KW 23 – Samstag

Nach etlichen Wochen zwischen Lockdown und Lockerungen, Lockerungen und Lockdown ist er zurück: der Teergarten des IfZ! Heute und morgen gleich mit einem besonderen Anlass, denn die zweite IfZ-Platte erscheint (endlich).

252 Tage ohne Teergarten! Zeit fürs Reopening. Gleichzeitig feiert das Institut fuer Zukunft das 7 I X Vinylrelease vor, mit exklusivem Presale am Eröffnungswochenende. Außerdem: Mehr Platz, mehr Pizza, weniger Barrieren. Lasst euch vom Rest überraschen.

Line Up

Samstag 12. Juni 17 bis 23 Uhr

Subkutan
Carlotta Jacobi


Sonntag, 13. Juni 16 bis 22 Uhr

Lydia Eisenblätter
HAL

Enjoy + keep safe!

Hygieneregeln & Infos

Check-In mit Corona Warnapp (am besten schon Zuhause installieren, falls noch nicht vorhanden: https://bit.ly/3x2fDuy)
AHA-Regeln (Abstand halten, Hände desinfizieren, FFP2-/medizinische Maske in Innenräumen)
Barrierefreier Zugang zum Teergarten inkl. Toiletten
EC-Kartenzahlung an der Bar möglich (am Einlass leider nicht)
Sollte die Testpflicht bis zur Eröffnung nicht entfallen, gilt:
Tagesaktueller negativer Schnelltest (KEIN Selbsttest)
ODER Nachweis über vollständige Impfung (die mind. 14 Tage zurück liegt)
ODER Nachweis Genesung (mind. 28 Tage alter PCR-Test)
Kostenlose Teststationen findet ihr hier: https://bit.ly/2SlMUCi

Mehr Infos findet ihr bei Insta und Facebook.

WERT-Kollektiv – #JahrderResonanz in der Galerie KUB

Das WERT-Kollektiv aus Leipzig durfte den Raum der Galerie KUB mit ihrem Open-Space-Projekt „Resonanz“ einnehmen, vielmehr vereinnahmen und gleichzeitig freigeben.

Wer die Galerie KUB kennt, kennt den White Cube-Flair des Raumes, der als Gastgeber:in für Kunst und Performances fungiert; aber auch den fast gegensätzlich-gemütlichen, warm-atmosphärischen Hof, in dem geraucht, getrunken und gesprochen wird. Unter der Überdachung im Innenhof wurde – unter Corona-Bedingungen – die letzten zwei Wochen räsoniert, diskutiert, gegessen und gebaut – denn das WERT-Kollektiv aus Leipzig durfte den Galerieraum mit ihrem Open-Space-Projekt „Resonanz“ einnehmen, vielmehr vereinnahmen und gleichzeitig freigeben. Wir haben die Macher:innen bei Regen und Sturm unter genau jener Überdachung zum Interview getroffen. 

Resonanz

Maxim schließt sein Auto vor der Galerie KUB ab, er hat gerade noch Instrumente und Technik für die anstehende Aufnahme abgeholt. Durch die hohe Glastür erkennt man einen großen Bildschirm, auf dem Videos laufen. Die Videos stammen aus dem letzten Jahr, als Maxim Maximovich Chuvarov Kraszavin, Marc Frey und Florian Fraust, das Herz des Kollektivs, schon einmal im KUB zu Gast waren.

Das aktuelle Projekt, das unter dem Namen „Resonanz“ und dem Hashtag #JahrderResonanz erneut in den Räumen der KUB residiert und entsteht, findet eben gerade in diesem Moment statt, als wir noch vor der Tür stehen und auf den Bildschirm mit den Videos des letzten Jahres schauen. Und davor und danach, eigentlich ohne Pause. Resonanz ist eine Mischung – überbordend, interdisziplinär, spontan, spannend – aus Performance, Projektion, Musik, Prozessen und Kollaborationen. 

„Zugewandtheit ist die Basis für Resonanz“

Um es kurz zu erklären: „Resonanz“ ist ein Open-Space, der von unterschiedlichsten Künstler:innen besetzt und sprichwörtlich gefärbt wird. Die Künstler:innen kommen aus dem Kreis des WERT-Kollektivs oder haben sich kurzfristig beim Open Call via Instagram angemeldet. Die Performances sind dabei so unterschiedlich wie die Ausgestaltung selbst: Mal ist es eine Lichtinstallation, mal spielt eine Band, es entsteht ein Kunstwerk auf Leinwand, ein Gitarrist oder eine Violinistin spielen, mal ist es ein DJ-Set, mal wird das Ganze tagsüber, abends oder nachts aufgeführt. Gemeinsam ist ihnen nur, dass die Aufführungen vom Wert-Kollektiv gefilmt, begleitet und mit aufwändigem Licht umhüllt werden. 

Technik-Support kommt hier von der Kulturlounge, Getränke und Essen von der Galerie KUB; und wann immer eine Leiter gebraucht wird, um etwas an der fünf Meter hohen Decke anzubringen, wird das Netzwerk befragt: wer aus dem Conne Island, dem Institut fuer Zukunft oder dem UT kann aushelfen? Und irgendwie funktioniert es dann auch immer. 

Seit zwei Wochen sind die Macher:innen fast pausenlos in der Galerie, filmen, setzen, planen, verschieben, fotografieren. Den Projektnamen und „was sie da eigentlich machen“, beschreiben sie als Bündelung von kreativer Energie:

Jedes Lebewesen ist Schwingungen ausgesetzt. Aber diese Schwingungen können erst dann erhört, gespürt, erlebt oder irgendwie anders wahrgenommen werden, wenn es einen Resonanzkörper gibt, der diese Wellen reflektiert; sozusagen einen Widerhall erzeugt, was im Übrigen auch die lateinische Entsprechung dieses Begriffs ist. Dies gilt ebenso für uns, wir möchten einen Widerhall erzeugen, provozieren, wir möchten Menschen in Schwingungen versetzen, Resonanzräume bauen und bieten, selbst mitschwingen um ein Vielfaches zu erzeugen. Dabei sind wir als Kollektiv darauf fokussiert, positive und kreative Energie zu bündeln und festzuhalten.

Sie wollen, gemeinsam mit den beteiligten Künstler:innen, den Begriff Resonanz in allen Facetten ergründen. Im Begleittext zu ihrem Projekt schreiben sie: „Schließlich ist seine Bedeutung in der Physik eine feste Wertgröße. Musik könnte ohne Resonanz gar nicht konsumiert werden und in der Soziologie hat jüngst erst Hartmut Rosa mit “Resonanz„ (2016) seine Antwort auf die Frage der “Beschleunigung„ (2005) formuliert. So universell sich die Definition und Resonanz verwenden und beschreiben lassen, so vielfältig möchten wir der Idee von Resonanz Ausdruck geben und Raum verleihen.“ 

So theoretisch wie diese Ausführung fühlt sich „Resonanz“ on location dann gar nicht an – zum Glück? Die Videos, mit Nebel, Licht, mit und ohne Musik, die Prozesse, die ineinander greifen, werden nach und nach unter www.wasistwert.info allen Interessierten zugänglich gemacht.

Bei den aufwändigen Produktionen erübrigt sich die Frage, was in der Zukunft ansteht – die Nachbearbeitung und Sichtung des Materials wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Aber abgeschlossen ist das Projekt auch dann nicht – zum Glück – denn nicht nur Marc wünscht sich jedes Jahr in der Galerie KUB zu sein, um Künstler:innen einen Raum und eine Plattform zu bieten, ihre Kunst zu zeigen, zu entwickeln und Netzwerke aus- und aufzubauen: „Und das Alles mit noch mehr Künstlerinnen und Künstlern – noch mehr Durchdrehen“, lacht er. Maxim hat ebenfalls nicht vor, das Projekt nach der Veröffentlichung der Videos abzuschließen: „Wir werden immer neue Begriffe finden, die wir neu besetzen und hinterfragen können.“

Auf das #JahrderResonanz folgt also sicher ein weiteres WERT-Kollektiv-Projekt. Zum Glück!


Einen Vorgeschmack auf die entstandenen Videos seht ihr via Instagram beim WERT-Kollektiv @wasistwert.

oder bei den teilnehmenden Künstler:innen (Auswahl):

KABOROS (@kaborosmusic) – PONGA MI$$I (@pongamissi) – MELANKA PIROSCHIK (@melanka_piroschik) – ALEXANDER KORUS (@50er_scherge)

Resonanz 2020 – #JahrderResonanz: Marc Frey (WERT) – Maxim Maximovich Chubarov Kraszavin (WERT) – Florian Fraust  (VJtengen / Kulturlounge) – Karl T. Krönert (Kulturlounge) – KABOROS – Ponga Mi$$y – Alexander Koru – Tom Schauenburg  (B.Rauschung / T. Schaui) – #≠ / hashtagdifferent – Merlin Schikora – Melanka Piroschik – Snir Oron – Pierre Eichner (Kulturlounge) – Gobbo – Merlin Schikora – Hakim Azmi – Denis Cvetkovic – Aliya Sayfart – Eliya Aran – Maxim Lobachev 

In Kooperation und mit Hilfe von: Kulturlounge – naTo – Conne Island – hitness.club – netzwerk.exe – Chefetage – Jamie Bullers – Galerie KUB

Track-Premiere – Lydia Eisenblätter „Keep On“ (VAYA)

Heute dürften bei der Leipziger Crew VAYA die Sektkorken knallen – denn die erste VAYA-Compilation auf Vinyl erscheint. Wir freuen uns, einen Track daraus als Premiere vorstellen zu dürfen.

VAYA, das sind vier DJs, Promoter*innen und Radio-Hosts, die seit rund vier Jahren die Leipziger Elektronik-Szene mit Podcasts, Interviews und DJ-Sets bereichern. Nun wollen sie den Clubs etwas zurückgeben: Alle Erlöse der ersten VAYA-Compilation gehen an das Live Kommbinat und damit an die Leipziger Clubs. Eine schöne Geste und eine wirklich gelungene und diverse Track-Zusammenstellung ist bei diesem Projekt herausgekommen.

Lydia Eisenblätter startet die Compilation mit einem Power-House-Track. „Keep On“ pusht mit mächtigen Bassdrums und klassischen Deep-House-Elementen voran. Mitreißende Chords, ein paar beiläufige Soul-Vocals und schon brennt der Dancefloor.

Auch danach geht so erfreulich weiter. Mit eher sperrigen und düsteren Tracks von Subkutan und Varum bekommt die Platte noch einmal eine komplett andere, sehr spannende Nuance. Filburt und Mbius erweitern ihrerseits den House-Rahmen, der bei VAYA ja auch immer eine große Rolle spielt. Und mit Josi Millers „Golden Ivy“ kommt noch ein herrlich erfrischender und leichtgängiger Hauch UK-Sound auf die Compilation.

Besser könnte der Vinyl-Einstand nicht gelingen. Also, bei Bandcamp ordern, Freude haben und den Clubs etwas Gutes tun.

Modellprojekt Kultur in Leipzig startet

Reallabor und Modellprojekt: Die sichere Durchführung von Veranstaltungen unter Pandemiebedingungen wird im Mai und Juni in Leipzig erprobt. Mit dabei ist auch das Werk2, die Moritzbastei und die Distillery.

Um der Bandbreite der Leipziger Kultur gerecht werden zu können, werden mit wissenschaftlicher Begleitung und digitaler Kontaktverfolgung innerhalb von 4 Wochen verschiedene Veranstaltungstypen gestestet, schreiben die Modell-projekt-Macher:innen auf ihrer Website. Und zwar: Theater & Kabarett, Kinder- & Sitzkonzerte, Song Slam & Open Stage, Thomanerchor & Tanz.

Zurück zur Kultur mit Umfragen & Tests

Allen Veranstaltungen ist gemeinsan, dass es Umfragen und Nachtestungen gibt, mit deren Hilfe so genau wie möglich herausgefunden werden soll, wie trotz Pandemie Kultur ein Bestandteil unseres Alltags sein und bleiben kann. Mit dabei sind unter anderem das Werk 2, die Moritzbastei und die Distillery. Die Veranstaltungen sind im Mai und Juni.

Alle Infos dazu findet ihr unter modellprojekt.dasistleipzig.de

Alphacut im Zeichen von Licht und Schatten

Premiere bei frohfroh – wir haben Booga bei uns an Bord für Breaks- und Bassthemen. Zum Einstand gibt er einen Überblick, was bei LXCs verschiedenen Labels in letzter Zeit alles passiert ist.

Es ist ein Ausdruck konzeptioneller Stärke von LXC, die neuesten Veröffentlichungen seines Hauses in Balance zu halten. Die „Dark Mentors“-EP steht dabei auf der einen, die „Raumwerk“-EP auf der gegenüberliegenden Seite. Beide ergänzen einander wie eine perfekte Nacht im Club, in der auf die Extase im Dunkeln das Nachschwingen im Hellen folgt.

Der Leipziger Breakbeat Aficionado gründete Alphacut 2003 als Vinyl-Tobeplatz für DIY-Jungle- und Drum & Bass-Produzent:innen mit einer Schwäche für die harten Ränder der Genres. Zu diesem Zeitpunkt hätte die Bezeichnung „Vinyl Only“-Label keinen Sinn gemacht. Heute lohnt sich die Erwähnung, denn die Ergebnisse langer Förder- und Forder-Kommunikation mit dem weltumspannenden Künstlernetzwerk werden nach wie vor ausschließlich in schwarze Rillen gepresst und landen in Schallplattenläden – ebenfalls weltweit.

Demegy & LUI – Raumwerk EP / ACA X

Alpha Cutauri Nummer 10 ist ein Deluxe-Objekt, eine Geschenkbox die hält, was sie visuell verspricht. Außen Sternen-Konfetti, innen Space-Keks-Geschmack. Die besprühten Klarsichtfolien sind Einzelanfertigungen, keine zwei Marmormuster-Schallplatten gleichen einander. Immerhin variiert nicht die Trackreihenfolge. Denn auch diese ist natürlich Teil des Alpha Cutauri Reise-Konzepts: vom Partikel zum Modul, vom Kleinen zum Großen, von der Gänsehaut bis zur Dopamindusche. 

Die A-Seite testet mit Klaustrophon und Stolpergeist die Synapsen der Minimal Drum & Bass-Fans sensibel auf Kompatibilität. Was dBridge und Instra:mental vor zehn Jahren in ihrer Podcast-Revolution „Club Autonomic“ strategisch mit der Entkopplung der Sci-fi Ästhetik im Drum & Bass von den zunehmend seelenlosen Totproduktionen gelang, hat viele Künstler:innen inspiriert.

Auch Demegy & LUI halbieren das klassische D&B-Tempo, erhalten die Ästhetik der Autonomic Ära und fügen dennoch eine musikalische Schattierung hinzu, die sich mit denen von Consequence, ASC oder Abstract Elements ergänzt. Die Lust der beiden Wahl-Leipziger an der zunehmenden Signalreduktion auf der A-Seite, um eine Schärfung der Sinne herbeizuführen ist spürbar und faszinierend. Insofern entsprechen beide Tracks dem Voight-Kampff-Test aus Blade Runner: Die Prüfung misst Körperfunktionen wie Atmung, Herzfrequenz, Erröten und Pupillenerweiterung als Reaktion auf emotional provozierende Fragen. Wer zwinkert ist kein Haujobb.

Demegy & LUI – Flächenromantik / Video von Jonas Studer: http://www.jonasstuder.ch 

Vangelis, der die epische Filmmusik von Blade Runner komponierte, nannte seine Dopamin-Perle ganz unsubtil „Love Theme“. Demegy & LUI sind beim achteinhalb Minuten Epos „Flächenromantik“ ähnlich eindeutig, sie haben jedoch auf das Saxophon verzichtet. Nach dem ersten Drittel strukturiert eine gezähmte Machinedrum die Wohlfühlwogen in tanzbare Momente, die sehr lässig nichtweltliche Melodien streifen und unglaublicherweise bei 7:53 auf einen exzellenten Höhepunkt zuarbeiten. Es ist die Aufgabe der DJs dieser Welt, an der Stelle einen Amen-Tune aus dem Good Looking-Universum zu droppen, um einen kollektiven Antiklimax zu vermeiden.

Demegy & LUI – Synthoskop / Video von Christian Kroneck: http://www.kroneck.design​ 

Synthoskop ist das unumstrittene Highlight der EP, weil die Präzision der mechanischen Nanobot-Drums an den entscheidenden Stellen Platz macht für das analoge Aufreißen einer Iris angesichts einer neuen Welt. Oder wie es der Leipziger Producer BRKN1 auf den Punkt brachte: „Es ist der Soundtrack, den ‚Arrival‘ verdient hätte“. Der Leipziger Designer Christian Kroneck, vielen bekannt unter seinem DJ Alias Zapotek, hat dieses Full-Screen-Kunstwerk beeindruckend visualisiert.

Diese Platte ist ein außerordentliches Fest, bedenkt man, dass LUI eigentlich HipHop-Beats, Speedcore und Polka Mashup für Ringe Raja Records baut und Demegy als Cues oder Skeletor harten Drum & Bass ballert. Ich hoffe, dass LXC die beiden nach „Arrival“ nun zu „Exit“ überreden kann.

Various Artists „Darka Mentors“-EP / ACR 3010

Nach der außerweltlichen „Raumwerk“-EP nun zur dunklen Seite der Macht, die auf dem Mutterlabel Alphacut ihr Zuhause hat.

Ein Statement von LXC vorab: „Alphacut arbeitet auf Non-Profit-Ebene, die meisten Veröffentlichungen decken ihre Kosten, wenn überhaupt. Die Hälfte aller Einnahmen der „Dark Mentors“-EP wird an die Webster’s Amen Break Gesture-Kampagne II gespendet, die Gelder für den ursprünglichen Schöpfer des Amen Brother-Breakbeats von The Winston sammelt: Richard Spencer. Mit dem tiefsten Respekt für diesen Meilenstein eines Samples!“

Wenn du Jungle produzierst und bislang keinen Tune mit einem Amen-Break gemacht hast – bist du dann überhaupt ein Jungle Soldier? Das können sich alle Neuro-Leptiker:innen kurz fragen, wenn sie mal von ihrem Compressor-Spielzeugkasten aufschauen.

Erneut hat LXC seiner Labelmission Zucker gegeben und gleichzeitig Innovationen aus gestandenen Breakbeatzerbastler:innen im Umgang mit dem Rhythmikgrundgerüst des Genres rausgekitzelt. Auf der A-Seite treffen wir Sumone (Planet Mu) und Dan Miles (Alias Skubi auf Modern Ruins) und auf der AA-Seite Istari Lasterfahrer (Sozialistischen Plattenbau) und Ill_K (unter anderem Through These Eyes, Nord und re:st).

Sumones „Wicked Man Sound“ beginnt mixfreundlich mit luftig geschnittenen Kicks und Snares und überrascht im dritten Takt mit einer Conga-Figur, die jedem Demonic Records-Fan die Referenztränen ins Gesicht treibt. Denn hier wird sehr originell vor „Yo Bitch“ von Source Direct & Instra:Mental niedergekniet. Der Tune hält sich jedoch nicht mit Zitaten auf und wirft zielgerichtet Flächen vor die sich auftürmenden Amenbreaks. Der halbminütige Breakdown in der Mitte des Stücks ist der Glanzpunkt eines sehr soliden Bangers.

Non binary artist Dan Miles startet „Crash!“ mit einem Oldschool-Hiphop-Beat und wechselt dann schnell den Bus in Richtung Jungle War Dub. Solche Tracks sind üblicherweise nicht die am flüssigsten laufenden Amen-Versionen, sondern darauf angelegt, mit möglichst originellen Breaks die Leute zum Rewind-Fordern anzustacheln. Die B-Boy-Anleihe ist absolut mein Ding und ich bin mir sicher, dass der Tune richtig eingesetzt den Laden auf links drehen kann.

Istari Lasterfahrer haut mit „Echo Chamber“ das definierteste Stück der Platte raus. Mixbares 64-Takte-Intro, dann sperrig-präzise Synkopenschläge, die später von einer Percussionsmelodie gedoppelt werden. Digitals „Spacefunk“ schaut gütig runter von Cloud 9. Der Hambuger Mailorderbetreiber hat ein klassisches Geisterheul-Sample verarbeitet, deren Referenz mir jedoch partout nicht einfallen will. 

Der Bremer Ill_K shuffelt den Amen-Break gekonnt zu einem Halftime-Jungle-Track. Die Beats lassen pointiert Ride-Becken Raum, die wie Samurai-Schwertklingen aufeinander treffen. Insgesamt ist die Japan-Anleihe nicht so leichtfüßig wie das bei Photek der Fall war, definitiv eher Abteilung Godzilla. Wer gern melodische Jungle-Tracks mixt, wird sich über diesen „trockenen“ Amen-Banger als Brücken-Track freuen.

Bonus: Beide Seiten kommen mit Groove-Loops, die Elemente der jeweiligen Tracks aufweisen.

Bonus: The Duke Of Dub „Everything Gwan In

Ein weiteres Unterlabel des Alphacut Label-Imperiums ist 457, gewidmet dem Dubwise Jungle. Von Foundation Dub bis zu experimentellen Space Ausflügen presst LXC die Zwei-Track 7„-Schallplatten mit den großen Löchern mit viel Liebe zur Trackauswahl bis zur Gestaltung.

Auf der bald erscheinenden 21. Scheibe des Unterlabels tobt sich der Dresdner Suburban Trash-Don aka The Duke Of Juke aka The Duke Of Dub aus. Die Posaunen von Jericho tragen bei „Everything Gwan In“ sehr angenehm zu bedrohlichen und gut rollenden Halftempo Stimmung bei. In dreieinhalb Minuten erzählt der Duke eine kurzweilige Geschichte, die Jungle-Breaks dominieren nicht, treiben aber akzentuiert voran. 

„Fight Dub“ fängt wieder mit einem angedubbten 82 bpm-Beat an, der allen Mitnicker:innen das Grinsen bei „Ja Man“ in die Augen treibt. Doch der Duke belässt es nicht dabei, sondern holt zur Steigerung gut gechoppte Oldschool-Breaks aus der Schatzkiste. Dass im dritten Teil sogar noch Juke-Anleihen den Weg in den Tune finden ist ein bisschen der Hammer. Also für alle Footwork-Jungle-Freund:innen genau das Richtige.

Hier könnt ihr beides vorhören.

Lea Schröder zu Gast bei Rose & Crémant – dem Feminismus-Podcast

Eine Special-Folge von Rose & Crémant mit frohfroh-Autorin Lea Schröder und ihrer Recherche zu sexualisierter Gewalt in der Clubkultur ist online. Listen!

Im Gespräch mit Pola Nathusius und Ann-Kathrin Rose spricht Lea über ihr Feature Täter an den Decks, über den Umgang mit Betroffenen und die Täter-Opfer-Umkehr, die noch viel zu oft passiert.

Außerdem: Welche Strukturen Machtmissbrauch begünstigen, wie wir alle uns mit den Opfern solidarisieren können und warum viele Räume mit dem Label Safe Space doch nicht so sicher sind, wie man denken würde. Lea hat in ihrer Recherche bei uns aufgedeckt, warum häufig auch Freund:innen der Betroffenen häufig die Täter schützen und was sich ändern muss, im Umgang mit all jenen, die sexualisierte Gewalt erfahren.

Und dann gibt’s im Special von Rose & Crémant noch Tipps für die Zeit, wenn wir alle in den Club und an die Bar zurückkehren, denn dann können wir nicht nur alle wieder entspannt mit anderen ein Kaltgetränk zu uns nehmen, sondern uns auch mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt und Übergriffen solidarisieren.

Rose & Crémant – der Feminismus Podcast 

Mit Rose & Crémant ist Ende April der Feminismus Podcast an den Start gegangen, der lässig und radikal, kompromisslos und differenziert ist, schreiben die Macher:innen. Ann-Kathrin (AK) Rose und Pola Sarah Nathusius servieren in Rose & Crémant Genderthemen auf Eis. Sie diskutieren jede Woche über Feminismus, Gleichberechtigung und Emanzipation, die Frauenbewegung und Frauensolidarität.


Hier hört ihr Teil I & II des Features von Lea bei SoundCloud

Triggerwarnung: In diesem Teil des Features werden Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt und anderen extremen Grenzüberschreitungen explizit geschildert.

Täter an den Decks (Teil I-IV)

Teil I – Täter an den Decks: Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt durch Leipziger DJs
Teil II – Täter an den Decks: Was tun gegen sexualisierte Gewalt in der Clubkultur?
Teil III – Täterschutz in der Clubkultur: Welche Strukturen Täter schützen und sexualisierte Gewalt verharmlosen
Teil IV – Konsequenzen für Täter: Das kannst du tun, wenn du sexualisierte Gewalt im Kontext der Leipziger Clubkultur erlebt hast

DJane? Nein danke.

Ja, ich lege auf. Nein, ich bin keine DJane. 

Zwar ist das Wort DJane fest im deutschen Vokabular verankert; auf der Suche nach einer Frau, die auflegt und DJane genannt werden will, ist man – oder zumindest ich als Autorin dieses Artikels – jedoch ohne Erfolge. Wenn, dann wird dieses Wort gefühlt aus Unwissen, Unsicherheit, gutem Willen oder dem Bedürfnis, gendern zu wollen, verwendet. Viele wissen, dass das Wort veraltet ist, vielerorts wird der Begriff als „Unwort“ bezeichnet. Aber warum? Genauso unfruchtbar wie die Suche nach einer echten DJane war es auch die Recherche nach einem Text, der final aufdeckt, warum wir dieses Wort aus unserem Vokabular streichen sollten. Wir wollen deshalb ein für allemal besiegeln, warum weiblich gelesene DJs keine DJanes sind. – Ein Kommentar von Amy Woyth

Während im deutschen Wikipedia-Eintrag zum Terminus „DJ“ der vermeintlich weibliche counterpart noch im ersten Absatz der Begriffserklärung aufgegriffen wird, befindet sich das Wort DJane im englischen Wikipedia-Text deutlich weiter unten – und wird so erklärt: „a term describing female DJs used in countries such as Germany that employ grammatical gender in their languages.“ Aha. Obwohl sich auf der Suche nach der Begriffsherkunft nicht viel mehr ergibt, macht sich bemerkbar, dass dieses Wort wohl vor allem im deutschsprachigen Raum Verwendung findet. Im deutschen Eintrag lautet die Definition übrigens so: „Weibliche DJs werden oft als DJane, seltener als She-DJ bezeichnet.“

She-DJ? Seriously?

In vielen Artikeln wird der Konflikt zum Begriff freilich schon aufgegriffen, entweder in Interviews, in denen Frauen betonen, sie würden nicht DJane genannt wollen werden, oder in Texten, in denen sexistische Inhalte reproduziert werden. Oder es kommt beides vor. Szene Hamburg betitelt ihren Text über weibliche DJs als Seltenheit in Clubs folgendermaßen: „Die DJane ist tot, lang lebe der DJ“ – für die DJ hat es dann wohl nicht mehr gereicht.

Philipp Köpp, Autor des esquire Magazins, stellt Ende 2020 ein paar coole DJanes vor und schreibt als Einleitung: „Immer noch sind viel zu viele weibliche DJanes unentdeckt und bleiben das vermutlich auch. Einfach nur, weil sie Frauen sind. Oder können Sie sich an eine wirklich berühmte DJane erinnern?“. Nein, Philipp, bestimmt kann sich niemand eine eine wirklich berühmte DJane erinnern weil sie halt Frauen sind. Den meisten Menschen werden Paris Hilton oder Nina Kraviz selbstverständlich kein Begriff sein. Ellen Allien? Never heard of her. Charlotte de Witte, Amelie Lens wer? Sorry, Philipp, doesn’t ring a bell.

Nochmal back to basics: Der Begriff DJ bedeutet „Disc Jockey“ und kommt aus dem Englischen. Dort wird zwar mal die Übersetzung für Schauspieler „actor“ in der weiblichen Form als „actress“ gegendert, es haben sich beispielsweise für einige Berufsbezeichnungen wie „steward“ und „stewardess“ aber auch neutrale Begriffe wie „flight attendant“ etabliert.

Dennoch: der Begriff disc jockey ist eine genderneutrale Bezeichnung, rein sprachlich ergibt „DJane“ gar keinen Sinn und geht an der Bedeutung des Begriffs komplett vorbei. Das Verb „to jane“ gibt es bekannterweise nicht. Was soll eine „disc jockey-ane“ sein? Wieso erfindet man eine unnötige Zweitbezeichnung? Dass es um die Tätigkeit und nicht den Beruf geht, sei mal dahin gestellt. 

Long story short: DJane macht keinen Sinn. Nicht nur keinen Sinn, vielen ist der Begriff sogar unangenehm, weil er Klischee-Bilder erzeugt und reproduziert. Um euch die causa DJane noch näher zu bringen und once and for all zu klären, haben wir uns umgehört und FLINTA via Instagram befragt, warum sie nicht DJane genannt werden möchten. Danke hierfür an den Account @iam_a_dj für den Support! 

Eine Userin schrieb uns: „‚to jockey‘ bedeutet bugsieren. Ich bugsiere die Platte an die richtige Stelle/in die richtige Geschwindigkeit, um sie zu mixen. Das macht Sinn und ist geschlechtsneutral. Warum also der Aufriss?

Wenn man das unbedingt gendern will, dann nennt man mich Discbugsiererin.“

– ein guter, treffender Punkt. Aber der sprachliche Aspekt ist nicht der einzige Grund dafür, warum der Begriff Augenrollen, Kopfschütteln und anderweitige Verzweiflung auslöst, sobald man ihn hört oder liest.

1. Ich Tarzan, Du Jane

Ja, wer ist diese Jane denn eigentlich? Der Name Jane suggeriert eine Assoziation: Die von Tarzan und Jane. Aber welches Frauenbild wird dort vermittelt? 

Sind weibliche DJs hilflose Frauen im Urwald, die von einem starken Mann auf einer Liane gerettet werden müssen?

Während diese Assoziation das Bild der primitiven Rollenverteilung reproduziert – und sowieso einen verniedlichenden Beigeschmack mit sich trägt – hat das Auflegen per se ja nichts mit Disney am Hut. Und wenn schon: warum Jane? Warum nicht Jessica, Jacqueline, Johanna oder Jasmin? Oder warum heißt der männliche DJ nicht DTarzan? Oder DJoe, DJack, DJohann, DJonas oder DJulian?

2. Girlboss

Girlboss, Powerfrau, DJane. Dass man die Besonderheit einer Frau, die besonders powerful ist, die Sachen so gut kann, wie Männer, hervorheben muss, ist fest in unserer Sprache verankert. Aber habt ihr schon mal von einem man boss oder einem Powermann gehört?

Marie Campisi schreibt in Schluss mit der „Girlboss“-Kultur auf jetzt.de folgendes: „Boss ist Boss, daran ändert das Frausein nichts. Ja, es ist immer noch eine Besonderheit, wenn eine Frau der Boss ist. Durch die Nennung des Geschlechts manifestieren wir diese Besonderheit aber weiter. Genauso ist es auch beim Begriff Frauenpower – Power wird bisher nur Männern zugeschrieben. Hat eine Frau Power, wird das als etwas Außergewöhnliches dargestellt.“ Dass man also in einer ohnehin männerdominierten Clubkultur die Besonderheit einer Frau, die auflegt, betont, ist mehr als nur kontraproduktiv. Es ist sexistisch.

3. Tokenism

Achtung, eine Frau legt auf! Der Begriff DJane wurde erfunden, um Frauen im Line-Up als solche zu kennzeichnen – und so ein Alleinstellungsmerkmal befeuert, wie eben erklärt, Sexismus. Und erinnert ihr euch noch an das „Miss“ im Künstlerinnennamen? „Ich will Musik machen, ohne heteronormative Denkmuster zu stärken,“ macht FLAX von Metaware als Antwort auf unsere Umfrage klar.

In einem Interview mit Das Filter sagt Clara Moto dazu: „Etwas, das ich oft zu hören bekomme ist: ‚Du bist meine Lieblings-DJane‘ oder ‚Du bist meine liebste weibliche DJ‘, als wäre Frau-sein ein eigenes Subgenre. Da wird dann abgestuft, weil all die, die das sagen, haben natürlich auch einen männlichen Lieblings-DJ. Das mit dem Lieblingsfrauen-DJ, das kriege ich sehr häufig zu hören. Damit tue ich mich schwer: Es ist natürlich nett gemeint, aber zeigt, wie männlich dominiert die Wahrnehmung noch immer ist.“

Sechs Jahre nachdem Clara Moto dieses Interview geführt hat, liest es sich immer noch so im Line-Up: „Kann das sein? Eine Frau, die es tatsächlich schafft, mit Schallplatten und USB-Sticks umzugehen? Krass.“ Und da dieser Effekt teilweise auch ohne Präfix gegeben ist, können wir es ja gleich lassen, oder?

4. Die Binaritätsfrage

„Wenn wir anfangen, männliche und weibliche DJs so zu trennen, was benutzen wir für nonbinäre DJs?“

„Wenn wir schon einen genderneutralen Begriff haben, sollten wir ihn nicht kaputt machen, indem wir ihn gendern. Als Selbstbezeichnung ist das natürlich was ganz anderes – jede Person kann das für sich entscheiden, aber nicht für alle anderen,“ macht Instagram-Userin Mx. Plastic auf unsere Umfrage deutlich – ein sehr guter Punkt. 

Der Begriff DJane ist eben kein Wort, der allumfassend für alle FLINTA* verwendet werden kann. Man verzerrt die Bezeichnung disc jockey mit der vermeintlich weiblichen Form nicht nur sprachlich, sondern auch gesellschaftlich; was nicht heißen soll, dass Personen, die ihn für sich selbst verwenden wollen, das nicht dürfen oder sollen.

Klar, es ist oft nicht böse gemeint, wenn dieser Begriff in Gesprächen, Promotexten oder sogar Flyern und Plakaten verwendet (bzw. unterstellt) wird. Aber es ist eben ermüdend, jedes Mal aufs Neue zu erklären, warum dieser Begriff Unbehagen auslöst, warum er nicht korrekt ist und welche Problematiken er mit sich bringt. Also, liebe Menschen: wie so oft, reflektiert euren Sprachgebrauch, bildet euch weiter und achtet darauf, ob die betreffende Person sich selbst diese Bezeichnung zugeschrieben hat. Denn indem dieses Wort aus unserem Vokabular gestrichen wird, wird die Clubkultur noch ein weiteres Stück inklusiver.


FLINTA* bedeutet: Frauen, Lesben, Inter-, Nicht-Binäre-, Trans- und Agender-Personen – also alle, die durch patriarchale Strukturen benachteiligt werden. 

Das Titelbild ist von Alex Brade erstellt worden, ein großes Dankeschön dafür. Vielen Dank an @iam_a_dj, alle Beteiligten der Umfrage und danke auch an alle FLINTA* DJs, die uns ihre Bilder geschickt haben. Vielen Dank außerdem an Josy Kienle und Kim Camille für ihre Zuarbeit: Alle Fotos wurden von ihnen collagiert.

Heath Karing – Electro Pop aus Leipzig

Heath Karing ist ein Projekt, das vor dem Rechner begann – wie wohl so viele Ideen, insbesondere viele Musikstücke aus der elektronischen Musikwelt. Wir haben die gleichnamige Macherin hinter dem Projekt zum Online-Interview getroffen.

In Leipzig, in einem WG-Zimmer, geradezu bescheiden und gar nicht auf eine Veröffentlichung ausgelegt, wurde das Musikprojekt geboren. Den Wunsch, die neu entstandene Musik wirklich zu veröffentlichen und damit allen zugänglich zu machen, kam durch die Coronazeit. Ungewöhnlich, aber auch zeitgeistig, bleibt uns allen doch derzeit nichts als Streaming, digitale Livesets, Instagram-Sessions und Musik hören statt Clubnächte oder Konzerte; und damit ‚nur‘ Musikerlebnisse, die wir nicht mit anderen gemeinsam erleben können. Also: Raus damit, in die digitale Welt, die eben gerade große Teile der alltäglichen Welt einnimmt.

Von Metal zu Pop, von guilty pleasure zu pure pleasure

Das Projekt Heath Karing ist emotionaler und intuitiver als ihre bisherigen Projekte, wie die Künstlerin im Interview via Facetime erzählt – vorher spielte sie in einigen Bands, von Metal bis Indiepop. „Durch das Projekt Heath Karing spreche ich über Dinge, über die ich vorher nicht gesprochen habe“, sagt sie und erklärt weiter: „meine sensible Art und diese Gedanken, die nah bei mir sind, in diesen Raum zu geben – und Pop nicht mehr als guilty pleasure, sondern nur noch als pleasure anzusehen, das hat mir sehr viel Freude gemacht, während dieser ganzen Coronazeit.“

„Aufregend und frustrierend“, beschreibt Heath Karing den digitalen Release der Songs, die poppig, melodisch, elektronisch und stimm(ungs)voll-kraftvoll sind. Es sei eine große Herausforderung, auf einer Plattform wie Instagram als Künstlerin gesehen zu werden: „Man kommt an verschiedenen Dingen nicht vorbei – zum Beispiel Werbeanzeigen oder Follows, um eine Reichweite zu generieren.“ Die organischen Verbindungen, die vor Corona auf Konzerten entstanden und hoffentlich Post-Corona wieder entstehen, könne das Digitale natürlich nicht ersetzen.

Zwischen Normen und Binarität

Wenn Heath Karing von ihrem Projekt spricht, wird ein Thema, das in ihrer Musik allumfassend mitschwingt, von ihr klar benannt: Binarität. „Durch mein eigenes Aufwachsen und die Art, wie ich in einem binären System zugeordnet werde, bin ich darauf gestoßen, dass ich genau damit gestruggelt habe – dass ich versucht habe, irgendwo Halt zu finden. Vor allem in der Popkultur wird sich Binarität oft bedient und reproduziert. Ich selbst sehe mich in diesem System nicht. Es hat einige Zeit gedauert, das herauszufinden“, sagt die Macherin hinter der Musik, dem Look und dem Projekt per se. Normen und Binarität mit dem Projekt aufzubrechen, ist einerseits Ausdruck einer Kritik an Popkultur und gleichermaßen wird eine ganz persönliche Geschichte sichtbar:

„Mit Heath Karing konnte ich das erste Mal herausfinden, wo ich stehe und wer ich eigentlich bin – und welche Geschichte ich damit erzählen kann. Für mich ist das eine Art Enthäutung.“

Suddenly Slow

Der aktuelle Song namens Suddenly Slow handelt unter anderem von der Verzweiflung, Teil eines immens großen, alleine nicht lösbaren Problems – des Klimawandels – zu sein. Als weiße, in Europa lebende Person, ist auch Heath Karing eine Verursacherin dessen, was die Welt, unsere Welt, kaputt macht: „Egal was man macht, ich habe das Gefühl, ich kann dem Endergebnis, der Zerstörung, nicht entrinnen. Und das lässt sich auch auf andere politische Bereiche beziehen, dass man unbedingt reflektieren muss, wie man mit seinen Privilegien umgeht.“

Hoffnungen für die Zukunft

An dieses Zitat anschließend, geht es im Gespräch mit Heath Karing auch um die Zukunft – und vor allem die Hoffnungen für die Zukunft: „Ich habe in manchen Momenten sehr viel Hoffnung – das Urteil im Prozess um den Tod von George Floyd war zum Beispiel so ein Moment. Menschen in meinem Umfeld sprechen offener, man verbündet sich, lässt nicht mehr alles einfach zu – ein Beispiel ist auch dieses Pinky-Gloves-Gate (mehr dazu lest ihr u.a. in der Instagram-Story von Deutschlandfunk-Moderatorin Anke van de Weyer, Anm. d. Red.) für mich. Ich hoffe darauf, dass wir dabei immer weiterkommen, um die Welt intersektionaler zu gestalten.“


Wer jetzt Lust bekommen hat, die musikalische Reise von Heath Karing zu begleiten und vor allem anzuhören, hier findet ihr alle Veröffentlichungen bei Spotify und YouTube.

Titus Waldner „Dive“ – VIDEO PREMIERE

Bald ist wieder See-Wetter – und Titus Waldner stimmt uns mit seinem neuen nostalgischen Video im VHS-Style schon sehr gut darauf ein. Hier könnt ihr es erstmals ansehen.

Titus Waldner? Ich hatte ihn noch nicht auf dem Schirm. Vielleicht, weil er mit seinem Mix aus Pop, R&B, Funk, Jazz und Elektro-Pop nicht hunderprozentig in unsere Techno-Welt passt. Aber seine Musik strahlt eine sehr angenehme Freigeistigkeit und süße Melancholie aus, so dass ich schnell hellhörig wurde.

Christian Löfflers Label Ki Records hat ihn schon länger auf dem Radar. Ende 2019 erschien dort Titus Waldners Debüt-EP „Udvikling“. Im diesem Juni soll auf Ki die nächste folgenden – und vielleicht bald sogar ein Album.

Doch vorher veröffentlicht der junge Leipziger Musiker „Dive“, einen feingliedrigen Pop-Song mit einigen Wendungen – musikalisch und sprachlich. Da wechselt innerhalb des Songs nicht nur das Tempo, sondern auch die Sprache. Diese Vielschichtigkeit macht sich auch im Video bemerkbar. Mit verschiedenen Layern und Glitches gleitet Titus Waldner durch verschiedene Orte und Jahreszeiten – aber alles so smooth, dass die Wechsel erst beim zweiten Hinschauen auffallen. Aufgenommen wurden die Szenen übrigens am Cospudener See. Hier ist es das Video:

Die Geschichte hinter „Dive“ beschreibt Titus Waldner exklusiv für uns:

Der Track hat einen ganz interessanten Ursprung: Ein Bild, das mein damaliger Mitbewohner gemalt hat, hat mir sehr gut gefallen und wir dachten uns, wir könnten versuchen, das Gemälde musikalisch umzusetzen. Ich war also am Zeugs aufnehmen und produzieren und zusammen überlegten wir, ob das die Stimmung des Gemäldes einfängt. Nach den ersten paar Sessions nahm der Song zwar einen Verlauf unabhängig von der visuellen Vorlage, aber für mich hängen das Gemälde und der Song stimmungsmäßig immer noch zusammen. Deshalb findet sich das Gemälde, das mir mein Mitbewohner zu meinem Umzug sogar im Original überlassen hat, auch im Cover der Single wieder. Und auch das sehr zusammengewürfelte und collagierte Musikvideo, in welchem ältere VHS-Aufnahmen und neueres Footage vom Cossi itself verwoben wurden, ist an das Thema des Gemäldes angelehnt. Nähe zu Wasser, Hadern mit sich selbst und eine gewisse Lockdown-Sommer-Melancholie spielten bei der Entstehung des Tracks sowie des Videos eine Rolle für mich.

Also, Titus Waldner? Unbedingt im Blick behalten!

IN2IT #2 – DAY ONE von KERB

Für die zweite Ausgabe von IN2IT haben sich Soey und Max einen Breakbeat-Roller von KERB ausgesucht. Get into it!

Es ist wieder soweit: Die nächste Ausgabe von IN2IT ist da! Vorab nochmal ein großes Dankeschön an alle Künstler:innen für ihre tollen Einsendungen, ohne die dieses Projekt nicht möglich wäre. Bei der Wahl des Tracks für die zweite Edition waren wir uns diesmal recht schnell einig. Auch wenn sich diese Produktion maßgeblich von der aus dem Dezember unterscheidet, hat sie uns keinesfalls weniger fasziniert. Without further ado:


IN2IT #2 KERB – DAY ONE. 

Dieser Breakbeat-Roller überzeugt mit seiner laut pulsierenden out-of-space Hauptschlagader. Sanft wird man in das Geschehen eingeleitet, um dann über die gesamte Dauer immer mehr in den Track hineingezogen zu werden. Die anfängliche Melancholie des Tracks findet ihre Auflösung im ersten Break, wenn der satte analoge Bass kein Stillsitzen mehr zulässt. Anschließend führen die gebrochenen Drums in Verbindung mit den Vocals und Pads zu einer Synthese aus abwechselnd hypnotischen und ergreifenden Elementen. Day One greift dabei teilweise in die Retrokiste, ohne jedoch altbacken oder abgedroschen zu klingen. Vielmehr sind wir der Meinung, dass KERB die alte Schule gekonnt neu interpretiert. Er selbst beschreibt den Track als „looking down onto another planet“.  

Seit 8 Jahren produziert KERB elektronische Musik. Auch wenn es eine Weile dauerte, bis er das passende Umfeld fand, um sich musikalisch zu äußern: Leipzig scheint ihm dieses Gefühl zu vermitteln. Hier ist der gebürtige Südafrikaner nun schon seit Oktober 2019 und wird uns hoffentlich auch weiterhin mit seiner Musik überraschen. Zwar konnte er 2020 nicht den „classic“ Leipziger Open-Air-Sommer erleben, dennoch genoss er einige Clubabende im vorherigen Winter. Im Unterschied zu anderen großen Städten hatte er das Gefühl, dass Clubkultur in Leipzig mehr gesellschaftliche Anerkennung findet. Zudem sei auch der Vibe hier etwas anders – seiner Meinung nach dadurch bedingt, dass der wirtschaftliche Druck auf den Clubs weniger zum Vorschein kommt. 

Clubkultur – Ein großes Partizipieren  

Sein erster Kontakt zum Produzieren kam durch einen Kurs an seiner ehemaligen Schule in Großbritannien. Dort lebte er seit seinem elften Lebensjahr und gelang ziemlich bald an die Techno & House Szene in London Hackney. Sein frühestes Ausgesetztsein mit tanzbarer Musik deklariert er deswegen als „the prodigy“. 

„I called it rave music without knowing what rave means.“

Im Clubkontext liegt das Augenmerk meist auf DJs oder Produzent:innen. Wenn man jedoch genauer hinschaut, dann offenbart sich etwas wundervolles, das KERB in unserem Interview sehr schön beschreibt:

 „Everyone is a participant. Everyone co-creates.“

Wir können wahrscheinlich für viele Lesende sprechen, wenn wir sagen, dass wir unsere ersten Partys – abseits der Musik natürlich – wegen eines besonderen Gefühls besucht haben. KERB schafft es, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Das Besuchen unserer ersten Partys fühlte sich an wie eine Art Rebellion gegen die Norm, in der alle Menschen plötzlich eine Einheit bilden. Es ist eine Koproduktion aus den Sounddesigner:innen, den Raver:innen, den Künstler:innen, dem Staff, den Menschen, die die Anlage entwerfen und einstellen und und und… Der Vibe scheint nur dadurch zu entstehen, dass alle Partizipierenden ein Stück von sich selbst zu diesem Ganzen beitragen.

Als wir KERB nach weiteren Einflüssen und Inspirationen fragen, bekommen wir eine vielschichtige Antwort. Zunächst nennt er den Bass sowie und die, die sein Vater auf ihn nahm. Er hätte sich damals wahrscheinlich als Metalhead beschrieben, mit Einflüssen von Metallica bis Iron Maiden. Irgendwann brachte er sich dann das Gitarrespielen bei und erwähnt in diesem Zuge, dass das Schreiben von Musik ihn immer mehr interessiert hat als nur das bloße Rezipieren. Neben aktuellen Releases von R.A.N.D Muzik nennt er auch UK Garage, Dubstep und Drum & Bass als Inspirationsquellen. Allerdings versucht KERB stets, sich nicht zu stark von äußeren Einflüssen leiten zu lassen – aus Angst davor, Bestehendes einfach nur nachzuahmen.  

„The goal is to one day make the tracks you dream of, even though it’s so hard to translate them into real life.“

credit: prism_o

Ko-Kreation mit der Hardware 

Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es für KERB kein festgefahrenes Schema. Trotzdem scheint es ihm wichtig, eine gewisse Routine zu finden, an der man sich orientieren kann. Die Idee für Day One entsprang beispiels durch das Vocal Sample. Danach kamen weitere Elemente wie die Drums oder die Bassline hinzu. Bedeutend sind für ihn die Interaktionsprozesse mit der Hardware wie dem bekannten SH101 von Roland oder auch VST-Effekten von D16.

„It feels like I am co-creating with the hardware.“

Das Arrangement versucht er anschließend mit Hilfe von Controllern selbst einzuspielen. Der Track bekommt dadurch mehr Leben eingehaucht und das Arrangement fühlt sich nicht mehr so statisch an, wie KERB findet. Hilfreich sind hier auch kleine Effekte und Sounds für die Übergänge. Um einem Projekt anschließend das finale finish zu geben, kommt es für ihn vor allem auf das Mixing an, das ihm fast genau so viel Freude bereitet wie das Produzieren an sich. KERBs Ansatz ist hierbei, vor dem Mixing ähnliche Musik zu hören, die seiner Meinung nach perfekt gemixt ist. Mit Hilfe von Stereobild, Räumlichkeit, Kompression und Gain-Staging versucht er hier die einzelnen Elemente des Tracks aufeinander abzustimmen und zu einem Ganzen werden zu lassen. Als unbedingten Tipp für alle Produzent:innen nennt er das Buch Mixing With Your Mind von Michael Stavrou.


Auch für KERB hatte die Pandemie einen gewaltigen Einfluss auf seinen kreativen Prozess. Auf der positiven Seite bringt sie – wie für viele andere auch – die scheinbar gewonnene und kostbare Zeit für die Musik mit sich. Dazu kam, dass er sich letztes Jahr in einem Studio angemietet hat und so eine feste zeitliche Routine zum Produzieren fand. Andererseits fühlt er sich aber auch abgekoppelt vom Zweck seiner Musik.

„I feel like I was losing reference. What am I making, what does it mean? I am producing dance music although I haven’t danced for such a long time.“

Auch wenn uns bewusst war, was er damit meinte, hat DAY ONE hat uns gedanklich sofort wieder in die Clubs und auf die Festivals geholt. KERB scheint also alles richtig gemacht zu haben, darin sind wir uns einig.

Auch hoffen wir, dass der Track eure Hoffnung auf die kommende Zeit aufleben lässt. Partys lassen leider noch ein wenig auf sich warten – IN2IT aber nicht! Deswegen fiebern wir weiterhin auf eure Einsendungen hin. Wir mussten feststellen, dass wir es manchmal nicht rechtzeitig schaffen, zeitlich begrenzte Downloadlinks zu öffnen. Deshalb schickt uns bitte Soundcloud-Links mit Downloadfunktion an opencall (@) frohfroh.de. Wir freuen uns weiterhin über eure Einsendungen und genauso auf die nächste Ausgabe! 


Die Grafik(en) sind wie immer von Sophia Krasomil. Vielen Dank!

Talk Talk – Wie wir selbst eine Platte veröffentlicht haben

Ein neuer Talk Talk-Podcast ist online – dieses Mal sprechen wir über unsere erste eigene Platte, die im letzten Dezember herauskam. Zu Wort kommen auch drei der vier beteiligten Musiker:innen.

Ja, wir waren unerfahren darin, aber wir haben es gewagt und eine Platte rausgebracht. Die FF001 erschien im Dezember 2020 über Bandcamp und ihr voraus ging ein Open Call an euch!

Wir durften also dieses Mal die andere Seite eines Platten-Releases kennenlernen und alle Phasen selbst durchleben. Während wir normalerweise Musik rezensieren, ging es nun darum, die Tracks auszuwählen, zu mastern, ein Presswerk zu finden und natürlich auch das passende Artwork entwickeln zu lassen. Danke hierfür an Anna-Lena-Erb.

Wie der Prozess vom Open Call bis zum Release war, erzählt euch frohfroh-Chefredakteurin Antoinette Blume in der neuen Talk Talk-Folge.

„Wir wollten eine Leipzig-based-Platte rausbringen – mit dem Open Call haben wir dann den Kontakt zu Musiker:innen außerhalb der frohfroh-Bubble gesucht.“

Außerdem kommen unsere Musiker:innen Sithara, ARVØ und Lea Matika im Podcast zu Wort.

Redaktion: Kathi Groll
Aufnahme: fragmentiert

Two Play To Play #4 – UPDATE

Sehr cool, die spannende Gewandhaus-Reihe Two Play To Play geht weiter – in die vierte Saison mitttlerweile. Dieses Mal treffen Kiki Hitomi und Disrupt von Jahtari auf den Bassklarinettisten Volker Hemken. Hier die Termine.

Nach Martin Kohlstedt, Micronaut und P.A. Hülsenbeck öffnet sich Two Play To Play mit Kiki Hitomi und Disrupt von Jahtari dem Dub-Kosmos. Das Leipziger Label hat darin in den letzten zehn Jahren einiges bewegt – und zwar international. Mit Kiki Hitomi und Disrupt lassen sich die zwei bekanntesten Musiker*innen von Jahtari auf das Experiment Two Play To Play ein.

Gemeinsam mit dem Bassklarinettisten Volker Hemken vom Gewandhausorchester entwickeln sie ein gemeinsames Konzertprogramm. Wie schon bei den vorherigen Ausgaben ist der Entstehungsprozess transparent – mit Blog-Beiträgen und Öffentlichen Proben. Pandemiebedingt werden die Proben in den nächsten Monaten aus Conne Island heraus gestreamt. Die Premiere wird dann bestenfalls im Mendelssohn-Saal des Gewandhauses stattfinden. Hier sind alle Termine – Achtung, bei der Uraufführung hat sich der Termin und Ort geändert:

Öffentliche Probe, 6. März 2021, 20 Uhr – Stream via Facebook
Öffentliche Probe, 30. März 2021, 20 Uhr – Stream via Facebook
Öffentliche Probe, 14. April 2021, 20 Uhr – Stream via Facebook
Uraufführung, 1. Mai 2021, 20 Uhr – Live im Gewandhaus

Uraufführung, 28. Mai 2021, 20 Uhr – Live-Stream aus dem Conne Island

Wir empfehlen einen Klick in den Blog – dort findet ihr das Artist-Gespräch mit den drei Musiker*innen, moderiert von Kathi. Außerdem sind die ersten beiden Treffen dokumentiert.

Foto-Credit: Postrach, Rothe