Peinlich berührt

Jahtari und Alphacute sind mit zwei neuen 7“-EPs draußen. Und gerade letztere eröffnet Neuland.

Warum? Nunja, einmal kommt die türkis-illustrative Cover-Gestaltung von Franziska Kempiak alias Iska Kaek, die bisher allen Kann Records-Platten auch optisch zu Liebhaberstücken verhalf. Für das 7“-Cover der „Twoo Cereal Kyllers“ widmet sie sich einer figürlicheren Bildsprache, einfarbig gedruckt und mit bestempelten Etiketten. So wünscht man sich limitierte Platten.

Musikalisch ist es ein ähnliches Kleinod. Zwei dreieinhalb Minuten lange Stücke von Thee Vaporizer und Yvat, die zwischen vertrackter IDM- und Breaks-Schärfe und sanft schimmerndem Wohlgefallen pendeln. Besonders „Misses = Confusion“ von Thee Vaporizer spielt in der kurzen Zeit verschiedene Stimmungen durch, albern, schroff, niedlich-elegisch. Yvat ist mehr vom Stimmen und Sounds schreddern geflasht. So harsch beide Stücke sind, so sehr ist ihnen doch ein latenter Hang zum Eingängigen gemein.

Was diese Platte aber so zur Offenbarung macht, ist die Tatsache, dass sie eine gemeinsame Veröffentlichung von Alphacute, dem Alphacut Records-Sublabel und Flop Beat Disk, wiederum Sublabel von Minor ist. Erneut muss ich gestehen, dass mir hier einiges entgangen ist, es sind beides Leipziger Labels aus einem erweiterten Wirkungskreis von Alphacut, Phantomnoise und Privatelektro.

Ich höre aber zum ersten Mal davon – und dass bei einem Labelkatalog, der in vergangenen zehn Jahren auf 25 Veröffentlichungen auf Vinyl, CD-R und Tape gewachsen ist. Zuletzt erschien eine auf 100 Stück limitierte CD-R. Flop Beat Disk ist seit 2005 eine etwas weniger noise-geladene Spielwiese. Tolle Überraschung. Wenn auch etwas peinlich berührt.

Pupajim-Double-LockPupajim „Double Lock / Trouble Again“ (Jahtari)

Bei Jahtari fällt die Überraschung dagegen aus. Im Rahmen der Maffi-7“-Serie kommt Comic-Dubber Pupajim wieder zum Zuge. Zwar ist sein Pitch-SingSang immer noch genauso grundsympathisch wie auf seiner „I Am A Robot“-EP vom letzten Jahr.

Der Pop-Appeal von „Double Lock“ und „Trouble Again“ ist auch einfach unschlagbar. Doch irgendwie fehlt mir hier der viel versprechende Schritt nach vorn. Oder zur Seite. Solide und gut, könnte man auch schreiben. Disrupt beschreitet schließlich die beiden Instrumental-Versionen. Ebenfalls solide und gut. Hoch gleich bleibendes Jahtari-Niveau.

Alphacut Records Website
Jahtari Website
Flop Beat Disk Website
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Aufgeschoben

Prokrastination ist ein Stolperwort, doch die Bedeutung prägt unseren Alltag immerzu – wir schieben Dinge auf und erledigen stattdessen andere. So auch bei frohfroh: bei Moon Harbour ist einiges rausgekommen innerhalb des letzten Monats. Länger aufschieben geht nicht.

Wenn man es genau nimmt, war nicht nur Moon Harbour aktiv, auch das Sublabel Cargo Edition mischte mit. Doch beide Labels sind eh kaum getrennt wahrnehmbar. Insofern passt der Wurf in den gleichen, großen Topf.

Los ging es Ende Mai schon mit der neuen Compilation zur Circoloco-Reihe, bei der Matthias Tanzmann Resident-DJ ist. Vor drei Jahren waren es noch drei dicke Doppel-Digipaks, mit sechs Mixen und schrecklichen Covern – darunter die beiden wunderbar slimmen Sets von dem rumänischen Trio Arpiar. 2011 bleibt es bei einem Back-to-Back-Mix von Tanzmann mit seinem italienischen Kollegen Davide Squillace, leider auch beim Cover.

Beide waren am letzten Wochenende in der Distillery. Am Montagabend darauf spielten sie wieder auf Ibiza. Diese Rastlosigkeit ist auch dem Mix anzuhören. Bei der After-After-Afterhour hebt sich das Tempo anscheinend wieder, sind die Synapsen wieder aufnahmefähiger für sich dezent hochschiebende Peaks.

„The Next Level“, so der Name des Mixes, ist sehr loopig und verspielt zugleich, mit kleinen Wellen und kleinen Ebben. Er spiegelt eine glamouröse, irgendwie auch oberflächliche Leichtigkeit wider, bei der Anfang und Ende ausgehebelt werden. Mit „Memorial“ im Luna City Express-Mix, „Puddle Trouble“ und „Mr. Ray“ reihen sich auch einige Leipziger Tracks mit ein. Adam Ports „Basement“ wird zum Ende hin angeteast, demnächst erscheint der Track noch einmal auf einer eigenen EP bei Moon Harbour.

Martinez „The Paradigm Shift Remixes Pt. 2“ (Moon Harbour Recordings)

Dort steht aber gerade noch der zweite Teil der Remixe zum Martinez-Album ganz oben im Label-Katalog. Wirklich erstaunlich, was für ein großer Fokus auf diesen Remix-Paketen immer liegt – insgesamt elf Remixe von „The Paradigm Shift“ gibt es nun.

Darunter auch den Gewinner des Contests, an dem sich rund 150 Producer beteiligten. Gewonnen hat Tripmastaz aus St. Petersburg. Wuchtig schraubt sich seine „Paradigm Shift“-Version noch vorn, sehr toolig. Luna City Express bleiben sich ziemlich treu, steuern in gleich zwei Remixen sowohl ihr typisches House-Laissez-faire mit deepen Chords und einer gewissen Oldschool-Prise als auch ihr Faible für Downbeat bei.

Gerade die Downbeat-Version von „Lavender Mist“ sticht zwar aus der funktionalen Note der EP heraus, sie bleibt aber leider allzu sehr in den Downbeat-Laid-back-Klischees hängen. HipHop-Scratches für Breitpop-Formate, eine dicke, entspannt-rollende Bassline und ein lässig schlurfender Beat.

Die Höhepunkte der EP kommen von Alex Celler sowie Livio & Roby. Ersterer lässt nichts anbrennen, was die loopige Straightness angeht. Sein „Kamino“-Mix entfaltet jedoch eine plumpe wie auch reizvolle Energie. Wahrscheinlich ist es die konsequente Reduktion, das abgefedert Technoide, was diesen Remix so leuchten lässt. Roby & Livio, zwei Rumänen nehmen den entgegenesetzten Weg – zeitentgrenzte Deepness, klassisch, europäisch, ein Track, der in seiner Einfachheit nichts falsch machen kann.

Various Artists „Five Years Of Cargo Edition“ (Cargo Edition)

Die beiden Rumänen sind auch auf der Jubiläums-Compilation von Cargo Edition vertreten – mit einem eigenen Track, „Doar Un Test“. Da ziehen die das Tempo etwas an, bleiben aber in so einer leicht melancholischen, unaufgeregten Versunkenheit.

„Five Years Of Cargo Edition“ ist ähnlich groß aufgezogen wie die Moon Harbour-Jubiläen. Digipak mit zwei CDs, auf der ersten exklusive neue Stücke, auf der anderen ein DJ-Mix mit den Label-Klassikern. Die Covergestaltung bricht aus dem bisherigen Label-Stil heraus. Erstmals wird mit einem Foto gearbeitet, einem montierten mit US-Business-Appeal.

Cargo Edition wird von Matthias Tanzmann als die Spielwiese für speziellere Stücke gesehen. Und beim Durchhören der Compilation rückt das Dancefloor-Diktat tatsächlich etwas mehr in den Hintergrund. Natürlich ist das Gros der Stücke auf den Floor gerichtet. Aber es ist mehr House, mit weniger Peaktime-Loops.

Alles ist eine Spur gedimmter. Und in dieser Dichte geht die Compilation sehr schlüssig auf. Markus Schatz sowie Sven Tasnadi & Juno6, Ralph Sliwinski auf etwas offensivere Weise als Michael Melchner, Skipson und Ekkohaus.

Auf Position 6 und 7 schlummern jedoch zwei echte Perlen. „Venus“ von Minimono ist so dicht und angenehm angedunkelt im Bass, so stolpernd im Rhythmus, dass mir das Herz überläuft. Wunderbar auch die rein mäandernden, lange laufenden Bläser-Samples. Es passiert nicht viel hier, aber die Dramaturgie des Stücks hält eine permanente Spannung, die sich einfach nicht entladen möchte.

Veras „Crisis Of Faith“ besticht hingegen durch seine Fragilität. Sowohl die Beats als auch die spärlich gesetzten Sounds offenbaren eine spürbare Feinheit, die eigentlich einen eigenen Floor braucht. Der bislang beste Track von Vera.

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Various Artists „Sleeping Animals“ (Fön Netlabel)

In Erfurt hat sich ein Verein für die Vermittlung von neuen kulturellen, öffentlichen Räumen gegründet? Was interessiert uns das? Zum Verein gehört auch ein Netlabel, und auf der ersten Compilation sind drei Tracks aus Leipzig dabei.

Es ist der Einstand für das Fön-Netlabel des Fön e.V.. Das Vermittlungsengagement des Vereins zielt zwar auf verschiedene kulturelle Bereiche, die Compilation ist aber straight im House, Techno und Electro verwurzelt. Sicherlich bekommen jedoch auch noch andere Genres ihr Podium, aber auf „Sleeping Animals“ dominieren die geraden Bassdrums und lässig schimmernden Chords. Mit dabei M.ono & Luvless, erstmals nicht nur als DJ-, sondern auch als Producer-Duo. Da kommt demnächst wohl auch noch mehr rosiges.

Ihr „Brenner 38“ ist eins dieser herrlich gedrosselten House-Stücke, die den Disco-Glamour ins Deepness-Zeitalter hieven, ganz dezent dosiert. Da heben die Chords durchaus großspurig ab, werden dann aber durch eine Piano-Spur neu eingebettet. Tolles Zusammenspiel. Erstaunlich, dass solch ein Track sich nur auf einem Netlabel-Server tummelt.

Der zweite Leipzig-Beitrag überrascht mich noch etwas mehr. Denn hier hatte wieder einmal IAMI seine Hände im Spiel. Erinnert euch an die euphorischen Worte zu „Waiting4π“ auf dem aktuellen Tetmusik-Sampler. Das Stück ist hier bei „Sleeping Animals“ auch noch einmal drauf.

Hinzu kommt aber „Letdown“, ein vertrackt, schnarrender Minimal-Track mit angenehmem Crisp in den Tönen und einem fast breakigen Zwischenpart. Fast theatralisch baut sich das Stück zum hin Ende auf. Ich weiß bisher nichts weiter zu IAMI, aber da ist ein Electronica-Background heraus zu hören. Was fest steht: mit diesem Namen ist demnächst mehr zu rechnen.

Hier gibt es die Compilation übrigens herunter zu laden. Ein Video zu „Brenner 38“ ist aber schon hier zu genießen.

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Lake People „Flugaal EP“ (Acker Dub)

Wonnemonat Mai – für Lake People dürfte sich dies erfüllt haben. Zwei EPs hat er in diesem Monat veröffentlichen können. Nach Musik Gewinnt Freunde steht nun auch bei Acker Dub sein Name im Label-Katalog.

Eigentlich sollte die „Flugaal EP“ das Vinyl-Debüt für Lake People werden. Es dauerte dann aber doch etwas länger. Zwei Wochen liegen nur auseinander zur „Clockhands EP“ auf Musik Gewinnt Freunde. Musikalisch zeigt sich auf der Acker Dub-Platte die etwas deepere Seite von Lake People. Mit weniger Rave-Appeal als zuvor.

Drei träumerische Tracks mit dicht verwobenen Chords, rhythmisch federnder Lässigkeit und der für Lake People durchaus charakteristischen Verspieltheit in den Samples und Sound-Dramaturgien. Seine Trickform-Vergangenheit taucht in den Zwischentönen einfach auch immer wieder auf. Eine schöne Sache, wenn solch eine Evolution im Sound nachvollziehbar bleibt – auch wenn Lake People heute an einem ganz anderen Ufer tanzt.

„Silent Dancer“ ist auch noch als Mollono.Bass-Remix mit auf der EP. Glatt gezogener und in seiner schwelgerischen Art noch stärker betont, klingt seine Version. Im Zusammenspiel mit der „Clockhands EP“ eine sehr schöne und schlüssige Platte.

Das Hörbeispiel ist übrigens ein Snippet – in der Reihenfolge: „Silent Dancer“, „Duffer In“, „Beenstisch“, „Silent Dancer (Mollono.Bass Remix)“

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Studio Studio – Juno6

Montag ist bekanntlich Schontag. Daher gibt es heute in erster Linie etwas anzusehen – und zwar den dritten Teil unserer Musikzimmer-Serie. Dieses Mal geht es in das Studio von Stefan Schultz alias Juno6.

Gemütlich sieht es aus. Und ordentlich vor dem Jammer der Nachbarn abgeschirmt. Zwei Aufnahmen aus der Session von vor wenigen Wochen haben wir ausgewählt. Stefan selbst erzählt in eigenen Worten etwas zu seinem Studio.

Fotografiert hat wieder der Leipziger Fotograf Christian Hüller. Zum Vergrößern der Bilder einfach darauf klicken, es öffnet sich dann eine Light-Box.

„Das ganze ist eine bunte Mischung aus analoger und digitaler Technik, angefangen aus den Siebzigern bis 2011. Dazu ein paar Flöten, Trommeln, Didgeridoos und zwischendrin eine Katze.

Lieblingsgeräte gibt es nicht, ich habe alle sehr lieb. Mal beschäftigt man sich mit dem einen Instrument mehr, mal mit dem anderen und wenn das dann langweilig wird patche ich die Dinger in beliebiger Reihenfolge zusammen oder hintereinander.

Wichtig sind mir bei der ganzen Sache immer nur mein bequemer Sessel und ein Becher Kaffee sowie das Spielen, bzw. der spielerische Umgang mit der Technik. Das ganze läuft dann meist in Sessions ab, welche ich recorde und direkt weiterverwende bzw. werden die in der Library abgelegt und für andere Projekte genutzt. Selten setze ich mich hin und baue mir genau diesen einen Sound, den ich gerade im Kopf habe. Ich mache das eher so impulsiv und nach Laune.

Vieles sammelt sich einfach nur mit der Zeit an. Hier mal was bei eBay gekauft noch bevor der Vintage-Hype losging und solche Geräte wie der Juno-6 zum Beispiel nur das gekostet haben was sie auch wirklich wert sind, dort mal was vom Kumpel geliehen und vergessen zurückzugeben. Oder man bekommt auch etwas geschenkt, etwa wenn die Eltern mit einer Djembé aus dem Urlaub zurückkommen – das passiert aber eher selten.

 

Lustige Geschichten gibt’s da leider auch nicht zu erzählen, schließlich wird hier ja ‚gearbeitet“, und dass macht bekanntlich keinen Spaß.
Jetzt wo es wieder wärmer wird, bleibt das Fenster geöffnet. So bekommt man aus dem Hinterhof nochmal ein ganz anderes Feeling. Experimente mit dem Hof gab es da auch.

Dabei wurden die Boxen aus dem Zimmer in Richtung Hofmitte ausgerichtet, um dann einen Sinus-Sweep zu machen, also ein Sinuston von ganz unten im Bass bis ganz hoch in die Höhen. Das ganze habe ich dann vom Balkon aus mit einem Mikrofon aufgenommen. Später habe ich am Rechner den Sinuston aus der Aufnahme rausgerechnet und dann hatte ich den eigenen Hof als Hall-Peset für diverse Reverb-Plug-ins.

Studio Studio #3 – Musikzimmer von Juno6 mit Katze (Foto: Christian Hüller)So einen Hof kann man aber auch direkt als ‚Klangerzeuger’ nutzen. Wenn z.B. der Hausmeister Rasen mäht oder im Nachbarhaus der Presslufthammer nervt. Besonders schön ist es, wenn die Leute im Hof zur eigenen Musik mitklatschen oder summen, was sich super verwenden lässt – wenn es das Material hergibt. So einen Hof kann ich jeden nur empfehlen.

 

Zu den Geräten an sich will ich jetzt nicht unbedingt was erzählen, weil jeder da seine Vorlieben bezüglich des Sounds und der Arbeitsweise hat und man eigentlich zu jedem aufgezählten Instrument ein Sound-Beispiel oder eine Bedienungsanleitung mitgeben müsste damit man sich wirklich ein Bild machen kann. Außerdem: macht der das gern so, der andere wieder ganz anders.“

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Der Tet-Ted ist freigeschaltet

Das Indie-Elektronik-Label Tetmusik geht neue Wege im Musikvertrieb und bietet seine aktuelle Compilation via Bandcamp an – jeder kann zahlen wie viel er mag.

Das Web 2.0 schlägt wild um sich, und gerade bei der Neuausrichtung der Musikwirtschaft passiert einiges. Bandcamp ist natürlich nicht die einzige Plattform bei der Musiker sich Labels und Vertriebe künftig sparen können. Doch die individuellen Mikro-Site-Anpassungen dürften die Seite doch interessanter machen.

Headnoaks nutzt von den Leipziger Elektronik-Akteuren Bandcamp derzeit am intensivsten – mehr als zehn Alben und EPs hat er hochgeladen und verkauft sie um die fünf Euro. Auch die Dambala Experience von Daniel Stefanik wurde zuerst bei Bandcamp angeboten bevor sie demnächst als 10“ noch einmal heraus kommt.

Tetmusik setzen dagegen auf das Zahl-soviel-wie-du-willst-Prinzip. Und so kann man selbst entscheiden, was einem der „Tetsampler 2011“ wert ist. Doch wie ist das mit der Wertschätzung eigentlich? Ist solch eine Veröffentlichung mehr wert wenn wenige einen hohen, vom Künstler vorgegebenen Preis zahlen? Oder wenn viele nur ganz wenig dafür ausgeben möchten? Schmälert es den Respekt einem Künstler gegenüber nicht, wenn nur 50 Cent pro Stück gezahlt werden, während der derzeitige Download-Shop-Standard bei einem Euro liegt? Kann es überhaupt einen allgemeingültigen Wert für eine digitale Kopie eines Musikstückes geben?

Wie auch immer, in erster Linie ist es eine durchaus sympathische Geste den einstigen Monopol-Anspruch der Musikindustrie aufzuweichen, indem der Kunde sagt, wie viel er zahlen möchte. Dennoch bleibt auch ein fahler Beigeschmack, weil solch ein offenes System eben auch der Discount-Mentalität in die Karten spielt.

Was mir der „Tetsampler 2011“ wert wäre, verrate ich nicht. Wahrscheinlich würde ich mir auch nur einzelne Stücke kaufen – eine weitere Respektlosigkeit dem Künstler und Label gegenüber? Limousine Rot sind und bleiben wunderbare Querdenker zwischen Pop und House. Nicht mal zwei Minuten geht ihr knisterndes und dicht verhalltes „Le Mépris“.

Elster Club überraschen hingegen mit einem amtlichen Live-House-Song, im Refrain dann aber doch etwas zu Hände-in-Luft-mäßig. Jennifer Touch und Fox Pet beamen sich straight in die dunklen Ecken der Achtziger, und es gelingt ihnen ziemlich gut. Stiller Höhepunkt ist aber Iami mit „Waitin4π“. Langsam schwebend, leicht pathetisch, aber irgendwie sehr anziehend in seiner Friedlichkeit ist dieses House-Stück.

Diese Compilation ist ein Querschnitt durch den Sound eines offen gehaltenen Labels – Gitarren spielen in der selben Liga wie Drum Computer und Synthesizer, introvertierte Tracks gibt es ebenso wie ausladende Indie-Hymnen. Das ist mutig und natürlich nicht jedermanns Sache. Aber Tetmusik haben ein gutes Gespür – in verschiedene Richtungen. Und da passt auch der Weg mit Bandcamp.

Tetmusik Website
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Analogsoul, Nachtdigital und mehr

Tick, Tick, Tick – neue Neuigkeiten, die vielleicht schon durch das ein oder andere Netzwerk gesickert sind, finden sich nun noch einmal gebündelt – im frohfroh-Ticker.

Los geht es mit Analogsoul. Nach deren erfolgreichem Crowdfunding-Aufruf zur Finanzierung der aktuellen A Forest-EP, folgt nun der Zweite.

Die Leipziger Post-Rock-Electronica-Band Mud Mahaka will ihre erste offizielle CD und ein Musikvideo durch die Fans teilfinanzieren lassen. Bis zum 5. Juli kann über VisionBakery gespendet werden. Jeder Spender erhält ein Dankeschön.

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Gestern schrieb Robag Wruhme auf Facebook: „Erobique und ich haben telefoniert. Wir hatten eine Idee. ‚Hier kommt die Sonne‘ kommt nun auf 10″ raus, und zwar in freundschaftlicher wie liebevoller Zusammenarbeit mit der Nachtdigital Crew & Kann Records.

Ein Cover wird es nicht geben, denn das dürft ihr nach Erhalt der platte auf dem ND-14 selbst gestalten.“ Alex von Kann bestätigt, dass sie sich um die Organisation kümmern. Und an ein paar Orten wird es die 10″ auch nach dem ND-Wochenende geben.

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Apropos Nachtdigital: Dort gibt dieses Jahr auch eine interaktive Licht-Installation zu erleben. Hier ein erstes Video dazu.

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Das Line-up des Think-Festivals steht schon einigen Wochen in großen Lettern an einigen Fassaden. Und es hat sich zu einer kleinen Werkschau der Leipziger Heroes gemausert. Selten gibt es in der Dichte so viele Leipziger Live-Acts und DJs zu erleben.

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Vorher gibt es noch ein anderes kleines Festival – Gratwanderung findet am 25. Juni zum fünften Mal im Steinbruch Möseln statt. Mit dabei Daniel Stefanik, Steffen Bennemann und die Uncanny-Jungs aus Dresden sind unter anderem dabei.

Mittagskind „Tequendama Disco“ (Retorica Recordings)

Es ist Mittagszeit. Mit hungrigem Bauch entstehen diese Zeilen hier. Und es ist kein Kalauer, dass es um Mittagskind geht, der seit gut zwei Monaten erste Tracks veröffentlicht.

Der Name Mittagskind geistert schon seit längerem durch die mehr oder weniger versteckten Line-ups der Eule-Partys. Und wer es durch das urbane Dickicht zu deren Partys schafft, wird früher oder später auch eines der Mittagskind-DJ-Sets erleben. Dass er auch Producer ist, war mir neu.

Innerhalb der vergangenen zwei Monate sind drei Tracks auf zwei digital veröffentlichten Compilations erschienen. Eine davon ist „Tequendama Disco“ des kolumbianischen Labels Retorica. Dort finden sich „Quantum Leap“ und „Solido“, zwei unaufgeregte Minimal-Stücke mit viel Melancholie und wehmütigen Harmonien. Letzterer mit tief raunender Bassline und einem angekitschten Saxofon-Sample.

Nimmt man die zwei Dutzend Tracks auf Soundcloud hinzu, dann ist eine leichte Düsternis und Verschlossenheit sowie eine gewisse Verspieltheit als Grundrauschen immer herauzuhören. An manchen Stellen ließe sich auch Pathos dazu schreiben. Effektvoller Minimal also in Zeiten, in denen der Reiz an Minimal etwas verflogen ist.

Allerdings passt dieser Sound nach wie vor in die vielen Afterhour-Stunden. Oder in die stille, ausgelaugte Zeit nach der Afterhour. Im Gegensatz zu den größtenteils unsäglichen Party-Bomben auf dem Rest der Retorica-Compilation klingen die beiden Mittagskind-Stücke aber mehr als deplatziert.

„Kreis mit Radius Null“ kam übrigens schon Anfang April bei Benthic heraus. Straighter, sehr aufgeladen und mit höherer Rave-Flagge ist dieser Track. Mittagskind ist also auch auf anderen Pfaden unterwegs.

Mittagskind Soundcloud
Retorica Recordings

Kator „Morning Tram/Ebula“ (Liquid Drumz)

Es gibt Nachwuchs im frohfroh-Autoren-Stamm. Neu hinzu kommt Stefan, dem einen oder anderen sicher bekannt als DJ und Producer sH1. Zum Einstand stellt er die erste EP von Kator vor.

Das britische Digitallabel Liquid Drumz möchte „musical Drum’n’Bass from artists worldwide“ featuren. Angelangt bei Katalognummer 006, erschienen Ende Mai zwei Tracks des Leipziger DJs und Produzenten Kator, der sich zusammen mit seinem DJ-Partner Romenskie ebenso dem Projekt Modern Trips widmet. Beide sind innerhalb Leipzigs keine Unbekannten mehr, bespielen sie doch seit gut einem Jahr zahlreiche Clubs der Stadt und gelten so als unbestrittene „Nachwuchshoffnung“ der Leipziger Drum’n’Bass-Szene, die sich in den letzten Jahren eher gesund schrumpfte als ein stetiges Wachstum aufzuweisen.

Umso interessanter ist das musikalische Schaffen von Kator, der selbst noch nicht das zwanzigste Lebensjahr erreicht hat, sich aber einer Soundästhetik verpflichtet fühlt, die Anleihen an die Samplekultur der 90er-Jahre aufweist. Zur Erinnerung: ähnlich wie in der goldenen Ära von HipHop, Drum’n’Bass damals eine Musik, die viele Ideen aus dem Funk und Soul der späten 60er und frühen 70er-Jahre rekrutierte. Anders als heute wurde dem Sampler gegenüber Synthesizern eine größere Bedeutung beigemessen.

Sowohl in „Morning Tram“ als auch in „Ebula“ spiegeln sich diese Aspekte wider. Die A-Seite besticht durch kurze Streicher-Loops und Bläsersätze. Beide vermitteln den Vibe eines Oldschool-HipHop-Instrumentals, der beim Einsatz von Beat und Bassline noch verstärkt wird, wenngleich sich die rhythmischen Linien traditionellen Drum’n’Bass-Mustern bedienen.

„Ebula“ schöpft sein Material aus einer altbekannten Samplequelle. Wer sich noch an „Fensterplatz“ von Blumentopf erinnert wird hier Aha-Effekte verspüren. Beide Tracks lassen sich durch die kurzen und prägnanten Phrasen durchaus als funktionell beschreiben. Gute Arrangements und ausgefeilte Filterverläufe, detailliert ausgearbeitet und auf den Punkt gebracht.

Insgesamt also ein solides Release passend zur Jahreszeit, eine Reminiszenz an alte Tage für Freunde der Sampledelia. Zwei Tracks die sich nicht dem Anspruch unterwerfen, innovativ und vorausschauend zu sein, eher dafür gedacht sich alter Tugenden zu besinnen.

Kator Soundcloud
Liquid Drumz Website

K Moss – Kopie und Taperauschen

Es gibt Neues von Kassem Mosse. Zwei Kleinigkeiten sozusagen – aber nur was das Format angeht. Bei Mikrodisko ist es eine 7“, bei seinem eigenen Label Ominira ein Tape.

Kassem Mosse „Musical Generics“ (Mikrodisko Recordings)

Ich verschreibe mich bei Mikrodisko immer wieder – Mirkodisko kommt dann heraus. Hier geht es aber nicht um Mirko, sondern um Kassem und um die siebte Platte des Labels, das Mikrodisko heißt. Zur siebten Nummer im Katalog passt eine kleine 7“ natürlich bestens. Das Kleinformat wird aber noch weiterführend inszeniert – als handliches, musikalische Zeichen aussendendes Artefakt für das Ausloten zwischen Original und Kunst.

Die EP „Musical Generics“ beschreibt nämlich auf wunderbar markt- und wissenschaftsorientierte Weise ein Konzept von günstigeren Nachbauten. „musical generics sind wirkstoffgleiche kopien von bereits unter einem markennamen auf dem markt befindlichen, häufig durch patente geschützten, musikalischen präparaten“, heißt es gleich zu Beginn des Info-Textes von Mikrodisko.

Im Prinzip wird hier die Praxis der Pharmaindustrie die Wirkstoff-Lizenzierung zur Herstellung von günstigeren Kopien zu behindern auf die Musikindustrie übertragen. Mit einem Augenzwinkern zwar, aber wenn man es abstrahiert, dann ist die Frage nach Original und Kopie im MP3-Zeitalter durchaus spannend.

Gerade bei diesem Format kann es diese Trennung nicht mehr wirklich geben. Die „Musical Generics“-EP wird es in beiden Formaten geben. Ist dann das im Download-Shop gekaufte File weniger ein Original als die 7“?

Unabhängig davon brilliert Kassem Mosse wieder einmal auf beiden Seiten. „7am“ ist mit rasantem Tempo, schnarrender Bassline und hell-schwingenden Chords unterwegs. „7pm“ ist dagegen eine brüchig-stolpernde Synthesizer-Wolke, dicht und atmosphärisch. Ein guter Track um einen Abend zu beenden – und zwar wirklich.

Übrigens hat der britische Online-Shop junoplus gerade ein Interview mit Kassem Mosse und Even Tuell. Im Fokus steht hauptsächlich das Label Workshop, doch es geht auch kurz um Leipzig und Kassems Einfluss auf die britische Dubstep-Szene.

Wireframe Ascent „Frames 4&7“ (Ominira)

Auf seinem eigenen Label Ominira kam schon im April das zweite Tape heraus. Dieses Mal von einem Artist namens Wireframe Ascent. Zwei bedrückend harsch und dunkel klingende Synthesizer-Sessions sind darauf – jeweils über 30 Minuten lang.

Der Begriff „rough“ bekommt mit dem „Frames 4&7“-Tape noch einmal eine neue Bedeutungstiefe. Da ist das schimmernde Diamant-Leuchten sehr tief versteckt. Aber es gibt es. Man muss sich darauf einlassen, mit all dem Rauschen aus dem Kassettendeck.

Es soll noch mehr kommen in diesem Jahr – und wahrscheinlich wird Ominira das eigenwilligste Label der Stadt. Wetten?

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Mikrodisko Website
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Jungspund und Klassiker

FM Musik und Instabil haben zwei neue EPs draußen – und beide überraschen aus verschiedenen Richtungen.

Dub Resort „Golden Nights“ (FM Musik)

Frankmans Label FM Musik hat den Digitalvertrieb ja als Frischzellenkur für sich entdeckt. Seit gut einem Jahr gibt es recht regelmäßig neue Veröffentlichungen. Mitte Mai kam „Golden Nights“ von Johannes Wägner alias Dub Resort heraus. Ein 23-jähriger DJ aus Berlin, der erst seit Ende 2010 unter diesem Namen Deep House produziert und wahrscheinlich zu den Residents des Berliner Golden Gate-Clubs gehört.

Doch auch schon davor saß er als Mentelibre im heimischen Studio. So ein bisschen klingt die Geschichte also wie die von anderen House-Spunden wie Manuel Tur. Und die Deepness von Dub Resort ist ebenso allumfassend – von den federnden Bassdrums, den warmen Chords. Bei „Deepressure“ schwingt auch eine hörbare Dub-Tiefe mit – mein Favorit.

„Laos“ ist dagegen sehr poppig. Mit diesen Soul-Vocal-Fetzen habe ich so mein Kränzchen, auch der Sound orientiert sich sehr an den klassischen Deep House-Parametern. Bei „Wednesday“ kommt mir irgendwie Luna City Express in den Sinn. Vielleicht liegt es an den lang gezogenen Chords und dem gedämpften Preacher-Vocal im Hintergrund. Eine erstaunlich reife EP ist es aber unbestritten.

G-Man-The-Dukes-InstabilG-Man „The Dukes“ (Instabil)

Instabil gräbt sich mit seiner Katalognummer 26 ein wenig in die Geschichte der elektronischen Musik. Zwei Tracks von G-Man alias Gez Varley, Gründungsmitglied der britischen Heroen LFO. Nach seinem Ausstieg 1996 hat er eine beachtliche Diskografie aufgebaut.

Seine „The Dukes“-EP hat zwei abdriftende, straighte Techno-Tracks mit viel Detroit-Schwelgerei und verschlungener Dub-Wärme. Herrlich oldschool und angeraut klingen die Sounds, wobei „The 16th Duke“ noch gehörig mehr Schub hat.

Beide Stücke sind klanglich sehr nah beieinander, als ob sie aus einem Set stammen. Trotz der spontan klingenden Arrangements entfalten sie auch eine wohltuende Unaufgeregtheit. Sehr schön.

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G-Man Myspace
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Studio Studio – LXC

Es geht weiter bei unserer kleinen Reise durch die Stuben von einigen Protagonisten der hiesigen Szene. Und wir landen direkt in einem Hinterhof der Südvorstadt – bei Alphacut-Betreiber LXC.

Das Spiel bei Studio Studio ist einfach – es gibt ein Foto und es gibt ein paar Worte vom Besitzer des abgebildeten Raums. Bei LXC blieb es nicht nur bei ein paar Worten. In großer, fast gastfreundlicher Ausführlichkeit nahm er sich die Zeit sein Interim-Studio zu beschreiben. Lest und seht selbst – das Bild vergrößert sich übrigens, wenn man darauf klickt. Aufgrund des langen Textes gibt es mehrere Bilder verteilt zu sehen. Damit erspart ihr euch ein langes Hochscrollen.

Fotografiert hat wieder Christian Hüller.

„Bevor wir direkt zum Nerd-Modus übergehen, will ich dazu sagen, dass ihr oben mein derzeitiges Interim-Studio seht – recht gemütlich gelegen in einem Hinterhof im Herzen der Südvorstadt… Derzeit bastle ich an einem neuen Musikzimmer, dann wieder zu entspannt zu Hause. Alles auf dem Bild stammt übrigens nicht aus dem Katalog oder wurde mal eben fix zusammengekauft: Die ersten Geräte waren um 1996 herum einfach notwendig, da Musik-PCs noch nichts richtig auf dem Kasten hatten. Seitdem wurde immer wieder nebenbei gesammelt und getauscht. Irgendwann ist die kritische Menge an Equipment erreicht, das Studio wird irgendwie zum schwarzen Loch und aus unerfindlichen Gründen steht einfach immer mehr da.

Ganz links auf dem Bild kann man ein wenig das Chaos um das Studio erahnen, alles geht unter in Kartons und Verpackungsmaterialien, Reparaturprojekten und Ebay-Anwärtern. Unten links sieht man den ‚Gakken’, der neben dem komischen Namen mit einem kleinen Stift für das Anspielen der Töne, einer minimalen simplen und schön dreckigen Klangerzeugung und dem Bombenpreis von 30 Eiern direkt aus Japan zu euch nach Hause kommt. Tödliches Live-Intro-Tool! Das Flaschenchaos drum herum bleibt bitte unkommentiert – ich bin ja froh dass man hier wenigstens erahnen kann, dass in dem Raum gearbeitet und nicht nur gesoffen wird.

Desweiteren links im Bild das obligatorische Expedit, mit den Rinden für Tag und Nacht, zum Tanzen oder zum Gehirnstürmen: Drum’n’Bass von deep bis Atomstrom, Dubstep, Downtempo, Breakcore, Hardcore, IDM, Noise, Ambient und auch Handgemachtes. Die bunten Scheiben vorn an sind ein kleiner Ausschnitt aus dem Farbtreiben des Hauses von und zu Alphacut.

Nebenan schließt sich konsequenterweise der Auflegebereich an, und ja: Der Mixer steht LINKS von den beiden Technics, da ich so nicht ständig umdenken muss zwischen Fader führen und Platte ‚angrabschen’. Und, ja, ich habe kein Problem mit den doppelten Mitten des Allen & Heath und präferiere diese Mixer immer noch kilometerweit vor anderen, vor allem ob der besseren tontechnischen Eigenschaften: Der riesige Headroom ermöglicht saubere Mixe in jeder Lage und ohne die zwei unabhängigen Filter im Xone 92 könnte ich glaube ich gar keine feingliedrigen Übergänge mehr hinbekommen.

Studio Studio #2 – Musikzimmer von LXC (Foto: Christian Hüller)Mittig im Bild der Control Tower, der Schaltschrank, der Effekt-Turm. Was man nicht sofort glaubt, ist, dass das Teil Rollen hat und im Raum theoretisch frei beweglich ist. Ganz unten befinden sich die Band-Echos: z.B. ein Watkins Copycat im niedlichen Köfferchen (übrigens mein erstes echtes analoges Effektgerät, danach war ich süchtig nach dem Scheiß). Da es allerdings nur drei feste Echozeiten bietet, mussten dann zwei Dynacord Echocord Mini in Stereo ran, die einen stufenlos verstellbaren Tonkopf haben und denen sich schöne dreckige Effektspielereien betreiben lassen. In der unteren Hälfte sind noch ein paar digitale Echos im Rack, ein Dynacord DRS 78 für den ultimativen Klaustrophobie-Hall, ein Aria-Delay aus der 80er-Billigecke für trashige Sachen und ein Lexicon PCM 42 als die wohl solideste Delay-Waffe, die jemals gebaut worden ist.

Darüber kommt das wohl wichtigste Tool in diesem Effektstudio: Die vollanaloge verzögerungsfreie Stereokette, in der Reihenfolge patchbar, einzeln hart Bypass-fähig, mit: dem Vermona DAF1 Stereofilter, der auch der Signalhüllkurve folgt und somit als spezielles Noisegate verwendbar ist, weiterhin mit dem AKG TAPCO 4400 Federhall – mein absoluter Favorit in dem Gebiet, da er diese wunderbaren metallischen Obertöne mit mehr Brillanz hervorzaubert als alle anderen Geräte die ich kenne – einem Vermona PH1 Phaser für den Lee-Perry-Faktor, einem billigen aber gutem japanischen Aria AR 252 Federhallgerät, um nochmals bei Bedarf von hinten breiten Hall anzudicken, einem SPL SX2, der psychoakustisch mit den Phasengängen jongliert und z.B. zusätzliche Harmonische für etwas zu morastigen Federhall ermöglicht und schließlich ein DBX 1066-Kompressor als Arbeitstier für Verstärkerrauschen und Pegelspitzen.

Im oberen Drittel hängen noch ein paar Staubfänger wie z.B. ein geborgter alter S 1100-Sampler von Akai, der leider so nostalgisch ist, dass es jeder Usuability-Diskussion entbehrt. Darunter ein additiver Synth, für den ähnliches gilt. Schließlich noch eine ultimative Geheimwaffe eines frei operierenden Schraubers aus Berlin, ein Monofilter namens ‚Ebbe & Flut’ – die absolute Oberklasse was Sounddesign angeht. Nicht ganz billig, aber eben direkt und fair vom Ingenieur zu erwerben und wirklich mit Abstand das Schärfste in Headroom, Klangqualität, Semi-Modularität, Flexibilität und Soundgewalt. Tipp!

Studio Studio #2 – Musikzimmer von LXC (Foto: Christian Hüller)Ganz oben im Rack ist noch der Billo-Verstärker S75 von Thomann, der die RFT BR-25-Monitore füttert – eine Kombination die wenig populär ist. Zu Unrecht: Der Amp hat ein sehr einfaches Schaltungsdesign und somit eine Qualität, die man sonst erst in der Oberklasse wiederfindet. Und die RFT-Boxen wurden damals von Musikelektronik Geithain dimensioniert – ziemlich transparenter Sound und schön linearer Frequenzgang für um die 200 Mäuse. Bei Bedarf an Bass kann man einfach einen Grafik-EQ davor hängen – die kleinen Dinger gehen bis 5 Hz in den Keller, keine Sorge! Und ja, sie hängen bei mir von der Decke. Was sich als Notlösung ob fehlender Ständer ergab mag ich jetzt nicht mehr missen.

Der ganze bisher genannte Spaß läuft über eine mehr oder weniger chaotische doppelte Patchbay in mein Mackie 16-Kanalpult, das auch für relativ wenig Geld sehr sauber arbeitet. Darauf aufliegend sieht man noch einen Vermona DRM 1 Mk II-Drumexpander, der für Beatlayerings ganz praktisch ist, um sich sehr schnell analoge Drumsounds zum Andicken je nach Bedarf zusammenzuschrauben. Solo ist er allerdings eher nicht zu empfehlen, und schon gar nicht unbearbeitet.

Als Schaltzentrale nach dem Pult dient ein Ebay-Laptop mit einer Motu Ultralite Mk I, einem 4fach-MIDI-Interface, Wandlern für CV/Gate und analoger Clock und dem guten kleinen Trigger Finger zum Beats eintippen und DAW steuern. Softwareseitig ist alles an Bord was man so kennt, da kochen wir ja alle nur mit Wasser, oder? Noch auf dem Tisch ist der Access Virus Synth, unerlässlich für alle komplexen Sounds, für die man sonst ein riesiges Modularsystem bräuchte, und eine 606 zum Festhalten von Pattern-Ideen – na gut, und für die Silberkistennostalgie auch, zugegeben.

Ganz rechts stehen noch zwei Roland-Keyboards, ein Alpha Juno 2 mit den amtlichen Holland-Rave-Staubsauger-Klängen – übrigens auch ein prima MIDI-Keyboard – und einer SH 101 für alles grundlegende, bassige, knarzige und analoge mit der nötigen Fettheit. Die macht sowohl Bomben-Subbässe als auch Acid Lines, oder einfach nur rauschige Flächen, und das alles ziemlich schnell mit ein paar Handgriffen. Ein sympathisches Arbeitstier eben. Ganz rechts, etwas schlecht zu erkennen, stehen noch zwei Kondensator-Mikrofone von Neumann für alles von Hand eingespielte, Instrumentalisten, Vokalisten usw. – in Transparenz, Tiefenstaffelung und einfach ‚Echtheit’ wirklich sehr beeindruckend.

Die zwei goldenen Kistchen oben auf dem Schrank sind übrigens eine unschlagbare Kombi der Sechziger, so sah ein Soundsystem-Amping damals aus: 100 Watt Röhrenendstufe mit vier Eingängen und dazu ein Röhrenband-Echo für die amtlichen Surfgitarren und Elvisstimmen – nur damit wurden Locations mit bis zu 500 Leuten beschallt, heute undenkbar, oder?

Viele kleinere Tools die ich noch verwende, um Sounds und Ideen zu entwickeln, sind auf dem Foto leider gar nicht drauf. Das liegt auch daran, dass ich nebenbei an einem Live-Koffer mit vielen kleinen Maschinchen tüftle. Aber das führt hier zu weit, ich bin mir eh sicher das bis hier runter keiner anders als quer gelesen hat. Falls trotzdem noch Fragen zu einem Gerät oder einer Technik auftauchen, oder bestimmte Sachen oder Arbeitsweisen unklar sind, dann kontaktiert mich! Bin auch immer gern in Kollaborationen, Aufnahmen und Effektmischungen sozusagen ‚verwickelt’. Alles weitere auf LXC808.COM … Bässte Grüße!“

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