Wo und warum?

Was wird nur aus dem Debüt-Album von Good Guy Mikesh? Das sollte eigentlich in diesem Herbst beim Kölner Label KI Records erscheinen. Nach der Vorab-EP „Spare“ sah auch alles danach aus. Doch es kam anders.

Eine kurze Nachfrage bei KI Records offenbarte, dass das Album nun doch nicht dort erscheinen wird, weil der potente Vertrieb fehlt, um solch ein Album zu anständig vermarkten. Ein Rückschlag für Good Guy Mikesh. Aber auch für uns, weil wir durchaus mit einer großen Erwartung darauf gewartet haben.

Parallel dazu kristallisierte sich in den letzten Wochen jedoch auch etwas Neues heraus – eine richtige Band, ein Trio, entstanden aus der Live-Konstellation mit der Good Guy Mikesh neuerdings seine Solo-Sachen auf die Bühne brachte. Markus Krasselt alias Peter Invasion gehört dazu. Und Linda am Bass.

Aus dem Solo-Projekt wird nun Here Is Why. Der musikalische Grundstock besteht momentan noch hauptsächlich aus Good Guy Mikeshs Songs. Seitdem die Band für alle drei aber mehr als nur für die Live-Umsetzung der Solo-Songs existiert, entstehen die Arrangements gemeinsam.

Zwei Songs gibt es schon zu hören bei Soundcloud. Elektronischer Wave-angehauchter Pop, leicht angedunkelt und mit einem Hang zur positiven Seite des Pop-Glamour der Achtziger. Das muss raus!

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Instabile Überraschung

Es gibt wieder Neuigkeiten bei Instabil – der gar nicht so instabilen Leipziger Adresse für Dub-Techno. Einmal sehr klassisch aus Litauen, zum anderen sehr Detroit-verliebt.

Die EP von Pandemrix 202 kam schon Anfang Oktober heraus. Auf der „File Under Dub #3“-Compilation war bereits ein Track von ihm darauf. Doch erst ein zufälliger Blick auf die Credits offenbart, dass hier kein Newcomer am Werk ist, wie der Discogs-Eintrag es vermuten lässt. Nein, Falk Golz alias Falk, der ja gerade ziemlich umtriebig auf anderen Net- und Digital-Labels ist, veröffentlicht hier unter anderem Namen.

Mit diesen drei Tracks lotet er seine Detroit-Liebe noch deutlicher aus – hinten schwebende, helle Harmoniebögen, vorn roughe, bleepige Electro-Chords. Im Info werden auch LFO und die frühen Nightmares On Wax als Referenzen genannt. Keine Ahnung, ob es am Mastering klingt, aber irgendwie klingen diese drei Tracks noch einen Tick stimmiger und besser ausbalanciert als die anderen Falk-Tracks der letzten EPs. Für Instabil eigentlich ein gar nicht so typischer Sound, dafür aber auch umso erfrischender.

Esse-Between-The-StarsTypischer ist da das Mini-Album von Esse, dem Alias des litauischen Producers Andrej Stech, der schon seit gut fünf Jahren auf diversen Labels digitale EPs veröffentlicht hat. Hier kommt die Dub-Deepness in ihrer ganzen Pracht zum Vorschein. Allerdings in einer Pracht, wie sie immer wieder zu hören ist. Ähnlich wie bei den letzten Marko Fürstenberg-Platten gehen mir da ein wenig die Worte aus.

In den Nuancen streifen die sechs Tracks der „Between The Stars“-EP zwar sehr verschiedene Ecken – mal etwas abgefederter und deeper, mal etwas technoider und launiger. Aber insgesamt rauschen diese Tracks vorbei, obwohl sie an sich alles haben, was einen guten zeitgenössischen Dub-Techno-Track ausmacht. Und sie passen natürlich gut in die verschneiten Wälder, Parks und Straßen.

Esse Myspace
Instabil Myspace
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Der frohfroh-Leserpoll 2010

Es ist soweit – das Jahr neigt sich dem Ende zu und wir wollen mit euch ein Resümee ziehen. Unser erster Leserpoll startet heute, mit allen Fragen und allem Pipapo. Das heißt: hier wird so richtig die Verlosungstrommel gedreht. Für alle, die mit machen. Und für alle, die etwas zu sagen haben zum Jahr 2010.

Im letzten Jahr fragten wir einige DJs und Producer aus Leipzig nach deren Favoriten. Dieses Jahr wollen wir es von allen wissen. Wenn ihr also noch nicht müde seid von all den Leserpoll-Angeboten bei De:Bug, Groove & Co, dann kopiert die Fragen unten in eine Mail und schreibt die Antworten dazu an dance [at] frohfroh.de. So konzentriert frohfroh auf Leipzig schaut, so konzentriert fällt auch unser Poll aus. Also, keine Fragen zur besten Doku-Soap, zum schlechtesten Youtube-Video – hier geht es um Leipzig.

Bis zum 20.12.2010, 12 Uhr habt ihr Zeit für die Antworten. Danach wird unter allen Einsendern verlost. Und zwar:

1 x ein Label-Paket von Moon Harbour Recordings, bestehend aus der Doppel-CD „Ten Years Of Moon Harbour“, dem Martinez-Album auf Doppel-Vinyl, dem Matthias Tanzmann-Album „Restless“ auf CD, der CD-Version von „Moon Harbour Inhouse Vol. 2“ sowie Plakaten, Buttons und Stickern

1 x die verspätete Jubiläumsplatte Nummer 10 von Alphacut Records

1 x ein elektronisches Analogsoul-Label-Paket, bestehend mit den CDs von Klinke Auf Cinch, A Forest und Me And Oceans

1 x ein Kann Records-Label-Paket mit den Vinyl-EPs Nummer 04 und 06

2 x je ein Gutschein über EUR 20,- für den Leipziger Merchandise-Online-Shop dancitee.com

3 x die Statik Entertainment-Mix-Compilation zum 15. Label-Jubiläum auf CD

5 x ein frohfroh-Print-Paket mit jeweils einem Plakat und mehreren Stickern

Hier sind unsere Fragen:

1. Leipzig-Platte des Jahres (Album/EP)

2. Leipzig-Label des Jahres

3. Leipzig-DJ des Jahres

4. Leipzig-Live-Act des Jahres

5. Leipzig-Producer des Jahres

6. Leipzig-Club des Jahres

7. Leipzig-Party des Jahres

8. Leipzig-Überraschung des Jahres

9. Leipzig-Enttäuschung des Jahres

10. Leipzig-Wunsch für 2011

Abschicken an: dance [at] frohfroh.de
Die Auswertung aller Antworten kommt vor Weihnachten. Wir sind gespannt!

Olganitz ruft …

Heute ist der 1. Dezember. Für einige dürfte das schon eine Art Feiertag sein, denn es gibt die limitierten Nachtdigital-Karten zum Vorverkauf.

Es gibt nicht viele Festivals, die sich so konsequent gegen Expansion wehren – obwohl schon seit Jahren vieles dafür sprechen würde. Doch bei 3.000 Karten ist Schluss, und die sind erfahrungsgemäß in kurzer Zeit weg. Und dass obwohl kein einziger auftretender Act genannt wird. Schöner kann es für ein Festival nicht laufen. Die Leute kommen der Veranstaltung wegen und nicht wegen der Superstars.

Heute im 12 Uhr öffnen die virtuellen Kassenhäuschen auf der Nachtdigital-Website bzw. bei TixForGigs. Early Bird Tickets wird es dieses Jahr nicht geben, weil es beim Nachtdigital nur early birds gibt und da wäre es ein „Lotteriespiel“, wer diese ursprünglich günstigeren Tickets bekommt. Es wird auch keine zweite Welle im Januar geben, da sehr wahrscheinlich im Dezember alle Karten ausverkauft sein werden.

Zum Thema Ticketpreis heißt es auf der ND-Website:
„Wir haben bereits im Fazit zur ND13 darauf hingewiesen, dass wir aufgrund erheblicher Kostensteigerungen in so ziemlich allen Bereichen (Miete Bungalowdorf & Parkplatzflächen, Müllentsorgung, Strom, Wasser, Personalaufwand, Nebenkosten für ausländische Künstler) unsere bisherigen Ticketpreise nicht länger halten können. Folglich werden Karten für die Nachtdigital 2011 bei 60 Euro liegen – und das wie gewohnt bereits inklusive 5 Euro Müllpfand und ganz ohne versteckten Zusatzkosten (etwa für Parken, Campen, Duschen etc.).“

Viel Glück!

Falk „Lost Souls In A Computer City“ (Deepchannel)

Als Falk Nummer 9 ist der Leipziger Producer bei Discogs gelistet. So beliebig der Name daherkommt, so überzeugend sind die Tracks, die auf diversen Netlabels herausgekommen sind.

2010 ist sein Jahr. Sieben Falk-EPs erschienen auf verschiedenen Net- und Digital-Labels. Auch die „America EP“ kam hier schon wohlwollend vor. Allein bei Super 6 Records aus Uelsen kamen in diesem Jahr drei EPs raus. Schließlich tauchte Falk Ende Oktober auch bei Deepchannel auf – was es aber scheinbar gar nicht mehr gibt. Bei Archive.org gibt es das Album aber weiterhin.

Zwei Dinge fallen bei allen Releases schnell auf: die Liebe zu Detroit und Chicago ist groß. Und es schimmert ab und ab ein leichter Hang zu Albernheiten durch. Ersteres kann Falk überaus versiert in seinen Tracks vertonen. Angeblich hat er sich über die Jahre auch einiges an Hardware-Equipment zugelegt. Das futuristisch Schwelgerische, das kantig Deepe und auch das etwas Ungeschliffene in den Sounds, was bei vielen Detroit-Tracks diese große Sehnsucht hervorruft, ist hier auch ganz prägnant.

War „America“ eher im Electro verwurzelt, geht „Lost Souls In A Computer City“ unbeirrt zum Tech-House-Floor. In beiden Gefilden ist eine gewisse Reife herauszuhören. Albern wird es meist nur ganz kurz, mit Vocal-ähnlichen Sounds. Das nimmt den Tracks teilweise etwas die Ernsthaftigkeit. Wobei das an sich gar nicht nötig wäre. Denn diese latent düstere Stimmung ist insgesamt einfach sehr schlüssig. Naja, und eigentlich ist das alles nicht weit weg von den Amsterdamer Helden von Delsin.

Mit der „Lost Souls In A Computer City“-EP scheint auch ein neues Netlabel-Konzept aufzutauchen. Die 160kb/s-Tracks gibt es kostenlos. Wer die doppelte Bitrate haben möchte, kann sie sich im Online-MP3-Shop kaufen. Interessanter Ansatz. Interessanter Producer.
Zu hören gibt es hier leider nicht die EP, dafür aber einen 20-minütigen Mix.

Sechs und Eins

Zwei neue Platten abseits der geraden Bassdrums sind kürzlich aus Leipzig herausgekommen. Einmal die Nummer 6 von Nasdia und die Nummer 1 von Spacefuck, einem neuen Sublabel von Alphacut Records.

Nasdia ist wieder da. Das Leipziger Drum’n’Bass-Label mit seinem langsam, aber stoisch wachsendem Katalog – immerhin gibt es das Label jetzt schon seit sieben Jahren. Wobei der Abstand zur letzten Platte mit knapp anderthalb Jahren recht kurz ist im Vergleich zu dem Intervall davor. Aber egal. Diese neue EP gehört Razor Point & Switch Technique, drei Produzenten aus Polen.

Während das Duo Razor Point in diesem Jahr erst so richtig in Fahrt zu kommen scheint – allein auf dem Paderborner Label Drone Audio gab es 2010 zwei EPs – hat Switch Technique seit 2007 eine beachtliche Diskografie aufbauen können. Die alten Platten von beiden kenne ich nicht, ob die Nasdia nun also vom Sound her heraus sticht aus dem bisherigen Schaffen des temporären Trios weiß ich daher nicht.

Aber die beiden Tracks offenbaren eine gehörige Energie – und zwar auf zwei unterschiedlichen Wegen. Ist der gemeisame Track „Tears Of Loneliness“ ein ruhig beginnender und plötzlich aufpeitschender Drum’n’Bass-Track mit Rave-Qualitäten, bewegt sich „We Mean All Harm“ gedrosselt auf einem ähnlichen Level.

Langsamkeit und tighte Beats sind überhaupt eine Traum-Kombination. Hier kommt sie richtig zur Geltung. Stille, fast meditative Momente stehen zwischen dunkel nach vorn schreitenden Strecken, die mit wenigen Harmonien im Hintergrund auskommen. „We Mean All Harm“ hat Razor Point allein produziert. Und es ist der Hit auf der B-Seite.

Karl-Marx-Stadt-LXC-SpacefuckDamit rüber zu Alphacut und dem Spacefuck-Projekt aus dem quasi ein eigenes Label resultiert. Hier wollen sich LXC und Karl-Marx-Stadt künftig an neuen Synths und Samples austoben, um „strange new sound worlds“ zu erkunden und ihrer Enttäuschung über so manche Dubstep-Mittelmäßikeit zum Ausdruck zu bringen.

Bei „F*ck“ ist diese Attitüde auch eindeutig zu hören. Ein Track wie aus dem Häcksler. Da startet der Hubschrauber, da wird ein verwirrendes Pop-Sample gleich zum Anfang zertreten, da wird jeder Rave-Dramaturgie der Kampf angesagt. Dieses Stück ist eher ein Hörspiel, eine Audio-Performance als ein Track im klassischen Sinne. Und doch bildet der im Off laufende Beat so etwas wie einen roten Faden.

„Spacefuck“ ist da geradezu bürgerlich. Ein „schwerer Kopfnicker“, meint Alphacut-Kollege Cycom dazu bei den Soundcloud-Kommentaren. Auch hier wieder die Kraft die Langsamkeit. Der Beat schlendert zurückgesetzt, vielmehr stehen hier die Synthie-Sounds im Vordergrund. Die umher mäandernde und sich öffnende und schließende Harmonie erzeugt dabei die größte Spannung. Wunderbar leichtfüßig und futuristisch. Das ist fast ein Pop-Stück. Was beide Tracks eint ist ihre Entferntheit vom Dancefloor. Mal sehen, was die beiden noch zu sagen haben.

Nasdia Website
Alphacut Records Website
Razor Point Myspace
Switch Technique Myspace
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Moon Harbour Herbst – Pt. II

Parallel zum 10-jährigen Jubiläum geht auch das Moon Harbour-Tagesgeschäft weiter. Heißt: Die Nummer 51 sowie eine neue Cargo Edition-EP sind ebenfalls vor wenigen Wochen herausgekommen.

Man neigt ja schnell dazu bestimmte Dinge, die sich ähneln in ein Raster zu packen. Das ist bequem, das macht aber auch Vergleiche möglich. Bei der EP von Arado & Marco Faranone sehe ich ebenfalls eine Ähnlichkeit im Backkatalog von Moon Harbour. Und zwar zu Santos „Hold Home“ aus dem letzten Jahr. Die Platte kam damals auch etwas überraschend als einmaliger Hit-Schuss bei Moon Harbour heraus – nachdem der Track schon Monate vorher auf den Festplatten der großen DJs gut rotierte.

Bei Arado & Marco Faraones „Strange Neighbours“ kommt dieses Prinzip noch einmal zum Tragen: Ein lange schwelender Hit erhält bei Moon Harbour seinen offiziellen Status. Ob man von dem deutsch-italienischen Duo, das bisher keine wirkliche Label-Heimat hat, jemals wieder was bei Moon Harbour hören wird, ist zu bezweifeln. Interessanter als diese Raster-Gedankenspielerei ist aber wahrscheinlich der Track an sich. Denn es ist schon erstaunlich, wie reißbrettartig und aufgeräumt der klingt. Beat an und zwei Minuten warten. Dann schleicht sich langsam ein Sound rein, der nach einer Mischung aus Sirene und Wespenschwarm klingt.

Später im Break bäumt der sich noch einmal richtig auf. Diese dezent unberechenbare Dissonanz hat sogar wirklich was. Aber insgesamt klingt es alles ziemlich statisch mit wenig Leben zwischen den Tönen. Sicherlich wirkt „Strange Neighbours“ auf einer Club-Anlage noch einmal druckvoller, unter dem Kopfhörer eines grauen Montags bleibt aber nicht viel von Ibizia übrig.

Bei den anderen beiden Tracks der B-Seite fällt das auch auf. Wobei „Broken Keyboard“ sogar noch einmal die heulende Sirene herausholt. „Do It“ ist noch am nächsten dran an der Form von deepen House, wie er für Moon Harbour gerade so prägnant ist. Allerdings fällt das soulige Vocal doch auch aus dem Rahmen. Als Bonus der Digital-Version gibt es noch „No People Here“, ein hintergründig rockender House-Track, wohl auch ziemlich klassisch und im positiven Sinn zeitlos.

Markus-Schatz-I-Am-CabbagedBei Cargo Edition kommt einmal mehr Markus Schatz zum Zuge. Der Berliner klingt auf „I Am Cabbaged“ geradezu euphorisch, was die Spiel- und die Detailfreude angeht. Da ist eine Menge Augenzwinkern und ungeschliffener Funk zu erleben. Der Titeltrack selbst ist herrlich lässig in seinem Beat und dem daran holpernden Sound. Richtig groß wird er aber erst mit durch die beiläufigen Glöckchen und dem leicht verborgen klingenden Marimbaphon-Chord – wenn es denn ein Marimbaphon ist.
Einziges Manko: Die kurzen Rave-Break-Wellen, die sich zweimal hoch pushen. Da hat Markus Schatz wahrscheinlich doch nicht so ganz an die tiefer liegende Kraft dieses Tracks geglaubt.

„Like That“ ist genau das Gegenteil: Ein offensiver, trocken rockender House-Track mit aufpeitschendem Vocal-Sample und scharfen HiHats. Der will anzünden, der will lostreten, der will nicht an morgen denken. Doch auch hier schleicht sich im Hintergrund ein kleiner Chord ein, der dem Track einen unterschwelligen Drive gibt. Auch einfach und reißbrettartig, aber eben mit Leben.

„Hit The Streets“ versucht wieder mehr Ruhe in die EP reinzubringen. Ein schlanker, klassischer Deep House-Track, wie er auch von Luna City Express kommen könnte. Die Chords schwingen lange und warm nach, die Vocals klingen oldschool. Das gleiche gilt für „I Need“, das Markus Schatz zusammen mit Markus Homm produziert hat. A- und B-Seite reißen hier also zwei völlig verschiedene Facetten auf. Jack versus Deepness. In der Gesamtheit strahlt diese Platte aber ziemlich hervor im Cargo Edition-Katalog.

Moon Harbour Website
Cargo Edition Website
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Moon Harbour Herbst – Pt. I

10 Jahre Moon Harbour Recordings – dieser Label-Herbst steht ganz im Zeichen dieses Jubiläums. Mit zwei Platten wird Vergangenes mit dem Gegenwärtigen verknüpft.

Den Beginn markierte die Remix-EP „Ten Years Of Moon Harbour Remixes“ – eine schöne Idee. Vier Klassiker des Labels werden von den aktuellen Künstlern geremixt. Wie es sich wohl für Matthias Tanzmann anfühlte noch einmal mit seinem Gamat 3000-Track „Photone“ aus dem Jahr 2000 auf Tuchfühlung zu gehen? Dieser Track zeigt ganz prototypisch wie sich der Label-Sound innerhalb der letzten zehn Jahre verändert hat.

Im Original ist die Deepness viel verträumter und sanfter. 2010 geht es um rhythmische Verdichtung. Die Deepness wird lediglich anskizziert, im Vordergrund steht eindeutig der Spannungsbogen aus verschiedenen rhythmischen Elementen. Im Prinzip gibt es hier keine klassischen Harmonien mehr. Und trotzdem: 2010 klingt einfach besser.

Diese Reduktion ist auch bei Dan Drastic zu hören. In seinem Remix von Simon Flowers House-Track „Seyyes sind die schwelgerischen und epischen Momente runter gedimmt. Nur zum Schluss tauchen sie noch einmal für eine kurze Phase auf.

Martinez lässt die tollen Chords von Luna City Express „Fresh“ da noch stärker zu. Darunter liegt jedoch seine charakteristische rhythmische Hektik, die dem Track nicht ganz so gut tut. „Fresh“ macht es mit seinem Alltime-Classic-Status aber auch nicht leicht. Denn damals stimmte einfach alles.

Marlow und Luna City Express sind sich vom Sound her wahrscheinlich am nächsten. Da ist House weiterhin eher deep und angedockt an Jazz, Soul und Chicago. Insofern fällt der Remix von Marlows „So Mellow, So Sweet“ auch relativ behutsam aus.

Insgesamt fällt diese Remix-EP doch spannender aus als erwartet, eben weil sie solch einen subtilen Einblick in den musikalischen Werdegang von Moon Harbour gewährt.

Various-Artists-Ten-Years-Moon-HarbourBei dem großen Bruder dieser Remix-EP liegt der Fokus dagegen mehr auf dem Status Quo von Moon Harbour. Wobei mit Michael Melchner und Ekkohaus auch zwei Cargo Edition-Producer auf der „Ten Years Of Moon Harbour“-Compilation enthalten sind. Generell ist neben der oben erwähnten Entwicklung hin zum Reduzierten auf dieser Werkschau auch wieder erstaunlich viel klassischer House zu hören. Chris Lattner, Marlow, Simon Flower, Ekkohaus und Luna City Express – all deren Tracks fallen durch eine wärmende Deepness und Harmonie-Freude auf.

Selbst Dan Drastic ist mit „Gun Slinger“ überraschend smooth unterwegs. Dreht sich da der Spieß wieder um und der Kreis zu den Anfängen schließt sich? Bestimmt nicht, denn die Tracks sind weiterhin vom Deep House-Standard der späten Neunziger und frühen Nuller entfernt. Dennoch erstaunt es schon, dass auf „Ten Years“ nur Matthias Tanzmann und Martinez mit ihren Tracks den Label-Sound der die letzten drei bis vier Jahre repräsentieren. Aber hey: Alles ist in Bewegung. Und dass Moon Harbour sich ebenso bewegt und Einflüsse aus der Gegenwart aufsaugt ist mehr als positiv zu bewerten.

Moon Harbour Recordings Website
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Ronny Ronny

Jaja, man lernt nie aus. Ronny Trettmann kannte ich bis vor einem Monat nicht. Dann eine Mail vom Label. Darin stand: „Ronny Trettmann und Ranking Smo sind mit die beliebtesten Dancehall-Musiker Deutschlands.“ Okay okay. Hier gibt es den Artikel aus dem November-kreuzer noch einmal online zum Lesen.

Vom sächsischen Reggae-Comedy-Gott zum ernst zunehmenden Dancehall-Pop-Helden. Ronny Trettmann hat es geschafft, sichinnerhalb von vier Jahren einmal um seine eigene Achse zu drehen – und dass alles von Leipzig aus. Belustigte er 2006 in überzogenem Sächsisch mit seinem Chart-Hit „Der Sommer ist für alle da“ die Republik, ist heute ein weitaus authentischerer Ronny Trettmann zu erleben – in diesem November erstmals auch auf Album-Länge.

Es begann als klassischer MySpace-Hype mit kleinen Mythen und ohne Promotion-Budgets eines großen Labels – ein Typ aus dem Erzgebirge mit Jeans, Sneaker und Jamaika-Trikot in Übergröße sächselte vom Sommer und vom Kaffeesachsen. Nicht nur MDR Jump war begeistert und ließ Ronny Trettmann von früh bis spät rotieren.

Doch hier persiflierte kein Möchtegern-Comedian die verrauschten Reggae-Klischees, hier rappte und sang jemand mit langjähriger Soundsystem-Erfahrung. Seit Anfang der Neunziger zog Trettmann mit verschiedenen Crews wie Rotzlöffels Hifi oder UpliftmentInternational von Party zu Party. Um den Sets eine ironische Note zu verleihen, nahmen sie in einem Radio-Studio ein paar Gesangsspuren auf. Daraus wurde schließlich ein Selbstläufer und Ronny Trettmann zur skurrilen Prominenz des deutschsprachigen Dancehalls neben Größen wie Peter Fox, Nosliw oder Gentleman.

Er polarisierte damals wie kaum ein anderer: Im 2006er Leserpoll des Reggae-Magazins Riddim belegte er sowohl beim besten als auch schlechtesten Stück des Jahres einen der vorderen Plätze. Dabei geht es Ronny Trettmann weniger ums Polarisieren – es fehlte ihm damals wie heute die Lockerheit in der hiesigen Szene. Und die sächsische Mundart hat nach wie vor ihre Berechtigung – immerhin „toasten“ die Jamaikaner auch in ihren Umgangssprachen über die Offbeats.

Der gebürtige Chemnitzer will sich nichts vormachen. Statt jamaikanischer soll die sächsische – oder weiter gefasst: die mitteleuropäische – Lebenswirklichkeit der Impulsgeber sein. „Reggae und Dancehall ist Volksmusik. Nur leben wir nicht auf Jamaika, sondern in Leipzig. Wir sind Atheisten und haben hier ganz andere Einflüsse – warum sollten wir da andauernd Jah preisen“, kommentiert Trettmann die teils konservative Haltung vieler Reggae- und Dancehall-Aktivisten hierzulande. Da gehe es oft nur ums Kopieren eines originalen Vibes – allerdings in einem anderen Kulturkreis.

Seit über zehn Jahren lebt Ronny Trettmann in Leipzig. Mit Messer Banzani-Mitbegründer Pionear gab es hier einen der wichtigsten Reggae-Protagonisten Deutschlands – er produzierte auch die ersten Trettmann-Höhenflüge und vermarktete sie über sein Label Germaica.

Noch bevor er sich vom Ballermann vereinnahmen lassen konnte, zog Trettmann 2008 die Notbremse: Er trennte sich von Germaica und ließ sich nicht dazu ermuntern, mit dem lustigen Sachsen-Reggae weiterzumachen. Im selben Jahr gründete er sein eigenes Label Heckert Empire und wandelte sich nach und nach zu einem Dancehall-Künstler, bei dem es nicht nur um die fettesten Partys geht, sondern bei dem auch nachdenkliche Worte fallen – etwa zum Leipziger Hanf-Blei-Skandal. In Mundart rappt er weiterhin, wenn auch wesentlich subtiler und mit weniger Klamauk. „Für den Flow ist Sächsisch einfach besser“, ist Trettmann überzeugt.

Mit der Zäsur vor zwei Jahren entwickelte sich mit Rüdiger Schramm alias Ranking Smo ein freundschaftlicher und künstlerischer Gegenpart für Ronny Trettmann. Der Berliner Rapper und Sänger gehörte lange zur Kaffee Burger-Klezmer-Haus-Big Band Rotfront. Als Solo-Künstler steht Schramm auf einer Stufe wie Ronny Trettmann – beide gehören zweifellos zu den erfolgreichsten deutschen Dancehall-Musikern. Nachdem es den Berliner Jungspund nach Leipzig zum Studium zog, wurde aus beiden ein Team. Mittlerweile hat sich Schramm hier ein kleines Heimstudio eingerichtet, in dem er mit Trettmann einen Teil des ersten gemeinsamen Albums aufnahm.

Entstanden viele der früheren Stücke in kurzer Zeit, nahmen sich die beiden für „Zwei chlorbleiche Halunken“ etwa anderthalb Jahre. Und sie schießen mit den Album-Stücken weit über die Dancehall-Grenzen hinaus. Es ist ein amtliches Pop-Album herausgekommen, das eindeutig nach 2010 klingt – da wird der Autotune-Effekt ebenso über die Stimme gelegt wie überall im Pop gerade. Da sind die Beats und Sounds elektronischer, die Genre-Grenzen und der Grat zwischen subkulturell geprägter Selbstironie und Mainstream-Posen fließender geworden.

„Es sollte ein Album für zu Hause werden. Aber eines, dem man die Club-Exzesse immer noch anhört“, meint Trettmann. Der Pop-Einschlag kommt übrigens nicht von ungefähr: Ranking Smo ist der Sohn des Silly-Mitbegründers Matthias Schramm, aufgewachsen mit einem großen musikalischen Input und einem großen Hang zum Pop-Appeal. Wenn Pop und Dancehall also aufeinandertreffen, können die Gesten gewiss großspuriger ausfallen – und mit dem gemeinsamen Debüt-Album dürfte es für Ronny Trettmann und Ranking Smo einen weiteren Schub geben.

Heckert Empire Website

Vor und zurück

FM Musik scheint wirklich Gefallen am digitalen Veröffentlichen gefunden zu haben. Immerhin beschert dieser Vertriebskanal dem Deep House-Label von Frankman in diesem Jahr eine wahre Renaissance. Zwei neue EPs gibt es.

Ende September schon kam „Salon Golden Horn“ von Henry Gilles heraus. Sein Name tauchte schon einmal hier bei frohfroh auf – bei einem Remix von Dsants Debüt-EP auf Logo Tunesia Records. Dort hat der gebürtige Münchner und nun Wahl-Istanbuler auch schon eine digitale EP veröffentlicht. Die beiden Tracks der FM-EP sind deepe House-Stücke, die insofern ein wenig aus dem FM-Katalog der letzten Monate heraus ragen, weil sie nicht an die Downbeat-Schläfrigkeit angedockt sind.

Gerade „Oscar Likes Deephouse“ hat etwas Angerautes und Forsches. Ein klassischer House-Track und dank der Vocal-Samples mit einem leichtem, irgendwie passenden Soul-Vibe überlagert.

Bei „Salon Golden Horn“ schimmert dann sehr deutlich eine Dub-Deepness hervor. Und auch hier eine Soul-Note – sonst geht das schon schnell in den Kitsch über. Hier bleibt es aber authentisch, auch von den Aufnahmen der im Hintergrund präsenten Stimmen und Gesänge, die wie Feldaufnahmen klingen.

Im Khalil-Remix wird „Salon Golden Horn“ wieder mehr auf die House-Spur gebracht. Der Dub kommt erst später mit rein. Insgesamt die bisher beste EP dieser neuen Digital-Serie.

Zuat-Zu-Nights-From-JapanAuf der soeben erschienen EP „Nights From Tokyo“ von dem spanischen Producer Zuat-Zu gibt es dann wieder eine Kehrtwende zum klassischen FM-Musik-Sound. Hell schwingende und bassige Deep House-Chords, seichte Beats – da schieben sich die Downbeat-Wolken sanft voran.

Ich kann gerade nicht sagen, ob Frankman nicht genau solche Tracks produziert, prädestiniert für den Soundtrack von einsamen, nächtlichen Fahrten durch die Stadt. Sonntagsmusik. Das klingt so negativ, aber ich komme nicht drumherum zu denken, dass die Zeit für solche Tracks gerade vorbei ist. Was nicht heißt, dass sie vielleicht bald wieder kommt. Nach dem anstehenden Techno-Revival.

FM Musik Website
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Good Guy Mikesh & Filburt „Ours“ (We Love This)

Auf einem Label mit DJ Friction und DJ Thomilla zu landen, ist nicht gerade eine Selbstverständlichkeit. Da hat der musikalische Charme von Good Guy Mikesh & Filburt bestimmt mit reingespielt. Denn deren neue EP erscheint bei We Love This.

Aus Hamburg kommt das Label und auch der Däne Kasper Bjørke hat eine EP auf We Love This veröffentlicht. Mehr ist auf die Schnelle nicht herauszufinden im Internet. „Ours“ sticht aus den bisherigen Platten von Good Guy Mikesh & Filburt auch enorm heraus. Zwar war die Disco-Liebe schon immer herauszuhören, aber so konsequent wie hier noch nie. „Ours“ und „Midnight“ klingen so authentisch und fast schon altbacken.

Während „Ours“ mit großer Kitsch-Geste, plastischem Funk und einer selbstbewussten Langsamkeit ausholt, klingt bei „Midnight“ eine ähnlich naive und unbekümmerte Synthesizer-Spielfreude heraus wie sie in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern zwischen Krautrock, Kraftwerk und Disco auftauchte. Das ist schon sehr spleenig und kommt mit einem gewissen Augenzwinkern bei mir an.

Der Norweger Marius Våreid holt „Ours“ mit seinem Remix ziemlich abrupt aus dieser verträumten Zeitreise zurück ins Jetzt. Tighter, direkter und geschmeidiger in den Übergängen. Das steht „Ours“ zwar durchaus gut, aber es raubt den roughen Charakter des Originals.

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Doppelschlag

Am vergangenen Wochenende wurden zwei neue Platten gefeiert, die stilistisch nicht weit von einander entfernt sind. Pyjama Pyrat & Mute-Nation debütieren mit einer Veröffentlichungsserie. Alphacut legt die Nummer 21 nach.

„Encephaleon 1“ heißt das Debüt von Pyjama Pyrat & Mute-Nation, zwei Leipziger Drum’n’Bass-Protagonisten aus dem Ulan Bator-Umfeld. War Pyjama Pyrats Vorgänger-Projekt Styleconfusion eher im Drum’n’Bass verwurzelt, so schreitet er mit Mute-Nation in Richtung Dubstep und Grime. Ein Sound, der in Leipzig zwar längst angekommen ist, aber allzu viele Produzenten scheint es hier nicht zu geben, die sich an eine Veröffentlichung trauen. „Encephaleon 1“ könnte insofern vielleicht auch eine Initialzündung sein.

Auf vier Teile ist die Serie angelegt – alle halbe Jahre soll eine neue Folge kommen. Encephaleon ist übrigens der Fachbegriff für Gehirn eine Gehirnkrankheit, die durch eine Bleivergiftung verursacht wird. Ist das sogar ein Verweis zu dem Blei-Hanf, das vor zwei Jahren durch Leipzig geisterte? Dass hier ein Dubstep-Album entsteht, wurde schon bei einer Ulan Bator-Jahtari-Party angekündigt. Ein Jahr später ist jetzt also soweit.

Und „Encephaleon 1“ ist fast schon episch in den Sounds. Elegisch im Tempo und selbstbewusst in seinem Pathos. Juliane Wilde und Instruktah D. sind als Sänger dabei. Was besonders auffällt ist der Pop-Charakter hinter den Tracks. Das ist nichts zwingend für den Club. Einmal durch die Vocals, aber vielmehr noch durch die Arrangements. Die Tracks stecken voller Brüche.

Das ist einerseits spannend, andererseits überladen diese Wendungen die einzelnen Stücke immer wieder auch. Schroffe verzerrte Sounds treffen filigrane Melodien, riesige Wobble-Bass-Wellen schieben nach vorn und ab und an ist auch der Autotune-Effekt mit dabei. Das klingt nach TripHop mit neuen Mitteln – ähnlich bedrückend und düster, aber in den Sounds eben doch sehr Dubstep-beeinflusst.

Eigentlich stimmt vieles an „Encephaleon 1“, nur die Überladenheit und die etwas zu saubere Atmosphäre zwischen Tönen nehmen diesem Einstand ein wenig von der klanglichen Faszination. Das könnte noch etwas rougher klingen. Und etwas entschlackter.


Alphacut-21Damit rüber zu Alphacut Records, die in den 20er-Nummern ganz auf Weiß setzen. Weißes Vinyl, weiße Hülle. Weiß auch der viele Schnee, der in Estland und Finnland im Winter liegen dürfte. Von dort kommen nämlich Dejaru und Paranoid Society her. Die Esten spielen zudem noch mit „White Lies“. Ein reduzierter rhythmischer Track, freudig tänzelnd und irgendwie mit einer etwas ironisch klingenden Poesie kokettierend.

Zumindest haben die Fanfaren in der Mitte auch etwas Hymnisches, dem der Schalk jedoch eindeutig anzuhören ist. Dejaru wirkt dazu wie ein strenger Gegenpart. Düster und rastlos, sehr loopig in den Zwischentönen. „Black Mask“ heißt das Stück und es rundet die Dramaturgie dieser Platte klanglich und mit seinem Titel ab. Auf jeden Fall ist Alphacut gerade wieder mit hohem Puls unterwegs.

Alphacut Records Website
Ulan Bator Website
Encephaleon Facebook
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