Nachbericht: Bells Echo Interim im UT Connewitz

Auf den Vorbericht folgt der Nachbericht: Die Konzertreihe Bells Echo fand am 4.11.2022 im UT Connewitz, dem historischen Lichtspielhaus im Süden Leipzigs, statt. Unsere Autorin war vor Ort und begeistert – und auch wieder nicht. Lest selbst.

Schon vor Einlass sammeln sich etliche Menschen vor der Tür, mit und ohne Ticket – eine Karte an der Abendkasse kostet 40 Euro, steht auf einem weißen A4-Zettel am Eingang. Die letzten Tickets kann man also noch ergattern. Exakt um 19 Uhr wird die Tür dann geöffnet, denn um 20 Uhr wird der erste Act beginnen: das Duo Corecass. Deren Instrumente können in der Zwischenzeit im Innenraum betrachtet werden, es stehen einige Gitarren, eine Harfe und ein E-Piano verheißungsvoll auf der Bühne.

Corecass mit Konzertharfe und E-Gitarre

Das Duo beginnt das Konzert mit Vogelzwitschern und Harfenklängen. Der Sound umhüllt das Publikum, das größtenteils auf dem Boden sitzt. Alle im Raum befinden sich nun klanglich auf einem Waldspaziergang, in einer Landschaft – dessen Himmel sich verdunkelt, als die beiden Musiker:innen bedrohlich-technoid werden, um anschließend kathedral und damit noch mächtiger zu werden. Orgelklänge dominieren weite Parts. Immer wieder kommt es dazwischen zu reduzierten Phasen, in denen der Raum zu hören ist. Beziehungsweise eben nicht zu hören ist: Kein einziges Flüstern, Husten oder Rascheln, es herrscht absolut konzentrierte, respektvolle Stille.

Der Waldspaziergang wird unterdessen zur Mondwanderung, das Set verwandelt sich von erhaben zu demütig – und bleibt dabei dramatisch und spannend. Die zwei Musiker:innen schaffen es, dass eine monströse, dennoch dynamisch differenzierte, Soundfülle entsteht. Nach 40 Minuten verlassen Corecass unter lautem Applaus die Bühne, die für die Leipziger Pianistin Moritz Fasbender umgebaut wird.

Fasbender: ironisch, klassisch, ergreifend

Moritz Fasbender beginnt fast stummfilmmusikartig und spielt mit dem Rücken zum Publikum am Klavier, nach und nach werden ihre Synthesizer eingesetzt. Ihr Set ist virtuos-abgefahren, zwischen den Stücken sind selbstironische Audios mit einem Sprecher als eine Art Kommentar eingebaut.

Ihr Part ist teilweise mehr klassisch als elektronisch. Viel klarer, bebender Klaviersound kann sich entfalten, der immer wieder gebrochen-motivbezogen, assoziativ-experimentell wird. Mit „Gravity Gain“, einer Gefühls-Klimax mit starken treibenden Beats und für mich ihr stärkstes Stück an diesem Abend, beendet Moritz Fasbender eindrucksvoll ihren Auftritt.

Der Raum des UT Connewitz, die Visuals, das Publikum und Fasbender: It‘s a match made in heaven. Frenetischer Applaus – danach geht es ein letztes Mal für das zahlenmäßig angewachsene Publikum selig und erfüllt nach draußen zur Raucherpause oder an die Bar. Umbaupause.

Zwischenfazit: Die Veranstaltung ist perfekt getaktet, auf die Minute genau wird der Timetable eingehalten. Hochprofessionell (was auch sonst), aus einem Guss, visuell perfekt ineinander übergreifend und abgestimmt. Zwei Visualkünstler:innen sind mit dabei und projizieren ihre Artworks im alten Lichtspielhaus durchgängig bis an die Decke. Es fühlt sich fast zu perfekt für eine Live-Veranstaltung an. Oder einfach sehr gut geplant, einstudiert und on top ein Stagemanagement, das nichts dem Zufall überlässt.

Headliner Ben Frost als Fluchtpunkt

Ben Frost, der Höhepunkt für alle Liveact-Fans und inoffizieller Headliner des Abends, kommt (pünktlich) auf die Bühne – das UT ist mittlerweile komplett voll und ein neues Lichtkonzept markiert das grande-grande Finale: Es ist dunkel, neblig, satt blaues Clublicht strahlt die Bühne an. Applaus, Aufstehen, die meisten scheinen nun bereit für Bewegung zu sein – finally.

Schon das Intro donnert, dröhnt und könnte das Publikum wirklich verschmelzen lassen, zu einer vor der Bühne stehenden und tanzenden Masse. Der Bass fährt durch den kompletten Körper. Frost pendelt am über zwei Meter langen Set-Tisch an seinen Maschinen hin und her und brettert schließlich los.

Es ist vor allem eins: extrem laut. Ein körperliches Gewitter, ein spürbarer Druck von Sound, wenn man es positiv ausdrücken wollen würde. Es ist offenbar alles am Anschlag – und damit immersiv, ganz sicher auch genial – aber nicht nur für mich zu viel. Zu viel Dezibel. Einige halten es trotz Gehörschutz nicht aus, auch ich nicht. Beim Rausgehen, man könnte auch sagen Flüchten, sagen mir zwei Gäste: „Wir hatten uns am meisten auf Ben Frost gefreut. Aber es ist einfach viel zu laut.“ 

Ich bin nicht unbedingt sauer oder enttäuscht, Bells Echo war hochkarätig, inspirierend, berührend und ich bin dankbar für die zwei Musikperformances, die ich erleben durfte. Aber das Ende der Veranstaltung war – leider – unaushaltbar erschlagend. Fazit: 6.6/10. Schade.

Alle Bilder: Klaus Nauber

KW 45 – Sonntag

Auch am Sonntag gibt es noch einmal ein volles Festival-Programm vom TransCentury Update.

Partyname: TransCentury Update
Zeit:13.11.2022, 16 Uhr
Location:Schnellbuffet Süd, Galerie Kub, UT Connewitz
Acts:Future Sounds: Christoph Dallach & Andreas Dorau, Caroline, Mabe Fratti, Flore Laurentienne

Zum Finale fährt das TransCentury Update-Festivals noch einmal großartig auf. Am Nachmittag lesen Christoph Dallach und Andreas Dorau aus ihrer Oral History über die Entstehung von Krautrock. Später verbindet das Londoner Ensemble Caroline Post-Rock mit Violine.

Und am Abend gibt es zum Ausklang cineastisch-orchestralen Live-Ambient mit Flore Laurentienne und elektronischen Folk mit Mabe Fratti.

KW 45 – Samstag

Und auch der KW 45-Samstag macht es nicht leicht, sich zu entscheiden – hier kommen sieben Tipps.

Partyname: Impact
Zeit:12.11.2022, 23:00 Uhr
Location:Mjut
Acts:Alba Acab, Heckintosh, CEM3340, Cyan85

Bouncy und classic Electro, dazu etwas Industrial-Wave und Detroit-Techno? Impact ist eure Party dafür heute. Mit dabei CEM3340 aus dem italienischen Bari. Er betreibt das hoch geschätzte Label Curtis Electronix. Dazu bester Local Support mit Cyan85 und Alba Acab.


Außerdem heute:

TransCentury Update – UT Connewitz, Conne Island, Südbrause, 16 Uhr – Indie, Experimental, Electronic und mehr mit 13 Year Cicada, Reymour, Trees Speak, Anika, Lassie, Amyl & The Sniffers, enelRAM

Nebula presents: Pres:szure x Subverted – Techno mit Wellengenerator, B.Trayd, VSK, Hybral, Fluid, Nnamael, Splinter, Shrœderin b2b Treuhand, Murky.fm, M Ѧ R ї, Chlamydia

Saturday Rave – Distillery, 23:30 Uhr – House und Techno mit Spencer Parker, Kataya, Rob/nson, Felipeh, Jamaica Suk, Weh8mut, Atalanta

My Groove Is House – Frühauf, 23 Uhr – Classic House und Techno mit Byron The Aquarius, Traxx Jr., Xubii

Arndt 29 – Kulturlounge, 23:45 Uhr – House und Electronic mit Jay Magnum, Kenjii Tazaki, Arndt 29

HeyCiao, Vacanza – Elipamanoke, 23:59 Uhr – House, Disco und Techno mit Sacid, Lucie Vuittong, Kluntje, Filburt b2b Daniel Hauser, Sam Paradise, Miriamore, Maloua, Frausch Krue, :Mumm

KW 45 – Freitag

Voller Freitag heute – mit sieben Tipps könnt ihr wählen zwischen harten und experimentellen Sounds sowie einigen Indie-Bands.

Partyname: Hotshot
Zeit:11.11.2022, 23:59 Uhr
Location:Institut fuer Zukunft
Acts:Monster, Flore, ttyfal, Cleo Snk, Jada, Ma:sa, Nasra, Neelie.

Die wunderbare Hotshot-Reihe geht in die nächste Runde – und mit ihr wieder ein super diverses Line-up zwischen Techno, Bass, Breaks, Ghetto-Tech, Electro und UK-Sounds. Mit Monster und Flore sind zwei überaus entdeckenswerte Newcomerinnen aus Frankreich und Polen mit dabei.


Außerdem heute:

TransCentury Update – UT Connewitz, Conne Island, Ilses Erika, 19 Uhr – Indie, Experimental, Electronic und mehr mit Omni Selassi, Horse Lords, Crack Cloud, Anadol, Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp, The Comet Is Coming, Baby’s Berserk, Flying Moon In Space

Brombért Records Release Party – Spätikatessen im Westwerk, 18 Uhr – House mit Littlelake und Himbert, die neue Brombért-Platte kann dort auf Vinyl gekauft werden

Very Good + – Neue Welle, 23 Uhr – Disco und House mit Sally C und Qnete

[ˈklʊpnaxt] × RDS – Mjut, 23 Uhr – Various Styles (Breaks, Techno, Disco, Minimal) mit Tobi Rech, Dietz, Susanne P., Becksham, Jack Disout, Chaos Katy, Jennifer.com, Dj Simlocked

Boundless Beatz – Distillery, 23 Uhr – Drum & Bass und Dubstep mit Breakadawn, Casco, Kronik, Dubbalot, Vrum, Miriam Schulte, Oakin, Derrick, Audite

Zan – Elipamanoke, 23:59 Uhr – Techno, Hard-Tek und Trance mit E2NMN, Iza, Little Nats, Monsoon Trax, Røttnmeier, Trashabelle, Zart

KW 45 – Donnerstag

Heute beginnt endlich das TransCentury Update-Festival. Und wer danach noch raven möchte, kann ins IfZ.

Partyname: TransCentury Update 2022
Zeit:10.11.2022, 20 Uhr
Location:UT Connewitz
Acts:What Are People For?, Kit Sebastian, Ezra Furman

Yes, dieses Jahr klappt es mit der fünften Ausgabe des TransCentury Update – präsentiert von frohfroh. Heute startet das viertägige Festival für spannende Musik zwischen Indie, Kraut, Rock, Electronica und Experimental. Am Eröffnungsabend gibt es drei Acts zu erleben, die Indie-Rock und Psych-Pop auf die Bühne bringen werden. What Are People For? etwas experimenteller, Kit Sebastian internationaler und Ezra Furman emotionaler.

Rest-Tickets gibt es noch bei TixForGigs.


Außerdem heute:

Input x kfpnyx Kollektiv – Institut fuer Zukunft, 23 Uhr – Electro, Techno und Acid mit dem kfpnyx Kollektiv

New In – Sep / Oct 22

Wir haben uns durch die neuesten Leipzig-Releases der letzten beiden Monate gewühlt – und viel Gutes gefunden. Am besten nehmt ihr euch Zeit, es sind insgesamt 16 EPs.

Carlotta Jacobi „Connwax 09“ (Connwax)

Am Anfang wird es düster und hypnotisch. Im September kam die neue Connwax-EP heraus. Die erste seit über zwei Jahren. Auf ihr entfaltet Carlotta Jacobi in zwei Tracks ihren hoch komprimierten Techno-Sound. Sie legt nach und nach neue minimale Nuancen frei und entwicklt so einen mächtigen Sog an düsterer Energie. Klar, das kann auch schnell too much sein und es braucht das richtige Setting dafür. Doch in ihrer Konsequenz schlägt sie einen Bogen zum Basic Channel-Sound, der ebenfalls super kompromisslos und zugleich sehr filigran lospeitschte. Mit Oliver Rosemann und Arnaud Le Texier erweitern dann noch zwei Remixer das Jacobi-Spektrum. Einmal scharfkantiger, einmal brutaler antreibend.

Mein Hit: „Extended Space“. Why: Weil diese dunkel umherschwingenden Synth-Schrauben so viel Energie entfalten.


Turk Turkelton „Greatest Bass“ (Habibi Bass)

Habibi Bass? Haben wir bisher noch gar nicht vorgestellt – shame on us. Denn das Leipziger Label hat sich seit seiner Gründung im Mai 2020 mit nur einer Handvoll Releases eine enorme Fanbase erspielt. Stilistisch bewegt sich Habibi Bass zwischen Classic Electro, Ghettotech, Techno und Electrofunk – durchaus breit und eher analog, dazu ein gewisser Retro-Funk. Zuletzt kam eine EP des Kölner Producers Turk Turkelton heraus, die in vier bouncy und funky Tracks die 80s abfeiert. Mit lauter klassischen Oldschool-Sounds, einigen HipHop-Referenzen und einem angenehmen entwaffnenden Positivismus. Nice, aber ohne wirklich neuen Twist. Aber checkt auch mal den restlichen Label-Katalog.

Mein Hit: „The Beat That Ended“. Why: Weil der Beat danach gar nicht endet.


DJ Unisex „Chromatic Stimulations“ (Self Learning System)

Ähnlich oldschool und analog-pluckernd ist die dritte EP von Self Learning System. DJ Unisex nimmt uns hier mit auf eine obskure Reise durch dunkle retro-futuristische Soundwelten. Bei ihm gibt es aber dramaturgisch eine andere Spannung – viel reduzierter und recht trippy entfalten sich seine Tracks, was sehr gut kommt und dem Machine Funk eine zeitgenössische Note verleiht. Vor allem die Intro- und Outro-Tracks sind echte Killer.

Mein Hit: „Desire“. Why: Weil die manisch-hektischen Synth-Schleifen einen direkt fesseln.


Philo & Dreadmaul „Do It Right / Shame Bats“ (Defrostatica)

Damit zu Defrostatica. Das Leipziger Breaks-Label hat 2022 einen extrem hohen Output hingelegt – sowohl qualitativ als auch quantitativ. Ende September kamen zwei Ergebnisse aus einer gemeinsamen Session von Philo und Dreadmaul heraus. Die beiden haben in der Pandemie mit gemeinsamen Produktionen begonnen und ihre Zusammenarbeit weiter vertieft. Und da hat offenbar einiges gefunkt: „Do It Right“ nimmt sich unheimlich viel Zeit für ein sphärisch mäanderndes Intro, um dann plötzlich zu einem sehr hymnischen, sehr einnehmenden Jungle-Track zu mutieren. „Shame Bats“ knallt dagegen mit gerader Bassdrum und rougheren Rave-Elementen durch die Anlage. Zwei sehr gegensätzliche, aber sehr starke Tracks.

Mein Hit: „Do It Right“. Why: Weil hier story-mäßig sehr großes Kino aufgefahren wird.


Sun People „Into The New“ (Defrostatica)

Mitte Oktober kam dann auch direkt der nächste Release von Defrostatica. Sun People aus Graz ist kein Unbekannter bei dem Label. Und er erweitert das eh schon offene Soundspektrum von Defrostatica noch einmal deutlich. Seine „In The New“-EP mergt ultra präzise und super schnell uplifting Jungle-Vibes mit Techno und dubbigeren Momenten. Dies ergibt in nur vier Tracks eine unglaublich vielschichtige und pulsierende EP mit einigem Dancefloor-Hit-Potenzial. Mehr Worte braucht es dazu gar nicht. Wow!

Mein Hit: „State Of Flux“. Why: Weil es sich so komprimiert und powerful losreißt und sich der Sonne öffnet.


Square7 „Cosmic Chaos“ (Self Learning System / Defrostatica)

Ende September veranstalteten Defrostatica und Self Learning System übrigens zusammen eine Party in der Distillery. Vorab erschien dazu eine gemeinsame EP, auf der Square7 (alias Booga) einen lässig tänzelnden, fast schon wavigen Jungle-Track beisteuert, der von Sun People und Friedrich Ernst geremixt wurde. Während die Defrostatica-Fraktion eher düster und treibend zwischen Techno und Jungle entlanggleitet, geht der Self Learning System-Part voll auf dubbigen Electro-Funk. Das matcht so gut, davon kann es gern noch mehr geben.

Mein Hit: „Cosmic Chaos“. Why: Weil das Original mit sehr eigener Sound-Ästhetik beide Labelwelten bestens verbindet.


Klinke Auf Cinch „Void EP“ (Old New Records)

Nach all den eher hektischen Sounds Bock auf etwas Deep House? Dann sollte die neue Old New Records-EP passen. Anfang September released ist „Void“ ein perfekter Spätsommer-Open-Air-Track. Mit seinen souligen Vocals, Gitarren- und Trompeten-Einschüben wird hier nahezu perfekt die Deep House-Klaviatur abgespielt. Aber mit einem angenehmen Understatement. Der „Club Edit“ betont dann die Dancefloor-Euphorie nochmals stärker, während die Remixe von Metaboman, Siggatunez und Kaep mehr forschend herangehen und den Dancefloor nicht vordergründig im Blick haben.

Mein Hit: „Void (Kaep Remix)“. Why: Weil hier mit dezenten Deplatzierungen eine komplett neue Welt geöffnet wird.


Robyrt Hecht „Yskayan Knowledge“ (Yuyay Records)

Ok, das war es aber auch schon wieder mit Deep House – es geht zurück zu verspieltem Electro. Robyrt Hecht ist mal nicht auf Clear Memory zu hören, sondern auf seinem eigenem Yuyay-Label. Immerhin das erste Mal seit über zwei Jahren und auf Vinyl. „Yskayan Knowledge“ liefert sechs pulsierende Electro-Tracks, die mal mystisch, mal funky klingen. Herausgekommen ist ein Mini-Album, bei dem es auch inhaltlich eine zweite Ebene gibt, bei der es um das Teilen von Wissen einer unbekannten Spezies geht. Nice one!

Mein Hit: „Knots“. Why: Weil das gedrosselte Tempo und die Glitches hier eine sehr schöne Spannung erzeugen.


Jotel California „Airwavez EP“ (Inch By Inch)

Was übrigens auffällt: Der Trance- und Rave-Hype der Dancefloors findet bisher kaum auf Leipziger Label-Ebene statt. Eine Ausnahme ist hier aber die letzte Inch By Inch-EP – wenn auch nur beim Intro-Track der „Airwavez“-EP. Der Berliner Producer Jotel California ist sonst eigentlich auch eher im Electro unterwegs. Bei „Airwavez“ ist ihm aber ein sehr zeitgenössisches Breaks-Trance-Stück gelungen, das auch ganz unironisch funktioniert. Beim Rest der EP pluckern dann jedoch die Electro-Beats und Basslines wieder munter vor sich hin – wobei auch hier ein paar interessante Sound-Merges auszumachen sind.

Mein Hit: „Manta Fever“. Why: Weil hier tatsächlich Electro und Big Room-Elemente aufeinanderprallen.


Data Theft „Data Theft“ (Rat Life Records)

Und noch einmal peitschende Electro-Breaks-Hybride. Dieses Mal von Rat Life Records, dem Label von Credit 00. Er hat Data Theft für eine 6-Track-EP eingeladen, auf der sich die Genres pulverisieren. Zwar geht es recht classic mit Electro los, doch ab dem zweiten Track lösen sich die klaren Bereiche auf. Da werden Amen-Breaks in einem seltsam blutleeren Kontext losgelassen, da rasseln dubbige Breaks-Loops vor neurotischen Soundschleifen und zum Schluss bohren sich fies tief drückende Beat-Experimente direkt ins Ohr. Definitiv eine EP, die nachhallt.

Mein Hit: „Amen Code“. Why: Weil diese unterkühlte Atmosphäre dem Amen Break noch einmal ganz andere Wendung gibt.


Jinge „Cygnis“ (Planet Almanac)

Oha, diese EP wäre mir beinahe untergegangen. Dabei markiert sie das Comeback des Leipziger Labels Planet Almanac. Fünf Jahre nach dem letzten Release gibt es nun endlich wieder Sounds vom Almanac. Wer es nicht mehr auf dem Schirm hat: Das Label wurde 2015 von DJ Shikoba gegründet und ist eine Plattform für experimentellere Sounds – für Performances und special Dancefloors. Auch die „Cygnis“-EP startet fordernd und faszierend zugleich. Der derzeit in Teheran lebende Producer Jinge vertont mit verschiedenen Instrumenten, Effektgeräten und Synths einen fiktiven Ausflug in den Dschungel. Geheimnisvoll und durchaus bedrohlich klingt das zum einen, aber genauso ist es voller Leben und Überraschungen. Dass der 13-minütige Track einiges an interessantem Remix-Material bereithält, zeigen die vier Remixe zu „Cygnis“. Carlotta Jacobi reduziert die Atmosphäre maximal und überträgt es in einen Techno-Sog. Nikoslav Nachhall und Gilb’R spielen dagegen mehr mit House-Elementen, was noch genügend Raum für die vielen Sounds des Originals lässt. Tolle EP zwischen Club und Galerie.

Mein Hit: „Cygnis (Gilb’R’s Ornamental Monster)“. Why: Weil hier ein unglaublich guter Deep House-Track entstanden ist.


Kontinum / Eulogy „Sectarian II“ (Proseleytizing)

Ja, nach Connwax ist auch mal wieder Zeit für Techno. Proselytizing ist ein weiteres Leipziger Label, das wir noch nicht auf dem Schirm hatten. Nun also hier ein paar erste Worte. Denn Anfang Oktober erschien dort eine Split-EP mit zwei verschiedenen Techno-Ansätzen. Kontinum startet straight und düster. Eulogys zwei Tracks öffnen sich dagegen auch einer breakigeren Seite. Was sie alle eint, ist eine dystopische Grundstimmung mit rau-verschraubten Synth-Sounds. Stabil.

Mein Hit: „Avalanche“. Why: Weil der Track ohne große Klimax die Spannung hält.


Workshop „Chapter One & Two“ (O*RS)

Im September und Oktober gab es auch mal wieder ein Wiederhören mit Filburts Label O*RS. Auf zwei Digital-EPs präsentiert Workshop seinen durchaus eigenen und vielseitigen House-Ansatz. Egal ob deep oder discoid – bei Workshop gibt es offensichtlich immer einen leichten Dreh in experimenterelle Ebenen. Da treffen klassische Club-Hymnen-Elemente auf dubbige Verschrobenheit und viel Verspieltheit – aber ohne überladen zu klingen. Genau dafür ist O*RS immer noch extrem wichtig.

Mein Hit: „Dresche im Baellebad“. Why: Weil Deep House hier eine Gitarren-Dresche bekommt.


Salomo „RM12018.1 (Water) / RM12018.2 (Land)“ (R.A.N.D. Muzik)

Und falls ihr dachtet, es gibt eine „New In“-Ausgabe ohne R.A.N.D. Muzik – forget it. In den letzten beiden Monaten kamen zwei EPs heraus – eine Doppel-EP von Salomo. Einmal eine „Water-“ und dann eine „Land-Edition“. Der Unterschied? Ich höre keinen. Beide EPs liefern sehr gutes Futter für den aktuellen, erstaunlich credibilen Progressive-Trance-Tech-House-Hype. Da tänzeln die Synth-Fluids im Spotlight zu durchaus bouncy Bassdrums – mit einiger Patina in den Sounds, aber auch viel Freude. Ja, bei Salomo herrscht an Land und zu Wasser einiges an Happiness. Why not?

Mein Hit: „Elevate“. Why: Weil die verspielten Harmonien und die breakigen Beats hier bestens verschmelzen.


Reflex Blue „Free002“ (Breakfree Records)

Zum Schluss noch die zweite EP des neuen R.A.N.D.-Sublabels Breakfree Records. Dieses Mal von Reflex Blue aus Melbourne, der auch schon auf dem Hauptlabel eine EP hatte. Auf „Breakfree002“ wird das Trance-Game komplett durchgespielt. Mit hektisch flirrenden und verschlungenen Synth-Harmonien, punchy Bassdrums und prägnanten Acid-Schleifen. Ein Sound also, der gerade mitten in der Gegenwart ist – aber eigentlich voller Reminiszenzen steckt.

Mein Hit: „Kangaroo Jack“. Why: Weil hier mit Downbeat-Appeal der Trance-Rave eingeläutet wird.


KW 44 – Samstag

Am KW 44-Samstag ist das Tempo etwas gedrosselter – und mit ein paar echten Headliner:innen.

Partyname: Clubnacht
Zeit:05.11.2022, 23:59 Uhr
Location:Institut fuer Zukunft
Acts:Kangding Ray, Fr.Jpla, Perm, Kush Jones, Rarri

Yeah, Kangding Ray hat nicht nur kürzlich ein neues Album veröffentlicht – nach fünf Jahren. Er ist an diesem Samstag auch als DJ zu erleben. Während der Producer auf seinen Studio-Tracks eher forschend unterwegs ist, sind seine DJ-Sets straighter und sphärischer Techno.

Auf Trakt II gibt es ebenfalls einen spannenden Gast: Kush Jones mixt sich sehr smart entlang der House-, Electro- und Footwork-Grenzen


Außerdem heute:

Long Vehicle Top Tourist – Distillery, 23:30 Uhr – House und Techno mit Gathaspar, Map.ache. Sevensol, Reece Walker & Salomo, Hannie Phui, Ateq, Good News, Yamour

Twisted Dreams – Mjut, 23 Uhr – House und Cosmic mit Jewelry, Enrica Falqui, Denis b2b Commotron

Made2Fade – Elipamanoke, 23:55 Uhr – Techno ohne Line-up, volle Überraschung

Sportbass – Neue Welle, 23 Uhr – Hip & Various Bass Sounds mit Coco Bryce, Nova Cheq, Robin Tasi, Bunny Tsukino, RST98, Freya K.kies (Einmietung)

KW 44 – Freitag

Und hier gibt es noch einen interessanten Konzertabend heute – bevor es später vorwiegend schnell und hart wird.

Partyname: Bells Echo Interim
Zeit:04.11.2022, 19 Uhr
Location:UT Connewitz
Acts:Ben Frost, Moritz Fasbender, Corecass

Neulich hatten wir es schon angekündigt: Die spannende Konzert-Reihe Belle Echo kehrt zurück aus ihrer über zweijährigen Pause. Und das mit einem großartigen Line-up. Mit Ben Frost, Moritz Fasbender und Corecass gibt es drei sehr verschiedene Ansätze der dunklen, experimentellen, elektronischen Musik zu erleben.


Außerdem heute:

Young Shields – Neue Welle, 23 Uhr – House und Electro mit Luzie, Bobbie und FAQ

[ˈklʊpnaxt] × Proper Pull – Mjut, 23 Uhr – Local & Uprising Acts zwischen Breaks, House, UK, Rave, Pop und Techno mit GlutenfreeGhettoGirlz, Saucy Raúl, Proper Pull, Dj Tudor b2b Yung Jacop, Alfalfa, Mephis, Leeza, Mara

Oxid Invites Girlcast – Distillery, 23 Uhr – Hard-Tek, Trance und Rave mit Klaudia Kowalski, Xynia, Monsoon Traxx, Aurum, K1ko, Josephine Voigt, Basswell, Jaszaloth, Amøn B2b Jonas Uhrner, Schicktanz, Mondel Arenov B2b Ovation

Trancegedance – A Psychedelic Spacewalk – Elipamanoke, 23:59 Uhr – Goa und Psy-Trance mit Psidelicat, Lebendige Menschen, Ánimo, Goagraf, Acid Goldee aka Lars (Goldee) Goldammer, MO, Bratanova33, Anoxia b2b Justech, Phara-O

KW 44 – Donnerstag

Dieses Wochenende startet schon früher – denn heute gibt es mit Vektor ein spannendes Konzert im IfZ, präsentiert von frohfroh.

Partyname: Vektor II
Zeit:03.11.2022, 20 Uhr
Location:Institut fuer Zukunft
Acts:Fragmentiert, Hundertsaiten, Nema, U+00C5

frohfroh presents: Vektor II – die zweite Auflage einer besonderen Konzert-Reihe. Dieses Mal widmen sich die Musiker:innen künstlerisch den Konzepten der Skalierbarkeit und Skalen – und das sowohl zwischen düsterer Electronic und avantgarder Klassik sowie Experimental-Techno und Visuals.

Es geht pünktlich 20 Uhr los, ab 23 Uhr startet dann die IfZ-Donnerstagsreihe Input in die Nacht – heute mit Reziprok, Namlitt und V:Sonntag.


Außerdem heute:

Biodiviersitätsshow – Distillery, 20 Uhr – Zweiter Termin mit Dominik Eulberg, der in einer audiovisuellen Show den Reichtum der Natur zeigt

TransCentury Update 2022

In zwei Wochen ist es endlich soweit – das TransCentury Update lädt zu vier Tagen voller musikalischer Entdeckungen ein. Hier könnt ihr euren Festivalplan zusammenstellen.

„Back to listening“ heißt das diesjährige Motto des fünften TransCentury Update-Festivals. Und dieses Jahr klappt es tatsächlich. Nachdem das Festival im letzten Jahr kurzfristig wegen verschärfter Corona-Maßnahmen abgesagt wurde, ist die Vorfreude dieses Jahr umso größer.

2022 bietet das TransCentury über vier Tage und sechs Locations hinweg ein spannendes Musik- und Kulturprogramm mit Sounds aus Indie, Kraut, Rock, Electronica und Experimental. Mit bekannteren Acts und vielen tollen Neuentdeckungen. Hier ist das gesamte Programm im Überblick und zum Vorhören (für jeden Tag gibt es eine eigene YouTube-Playlist):

Donnerstag, 10. November 2022 – UT Connewitz

What Are People For?
Kit Sebastian
Ezra Furman


Freitag, 11. November 2022 – UT Connewitz / Conne Island / Ilses Erika

Omni Selassi
Horse Lords
Crack Cloud
Anadol
Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp
The Comet Is Coming
Baby’s Berserk
Flying Moon In Space


Samstag, 12. November 2022 – Südbrause / UT Connewitz / Conne Island

13 Year Cicada
Reymour
Trees Speak
Anika
Lassie
Amyl & The Sniffers
enelRAM


Samstag, 12. November 2022 – Schnellbuffet / Galerie KUB / UT Connewitz

Future Sounds: Christoph Dallach & Andreas Dorau
Caroline
Mabe Fratti
Flore Laurentienne


Tickets?

Das große Festival-Ticket ist bereits sold out, auch für Samstag gibt es nichts mehr. Aber für die anderen Tage könnt ihr euch hier noch ein Ticket sichern.

Zur weiteren musikalischen Vorfreude empfehlen wir auch das digitale Mixtape auf der Festival-Website. Dort könnt ihr in zwei Sets in das gesamte Spektrum des diesjährigen TransCentury Update-Festivals eintauchen.

Bells Echo 2022

Bells Echo ist zurück – die aufwändig produzierte Konzertreihe für experimentelle Musik und Visuals findet am 4. November 2022 nach 2,5-jähriger Pause wieder statt.

Seit 2015 lotet die Konzertreihe Bells Echo die Spannungsverhältnisse zwischen zeitgenössischer Musik, visueller Kunst und historischer Architektur aus. Nach mehreren Konzerten in der Lindenauer Philippuskirche gab es 2019 den vorläufigen Höhepunkt in der ebenso monumentalen wie dystopischen Krypta des Völkerschlachtdenkmals. Seitdem war durch Corona Stille um Bells Echo.

Neben verschiedenen eingeladenen Musiker:innen wie N., Warm Graves oder Walder begeisterte Bells Echo auch immer wieder durch düster-elektronische Kompositionen der beiden Initiatoren Alex Röser und Stefkovic van Interesse. Zusammen mit dem Visual-Artits Gen P entwickelten sie neue Stücke, die mit den jeweiligen Räumen interagierten.

Planungen für eine Neuauflage gab es schon länger – aber die Situation war in den vergangenen zwei Jahren zu unsicher. „Und es bestand mehr als nur einmal die Gefahr eine solche Veranstaltung in Zukunft nicht noch einmal ausrichten zu können“, heißt es in der Pressemitteilung.

Am 4. November 2022 klappt es aber – nicht wie ursprünglich geplant in der Schaubühne Lindenfels, sondern im UT Connewitz. Mit Ben Frost ist dort ein Act aus Australien eingeladen, der international für seine darken Ambient-Sets gefeiert wird – und den die Bells Echo-Crew schon lange einladen wollte. Aktuell lebt er auf Island und ist auch als Filmkomponist tätig, unter anderem für die Serie „Dark“.

Außerdem sind Moritz Fasbender aus Leipzig und Corecass aus Hamburg mit experimentellen und teils düsteren Live-Sets zu erleben. Erstmals bekommt Gen P mit der Nürnberger Visual-Künstlerin Hannah Grünwald einen interessanten Sidekick bei der visuellen Gestaltung des Abends. Eines überaus spannenden Abends sogar.

>> Tickets gibt es online bei TixForGigs <<

Die Distillery braucht frische Luft

In diesem Jahr feiert die Distillery ihr 30-jähriges Bestehen – nicht unbedingt entspannt. Denn es stehen einige Veränderungen an, bei denen auch ihr mithelfen könnt.

Zuerst einmal: Happy Birthday von frohfroh. Und ein riesen Respekt für diese lange Zeit. Es gibt kaum Clubs, die so lange existieren und weiterhin einen derart guten Ruf in der Clubszene genießen.

So groß der Grund zum Feiern ist, so groß sind auch die Herausforderungen, vor denen die Distillery aktuell und in naher Zukunft steht. Noch bis Ende Februar 2023 kann der Club an seiner aktuellen Location in der Kurt-Eisener-Straße bleiben – danach ist dort Schluss.

Da sich das ambitionierte Zukunftsprojekt Gleisdreieck noch einige Jahre hinziehen wird, in dem die Distillery eine neue langfristig sichere Homebase erhält, braucht der Club eine Interim-Location. Und die gibt es bereits: die Messehalle 7 auf der Alten Messe Leipzig.

Die Vorbereitungen für den Umzug dorthin laufen bereits – und die ersten Bilder sehen sehr viel versprechend aus und deuten auf ein Ambiente im DDR-Minimalismus der 1970er Jahre hin.

Neben dem Club sollen hier künftig auch Proberäume und Studios für lokale Musiker:innen unterkommen.

Allerdings muss in der Location noch einiges gebaut werden. Unter anderem ist eine neue Lüftungsanlage nötig.

Kein kleiner finanzieller Posten – und hier seid ihr gefragt: Die Distillery hat auf Startnext eine Crowdfunding-Aktion gestartet, mit der sie 50.000 Euro einsammeln möchte – damit es in Zukunft genug frische Luft im Club und in den anderen Räumen gibt.

Also, wenn ihr Lust habt, die Distillery zu unterstützen und einen Beitrag für den Erhalt eines wichtigen Teils der Leipziger Clubkultur leisten möchtet, dann macht mit – entweder mit einer Spende oder indem ihr euch im Gegenzug Distillery-Merch sichert. Bis zum 20. Januar 2023 läuft die Aktion.

Bild-Credit: Distillery