10 Jahre frohfroh – Open Call

frohfroh gibt es seit 2009 – also seit 10 Jahren. Und das wollen wir, die Redaktion, mit euch feiern. Auf einem besonderen Wege – mit einem Printmagazin. Lest hier wie, wo, wann und warum wir einen Open Call starten.

Ihr kennt uns seit langem als unabhängiges, werbefreies Online-Medium für elektronische Musik in Leipzig mit einer treuen, interessierten Leserschaft. Wir sind freie Autor*innen, die sich der Subkultur, Musik, Menschen im Feierkosmos, Kollektiven und der Clublandschaft in Leipzig (im wahrsten Sinne) verschrieben haben.

2019 ist nun ein besonderes Jahr – es ist unser 10. Jubiläumsjahr. Was? Schon 10 Jahre?! Ja, schon 10 (ZEHN) Jahre. Und es wird noch krasser: Wir bringen zur Feier dieses runden Jubiläums voraussichtlich im späten Sommer unsere erste Printausgabe heraus.

Groove, Spex, Intro – das Jahr 2018 war das Jahr des Print-Sterbens einiger toller Magazine. Warum wollen wir – ausgerechnet – ein Print-Magazin herausgeben, wo doch nun so viele Magazine ihre Printhefte einstellen und endgültig nur noch auf digital statt analog setzen? Schwer zu sagen. Papierliebe, Schaffenswut und unser Jubiläum sind als Gründe zu nennen. Online kennen wir schon – Print noch nicht.

In eben dieser ersten Ausgabe zum frohfroh-Jubiläum konzentrieren wir uns mit unseren festen Autor*innen auf neue, printexklusive Texte. Das ist aber (noch) zu wenig und damit ist es Zeit für einen Open-Call!

Mit diesem Open Call möchten wir weitere Leipziger Künstler*innen aufrufen, mit ihren Illustrationen, Fotografien, Texten oder Grafikarbeiten Teil der ersten Ausgabe von frohfroh zu werden.

Also, here we go: Du hast einen Text zum Thema elektronische Musik, Clubkultur, Kollektivarbeit (…) geschrieben und weißt nicht wohin damit? Du hast ein passendes Thema gut recherchiert und willst deinen Artikel im Print veröffentlichen? Du bist Fotograf*in und hast Fotos, die sich mit unseren Themen beschäftigen oder sogar eine Reportage im Kopf, auf Papier, digital? Du bist Illustrator*in und möchtest ein ganzes Backcover gestalten? Du bist Grafiker*in und hast ein unfassbar tolles Artwork, das in ein Magazin für elektronische Musik gehört? Schreib uns, schick uns deine unveröffentliche_n Arbeit_en und erzählt es euren Freund*innen, Kolleg*innen, Tanzpartner*innen…

Alle Submissions und/oder Anfragen an: hello@frohfroh.de
Einsendeschluss ist der 30.04.2019

Wir freuen uns auf euch und eure Arbeiten.

Clubkultur & Politik III: Der Club als Schutzraum & Safer Clubbing

Zur Zeit ihrer Entstehung war die Clubkultur ein politischer Schutz- und Entfaltungsraum. Wie können Clubs heute noch als Schutzraum funktionieren und welche Rahmenbedingungen müssen hierfür geschaffen werden?

Safer Clubbing

Um den Clubbesuch genießen zu können, muss für Besucher*innen und Personal das Risiko, das oft mit vermehrtem Konsum einhergeht und besteht, wenn viele unterschiedliche Menschen auf engem Raum zusammen treffen, minimiert werden. Der Begriff „Safer Clubbing“ bezeichnet ein Konzept, welches bestimmte Maßnahmen umfasst, die eben dazu beitragen sollen.

Solche Maßnahmen können beispielsweise das Bereitstellen von Wasser und Säften gegen Dehydrierung sein, Vorhandensein eines Ruheareals oder Schulung des Personals in Erster Hilfe, Deeskalation und psychischen sowie medizinischen Notfällen.

Anlaufstelle Nummer eins in Leipzig was Safer Clubbing angeht ist das Institut für Zukunft. Es ist bekannt für die Arbeit der Safer Clubbing AG und die Zusammenarbeit mit den DrugScouts. Das Safer Clubbing-Konzept gibt es seit Eröffnung des Clubs und wurde hier innovativ gegründet.

Die Denke, den Club zu einem Schutzraum zu machen, findet sich deswegen im Selbstverständnis des Clubs wieder: „Elektronische Tanzmusik findet ihren Ursprung in marginalisierten und diskriminierten Gemeinschaften – daher möchten wir die Tradition am Leben erhalten und eine Atmosphäre schaffen, in der sich jeder willkommen und geborgen fühlt. Mit unserem Safer Clubbing-Konzept konzentrieren wir uns auf das Bewusstsein und die Aufklärung der Clubbesucher, um dies zu ermöglichen. Mit Safer Clubbing sind wir von Anfang an entschlossen, Sexismus und sexuelle Gewalt, Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Trans * -, Inter * – und Homophobie zu bekämpfen und auf diese Formen der Diskriminierung aufmerksam zu machen, die in unserem täglichen Leben vorhanden sind.“
So far, so good.

Die Arbeit der Safer Clubbing AG im Institut fuer Zukunft

Wie sieht es en détail aus, wenn man Übergriffen und Diskriminierung etwas entgegensetzen und einen Schutzraum bieten möchte, in dem sich jede*r wohl und sicher fühlt? Ich spreche mit Marlene. Sie ist seit einem Jahr in der Safer Clubbing AG des IfZ tätig.

„Falls es doch zu Übergriffen kommen sollte, bedeutet Awareness nicht nur die SC AG, sondern die komplette Crew. Wenn Betroffene zu einer Person der Crew gehen, sollte jede*r in der Lage sein, sich damit auseinanderzusetzen, die Situation zu händeln und diese betroffenenorientiert zu lösen. Wenn es dazu kommt, dass jemand einen Übergriff erlebt hat, dann wird die Situation auf jeden Fall ernst genommen und die betroffene Person hat dabei die Definitionsmacht. Wir bieten dann Möglichkeiten wie Rückzugsorte an, um die Situation zu entschleunigen und die Bedürfnisse der Person in Ruhe zu besprechen. Die Betroffenen sollten auf jeden Fall nicht übergangen werden und wir handeln immer einzelfallbezogen“, erklärt mir Marlene.

An einem Abend arbeiten immer zwei Personen der AG im Team. Erkennen kann man sie an weißen Shirts mit einem Hologramm-Print. Sie sind mit Funkgeräten ausgestattet und so jederzeit und überall erreichbar. Das Besondere am Konzept ist aber, dass es den ganzen Club betrifft: Barpersonal, Security, Garderobe – jede*r sollte ein offenes Auge und Ohr haben. Der SC AG kommt dabei ein spezieller Part zu, da sie sich in übergriffigen Situationen besonders um die Betroffenen kümmern. Um Täter*innen beispielsweise kümmern sich eher Secus.

Menschen in Clubs konsumieren, das ist Fakt.
Was den Konsum von Substanzen und das damit einhergehende Risiko angeht, fährt das IfZ die Schiene der Aufklärungsarbeit zur Bewusstseinsbildung statt Repression. Außerdem wird das Personal geschult, im Notfall helfen zu können. An der Theke und am Ausgang bekommt man ab einer bestimmten Uhrzeit Obst, es gibt Wasser und Traubenzucker.

Marlene konkretisiert: „Wir verfolgen was den Konsum von Drogen angeht einen akzeptierenden Arbeitsansatz anstelle eines repressiven. Das sieht im Einzelnen so aus, dass wir super viele Infomaterialen haben, beispielsweise gibt es von den Drugscouts Flyer zu allen möglichen Substanzen und wie man möglichst sicher konsumiert.

Wir sind, genau wie bei Übergriffen, immer ansprechbar und aufgeklärt über Substanzen. Außerdem gibt es Obst an den Bars, und wir bieten auch in diesem Kontext Rückzugmöglichkeiten an – also einen safe space, der ursachenunabhängig zur Verfügung steht, wenn ihn jemand braucht. Wir sorgen auch für Hygieneartikel – Klopapier, Papierhandtücher auswechseln beispielsweise, und es gibt safer use und safer sex Materialien.“

Warum Türpolitik auf den ersten Blick nervt – auf den zweiten aber sehr wichtig ist

Natürlich beginnt und endet gegenseitige Awareness nicht beim Betreten und Verlassen eines Clubs – trotzdem ist die Tür oft ein wichtiger Bestandteil des Verlaufs des Abends. Hier entscheidet sich unter anderem, wie das Publikum zusammengesetzt ist. Oft zieht Türpersonal Groll auf sich wenn sie jemanden wegschicken, es kursieren Mythen über diesen oder jenen Dresscode und Türsteher*innen werden oft mit finsterer Miene und dunklen Klamotten in Verbindung gebracht.

Mich interessiert, was eigentlich dahinter steckt, hinter dieser Politik an der Tür, hinter der oft so genannten und kritisierten „Selektion“, und spreche deswegen mit Malte.

Malte arbeitet seit drei Jahren im Institut für Zukunft und anderen Clubs in Leipzig, er macht Tür, Einlass und Gästebetreuung.

Türpolitik ist ja vor allem hinsichtlich des Clubs als Schutzraum wichtig, es bestehen Risiken durch den Konsum, durch das Aufeinandertreffen diverser Gruppen etc…

Wichtig ist erst mal, zu unterscheiden: Türpolitik ist nicht die Politik, die wir machen, sondern als Türsteher*in ist man eher Dienstleister*in. In anderen Clubs als dem IfZ machen nur die Clubs die Regeln, im IfZ gibt es eine etwas andere Regelung, weil die Türpolitik gleichzeitig die Clubpolitik ist oder repräsentiert – und die wird durch das Kollektiv bestimmt.

Wir an der Tür setzen also die Politik um, die von Veranstalter*innen und dem Club gewünscht ist. Aber natürlich auch sowas wie staatliche Auflagen: Wie viele Leute dürfen in den Club, Drogen sind nicht erlaubt und so weiter. Das wird manchmal durcheinander gebracht. Wir vermitteln also die Regeln, die die Veranstalter*innen erarbeiten. Oder, wie im Falle des IfZ, es im Kollektiv erarbeitet wird.

Wie sieht die Schulung von Türpersonal aus?

Im IfZ speziell gibt es für alle, die da arbeiten wollen, verpflichtend eine Safer Cubbing Schulung bzw. DrugScouts-Schulung, bei der der Umgang mit verschiedenen Substanzen und Zuständen trainiert wird. So klassische Fälle: Jemand hat zu viel Alkohol getrunken, zu viel Ketamin genommen und du musst wissen, wie du im Notfall reagierst. Auch einschätzen zu können, ab wann es ein Notfall ist oder werden kann, gehört dazu. Puls messen, stabile Seitenlage, wie trage ich jemanden und wann trage ich jemanden nicht – manche Menschen darf man z.B. nicht hochheben, wenn sie etwas Bestimmtes genommen haben.

Auch ein bisschen eine psychologische Komponente, wie rede ich mit den Leuten: Dass ich sie nicht anschreie und so weiter. Das ist die Schulung für alle, die nachts im Club arbeiten.

Wir als Tür machen noch Situationstrainings, Szenarientrainings: Wie durchsuche ich Taschen, wie spreche ich Leute an, Deeskalation und grundlegende Selbstverteidigung, was ja elementar ist.

Wofür wird man besonders sensibilisiert? Vielleicht gerade in einem Laden wie dem IfZ, in dem das Safer Clubbing Konzept etabliert ist?

Ganz klassisch sind beispielsweise schlafende Personen. Das ist der Klassiker und kommt am Abend sicher so um die fünf bis zehn mal vor. Das wirkt von außen immer harmlos, jemand liegt halt irgendwo und schläft. Das Ding ist aber: Du musst die Person immer wecken, ansprechen, weil du nicht weißt, ob sie nur schläft, bewusstlos ist, vielleicht sogar Schlimmeres. Atemstillstand oder so. Deswegen wecken wir alle nicht-ansprechbaren Personen auf unseren Runden auf und bitten sie, entweder wach im Club zu sein oder nach Hause zu gehen, bzw. betreuen wir sie dann mit Safer Clubbing oder rufen den Rettungswagen.

Wichtig ist auch, dass wir vermitteln, dass die Leute immer zu uns kommen können, auch wenn sie vielleicht illegalisierte Substanzen genommen haben. Also es sollte nicht so sein, dass sie etwas nehmen, damit nicht klar kommen und dann Angst haben, etwas zu sagen, weil sie Konsequenzen fürchten.

Wir wünschen uns, dass die Leute zu uns kommen können, aber zur Tür zu gehen ist für Viele mit Hemmungen verbunden, weshalb es im IfZ eben das Safer Clubbing gibt, die laufen durch den Club, man kann auch zur Bar oder zur Garderobe gehen. Das ist uns ganz wichtig, diese Ansprechbarkeit von allen im Kollektiv und allen AGs.

Ich glaube nämlich das Hauptproblem ist, dass die Leute erst gar nicht auf uns zukommen. Wir wünschen uns, dass der Club ein Schutzraum sein kann, aber der sexistische Normalzustand existiert eben trotzdem.

Es gibt Übergriffe in welcher Art und Weise auch immer. Manchmal lösen Leute das auch selber. Aber ich würde mir trotzdem wünschen, dass uns dann Bescheid gegeben wird, weil selbst wenn du jetzt beispielsweise einen nervigen Typen losgeworden bist, heißt das nicht, dass der nicht gleich zur nächsten Person geht. Das versuchen wir auch in einem Gespräch zu Beginn zu vermitteln. Und das ist einer der Gründe, warum wir dieses Begrüßungsgespräch führen: Dass sie dann eben auch zu uns kommen und uns Bescheid sagen.

Und klar, es wirkt erst mal abschreckend, alle nur schwarz angezogen und so weiter. Ich meine, das eine bedingt ja das andere – du sorgst für Sicherheit, da ist es auch nicht immer leicht, total locker auszusehen, du hast praktische und warme Klamotten an… Wir versuchen deswegen aber beispielsweise auch immer eine nicht-männliche Person mit am Einlass zu haben.

Gibt es spezifische Vorfälle, die immer wieder vorkommen?

Besoffene Personen sind eigentlich der Klassiker. Besoffene Personen, die zu viert, zu fünft oder auch alleine kommen – später am Abend. Die total betrunken sind, es selbst aber nicht so richtig einschätzen können. Die müssen wir wegschicken, natürlich wollen die dann nicht gehen, meinen sie sind nicht so betrunken wie wir das einschätzen – das ist das häufigste. Leute, die dann frustriert und genervt sind, mit Flaschen werfen – sowas eben. Alkohol ist da echt so der Hauptfaktor.

Oder auch Menschen im Club, die zu viel trinken, kotzen, einschlafen, bewusstlos sind, sich selbst überschätzen, Mischkonsum betreiben und nicht damit klarkommen, also Hilfe brauchen. Das Barpersonal achtet da im IfZ aber beispielsweise auch drauf, wenn jemand zu betrunken ist, bekommt er*sie dann eben keinen Alkohol mehr. Es gibt immer Wasser an der Bar – das ist in vielen Clubs nicht so, und naja, dann trinken die Leute eben einfach weiter Bier. Traubenzucker gibt’s auch an der Bar, Obst, Magentabletten – das ist ja so die Grundidee des Clubs, dass man Hilfe bekommt, in welcher Art und Weise auch immer.

Diese Maßnahmen am Einlass sind ja oft das, was die meisten Besucher*innen stinkig macht bzw. eine Art Groll auf Türsteher*innen schürt – warum ist diese Maßnahme der oft so genannten Selektion aber so wichtig?

Das ist zum Beispiel im Falle des IfZ auch ein bisschen so gewachsen: Es gab Open Air Crews, die ein Publikum hatten, welches sich nicht so benommen, nicht so gefeiert hat, wie die Crews es sich wünschen würden – prollige Machos beispielsweise.

Aus diesem Grund ist dann die Idee gewachsen, einen Club zu gründen, eben mit einem Gespräch zu Beginn, um zu checken, wie die Person so drauf ist. Obwohl man sagen muss, diese scheinbare Auswahl ist nicht, wie viele denken, à la Berghain, dass du nur mit schwarzer Bomberjacke und schwarzer Jogginghose reinkommst. Das ist Quatsch. Wir haben keinen Dresscode außer bei Fetischpartys. Außerdem gibt es natürlich bei explizit queeren/schwulen/lesbischen Partys nochmal ein anderes Selecting.

Ansonsten ist ja auch so ein offenes Geheimnis, dass große Gruppen nicht reinkommen, weil es einfach super nervig ist, wenn du auf der Tanzfläche stehst und da ist so ein Pulk von 15 Leuten – die dann als Gruppe auch noch die Bar blockieren. Auf so Junggesell*innenabschiede und grölende Geburtstagsgesellschaften haben wir halt keinen Bock.

Ich glaube das ist aber in fast jedem Club so, selbst in Clubs die eigentlich nicht selektieren. Und dieses Begrüßungsgespräch am Anfang dient ein bisschen dazu, zu schauen, wie die Leute so drauf sind. Es ist kein „Daumen runter/Daumen hoch, du kommst rein/du nicht“ sondern es geht darum, dass wir uns die Zeit nehmen, um mit den Gästen zu quatschen.

Wenn wir das Gefühl haben, die Leute verstehen, was die Regeln sind und sie Lust auf die Party haben… Wissen die zum Beispiel überhaupt, was an dem Abend für eine Party ist bzw. was für Musik läuft? Wenn Leute das nämlich nicht wissen, reinrennen und es etwas ganz anderes ist als sie erwartet haben, kommen sie nach einer halben Stunde wieder raus und nerven die Kasse, weil sie das Geld wieder haben wollen…

Auch was für ein Publikum so unterwegs ist, zum Beispiel dass bei Fetischpartys eben auch Menschen nackt im Club rumlaufen, ist wichtig. Ich meine da haben ja manche auch keine Lust drauf und/oder sie sollen dann nicht rein und da rumlaufen wie im „Zoo“, genauso auch bei Queerpartys.

Und wir versuchen dann natürlich auch die Stimmung der Leute zu checken. Wenn da jemand ankommt und schon super aggro ist, einen auf Proll macht –  natürlich kommt die Person dann nicht rein, wenn sie schon am Einlass so eine krasse toxische Maskulinität reproduziert und es nicht schafft, mal drei Minuten jemandem am Einlass zuzuhören. Die Person wird es dann genauso wenig schaffen, sich mal zwei Minuten an der Garderobe anzustellen. Also da geht’s auch darum, zu gucken, wie reagieren die Leute auf die Situation.

Zusammenfassend, warum ist deiner Meinung nach diese Türpolitik so wichtig?

Ich glaube, das Konzept des Clubs ist wichtig, und dass die Menschen wissen, was für ein Konzept sie erwartet, weil es ganz verschiedene Clubs gibt, die ganz verschiedene Arten von Feiern und Zusammensein reproduzieren.

Da sind bestimmte Personen in bestimmten Clubs eben einfach falsch aufgehoben. Dass man also einerseits die Person davor bewahrt, auf eine Party zu gehen, auf die sie keinen Bock hat, andererseits wollen wir natürlich auch das Publikum drinnen vor solchen Leuten bewahren.

Für mich ist das irgendwie gesunder Menschenverstand, so grundlegende Sachen, sowas wie Awareness, aufeinander Acht geben, Rücksicht nehmen, auch auf andere, nicht nur auf seine Freund*in – das ist für mich elementar. Aber es gibt eben Menschen, denen ist das nicht so wichtig, die feiern lieber für sich. Dann sind die bei uns aber beispielsweise falsch.

Dafür braucht es eben die Türpolitik – dass klar ist, welches Miteinander drinnen gewünscht wird und so gut es geht darauf hingearbeitet wird, dass der Club ein Schutzraum oder auch Rückzugsraum ist.

Foto oben: SC AG IfZ / Foto von Malte: Marius Hübsch

Various „Clear Memory 001“

Electro ist einfach nicht totzukriegen. Zumindest nicht, wenn es um Produzent*innen, Labels und DJs in Leipzig gibt. Die Clear Memory-Crew hat daran einen gewissen Anteil, sammelt sich hier doch ein beträchtlicher Kreis an eingeschworenen Enthusiast*innen, die Partys veranstalten, auflegen, Musik produzieren – und jetzt eine eigene 12″ herausgebracht haben.

Mysteriös, mysteriös: Fünf Tracks gibt es zu hören, die allesamt von Leuten aus der Crew stammen, welche aber wiederum anonym bleiben möchten und daher andere Artist-Namen verwenden. Kommen wir also ohne weitere Umwege zur Musik, die übrigens straighterweise nur Vinyl-only genossen werden kann.

Seite C beginnt mit „The Bill“ gleich sehr dark, irgendwie auch mit recht fies klingenden Sounds und Roboter-Stimmen – eine Ansage gegen jegliche TechHouse-Schluffigkeit sozusagen. Der Faden wird dann auch mit „Frozon“ weitergesponnen, wobei sich die hier vorherrschende Kühle vor allem in den Vocals und Synthie-Flächen mehr an 80er-Einflüssen orientiert.

Einmal Platte umdrehen, Seite M: Bei „Weltzentralcomputer“ verliert der Sound ein wenig seiner Düsternis. Hier schnattern die Sounds ein wenig unbedarfter durch die Gegend und die Melodien schielen mehr in Richtung Hymne. Vielleicht mein heimlicher Favorit der EP, war ja klar. Danach wecken die Vocals auf „My Name Is Harmony“ komische Electroclash-Assoziationen bei mir, ohne dass der Rest des Tracks darauf hindeutet. Relativ roh und mit viel Freude an quirligen Roboter-Gepiepse beendet „Chelsea Cut“ die EP.

Was ich sehr spannend finde, ist, dass die EP im Sound zwar konsistent ist, die Tracks im Detail aber genug Unterschiede aufweisen und sich eher ergänzen anstatt miteinander zu konkurrieren. Clever, denn damit finden sich viele Gelegenheiten für DJs, die Stücke einzusetzen. Und auch das Durchhören ist kurzweilig.

Various Artists „Cascade Effects I“ (Pattern // Select)

Es gibt eine neue Compilation auf Pattern // Select – eine wunderbar verträumte.

Schön, dass es Pattern // Select gibt: Das Label hat eine weiteres Tape veröffentlicht und versammelt darauf vierzehn Stücke von Musiker*innen aus aller Welt, die sich der modularen Synthese widmen. Mal kommen die Tracks mit, mal ohne Beats aus, aber sie wirken immer verträumt, immer ein wenig der Realität entrückt.

Dabei sorgen allein die unterschiedlichen Ansätze für Abwechslung: Es gibt dubbig verrauschte Stücke wie „A Floor Under“ von Un_Ovule, hell schillerndes Geplucker wie bei „Ellipses“ von Comparative Irrelevance, quirlige Melodien wie bei „Did you see Manolo“ von Gregor Pfeffer, abgehangene Downbeats wie bei „Autumn Glaze“ von Jericho oder auch Tiefsee-Ambient wie bei „Cloud Disintegration“ von Nick Jackson. Ein toller Effekt dabei ist, wie die Gedanken sich einerseits beim Hören verlieren, einige Momente in der Musik dann aber plötzlich ganz präsent sind und die verschwundene Aufmerksamkeit wieder zurückholen.

Die knapp 90 Minuten laden damit also gleichzeitig zum Wegdriften wie auch zum Hinhören ein – perfekt also für winterliche Sonntagnachmittage.

Shortee „Lost“

Funky 8-Bit-Attacke: Shortee hat ein Album mit Gameboy-Musik veröffentlicht.

Mit einem frischen „Guten Morgen, ihr Wichser“ begrüßt uns das Intro von „Lost“, gefolgt von „ready to war“-Cuts und untermalt von einem Beat, der genau das Gefühl spiegelt, den Zumutungen im Alltag wie in einem Game Boy-Spiel ausweichen zu müssen.

Womit wir mitten im Thema sind: Das Album „Lost“ von Shortee, den wir als Teil der Lofi-Travellers bereits vorgestellt haben, besteht aus zehn mit dem Game Boy produzierten Tracks, die zu Beginn zwischen Hip Hop und Dubstep angesiedelt sind, sich später aber in Richtung Uptempo-Pogo-Spaß steigern. Dazu lockern dezent platzierte Cuts und Scratches den 8-Bit-Wahnsinn auf.

Das ist vielleicht sogar ein Alleinstellungsmerkmal von Shortee: Auch wenn ich keine tieferen Einblicke in die 8-Bit-Szene habe, nehme ich an, dass diese prägnanten Hip Hop- und Scratching-Wurzeln eher die Ausnahme sind und seinen Sound in verschiedene Richtungen anschlussfähig machen.

Als Bonus gibt es noch einen Remix von Vault Kid, der den Funk in „Must fly“ nochmal verstärkt.

Hungrig geworden? Zwei weitere Tracks von bzw. mit Shortee gibt es auf den Compilations von Chiplove zu hören:

Put On Your Dancing Shoes Teil I – House Dance

Es ist wohl recht naheliegend auf frohfroh mit dem Thema House zu starten, bevor wir uns den etwas weniger elektronischen Musikstilen und Tanzformen widmen.

Somit begeben wir uns mit der heutigen Ausgabe auf die Spuren des Jack – wer er/sie/es* eigentlich ist, was dieser die letzten Jahre getrieben hat und ob man er/sie/es* auch mal in Leipzig an der Clubbar trifft…

2012 war Osunlade in der Distillery zu Gast. Der Floor hatte sich, wie eigentlich immer, in Richtung DJ gerichtet. Nur in der hintersten linken Ecke des Clubs tummelten sich vier Tänzer*innen, die ihre eigene kleine Welt kreierten. Dieser Kreis war für einige Clubbesucher*innen zunächst sicherlich ein merkwürdiger Anblick, fast schon suspekt. Viele wussten wahrscheinlich gar nicht was da gerade passiert.

Dabei war es mehr als naheliegend, dass es passierte, denn social dance war seit Anbeginn der House-Clubkultur ein wichtiger Bestandteil eben jener. Und wie man auf so manch seltenem Videomaterial der letzten Jahrzehnte erkennt, ist und war der Kreis (Circle) die bevorzugte Form, um den tänzerischen und musikalischen Austausch zu zelebrieren.

Über Warehouse, Muzic Box, das Power Plant oder Franky Knuckles wurde schon oft genug gesprochen. Den Namen DJ Ron Hardy liest man dann doch schon seltener. Dass die House Kultur in und aus der LGBTQ, African American und Latin Community heraus entstand, wird ebenfalls immer mal erwähnt. Allerdings rückt dieser Fakt heute des Öfteren in den Hintergrund – dabei ist diese Tatsache für House dance von großer Bedeutung, denn dieser Stil beruht vor allem auf Tap, Jazz, latein-amerikanischen Schritten, Elementen aus Breakdance oder gar dem Roller Skating.

Er zeichnet sich durch die schnellen Bewegungen mit den Füßen (Footwork), Floorwork (wie z. B. Lofting) und vor allem durch den konstanten Rhythmus im Körper (Jacking) aus. In den ‘Old School’ – House Tracks sind Lyrics wie „Feel the Jack“ oder „Jack your body“ zu hören. Dieser Ausdruck kommt vom sozialen Interagieren im Club, ein bisschen wie „antanzen“. Um Kontakt zu den Anderen im Club aufzubauen und auf sich aufmerksam zu machen, wurde also in besonderer Manier getanzt. Es gibt jedoch verschiedene Auffassungen was noch alles unter den Jack zählt. Ein Gefühl der im ganzen Körper ist, der verbindet und der die Musik im Körper „einschließt“ etwa..
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Das Namedropping soll an dieser Stelle nicht ausfallen. Tänzer*innen, die House dance bis heute maßgeblich beeinflussen bzw. beeinflusst haben sind etwa Marjory Smarth, Ejoe Wilson, Brian „Footwork“ Green und Tony McGregor, um nur ein paar Namen in die Runde zu werfen.

Zwischen Chicago und Leipzig liegen gute 7000 km und viele Stunden Flugzeit. Valeska von der Leipziger KleinParis-Crew war erstmals vor drei Jahren in Chicago und erzählt uns an dieser Stelle welche Erfahrungen sie gemacht hat:

Als ich Chicago in war, wollte ich wissen, ob es dort noch so etwas gibt, wie eine urbane Tanz-Szene. Nach einer langen Facebook-Event Research war ich bei einem Battle in einem Club namens The Mid, wo ich die So Swift-Crew entdeckte. So Swift ist eine all-female Tanzcrew, die House dance und Waacking vereint. Die Swift Crew und Electric Funketeers (Popping Crew) haben mich schnell in die Szene integriert, weil sie Open Dance Session hatten, bei denen jede Woche für $4 trainiert werden konnte. Sie gaben immer eine halbe Stunde Input und dann konnten wir frei trainieren, alleine oder im Cypher.

Tonic und Vero, zwei Mitglieder der So Swift Crew, erzählten mir damals, dass sie oft in House Clubs gehen würden. House Musik kannte ich nur aus schlechten Radio Remixes. Ich hatte keine Ahnung, dass House mein Leben als Tänzerin komplett verändern würde bzw. was alles hinter der Geschichte von House in Chicago steckt. Plötzlich stand ich dann im Cypher in einem der bekanntesten House Clubs in Chicago: Smartbar. House Musik, wie auch der House dance, war wie eine komplett neue Welt, die mich irgendwie total verwirrt hat, im maximal positiven Sinne.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich dazu bewegen sollte. Viel zu schnell. So ein bisschen wie wenn man jemanden kennenlernt und sofort verknallt ist, obwohl man die Person noch nie vorher gesehen hat. Ich stand also im Cypher und habe die Tänzer*innen um mich herum angehimmelt, die abwechselnd und selbstbewusst in den Cypher gingen. Ohne große Kommentare wie „Wow“ oder „Nice“ von außen. Einfach so als würde man für sich tanzen, nur das andere einem eine gewisse Aufmerksamkeit gaben. Als sie dann anfingen zu zweit in den Cypher zu gehen, verstand ich, dass es bei House um die wortlose Connection im Club geht – „Stalking“.

Weiterhin geht es um gegenseitigen Respekt, die Musik und den Austausch. Einmal tanzte ich für drei Stunden am Stück nur mit dem Ziel zu „Jacken“ und dann kam einer meiner jetzigen besten Homies, Brand1, zu mir rüber und meinte: „Just Jack, that’s what everyone else is doing here.“

Ich habe damals geschluckt, genickt und weiter gemacht. Die So Swift Crew war immer darauf bedacht, andere Frauen in die Housedance/Waacking-Szene zu involvieren. Auch im Club animierten sie immer wieder Nicht-Tänzer*innen am Cypher teilzuhaben. Da ich aus der sehr dominanten Hip Hop-Szene in Deutschland kam, hat mich das sehr motiviert und fasziniert.

House im Club in Chicago zu hören, hat mich dazu gebracht, viele weitere Tanzeskapaden im Club zu durchleben, die mich menschlich und tänzerisch unheimlich erweitert haben. In Chicago aber auch in Amsterdam, Tschechien und Leipzig gehe ich in den Club, um zu tanzen. Wenn ich in Chicago bin, bin ich mindestens ein bis zwei mal pro Woche im Club, alleine oder mit anderen zusammen. Mittlerweile traue ich mich auch immer in den Cypher.

Wieder in Leipzig gelandet wollte Valeska diesen Vibe hier aufgreifen und wiederfinden. Dass das nicht so ganz einfach war und ist, liegt auf der Hand, denn Leipzig hatte bis zu diesem Zeitpunkt keine große House dance-Szene.
Immerhin organisierte die ehemalige Troop 23 Crew ab und an Kurse und Workshops. Auf den Partys waren es dann aber meist nur wenige Tänzer*innen, die sich wie im Fall von Osunlade mit Jacking, Freestyle und Footwork auf die Tanzfläche begaben und House dance zelebrierten.

Dass sich Clubkultur und social dance nahezu voneinander verabschiedet haben, ist im House dance besonders deutlich zu erkennen. Vergleichbar ist dieses Phänomen ebenfalls ziemlich gut in der Hip Hop-Kultur zu beobachten, im Hinblick auf die Ausdifferenzierung und Spezialisierung wie beispielsweise Breaking, Writing, Rap und Djing.
House dance spielt nur noch auf wenigen Parties eine Rolle – und das sind dann auch meist die Partys, die von TänzerInnen aus der Szene selbst organisiert werden. Dementsprechend findet sich House dance heutzutage vornehmlich als Battle-Format, in (Tanz)Kursen oder freien Trainings/Sessions wieder.

Warum dem so ist, ist schwer zu beantworten. Die Theorien sind vielfältig. Afrohouse vermag diesem Trend momentan etwas entgegen zu wirken, allerdings auch nur insofern der Sound sich eher an Afrobeats bzw. Dancehall orientiert und nicht zu sehr in Richtung Deep House abdriftet.

In Leipzig passiert es nahezu nie, dass Tänzer*innen im Club jammen oder bewusst House dance praktizieren, ausgenommen die seltenen Partys, an denen die Leipziger Tänzer*innen auftauchen, wenn sie selbst mal nicht zu einem anderen Battle oder einer Jam in Deutschland bzw. Europa unterwegs sind. Die Style Wild-Crew versucht dem ein wenig entgegenzuwirken und integriert u.a. das House Battle mindestens zweimal im Jahr mit anschließender Party.

Und hier sind wir auch schon bei der eigentlichen Intention dieser Reihe angelangt. Manche der Videos scheinen etwas einzuschüchtern, aber aus der Tanz-Community wird euch nie jemand schräg anschauen, wenn ihr euch im Club ausprobiert.

Im Gegenteil, meist ist große Bereitschaft und Respekt für jeden Tanzenden im Raum. Sharing und Support der Szene sind die Fundamente, um diesen Stil überhaupt weitertragen zu können. Natürlich benötigt es Basics, also Grundschritte und Routinen, aber wenn man erstmal angefangen hat, grooved es sich auch viel einfacher und irgendwie auch abwechslungsreicher.

Auf urbandance-leipzig.de finden sich aktuelle Kurse und auch Workshops, welche in Leipzig aktuell stattfinden. Ist also nicht so schwierig die House dance-Szene hier kennenzulernen und mehr über diesen Aspekt der House-Kultur zu erfahren.

Wie bei jedem Artikel der Reihe gibt es zum Abschluss noch eine Videoplaylist. Wer also nicht ins Schlafgemach wandern möchte, einmal hier entlang:

Put On Your Dancing Shoes – Intro

Unsere neue Textreihe ‚Put On Your Dancing Shoes‘ beschäftigt sich in mindestens 8 Teilen mit dem Begriff ‚urban dance‘ – lest hier das Intro.

Packt man die Begriffe „Tanzschuhe“ bzw. „dancing shoes“ in die Bildersuche des Internets, so muss man davon ausgehen, dass die Auswahl recht beschränkt ist. Lackschuhe, Ballettschuhe und Absatzschuhe trifft man eher selten im Club an, wobei letztere etwa beim Voguing und Waacking durchaus präsent sind.

Da wäre dann auch schon die thematische Brücke geschlagen und die ersten zwei Begrifflichkeiten in den Raum geworfen. ‚Put On Your Dancing Shoes‘ wird sich in mehreren Teilen mit dem Begriff ‚urban dance‘ beschäftigen und herausfinden, was sich dahinter verbirgt und was da nun eigentlich wirklich für Schuhe im Regal stehen.

Clubs und Tanz

Clubkultur und Tänzer*innen haben sich nicht erst im Jahr 2018 etwas weiter voneinander entfernt. Und das obwohl viele Musikgenres eng mit sogenannten ‚social dances‘ verwoben sind. House in Chicago und New York war in seinen Anfängen keineswegs ein stampfendes, zum DJ gerichtetes Event. Man interagierte miteinander im Club, tauschte sich aus und drückte sich ganz unterschiedlich zur Musik aus.

https://vimeo.com/249970628

Vor allem in Europa scheint diese Art der Clubkultur bis heute nie so wirklich angekommen zu sein. Mit dieser Textreihe wollen wir auf lokaler Ebene herausfinden woran das eigentlich liegt, also eine Art Bestandsaufnahme machen, offenlegen was urbanen Tanz in und um Leipzig momentan ausmacht und was die Zukunft alles bringen könnte. Den Club werden wir dafür durchaus häufiger verlassen, thematisch hier und da weiter ausholen, auch mal abdriften – allein schon um den Unterschied zwischen Freestyle und choreografierten Inhalten aus dem Tanzstudio deutlich zu machen.

Um das Ganze etwas übersichtlicher zu gestalten werden in 8 bis 10 verschiedenen Teilen Tanzstilen jeweils Musikrichtungen zugeordnet. Das wird nicht immer trennscharf sein, gibt aber eine Richtung vor. Dabei werden, nebst ein wenig Theorie & Geschichte, Tänzer*innen und DJs/Produzent*innen aus Leipzig zu Wort kommen, uns ihre Geschichte(n) erzählen und weitere Einblicke geben. Kaum sichtbar existiert doch eine Community von 50 – 100 Leuten, welche verschiedenen Stilen wie Hip Hop, House, Waacking, Voguing, Locking, Popping, Breakdance, Footwork, Litefeet, Krumping oder Dancehall nachgehen.

Darüber hinaus fanden in den letzten Jahren immer wieder interessante Kooperationen und Fusionen statt, welche den Horizont erweitert haben. Es gab Workshops, bei denen Parallelen zwischen Charleston und House erörtert wurden oder Battleformate wie das Experimental beim Style Wild, bei dem urbaner Tanz, modern dance und zeitgenössischer Tanz zueinander finden.

Fahrplan

Der Fahrplan soll nicht zu streng sein und die Reihenfolge der Stops kann noch variieren. Wer noch immer keine quadratischen Augen nach den ganzen Video(playlists) hat, kann auf YouTube und Instagram mal nach ilovethisdance und YAK films suchen, dort findet ihr regelmäßig schöne Einblicke.

Dispondant „Acid Jazz EP“ (Defrostatica Records)

Zum Ende des Jahres meldet sich Defrostatica nochmal mit einer EP zu Wort.

Defrostatica ist wahrscheinlich das bei frohfroh am häufigsten besprochene Label in 2018 und schiebt kurz vor Weihnachten die „Acid Jazz EP“ hinterher. Sechs Footwork-inspirierte Stücke von Dispondant aus London gibt es auf der 12″ zu hören.

Täuschend sanft beginnt die EP mit „Death“, denn der Track biegt nach einem ruhigen Intro in eine fiese Richtung ab. Die Bassdrum klingt, passend zum Titel, ab der Hälfte wie ein Herzflattern. Anschließend gibt es mit „Controller Weapon“ Futter für den Dancefloor. „Warehouse Acid“ besticht mit 303-Acid-Sounds, was bei mir immer auf großen Anklang findet, von mir aus könnte der Track allerdings noch viel wilder frei drehen.

Dispondant ist wahrscheinlich auch ein Musik-Nerd und macht sich den Spaß, den nun folgenden Track „Acid Jazz“ zu benennen. Der ist dann auch so sommerlich-jazzy verträumt wie viele Stücke des Genres, ohne dass die 303 irgendwo in Sichtweite wäre, was bei den Acid-Jazz-Leuten auch fast nie der Fall war. Guten Tag, Genre-Namen-Wirrwarr. „Jazz Solo“ und „Sanctum“ gehen dann in eine ähnliche Richtung – erstaunlich, wie gut die Acid-Jazz-Einflüsse mit Footwork-Drum-Programming zusammengehen. Wo ist eigentlich der dazu passende Sommer geblieben?

Clubkultur & Politik II: Barrierefreiheit & Inklusion

Clubs werden gern als Rückzugsräume für Menschen aus den verschiedensten Szenen und Milieus stilisiert. Was bei diesem inklusiven Gedanken oftmals übersehen wird: Die wenigsten Clubs ermöglichen ein barrierefreies Ausgehen.

Im ersten Teil der Artikelserie „Clubkultur & Politik“ wurde der Club zur Zeit der Entstehung der elektronischen Tanzmusik als ein Raum für alle Menschen, alle Szenen gedacht. Verschiedenste Menschen kamen nachts auf den Dancefloors zusammen. Nicht zuletzt war die Szene so inklusiv, weil Disco und House in afroamerikanischen und homosexuellen Szenen entstanden sind – auch als politischer Schutz- und Entfaltungsraum.

Ein bedeutender Wermutstropfen der heutigen Clublandschaften ist, so wie vermutlich auch schon in den 1990ern: Barrierefrei sind Clubs oftmals nicht. Die Inklusion reicht oft nur so weit, wie die Norm, die wir selbst als nicht beeinträchtige Erwachsene erleben, es zulässt.

Warum ist Barrierefreiheit so wichtig – auch in Clubs?
Back to basic: Was ist eigentlich Barrierefreiheit und warum brauchen wir sie? Auf der Website des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen liest man Folgendes: „Barrierefreiheit bedeutet einen umfassenden Zugang und uneingeschränkte Nutzungschancen aller gestalteten Lebensbereiche. Barrierefreiheit ist keine Speziallösung für Menschen mit Behinderungen, aber für gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben unverzichtbar.“

Ich spreche über die Notwendigkeit von Barrierefreiheit auch mit Susann Schreiber. Sie ist Inklusionsbeauftragte des Werk 2 e.V. in Leipzig. „Man sollte einfach versuchen, niemanden auszuschließen. Das betrifft nicht nur räumliche Gegebenheiten, auch Bereiche wie Programmpunkte oder Eintrittspreise, kostenlose Projekte – dass nicht an solchen Stellen schon eine Zugangshürde besteht.“

Ein weites Feld tut sich da auf. Zu Beginn meiner Recherche denke ich noch an Rampen für Rollstuhlfahrer*innen. Inklusion geht aber viel weiter.„Es ist eigentlich ziemlich komplex“, erklärt mir Susann. „Alles erreichbar zu machen, ist das eine. Das ist nicht nur relevant für Rollstuhlfahrer*innen, sondern beispielsweise auch für Menschen, die mit Rollator oder Gehhilfe unterwegs sind. Außerdem gibt es noch weitere körperliche Behinderungen wie zum Beispiel Sehbehinderungen. Da braucht es Leitsysteme in öffentlichen Einrichtungen – Tastsysteme, eine bestimmte Fußbodenbeschaffenheit, große oder beleuchtete Schrift. In manche Veranstaltungen sollten auch Menschen mit Begleithunden kommen können wie beispielsweise Hunde für Diabetiker*innen. Und es gibt noch einen weiteren Aspekt: Alles in einfacher Sprache und einfachen Grafiken darstellen, auf der Homepage oder auf Flyern, so dass die Ansprache auch im Hinblick auf Bildung niedrigschwellig ist.“

Sprich: Egal, welche Beeinträchtigungen Menschen mitbringen, sie sollten am täglichen (und nächtlichen) Leben teilhaben können wie jede*r andere auch.

Ich spreche mit Pia-Selina. Sie ist FSJlerin in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und findet es unverständlich, wie wenig barrierefrei viele Locations sind. „Ich kriege immer wieder mit, wie meine Betreuten unfassbar glücklich sind, wenn es endlich eine Veranstaltung gibt, wo auch sie die Möglichkeit haben hinzugehen. Spontanität wie es sie bei uns gibt, gibt es da eben nicht. Und das finde ich ziemlich traurig, dass viele Menschen mit Behinderung sich z. B. daran gewöhnt haben – normal sollte es nicht sein. Wir leben im 21. Jahrhundert und die meisten haben noch nicht einmal von dem Begriff Inklusion gehört. Wieso muss es extra Veranstaltungen für beispielsweise Rollstuhlfahrer*innen geben? Wieso kann das nicht eine Norm sein, dass alle zusammen feiern und Spaß haben können? Wir sind alle Menschen – eine Behinderung macht einen nicht zu etwas anderem. Ich fände es gut, wenn eine durchgängige Barrierefreiheit in mehr Clubs existieren würde und man sich vorab auch besser auf den Internetseiten informieren kann.“


NOTE NOTE –

Auf wheelmap.org kann man in der jeweiligen Stadt nach Locations schauen, die für Rollstuhlfahrer*innen barrierefrei in unterschiedlichen Abstufungen sind. Das Werk2 beispielsweise ist in vielen Punkte der Barrierefreiheit gut aufgestellt. Außerdem können im Conne Island Rollstuhlfahrer*innen sowohl den Saal als auch das Café erreichen und es gibt ein WC für Menschen mit Beeinträchtigung – ansonsten sieht es, was Clubs angeht, eher mau aus in Leipzig.

 

Was bedeutet es, als behinderter Mensch in einen Club zu gehen?
Um aufzuzeigen, welche Hürden gemeistert werden müssen, wenn man als beeinträchtigte Person einen Club oder eine Bar besuchen will, bemühe ich wieder das Beispiel einer*s Rollstuhlfahrer*in.

Es beginnt damit, dass abgeklärt werden muss, ob man überhaupt in die Location reinkommt. Gibt es Stufen? Kommt man ohne Weiteres auf die Toilette? Ist man das erste Mal vor Ort, kann die Orientierung sehr schwierig sein – auch hier können Leitsysteme helfen, genauso für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen. Als Rollstuhlfahrer*in sitzt man außerdem auf Hüfthöhe stehender Menschen. Man sieht wenig, fährt anderen über die Füße, wird angerempelt, bekommt Bier übergekippt. Und zwar nicht einfach vorn aufs Shirt, sondern eben überall hin. Die Theken sind oft sehr hoch, das Thekenpersonal übersieht eine*n leicht. Offiziell gelten Einrichtungen übrigens nur als barrierefrei, wenn Rollstuhlfahrer*innen auf keine weitere Hilfe angewiesen sind. Davon sind die meisten Clubs noch meilenweit entfernt.

Und zu all diesen technischen Details kommt am Ende noch dazu: Wie fühlt man sich eigentlich dabei? Vladimir ist 33 Jahre alt und leidet an Muskeldystrophie, weshalb er seit seinem elften Lebensjahr im elektrischen Rollstuhl sitzt. Gemeinsam mit den anderen Menschen seiner Wohngruppe geht er gelegentlich ganz fern mal feiern.

„Man macht sich die ganze Zeit Gedanken was alles wieder schief gehen könnte usw. Umso cooler ist es, wenn man dann ohne Probleme rein kommt und einfach Spaß haben kann. Einmal zum Beispiel ist aber das Gegenteil eingetreten: Wir wollten in einen Club. Recht spontan, aber dort musste man Treppen hoch. Das war schade und hat mich in dem Moment sehr geärgert. Seitdem schaue ich, bevor ich weggehe, ob das Ganze auch wirklich barrierefrei ist. Dass Clubbesitzer so häufig nicht oder immer weniger daran denken, dass auch Menschen im Rollstuhl gerne feiern gehen, ist schade und macht mich auch traurig und irgendwie sauer.“

Positive Diskriminierung und blinder Aktivismus
Neben all den Hürden, die behinderte Menschen zu überwinden haben, kommen die Blicke hinzu, die Reaktionen. Sprüche wie „Wow, wie cool, dass du hier bist und dich das traust“, mögen irgendwie nett gemeint sein, sind aber positive Diskriminierung, die den Personen immer wieder das Gefühl gibt: Es ist nicht die Normalität, dass du hier anzutreffen bist. Menschen werden so, wenn sie im Club wie jede*r andere einfach mal dem Alltag entfliehen wollen, immer wieder mit ihrer vermeintlichen und tatsächlichen Andersartigkeit konfrontiert. Auch meinen manche Menschen, es sei nett, Rollstuhlfahrer*innen einfach zu schieben: An die Bar, in die Mitte der Tanzfläche, irgendwo hin. Dafür gibt es einen Begriff: Blinder Aktivismus. Oder auch: Übergriffigkeit.

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Ein blinder Mensch mit Augenfehlstellung kommt in den Club. Schon an der Tür wird er*sie höchstwahrscheinlich abgewiesen, weil das Türpersonal davon ausgeht, dass der*diejenige einfach stark intoxikiert ist. Auf der Tanzfläche wird man für völlig raus und drauf gehalten, man verliert seine Begleitung noch schneller als ohnehin schon. Man kann an der Bar die Karte nicht lesen und wenn man noch nie im Club war, findet man aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Toilette nicht.

Wie auch bei allen anderen Arten der Diskriminierung ist es also sehr wichtig, dass das komplette Personal geschult und sensibilisiert wird, Barpersonal, Mitarbeiter, Security. Und dass Menschen mit Beeinträchtigung genauso wie andere auch die Chance bekommen, einen Abend lang mal den Alltag zu vergessen – zumindest ein bisschen.

Interview: Sebi sitzt im Rollstuhl und geht mindestens alle zwei Wochen feiern
Da ich selbst als nicht Betroffene nicht einmal annähernd verstehen kann, welche Barrieren sich im technischen und emotionalen Sinne auftun, wenn ein behinderter Mensch einen Club besuchen möchte, habe ich mit einer Rollstuhlfahrerin gesprochen.

Sebi ist 23 Jahre alt, kann ihre Arme und Beine nicht bewegen und hat immer ein Beatmungsgerät dabei. Feiern geht sie mindestens alle zwei Wochen, gemeinsam mit ihrem besten Freund, der gleichzeitig ihre Begleitperson für den Abend ist.Was bedeutet es für dich, feiern zu gehen?

Ich würde sagen, dass es keinen großen Unterschied macht, warum ein behinderter Mensch feiern geht, gegenüber einem normalen Menschen. Einfach um den Kopf frei zu kriegen, den Alltag mal Alltag sein zu lassen. Auch um ein bisschen Normalität zu haben – das ist ein Grund, warum ich gerne feiern gehe: Da treffen so viele Menschen, so viele Kulturen aufeinander.
Was kommen dir für Hürden in den Sinn?

Man muss es sich schon sehr genau überlegen, ob man das macht. Wegen der eigenen Sicherheit. Wenn da so unglaublich viele Menschen da sind, es wird mega eng – das kann zu Panik führen, denn du bist dann der letzte Mensch, der rein oder raus kommt und das ist schon krass. An Halloween war es zum Beispiel richtig heftig, ich wurde die ganze Zeit nur angerempelt. Außerdem wird in Bars oft geraucht. Es ist so makaber: Ich habe hinten auf dem Rollstuhl ein Sauerstoffgerät – und vor mir kifft jemand. Das kann man ja auch drei Meter weiter machen.

Das ist manchmal schwierig: Man weiß um die eigenen Bedürfnisse und muss darauf achten und in der Disko willst du dann auch Gleichberechtigung und kannst nicht einen auf Proleten machen und sagen „Hey, mein Beatmungsgerät“ – auf der anderen Seite muss man das ja aber irgendwie. Als Rollstuhlfahrer*in muss man sich auf jeden Fall überlegen, wie man hinkommt und reinkommt. Viele Clubbetreiber*innen gestalten ihre Clubs sogar absichtlich nicht barrierefrei, weil sie sagen, sie könnten für die Sicherheit gar nicht garantieren. Das finde ich extrem diskriminierend und ich frage mich manchmal schon, was mit den Menschen eigentlich los ist. Da wird es einfach hingenommen, dass so viele Menschen einfach wehrlos sind – und diesen Menschen sollte es trotzdem selbst überlassen werden, ob sie in den Club gehen wollen oder nicht, indem man ihnen einen gewissen Schutz gewährt. Da wird über die Sicherheit gesprochen, viele Menschen können sich nicht richtig wehren und das wird dann einfach so hingenommen – und trotzdem sollte es selbst dann ja immer noch deine eigene Entscheidung sein.

Bei dem Club, in den ich oft gehe, kenne ich die Türsteher inzwischen, die nehmen es dann in Kauf, dass drei normale Leute weniger reinkommen, die am Ende vielleicht sogar Stress schieben, damit ich rein kann und eine coole Nacht habe.
Ich glaube, es hat viel mit Konfrontation zu tun: Wenn du als normaler Mensch eine*n Behinderte*n siehst, denkst du dir eben deinen Teil: „Oh mein Gott, das ist ein*e Behinderte*r, der*dem geht’s vielleicht schlechter als mir, möchte ich das jetzt überhaupt sehen oder möchte ich mit meinen Kumpels einfach nur saufen und die Welt vergessen.“

Es gibt Menschen, die finden es cool, wenn Clubs inklusiv und barrierefrei sind. Es gibt aber auch Menschen, die sagen: „Warum lasst ihr sowas überhaupt in euren Schuppen rein?“ Ich kann es einfach nicht verstehen, wenn Clubbetreiber*innen so eine Diskriminierung à la 1940 unterstützen anstatt es zu unterbinden. Es kommt einfach darauf an, ob der*die Clubbetreiber*in sich selbst damit auseinandersetzt oder nicht.

Ich glaube, viele beeinträchtigte Menschen trauen sich dann einfach nicht, fühlen sich wertlos und denken, sie sind es eben nicht wert, in den Club zu gehen – das finde ich extrem traurig. Ich habe meinen besten Freund mit, mit dem ich viel unterwegs bin und es kommt oft vor, dass er mich beschützen muss, weil ich meine Arme und Beine nicht bewegen kann und so weiter. Und davor haben natürlich viele Angst, weil Menschen ihren Konsum und sich selbst dann manchmal hat nicht im Griff haben. Nicht jede*r achtet darauf, was in ihrem*seinem Drink ist, und dann vergessen sich manche eben. Es gibt ne Schlägerei, du hast damit nichts zu tun, stehst einfach in einer falschen Ecke – das geht ja so schnell. Bei uns war es oft so, dass mein Begleiter fast in eine Schlägerei gekommen wäre, weil er verhindern wollte, dass alle auf mich drauf fallen.

Und es macht, leider, ja nochmal einen Unterschied, ob man eine Frau oder ein Mann ist. Als Frau im Rollstuhl beispielsweise alleine feiern zu gehen – das sollte man sich schon sehr genau überlegen, ich persönlich würde das auf jeden Fall nicht machen.


NOTE NOTE –

(Positiver) Ableismus: Der Begriff „Ableismus“ setzt sich zusammen aus dem englischen Wort „able“ (to be able = fähig sein) und „ismus“. Ableismus ist die alltägliche Reduzierung eines Menschen auf seine Beeinträchtigung. Damit einher geht eine Abwertung (wegen seiner Beeinträchtigung) oder aber eine Aufwertung (trotz seiner Beeinträchtigung), die jeweiligen Personen werden nicht als gleichberechtigte Gegenüber wahrgenommen, sondern etikettiert, reduziert und auf- oder abgewertet.

 

Was fällt dir zum Thema positiver Ableismus ein?

Der Spruch „Hey, wie cool, dass du feiern gehst“, ist halt Standard. Es gibt drei verschiedene Arten von Menschen, die mir beim Feiern begegnen. Es gibt die Beobachter*innen, die sich einfach alles zusammenreimen, anstatt auf mich zuzugehen. Dann gibt es diejenigen, die bewusst so tun, als würde ich nicht reden können, und mit meiner Begleitung sprechen. „Hey, hat sie eine Krankheit / Hey, wie geht es ihr / Hey, lebt sie nicht mehr lange?“ – da denke ich mir, man kann auch mich das fragen, wenn überhaupt.

Und dann gibt es noch die Leute, die zu meiner Begleitung sagen: „Ey Respekt, Bruder, dass du dir das antust“ – und die bewusst mir als Menschen im Rollstuhl das Gefühl geben, dass ich eine Belastung bin. Das ist so krass, wenn du nicht mal einen Meter weg stehst und das mitbekommst. Außerdem gibt es dann auch Leute, die mir zum Beispiel einfach einen Kuss auf die Wange geben, die meinen: „Hey, schön dass du da bist“. Ich denke, okay, nett, dass du das feierst, aber du übertrittst hier gerade eine Grenze, das ist ein Übergriff. Oder, dass Typen mich einfach so antanzen, wo ich genau weiß, wenn ich allein da wäre, würde etwas passieren, was ich definitiv nicht wollen würde, und es wäre egal, wie oft ich „Nein“ sagen würde.

Es ist total bunt gemischt, an einem Abend sind es schon so 10-15 Leute, die einen ansprechen, viele Begegnungen, aber auch viele, die ich mir echt hätte sparen können. Ich würde oft gern drauf verzichten, weil ich so nie das Gefühl von irgendeiner Normalität bekomme, weil ich immer angesprochen werde, die Blicke immer auf mir liegen. Kommt auch immer darauf an, wie man sich selbst fühlt.

Was würdest du sagen, wie bereitet man sich am besten auf einen Abend im Club vor?

Es kommt ganz darauf an, was für Grundbedingungen man hat. Zum Beispiel auch, was für einen Rollstuhl. Man sollte sich sicher fühlen, alles bei sich haben. Man sollte sich bereit fühlen, auszugehen. Dann muss man noch unterscheiden, ob man eher am Rand sein möchte, zuschauen, oder ob man aktiv teilnehmen möchte. Prinzipiell würde ich immer empfehlen, dass man in Begleitung geht – damit man immer jemanden hat, den man im Notfall rufen hat.

Man kann auch kleine Barrieren aus der Welt schaffen, zum Beispiel dass man gleich drei statt einem Bier kauft, wenn man sich etwas zu trinken holt, damit man nicht immer hin und her muss. Dass man sich einen Platz sucht, an dem man sich wohl fühlt und dann da den Abend bleibt. Es kommt auch darauf an, was für ein Typ Mensch man ist, ich bin immer gern in der Mitte mit dabei.

Was sollten andere Menschen beachten? Beziehungsweise, wofür sollten Menschen, die feiern gehen, sich sensibilisieren, wenn sie einer behinderten Person begegnen?

Vor allem sollte man immer seinen Pegel kennen. Man sollte, wenn man einen über den Durst getrunken hat, nicht sofort auf die Menschen losgehen. Man sollte sich im Griff haben. Wenn man mit der Person tanzen möchte, auf Augenhöhe gehen „Hey, hast du Spaß, möchtest du was trinken“ – Konsens eben, so wie gegenüber allen anderen Menschen auch. Man sollte auch gewisse Distanz wahren. Man muss nicht 30 Meter weit weg stehen, aber das ist ja ein fremder Mensch und viele sind dann der Meinung, nur weil der*die andere eine Beeinträchtigung hat, kann man sich das Recht herausnehmen, aufdringlich zu sein.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wenn man einfach agiert, jemanden küsst oder so, und die andere Person kann nicht reagieren, Arme und/oder Beine beispielsweise nicht bewegen – so schnell kann doch niemand ordentlich reagieren. Oder ich müsste halt schreien. Also: Niemals jemand anderem das Gefühl geben, dass er*sie eine Last sei oder dass es etwas Utopisches ist, dass er*sie gerade dort ist. Da muss man auf die Wortwahl achten, ich finde „Ey cool, dass du da bist“ ist schon nett gemeint. Aber wenn man sagt „Hey, hast du Lust zu tanzen“ kann man das Gleiche rüber bringen, ohne zu sagen „cool dass du da bist, dass du dich traust“. Was ist an mir falsch, dass ich mich nicht raus trauen sollte? Klar, das ist oft nicht böse gemeint. Diskriminierung ist es trotzdem.

In jeder Art von Begegnung und Kommunikation ist Ehrlichkeit und Offenheit so wichtig. Ich habe das Gefühl, manche Menschen sind so abgestumpft, dass sie vergessen, zu kommunizieren, und sich auch in die Situation von anderen hineinzuversetzen. Ich fände es so wichtig, dass viel mehr Menschen darüber nachdenken würden, was für sie selbstverständlich ist, was für das Gegenüber aber vielleicht nicht selbstverständlich ist.

Zum Abschluss noch ein kleiner Denkanstoß: Wie viele DJs mit Behinderung kennt ihr eigentlich?

VEF 137 „VEF Radio“ (Yuyay / PossblThings / R.A.N.D. Muzik)

Nanu, da machen drei Labels gemeinsame Sache – zum Glück, denn sonst würden wir die Synth-Abenteuer von VEF 137 verpassen.

Ein sich steigernder, langgezogener Ton, der am Ende von „Introvert“ höhepunktlos verebbt, gefolgt von uralter Telefon-Werbung am Anfang von „Telefon 1-800“: So beginnt das Album „VEF Radio“ von Kirill Junolainen alias VEF 137, das unter gemeinsamer Anstrengung von Yuyay, PossblThings und R.A.N.D. Muzik auf Vinyl, digital und als Tape herausgebracht wurde (wobei die 12″ elf der insgesamt zwanzig Tracks sammelt).

Eine Liebeserklärung an einst moderne Technik sei dies, erklärt der Promo-Text. Anhand der Tracklist wird dies deutlich: Da tauchen obsolet gewordene Geräte wie „Matrixprinter“, „Floppydisc“ oder „Telefax“ auf, aber auch solche wie der „SL-1200“, die vielleicht schon mehr Menschen vermisst werden. Track Nr. 12 heißt dann auch „Nostalgie“ – eigentlich klar, dass die Musik in der retro-futuristischen Welt zwischen Drum-Machines und Synthesizer, Electro und russischen Sprachsamples zuhause ist.

Die verschiedenen Geschwindigkeiten und Stimmungen auf „VEF Radio“ sind knackig auf den Punkt gebracht und dabei auf Albumlänge gesehen abwechslungsreich gestaltet. Meistens ist dies genre-typisch eher dark, wird aber auch ziemlich funky wie bei „Retroman“, rockt sehr munter nach vorne wie bei „UKW“ oder schaut verträumt in die Sterne wie bei „Kinofilm“. Zwischendurch hören wir nochmal rein, wie eigentlich ein „AM Transmitter“ klang und trauern darüber, dass mit Verschwinden des „56k Modem“ auch ein ikonischer Sound abhanden kam, der die vielversprechenden Weiten des Internet akustisch prägte. Ein feines Release und außerdem ein gutes Beispiel für gelungene Label-Kooperationen.

Namedropping: Don’t believe the hype

Braucht jede Party einen großen, bekannten Namen auf dem Plakat? Verschiedene Partyreihen und Kollektive treten den Gegenbeweis an, darunter Changing Factors aus Frankfurt. Und was nun Frankfurt mit Leipzig zu tun hat, lest ihr hier.

„Wer is‘n da Headliner?“, fragt der eine die andere in der Tram. Blick aufs Smartphone, Scrollen, Scrollen – ah, Antwort gefunden. Die Entscheidung ist gefallen – „kenn ich nicht“, was wohl so viel heißt wie „Nee, weitersuchen“, denn nun wird weitergescrollt und andere Locations und Namen werden aufgesagt. Nach drei erneuten Anläufen wird entschieden, man kenne genug der Auftretenden und die Abendgestaltung scheint gerettet. Handy in die Tasche, Blick nach vorn. Der subjektive Bekanntheitsgrad der Künstler*innen im Line-Up hat entschieden – denn manchmal will man nicht rumeiern, da muss man wissen, wo’s hingeht. Partys, die gar kein Line-Up präsentieren, kämen bei den zwei Tramfahrer*innen von eben eher mal so gar nicht durch. Schade eigentlich. „Oder auch nicht“, wie mir einer der Initiatoren einer neuen Line-Up-losen Partyreihe in Leipzig erzählt.

Volle Hütte
Ich glaube kaum, dass es allzu viele Raver*innen gibt, die völligst frei von der Anziehungskraft großer, bekannter Namen sind. DVS1 all night long, Kobosil diesdas und noch irgendwer vom Berghain – volle Hütte, geile Party. Nicht dass noch einer denkt, ich wolle mich da nun besonders individuell zeigen. Oft bis ganz oft sind bekannte Künstler*innen nicht umsonst gefeiert, erfolgreich, „in aller Munde“ – sondern eben richtig gut, in dem, was sie machen. Oder besonders vermarktbar, gehyped und überschätzt. Das gibt’s auch.

Wer schon mal eine eigene Veranstaltung im Nachtleben auf die Beine gestellt hat oder sich auch nur fantasiereich der Frage „Wenn ich eine Party machen würde …“ gewidmet hat, der weiß um die Bedeutung des Headliners, bestenfalls noch in der Mehrzahl. Dazu gerne noch nationale und lokale Künstler, die vom Austausch und eben auch von Publikumsmagneten profitieren, um Menschen zu erreichen. Eine Veranstaltung ohne Line-Up ist eine vergleichsweise risikoreiche Angelegenheit, denn viele Gäste möchten vorher „sicher“ sein, wofür sie 10-12-14 Euro am Einlass zahlen. Die Kuration einer Veranstaltung nach Grundsätzen, Werten jenseits der Verwertungslogik und einem bestimmten Soundstil, das ist ja gut und schön, aber wirtschaftlich – für alle Beteiligten – soll’s bitte auch sein.

Rillendisko, Made to Fade und Changing Factors
Ob mit oder ohne großen Headliner, nur um den Sound, nur um die Musik, geht es in der Clublandschaft nicht mehr. Entwicklungsreich wie eh und je haben sich weitere Kunstformen wie Lichtdesign, Performance, Literatur (ja, auch das gab es schon, ich bin Zeuge) oder Installationen angeschlossen. Bereicherung und_oder Distraktion.

Aber keine Bewegung kommt ohne Gegenbewegung aus. Es gibt sie, die Partys ohne Line-Up, ohne viel Licht, dafür mit Soundverliebtheit bis über beide Ohren. Beispielsweise die Rillendisko, die mittlerweile im IfZ als eigene Sonntagsreihe etabliert ist oder die Made to Fade-Partys („no names, just music“) im Elipamanoke folgen diesem Prinzip.

Zum Jahresende hin besucht nun eine Frankfurter Crew das Leipziger mjut, um dort ihre Partyreihe namens Changing Factors zu veranstalten. Eben jene Party kommt ebenfalls ohne Line-Up daher und kommuniziert vor allem mit einem Mix, was das Publikum zu erwarten hat und stellt die Frage in den Tanzraum, durch welche Kriterien unser gängiges Entscheidungsverhalten und die Erwartungshaltung an eine Party bestimmt wird.Kritik an Clubkultur
Die eine Seite des Konzepts von Changing Factors ist Kritik an bestehender Clubkultur. Gängige Marketingstrategien zielen darauf ab über Namen eine Erwartung zu generieren, die bestenfalls auch bedient wird. Orientierung bieten aktuelle Trends, um eine „erfolgreiche“ Party zu machen, was größtenteils über einen visuellen Zugang, einen gewissen Style funktioniert. In der Konsequenz geht es dann eher darum, seine Individualität durch das Aneignen dieses Styles auszudrücken; kurz: es geht um soziales Kapital. Was auf der Party selbst stattfindet, ist die Wiederholung dieser Erwartung, die durch den „Markt“ erzeugt wurde.

Die performative Seite des Konzepts besteht in der Ablehnung einer solchen Verwertungslogik, die das, was CF-Crew unter Cluberfahrung versteht, stark überformt. Im zweiten Schritt zielt Changing Factors darauf ab eine andere kollektive Erfahrung zu ermöglichen, welche über einen Fokus auf das Zusammenspiel von Musik und Tanz verläuft (mehr zu diesem Thema findet ihr hier).

„Um diese unmittelbarere Begegnung mit der Musik und seinem Körper zu ermöglichen, welche eben mehr als Wiederholung einer vorgefertigten Erfahrung sein will, ist es noch vor der Ablehnung der gängigen Verwertungslogik und der Minimierung von visuellen Reizen auf dem Dancefloor, nötig ein Awareness-Konzept umzusetzen, welches überhaupt erst für alle Gäste die Möglichkeit zu dieser Erfahrung garantieren soll“, erklären sie weiter.

Gerade das Augenmerk auf Awareness ist eine maßgebliche Verbindung zwischen Changing Factors und dem Leipziger mjut, wo hierfür auf jeder Party Personal vertreten ist. Ein weiterer Berührungspunkt des Kollektivs und des Clubs ist natürlich Techno – wobei hier die ‚Detroit-Perspektive‘ vorherrscht, welche Mad Mike wohl am besten erklären kann.

Eine weitere Referenz an die „goldene Era“ ist eine Rave-Line (better call: 0178/4189444), über die ihr Infos über die Party und ein wenig Musik zu hören bekommt.
Ob und wie der Versuch gelingen wird, die Party und das dahinterstehende Konzept von Frankfurt nach Leipzig zu bringen und dabei bewusst auf das gewohnte Namedropping zu verzichten, bleibt nicht ganz unspannend.

Wer sich das ganze anhören möchte, möge am 14.12. die Reise ins mjut zur Changing Factors antreten. Neben dem großen Techno-Floor wird es auch einen Chill-Out-Floor mit entspannter Atmosphäre und Sitz- bzw. Liegegelegenheiten geben. An diesem Abend zählen keine Namen.

Signalstoerung „S“ (Hymen Records) / „IDR“ (Inner Demons Records)

Kalt, schwerfällig, intensiv: Das Debüt-Album von Signalstoerung ist dieses Jahr erschienen.

Ein weiterer in Leipzig ansässiger Musiker, der bisher unter unserem Radar flog, ist Signalstoerung. Als Teil von Adventurous Music und des Kollektivs Global Noise Movement ist er seit geraumer Zeit im weiten Feld der experimentellen elektronischen Musik aktiv. Aber erst dieses Jahr wurde sein Debüt-Album bei Hymen Records veröffentlicht.

Signalstoerung „S“ (Hymen Records)

Das umtriebige Label Defrostica hat ja Anfang des Jahres vermutet, dass die CD ein Comeback haben wird. Nun, Hymen Records scheint dies zu bestätigen und veröffentlicht die elf Tracks des Album „S“ auf einer kleinen Silberscheibe. Eine passende Wahl, wie ich finde, denn wie auch das Medium selbst wirkt auch die Musik von Signalstoerung aufgeräumt, streng, ja fast schon klinisch. Auch die Tracklist folgt dem Konzept: Jeder Titel wurde mit dem Buchstaben „S“ und einer anschließenden Ziffer benannt.

Hier hat alles seinen Platz: Schwerfällige, an Dubstep erinnernde Beats schieben intensive Bässe voran und stellen einzelne, manchmal sanfte, manchmal lärmige Sounds in den Mittelpunkt. Gerade durch die wenigen Komponenten entfalten die reduzierten Melodien wie in „S9“ eine immense Kraft. Das ist keine Tanzmusik für Roboter – das ist eher der Soundtrack zur Präzision autonomer Waffensysteme. In den besten Momenten, wie „S8“, scheint die Zeit stehen zu bleiben, während die KI die nächsten hundert Schritte berechnet. Und wenn im „Copenhagen Edit“ von „S2“ plötzlich entfernter Gesang auftaucht, weiß ich nicht, ob ich fasziniert inne halten oder besser doch die Flucht ergreifen soll. Was für eine Dystopie!

Signalstoerung „IDR“ (Inner Demons Records)

Etwas roher hingegen klingen die vier Tracks, die auf einer – noch so ein obskures Medium – 3″-CD auf dem Label Inner Demons Records erschienen sind. Die Herangehensweise ist eine ähnliche, aber Noise spielt hier noch eine dominantere Rolle als auf „S“. Und wütender klingen die vier Tracks irgendwie auch: Das fällt mir spätestens bei dem fast schon punkigen Schreien auf „IDR4“ auf.