Spot on – Translucid

Ein Künstler, der in Leipzig nicht mehr zu übersehen und unterschätzen ist: Booker, Veranstalter und mjut-Resident Translucid ist endlich bei unserer Spot on-Reihe zu Gast.

Markus alias Translucid hockt auf den Treppen der Abladefläche von Ultraschall PA, als ich mit dem Fahrrad am Anfang der Lagerhofstraße ankomme. Er winkt mir zu.

Das letzte Mal war ich zum Interview mit den Betreiber*innen des mjut hier, Markus inklusive, die gerade aber damit beschäftigt sind, Technik für das Tarmac Festival in einen Transporter zu hieven. Damals, im Mai, war die Stimmung deutlich optimistischer. Mitte Juni musste die Eröffnungsveranstaltung im umgebauten Außenbereich dank behördlicher Anordnungen kurzfristig abgesagt werden, seitdem ist der Club wieder zur Baustelle m(j)utiert. 

Heute aber soll es nicht um den Club selbst gehen, sondern um einen der kreativsten Köpfe in der Leipziger Clubkultur – der nebenbei als Booker und Resident im mjut tätig ist. Sein Engagement auf diese Arbeit zu beschränken wäre unfair, denn wenn man sich Markus’ Treiben in dieser Stadt anschaut, weiß man gar nicht welche Fragen man zuerst stellen soll. 

Bevor wir die Arbeit als Booker anschneiden und über seine aktuellen Projekte sprechen, kommen wir auf seinen musikalischen Entstehungsprozess. 

Von Rentnermusik zum Projektmanagement

Wo die musikalischen Anfänge bei vielen DJs in den frühen bis späten Teenagerjahren liegen, beginnt Markus‘ Geschichte im Alter von drei Jahren, als seine Mutter ihn in die junge musikalische Früherziehung schickt. Vater-Sohn Abende bestehen daraus, gemeinsam am Computer auf Cubase herumzuprobieren und währenddessen geht es von der Blockflöte zur Klarinette, wo er zwölf Jahre im Blasorchester verbringt („Ich hab’ echt viel Rentnermusik gespielt, aber dadurch hat sich mein musikalisches Verständnis erweitert“). Um seine Improvisationsfähigkeiten zu entwickeln, nimmt er Klavierstunden bei Jazzstudenten und mit 13 Jahren steht er zum ersten Mal vor einem Controller.

„Ich war immer der kleine Stöpsel, der dabei war“, sagt Markus, als er von den Partys seiner Jugend spricht. Wo es nur ging, bot er in seiner Heimatstadt Weimar auf Veranstaltungen Hilfe an, lernte mehr über Licht, Deko, Technik, Musik, aber lernte vor allem Leute kennen. Diese Leute brachten ihn schließlich nach Leipzig, wo er sein Debut als Veranstaltungsgast beim Electric Weekender feierte und gleichzeitig einen Praktikumsvertrag für das Conne Island in der Hand hielt. Ein Jahr lang kuratierte er im Anschluss mit Kumpel und Kollege Philipp die Halftime und trieb sich als Partygast in der ganzen Stadt rum.

Genauso unverhofft, wie er auf Weimarer Leute und Veranstaltungen gestoßen war, stieß Markus auch aufs mjut. „Wir kamen auf die Baustelle, wo gerade ein paar Leute gewerkelt haben und haben unsere Hilfe angeboten. […] Einen Monat später war ich täglich mehrere Stunden dort.“ 

Markus entschied sich bewusst, diesen Weg zu gehen, seine mittelfristige Zukunft diesem Ort zu widmen: „Ich stand vor der Entscheidung: entweder ich gehe nach Berlin und mach’ dort ein Praktikum, wo ich am Ende wieder ein Handlanger bin. Oder ich hab’ die Möglichkeit, von vornherein dieses Projekt mit zu erschaffen.“ Das mjut bot nicht nur die Chance, sich musikalisch verwirklichen zu können, sondern physisch Hand anzulegen; Sachen zu bauen und Dinge zu gestalten.

„Regeln? Scheiß auf Regeln!“

In seiner Rolle als Booker, Veranstalter und Resident im mjut hat sich Markus mit seinem alias Translucid immer mehr einen Namen gemacht, wobei bestimmte Genres in seiner musikalischen Identität keine feste Rolle einnehmen. „Ich höre extrem viel Musik und ich spiele vieles sehr gerne. Klar hat man Phasen, in denen man manches mehr hört, aber ich kann und möchte mich nicht auf irgendwas beschränken. In jeder Richtung gibt es viel zu viel schöne Musik.“ Diese Perspektive greift er in all seinen Projekten auf.

Diese Einstellung schafft übrigens in gewisser Weise auch die Identität des mjut, das wir in unserem letzten Artikel als „Chamäleon der Clubkultur“ bezeichnen. Einschließlich Markus nehmen sich nach der Öffnung des mjut im April 2018 mal zwei, mal drei andere Personen der musikalischen Linie an.

In den Monaten vor Corona dünnt sich das Booking-Team dann aus, Markus übernimmt die Arbeit alleine, ist für die Kommunikation mit und Betreuung von Veranstalter*innen oder Künstler*innen verantwortlich. Und kümmert sich nebenbei noch um sein eigenes Projekt: Minerals.

Während das musikalische Konzept hinter der eigens von Markus kuratierten Veranstaltungsreihe im mjut einem relativ typischen Modell folgt – großer Headliner plus Support – werden hier atypische Elemente mit untergebracht. Kino mit Installationen oder Kurzfilmen, Ausstellungen, you name it – um die Verbindung zu verstehen muss man zwar zwischen den Zeilen lesen, aber so entsteht ein rundes Abendprogramm. „Wenn ich zum Beispiel jemanden einlade, der oder die viel in der queeren Szene aktiv ist – das wäre ein Abend, wo es Drag-Performances geben würde.“ Dementsprechend wurde der obere Floor bei Headliner Bjarki zum Kino mit Videoinstallation des zugehörigen Grafiker Hellcat umgebaut.

Eine weitere Besonderheit ist die ungewöhnliche Geschichte, die hinter der Gestaltung der Reihe liegt.

„Wir haben das nie so in die Veranstaltung schreiben wollen, weil es vielleicht für manche nach Hokus Pokus klingt.“

„Wenn ich die Zusage für eine*n Headliner*in bekommen habe, dann setze ich mich vor ein Buch über Steine – allen Mineralien werden ja gewisse Kräfte und Energien zugesagt. Ich höre mir die Musik an und versuche dann zu erfühlen, welcher Stein mir eine ähnliche Stimmung zur Musik gibt.“ Zwar wird der Stein in der Promo für die Veranstaltung nicht benannt, doch er ist für Markus und vor allem Grafiker Nico Stephou ein Anhaltspunkt. Für Telephones fiel die Entscheidung auf den Bernstein, bei Vlada auf den Smaragd und Kanding-Ray auf den Opal. 

Many moods

Auf dem neu gegründeten Label Myriad bringt Markus nun nicht nur sein erstes Solo-Album an den Start, er legt meiner Meinung nach damit außerdem den Grundbaustein für eines der spannendsten Projekte in Leipzig. 

„Das Label ist die physische Verwirklichung von dem, was ich mir bei der Minerals gedacht habe. Die Veranstaltungsabende sind vergänglich und Myriad bringt physische Relikte in der Form von – zum Beispiel – Platten mit sich“ beschreibt Markus den Gedanken hinter Myriad. Dem Anspruch, mehreren Genres gerecht zu werden und Liebe zu schenken möchte er jedoch nicht nur unter seinem Alias Translucid gerecht werden – und dafür hat er bereits in seinem Umfeld Kritik geernet.

Kann ein Label erfolgreich werden, das sich keine klare Richtung festlegt?

Ähnlich wie bei der Minerals-Reihe werden bei Myriad Genres gewissen Stimmungen zugeordnet, die wiederum in Farben unterteilt werden. Die erste Platte, die Breakbeats, sowie experimentellen und härteren Sounds entspricht, ist blau geworden, weshalb die farbliche Festlegung bei solchen Genres in Zukunft auch dem blauen Farbcode folgt. Trotz der – auf den ersten Blick – Uneinheitlichkeit entsteht so ein roter Faden, an dem sich der/die* Zuhörer*in orientieren kann und eine Welt, deren Ästhetik rund ist.

Hirundoaves alias Lion Sauterleute hat mit seinem Signature-Style schon viele Plakate in Leipzigs Clublandschaft, aber vor allem im mjut entwerfen können, und er ist nun auch für das erste Myriad-Design verantwortlich. Für Markus ist Lion jemand, mit dem er einen ästhetischen Anspruch teilt. Jemand, bei dem Änderungswünsche überflüssig werden. 

„Lion wird sich in Zukunft um die komplette Identity vom Aussehen kümmern, aber mein Ziel ist es, für jede Musik die ich veröffentliche, viele Artists einzuladen. Lion setzt im Endprozess seine i-Tüpfelchen und bestimmt die grafische Handschrift.“

In Memoriam

„Wenn ich jetzt einen Track mache – dann mache ich ihn in einer Nacht. Ich habe gemerkt dass das der Weg ist, mit dem ich am besten klarkomme. Sonst arbeitest du dir deine Musik irgendwann kaputt.„ Das siebenteilige Album namens „In Memoriam“ ist zwischen 2018 und 2020 in Berlin, Leipzig, Weimar und Los Mollos, einem Küstendorf in Chile, entstanden. Es ist das erste Release auf dem Myriad-Label.

Das erste Lied, Time Shifting, ist von Markus’ Vater inspiriert, der die darin enthaltene Melodie ständig in seiner Kindheit am Keyboard spielte. Sehr dreamy. Passend zum Namen aber nicht davon inspiriert ist das folgende Element: „Man hört das nicht, aber der Track fängt mit 110 bpm an und hört mit 140 bpm auf“. Es hangelt sich im Anschluss ein Breakbeat-lastiger, roter Faden durch das Album, bevor 8 Likes 39 Comments dem Ganzen mit Gabber ein Ende setzt. Jedes Lied bringt eine lesenswerte Geschichte passend zum Namen sich, die dem Album eine wertvolle weitere Ebene verleiht.

„Wenn jemand im selben Zimmer schläft, ist eine Energie im Raum. Einerseits will man mit den Kopfhörern leise sein, andererseits schwimmt bei solchen Situationen eine Nostalgie mit.“ Markus schätzt das Musizieren unter solchen Umständen besonders. Der Fokus bei While Dreaming Deep lag darauf, eine Closing-Track-Ästhetik zu erreichen. 

Arecibo sampled Morsecode-ähnliche Nachrichten, die von der Menschheit für Aliens hinterlassen wurden. Caffeine Morning ist durch eine vom koffeinunverträglichen Markus getrunkene Kaffeetasse voller Espresso entstanden. 

Über die Freiheit, sich seine eigene Realität schaffen zu können,

philosophiert Paulo Coelho im Einsteigssample von Tidentity; VCV Kicks ist das Ergebnis aus dem Herumprobieren mit digital nachgebauten, modularen Synthesizern. „Das ist für mich einer meiner Favorites auf dem Album.“ Der abschließende Titel 8 Likes 39 Comments handelt vom Austauschen von Gabber-Tracks in Facebook-Kommentarspalten. Welche exakten Sounds sich hinter den Titeln verstecken und wie Markus die Geschichten in seinen eigenen Sätzen schreibt, kann man bei SoundCloud herausfinden:

Das Interview führen wir auf einem einsamen, weißen Sofa auf dem Gelände hinter der Lagerhofstraße, zwischen Bahngleisen und Sträuchern. Im Laufe des Gesprächs geht die Sonne unter und taucht die bunten Blumen um uns herum in einen goldenen Schein während die Sonnenstrahlen durch den Bogen der Brandenburger Brücke flackern. Markus spielt nebenbei mal mit kleinen Stöcken, Steinen, und dem Plastekorken einer Rotkäppchen-Flasche. Das mjut selbst verlieren wir dabei – im wahrsten Sinne des Wortes – nie aus dem Blick.

Markus hofft, dass das mjut ein Ort wird, dem das Publikum Vertrauen schenkt. Vertrauen, dass egal wann man kommt, egal was läuft: Die Veranstaltung wird gut. Dass das Publikum den Booker*innen mehr Freiheit lässt; aber auch umgekehrt.

„Das wichtigste für mich ist eine Balance: du hast etwas, was die Leute catched und was die Leute kennen. Wenn sie dann einmal da sind, kannst du sie noch mit so vielen anderen Dingen überraschen.“ Bei Markus selbst war eine solche Veranstaltung die mit DJ Maik kuratierte Reihe Futuro Grande, bei der im Januar Diamin aus Südamerika zu Gast war. 

Was Markus als nächstes aus seiner Trickkiste zaubern wird,

bleibt wohl noch offen; zuletzt bereicherte er den Electric Weekender mit eigens kreierten Visuals. Vielleicht bespielt er noch einmal einen Livestream mit Live-Zeichnungen, oder vielleicht launched er mit seinem neuen Label gleich eine Mix-Reihe? Vielleicht, hoffentlich, wird das mjut in diesem Jahr noch in neuem Glanz seine Türen öffnen dürfen und von Markus bespielt werden.

Fest steht: den Titel als interdisziplinären Künstler hat er mehr als verdient. Im Memoriam, sein erstes Solo-Album, wird am 17. September veröffentlicht. Danke für das inspirierende Gespräch, Markus.

Alle Fotos sind von Kim Camille / @_kimcamille_ / Vielen Dank!


„Spot On“ Mix

As usual haben wir auch Markus um einen Mix gebeten, den wir im Rahmen unserer Spot On Reihe auf SoundCloud veröffentlichen. Passend: mit der Disco-Orientierung steht der Mix in starkem Kontrast zum Album.

„Funky Musik spielt schon immer einen großen Part in meinem Repertoire. Leider ergibt sich nicht so oft die Möglichkeit, diese Musik vor einer großen Menge zu spielen. Bei den Partys vom Plattenladen Sound Metaphors ist das aber anders, denn da dreht sich alles um die energiereichen 70er, in denen Disco ihren Höhepunkt hatte. Gefesselt von der Ästhetik, habe ich mit diesem Mix versucht ein paar der unbekannteren Stücke zu fusionieren. Ich hoffe der Mix versetzt euch, genau so wie mich, in den Vibe von Unbeschwertheit und Freude.“

KW 37 – Samstag

Auf der Festwiese wird es dystopisch, in der Distillery gibt es ein Label-Jubiläum. Lohnt sich!

Partyname: OUTS:DE – Kultur unter freiem Himmel
Zeit:12.09.2020, 16:00 Uhr
Location:Festwiese
Acts:Rødhåd, Vincent Neumann, Senta Julien

Seit einigen Wochen teilen sich ja mehrere Leipziger Locations die Festwiese. Heute steht großer Techno-Besuch an – Rødhåd schafft es mal wieder nach Leipzig. Dazu kommt auch Senta Julien von der Station Endlos-Crew.

Hier können übrigens auch die Soli-Tickets eingelöst werden.

Partyname:I love gardening #29 – 5 Years Defrostatica
Zeit:12.09.2020, 16:00 Uhr
Location:Distillery
Acts:Kator, DJ Badshap, DJ Booga, Tina, Æon Flux

Ach ja, time flies – vor fünf Jahren erschien die ersten beiden Defrostatica-Platten – beide von Kator. Seitdem hat das Label um Booga, Tina und mittlerweile auch Æon Flux für viele neue Impulse in der Breaks-Szene gesorgt. Die letzte Platte haben wir übrigens neulich erst vorgestellt.

Checkt zur Einstimmung die Air Waves-Radioshow:

Außerdem heute:

Pow Wow Summer Lounge, Täubchenthal, 17:00 Uhr – Techno und Tech-House mit Dirty Doering und Sledge

Veranda x Polylicious, Conne Island, 20:00 Uhr – Various Styles mit Azizam Bal, Lil hurty & RARRI, Soko H(((i)))tz, rZr aka dj gabij B2b Mandylism B2b gal

KW 36 – Sonntag

Series be: Queer ist das Motto am Sonntag im IfZ-Teergarten. Wie ihr Series be (außer mit eurem Kommen) unterstützen könnt, lest ihr hier.

Stand up,

Speak up,

Show up!

Am Sonntag sollen es zwar derzeit frische 19°C werden, aber ohne Regen und mit viel Tanzen im Sitzen sollte es mehr als möglich sein, im Teergarten eines der interessantesten Kollektive Leipzigs zu unterstützen. Series be kuratiert den Tag mit fünf auftretenden Artists – ein must-go also. Host ist our beloved Luke Fierce!

Bei dem Event geht es um mehr als einen sozialen Raum zu schaffen. Es geht vielmehr darum, queere, marginalisierte Menschen und Künstler*innen mit verschiedenen Backgrounds zu feiern, zu supporten und sichtbar werden zu lassen.

Das Interview mit Luke bei uns lest ihr hier.

Es spielen:

Somali Vendetta B2B Zyber
x3butterfly
AUCO
Frawn

Artwork von Myen

Jetzt nochmal bitte kurz Aufpassen: Das Event braucht eure Unterstützung. Kommt, trinkt, spendet cash am Sonntag, geht hin. Wer an diesem Tag nicht in Leipzig, krank oder schon verplant ist (oder gar arbeiten muss, am heiligen Sonntag…), der kann trotzdem mithelfen, das Event und vor allem die Bezahlung der Künstler*innen zu ermöglichen.

Wer finanziell in der Lage ist, und seien es auch „nur“ Kleinstbeträge, kann via PayPal Geld spenden. Der Link ist hinterlegt, einfach draufklicken, Betrag eintippen und senden.

Danke an alle, die das Event supporten!

Wer die Künstler*innen auschecken möchte, kann das via SoundCloud und Instagram tun:

https://soundcloud.com/sorrellem
https://soundcloud.com/auco23
https://soundcloud.com/francisco-ba-os-diaz
https://www.instagram.com/marielle.gutermann/
https://www.instagram.com/daaqads/
https://www.instagram.com/_x3butterfly_/
https://www.instagram.com/auco_co/
https://www.instagram.com/franetosky/
https://www.instagram.com/lukefierce/

Das Artwork stammt aus der Grafikfeder von Myen.

Werthe und Rituals

Heute im Fokus: Zwei neue Releases von zwei Leipziger Labels, die uns die Welt abseits der geraden Bassdrums näherbringen. Und mit starken Werten und Ritualen – um den (etwas bemühten) Dreh zu den EP-Titeln zu bekommen.

Die Rede ist von Yuyay Records und Defrostatica Records. Beide haben kürzlich ihre ersten Releases für das neue Jahrzehnt gedroppt. Und beide könnten nicht unterschiedlicher sein. Während Yuyay-Betreiber Robyrt Hecht unter seinem Alias Bernhard Y. Riemann ein Mini-Album mit sehr gelungenem Kraut-Ambient herausgebracht hat, erweitert Defrostatica seine internationalen Connections zu einem der wichtigsten europäischen Impulsgeber für Juke und Footwork – BSN Posse und deren Label Iberian Juke.

Ich kannte die beiden noch nicht, aber Defrostatica liefern eine Reihe spannender Informationen zu „Rituals“, der neuen BSS Posse-EP. Sp brachte das Duo mit Soundcloud-Playlists und ersten Releases den hektischen Juke-Sound aus Chicago erstmals nach Europa. Und es entwickelte den Sound weiter, mischte HipHop, Modern Jazz, Jungle und R&B bei.

„Rituals“ klingt wie ein punktgenau durchkomponiertes Best-of. Es beginnt erwartungsvoll und sich langsam steigernd, um dann bei „Burnin Shoes“ mit 160 bpm auf die House-Überholspur zu wechseln. Danach wird erstmal warm gebadet in deep und lang gezogenen Downbeat-Synths – ohne aber an Tempo verlieren. Nur sind BSN Posse hier schon wieder abgebogen und mitten in schönsten Classic-Jungle-Sphären. Am Schluss wird es wieder langsamer, der Halftempo-Track „Magic Portal“ schließt mit Chören und umarmender Bassline den Kreis zum Anfang. Super EP!

Auch Yuyay Records enttäuscht nicht. Robyrt Hecht ist auf „Werthe“ auf Forschungsfahrt zu entlegenen Sound-Gefilden. Ob die noch auf der Erde sind, ist nicht ganz klar. In seinen Tracks verschmelzen Cosmic, Kraut und Ambient. Alles mit analoger Patina und teilweise sogar etwas Pop-Appeal. Etwa bei „Random Walk“, „Constant“ und „Slight Change“, wenn wave-gefärbte Vocals einsetzen. Wow, ich mag den Mix sehr.

Und ich mag auch den versteckt harmonisch-optimistischen Vibe, der in den Tracks steckt. Auch wenn vieles experimentell ist, so klingt das Album durch seine vielen Melodien und die verspielten Sounds nie dystopisch oder anstrengend, sondern vielmehr sehr zugänglich – auf eine gute Weise.

Eine schöne Wiederentdeckung von Yuyay und Robyrt Hecht.

Talk Talk – Wie geht Feiern in Zeiten von Corona? – Mauro Caracho

Sitzrave, Kultureuro und Telegram-Gruppen mit News über den Füllstand des Clubs. So geht Feiern in Corona-Zeiten!

Peu à peu öffnen unsere Lieblingsclubs wieder: Die Distillery veranstaltet wochenends „I love gardening“, im Institut fuer Zukunft öffnet donnerstags, samstags und sonntags der „Teergarten“ und im Conne Island ist der Freisitz auch wieder für verschiedenste Programme geöffnet. Solange das Wetter passt, können wir endlich wieder Clubluft schnuppern.

„Techno heißt nicht nur Abfahrt, sondern auch Begegnung.“

– Gamal

Sogar unsere Ausgehtipps enthalten wieder mehr Veranstaltungen. Aber wie laufen die Biergartenraves und Sitzpartys in Leipzig ab? Wie soll ein Club wirtschaften, wenn höchstens ein oder zwei Wochenenden fest geplant werden können? Und können wir so unsere Nacht- und Clubkultur vorm Untergang retten? Spoiler: Ganz so einfach ist es nicht!

Gamal und Kathi im Garten der Distillery
Foto von Kathi Groll


Gamal aka Mauro Caracho beantwortet in der neuen Folge Talk Talk alle Fragen dazu.

Talk Talk

Redaktion und Produktion von Kathi Groll, Musik im Podcast von fragmentiert.

Outs:de Festival – Draußen feiern mit den Leipziger Clubs

Feierkultur unter freiem Himmel: Die Leipziger Clubszene organisiert gemeinsam mit eigenen Residents und weiteren Headlinern Musikveranstaltungen unter freiem Himmel. Los ging es bereits am 21. August, ab jetzt geht es noch bis Ende September weiter.

Es stehen einige Konzerte, eine Lesebühne und ein Livehörspiel auf dem Programm und natürlich wird es weitere Open Airs mit Techno, House und Drum’n’Bass geben.

Hinter dieser Initiative für Open-Air-Kultur stehen DasistLeipzig, LiveKommbinat Leipzig e. V., Leipzig plus Kultur und Kreatives Leipzig. Mitwirkende Vereine, Institutionen und Spielstätten sind das Conne Island, Distillery, elipamanoke, Geyserhaus, Institut fuer Zukunft, mjut, Moritzbastei, naTo Leipzig, TV-Club, UT-Connewitz, VAK, WERK 2 – Kulturfabrik Leipzig e. V. und noch einige weitere.

Festwiese 27. 8. bis 27.9.

27.08. Moskau-Petuschki (Livehörspiel)
28.08. Liedfett (Konzert)
29.08. Safe Mayonnaise (Drum & Bass)
30.08. House Picknick

03.09. Waving The Guns (Konzert)
04.09. Bukahara (Konzert)
05.09. Techno Picknick
06.09. Slow Sunday (Downbeat)

07.09. Magic Monday (Zaubershow)
11.09. Normahl + FCKR (Konzert)
12.09. Soli-Wiese (House / Techno)
13.09. Reggaehase Boooo
13.09. Broken Beats Sunday (Reggae, Dub, Dubstep, HipHop)

15.09. Science Slam
16.09. Lesebühne Schkeuditzer Kreuz
18.09. 2. Interkulturelles Afrika Festival: 1000 Drums

22.09. byebye (Konzert)
27.09. Closing

Hier gibt’s alle Infos und Tickets. Artwork von fragmentiert.

KW 35 – Samstag

Bouys, Gehrls & Criminal Queers, die No No No! – Party ist back. Im Täubchenthal wird ein neues Konzept getestet: Queer Garden.

Der Innenhof des Täubchenthals wird in einen QUEER GARDEN verwandelt. Alles an der frischen Luft, alles mit genügend Abstand, aber gefühlt wird es trotzdem eine große queere Umarmung. Ab 18 Uhr bis open end.

Mit dabei sind Claire, Kaspar Oberon, Escape, Shit Stirrer und Zacker.

Infos zum Einlass


Gemäß der ‚Allgemeinverfügung des Landes Sachsen zur Eindämmung der Verbreitung des Corona-Virus‘ sind alle Gäste verpflichtet am Einlass ein Formular auszufüllen. Alle Infos und einen Download-Link findet ihr auf www.nono-no.com/corona 

Ohne Formular kein Einlass möglich! Ausweis nicht vergessen.

NO sexism, NO racism, NO homophobia.


Foto: Distillery

Okay Cool, Hey Ciao

Diesen Samstag: HEY CIAO! in der Tille. Mit Pool und pipapo.

Jess Passeri
Don Ramones
Filburt

Start: 18:00
Ende: 00:00

Eintritt ist frei.

Auf das erste Getränk bezahlt ihr einen Euro mehr, über aktuelle Hygienehinweise werdet Ihr am Einlass informiert. Have fun!

„Fucking große Prise Glück“ – Interview mit Narciss (Seelen)

Narciss aus Berlin hat eine eingeschworene Fangemeinde in Leipzig, spätestens nach seinem Trakt II Closing mit „She‘s a maniac“, back in the days, als man noch (leicht) verschwitzt in Clubs tanzen und feiern konnte. Wir haben mit ihm über sein neues Release bei Lobster Theremin und Lockdown-Kreativität gesprochen. 

Nicolas, wie Narciss eigentlich heißt, ist seit drei Jahren in der Seelen-Crew, hat mittlerweile etliche Tracks auf diversen anderen Labels, darunter Space Trax, releast, stand schon mit Fiedel in Tallinn hinter dem DJ-Pult und ist für emotionale Abreißer-Tränen-in-den-Augen-Closing-Tracks (nicht nur auf Trakt II) bekannt-berühmt-berüchtigt.

Seit Corona ist ungewiss, wann wir ihn wieder in Leipzig sehen werden – um uns allen die Wartezeit bis zur nächsten Seelen-Labelnight wenigstens gedanklich etwas zu verkürzen, haben wir ihm ein paar Fragen gestellt. 

Disclaimer

Ich habe schon ein paar Interviews mit interessanten oder vielmehr gefragten Artists geführt und gelesen. Das Interview mit Narciss war anders. Rein oberflächlich: Buntes Hawaii-Hemd statt schwarz-matt, Nikotinkaugummi statt Kippe. Inhaltlich zwischen Kitsch, Cutie, doch auch ernst, keine aufdringliche Promo. Something special. Denn die glatten, „coolen“ Antworten, die in jedem Interview gleich („gut“) klingen, sind von DJs einfach zu bekommen. Profis, Businesstalk: Der letzte Auftritt war der phänomenalste Gig ever, Namedropping, wer wo wann, irgendein Club ist immer „das zweite Wohnzimmer“ – so weit, so langweilig. 

Foto von Liam Schnell

Von mir aus könnte die Technowelt also ein paar mehr bunte Hemden, weniger inflationär-beliebiges Geballer und Pop-Closings – mit oder ohne Tränen in den Augen – vertragen.

Und jetzt: Lest selbst. 


ff: Long story short: Dein letzter Auftritt in Leipzig war Ende Januar im Institut fuer Zukunft. Seit März ist nicht nur die Zukunft für Clubs ungewiss, auch für sämtliche Künstler und Künstlerinnen, DJs und Liveacts bedeutet das Veranstaltungsverbot eine zwangsweise Gig-Pause und damit nicht nur eine inhaltliche, sondern auch eine finanzielle Leerstelle. Wie fühlt sich das an, nach mittlerweile fünf Monaten? 

Narciss: Glücklicherweise habe ich nebenher noch andere Jobs – ich bin Tutor an meiner Uni hier in Berlin. Das heißt, ich war nie komplett auf das Geld der Auftritte angewiesen, ich verhungere nicht ohne die Gigs. Was sich verändert hat, ist viel mehr ein Gefühlsding. Alle Künstler würden mir zustimmen, dass dieses Auftreten einer der Peaks der Karriere ist. Man arbeitet immer darauf hin. Und diesen Aspekt des Ganzen gerade genommen zu bekommen, tut mega weh. Ein Release ist toll, einen Track fertig zu machen, auf den man wahnsinnig stolz ist, ist toll – aber dieser Live-Aspekt ist das Non-Plus-Ultra. Nach fünf Monaten merke ich es mehr als je zuvor: Es fehlt mir so hart. Das spürt man richtig im Herz. 

„Mein Traum als Kind war Rockstar werden, kein Witz.“

ff: Die Zäsur bringt vieles ins Wanken und ich schätze, einige bewerten Dinge aus dem Nachtleben neu, kostbarer. Clubbesuche sind eben nicht mehr selbstverständlich, was sich wohl vor Corona keine*r hätte ausmalen wollen. Was bedeutet es derzeit für Dich, DJ zu sein?

Narciss: Krasse Frage. Es hat sich auf jeden Fall über die Jahre gewandelt, was es für mich heißt, DJ zu sein. Ich mache es jetzt auch schon seit einer Weile – seit zehn Jahren. Am Anfang war Auflegen für mich etwas, wie jemanden Skaten zu sehen. Jemanden, der eine coole Sache macht und man sich denkt: Das ist cool, das will ich auch richtig gern machen. Das hat sich dann gewandelt – not ashamed to admit – zu „Ich will das machen, um berühmt zu werden“. Mein Traum als Kind war Rockstar werden, kein Witz.

Vor ein paar Jahren hat es angefangen, dass mir klar wurde, ich will doch nicht krass famous werden und die Hälfte der Woche on tour sein. Für mich ist es mittlerweile der Zustand, in dem ich am meisten Spaß habe. Dabei fühle ich mich so frei und gut, wie bei keiner anderen Beschäftigung – einen schönen Moment vor und mit einer Crowd teilen. Von zwei Stunden bis open end. 

ff: Bist Du überhaupt noch aufgeregt vor einem Gig oder verschwindet die Nervosität irgendwann?

Narciss: Ich leide ganz schlimm an Lampenfieber. Also, ich stehe nicht am Pult und kann gar nicht auflegen, so ist es nicht. Sobald das Set losgeht, ist es okay. Ich bin dabei sehr energetisch und bewege mich dabei sehr, sehr viel, damit baue ich die Nervosität vielleicht auch ab. Mit der Zeit ist es auch leichter geworden. Bei meinem ersten Gig, da habe ich noch Vinyl only gespielt, habe ich so gezittert, dass ich die Nadel nicht richtig auf die Platte legen konnte. Bei jedem Versuch musste ich ausatmen und es ganz langsam machen. 

Foto von Liam Schnell

ff: Du bist nicht nur DJ, sondern auch seit sieben Jahren Producer. Deine erste EP auf dem Label 1Ø Pills Mate via Lobster Theremin „Iridescent Adolescence“  ist heute (happy Releaseday, Nick!) erschienen, die nächste EP kommt im September, auch bei Lobster. Sind auf diesen EPs Tracks zu hören, die dem Lockdown geschuldet – oder vielmehr zu verdanken – sind?

Narciss: Auf jeder meiner neuen Platten sind zwei Tracks aus der Zeit. Also ja. Die Lockdown-Zeit war sehr seltsam für mich, weil ich zu dieser Zeit aus meiner Wohnung raus musste und bei einem Freund gewohnt habe. Wir haben den Lockdown erst zu zweit erlebt, was sehr schön und emotional war. Ein Track, „Sundowner“, der sollte dieses Gefühls des Zusammenlebens einfangen. Wir haben immer Sekt auf dem Balkon zum Sonnenuntergang getrunken. 

Die anderen Tracks habe ich gemacht, als er in seine Heimat gefahren ist und ich alleine in seiner Wohnung geblieben bin. Und das hört man auch. „Fuel to the Fire“ ist so ein Track, bei dem ich gemerkt habe, dass ich eine Schreibblockade bekommen habe – dass ich gar keine Musik mehr machen konnte. „Diable Jambe“ ist dann genau das Gegenteil, da habe ich gemerkt: Hey, es funktioniert, es macht wieder mega Spaß.

ff: Im Lockdown haben sich manche ja vorgenommen, jeden Tag einen Raum zu renovieren, zu putzen, Sport zu machen – hast Du Dir vorgenommen, jeden Tag einen Track zu bauen?

Narciss: Nein, das nicht, ich mache auch nicht so viel Musik. Ich kann das auch wirklich nur, wenn ich von etwas inspiriert bin. Das ist eben auch der Fluch: Ich muss warten, bis die Muse striked. Das kann ich nicht kontrollieren. Manchmal funktioniert es aber, wenn ich mich hinsetze, dass dann sozusagen der Appetit beim Essen kommt. 

ff: Wie produzierst Du Musik? Wie viel Zeit steckt in einem Track und hast Du bevor Du anfängst einen Plan, was entstehen soll: Opening, Peak-Time, Closing? 

Narciss: An dem Track „Sundowner“ habe ich drei Wochen gearbeitet – und jeden Tag meinte ich zu meinem Freund, bei dem ich gewohnt habe: JETZT habe ich den Track geknackt. Und ein Tag danach war klar: Ich habe den Track sowas von nicht geknackt. Alles wieder gelöscht – von vorne angefangen. „Diable Jambe“ habe ich im Gegensatz dazu in fünf Stunden gemacht. Fertig. 

Bei einem Track denke ich nicht in Funktionen für eine Party, nein. Ich denke mir aber schon: Will ich jetzt einen bitter-sweeten emotionalen Track machen oder will ich einen Track machen, der sich anfühlt, als würde man in einem Maserati den Shibuya-Highway runter rasen.

„Ich versuche zu fühlen, wie das klingt.“

ff: Wie produziert man denn einen emotionalen Track?

Narciss: Das ist so eine Sache. Ich nehme mir einen Moment, ich versuche mich dann wirklich mit dem Kopf da hineinzulegen. Und es klingt sehr esoterisch, aber ich versuche zu fühlen, wie das klingt. Als erstes schreibe ich die Melodie, während ich dieses Gefühl im Kopf habe. Das kann Tage dauern, bis die Melodie fertig ist. Wenn ich die Melodie dann höre, fühle ich den Moment und andersrum. Dafür brauche ich einen realen emotionalen Ankerpunkt, sonst funktioniert das nicht.

Foto von Liam Schnell

„Ich wollte mir scheinbar selbst mit dem Track eine Nachricht schicken.“

ff: Meiner Meinung nach ist „Until the day we meet again“ der emotionalste Track und  damit auch mein persönlicher Favorit der EP. Er könnte davon handeln, wann sich Publikum, DJs, Musik, einfach alles, endlich wieder an einem Tag auf der Tanzfläche vereinen, wieder „sehen“, spüren. Was steckt wirklich hinter dem Titel und dem Track? Der, sagen wir, bedeutungsschwangere Name stellt eine Geschichte in Aussicht, finde ich. 

Narciss: Ganz kitschig. Es geht um eine Auflösung, Trennung von einer Freundschaft, Beziehung, Partnerschaft, man kann das sehen, wie man will. Der Track war für mich prophetisch. Ich habe ihn einen Monat vor der Trennung von einer Person, die mir sehr lange sehr wichtig war, gemacht. Und als ich ihn gemacht habe, war mir noch nicht bewusst, dass diese Trennung passieren wird.

Ich wusste, dass der Track Gefühle beschreibt, die ich in diesem Moment gefühlt habe, aber nicht wusste, was es ist. Deswegen ist dieser Track eine Ausnahme zu meinem gewöhnlichen Ankerpunkt – ich wusste zwar, da stecken Gefühle drin, aber nicht genau, was sie mir sagen wollen. Wenn ich den Track dann gehört habe – oder höre – finde ich, er klingt wie ein Abschied. Ein paar Wochen später kam dieser Abschied. Ich wollte mir scheinbar selbst mit dem Track eine Nachricht schicken. 

„Es macht einen großen Unterschied, wo man produziert.“

ff: Eine Geschichte, in der sich sicher auch andere wiederfinden können – vielleicht ist der Track deshalb (nicht nur) mein Favorit auf der Platte. Wo produzierst Du eigentlich? In einem Studio, Atelier, Zuhause, im Wald? Und hört man das?

Narciss: Es macht einen großen Unterschied, wo man produziert. Ich höre das auch, wo ich bei welchem Track war. Ich habe einen Remix in den Bergen in Japan gemacht und das hört man total. Also es klingt entspannt, calm, im Reinen mit mir. Ich habe noch ein Studio, das ich mir mit einem Freund teile und dort arbeite ich anders als zu Hause. Im Studio sind die Tracks zum Beispiel simpler, da ich dort mit meinen Maschinen arbeite. 

ff: Was hörst du privat, nur elektronische Musik?

Narciss: Ich höre schon noch viel elektronische Musik, aber wenn ich dabei zu viel Techno höre, dann neige ich dazu, das zu kopieren. Dabei geht die eigene Identität flöten, deswegen höre ich nicht dauernd elektronische Musik. Ich höre viel alten amerikanischen Hip Hop – und Pop, honestly, so die Nullerjahre. Das ist für mich der Inbegriff von Spaß, immer noch. 

ff: Wo suchst du nach neuer Musik – lieber im Plattenladen oder online? 

Narciss: Alles, einfach alles. Auch im Hardwax, aber immer weniger. Weil ich beim Diggen versuche alte, ungeschliffene Diamanten zu finden. In der Space Hall bin ich auch ab und zu. Mein Lieblingsladen ist aber Audio-In, meiner Meinung nach der beste Second Hand-Plattenladen Berlins. Da habe ich mehr secret weapons gefunden als irgendwo sonst. Und natürlich Discogs.

ff: Wie krass ist der Drive, Inspirationen in eigene Musik umzusetzen? Muss das sofort passieren?

Narciss: Wenn ich so eine Million-Dollar-Idee habe – zum Beispiel, ich will einen Hip Hop-Track machen, aber als Techno-Track – dann will ich das auch instantly umsetzen. Naja, aber alle Karten auf den Tisch: Leider ist es meist scheiße (lacht). Ich dachte einmal, es wäre eine mega gute Idee, einen Edit von Lady Gagas Song „Judas“ zu machen. Das wird ein Brett. Dann habe ich den ganzen Tag daran gearbeitet und es war leider weder ein Brett noch irgendwas, außer Trash. Aber manchmal kommt auch was dabei raus – da wünsche ich mir dann immer eine Situation wie beim Schreiben, dass man sich Notizen machen kann für später. 

Foto von Liam Schnell

„Dranbleiben, Geduld haben und eine fucking große Prise Glück.“

ff: Was sich natürlich alle Producer*innen fragen: Wie klappt es, auf Labels wie Seelen, Space Trax und Lobster Theremin zu releasen? Hast Du Tipps, die Dir gegeben wurden und sich bewährt haben? 

Narciss: Alle jungen Producer, inklusive mir, rollen bei dem Tipp mit den Augen, aber es stimmt und der Tipp ist wahr – den mir auch mein Labelhead Janein immer wieder einbläut –es ist Geduld. Man muss einfach Geduld haben. Wirklich geduldig sein, dranbleiben, besser werden. 

Schon auch mit Leuten kommunizieren, aber niemals auf Krampf. Ich habe das auch lange gemacht, dieses ‚da spielt heute der und der, mit dem habe ich schon ein, zwei Mal gechattet, also muss ich jetzt um vier Uhr morgens aufstehen, um dem die Hand zu schütteln, denn das wird der Moment sein, der alles ändert‘. Das ist Bullshit. Dranbleiben, Geduld haben und eine fucking große Prise Glück. Ich wäre nicht bei Seelen, wenn nicht irgendwann mal ein unreleaster Track von mir in einem Podcast gespielt worden wäre, den Janein gehört hat und gefragt hat, von wem der Track denn sei.

ff: Nochmal zurück zum DJing. Du hast – wie viele DJs derzeit – auch schon per Live-Stream aufgelegt. Wie war das? 

Narciss: Es hat sehr, sehr viel Spaß gemacht!

ff: Ungewöhnliche Antwort – ich habe Sarah Farina letztens die gleiche Frage gestellt und sie hat geantwortet, dass es unfassbar traurig war.

Narciss: Shoutout an Team 140, es war auch ein sehr außergewöhnlicher Livestream. Ein Stream im leeren Club, wo man normalerweise tobende Leute vor sich hat, das stelle ich mir sehr harsch vor. Bei mir war es eben, full story, eine Wohnung in Moabit und in der Küche wurde ein DJ-Set aufgebaut. Genau deswegen war es so ultra geil.

Vom Vibe kann dagegen, finde ich, kein krass professioneller Live-Stream ankommen. Das hat sich nach Homepartys von früher angefühlt, bei denen man just for fun aufgelegt hatte. Das Ideale bei diesem Stream war, dass ich die Kamera irgendwann vergessen habe, weil es so viel Spaß gemacht hat. 

ff: Hast du dich auf diesen Live-Stream anders vorbereitet als auf ein DJ-Set im Club?

Narciss: Ich übe eigentlich nicht für DJ-Sets, also nicht bewusst. Ich lege schon auf, auch unter dem Nicht-Einrosten-Aspekt. Aber für diesen Live-Stream habe ich so richtig auf Kante geübt. Ich habe mich sehr viel härter vorbereitet. 

ff: Wusstest du also genau was du in welcher Abfolge spielst?

Narciss: Nein, das nicht. Das mache ich auch wirklich nie, denn ich weiß, dass ich schlechter spiele, wenn alles vorgeplant ist. Das, was ich vorbereite, sind der erste und der letzte Track. Der erste Track beim Stream war ein Edit, den ich extra dafür vorbereitet hatte: „Hungry for the Power“.

ff: Und das Closing?

Narciss: Das war „Trance 25“ von der Trance Wax 007-Platte. Das Original ist von Corona – der Haha-Moment an der Platte. Mein Freund Linus hat den Track gefunden und als wir uns in der anfänglichen Corona-Zeit im Park betrunken haben, habe ich den Track auf seinem Handy – Handyboxen! – das erste Mal gehört. Für die Platte habe ich dann 50 Euro ausgegeben, weil der Track Vinyl only ist. Das waren mit die besten 50 Euro die ich je ausgegeben habe, by the way (lacht)

https://www.youtube.com/watch?v=2y-L01ujqKw

ff: Hast Du Dir das Video danach selbst angeschaut, Deinem Künstlernamen entsprechend? Und wenn ja, wie oft? 

Narciss: Eine schmachvolle Anzahl, um ehrlich zu sein. Mir wurde aus internen Kreisen auch schon übermittelt, dass die Person, die sich meinen Seelen-Podcast eine zeitlang am meisten angehört hat, ich selbst war (lacht).

Das mit dem Stream hat aber weniger was mit Narzissmus zu tun, es kommt eher von einem place of selfcriticism. Ich würde es mit einem Basketballspieler vergleichen, der sich ein Spiel nochmal anschaut, um zu analysieren, was gut und was schlecht war.

Ganz dumm gesagt: Es war eben auch das erste Mal, dass ich sehe, wie ich beim Auflegen aussehe. Und das war voll faszinierend. Es war auch irgendwie peinlich, klar. Und wenn ich ehrlich bin, also nochmal ehrlicher als so schon, bei bestimmten Sachen, wie zum Beispiel dem Seelen-Podcast, da bin ich einfach stolz. Den höre ich gerne, das ist einer der besten Podcasts, den ich je aufgenommen habe.

„Einfach dieses Zusammensein mit der Seelen-Family.“

ff: Zum Abschluss hätte ich noch eine Frage, die ich schon vielen meiner Freund*innen gestellt habe: Wenn es sicher und risikoarm ist, dass Clubs wieder öffnen dürfen, wo würdest du in dieser ersten Nacht gerne spielen oder sein? 

Narciss: Das erste, was ich dann richtig gerne wieder machen würde, wäre eine Seelen-Labelnight im IfZ, ganz ehrlich. Ich weiß, wie das klingt, aber es ist so. Ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als so einen Crew-Abend, ganz klassisch. Egal wer da spielt, ich selbst muss da auch nicht spielen. Einfach dieses Zusammensein mit der Seelen-Family. 


So oder so ähnlich wünschen wir uns wohl alle, mit unseren Freund*innen bald wieder feiern zu können. Bis dahin gilt, was wir auch schon im Interview lesen durften: geduldig sein. Gar nicht mal so einfach, trotz Streams, Releases und Biergarten. 

Danke an Liam Schnell für die Fotos.

Clubtopia sucht Ideen zum nachhaltigen Feiern – Wettbewerb

Nachhaltig durch die Nacht, aber wie? Die Initiative Clubtopia ruft Akteur*innen des Nachtlebens und der Nachhaltigkeit bis zum 31. August 2020 dazu auf, ihre Ideen für eine klimafreundliche und nachhaltige Club- und Feierkultur einzureichen.

Klimaschutz – ja, gerne! Aber auch im Club?

Der Future Party Lab Ideenwettbewerb bietet eine Bühne für innovative Lösungen und Konzepte, die zum Klimaschutz im Club oder auf Veranstaltungen (drinnen sowie draußen!) beitragen.

Teilnehmende können die Szene in der aktuell schwierigen Situation mit guten Ideen unterstützen und erhalten Hilfe bei deren Umsetzung.

Gefragt sind Ideen, die ökologisch nachhaltig sind, d.h. sie schonen Ressourcen, senken den Energieverbrauch, vermeiden Schadstoffe und Abfälle oder tragen auf andere Weise zum Klima- und Umweltschutz und/oder zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels bei.

Bonuspunkte gibt es auch für sozial verträgliche Konzepte. Interessierte Einzelpersonen oder Teams können sich in den Kategorien Unternehmen, Initiativen oder als Leuchtturmprojekt bewerben. 

Die Gewinner*innen werden durch eine Jury ermittelt, die es heißt, zu überzeugen.

Go for it!

Hier könnt ihr euch bewerben:

Clubtopia Ideenwettbewerb

Die Gewinner*innen der Kategorie Unternehmen und Initiativen erhalten jeweils eine Crowdfunding-Beratung durch Startnext und einen Feedback-Workshop. Alle Sieger*innen werden auf der Preisverleihung am 24.09.2020 bekannt gegeben, die in den Räumlichkeiten von ALEX TV Berlin stattfinden und per Livestream übertragen wird.

Clubtopia

Der Future Party Ideenwettbewerb ist ein Teil des Koopartionsprojektes Clubtopia, das vom BUND Berlin e.V. und clubliebe e.V. sowie der Clubcommission Berlin umgesetzt und von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz gefördert wird. Die Hochschule für nachhaltige Entwicklungdas Zentrum für Nachhaltigen Tourismus und die Livekomm unterstützen das Projekt. 

KW 34 – Mittwoch

DJ, Liveact und Sommerkino im Schönauer Park. Mit Casus Bella, Maria Die Ruhe und zu sehen gibt es einen all time fav: Victoria.

18.00 Uhr
Warm up mit Casus Bella

ca. 19.30 Uhr

Performance Maria Die Ruhe

Live-Performance mit einer unverkennbaren Stimme: Dabei erschafft Maria eine neue Welt, in der sie Extreme zusammenführt und die Grenzen zwischen Party und Konzert verschwimmen lässt. Stimme und Techno finden einen gemeinsamen Rhythmus, bei dem diverse Musikstile in einer ganz neuen Ordnung miteinander harmonieren. Mit verschiedenen Controllern werden die Tracks auf der Bühne ungewöhnlich und spontan dekonstruiert. Durch ihr breites Spektrum an Klängen, Emotionen, Loops, Improvisationen und Texten in Englisch und Deutsch verbindet sich Organisches mit Mechanischem.

ca. 20.30 Uhr
Sommerkino: „Victoria“

Laia Costa: Victoria
Frederick Lau: Sonne
Franz Rogowski: Boxer
Burak Yiğit: Blinker
Max Mauff: Fuß
André M. Hennicke: Andi

Mitten in der Nacht lernt die junge Spanierin Victoria vor einem Club in Berlin die 4 Freunde Sonne, Boxer, Blinker und Fuß kennen.
Für die Jungs fängt die Nacht gerade erst an. Um eine Schuld bei einem Großstadtgangster begleichen zu können, sehen sich die Vier gezwungen, eine krumme Sache durchzuziehen.
Als einer aus der Gruppe unerwartet ausfällt, soll ausgerechnet Victoria als Fahrerin bei der heiklen Unternehmung einspringen. Was für Victoria zunächst wie ein spannendes Abenteuer klingt, entwickelt sich schnell zu einem gefährlichen Albtraum.

Der Film wurde in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht. Um die ungewöhnliche Drehweise realisieren zu können, musste die Vorgehensweise der Produktion angepasst werden. So bestand das Drehbuch für den über zwei Stunden langen Film ursprünglich lediglich aus zwölf Seiten. Dies hatte zur Folge, dass die Dialoge des Films gemeinsam mit den Hauptdarstellern vor Ort geschrieben wurden und spontan während des Drehs angepasst werden konnten, beispielsweise wenn bestimmte Vorgänge länger oder kürzer dauerten als geplant.

Eintritt frei!
Beachtet das Corona-Hygiene-Konzept.

KW 34 – Samstag

Samstag und Sonntag geht’s direkt im Conne Island weiter. Mit Rosa Anschütz, New Hook und Agyena.

Hui, richtig ungewohnt und eingerostet fühlt sich das an – einen Ausgehtipp schreiben. Wir haben pausiert, genau wie die Clubs. Jedes Biergarten-Event (auch wenn die echt toll und gesellig sind, that’s for sure!) hier bei uns einzutragen, ist dann letztlich auch nicht das Wahre. Wir haben euch in den letzten Monaten dafür über Demonstrationen, Soli-Aktionen und Panels informiert.

Pandemie: still on

Wir alle sollten, nein, müssen uns weiterhin solidarisch zeigen und den herrschenden Gegebenheiten anpassen. Sei das nun eine Maske tragen, Abstände aktiv wahren, bei kleineren Events die Hygienevorgaben einhalten oder vielleicht auch weiterhin nur Zuhause raven: Just do it. Danke.

Also das mal alles vorweg. Und jetzt zum Thema. Der Electric Weekender findet wie jedes Jahr im Conne Island statt! Schon das ist eine Meldung und wird einige (alle!) sehr freuen. Es wird natürlich für 2020 eine special Edition. Wie, was, warum, lest ihr hier.

Sa, 22.08. 18:00 – 00:00
Rosa Anschütz – live
New Hook – hybrid set
Leeza (G-Edit)
QORPUS

So, 23.08. 12:00 – 22:00
JJ Kramer – live (VARY)
ttyfal (GHETTO TRAXX, INPUT)
Dj Maikaard (Young Shields, Futuro Grande)
AGYENA (Pulsår)
I$A (Ifz, nice4what)
Julius Optic (Klub Crew)

+ Live Ambient – Sitzklub – Electric Schirm

Der Vorverkauf für die einzelnen Veranstaltungstage hat am 09.08. begonnen. Tickets gibt es am Container auf dem Conne Island Freisitz. Alles zum Ticket-Prozedere findet ihr easy in der Veranstaltung bei Facebook.

Disclaimer

Bei schlechtem Wetter muss die Veranstaltung ausfallen, Tickets können zurückgegeben werden.
Gäste werden gebeten, mindestens 1,50m Abstand zu anderen Personen zu halten. Es gibt ein Wegeleitsystem über den Freisitz zum Ein- und Ausgang, zum Ausschank, zur Gastronomie und zu den Toiletten. Markierungen auf dem Boden zeigen die Wartebereiche bei Schlangen an. Der Freisitz wird bestuhlt sein, bitte setzt euch nur mit bis zu 10 weiteren Personen an einen Tisch.
Am Einlass werden freiwillig Kontaktdaten zur Nachverfolgung erhoben, diese werden für vier Wochen gespeichert. An den Veranstaltungen teilnehmen darf nur, wer keine Symptome von Covid-19 zeigt.

Artwork von Mønøpurple.

KW 34 – Freitag

Der Electric Weekender im Conne Island findet statt! Als Special (Corona-)Edition. Hier lest ihr, wer am Freitag spielt.

Hui, richtig ungewohnt und eingerostet fühlt sich das an – einen Ausgehtipp schreiben. Wir haben pausiert, genau wie die Clubs. Jedes Biergarten-Event (auch wenn die echt toll und gesellig sind, that’s for sure!) hier bei uns einzutragen, ist dann letztlich auch nicht das Wahre. Wir haben euch in den letzten Monaten dafür über Demonstrationen, Soli-Aktionen und Panels informiert.

Pandemie: still on.

Wir alle sollten, nein, müssen uns weiterhin solidarisch zeigen und den herrschenden Gegebenheiten anpassen. Sei das nun eine Maske tragen, Abstände aktiv wahren, bei kleineren Events die Hygienevorgaben einhalten oder vielleicht auch weiterhin nur Zuhause raven: Just do it. Danke.

Also das mal alles vorweg. Und jetzt zum Thema. Der Electric Weekender findet wie jedes Jahr im Conne Island statt! Schon das ist eine Meldung und wird einige (alle!) sehr freuen. Es wird natürlich für 2020 eine special Edition. Wie, was, warum, lest ihr hier.

Fr, 21.08. 18:00 – 00:00
Shed – live
JD Residue (Ominira)
Neele (IfZ, Drive)

+ Live Ambient – Sitzklub – Electric Schirm

Der Vorverkauf für die einzelnen Veranstaltungstage hat am 09.08. begonnen. Tickets gibt es am Container auf dem Conne Island Freisitz. Alles zum Ticket-Prozedere findet ihr easy in der Veranstaltung bei Facebook.

Disclaimer

Bei schlechtem Wetter muss die Veranstaltung ausfallen, Tickets können zurückgegeben werden.
Gäste werden gebeten, mindestens 1,50m Abstand zu anderen Personen zu halten. Es gibt ein Wegeleitsystem über den Freisitz zum Ein- und Ausgang, zum Ausschank, zur Gastronomie und zu den Toiletten. Markierungen auf dem Boden zeigen die Wartebereiche bei Schlangen an. Der Freisitz wird bestuhlt sein, bitte setzt euch nur mit bis zu 10 weiteren Personen an einen Tisch.
Am Einlass werden freiwillig Kontaktdaten zur Nachverfolgung erhoben, diese werden für vier Wochen gespeichert. An den Veranstaltungen teilnehmen darf nur, wer keine Symptome von Covid-19 zeigt.

Artwork von Mønøpurple.