Here Is Why „HRSY Perspectives“ (Riotvan)

Vorab-Single, Album, Tour und nun Remix-Album – das Here Is Why-Frühjahr ist dicht gespickt.

Netzwerken im besten Sinne ist das, was Markus Krasselt mit Riotvan auf die Beine stellt. Der Here Is Why-Drummer hat all die Kontakte, die sich über die letzten Jahre ergeben haben irgendwie nutzen können, um Here Is Why eine Präsenz zu verschaffen, wie sie ein etabliertes Label kaum besser hätte erreichen können. Und „HRSY Perspectives“, das Remix-Album zu „HRSY“ bündelt dieses Engagement noch einmal auf eigene Weise.

Die Fäden verlaufen nach Halle, Augsburg, Kopenhagen, Cannes und natürlich Leipzig. Mit Kasper Bjørke bekam auch ein amtlicher Held die Spuren eines Here Is Why-Songs. Nicht irgendeinen – dem Hit „Waiting For The Sun“ entzog der Däne den Pop-Appeal und entschlackte ihn sehr dezent für den Cosmic Disco-Floor. Gerade für eine Pop-Band können Remixe neue, spannende Perspektiven mit sich bringen. Besonders der neurotisch-schiebende Dancing Pingeon-Mix von „The Show“ sticht hier heraus. Komplett ohne Vocals.

Oder My Heart Your Hearts Euphorie-Schub bei „Standing On A Mountain High“. Lake People belässt die in sich ruhende Stimmung von „Yellow Lights“, verdichtet das Stück aber zu einer Warm-up-Hymne. Und auch Here Is Why haben sich selbst neu gemixt. Aus dem ursprünglich langsam-verrauschten „Room 3141“ zaubern sie „Lift Me Up“ hervor – eine musikalische Kehrtwende.

Am Ende bleibt ein Remix-Album aber immer ein Remix-Album. Eine Einladung zum punktuellen Andershören. An die innere Geschlossenheit des Orginal-Albums kommt es nicht heran. Dafür passt es genau in das Gesamtkonzept mit rein.

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Bassblick

Zwei neue EPs mit gebrochenen Beats kamen in den vergangenen Wochen heraus. Von Neonlight und Wright & Bastard. Zeit für einen kleinen Bassblick also.

An Bass mangelt es bei Neonlight auch wirklich nicht. Zusammen mit dem Österreicher Mefjus entstanden zwei Tracks, die kürzlich auf Eat Brain herauskamen. Auf die Mütze sind die. Rave-Breaks, tief schiebende Basslines, Pathos, schnelle Rewinds. Ich muss gestehen, dass mir Reduktion mehr liegt. Und „Puppet Master“ und „Hot Glue“ sind unmissverständlich auf Maximal-Kurs. Dafür aber in vollendeter Reinform. Jeder Schuss sitzt. Und die Soundcloud-Kommentare sind voller Überschwang.

Wright & Bastard kannte ich vorher nicht. Ein Eintrag bei itsyours.info brachte mir seine aktuelle EP auf die Bildfläche. Ein Neuling ist er aber keineswegs. Unter anderem Namen war er bereits auf Trust In Music und NoSYS Productions zu hören. Beim Jenaer Netlabel Digitalgewitter debütiert er nun als Wright & Bastard. Mit einem 8-Track-Mini-Album.

Bei „Augmented Mind“ hört man auch, dass hier schon jemand länger an Tracks arbeitet. Der Sound ist ausgewogen und bleibt trotz der stilistisch großen Bandbreite von Drum’n’Bass, Dubstep und TripHop schlüssig zusammengehalten. Mit „Sumo Love“ kommt sogar Streicher-Melancholie mit rein. Und drei Stücke sind mit Wintermute produziert. Netzwerkarbeit. Eine sehr schöne insgesamt. For free hier.

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Neu-Leipziger

Und wieder Thüringen. Erst lebten Marbert Rocel in einer Erfurter WG, seit geraumer Zeit ist die Musik-WG nach Leipzig verlegt worden.

Was ist los? Warum kommen die viel versprechendsten Pop-Entwürfe Leipzigs eigentlich gerade fast alle aus dem Nachbarland? Good Guy Mikesh, Pentatones und auch Marbert Rocel kommen aus der Erfurt-Weimar-Jena-Kette. Mehr Natur? Mehr Harmonie?

Erste Wurzeln in Leipzig haben Marbert Rocel schon ausgebildet. Here Is Whys Hit „Waiting For The Sun“ brachten Spunk, Malik, Martin Kohlstedt und Panthera Krause ohne Umweg auf den House-Floor. Viel direkter aber sind die Wurzeln zu Buki Good, der Booking-Agentur aus dem Nachtdigital-Umfeld. In Olganitz führten Marbert Rocel ihr Live-Projekt Karocel zusammen mit Matthias Kaden zum ersten Mal auf.

Nun werden ihre Konzerte von Buki Good gebucht – nach Istanbul, Berlin, Amsterdam und Lüneburg. Mit Compost Records im Rücken haben sich die Vier weit herumgesprochen. „Small Hours“ ist das mittlerweile dritte Album auf dem Münchner Label-Veteran.

Was auffällt: Marbert Rocel arbeiten an einem Gesamtkunstwerk. Cover Artwort, Videos, Live-Visuals, alles bleibt in der Familie und wird mit illustrativem Charme zusammengeführt. Ähnlich organisch klingen auch die Stücke. Rhodes, Melodica und Saxofon bringen eine eigene Wärme in den Sound. Sehr dicht geschichtet, ohne Hast von einem Drumcomputer angetrieben.

Spunks Gesang hievt das Ganze dann unmissverständlich auf das Pop-Level. Einem aber, das von der dramaturgischen Ausuferung im Club inspiriert ist. Dass aber auch nicht vor Balladen Halt machet. Ich habe den Vergleich zu den ersten beiden Alben leider nicht. „Small Hours“ klingt aber in sich sehr stimmig, auf Wohlklang ausgelegt. Um Reibungen geht es bei Marbert Rocel nicht unbedingt.

Um Authentizität sicherlich mehr. Die Stücke klingen unverstellt. Aber teilweise auch sehr lieblich. Aber da beginnen die Geschmäcklereien. Marbert Rocel sind ohne Zweifel auf dem besten Wege.

Marbert Rocel Website

Ex-Leipziger

Nur kurz, die Euphorie zwischendurch. Mille & Mr. Hirsch sind wieder da. Nicht nur mit einem Track, sondern mit eigenem Label. Wenn auch nun in Berlin.

Geht es um die Vorläufer des heutigen Leipzig-Schubs, dann müssen Mille & Mr. Hirsch in jedem Fall erwähnt werden. Vor gut zehn Jahren betrieben sie mit Polish Records ein Label, das heute wahrscheinlich noch einen Tick besser in die Zeit gepasst hätte.

Vom Sound und dem Anspruch her ähnlich wie die ganzen R.A.N.D.-Labels der späten Neunziger. Nur, dass sie mit Workshop eine gebündelte Renaissance erleben konnten. Ron Deacon veröffentlichte auf Polish auch schon – als Monopolan. Mille arbeitete im Freezone, Hirsch spielt Keyboard in verschiedenen Bands, darunter der Gentleman-Band.

Sechs Jahre war es still um Mille & Mr. Hirsch. Das erste fanfarenhafte Lebenszeichen kam im letzten Herbst auf O’RS. Im Januar folgte nun Apollo Krieg, ein neues Label. Episch, warm, gereift – so klingen die neuen Stücke der ersten beiden EPs. Mit den Space Disco-Abenden sind sie Leipzig weiter auch immer wieder verbunden.

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Zwischen next level und right thing

Nach einem vorwiegend digitalen Start ins Jahr kamen kürzlich neue Platten auf Moon Harbour und Cargo Edition heraus. Inklusive eines kleinen Jubiläums.

Luna City Express „The Next Level“ (Moon Harbour Recordings)

Die 60. EP hat Moon Harbour nämlich veröffentlicht. Die hat es auch in sich. Nicht nur, dass Luna City Express erstmals nach ihrem Album aus dem Jahr 2009 wieder neue Tracks auf Moon Harbour heraus bringen. Mit einem Vocal von House-Legende Roland Clark gönnen sich die beiden Berliner zudem ein besonderes Gimmick. House-Preacher-Style in Reinform. Eine Ode an den nächtlichen Exzess. Norman Weber und Marco Resmann schrieben ihn einfach an, er sagte zu.

Und auch der fertige Track scheint in Clarks Sinne zu sein. Auf Twitter verlinkt er die EP als „one of my favs of the year“. Und tatsächlich atmet „The Next Level“ mit seiner tief unten schwirrenden und von einem Theremin erzeugten Bassline, der trockenen Bassdrum und eben Roland Clarks Vocals viel von dem rauen Soul der eher US-geprägten House-Stücke.

Die europäische Tech-House-Note schafft es dann aber auch noch auf die EP. Mit den „Dance All Night“- und „Sunday Morning“-Mixes kommen die großen EU-Weichmacher drüber. Spannend zu erleben, wie einfach es sich zwischen den Sound-Traditionen switchen lässt bzw. wie leicht sie sich adaptieren lassen. Aber trotzdem eine Platte, die länger nachhallen wird.

Various Artists „Warehouse Vol. 2“ (Cargo Edition)

Ein Jahr nach der großen 5-Jahre-Cargo Edition-Compilation meldet sich das Moon Harbour-Sublabel mit einer neuen Mini-Compilation zurück. Wieder unter dem „Warehouse“-Banner. Auch hier übrigens ein Katalog-Jubiläum: die Nummer 20 ist die „Warehouse Vol. 2“. Und im Gegensatz zur „Vol. 1“ wagt sich die neue Compilation deutlicher vom Mutterschiff Moon Harbour weg.

Der House-Tenor fällt sehr viel klassischer aus. Sven Tasnadi mit unerwartet offensivem Soul, Ekkohaus mit einigen Disco-Anleihen, der Dresdner Steven Cocks dagegen sehr reduziert und eingedunkelt. Und selbst Michael Melchner hat scheinbar die alte Deepness für sich entdeckt. Auch wenn er gewohnt sparsam in seinen Arrangements bleibt.

Aber gerade „Right Thing“ von Steven Cocks ist in seiner Stringenz und der stellenweise dissonanten Art eine echte Perle. Obwohl sein letzter Beitrag auf der ersten „Warehouse“-EP in eine ganz andere Richtung ging und auch „Right Thing“ durchaus Pathos hat. Erfreulich insgesamt.

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Rave-Geschichte

Auch wenn Leipzig nicht Berlin ist, so strahlt „Der Klang der Familie“ doch bis hierher. Pflichtlektüre quasi.

Dieses Buch verschlinge ich ebenso wie „Lost & Sound“ von Tobias Rapp. Wahrscheinlich sogar noch schneller, weil das Oral History-Konzept von „Der Klang der Familie“ ein so leichtes Eintauchen ermöglicht. Techno als Geschichtsstoff. Der Schulmusikunterricht ist weit davon entfernt.

Aber ich erinnere mich an eine Musikstunde in der jeder seine Lieblingsmusik vorstellen sollte. Ende der Neunziger. Natürlich brachte irgendwer auch etwas elektronisches mit. Der Lehrer versuchte es zu analysieren, switchte aber schnell weiter. Mit Wiederholung als Prinzip schien für ihn alles erklärt. Und für mich als damaliges Gitarren-Kid war das auch okay.

Wie auch immer: „Der Klang der Familie“ ist ein großes Buch. Nicht nur vom Umfang her. Es zieht einen schnell rein in das alte West-Berlin, in die Anarchie auf dem ehemaligen Mauerstreifen und die frühe Zuspitzung von Under- und Overground. Es ist auch spannend mit zu erleben, wie Techno eben auch erwachsen wird. Da reden Leute zwischen 40 und 50 von einer musikalischen Revolution, die wir so wahrscheinlich gar nicht mehr miterleben werden.

Für uns Zuspätgeborene ist alles konsolidiert. Höchstens Nivellierungen finden noch statt. Ein wenig ist es so, wie wenn die Eltern von den Beatles sprechen. Dabei liegen gerade einmal 20 Jahre dazwischen. Die Muster zwischen Alten und Jungen bleiben aber scheinbar gleich. Es wird natürlich genörgelt, dass sich alles wiederholt. Dass diese Bassline auch schon 1992 groß war. Dass nichts Neues mehr kommt. Nicht in dem Buch, aber in Gesprächen mit Alt-Ravern kommt diese Stimmung öfter durch. Auch wie bei den Beatles.

Ich bin noch gar nicht komplett durch. Aber wer das Buch noch nicht auf dem Schirm hat, dem sei es sehr empfohlen. Wo kaufen: hier oder hier zum Beispiel. Tanith, einer der frühen Protagonisten hat auch ein paar Zeilen bei sich geschrieben.

Zwischendurch-News

Stoffbeutel-Action, Doumen und mehr. Kleine News für Zwischendurch.

Unsere frohfroh-Beutel-Aktion ist durch. Danke an alle, die mit geschätzt haben, wie viele EPs, Alben und Tracks bei frohfroh vorgestellt wurden: ca. 300 sind es seit 2009. Die Gewinner sind angeschrieben.

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Ab dem kommenden Wochenende findet ein einwöchiger Kulturaustausch zwischen Hamburg und Leipzig statt. Betriebsausflug heißt das Come-together. Dafür reisen lauter Hamburger Künstler in die Stadt und bespielen zahlreiche bekannte und noch versteckte Locations. Die Doumen-Crew ist auch dabei. Zusammen mit der Hamburger Wanderlocation Impressum stemmen die Doumen-Jungs am 21.4. ein Brunchfestival. In der Kohlgartenstraße, ab 11 Uhr. Mit dabei On + Brr, ein paar DJs und eine Ausstellung. Fürs Papier: Privatveranstaltung für Gäste im Rahmen des Betriebsausflug Hamburg-Leipzig Kulturaustausches Sternburg.

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Die O’RS 1700 ist nun wirklich aus dem Presswerk gekommen. Rot und limitiert wie immer.

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Line-up-Update Pt 1: Beim Think ist alles fix. Kommen wird: Sven Väth, DJ Koze, Kaden & Stefanik, Marek Hemmann, Marbert Rocel, Daniel Bortz, Nu, Good Guy Mikesh & Filburt, Sven Tasnadi & Juno6, Lars-Christian Müller, Chris Manura, Andreas Eckhardt, Peter Invasion, Philipp Matalla, Manaman, Feenstaub, Stephan von Wolffersdorff, Daniel Sailer, Dilivius Lenni.

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Line-up-Update Pt 2: Auch das Nachtdigital ist gut dabei. Und es wird immer mehr ein Perlentaucher-Festival, wie es scheint. Mit dabei: Cloud Boat, Donato Dozzy, Erobique, Henrik Schwarz, Manamana, Margot, Petar Dundov, Portable, Sandrien, Rocketnumbernine, Three Trapped Tigers, Walls, Webermichelson und Zombie Zombie.

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Remix-Updates: PWNDTIAC bleibt auf Soul-Disco-Kurs mit einem Remix für Kris Menace & Kiki Twins. Marko Fürstenberg nimmt sich Toby Dreher vor. Und PorkFour mixt Mint4000 neu.

Various Artists „Jahtarian Dubbers Vol. 3“ (Jahtari)

Die „Jahtarian Dubbers“-Compilations sind wirklich immer wieder eine Freude. Kompakt zusammengestellt und mit wunderbarem Artwork versehen. Die dritte Ausgabe ist gerade erschienen.

Zwei Jahre sind seit der letzten „Jahtarian Dubbers“-Compilation vergangen. Insgesamt ist der Output an neuen Releases etwas gedrosselt worden. Die letzte Net-EP liegt ebenfalls zwei Jahre zurück, das letzte Vinyl ein dreiviertel Jahr. Aber das hat nichts zu heißen. Jahtari ist weiter eine große Nummer. Disrupt und Rootah reisen viel umher. Ebenso Soom T, die Leipzig als Wahlheimat allerdings hinter sich gelassen hat.

Die „Jahtarian Clubbers Vol. 3“ zeigt aber auch der heimischen Stereoanlage, dass mit dem 8-Bit-Reggae weiterhin zu rechnen ist. Der klangliche Rahmen ist jedoch schon sehr eng eingefasst mittlerweile. Die Nummer 3 weicht nicht weit von ihren Vorgängern ab. Der Jahtari-Sound hat seine Mitte gefunden, wird nun weiter verfeinert. Eigentlich gibt es also nichts zu meckern. Neue Nuancen bleiben aber vorerst aus.

Okay, bei Monkey Marcs „Rudebwoy Dub“ bollern die Bassdrums ungewohnt derb. Und mit „Secret Laboratory“ konnte Rootah einen Lee Perry & Dub Syndicate-Klassiker um eine neue Version ergänzen – eine sehr gute sogar. Rootahs eigener „Mr. Vibe“ nähert sich ebenso einem organischerem Dub. Ansonsten bleibt der 8Bit-Kosmos erhalten. Auf gewohnt hohem Niveau.

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Mix Mup „Drive-by“ (Mikrodisko Recordings)

Es ist fast ein Jahr vergangen seit der letzten Mikrodisko. Wenn es eine Konstante bei dem Label gibt, dann die Unberechenbarkeit – und eine eigensinnigen Charme.

Unberechenbarkeit dürfte in jedem Label-Handbuch als No-Go notiert sein. Aber die Mikrodisko-Köpfe werden sehr wahrscheinlich eh andere Lektüre bevorzugen. Allein die Art der berühmt-berüchtigten Promo-Zettel bricht mit sämtlichen Konventionen. Kein opulent-euphemistisches Gestammel ist zur neuen Mix Mup-EP zu lesen.

Stattdessen ein kurzes Schriftstück zwischen Philosophie und Regie-Notizen. Der weitaus größere Teil ist aber ein Plädoyer für mehr Obacht und Toleranz zur Erhaltung des Naturgleichgewichts – exemplarisch angerissen anhand des Maulwurfs. Völlig frei von Ökodogmen wird hier ein Nebenschauplatz eröffnet, der dem Info-Blatt eine ganz eigene Relevanz gibt.

Konsequent also, dass er in Englisch und Französisch übersetzt wird und auf der Label-Website präsent ist. Sonst bleiben diese Zettel im Verborgenen. Schon bei der „Musical Generics“-7″ von Kassem Mosse gab es solch eine zusätzliche Auseinandersetzung.

Mit Maulwurf-Innereien haben die vier neuen Tracks von Mix Mup allerdings nichts zu tun. Blieb seine letzte EP auf Spunky Monkey mit ihrem diffusen Funk positiv in Erinnerung, so fallen die „Drive-by“-Stücke deutlich dunkler und rauer aus. Wie der nachträgliche Soundtrack zu experimentellen Super8-Filmen. Gerade „8:04 Before“ hat atmosphärisch cineastische Züge – ergänzt wird das Stück durch die noch etwas intensivere Ambient-Version „Dub“.

„Transition“ ist schlanker, dreckiger, ist mehr Techno als Soundtrack. Und „Tunnels“ lässt die Bassdrum kollabieren. Immer wieder bricht sie aus der Bahn heraus, während der Rest des Tracks stoisch weiter voran schreitet. Klar, der analoge Schimmer in Mix Mups Tracks ist denen von Kassem Mosse nicht unähnlich. Bei Mix Mup schwingt aber meist eine eher latente Ironie mit. Wie ein Schalk, der die richtigen Knöpfe kennt.

Mix Mup Website
Mikrodisko Recordings Website
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Grüße aus dem Osternest – der frohfroh-Beutel

Für den Fall, dass ihr die blaue Banderole rechts von hier gar nicht mehr ernst nehmt: das Thema T-Shirts ist für uns noch nicht durch. Wir tasten uns langsam heran und hauen unser erstes Stück Textil raus. Aber nur für die richtigen Antworten.

Es ist Ostern, drüben bei Facebook meinen mittlerweile mehr als 2.000 Leute, dass ihnen frohfroh gefällt, irgendwann muss es ja mal klappen mit den Stoffen – genug Anlässe sind also da. Und so haben wir eine Special Edition an grauen frohfroh-Beuteln drucken lassen. Obwohl es die reguläre Edition noch gar nicht gibt. Aber wir rollen das Feld von hinten auf. Erst die Specials, dann die Standards.

Doch wir wollen auch eine spezielle Antwort: Wie viele Veröffentlichungen haben wir seit 2009 bei frohfroh vorgestellt? Schätzt oder zählt. Schreibt dann eine Mail bis zum 15. April an dance [at] frohfroh.de mit dem Betreff „Wie ziehe ich einen Stoffbeutel am besten an?“ Die 10 Leute, die am nächsten an der richtigen Zahl sind, gewinnen.

Frohe Rest-Ostern.

Frühjahrs-Rundumblick Pt. 2

Teil 2 des Frühling-Rundumschlags kommt mit Lake People, der neuen O’RS und der dritten Esoulate-Compilation.

Lake People „On EP“ (URSL Records)

Ohne Lake People wäre die Stadt ärmer. Das dürfte unbestritten sein. Denn so viel flirrende Electronica packt sonst kaum jemand zwischen die Bassdrums. Bei dem Hamburger Label URSL kamen kürzlich vier neue Tracks heraus, die den Lake People-Sound nahtlos weiter führen. Super leichtfüßig mit „Candle“ und langsam-ausgeglichener bei „Kmmk“ und „Off“.

Einzig „Tide“ schwächelt etwas. Den Main-Chords fehlt der organische Abgang, die klingen vordergründig recht plastisch. Aber dennoch bleibt der Ansatz spannend – entschlackte Electronica-Arrangements plus House-Fundament. Heraus kommen Stücke mit sehr dichten Sounds, die viel Raum zum Entfalten erhalten. Das sind keine klassisch reduzierten Chords.

Various Artists „1700“ (O’RS)

Bei O’RS ist Lake People dieses Mal nicht dabei. Dafür das gemeinsame Debüt von Ron Deacon und Filburt als RDF. Eine längst überfällige Kollaboration. Ihr House-Ansatz hatte schon immer gewisse Ähnlichkeiten. „True!“ verbindet erstmal die mäandernde Weitläufigkeit von Ron Deacon mit Filburts Hang zur großen, disco-geprägten Geste. Runter gepitchte Vocals, Streicher-Opulenz – eine A-Seite, keine Frage.

M.ono & Luvless schmettern auf der anderen Seite „Never Gonna Leave U“ aus den Boxen. Ein relativ zurück haltendes und reduziertes Stück für die beiden. Aber mit ungebrochener Sehnsucht in den Vocals.

Wie zuvor gönnt O’RS zwei weiteren vorher nur digital veröffentlichen Tracks noch ein Vinyl-Issue. Einmal der Tricus & Vitez-Remix von Stereotyps Klassiker „Keepin Me“. Große Pop-Deepness. Und schließlich Good Mikesh & Filburts Mix von Savile & Olins „Horizon“. Das tief versunkene Original holen sie raus an die Sonne.

Various Artists „Zugpferd EP“ (Esoulate)

Künstleraufbau Teil 3 bei Esoulate. Die dritte Compilation des Netlabels ist draußen. Selbst Esoulate-Kopf Georg Bigalke ist dabei. Zusammen mit Simon Sunset haut er ein ungewohnt schroffes Stück Techno heraus. Das ist eine Ansage, eine sehr gelungene. Metallisch, unterkühlt, unterkellert. Auch Dsant ist recht straight unterwegs. Was ist hier los?

Aber auch bei Dsant geht es auf. „American“ ist sein bislang schlüssigstes Stück. Von Anfang bis Ende – und dazwischen liegen immerhin über 10 Minuten – hält er eine unheimlich erfrischende Dynamik wach.

Nicht leicht für Tonsystem Klangkunst – bei ihrem „Grace“ walzen sie ein eigentlich solides Fundament mit zu viel Rave weg. Auch wenn es wirklich einige gute Momente gibt. Etwa wenn die Rave-Walze immer wieder kurz gebrochen wird. Alex Bull & Private bleiben leider auch eher im Tech-House-Dschungel hängen.

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Frühjahrs-Rundumblick Pt. 1

Der Frühling sollte eigentlich geballt kommen. Laut der Anzahl an aktuellen Releases ist er auch schon voll da. Genauso geballt kommt daher auch der Rundumblick Nummer 1 mit Moon Harbour, Oh! Yeah! und Definition.

Hartmut Kiss „Flaming Passion“ (Definition Records)

Los geht es mit Definition, dem Label von Christian Fischer, das hier ja sonst eher unter den Tisch fällt. Nicht bewusst. Denn eigentlich ist es nur schlüssig, dass diese Facette der Clubkultur in Leipzig auch eine mehr als relevante Adresse hat. Hartmut Kiss ist in dem Bereich auch kein Unbekannter – erst recht nicht in Leipzig als Resident im Nachtcafé.

Mit Christian Fischer zusammen brachte er vor zehn Jahren drei EPs unter dem Namen Men Of Noise heraus. Im letzten Herbst unterbrach er seine lange Pause mit seiner ersten Solo-EP. „Flaming Passion“ ist der Nachfolger. Episch aufgeladene Synthie-Chords, pathetisch in der Dramaturgie, super tight in der Produktion.

Ja, Rave. Aber nicht in der versöhnlich aufgewerteten Form der Raves-strikes-back-Attitüde. Sondern amtlicher. Tranciger. Aber auf seine Weise auch sehr authentisch. Progresse House eben. Ich möchte trotzdem nicht auf einer Tanzfläche mit diesem Track stehen. Johannes Heil und Guy J verlagern das Rave-Level leicht.

ONNO „Paragroove EP“ (Moon Harbour Recordings)

Bei Moon Harbour geht es auf dem digitalen Ableger weiter. Mit ONNO, einem Jungspund aus Amsterdam, der innerhalb der letzten beiden Jahre mit Platten auf Souvenir, Upon.You und Remote Area einen gewissen Schub erlebte. Ich kenne die anderen EPs nicht, seine „Paragroove EP“ hält die Moon Harbour-Spur aber sehr liniengenau ein. So wie es Dan Drastic kürzlich im frohfroh-Interview auch ankündigte.

Die Überraschungen bleiben also aus. Die Vocal-Samples – insbesondere bei „Mumblin Groove“ zeugen von viel Spaß im Studio. Warum sind die Vocals eigentlich der einzige Part, in dem noch gespielt wird. Bei den Bassdrums und Chords ist alles durch dekliniert.

Sven Tasnadi & Juno6 „Mulm“ (Oh! Yaeah!)

Bei Sven Tasnadi & Juno6 reicht die Spielfreude mit Samples ein gehöriges Stück weiter. Für ihre „Mulm EP“ suchten die beiden nach Schnittstellen zwischen heutigen und vergangenen Dancefloor-Geflogenheiten. Gemessen an den vergangenen gemeinsamen Platten ist der „Mulm“-Sound eine 180°-Wendung.

Praller Soul-Appeal bei „What’s Up“, 80er-Orient-Disco bei „Gönül Daği“ und Patina-House mit „Appagio“. Wirklich hervorstechend ist aber eigentlich nur „Gönül Daği“. Denn unabhängig von dem prägenden Vocal-Sample, trifft die trocken-schleppende Bassdrum, die Bassline und die analog klingenden Synthesizer-Sequenzen genau jene Cosmic Disco-Atmosphäre, die in den letzten Jahren wieder so sehr an Charme gewonnen hat. Da passiert auf jeden Fall etwas in den Studios der beiden.

Definition Records Website
Moon Harbour Recordings Website
Oh! Yeah! Website
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