musikrezension an Attraktivität zu verlieren. Die taz hat dazu am 2. Februar einen interessanten Artikel gebracht: „Das popjournalistische Quartett“.

Darin wird die neue Praxis des Pop-Briefings vorgestellt, wie es die Spex seit Anfang des Jahres praktiziert. Das Prinzip ist adaptiert vom literarischem Quartett, also mehrere Kritiker besprechen in gemeinsamer Runde ein Werk. Bei der Spex passiert das nicht vor laufender Kamera, sondern in einem Intranet. 60 Tage lang wird da eine Platte von mehreren Autoren und Redakteuren diskutiert, das Ergebnis wird dann veröffentlicht.

Das hört sich spannend an, heraus kommt allerdings auch nur eine Rezension – unterteilt in verschiedene Meinungscluster, teilweise aufeinander Bezug nehmend. Ist dieser Diskurs nun spannender als ein in sich geschlossener Text, bei dem mehr oder weniger deutlich die subjektive Sicht des Autors durchschimmert?

Macht das Worte über Musik relevanter? Was sollte eine Musikrezension also bieten: objektive Infos, die Autorenmeinung oder vielleicht nur gesammelte Adjektive, die einem in Verbindung mit der jeweiligen Musik in den Sinn kommen? Die Frage steht, und sie ist ernst gemeint.

Fotocredit: Cloggymaster

Martinez „Cheesecake“
(Moon Harbour Recordings)

Martinez tischt Käsekuchen auf. Kein schlechter Name für einen Track. Denn so wie die Nachmittagsspezialität mit wenigen Zutaten auskommt, so ist auch bei dem Dänen alles überschaubar arrangiert – auch auf seiner dritten Moon Harbour-EP.

Man kann es nicht oft genug betonen, Martinez gehört mittlerweile zum sich neu entwickelten Künstlerstamm von Moon Harbour. Und mit seinen spärlich besetzten Tracks fügt er sich in dem funktionalen, sehr reduzierten House-Kurs des Labels an der richtigen Stelle ein.

„Cheesecake“ greift den Vibe der letzten beiden Martinez-EPs quasi nahtlos auf – ein loopiges, perkussives Stück mit einem prägnanten, wenn auch eigenartig nebeligen Chord. Damit ist leider auch schon alles gesagt.

Viel eindrücklicher ist die B-Seite. Laut Discogs ist „Gourmet“ ein Teaser in Langform auf das kommende Martinez-Album, sein mittlerweile drittes übrigens.

Der Beat ist weitaus offensiver, nicht so kontemplativ wie viele der anderen Martinez-Stücke auf Moon Harbour. Und es steckt eine Menge mehr klassischer House-Appeal drin. Allein der schwebend-treibende Chord erzeugt einen für Martinez ungeahnten Drive und spätestens, wenn die Strings einsetzen, weht die House-Flagge in voller Pracht. Ein sehr extrovertierter und positiv gestimmter Track, der einiges rausreißt in dem bisherigen Martinez-Output.

Als digitalen Bonus gibt es übrigens noch den Track „Passerby“ im Rahmen der „Cheesecake“-EP. Erstaunlicherweise schlägt dieses Stück eine ähnlich offensive Richtung ein. Im Rhythmus beinahe technoid und für Martinez ungewöhnlich verhallt, kehren der hin mäandernde Chord und die Vocal-Samples den Charakter des Stückes wieder klar zum House.

Am besten sind die kurzen, punktuell auftauchenden Kratzer zwischendurch. Die verleihen „Passerby“ etwas leicht Ungehobeltes. Und das kommt bei Martinez ja nicht so oft vor. Im persönlichen Resümee die bisher beste Veröffentlichung des Kopenhageners auf Moon Harbour.

Martinez Myspace
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Post aus Hamburg

Lange erwartet und mit einiger Verspätung sind sie vor kurzem endlich eingetroffen – die letzten beiden Ahornfelder-Veröffentlichungen von David Grubbs & F.S. Blumm sowie Semiun.

Ist Ahornfelder für Leipzig und damit für frohfroh noch von Belang? Label-Betreiber Alexander Schubert, selbst als Sinebag dort vertreten, lebt seit einiger Zeit in Hamburg. Das Label hat er natürlich mitgenommen. In Leipzig ist das gleichnamige Festival für experimentelle elektro-akustische Musik aber geblieben. Und das wird es wohl auch vorerst tun, „weil das Publikum hier offen und interessiert ist, und weil es Spaß macht, dieses Festival an diesem Ort zu veranstalten“, so Schubert.

Während sich das Festival erstaunlich weit in die zeitgenössische musikalische Avantgarde wagt, geht das Label zaghafter mit der elektro-akustischen Schnittstelle um – mehr auf Eingängigkeit bedacht und mit einer Reihe auch über die Szene hinaus bekannter Musiker. Eine gemeinsame Platte von David Grubbs und F.S. Blumm ist beispielsweise durchaus ein Highlight. Sie entstand bei einer improvisierten Auftritt im Sommer 2008 – Grubbs an der elektrischen, und Blumm an der akustischen Gitarre, unterstützt von Schlagzeug, Bass und Bassklarinette. In seinem Berliner Studio ergänzte F.S. Blumm diese Aufnahmen mit eigenen Sounds, teilweise dekonstruierte er auch die Originalspuren.

Die vier Stücke stehen aber eigentlich nicht für sich allein – der Untertitel der Platte „Music For Drawings“ deutet es indirekt schon an. Sie sollen die Bildästhetik des Skizzenbuches vertonen, das 2006 auch von Ahornfelder veröffentlicht wurde. Nun also die abstrakten Töne zu jenen abstakten Skizzen. Eine schöne Idee, wenn auch die Verbindung zwischen beiden Medien recht lose erscheint.

Außerdem lag der Post aus Hamburg noch das neue Album von Semuin bei, einem Berliner Electronica-Musiker mit dem bürgerlichen Namen Jochen Briesen. Mit der Band Gaston war er auch zu Gast beim Ahornfelder-Festival.

Mit seinem Solo-Projekt erschien vor fünf Jahren ein Album auf dem US-Electronica-Label Audio Dregs. Das kenne ich jedoch nicht, aber laut Ahornfelder konzentrierte sich Semuin bei „Circles And Elephants“ stärker auf die Komposition. Weniger freies Spiel der Klänge, dafür mehr Dramaturgie.

Und tatsächlich hat es etwas Poppiges, natürlich nur in einem weitgefassten Sinne. Denn das Zusammenspiel aus digitalen und organischen Tönen, Field Recordings und Midi-Chören, aus Schönklang und Dissonanz ist weit vom klassischen Pop-Song entfernt.

An sich sind diese Brückenschlage für Electronica nicht neu, dennoch erscheint Semuin noch eine Spur mehr im Avantgarden verwurzelt. Zu reduziert und schroff sind teilweise die Brüche. Und doch macht es „Circles And Elephants“ eben deshalb auch hörbar. Und Zuhören muss man auf jeden Fall.

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F.S. Blumm Website
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Wechselhafte Konstante

Statik Entertainment ist eines der ältesten Leipziger Labels. Doch große Posen waren noch nie die Sache dieser Institution für dubbigen Techno. Selbst im 15. Jahr ihres Bestehens blieb es gewohnt ruhig. Aber auch gewohnt liebevoll. Ein Label-Porträt.

Fünfzehn Jahre Statik Entertainment – was Anfang der Neunziger als fixe Idee entstand und 1994 in der ersten Platte mündete, hat sich zu einer sicheren Adresse für das weite Feld um Dub-Techno und Electronica entwickelt. Und es waren fünfzehn Jahre, die in eine überaus bewegende Zeit fielen, gerade wenn man die kulturtechnischen und wirtschaftlichen Umwälzungen betrachtet. Die Kommerzialisierung und Stilisierung von Techno zu einer Jugendkultur, die Rückkehr dieser Musik in ihre subkulturellen Nischen, der Niedergang der klassischen Musikindustrie, die rasante Digitalisierung unseres Alltags – all das bot den Kontext, den auch ein kleines Label wie Statik Entertainment nicht unberührt lässt.

Dass es überhaupt schon so lang geht, sieht Matthias Kretzschmar, vielen besser als Schubert bekannt, in einem banalen Punkt begründet: Es war immer sein Hobby gewesen und es ist es bis heute geblieben. Ein rein wirtschaftliches Interesse war nie die Intention Statik Entertainment zu betreiben. Allerdings haben sich über die Jahre so viele Erfahrungen und Kontakte angehäuft, dass das Label längst auf einem professionellen Level arbeitet und sich wirtschaftlich trägt. Jedoch immer nur in der Freizeit von Schubert. Die Miete verdient der Mittdreißiger woanders.

Startphase mit Hürden

Ein Techno-Label zu gründen war in Mitte der Neunziger ebenso glamourös wie heute, allerdings ungleich schwieriger. Damals gab es noch kein Schallplattenpresswerk in Leipzig vor der Haustür. Und die anderen deutschen Adressen waren mehr oder weniger geblockt von den Major-Labels und Szene-Größen. Labels mit kleinen Auflagen wurden meist wieder nach Hause geschickt. Die erste Statik-Platte wurde daher in einer tschechischen Fabrik gepresst – mit fünfmonatiger Verspätung und als Fehlpressung.

Damals teilten sich mehrere Labels die DAT-Kassetten für ihre Pressungen. Und so kamen neben den Tracks von S-Dyz – laut Schubert die erste TripHop-Platte des Ostens – auch Industrial-Stücke von einem anderen Label auf die Statik 01. Schubert setzte sich hin und ritzte Streifen über die fremden Tracks.

Ein denkbar schlechter Start für ein junges Label. Dennoch lief es gut, wohl auch, weil in dieser Zeit das Angebot an neuen Platten und Labels noch überschaubarer war. Das Presswerk in Tschechien arbeitete auch weiterhin höchst unberechenbar. In einer weiteren Lieferung waren plötzlich die fünf nächsten Veröffentlichungen auf einmal dabei. Finanziell beinahe der Ruin. Und auch beim Vertrieb war dieses Paket schwer unterzubringen.

Überhaupt war das Thema Vertrieb in den ersten Jahren eine Odyssee. Anfangs ging es ohne, später nahm sich Music Mail den Statik-Platten an. Doch ab der Nummer 10 wollten die Stuttgarter nicht mehr. Durch Christian Fischer kam dann der Kontakt zu Neuton, heute vertreibt Intergroove.

Statik Entertainment-Betreiber Matthias Kretzschmar alias Schubert (Foto: Christian Hüller/Panoflex)Daniel Stefanik und die Dub-Tiefen

Ebenso wechselhaft wie es hinter den Kulissen zuging, veränderte sich auch der Sound von Statik. „Mein Musikgeschmack hat sich über die Jahre gewandelt, und letztendlich veröffentliche ich immer nur das, was mir gefällt“, erklärt Schubert den stilistischen Werdegang des Labels. Für ihn sind düstere und nachhaltige Sounds essentiell. Ein Track muss eigen sein und sollte nicht einfach auch auf ein anderes Label passen.

Ein hoher Anspruch, gerade in letzter Zeit, da sich Statik in seinem Profil immer mehr auf Dub-Techno im weitesten Sinn festlegte und damit einen Sound lieferte, der in den letzten Jahren viel an Attraktivität gewonnen hat. Mittlerweile wird Dub-Techno für Schubert wieder weniger interessant: „Es passiert gerade nicht mehr viel Neues, es hat sich tot gelaufen. Ich könnte jetzt noch weitere Platten in dieser Richtung veröffentlichen, die sich alle gut verkaufen würden. Aber das finde ich nicht spannend.“

Dass sich bei Statik eine gewisse musikalische Linie herauskristallisierte, schreibt Schubert in hohem Maße auch seinem Freund Daniel Stefanik zu. Als großer Basic Channel-Fan war er diesem Sound schon länger verfallen und produzierte neben seinen funktionaleren Moon Harbour-Tracks auch dichte Dub-Tracks. Auf Statik konnte er sie veröffentlichen. Auch sein Debüt-Album „Reactivity“ trägt das Statik-Logo.

Und so ist Stefanik bis heute der einzige wirkliche Stammkünstler auf dem Label, das sonst eher auf ein loses Artist-Netz setzt. Viele Kontakte sind über die Jahre entstanden, andere kamen über das Internet oder über Demos zustande. „My Music Is My Space“ ist eine Compilation-Reihe in vier Ausgaben, die genau jene Tracks vereint, die Schubert auf Myspace überraschten und überzeugten – für ihn auch eine neue Facette des Labels. Früher war es weitaus schwieriger an neue Künstler zu gelangen. Heute sind sie manchmal nur wenige Klicks entfernt.

Statik Entertainment ist für Schubert zu einem Liebhaber-Label avanciert – kleine Auflagen mit limitierten farbigen Editionen für eine überschaubare Szene, die Wert auf Vinyl legt. Dem digitalen Markt verweigert er sich dabei keineswegs, immerhin verkaufen sich die Statik-Veröffentlichungen dort immer besser, während der Vinyl-Absatz stagniert.

Gefeiert wird woanders

Obwohl sich Statik Entertainment auch international einen guten Ruf erarbeitet hat, bleibt es in seiner Heimat Leipzig verhältnismäßig verborgen. Label-Partys gibt es nicht, weil Schubert dafür die Zeit fehlt und Daniel Stefanik definiert sich neben Statik auch noch über andere Labels.

Doch es sind scheinbare Nebensächlichkeiten, die Schubert viel zurückgeben: ein Statik-Fach im Berliner Hardwax oder im Freezone vor Ort beispielsweise, das Feedback der Fans. Sie zeigen ihm, dass er mit dem Label Teil einer Szene ist, und dass ist ihm mehr Wert als sich von dem Label ein neues Auto leisten zu können.

Müde ist er nach all den Jahren nicht. Neben Statik betreibt Schubert noch das Digital-Label Instabil, und erst kürzlich startete er mit Daniel Stefanik und Thomas Fröhlich den House-Ableger Stretchcat. Mit diesem Schritt wird Statik künftig noch mehr für einen technoideren Sound stehen.

Ganz untergehen wird das 15. Jubiläum übrigens doch nicht. Nur etwas verspätet wird es gefeiert – mit der Mix-Compilation „Deepentertained“, gemixt von dem Iren Leonid.

Statik Entertainment Myspace
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Pupajim „I Am A Robot“ (Jahtari)

Die Maffi-Serie auf Jahtari ist zu einer wunderbaren Collector-Serie geworden. Kleine Platten voller Hits. Und auch die fünfte Ausgabe nimmt sich da nicht raus. Wenn auch digitaler als sonst.

Pupajim ist ein Franzose, der einen digitalen Reggae-Charakter geschaffen hat. Er schiebt seinen Gesang durch einen Sound-Filter und bekommt einen Gesangsstil heraus, über den man lächeln kann, der aber auch ein interessantes Eigenleben entwickelt. Wie ein Männchen aus einem alten Computer, das Reggae für sich entdeckt hat und mit seinen Mitteln selbst auf die Piste geht.

Interessant ist auch, wie die Maffi-Crew aus Kopenhagen bei ihrem Riddim diesen digitalen Appeal komplett auf die Musik überträgt. „I Am A Robot“ ist in seinen Strukturen und Sound-Arrangements ganz ein klassisches Reggae-Stück. Doch es ist komplett plastisch und digital. Eine sehr tolle Übertragung.

Disrupts Version auf der B-Seite pumpt das Instrumental in gewohnter Weise etwas stärker auf und gibt es ihn im zweiten Teil ein paar neue Akzente. Da braucht es auch keinen Gesang von Pupajim.

Pupajim Myspace
Jahtari Website
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Good Guy Mikesh & Filburt „Milk & Honey EP“ (Liebe*Detail Spezial)

Liebe*Detail ist ein Liebhaber-Label, spezialisiert dezent aufgedrehte Hits. Die Verbindungen zu Leipzig sind sehr gut. Nach Platten von Sven Tasnadi, Juno6 und Marko Fürstenberg, bekamen auch Good Guy Mikesh & Filburt hier ihr Podium.

Schon seit Anfang Dezember des letzten Jahres ist die draußen, die Platte mit „Milk & Honey“. Jenem Hit also, der schon in den Live-Sets immer wieder für Verzückung sorgte. Auf Platte erinnert er erstaunlicherweise ein wenig an Erlend Øye. Also einfach der Moment, wie Mikesh zu dem geraden Beat, der angerauten Bassline und den hymnischen Synthies singt. Angenehm im Hintergrund und doch sehr charakteristisch für das Stück.

Spannend ist, wie beide mit der Opulenz der Harmonien und dem durchaus massiven Rhythmus umgehen. Ein wenig mehr von allem und es wäre ein zu aufgeladener Rave-Track. Doch so, wie er im Original läuft, entzieht er sich dieser Gefahr auf ganz lässige Weise. Im „Basket Mix“ wird alles noch elegischerer und schwebender. Nicht schlechter, wenn auch der Biss des Originals fehlt.

Auf der B-Seite tobt sich schließlich noch John Daly an „Milk & Honey“ aus, gleich zweimal. Einmal sehr geradlinig und homogen auf den Floor abgestimmt, mit einem langen Break. Das andere Mal ziemlich ravig, mit einer Rave-Bassline vor den umherschwebenden „Milk & Honey“-Harmonien. Irgendwie introvertierter und dennoch mit offensichtlicherem Drive. Ehrlich gesagt kommt keiner der anderen Tracks wirklich an das Original heran. Das spricht doch aber für sich.

Martsman Website
Paranoid Society Myspace
Alphacut Records Website
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United States of Leipzig

Kaum zu glauben. Die New York Times hat in ihrer Online-Ausgabe die „31 Places to go in 2010“ gekürt. Neben internationalen Tourismus-Klassikern wie Los Angeles, Kopenhagen oder Shanghai, wurde auch ein Besuch in Leipzig empfohlen. Nicht nur wegen Bach, sondern auch wegen Tanzmann & Co.

Die New York Times ist jetzt nicht irgendein Blatt, insofern wundert dieser Ritterschlag umso mehr. Zumal Leipzig die einzige deutsche Stadt in dieser Auswahl ist, überhaupt werden nur sehr sporadisch Ziele in Europa erwähnt.

Im Originaltext lautet die Huldigung so:
„In 2010, Leipzig, a small industrial city in the former East Germany with an illustrious past, will be marking the 325th anniversary of the birth of its former resident Johann Sebastian Bach and the 200th birthday of Robert Schumann with concerts, festivals and a reopened Bach Museum (www.bach-leipzig.de).

But the city’s cultural high note is likely to be the Neo Rauch retrospective opening in April at the Leipzig Museum of Fine Arts (www.mdbk.de), a show devoted to the father of the New Leipzig School of artists, a scene that for the past decade has been the toast of the contemporary art world. The art cognoscenti will also make their way to the Spinnerei (www.spinnerei.de), a former cotton mill that is home to 11 galleries, a cafe and a quirky new pension called the Meisterzimmer (www.meisterzimmer.de), with rooms starting at 50 euros, or $70 at $1.40 to the euro.

The city is also making a splash on the musical front. Moon Harbour Recordings and Kann Records, two indie labels producing innovative electronica from D.J.’s, are based here. Sevensol and Matthias Tanzmann will undoubtedly be lugging their laptops to Leipzig Pop Up (www.leipzig-popup.de), a trade fair and music festival taking place in May. Otherwise, gigs can be heard year-round in the city’s underbelly of abandoned factories and squats that look a lot like Berlin — maybe 10 years ago.“

Musik und Kunst, Alte und Neue und ein Hauch altes Berlin – dies sind die Gründe, weshalb es sich lohnt ins Flugzeug zu steigen und nach Leipzig zu kommen. Nicht schlecht. Doch wie kommt die New York Times zu diesem Geheimtipp? Wahrscheinlich durch Superheld Volker Bremer, Chef des Leipziger Stadtmarketings, der mit Geschichtsfolklore und Bach Touristen anlocken möchte. Bevorzugt US-Amerikanische. In deren Heimat hat er viel für Leipzig auf Messen geworben und im kürzlich auf LVZ Online veröffentlichten Interview nennt Bremer quasi alle Highlights für das Jahr 2010, die auch die New York Times erwähnt. Bis auf die subkulturelle Ebene natürlich, denn ob er die Pop Up-Messe oder Matthias Tanzmann kennt bzw. als relevant einschätzt, ist zweifelhaft.

Interessant an dem Interview ist auch folgendes: Bremer hat es geschafft 2010 die jährliche Tagung der Vereinigung US-amerikanischen Reisejournalisten nach Leipzig zu holen. Insofern ist der Geheimtipp der New York Times mehr eine Einstimmung für all die angeblich 500 anreisenden Kollegen. Ob dann in den USA ein Leipzig-Hype losgetreten wird? Matthias Tanzmann spielt übrigens Ende Januar wieder in New York, Chicago und Miami.

„Wir wollen schon anders klingen“ – Mod.Civil im Interview Part 2

Mod.Civil haben sich ohne Firlefanz zu einem der viel versprechendsten Leipziger Techno- und House-Acts gemausert. Dass Flächen und Gefühl nicht immer Trance bedeutet und was die beiden mit dem Kunstraum Ortloff zu tun haben, erklären Gerrit Behrens und René Wettig im zweiten Teil des frohfroh-Interviews.

Im ersten Teil des Interviews mit Mod.Civil sprachen wir darüber, wie sich Gerrit Behrens und René Wettig gefunden haben. Im zweiten Teil geht es um den neuen Hype des alten House-Sounds, Melancholie als Trademark und die Entstehung von elektronischer Musik.

Wie entstehen eure Stücke? Nehmen wir mal euren Track „Ghost“ als Beispiel, da gibt es diesen sehr hintergründigen Sound, der sich gegen Ende des Lieds zu einem ganz durchdringenden Geist-Schrei entwickelt. Wie kommt man auf die Idee so etwas in einen Track einzubauen?

Gerrit: Das sind so Prozesse, die entstehen im Moment. Du hast halt einen Grundsound, den du an Zitate von früher anlehnst oder auch an einen bestimmten Sound, aus House- oder Techno-Elementen. Aber die gewissen Sachen entstehen dann meistens in der Produktion selbst. Weil es eben bestimmte Effekte gibt oder weil plötzlich die Idee geboren wird das mit dem zu paaren, den einen Effekt darauf zu legen und diesen Effekt durch irgendwas anderes wieder modulieren zu lassen, damit es dann wieder irgendwas gibt, was dich inspiriert oder was dich weiterarbeiten lässt an dieser Sache. Und dann kommt am Ende so etwas raus…

Und das wird dann „Ghost“ genannt!

Gerrit: Genau!

Bei frohfroh hieß es ja schon mal zu euch: „Mod.Civil sind die kantigen Melancholiker. In ihren Sounds und Rhythmen durchaus straight und etwas schroff, doch im Prinzip sind ihre Tracks voller leicht eingetrübter Sehnsucht.“ Seid ihr wirklich voller melancholischer Sehnsucht?

Gerrit: Ich kann es ein bisschen nachvollziehen. Das ist auch der Trademark-Sound, den jetzt einige schon von uns beanspruchen. Dass es genau das ist, dass es so ein bisschen schwer wiegt, schwere Chords, wodurch sich auch Melancholie breit macht. Also eher Moll als Dur. Getragen wird das dann durch ein ganz normales oder klassisches House- oder Technobeat-Fundament.

Ist das ein Gefühl, dass beim Produzieren einfach rauskommt? Beziehungsweise, ist das vielleicht sogar eine Reflektion eines Gefühls, dass ihr in euch habt, ohne es unbedingt vorher zu wissen? Ein Gefühl, dass dann in den Tracks plötzlich zu Tage kommt?

René: Möglicherweise. Wir haben immer so einen leichten Hang zum – manche würden sagen – Trance. Es geht uns immer darum, eine bestimmte Stimmung zu vermitteln. Die kann man nicht einfach nur mit Rhythmus übertragen. Das passiert halt nur durch flächige Sounds oder durch melancholische Sounds, zu denen wir immer wieder versuchen hinzukommen.

Gerrit: Also es gibt auf jeden Fall sehr abstrakte Musik, die jetzt gerade wieder ausläuft, also die momentan nicht mehr so en vogue ist, wie sie es mal war. Zum Beispiel der verschriene Minimal, bei dem sehr abstrakt und technoid mit Sounds umgegangen wird und wo eben wenig Fläche war für – nennen wir es mal – ein bisschen mehr Gefühl. Die kommt eher aus dem House, wo mehr Groove drin ist, wo mehr Gefühl ausgestrahlt wird. Bei uns ist es doch schon so, dass wir immer versuchen etwas zu vermitteln, was nicht in diese abstrakte Weise mündet.

Also kommt nach Minimal House wieder breiter auf.

Gerrit: Das ist jetzt auf jeden Fall schon da. House ist gerade das ganz große Ding, ist wieder voll da. Und ich glaube, dass die einzelnen Spielarten, die es auch früher schon gab, jetzt auch langsam wieder kommen werden. Es wird sicher auch bald wieder härteren House geben, Hard-House und ich denke, dass wird sich jetzt auch weiter durch dieses House-Ding ausdifferenzieren.

Was hat es eigentlich mit den Ortloff-Platten auf sich? Im Prinzip ist das Ortloff ein Kunstraum.

Gerrit: Richtig. Das Ortloff ist ein Kunstraum. Und das sind Freunde von uns geworden.

Und wie kommt es, dass es seit letztem Jahr auch Veröffentlichungen auf Vinyl gibt?

Gerrit: Also die Idee kam, weil die Grafiker von dort meistens etwas mit Malerei und Grafik und im weitesten Sinne was mit Kunst zu tun haben, während wir die Musik gemacht haben. Und da haben wir uns irgendwann gedacht, wir könnten doch eine Platte zusammen machen. Wir kümmern uns darum, wer auf die Platte kommt und die anderen machen das ganze Artwork dafür. Da wir auch das Geld dafür zur Verfügung hatten haben wir es eben gemacht und es ist super gelaufen. Als das Geld von der ersten da, haben wir entschieden die nächste Platte zu machen. Wo das endet, das werden wir sehen!

Also, ihr habt einmal investiert und jetzt kommt immer das Geld von der letzten Ausgabe der nächsten zugute?

Gerrit: Ganz genau.

Ihr wählt ja die Musik aus. Ist das auch der ganz triviale Grund, dass ihr bisher auf beiden Ortloff-Platten veröffentlicht habt?

Gerrit: Ja, der Gedanke ist nicht ganz abzuschlagen…

René: Also, es ist nicht so, dass wir nur auf der Platte sind, weil wir das selbst aussuchen. Das ist eine Entscheidung von fünf bis sechs Leuten, die da ein Mitspracherecht haben. Zum Ortloff gehören drei Leute, die entscheiden letztlich darüber, wer auf den Platten ist.

Ihr macht denen dann nur Vorschläge?

René: Ja, wir machen Vorschläge, suchen die Musik, treffen eine Vorauswahl…

Gerrit: Ein automatisches Vorrecht haben wir auf jeden Fall nicht. Es ist schon eine Konsens-Entscheidung.

Wir haben viel über House gesprochen. Was für ein Sound erwartet den Besucher eigentlich bei einem Mod.Civil Live-Set?

Gerrit: Ja, das lehnt sich schon an den Sound an, über den wir gesprochen haben. Wir fangen meist ziemlich reduziert und groovy an, so bei etwa 121 BPM und steigern uns dann nachher. Unsere Vinyl-Tracks spielen wir natürlich auch, zum Beispiel „For Some Reason“.

„For Some Reason“ ist ein Stück, das ziemlich gut funktioniert im Club.

Gerrit: Es funktioniert wunderbar. Wo wir es gespielt haben, da rasten die Leute eigentlich jedes Mal aus. Das ist auch ein bisschen gewollt, weil es ein ziemlich langes Break gibt im Stück, was natürlich forciert, dass die Leute irgendwann schon mal anfangen zu schreien! Das ist lustig, dies zu hören, so etwas macht jedes Mal wieder Spaß.

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Matthias Tanzmann „Chano“ (Moon Harbour Recordings)

Knapp anderthalb Jahre nach seinem Debüt-Album kommt die erste Solo-EP von Matthias Tanzmann heraus. Und sie ist überraschend konsequenter als erwartet, sie deutet sogar auf eine gänzlich neue musikalische Richtung hin.

Zugegeben, Matthias Tanzmann war als Producer in letzter Zeit ein wenig unscheinbar und schwer greifbar – sowohl mit seinen Compilation-Beiträgen und Remixen als auch mit seinen beiden Kooperationen mit Martinez und Seuil. Betrachtet man jedoch die musikalische Entwicklung seit dem Debüt-Solo-Album vom Frühjahr 2008, so scheint sich der Sound des Moon Harbour-Chefs gerade in einem Transformationsprozess zu befinden.

Da passt einerseits der Output der letzten anderthalb Jahre durchaus schlüssig mit rein, zum anderen markiert die neue EP „Chano“ den vorläufigen Höhepunkt dieses Prozesses. Und im Kern muss es heißen, dass Matthias Tanzmann immer reduzierter und filigraner in seinem Umgang mit House wird.

„Chano“ gibt es in zwei Versionen, und gerade die A-Seite ist unheimlich puristisch. Bis auf das etwas mystische Latin-Jazz-Vocal-Sample besteht der Track quasi nur aus rhythmischen Elementen. Allerdings so dicht arrangiert, dass die Luft dazwischen zum Schneiden dick wird. Alles klingt skizziert: die Perkussion, die HiHats, die Rasseln, die Bassline. Im Break ist es nur ein modulierter Hall, der etwas mehr klangliche Breite erzeugt, ansonsten Rhythmus. Klar, das Vocal polarisiert, drückt den Track dann doch recht bestimmt in jenen Ethno-Einfluss, wie er momentan immer wieder bei House auftaucht. Diese konsequente Reduktion – auch über eine so lange Dauer – erreicht dennoch eine ganz neue Qualität und Intensität.

Auf der B-Seite wandelt Tanzmann „Chano“ dann in eine klassisch deepe Richtung ab, mit richtigem Chord, kompakterem House-Beat und erstaunlicherweise ohne Vocals. Sehr solide, aber auch gesichtsloser als die andere Version. Nichtsdestotrotz bleibt es jetzt spannend zu sehen, was Matthias Tanzmann noch vorhat mit seinem Sound.

Matthias Tanmann Myspace
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