Ron Deacon „Sunday Walk EP“ (Falkplatz Daten)

Oh mann, manchmal verstehe ich die Labels nicht. Warum kommt diese EP nur digital heraus? Zwar ist das Format eigentlich egal, aber diese neuen Tracks von Ron Deacon hätten das sanfte Abtasten eines Plattenspielers verdient.

Immerhin ist die „Sunday Walk EP“ das Debüt für den digitalen Ableger von Oliver Deutschmanns Label Falkplatz. Und die ist für ein Digital-Release unglaublich groß besetzt. Sascha Dive und Ingo Sänger als Remixer allein würden viele Labels schon dazu ermutigen durchschnittliche Tracks auf Platte rauszuhauen. Insofern ist es natürlich auch mutig sich von dem Format-Dogma zu lösen und auf das Königsformat zu verzichten.

Musikalisch überrascht mich Ron Deacon vollends mit seinen zwei Tracks. Nicht dass ich annahm, dass sein glatter „Secret Garden“-Deep House eine strenge Linie vorgibt. Aber „Sunday Walk“ und „Tune In“ sind so wunderbar angeraute und entschleunigte House-Tracks – damit hätte ich irgendwie doch nicht gerechnet.

Bei „Sunday Walk“ fällt auf, wie hier eine klare Straightness in Zeitlupe durchgespielt wird. Und wie selbstbewusst Ron Deacon längere rhythmische Pausen setzt. Dadurch entstehen trotz der Langsamkeit tolle Spannungen. Der dezente Disco-Appeal gesellt sich da auch ganz stimmig dazu.

Sascha Dive greift die Straightness des Originals auch auf, er verstärkt sie sogar noch in Richtung Techno. Und er überzieht den ganzen Track mit einem düsteren Schleier. Das passt sehr gut.

Dagegen ist der Ingo Sänger & Henry L-Mix von „Tune In“ in fader Weise auf Deep House-Linie gebracht. Unnötig lässig und positiv gestimmt. Gerade weil das Original mit seiner spröden Art so überzeugt.

Die Sounds sind einzeln voller Deepness, in ihrem Zusammenspiel klingen sie beinahe eingestreut und lose verknüpft. Das gibt dem Track jenes Gefühl des Unfertigen, das ich bei „Secret Garden“ so vermisst habe. Und das Tempo, unglaublich. Ich bin für mehr Langsamkeit. Da wirken die Sounds viel intensiver.

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Various Artists „Don’t Turn Around“ (Kann Records / Mikrodisko Records)

Seit gestern ist sie nun draußen, die gemeinsame Platte von Kann Records und Mikrodisko Records. Neben tollen HiHats hält sie einige Statements bereit.

Es hat sich ja schon länger rumgesprochen, dass die beiden Labels eine gemeinsame Platte herausbringen. Und doch überrascht es mich immer noch. Für Mikrodisko ist es das erste Lebenszeichen nach über zwei Jahren. Kann Records hat in der Zeit Laufen gelernt. Musikalisch gehen beide eigentlich recht deutlich auseinander.

Dennoch eint beide Labels etwas: sie sind eigenwillig und ihre Platten sind kleine Statements. Statements für ein Verständnis von elektronischer Clubmusik bei dem die Zwischentöne wichtiger sind als die Bassdrum. In den Zwischentönen unterscheiden sich beide dann aber wieder. Bei Kann sind es die Deepness und die Lässigkeit, bei Mikrodisko wiederum das Roughe und das Spontane, was mich immer wieder anzieht. „Don’t Turn Around“ dokumentiert dieses Spannungsverhältnis aus Gemeinsamkeiten und Unterschieden zweier Brüder im Geiste nun auf einer EP.

Map.ache spricht zweimal für Kann. Bei „Carnival“ still und behutsam, sehr melodisch und ruhig, fast schon post-rockig. Eine ähnlich positiv gestimmte Melancholie klingt auch bei „Staten Island Aquarium“ durch, wenn auch etwas forscher. Wunderbar hier sind die HiHats am Anfang, wie sie immer wieder wegziehen.

Kann-Records-Mikrodisko-2Auf der Mikrodisko-Seite ist einmal Besuch aus Hamburg zu hören. Nike.Bordom kenne ich von Dial, das ist aber auch schon vier Jahre her. Ihr „Substitute“ ist ein House-Electro-Hybrid, musikalisch genau richtig ausjustiert zwischen Reduktion und Eleganz. Selbst in den Phasen in denen die Electro-Seite die Überhand gewinnt. Nur die Vocals stören mich. Warum säuseln die so? Die überladen die Balance.

Bei Mix Mup und Kassem Mosse dann der Beweis wie hell ungeschliffene Diamanten schillern können. Wie hingerotzt die Bassdrums und HiHats klingen. Dann noch etwas kantiger Funk und viel Rauschen dazwischen. „We Beat This Thing“ ist durch und durch ein Statement und passt genau auf diese Platte.

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Achtung! Klebt!

Jetzt ist die frohfroh-Print-Trilogie perfekt – die Aufkleber sind nämlich angekommen.

Ganz in Weiß mit schwarzer Schrift, matter Oberfläche und gewohnt klarer Ansage kommen sie daher. Noch etwas klebrig an den Seiten. In den nächsten Tagen werden sie im Freezone in der Kochstraße 10 zu finden sein. Vielleicht noch an verschiedenen anderen Orten. Und dann seid ihr dran – klebt was das Zeug hält.

Kassem Kassem

Wow, es gibt gerade einen kleinen Kassem Mosse-Schub. Zwei Platten mit neuen Stücken von ihm sind in den letzten Wochen rausgekommen. An ganz unterschiedlichen Stellen.

Den Anfang machte im Juli eine Split-EP auf Laid, einem noch recht frischen Sublabel von Dial Records aus Hamburg. „Workshop EP“ heißt die und es ist quasi eine Zweier-Klassenfahrt der Workshop-Label-Crew zu der Kassem Mosse ja auch gehört. Neben einem unbetitelten Track von ihm ist auf der B-Seite noch ein Track des Workshop-Betreibers Lowtec enthalten.

Kassem Mosse nimmt sich Zeit für einen 10 Minuten-Flug. Zum Start gibt es eine diffuse Spannung aus stolpernd-geraden Beats und latent durchscheinenden Vocal-Samples. Dann hebt der Track langsam ab – mit melancholisch ausschweifenden und Patina überzogenen Chords.

Mir fällt niemand außer Lowtec ein, der mit diesem etwas antiquiert-reduzierten Sound so zeitgemäß klingt, der so viel hagere Deepness und Wehmut in seine Stücke bekommt. Wahrscheinlich ist das Afterhour-Musik, aber sie bewegt auch noch an einem Mittwoch Mittag.

Es gibt übrigens noch einen anderen Verweis von Kassem Mossem ins Dial-Umfeld. Und zwar remixte Kassem Mosse vor einigen Monaten auch einen Lawrence-Track für eine Compilation des US-Labels Spectral Sound. Und? Auch da schwelgerisch-kantige Schönheit.

Kassem-Mosse-We-Speak-To-ThoseDie andere Platte ist etwas überraschender verortet, nämlich bei dem britischen Label Nonplus, auch ein noch junges Label mit einem überaus breit ausgelegten Sound – Drum’n’Bass, Dubstep, Techno, House, so dass dort auch Actress, Instra:mental und Skream ihren Platz finden können.

Kassem Mosse nutzt die stilistische Weite und er lässt sich sogar mal wieder auf Tracknamen ein. „We Speak To Those“ ist ein rough geschnittener, langsam wirkender Techno-Track mit tiefer Bassline, trockener Bassdrum und einem beiläufig aufflackerndem Chord, der diesem eingedunkelten Stück doch noch Wärme einhauchen kann.

„Hi Res“ ist dagegen ein Stück, das in seiner Entrücktheit so filigran und zugleich so brüchig klingt. Break-Beats, Rauschen und schwebende Chords – und alles so gedrosselt. Da hätte Alphacut auch anklopfen können.

Demnächst geht es übrigens weiter mit Kassem Mosse auf der Split-EP von Kann und Mikrodisko.

Kassem Mosse Myspace
Nonplus Myspace
Laid Myspace
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Digitaler Sommer

Der Sommer ist toll. Aber nicht vor dem Computer. Daher war es hier über die letzten Wochen auch etwas stiller als sonst. Es gilt einiges aufzuholen, was zuletzt in dieser Stadt passierte. Los geht es mit einem digitalen Überblick.

Eigentlich komisch, dass es in meinem Kopf noch immer die Kategorisierung nach Formaten gibt. Aber irgendwie ist es auch reizvoll drei musikalisch völlig verschiedene Veröffentlichungen aus genau diesem Grund gemeinsam in den Fokus zu rücken.

Immerhin gibt es auch genügend Labels und Künstler die sich vom Dogma des physischen Tonträgers nicht beeindrucken lassen – oder das Digitale zumindest als eine eigenständige Form der Verbreitung zu nutzen wissen. Darin zumindest sind sich Analogsoul und Instabil einig – beide Net- bzw. Digital-Labels veröffentlichen ausschließlich digital, in deren weiteren Rahmen gibt es aber auch CDs und Vinyl-Platten.

Analogsoul nutzt seinen digitalen Ableger für Newcomer. Und da sind in letzter Zeit auch einige sehr viel versprechende ans Tageslicht gekommen. Ich denke nur an Anda oder Rio Blanco. Deef + Freunde könnten sich da einreihen. Die EP „Kolonie“ hat viele verwunschen klingende Momente – einiges erinnert mich sogar an den tollen Marsen Jules der unheimlich elegische, im besten Sinne langatmige Ambient-Stücke produziert.

Bei Deef und seinen drei Freunden kommen neben der verhallt mäandernden Elektronik noch mehrere Gitarren dazu. Der Sound hat etwas wunderbar naturalistisches, als ob jemand mit einem Segelflieger über den Wald fliegt und die verschiedenen Düfte aufnimmt um sie in Töne umzuwandeln. Nur einen Aussetzer gibt es: Das letzte Stück der Trilogie „Utopische Angelegenheiten“. Da ist mir die Mischung aus Laptop-Reggae, 8bit-Niedlichkeit und Ambient zu plump und nicht stimmig genug. Auf dem Analogsoul-Blog gibt es übrigens ein Interview mit Deef zu lesen.

P-Laoss-Dub-ShadesBei Instabil geht es mit deepen Dub-Techno weiter. Von P.Laoss höre ich das erste Mal, obwohl er im digitalen Dub Techno-Bereich schon einige Veröffentlichungen aufweisen kann. Was auffällt an den beiden Stücken des Schweriners sind die Aufgeräumtheit und die geschliffenen Sounds – bei „Dub Shades“ wird dies noch deutlicher als bei „Kiwi Fruits“, der etwas rougher ist.

Das Problem an solchen Stücken ist aber generell, dass sie in ihrer Deepness viel Raum auftun. Sie rauschen aber auch sehr haltlos vorbei. Das ist Musik für den Moment, nichts was man lange mit sich nimmt. Vielleicht macht gerade das Dub Techno auch aus. Im Martin Schulte-Remix wird „Dub Shades“ dann noch stärker auf House-Kurs gebracht. Das tut dem Stück sogar erstaunlich gut.

Falk-America-EPDer Übergang von Instabil zu Falk, einem Leipziger Producer ist leicht. Denn demnächst erscheint eine EP von ihm dort und auch ein Track auf der nächsten Ausgabe der „File Under Dub“-Compilation-Reihe. Seit sieben Jahren produziert Falk Golz, doch erst jetzt dringt einiges von seiner Festplatte nach außen. 2010 könnte ein gutes Jahr für ihn werden, immerhin stehen fünf digitale EPs an.

Anfang August erschien bei dem Berliner Netlabel Electrolyt seine „America EP“. Vom Sound her ist die sehr im Electro verwurzelt. Dicke und verspielte Synthie-Basslines, digitaler Funk – mit sehr eingängigen Stücken präsentiert sich Falk auf dieser EP. Besonders „Urban Chaos“ will ein kleiner Hit werden.

Das bringt viel Hörfreude und könnte teilweise auch gut zu Mikrodisko passen, wenn es vom Sound noch einen Tick rougher wäre. Wobei zu vermuten ist, dass sich Falk nicht nur auf einen Sound festgelegt hat – auf Instabil würde die „America EP“ nämlich kaum passen. Auf jeden Fall mag ich davon noch mehr hören.

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Good Guy Mikesh „Spare“ (KI Records)

„Spare“ verzückt ja als Video schon länger. Jetzt ist das Stück als erste Single-Auskopplung von Mikeshs Debüt-Album auch auf Vinyl erschienen – als dickes Remix-Paket.

„Spare“ ist eines dieser Stücke, die mich sofort gepackt haben. Diese mäandernden Synthie-Sounds, der behäbige Rhythmus und dann die für Mikesh untypisch verzerrte Stimme, die trotz aller maschinellen Kühle noch unheimlich viel Wärme transportiert. Wegen mir bräuchte es keine Remixe von diesem Stück, das sich so exakt wie nur möglich zwischen Club und Wohnzimmer niedergelassen hat. Was sollen Remixe an solch einem wunderbar ausbalancierten Stück noch rausholen.

Mehr Club-Appeal – aber braucht es die? Ich bin voreingenommen, keine Frage. Aber die Remixe von Alex Boman und Mano Le Tough hätten auf deren Festplatten bleiben können. Ersterer bläst ausschließlich die Bassline für den Club auf, letzterer will mehr Rave.

Christian Löffler ist der Einzige, der auf die ursprüngliche Melancholie eingeht, der sie behutsam entschlackt und einen elegischen House-Track daraus macht, wie er auch zu Dial passen würde.

Und Marbert Rocel? Die legen den besten Start hin mit dem super pathetisch veränderten Vocal-Sample. Der Rest ist die gewohnt leichtfüßige Art der Erfurter House, NuJazz und einem organisch klingenden Funk unter einen Hut zu bringen. Außer dass die markanten Synthies von Mikesh mit drin auftauchen.

Zur Erinnerung: Ich bin Remix-Fan. Doch es gibt Stücke, die sollten nicht angefasst werden. Und „Spare“ hat diese Qualität. Umso gespannter bin ich auf das Album im Herbst.

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KI Records Website
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Sevensol & Bender „Sleepers / Poland“ (Stretchcat)

Wie toll, wenn sich die Sphären vermischen. Mit einer Platte von Sevensol & Bender im Statik Entertainment-Umfeld hätte ich nicht gerechnet. Andererseits ist das Sublabel Stretchcat ja für deepen House gebucht.

Ein paar Wochen ist sie schon draußen, doch vielleicht musste sie die sommerliche Überschwänglichkeit erst überdauern damit sie richtig wirkt. Denn diese Platte klingt nicht nach Club, nicht nach Exzess. Sie klingt nach tiefer Nacht, nach süßer Melancholie und Einsamkeit im positiven stillen Sinne. Bei „Poland“ noch ein wenig mehr als bei „Sleepers“.

Letzterer Track ist dabei stärker im House verwurzelt, „Poland“ dagegen eher im Dub – bei ihm gefällt mir der unterschwellige Drive, der ohne großen Druck auskommt und die Dub-Wolken mit ordentlich Rückenwind schweben lässt. In der Reprise-Version von „Poland“ schweben die Chords ganz gemächlich, weil die Beats draußen bleiben.

Die dubbig-verwunschene Tiefe hebt aber Tracks insgesamt ab von den bisherigen Stücken der beiden. Obwohl auch schon da eine etwas innerlichere Deepness durchzuhören war – aber nicht so deutlich wie hier.

Und der Blick auf Stretchcat: Im Gegensatz zum offiziellen Debüt vor einem halben Jahr ist diese Platte auch um Unmengen deeper und introvertierter als Thomas Fröhlichs Einstand. Mal sehen, wie sich das entwickelt.

Stretchcat Myspace
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Sensual 001

Daniel Stefanik und Stefan Schultz aka Juno6 machen gemeinsame Sache. Auf dem Nachtdigital werden sie ihr Projekt Sensual erstmals live präsentieren. Dass hinter der ganzen Idee die Vision eines Gesamtkunstwerks steht, wird bei dem ersten Video deutlich, das auch einen musikalischen Vorgeschmack gibt.

Die beiden fühlen sich ja nicht nur auf dem Dancefloor bzw. auf den Bühnen davor wohl. Das zeigte Daniel Stefanik mit seinem Debüt-Album auf Statik Entertainment ebenso wie Stefan Schultz mit seinem zweiten Solo-Projekt Beautiful Planet Earth. Bei Sensual kommen diese beiden eher introvertierten Seiten der beiden geballt zum Vorschein. Electronica im weitesten Sinn, episch schwebend,  in sich ruhend und mit einer latenten Darkness.

Als erstes offizielles Lebenszeichen ist seit wenigen Tagen ein Video zu einem noch unbetiteltem Track im Netz zu finden. Im Original stammt das Video von Lutz Mommartz, einem 76-jährigen ehemaligen Filmprofessor, der einen Haufen 16mm-Filme aus seinem Privatarchiv unter CC-Lizenz im Internet zugänglich gemacht hat. Sein „Weg zum Nachbarn“ stammt aus dem Jahr 1968 und zeigt in nur einer Perspektive eine Frau beim Sex.

In der Sensual-Version ist das Video auf wenige repetitive Sequenzen reduziert. Das gibt den Bildern eine Spannung, die der 10-minütige Originalfilm so eigentlich gar nicht transportieren kann. Ziemlich gut. Auch die Musik. Ein Album ist geplant, wo es erscheinen soll, ist noch unklar.

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24/7 – Global Space Odyssey

Am kommenden Samstag ist es wieder soweit: Die Global Space Odyssey ruft die hiesige Subkultur auf die Straße. Aus diesem Anlass gibt es bei frohfroh ein Interview mit Jan Stern, einem der Organisation der musikalischen Demonstration.

„24/7 – Kultu(h)r tickt anders“ heißt das Motto der diesjährigen Global Space Odyssey. Und es ist quasi zu einem Akronym für unsere Zeit geworden – 24 Stunden, 7 Tage die Woche erreichbar und einsatzfähig sein. Auf diese Beschleunigung und die damit verbundenen kulturellen und gesellschaftlichen Konsequenzen möchte die GSO mit einem Umzug durch Leipzig aufmerksam machen. Natürlich steht auch in diesem Jahr wieder die Gefährdung der subkulturellen Freiräume mit auf der Agenda. Mit Jan Stern, einem der GSO-Organisatoren sprach frohfroh über den Status Quo der lokalen Clubkultur und den Chancen für eine Zusammenarbeit zwischen freier Szene und der Stadt.

Im letzten Jahr gab es Probleme zwischen GSO und Stadt wegen der Abendveranstaltungen. War die Zusammenarbeit in diesem Jahr entspannter?

Da wir letztes Jahr relativ gute Erfahrungen mit dem Werk 2 gemacht haben und letztes Jahr noch nicht abzusehen war, ob z.B. Gieszerstr., DHF oder Superkronik zur Verfügung stehen werden, haben wir uns letztes Jahr schon für die sichere Variante Werk 2 entschieden. Wir hätten zwar gerne auf vier Floors gefeiert, dies war aber leider nicht möglich, dennoch haben wir durch die Halle D einen immensen Raumgewinn gemacht und können dieses Jahr nun zwei gleichwertig große Floors und einen kleinen Floor präsentieren.

Mit der Stadt gab es also diesbezüglich keine Reibungspunkte. Die einzigen Verhandlungen, die etwas länger gedauert haben, waren terminlicher Natur – geplant war eigtenlich der 24.7.. Und die Route musste lange ausgehandelt werden. Durch viele Baustellen und Veranstaltungen musste die Route immer wieder angepasst werden und so können wir dieses Jahr z.B. die Zwischenkundgebung nicht am Augustusplatz abhalten.

Generell habe ich aber das Gefühl, dass die Zusammenarbeit bisher sehr gut verläuft.

Wie schätzt du die aktuelle Lage ein: Ist es heute schwieriger eine alternative Clubkultur in Leipzig mit zu gestalten als vor fünf Jahren?

Die Frage ist für mich schwer zu beantworten, da ich erst seit 2005 in Leipzig wohne. Aber durch mein Umfeld würde ich sagen, dass es vor 10-15 Jahren noch wesentlich mehr Freiräume gab, in denen sich ausgetobt werden konnte. Das lag aber sicher nicht daran, dass die Stadt kulanter war, sondern, nach meiner persönlichen Einschätzung, dass die Stadtverwaltung mit anderen Brennpunkten beschäftigt war.

Heute ist es durch viele Auflagen schwer einen alternativen Clubbetrieb zu starten. Jeder braucht natürlich erstmal Kapital, das meistens nicht vom Himmel fällt. Mit einem kulturellen Angebot, das im besten Falle das eigene Überleben sichert, lassen sich nur schwer Kredite abbezahlen. Zu verständlichen Auflagen, wie Brandschutz oder Fluchtwege, kommen auch so unnütze Auflagen, wie die PKW-Stellplatzproblematik dazu.

Die ist in meinen Augen völlig veraltet und eher auf Großraumdiskotheken anwendbar, als auf kleine Clubs in der Innenstadt, die in der Regel mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden können. Durch diese unnötige Regelung entstehen dem angehenden Betreiber Kosten – je nach Größe und Lage des Clubs – die mehrere tausend Euro betragen. Dieses Geld könnte man weitaus sinnvoller investieren und man hätte somit auch schneller seine Konzession und könnte damit eben auch wirtschaften.

Weiß die Stadt Leipzig auf offizieller Ebene ihre Clubkultur zu schätzen?

Da würde ich doch ohne Bedenken „Nein“ sagen, zumindest ist mir noch nichts in der Art aufgefallen. Ein Grund mehr am 31.07. auf die Straße zu gehen und zu zeigen, dass es hier eine lebendige Kultur gibt, die das ganze Jahr über das Leben in Leipzig bereichert.

Wir wollen sicher nicht als Tourismusmagnet ausgebeutet werden, aber bei einer gewissen Zielgruppe fände ich es durchaus sinnvoll mit dieser Kultur zu werben. Eine Akzeptanz würde uns aber wohl erstmal reichen.

Wie kann aus eurer Sicht ein Konsens zwischen kulturellen Freiräumen und städtischer Normierung erreicht werden?

Im Bezug auf Freiflächen haben wir bei der Stadt ein Konzept eingereicht. Darin werden konkrete Vorschläge für mögliche Flächen für Tages- aber auch für Nachtveranstaltungen gemacht. Verwaltet werden könnten diese Flächen durch einen eigens gegründeten Verein, der sich aus Mitgliedern der „Szene“ zusammensetzt, die mit ihren Crews auch gewillt sind, diese Flächen zu bespielen. Der Verein ist somit der Ansprechpartner der Stadt und er würde sich quasi selbst kontrollieren, denn wenn eine Crew sich nicht an Auflagen hält, wie z.B. Müllbeseitigung, fällt es auf den kompletten Verein zurück.

Das Konzept wurde bei der Stadt positiv aufgenommen, allerdings wurden alle vorgeschlagenen Flächen auf Grund mehrerer Paragraphen in Bezug auf Natur- und Anwohnerschutz abgelehnt. Die von der Stadt eingebrachten Vorschläge für Freiflächen mussten nach Prüfung ebenfalls verworfen werden. Derzeit ist man immer noch auf der Suche, was aber viel Zeit benötigt. Der Prozess ist also in Bewegung, ob es tatsächlich Ergebnisse gibt, werden wir sehen. Das Beispiel zeigt zumindest, dass eine Zusammenarbeit zwischen freier Kulturszene und Stadtverwaltung möglich ist.

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Various Artists „Ortloff Drei“ (Ortloff)

Wie könnte eine kurze Sommerpause schöner beendet werden als mit einer neuen Ortloff-Platte. Und auch die Nummer Drei hat alles, was eine Liebhaber-Reihe braucht: toll klingende, toll verpackte Musik und einige Rätsel.

Dass auch die Ortloff Drei eine Augenweide ist, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Dass sie musikalisch jedoch selbstbewusster auftritt als die ersten beiden Platten, verdient schon eine Notiz. Selbstbewusster insofern als dass sie scheinbar fast komplett auf Newcomer setzt, die hier ihr Vinyl-Debüt geben. Und selbstbewusst auch daher, weil sie so homogen mit einem Oldschool-Sound versehen ist.

Aber der Reihe nach: Natürlich sind hier eine Menge Querverweise zum Leipziger Treiben und zu Ortloff da – Boytalk zum Beispiel sind Friedmann Lichtenthal und Markus Gebauer. Beide waren als Cheslo und New World bereits solo auf den vorherigen Ortloff-Platten vertreten. Als Boytalk könnten die Neu-Leipziger hier wirklich für Wirbel sorgen – auch weil sie als Live-Act gut unterwegs sind. Ein Live-Set der beiden gibt es übrigens bei der Netlabel-Plattform Modular Field. Eine EP von Cheslo auch.

Ihr „Makrabeus“ ist ein freudig beschwingter House-Track. Wenn es so etwas wie eine augenzwinkernde Eleganz gibt, dann würde sie hier ihren Sound finden. Einerseits sind die Methoden recht klassisch, aber der Vibe ist alles andere als funktional. Und dass obwohl die Richtung zum Dancefloor unmissverständlich ist.

Von The Flibberts und Carl Beermont höre ich dagegen zum ersten Mal – aufgepimpt wurden beide Tracks von Good Guy Mikesh & Filburt sowie Marbert Rocel. Aber wo sind die Originale? Remixe ohne Kontext, wirklich rätselhaft. So bleibt verborgen, wie viel Original in den jeweiligen Remixen steckt.

Bei The Flibberts kommt wirklich viel vom elegisch-discoiden GGM&F-Sound rüber. „Rivers Of Joy“ hat sogar etwas Psychedelisches in seinen Synthie-Schleifen. Wunderbar auch dieser lässig-träge Pop-Appeal. Bei Carl Beermonts „Talc Orberr Me“ steckt viel organisch-klingender Bläser-Funk drin. Durch und durch positiv gestimmt und mit einem angenehm lofi-esk-tänzelndem Beat.

Das letzte Stück „Happy Sundays“ nimmt sich wie schon bei der letzten Ortloff heraus – kein House, kein Disco. Ja, was eigentlich? Eine Oldschool-Form von Disco-Electronica vielleicht. Fast schon pathetisch in seinen Synthie-Sounds und auf schmalen, im Tempo gedrosselten Beats unterwegs.

Zu Andreuccio Torelli habe ich übrigens eine spannende Geschichte bei Baran Records gefunden, wo der Italiener kürzlich eine 7“ veröffentlicht hat. Dieser Typ ist nämlich ein jahrelang verkannter Heimproduzent, der hauptsächlich in den Achtzigern Italo-Disco produzierte. Baran hat zwei Stücke aus dieser Zeit veröffentlicht. Wahrscheinlich entstand auch „Happy Sundays“ vor zwanzig Jahren – vielleicht ist das ganze aber ein Mythos. Auf dem Label-Etikett steht 1989. Wer weiß? Wie auch immer: Ortloff bleibt groß.

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Sommerkind in Sommerferien

Wir gönnen uns eine Woche Sommerpause – und wir freuen uns über das erste Jahr frohfroh, das wir in diesen Tagen feiern können. Ein kurzer Moment zum Zurückschauen.

Vor gut einem Jahr saß ein Dreier zusammen, schrieb, gestaltete und programmierte frohfroh. Dann Ende Juli ging eine Mail raus an Labels und Künstler: „frohfroh sagt Hallo“, hieß es da. Und einige riefen „Hallo“ zurück. Ein Jahr später freuen wir uns über rund 230 Artikel, über unzählige Kommentare und durchschnittlich 3.000 Besucher pro Monat. Was uns auffällt: Die Ausgehtipps sind am begehrtesten.

Es soll so weitergehen. Mit uns und mit euch. Und wir planen für die nächsten Wochen Aufkleber und eine T-Shirt-Edition.

Danke an alle Labels und Künstler, die uns unterstützen. Und ein spezieller Dank an Mottt.fm

Spritzig

Analogsoul ist ja immer wieder für eine kleine Überraschung gut – handgemacht mit viel DIY-Attitüde. Neben der Konzertreihe „Like Water“ veranstalten die Jungs und Mädchen nun auch das passende Sommerfestival „Frizzante“. Und sie verteilen im Vorfeld eine Mini-Compilation.

Vier Stücke sind drauf, und wer Glück hat trifft auf einen der Analogsoul-Scouts, die in dieser Woche die Compilations mit vier Stücken der vier auftretenden Künstler kostenlos in Leipzig verteilen. Illute, Trio Schmetterling, Wooden Peak und Lake People sind dabei. Letzterer ist aus frohfroh-Sicht natürlich am interessantesten.

Denn Martin Lake hat den Dancefloor für sich entdeckt. Bislang war er als Trickform eher in der süß-melancholischen Electronica-Welt unterwegs. Als Lake People legt er gerade Beats darunter und hat mit seinem poetisch-ravigen House sogar schon die Herzen von Bodi Bill erobern können. Zumindest geistert ein Remix für die in seinem Live-Set.

Mit „Siverenth Frizz“ ist Lake People auf der Compilation vertreten, und der Track hebt sich mächtig ab von den stilleren Singer/Songwriter-Stücken der anderen drei Bands. Doch heute sind die Grenzen ja fließender, da gehen Indie-Kids auch Techno-Raves und Techno-Typen finden Bonaparte toll. Toll bei „Siverenth Frizz“ ist übrigens der schwelgerisch umher tanzende Chord, dessen Töne immer wieder mal wegrutschen. Folgt jetzt eigentlich ein Lake People-Album bei Analogsoul?

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