Wachstum

Sie haben ja schon die Facebook-Runde gemacht, die zahlreichen Think-Open Air-Mitschnitte von Sven Väths Lobeshymne auf Leipzig. Unerwähnt soll sie hier nicht bleiben.

In Frankfurt geht einiges um Wachstum, die Börse dort will jeden Tag Wachstum. Und Sven Väth war auch immer um Wachstum bemüht. Dass er bei allem Rave-Gepose immer noch weit weg von den Paul van Dyks und Tiëstos blieb, ist ihm durchaus anzurechnen.

Sein „Ich muss schon sagen, bei euch ist wirklich was gewachsen – ihr könnt euch blicken lassen.“ als Abschiedsgruß vom diesjährigen Think-Open Air kann getrost zurückerwidert werden. Er selbst hat Daniel Stefanik und Sven Tasnadi auf Cocoon Recordings veröffentlichen lassen.

Und doch kann ich mir eine gewisse Fremdscham wegen des pathetischen Rave-Guru-Status nicht verkneifen. Eine immer währende Ambivalenz.

Lupos Benai „v1001“ (No Label)

Erst Myspace, nun Soundcloud – die Demo-Track-Kultur hat sich komplett geöffnet. Tracks kommen einer breiten Öffentlichkeit nicht mehr erst dann zum Vorschein, wenn ein Label sie pressen lässt. Lupos Benai ist dennoch eine Ausnahme unter den Soundcloud-Neulingen.

Es ist eine eigene Diskussion mit vielfältigen Verzweigungen. Vielleicht beginnt sie mit der Demokratisierung des Musikmachens durch immer günstiger werdende Producer-Software. Da entstehen tausendfach Tracks in Kinder- und WG-Zimmern, die sich über verschiedene Web-Plattformen sofort „veröffentlichen“ lassen.

Veröffentlichen hat in diesem Zusammenhang eine neue Bedeutungsebene bekommen. Denn natürlich macht das Hochladen bei Soundcloud einen Track öffentlich – doch für wen eigentlich? Für die eigenen Freunde und ein paar Freundesfreunde. Die großen Myspace-Hypes lassen sich dagegen an einer Hand abzählen.

Hier können sich die Labels nach wie vor einen kleinen Vorsprung zugestehen – sie werden mit ihren Veröffentlichungen noch einmal anders wahrgenommen, mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, wobei ein Label nicht unbedingt gleich eine hohe Qualität garantiert. Was aber, wenn ein Neuling in Eigenregie seine Tracks herausbringt. Nicht nur auf Soundcloud oder mit einem Net-Label, sondern mit einer eigenen Platte – auf Vinyl, echtem Vinyl.

Lupos Benai, ein Producer aus Leipzig hat zwei seiner Tracks extra mastern lassen und sie in Kleinstauflage pressen lassen. Für sich, aber natürlich auch, um zu schauen, was passiert. „Da ich nicht bei all den hippen Labels hausieren wollte und auch etwas müde bin vom Musikgeschäft, habe ich mich entschlossen, die Platte selber rauszubringen“, schreibt Lupos Benai auf seinem Blog. Und er kennt das Geschäft als ehemaliger Label- und Vertriebsbetreiber sowie als Produktmanager bei einem Major-Label tatsächlich. Insofern ist er auch nicht unbedingt der klassische Newcomer.

Wozu braucht es aber eigentlich mehr Mut? Sich auf die Gefahr von Absagen der Labels einzulassen oder das viele Geld für ein paar Vinyl-Exemplare hinzulegen, die vielleicht nur zuhause liegen werden? Wie auch immer. Die „v1001“-EP ist also eine private Null-Nummer. Ein Testlauf mit offenem Ausgang. Den Tracks an sich wird es egal sein, auf welchem Format sie zu hören sind – und so gibt es sie auch als kostenlose MP3s auf dem Blog.

„Ospan“ startet zugegebenermaßen sehr hölzern. Er entwickelt sich später jedoch zu einem dichten, rhythmischen und melodisch schiebenden Stück. Vielleicht insgesamt ein wenig zu aufgeregt und zu sprunghaft.

„Signale“ ist da schlüssiger. Vielleicht ist es der flirrend-deepe Chord, der unendlich lang laufen könnte, ohne dass er an Reiz einbüßen würde. Selbst die los marschierende Bassdrum kann dem Schwelgerischen nichts entziehen. Nicht schlecht.

Wer die Tracks auf Vinyl haben möchte, kann sie nur bei Lupos Benai selbst kaufen – vorerst zumindest.

Zu einem anderem Track, „Westkreuz“ hat er übrigens auch ein Video in Leipzig und Halle gedreht – fast ausschließlich auf dem iPhone, wie er selbst sagt. Fehlendes Engagement kann man hier nicht vorwerfen.

Lupos Benai Website

Vier Kurze

Kurz vorm Wochenende noch ein paar Kurze rausschießen. Also keine Schnäpse, Neuigkeiten, Nachrichten. Und ein Bonus von Break The Surface.

Genau. Es hat einige Zeit gedauert, aber am 12. August kommt eine neue EP auf Break The Surface heraus – von Metasound & Lucius14. Erstaunlich organisch und funky wird die. Weil sich das Label so sehr über sein kleines Comeback freut, gibt es „So What’s That All’bout“ für einige Tage for free. Und zwar hier. Und in zwei Wochen kommt dann die ganze EP in die Download-Shops.

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FM-Musik kramt erneut in seinem reichhaltigen Back-Katalog herum und kommt mit der zweiten „Selected Works“-Compilation. Dieses Mal wird nicht die jüngste Vergangenheit reflektiert, sondern die Ältere. Zehn Jahre zurück reicht die Werkschau. Auch Gamat 3000, das Projekt mit Matthias Tanzmann ist dabei. „30° Im Schatten“ hieß die EP damals. Deeper Deep House. Und auch der Rest ist eine warm einhüllte Zeitreise.

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Bei Rose Records, dem neuen Label um M.ono & Luvless wird es langsam ernst. Nur mal so nebenbei erwähnt.

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Und noch was in eigener Sache: frohfroh gibt es jetzt seit zwei Jahren schon. Ein Sommerkind also.

Adam Port „Basement feat. Daniel Wilde“ (Moon Harbour Recordings)

Ein neues Gesicht bei Moon Harbour, dieses Mal eines aus Berlin. Adam Port ist mit seiner „Basement“-EP erstmals hier an Bord – mit einem angenehmen Understatement.

Adam Port ist eher aus dem Umfeld seines Labels Keinemusik bekannt. Ein bunter Haufen an House-Enthusiasten, gleichermaßen interessiert an Urban Art und Mode. Die Riotvan-Crew hatte den Berliner DJ und Producer schon des Öfteren nach Leipzig geholt. Insofern ist sein Andocken bei Moon Harbour etwas überraschend, aber nicht unpassend. Über Facebook sei der Kontakt zwischen Matthias Tanzmann und Adam Port zustande gekommen. Beide kannten sich flüchtig von Auftritten.

Spannend übrigens auch das Interview mit Adam Port in der aktuellen Moon Harbour-Radio-Ausgabe. Da erzählt er, dass er ursprünglich aus der HipHop-Szene kommt. Allerdings sei es nicht möglich mit HipHop alt zu werden. Mit House schon eher. Auch wenn er keine wirkliche Label-Heimat hat – bisher veröffentlichte er u.a. bei Liebe*Detail, Souvenir und Rockets & Ponies – produziert Adam Port nicht speziell auf ein Label zugeschnitten. Aber wer macht das schon?

„Basement“ und „Tell You“ waren demnach auch nicht originär für Moon Harbour gedacht. Dennoch passen sie in den jüngsten Label-Katalog nahtlos rein. Extrem schlanke, stromlinienförmige House-Tracks mit perkussiven Elementen und dezenten Höhepunkten. Daniel Wilde spricht bei „Basement“ angezehrt drüber. Mehr hat es nicht und braucht es vielleicht auch nicht. Matthias Tanzmann verleiht dem Stück in seinem Remix einen Tick mehr Funk, hält sich aber sonst eher zurück in seinem Eingriff.

Spannender ist dagegen „Tell You“, ein leicht dunkel schiebender Track mit kurz, aber mächtig aufflackernder Bassline. Dies ist eines jener Stücke, die permanent eine knisternde Spannung auf demselben Niveau halten, ohne sich zu entladen. Dass Adam Port aus einem anderen musikalischen Kontext kommt, ist in der Mitte des Tracks zu hören. Da schält sich plötzlich eine improvisierte Funk-Jazz-Session heraus, erstaunlich gut und organisch klingend eingebettet in das House-Fundament. Als nächstes remixt er ein Tanzmann-Stück. Mal sehen, was die neue Verbindung noch bringen wird.

Adam Port Website
Moon Harbour Website
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Protest

Wohin eigentlich mit dem Electro-Pop? frohfroh sieht sich nicht als hermetisch, aber irgendwie gibt es doch ein gewisses Ressentiment gegenüber dem Versuch Indie-Pop mit elektronischen Mitteln zu übersetzen. Und so blieb auch das Leipziger Trio Brockdorff Klang Labor hier bislang außen vor. Ihr Song „Festung Europa“ geht aber nicht spurlos vorüber.

Nicht nur inhaltlich betrachtet. Auch der Fakt, dass der Song den von Spex und Byte.fm ausgelobten Contest nach dem besten Protestsong gewonnen hat, schenkt ihm eine durchaus gebührende Beachtung. Brockdorff Klang Labor haben es aber auch ohne diese Medaille schon zu einem gewissen Ruhm geschafft. Indie-Heroe Alfred Hilsberg entdeckte das Trio für sein Label What’s So Funny About und veröffentlichte dort 2007 das Album „Mädchenmusik“.

Im letzten Jahr traten die Drei im deutschen Pavillon der Expo 2010 in Shanghai auf. Im Juni dann der Gewinn des Protestsong-Contests. „Festung Europa“ ist kein schallend scheppernder Protest. Er vermittelt eher einen poetischen, hedonistisch sozialisierten Umgang mit politischer Meinung – mit schwelgerischen Melodien und tight gesetzten Beats.

Im Spex-Interview beschreiben Nadja und Sergej ihre Beweggründe zu dem Stück, das sich mit der europäischen Flüchtlingspolitik auseinandersetzt. Das klingt reichlich ungewohnt, zelebrieren Brockdorff Klang Labor sonst doch hauptsächlich einen artifiziell-überzeichneten, immer heiteren Gestus. Doch der neue Ton klingt keineswegs aufgesetzt.

Ein Video gibt es nun auch dazu. Und das nächste Album folgt im Herbst.

Brockdorff Klang Labor Website

Mute-ation „Beautiful Medusa“ (Ulan Bator Records)

Verfolgt man das Soundcloud-Profil von Mute-ation, konnte man in den vergangenen Monaten immer neue Demo-Tracks entdecken. Es war also nur eine Frage der Zeit, wann da etwas in offizieller Manier passiert.

Mit Ulan Bator Records im Rücken ist die Infrastruktur auch durchaus da. Vor einem Jahr erschien dort bereits das Mini-Album „Encephalon 1“, das Mute-ation gemeinsam mit Pyjama Pyrat herausbrachte. Eigentlich sollten innerhalb von zwei Jahren vier Teile dieser Kollaboration erscheinen. Bislang blieb es aber beim ersten Teil.

Stattdessen kommt nun das Solo-Debüt von Mute-ation als Digital-EP heraus – beide gemastered von LXC. Es sind zwei episch ausladende Dubstep-Tracks, schleppend und sehr gewichtig, angedunkelt und angeraut. „Beautiful Medusa“ ist als Track fast cineastisch veranlagt. Vielleicht liegt es an den hell aufflackernden Western-Gitarren, vielleicht an den bedeutungsschwanger klingenden Stimmungswechseln.

„Void“ klingt im direkten Vergleich etwas entzerrter, eingängiger, in sich schlüssiger. Aber auch schroffer und direkter in seiner Rave-Ansage. Dennoch kommt „Void“ einen Tick besser auf den Punkt und wirkt nicht ganz so überladen. So als Zwischenstand gelingt der EP aber auch in der Zweisamkeit ein positiver Nachhall.

Ulan Bator Records Website
Mute-ation Facebook

From Disco: To Bookstore

Um Bücher ging es bei frohfroh bislang noch nie. Nicht, dass es eine dogmatische Abneigung gäbe. Es fehlte nur irgendwie der Aufhänger. Der ist seit Pfingsten nun da – und zwar mit dem Buchladen Kapitaldruck.

Am Roßplatz gab es bisher wenig Gründe innezuhalten. Höchstens die opulente Ring-Bebauung mit den großen Schaufenstern der Geschäfte, den verwinkelten Durchgängen und den Beton-Blumenbeeten davor übten eine gewisse Faszination aus. Eine Zeitlang residierte das Leipziger Label Kellermusik in genau dem Laden, in dem heute die Bücher von Kapitaldruck stehen. Ein Laden mit eingebauten Holzregalen und Schubkästen mit Glas-Front.

Das Interieur hat etwas Nostalgisches, es versprüht einen historischen Appeal, der auch so etwas wie Geborgenheit vermittelt. Wahrscheinlich wäre es in dem Moment auch egal, was hier verkauft wird. Es sind aber Bücher und Bio-Kaffee. Und es steht nicht irgendwer hinter dem aus den Fünfziger Jahren stammenden Tresen. Es ist René Pölzing.

Als Criticale kennen ihn vielleicht manche als Veranstalter einiger Fridayclub-Reihen in der Distillery und als Mitherausgeber des Faltmagazins repertoire, das von 1999 bis 2003 die Leipziger Clubkultur – „Kantige Musik in 0341“, hieß der Subtitel – journalistisch begleitete. 2004 und 2005 arbeitete er am Reader der Pop Up-Messe mit und machte einige Jahre die Pressearbeit der Distillery. Schluss war damit, als das vom ihm mit initiierte Programm-Magazin Drunk das Zeitliche segnete – spätestens hier wurde René klar, dass er sich außerhalb der Clubszene neu orientieren müsste.

Wie kommt aber ein hinter den Kulissen agierender Club-Veteran zu einem Buchladen? Weil Bücher Grundlagen ebnen – für Diskussionen, für Ideen und Impulse. Und weil ein Buchladen ein guter Treffpunkt sein kann. Als Kleinhändler in das Buchgeschäft einzusteigen, mutet beinahe naiv an. Doch René macht mit Kapitaldruck das, was auch einen Plattenladen vor der eigenen Haustür von einem Online-Shop oder dem Kaufhaus unterscheidet.

Er pickt aus einer riesigen Auswahl Empfehlenswertes heraus, wird inhaltliche Verweise zu weiteren Büchern nicht aufgrund von Kunden-die-das-kauften-kauften-auch-das-hier-Algorithmen oder den Spiegel-Bestseller-Listen anbieten, sondern aufgrund von einem eigenen Wissen und einem Gespür für das Interesse eines Kunden. Und dieser persönliche Kontakt mit guten Empfehlungen ist nicht zu unterschätzen und er wird auch nicht so einfach durch die Online- und Monopol-Welle weggespült.

Das ist beim ambitionierten Plattenkauf nicht anders als bei Büchern. Durch die Buchpreisbindung kann sogar niemand nörgeln, dass es im Internet günstiger sei. Über den Großhändler ist bei Kapitaldruck ebenso alles über Nacht lieferbar wie bei jedem anderem Buchhändler auch. Aber die Auswahl vor Ort macht den Laden wertvoll. Entwicklungen aus verschiedenen Lebensbereichen möchte René aufzeigen – daher sind die Bücher in den Regalen grob in die Rubriken „Leben gewesen“, „Leben eben“ und „Leben später“ unterteilt.

Kapitaldruck soll kein staubiger Buchladen sein, mit drögen Lesungen und Bibliothekenstille. Mit der derzeitigen Hörraum-Installation „Seven Speakers“ zeigt sich erstmals, wie so etwas aussehen kann. Kunst, Musik und Diskurs in einem angenehmen Raum. CFM wird zur Finissage am 3. August live auftreten.

Es soll auch noch mehr passieren. Kalte Speisen, Themenabende und mehr. Kapitaldruck soll formbar bleiben. Nicht nur durch Renés Hand, für ihn selbst soll der Laden ein Podium für neue Gespräche bieten. Heraus kommt hier also ein Plädoyer für die Qualitäten des lokalen Einzelhandels – und das von einem Online-Medium…

Kapitaldruck Website

Rave-Kodex

Okay, die Überschrift ist etwas reißerisch. Doch es gibt neue Bewegung im Umgang mit mehr oder weniger spontanen Open Air-Veranstaltungen in Leipziger Parks. Das Team der Global Space Odyssey hat einen Kodex zur Diskussion gestellt, der ein paar Richtlinien für Veranstalter etablieren möchte.

Auch wenn die Facebook-Initiative „Nachhaltige Tanzkultur“ im Sumpf der unsachlichen Beschimpfungen unterging, bleibt das Thema aktuell. Das GSO-Team hatte bereits vor zwei Jahren ein Freiflächenkonzept an die Stadt Leipzig gerichtet, was allerdings zu keinem Ergebnis führte.

In Vorbereitung eines neuen Konzepts wurde nun ein Kodex-Papier ins Netz gestellt, das als Diskussionsgrundlage dienen soll. Spannend ist, dass hier die illegalen Partys nicht mehr per se verurteilt werden. Die Richtlinien richten sich sowohl an Veranstalter (und indirekt auch an die Besucher) genehmigter Partys als auch an die, die darauf verzichten.

Im Kern geht es bei dem Papier um konkrete Empfehlungen zur Organisation, Ansprechpartner bei der Stadt, Lautstärke-Regelungen und Umweltaspekte. Noch ist es ein Entwurf. Auf der Facebook-Seite der Global Space Odyssey kann schließlich darüber diskutiert werden, was bislang aber noch nicht stattfindet.

Inwieweit eine Stadtverwaltung – ganz gleich wo – sich auf eine hedonistisch ausgerichtete Party-Kultur mit einer innewohnenden Exzess-Freude einlässt, bleibt sicherlich ein schwieriges Thema. Zum Schärfen eines gewissen Bewusstseins mit der Ressource „Öffentlicher Raum“ könnte solch ein Kodex durchaus hilfreich sein. Er wird aber bestimmt nicht die generelle Skepsis der Stadt aufheben können.

Die Global Space Odyssey findet übrigens am 23. Juli statt. Derzeit liegen auch kleine Programmhefte mit einleitenden Texten aus. Als PDF gibt es das hier.

Zweistreifen with Ian Simmonds „Who Is The Daddy?“ (Analogsoul)

Analogsoul lotet immer wieder auf ganz interessante, skizzenhafte Weise die Schnittstelle von Pop und Elektronik aus. Auf der neuen EP des Duos Zweistreifen kommt sogar der große Ian Simmonds mit ins Spiel.

Zweistreifen sind ein typisches Zwischen-Tür-und-Angel-Duo. Fabian Schütze lebt in Leipzig, Clemens Kynast in Jena. Eigentlich arbeitet jeder noch an anderen Projekten – Me And Oceans, A Forest und Klinke Auf Cinch um genau zu sein. Und doch haben beide mit Zweistreifen einen gemeinsamen Nenner gefunden, der nun schon seit 2008 beständig ausgebaut wird – drei Net-EPs sind bei Analogsoul bislang erschienen.

Experimentelle, skizzenhafte Electronica-Arrangements, filigran übereinander gelegte Loop-Schichten, viel organische Wärme und bei aller Brüchigkeit eine stille Eingängigkeit, das zeichnet den Zweistreifen-Sound aus. Ihre neue EP „Who Is The Daddy?“ hebt diesen angedeuteten Pop-Appeal der ersten EPs auf ein neues Level. Nicht nur, weil Ian Simmonds singt. Auch die Sounds sind ausgereifter und glatt gezogener.

Natürlich prägt der britische Wahl-Jenaer Simmonds mit seiner Stimme und all der lebensweisen Tiefe, die darin mitschwingt, den 2011er Sound von Zweistreifen ganz entscheidend mit. Es sind stille Electronica-Pop-Songs, wunderbar ausbalanciert zwischen Wohlklang und Reibung.

Und während Ian Simmonds bei seinen Solo-Stücken durchaus offensiver wirkt, ist er bei den vier Stücken der „Who Is The Daddy?“-EP von einer ruhigen, introvertierten Seite zu erleben. Das Zweistreifen-Duo reagiert entsprechend mit einer dezenten musikalischen Einbettung. Das ist süße Melancholie in ihrer schönsten Form. Ein Video in ähnlicher Tonalität gibt es auch zur EP.

Ende Mai kam übrigens auch eine 1-Track-EP von Klinke Auf Cinch heraus. „Lentis“ heißt der Track, und er ist ein Slow-Pop-Hit zwischen HipHop, Electronica und Downbeat im Band-Format. Direkter und radiotauglicher als die neue Zweistreifen-EP. Und dennoch ist der Ansatz von beiden Veröffentlichungen gar nicht so weit voneinander entfernt.

Analogsoul Website
Zweistreifen Facebbook
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Neue Wege

Labels, die nur noch digital veröffentlichen, Labels, die sich mehr und mehr als Party-Marken für Clubs etablieren – wahrscheinlich befinden wir uns  gerade mitten in der spannendsten Umbruchphase der Musikwirtschaft. Das Berliner Label Innervisions löst sich nun von seinem Vertrieb.

Das Label von Dixon und den Âme stach aus der Release-Flut schon immer durch seine wunderbar kunstvollen Cover und den latent mit verkauften Style hervor. Jetzt gehen sie auch wirtschaftlich einen Sonderweg, wie Dixon in einem Interview mit Resident Advisor sagte. Innervisions übernimmt ab der nächsten EP den Vertrieb selbst. Im Mittelpunkt steht dabei der eigene Online-Shop Muting The Noise, der neben den Innervisions-Platten auch die Veröffentlichungen der beiden Sublabels sowie die von ausgewählten anderen Labels verkauft. Hinzu kommt auch der ganze Label-Merchandise. Außerdem werden künftig nur noch eine Handvoll Plattenläden exklusiv beliefert – darunter auch das Leipziger Freezone Records.

Für ein Label mit ausgeprägter Fan-Base ist das ein durchaus interessanter Schritt, gehen die Einnahmen des Online-Shops zu 100 Prozent an das Label. Dixon erklärt die Entscheidung auch mit der Tatsache, das ein Großteil der Platten über die großen Online-Shops wie Decks oder Juno verkauft werden. Der klassische Vertrieb hätte demnach relativ wenig Arbeit im verteilen, kassiere aber dennoch sein Drittel. Für kleinere Labels könnte die Idee auch interessant sein, indem sie sich mit anderen Labels zusammen schließen.

Im Indie- und Electronica-Bereich ist der Gedanke gar nicht neu. Morr Music hat auch seinen eigenen Shop A Number Of Small Things, bei auch Platten von Karaoke Kalk und zwei Dutzend anderen Labels angeboten werden. Ist dies also ein weiterer Schritt auf dem Weg zur strukturellen Straffung, um doch noch einigermaßen gewinnbringend ein Label führen zu können?

Analogsoul sind mit ihrem Weg des Crowdfunding übrigens an anderer Stelle ganz erfolgreich unterwegs. Mit Mud Mahaka ist bereits das nächste Musik-Spenden-Projekt geglückt.

Aus mit super

Die Odyssee ging lang, jetzt scheint sie vorläufig zu einem Ende gekommen sein – das Superkronik wurde geräumt.

Dass Anfang Mai eine Räumung stattgefunden hat, war schon auf der Facebook-Seite des Superkronik zu lesen. Zwei Wochen zuvor ging noch ein offener Brief an die Presse. Nun scheint aber wirklich Schluss zu sein, wie der kreuzer auf seiner Website heute berichtet. Ordnungsamt und Mietrückstande waren wohl zu erdrückend, um einer kompletten Räumung weiter zu entkommen.

Skurril auch, dass ausgerechnet beim Superkronik das Wort „Angst“ als Neon-Reklame angebracht wurde. Das Superkronik hat viel Potential ausgestrahlt mit seinem breiten, subkulturellen Profil. Richtig rund lief es nach dem Umzug an die Karl-Heine-Straße aber nie. Schade schade.

Neue November-Filme

Vor kurzem ging es hier schon einmal um die Home-Music-Video-Producer von 29th Films. Auch an einigen Leipziger Tracks hatten sie ihre Freude. Und so gibt es ein paar neue Videos zu bestaunen.

Kassem Mosse ist gleich dreimal dabei. Good Guy Mikesh & Filburt mit ihrem „Gold Snake“ sowie ihrem Dirt Crew-Remix, Efdemins Beitrag zur letzten Kann Records-Compilation und Daniel Stefaniks „Tension In Leipzig“. 45 Minuten also, um sich zurückzulehnen und das zweite Leipzig-Video-Mixtape anzuschauen. Wieder entstand es mit Hilfe von Drag On Tape. Viel Spaß.