Udosson „Miniatures I“ (Petite:Unique Records)

Ambient hat es gerade nicht besonders leicht – nach den großen Electronica- und Clicks’n’Cuts-Jahren laufen viele Klangforschungen heute im Versteckten ab. In Leipzig engagiert sich Udosson auf viel versprechende Weise.

Scheinbar fehlen die Ruhe und auch das Bedürfnis nach einer Musik, die unter dem Kopfhörer am besten klingt. Der man zuhören muss, die vielleicht mehr Raum zum Entfalten braucht als andere. Aber das ist Spekulation. Fakt ist, dass wichtige Impulse fehlen: Mille Plateaux pausierte viele Jahre, Warp Records ist ein Komplett-Sortimentler geworden und die Netlabel-Szene hat es nie so recht geschafft eine weit umspannende Aufmerksamkeit zu erreichen.

Dennoch bleiben die ruhigen, verspielt bis experimentellen Tracks reizvoll. Und Udosson erinnert an diesen einstigen Reiz. Aus dem Vogtland stammt er. Chemnitz ist von da aus eigentlich nicht weit entfernt – doch für das dort residierende Label Raster-Noton ist Udosson zu wenig abstrakt.

Seit einiger Zeit lebt er in Leipzig und arbeitet mit dem jungen Label Petite:Unique zusammen. Fast genau vor einem Jahr erschien dort Udossons Debüt-Album. Zugegeben, damals ging es bei frohfroh zu Unrecht unter. Mit „Miniatures I“ legt er nun eine Digital-EP mit vier poetisch klingenden Tracks nach.

Schwelgerisch breiten sie sich aus, behutsam getragen von einer kaum vertrackten Rhythmik. Teilweise schwingt da auch ein naiver Wohlklang mit, etwa dann, wenn die Melodien weit ausholen und eigentlich auch gern einen Pop-Song begleiten würden. Sehr ausgereift klingen Udossons Tracks, ausgeglichen in den Arrangements und der Grundstimmung. Weich gezeichnet gestaltet Udosson eine träumerische Klangwelt in der Abenddämmerung.

Dass der Kitsch nicht die Überhand gewinnt, ist den kleinen versprenkelten Sounds zwischen den Harmonien zu verdanken. Sie sind der spannende Sand in einem an sich sehr reibungslos funktionierenden Getriebe. Wie gesagt: es braucht Kopfhörer und ein wenig Zeit, um sich auf „Miniatures I“ einlassen zu können. Aber die rund zwanzig Minuten lohnen sich.

Petite:Unique Website
Udosson Website

Leipzig – Copenhagen – Glasgow – Amsterdam

Alphacut legte im April schon in gewohnter Manier eine neue Split-EP vor. Am anderen Ende der Stadt wird hingegen gerade ein neues Label für poppigen Dub gelauncht – die Leipzig-Achsen werden erweitert.

Alphacut-23Morphy / Phuture-T „Suspension Dub / Crown Ether“ (Alphacut Records)

Der Alphacut Records-Katalog wächst beständig, und mit fast jeder neuen Platte kommt ein neues Gesicht in den offenen Künstlerstamm hinzu. Auf der Nummer 23 ist es Phuture-T aus Amsterdam. Als Teil des dort beheimateten Artist-DJ-Kollektivs Reactor Studios Amsterdam scheint er in den Niederlanden kein unbekannter mehr zu sein. 2009 erschienen erste Stücke von ihm.

2011 soll es aber richtig losgehen. Auf seinem Soundcloud-Profil wird einiges angekündigt – unter anderem ein weiteres Stück auf der nächsten Alphacut-Platte. Aber erstmal zur 23: sein „Crown Ether“ ist ein dicht schwebender Drumfunk-Track, mit entfernt rasselnden Beats und gespenstisch unterkühlten Sound voller Synthesizerwellen und Samples. Sehr klassisch, zeitlos klingt abgedroschen, trifft es aber doch. „Crown Ether“ ist ürbigens das Vinyl-Debüt des Niederländers.

Morphy gehört schon seit einigen Monaten zu Alphacut Records. Sein „Suspension Dub“ hat ebenfalls etwas zeitloses – und ich frage mich, ob mir der Track so vertraut vorkommt, weil er so oft hier lief, oder es schlicht für seine Hit-Qualität spricht. Eine tief schwebende Bassline zieht den nach einem Soundtrack klingenden Ausflug des Schotten nach unten. Mit den hell flirrenden Fanfaren könnte mit „Suspension Dub“ auch ein Western-Film untermahlt werden – ohne Bonanza-Kitsch, aber durchaus ohne Strenge.

Kolortown-Sound-Is-Coming-1Kolortown „Sound Is Coming Part I“ (Kyoto Inc.)

Aus dem Umfeld von Statik Entertainment entsteht erneut ein Label: Kyoto Inc.. Und hier scheint eine Adresse für elektronisch sozialisiertem Dub mit Pop-Appeal zu entstehen. Das Debüt gehört dem dänischen Trio Kolortown. Dahinter stehen neben den Producern Jakob Ivarsson und Theodor Zox auch die Sängerin Nana Jacobi.

Als Xoki und Hieronymus waren sie bereits auf Dub-Pfaden unterwegs – vor sechs Jahren betrieben sie auch das Net-Label Kyoto_Digital, bei dem sogar einmal eine Daniel Stefanik-/Urban Force-EP heraus kam. Die Leipzig-Dänemark-Verbindung wird also intensiviert mit dem gemeinsamen Vinyl-Label – und es ist wohl indirekt auch eine Wiederbelebung mit anderen Mitteln des eingestellten Netlabels.

„Sound Is Coming Part I“ ist eine Vier-Track-EP mit langsamen, völlig entschleunigten Dub-Forschungen. Eher in Richtung Rhythm & Sound als Jahtari. Auch Nana Jacobis Gesang prägt die Stücke auf eindeutig europäische Weise – kein klassischer Dub mit imitierten Vocals.

Bei „Let Us Go“ und „Summertime“ kommt zusätzlich der Dub-Techno-Background von Theodor Zox hervor. Aber weitaus weniger geglättet wie bei seinen EPs auf Thinner und anderen Netlabels. Insgesamt sind die Stücke sehr ausgewogen und angenehm unprätentiös. Ein guter Einstand. Und der EP-Titel deutet auf weitere Kolortown-Veröffentlichungen an.

Alphacut Records Website
Kyoto Inc. Discogs
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Dreimal alles neu

Remixe sind was tolles, manchmal auch unnötig. Aber prinzipiell ist das Neuverorten von etwas bestehendem ein spannendes Unterfangen. Drei Remix-Platten läuten hier daher diesen Montag ein.

A Forest „A Listener – Remixes“ (Analogsoul)

Los geht es mit A Forest, die gerade ganz gut nach vorn kommen. Nach der EP „A Square“ gibt es nun die passenden Remixe auf einer Net-EP dazu. Etwas tragisch ist natürlich, dass der großartige Lake People-Remix nicht hier enthalten ist. Inhaltlich hätte es gepasst, immerhin war Analogsoul quasi das erste Label, das einen Lake People-Track veröffentlichte – im letzten Sommer war das.

Das macht die „A Listener – Remixes“-EP aber nicht minder interessant. Von Touchy Mob und Micronaut sind zwei herrlich verschrobene und eigensinnige Versionen von „A Listener“ entstanden. Touchy Mob begibt sich waghalsig auf den House-Floor. Waghalsig, weil er eine klassische Deepnes anskizziert, sie dann aber komplett über den Haufen wirft, um einen Teil des Weges auf Electronica-Sohlen fortzusetzen. Ohne, dass hier wirklich ein Bruch entstehen würde. Toller Typ.

Der Leipziger Micronaut schiebt eine massive Bassline unter die Vocals. Der Song-Charakter bleibt hier noch erhalten. Und so ist nach gut drei Minuten auch Schluss. Es ist aber auch alles gesagt. Klinke Auf Cinch aus Jena nehmen das Tempo komplett raus. Slo-Motion im besten Sinne, mit organischem Jazz-Appeal. Eine sehr berauschte Version mit feiner Rhythmik kommt am Ende bei raus.

Martinez-Paradigm-Shift-Remixes-1Martinez „The Paradigm Shift Remixes Part 1“ (Moon Harbour Recordings)

Bei Moon Harbour geht der obligatorische Remix-Marathon nach einem Album los. In diesem Falle wird das Martinez-Album neu ausgerichtet. Der erste Teil der „The Paradigm Shift Remixes“ bietet mit Davide Squillace und Arado & Marco Faraone eine Menge funktionale und bewährte Leichtfüßigkeit.

Christian Burkhardt und Markus Schatz haben aber den etwas spannenderen Anteil an dieser EP. Markus Schatz fällt ja immer wieder durch sein Augenzwinkern auf. Sein „Paradigm Shift“-Remix fällt aus dem sonst geglätteten Rahmen der EP mit ausladenden Chords und hell reinstechenden Vocal-Samples heraus.

Klar, schlägt da auch die Rave-Leuchte etwas aus. Aber im Zusammenspiel mit den anderen Tracks ist das auch eine echte Erleuchtung. Christian Burkhardts „Solaris Unix Remix“ fällt genau in entgegen gesetzter Richtung aus dem Rahmen: nämlich als sehr treibender, etwas kratziger Track mit Techno-Background. Zwei Highlights also.

Marko-Fuerstenberg-Selected-Remixes-2Marko Fürstenberg „Selected Remixes 2“ (Ornaments)

Zuletzt wieder mal etwas von Marko Fürstenberg. Ornaments führt die „Selected Remixes“ mit ihm weiter – der Start des Berliner Labels wurde damit einst markiert. Und wieder geht es um ausgewählte Remixe, die erstmals auf Vinyl erscheinen. Vorher gab es die nur digital oder auf CD. Es sind Stücke aus den Jahren 2007 und 2009, was ihnen aber nicht anzuhören ist.

Ich kenne die Originale nicht und kann daher nicht unbedingt einschätzen wie weit die Marko Fürstenberg-Remixe davon abweichen. Die Spannweite ist auf jeden Fall weit: von sehr straightem Dub-Techno bei The Nautilus Project bis zu düster-treibendem Dub-Rave bei D.Diggler. Typisch Marko Fürstenberg, und dass ist nicht bös gemeint. Zu hören gibt es die Streams übrigens hier.

A Forest Website
Analogsoul Website
Moon Harbour Website
Ornaments Website
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Studio Studio – Sven Tasnadi

Es ist Mittwoch, der 18. Mai und wir starten unsere erste Serie – eine Foto-Serie, die einen Blick hinter die Kulissen bieten soll. Inspiriert von der Groove-Reihe „Musikzimmer“ nehmen wir ausgewählte Leipziger Producer und DJs in den Fokus, besser gesagt ihre Musikzimmer.

Es hat etwas Voyeuristisches, Fan-Tum galore, auch bei Facebook wächst die Zahl an Fotos aus den Studio- und Musikzimmern bekannter und unbekannter DJs und Producer. Und doch ist der Reiz zu groß.

Zusammen mit dem Leipziger Fotografen Christian Hüller wollen wir in unregelmäßigen Abständen neue Stillleben präsentieren, die vom Musikmachen und Musikhören erzählen. Still, aber nicht ohne Worte. Denn die Besitzer des jeweiligen Raumes beschreiben ihre eigenen Gedanken zu dem Abgebildeten. Zum Vergrößern des Bildes einfach auf das Bild selbst klicken. Es öffnet sich dann eine Light-Box.

Los geht es mit Sven Tasnadi.

„Fangen wir mal hinten an: Das Plattenregal ist ein Ikea-Standard – darin und davor stehen ca 500 platten diverser Styles. Es gibt auch noch ca 500 Alte von 1999-2005. Die lagern aber woanders.

Mein DJ-Setup besteht aus einem Pioneer 500 sowie zwei Technics 1210 SL – die sind mittlerweile 10 Jahre alt, aber immer noch tip top. Der Tisch für mein Studio-Equipment ist mein Gesellenstück. Ich bin gelernter Möbeltischler. Dazu gehört noch ein Aufsatz der sich aber als unpraktisch erwiesen hat und nun woanders sein Dasein fristet.

Die Boxen Yamaha HS 80 hab ich bei Dennis (Bender) zum ersten Mal gehört. Und ich fand, dass sie meinen Vorstellungen entsprechen. Meinen Rechner habe ich mir bei musikcomputer.de zusammenstellen lassen. Das kann ich nur empfehlen – auch nach sechs Jahren und ein paar Upgrades ist der immer noch perfekt. Super wichtig auf dem Rechner: eine Time Capsule für automatische Back-ups. Die zwei Bildschirme nutze ich für Ableton unten und für Analysing Tools oben.

Davor steht ein Midi-Keyboard von Miditech und von Natives Instruments Kore 2 zum Steuern von NI-Plug-ins. Das Mikrofon ist ein Kondensator Microphone von AKG auf das ich durch Stefan alias Juno6 gestoßen bin. Das läuft mit einem kleinen Röhren-Vorverstärker.

Ich habe noch einen Yamaha A 4000-Hardware Sampler. Der ist aber so lahm, dass ich ihn momentan nicht mehr benutze. Hardware wird in den nächsten Monaten aber wieder mehr ein Thema für mich werden. Aber da die ja bekanntlich nicht so billig ist, muss ich noch ein wenig sparen.“

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Lake People „Clockhands“ (Musik Gewinnt Freunde)

Es war eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis die erste Platte von Lake People erscheint. Zu viel versprechend und eigendynamisch hat sich das einstige Trickform-Nebenprojekt entwickelt. Nun ist es soweit.

Es ist scheinbar der Monat der Vinyl-Debüts. Erst Falk am Kann Records, nun also auch Martin Enke alias Lake People. Und sein Werdegang ist schon ganz beeindruckend. Als Trickform war er weit vom Dancefloor entfernt – warm und sanftmütig klingende Electronica-Stücke entstanden unter diesem Namen.

Lake People schien dann aus einer Laune heraus zu wachsen. Sicherlich haben auch die zahlreichen Live-Sets des letzten Jahres zu dem rasanten Lake People-Schub beigetragen. Der Bodi Bill-Remix vor wenigen Monaten war schließlich das erste offizielle Lebenszeichen. Nun die erste eigene EP auf dem Label vom Kollektiv Turmstraße.

Dort passen die Lake People-Tracks auch erstaunlich gut hin. Die Melancholie und die musikalische Dichte, der leichte Rave-Appeal und die starke Präsenz der Chords. Da ist die Electronica-Sozialisation von Martin Enke oft heraus zu hören. Hier geht es nicht um eine möglichst weitreichende Reduktion, es sind sehr emotionale Stücke auf der „Clockhands“-EP.

Sie beginnt übrigens mit einem Remix des Leipziger Electronica-Pop-Trios A Forest. „A Listener“ von dessen aktueller EP ist schon im Original ein großartiger Song. In der Lake People-Bearbeitung gewinnt es an Dynamik, ohne die Wehmut und Eingängigkeit einzubüßen. Wie schon bei dem Bodi Bill-Mix schafft es Lake People den ursprünglichen Pop-Charakter so weit es geht in einen Club-Rahmen zu übersetzen.

Bei den eigenen Stücken trägt er noch etwas mehr auf, mehr Opulenz, mehr Euphorie, ausladende Chords, teilweise nah an der Rave-Grenze. Manchmal ist das ein Tick zu viel, aber der hohen Emotionalität dieser Tracks ist sich schwer zu entziehen. Und insofern hallt diese EP lange nach. Dass es auch mit mehr Understatement geht, zeigt „A Few Deep Words“. Die „Clockhands“-EP dürfte aber erst der Anfang sein. Bei Acker Dub kommt demnächst ein weiterer Track heraus.

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Various Artists „Family Horror“ (Kann Records)

Wahrscheinlich hat sie schon die halbe Stadt – die neue Kann-Platte. Seit zwei Wochen muss sie im Freezone kontinuierlich im Highlight-Fach nachgelegt werden. Offiziell erscheint sie aber erst heute.

Es ist schon erstaunlich, in wie kurzer Zeit sich Kann Records zu einer festen Größe für Leipzig etabliert hat – vom smarten Newcomer zu einer neuen Eminenz, und dass in nur knapp drei Jahren.

Die Nummer 7 könnte neben der „00“ die bislang wichtigste Platte im Label-Katalog sein. Als Doppel-Vinyl im opulenten Farb-Cover ist sie nicht nur optisch eine selbstbewusste Ansage. Auch inhaltlich spannt sie gleich dreierlei Bögen: den zu den Machern selbst, zu neuen Gesichtern und schließlich zu einem weit über Leipzig aufgebauten Netzwerk.

Aber der Reihe nach: Die Betreiber Map.ache sowie Sevensol & Bender gehören auf diese Compilation keine Frage. Und gerade bei Jan Barig kristallisiert sich immer mehr ein uniquer Sound heraus, der unheimlich musikalisch ist. Piano-Loops, im Hintergrund liegende Streicher, verschieden geschichtete Vocal-Samples und ein trockener House-Beat. Etwas im Tempo runtergezogen, hätte aus „Enola“ auch eine amtliche Ballade werden können – voller süßlicher Melancholie.

Sevensol & Benders System ist noch etwas offener gestrickt. Nach dem still in sich ruhenden und flirrenden Track „Scuba“ im letzten Winter, ist „Molly“ offensiver und sehr geprägt von einem angerauten, deepen Detroit-Charme, der zum Ende hin sogar Electro-Synthesizer-Elemente nahtlos integrieren kann. Da schimmern die schönsten Momente von Delsin-Platten mit durch.

Ebenfalls von der US-Motorstadt inspiriert „Taunus“ von Falke. Falk Golz steckt hinter diesem sanft schwebenden, wehmütig schillernden House-Track. Und nach vielen Digital-Veröffentlichungen verleiht ihm der „Family Horror“-Beitrag den lange überfälligen Vinyl-Ritterschlag. An diesem Punkt beweist Kann Records gelungene Nachwuchsarbeit.

Neben diesen schlüssigen Leipzig-Bogen passt auch der Blick hinaus. Besonders Efdemins „Plenum“ auf dieser Platte zeigt, dass Kann Records angekommen ist im aktuellen House-Spannungsfeld Labels zwischen Labels wie Dial, Workshop oder Smallville. Auch Even Tuells spröde Hymne „Dramaqueen“, Dorisburgs super deeper und entspannt schwingendes „Emotion“ sowie Johannes Becks Ambient-House-Stück „Rendezvous“ schließen den Kreis in dieser Richtung.

Lässt man das ganze Namedropping und die Kontext-Einordnungen einmal beiseite, dann fällt die musikalische Breite von „Family Horror“ auf. Wie ein Konzept-Album ist es aufgebaut – mit einem tight schiebenden Efdemin bis hin zur unendlichen Gelassenheit eines Johannes Beck. Es gibt hier einfach keinen Aussetzer. Und zugleich haben Map.ache, Sevensol und Bender die Label-Messlatte ein ganzes Stück angehoben.

In der aktuellen Paperclip-Ausgabe gibt es übrigens ein Kann Recods-Special, inklusive Interview. Die passenden Shirts zur Compilation gibt es übrigens hier.

Kann Records Website
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Nachhaltig tanzen

Mit den ersten Sonnenstrahlen kam die Freude am Tanzen im Freien – und sie entfachte zugleich eine rege Diskussion über die Zahl, Qualität und die Folgen von Open Air-Partys. Teilweise ging es da sehr emotional zu. Mit „Nachhaltige Tanzkultur“ hat sich vor wenigen Tagen eine Plattform zu diesem Thema gegründet.

Auch bei frohfroh kam es Anfang April zu handfesten Wortwechseln. Im Zwielicht der Anonymität ging es da leider nicht immer ganz fair zu. Und es kamen ganz unterschiedliche Befindlichkeiten zum Vorschein. Bedrohen kostenlose Open Airs die herkömmlichen Clubs? Wer macht die Wiesen wieder sauber? Verwässert der Anspruch bei zu vielen Veranstaltungen?

„Nachhaltige Tanzkultur“ möchte der Diskussion einen sachlicheren Boden bieten. Hier das offizielle Statement zum Start:

„Viele Diskussionen werden in letzter Zeit losgetreten, mehr oder minder aufgegriffen und im schlimmsten Fall nicht zu Ende geführt. Man bedenke die heillose Openair-Diskussion, mit den Pro und Contras einer solchen Veranstaltung.

Viele haben ihre Gedanken dazu geäußert und versucht Schuldige zu markieren. So wurden u.a. Konsumenten, Veranstalter oder „unfähige“ Club-Betreiber als Verursacher gesehen. Diese Generalbeschuldigungen wollen wir nicht hinnehmen!

Es geht um ein Miteinander und nicht um ein gegenseitiges Zuschieben des schwarzen Peters. Wir sind für eine offene, konstruktive Diskussionsform, in der auch Platz für belebende Kritik an allen benannten Gruppen und Personen gegeben sein soll. Eine Subkultur darf sich nicht gegenseitig seiner Grundlagen berauben! Deswegen: Für eine nachhaltige Tanzkultur!“

Zwei Diskussionen laufen bei Facebook schon. Wer hinter der Aktion steht und ob sie über Facebook hinaus laufen soll, ist momentan noch nicht herauszubekommen.

Zweimal Laissez-faire

Es ist immer wieder eine Freude zwei Veröffentlichungen in einem vorzustellen. Gemeinsamkeiten und Reibungen heraus zu kristallisieren. Bei den neuen EPs von Good Guy Mikesh & Filburt und Chris Manura gibt es einen Punkt, der mir sofort in den Sinn kommt: Laissez-faire.

Sie passen zum frühlingshaften Mai, diese beiden EPs. Denn sie versprühen eine innere Gelassenheit, als müsste man sich nie mehr um das Morgen kümmern. Ein sachtes Gleiten mit genügend Schub.

Chris Manura „Smohalla EP“ (Form Resonance)

Schon auf Chris Manuras „Fockeberg“-EP war jener Vibe prägend. Die „Smohalla“-EP zeichnet nun weitere Ausläufer eines deepen, in sich ruhenden, aber doch sehr schiebenden House-Sounds. Es ist Manuras Debüt bei Form Resonance, einem Hamburger Label, das u.a. von Florian Schirmacher betrieben wird.

Das interessante an den vier Tracks ist das Wechselspiel zwischen gedämpftem Hochpeitschen und einer ausufernden Deepness. Keine komplett entschlackten, orientierungslosen Afterhour-Tracks, aber auch keine Tech-House-Stücke mit offensivem Peak Time-Charakter – auch wenn der Grat manchmal schmal ist.

Gerade zum Schluss hin geht es bei „Sojasony“ und „Smohalla“ schon recht ravig zu. Es gibt generell viele, hell leuchtende Strings und recht aufgepumpte Basslines bei den vier Stücken. Das ist schon ab und an ein Tick zuviel. Aber irgendwie sind dieses Dahinschweben und die Fülle nicht ohne Reiz.

Good-Guy-Mikesh-Filburt-Gold-SnakeGood Guy Mikesh & Filburt „Gold Snake EP“ (The Exquisite Pain Recordings)

Good Guy Mikesh & Filburts Schwebeflüge klingen dagegen immer analoger, immer musikalischer. Auch die Disco-Kraut-Verbindung kommt auf der „Gold Snake“-EP noch einmal stärker zum Tragen. Die EP ist zugleich der Start des Labels The Exquisite Pain Recordings aus dem französischem Marseille.

„Serious & pure Deep House Music“, möchte das neue Sub-Label von Brown Eyed Boys Records künftig präsentieren. Die beiden Tracks stecken voller Disco-Glamour, sehr gestenreich und wohlwollend gestimmt im besten Sinne. „Gold Snake“ entfaltet sich mit langsamer Eleganz, fast grazil. „Come On“ dagegen ist recht klassisch, fast schon oldschool, wie eine ausgegrabene Perle.

Als Remixer für die beiden Tracks hat das Label den Berliner Iron Curtis und den Pariser DJ Yellow mit auf die EP geholt. Ersterer nimmt „Gold Snake“ den Glamour heraus und setzt mehr eine poetische Betonung. DJ Yellow haut dafür in die Vollen, wesentlich druckvoller, verschwitzter und etwas dreckiger.


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Good Guy Mikesh & Filburt Facebook
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Sven Tasnadi im Doppel

Zwei neue EPs von Sven Tasnadi kommen in diesen Tagen heraus bzw. sind schon draußen. Einmal groß, einmal deep. Und beide Platten sind in Leipzig eingebettet – bei Cargo und Stretchcat.

Sven Tasnadi „Petit Four EP“ (Cargo Edition)

Für Cargo Edition ist Sven Tasnadi die stärkste Bindung an Leipzig. Es war auch das Label, das 2007 Tasnadis Vinyl-Debüt bescherte. In der Zwischenzeit holten beide auch Juno6 mit ins Boot. Nun also wieder eine Solo-Platte. Die „Petit Four-EP“ kommt insgesamt weitaus verspielter daher als die letzten Platten von Sven Tasnadi – auf etwas überhöhte Rave-Art bei „Caracho“, mit träumerischem Funk bei „Easy Peasy“ und bisweilen etwas albern bei „Petit Four“.

Gerade bei „Caracho“ kommt das Augenzwinkern – wenn es denn eins sein soll – nicht ganz gelegen. Der Start ist dicht und deep, schön angeraut. Doch dann drückt sich eine Rave-Tröte rein, die den Track komplett umkrempelt. Juno6 glättet den Trötensound zu einem Detroit-Chord und gestaltet den Track homogener, ohne den Bruch des Originals. Das ist geschmäcklerisch, ganz klar. Aber da ist mir die Deepness von „Easy Peasy“ lieber.

Sven-Tasnadi-Amy-RoseSven Tasnadi „Amy Rose EP“ (Stretchcat)

Bei Deepness kann Sven Tasndi auch ganz anders. Das war auf der „Sonar-EP“ mit Juno6 schon zu hören. Und es ist kommt noch einmal auf Tasnadis erster EP für Stretchcat zum Vorschein. Dort wird die House-Flagge eh noch einmal um zwei Meter höher gehängt.

Sven Tasnadi gesellt sich als passender Kollege dazu. „Amy Rose“ schwingt klassisch und behutsam nach vorn. Warme Chords, abgefederte Bassdrums, Understatement. „Let Your Body“ vergräbt sich dann noch eine Etage tiefer – in einen leicht vertrackten, im Tempo und Vibe gedämpften Deep House-Track mit flüsternd-säuselndem Vocal.

Und dann: „Lonized“, noch eine Spur reduzierter und mit einem Sound, der nach einsamen Nächten und stillem Unterwegssein klingt. Ganz sachte und doch mit einer gewissen Straightness schwebt der Track voran. Wunderbar, wie hier die Chords nur anskizziert werden. Es gibt keine Peaks und keinen Dancefloor-Druck. Zwei Platten also, die auch zwei verschiedene Gesichter von Sven Tasnadi aufzeigen.

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Wegweiser ins Glück?

Eben entdeckt. Die Wegweiser „Westkultur“ stehen schon länger an einigen Straßen Richtung Platzwitz und Lindenau. Seit Freitag werden auch konkrete Orte beschildert.

Und das Kuriose dabei: neben der Musikalischen Komödie, dem Museum für Druckkunst weist nun auch eins der roten Schilder auf die Alte Damenhandschuhfabrik. Irgendwie ein ambivalentes Gefühl. Denn einerseits leben Clubs stark vom Zauber des Verstecktseins, des Exklusiven, vielleicht auch vom Temporären. Andererseits deutet es auf ein neues, zaghaft ausgeprägtes Bewusstsein seitens der Stadt, dass die Clubkultur eine wichtige Säule in einer Kultur- und Musikstadt ist.

Und gerade beim Stadtmarketing läuft da vieles sehr an der Realität vorbei. Neben Bach, Mendelssohn und den Prinzen gibt es aus deren Sicht keine nennenswerte Musikkultur in der Stadt. Noch kurioser: Auf der Pressebilddatenbank des Leipzig Marketings findet sich in der Kategorie „Kultur- und Freizeiteinrichtungen“ kein einziger Leipziger Club.

Stattdessen werden mit Aphrodite und Moulin Rouge zwei Nachtclubs aka Bordelle als relevante Orte aufgeführt. „Wie der Name dieses exklusiven Night-Clubs schon vermuten lässt, kann sich hier der Gast von den Nachkommen der griechischen Liebesgöttin Aphrodite bezirzen lassen“, wird der Aphrodite Nightclub angeteast.

Das gehört natürlich nicht direkt zusammen. Aber hier läuft nicht alles glatt. Und ein paar Schilder in einem „angesagten Stadtteil“ werden das nicht ändern.

Geteilte Abfahrt

Zwischen Nature One und Distillery-Keller – so lebt Christian Fischer als Producer und DJ. Und dieses Bild spiegelt auch seinen Sound wider. Mit diesem Spagat ist er bei frohfroh weitgehend außen vor geblieben – durchaus zu Unrecht.

Christian Fischer und sein Label Definition Records gehören zu Leipzig – definitiv. Und es ist noch einmal ein anderes Leipzig als all der ganze Dusted Decks-Wahnsinn. Seit über zehn Jahren ist er dabei mit einem sehr großflächigen Techno-Sound, der ziemlich selbstbewusst auf Rave setzt. Rave im echten Sinne. Nature One, Mayday und wohl auch Mittel- und Südamerika.

Da ist Christian Fischer ist ein DJ-Superstar. Dagegen sind seine regelmäßigen Definition-Label-Nächte im Distillery-Keller Underground. Es ist so ein wenig wie das Sven Väth- Phänomen – der spielt auch in einer anderen Liga, man spürt aber, dass da dennoch eine Menge feines Gespür dahinter steckt. Auch wenn das in den Tracks durch massive Basslines, fette Bassdrums und Rave-Dramaturgien oft untergeht – sein letztes Album „Change Disko“ ist voll von solchen Stücken.

Dass die Remixe zu diesem Album nun bei Statik Entertainment rauskommen überrascht einerseits, weil das Label sonst für eine ganz andere Gangart steht. Andererseits ist es schlüssig, denn Definition Records und Statik Entertainment agieren zusammen unter der gemeinsamen Dachfirma Bryzant – eine Full-Service-Dance-Music-Holding also, wenn ich mich einmal lakonisch aus dem Fenster lehne.

Doch es passt in diesem Fall auch inhaltlich: denn mit den „Starlight Remixes“ gelingt eine Neuverortung des Ausgangsmaterials. Und dass liegt eindeutig an der Auswahl der Künstler und des Tracks. Denn mit „Starlight“ wurde der dubbigste und zurückhaltendste Track auf „Change Disko“ in seine einzelnen Spuren zerlegt. Headnoaks und Anokie stülpen einfach ihren deepen bis schroffen Electro.

MasKinE von Instabil verstärkt den Dub-Charakter und entschleunigt das Stück. Das Berliner Duo youANDme zaubert einen düsteren, trocken nach vorn schiebenden House-Track daraus. Und Morphology verbinden all die drei zuvor angerissenen Einflüsse in einem Remix. Ein gelungenes Austarieren zweier Gegensätze findet hier statt – auf Vinyl mit youANDme und Morphology, die anderen drei Remixe gibt es ausschließlich in der digitalen EP-Version.

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