„Ich finde es schwierig, da klare Linien zu ziehen“

Im Sommer 2017 habe ich für die Elektrokonsumenten Jenny Sharp, Hip-Hop DJ aus Leipzig, porträtiert. Ich weiß noch, dass es eine kurze Diskussion gab, ob sie in die Porträtreihe passt, da es doch „um elektronische Musik geht“ – hm, dachte ich, sie legt auf. Sie macht elektronische Musik. Oder nicht?

2019. Ich schreibe für frohfroh und frage mich immer mal wieder: Wo ist Hip-Hop in der elektronischen Musik zu verorten? 2019, denke ich, wir führen an vielen verschiedenen Punkten sinnlose Diskussionen über Grenzen, wieso auch an dieser Stelle. Also spreche ich mit Personen, die tief in der Materie verankert sind, und frage sie: Ist Hip-Hop elektronische Musik?

Nein, ist es nicht. Oder?
Bevor ich mich mit Shortee, Jahmica, Flynn und Kenji451 unterhalte, mache ich spaßeshalber online eine kurze Umfrage zu dem Thema. „Ist Hip-Hop für euch elektronische Musik?“, frage ich. 7% sagen ja (27 Personen), 93% sagen nein (383 Personen).

„Warum/Warum nicht?“ frage ich weiter. „Hip-Hop ist Hip-Hop“. Cool, denke ich, stimmt. „Weil’s nicer ist“ und „Warum ist Tofu kein Steak“ überzeugen mich als Argument nicht. Dann geht es um Rap: „Bereits die Stimme ist ausreichend für einen Text und Rhythmus“, „Hip-Hop kann auch ein Beatboxer und ein Rapper sein“, „Weil die Sprache im Vordergrund steht, nicht die (elektronische) Musik“ und „Verbinde Hip-Hop eher mit Sprechgesang“.

Andere Begründungen beziehen sich auf technischere Details der Musik und die Entstehung: „Die Beats klingen für mich nach „echten“ Drums“, „häufig rhythm&blues Einflüsse“, „Weil Hip-Hop aus Rap und Samples besteht – die waren meist von Hand eingespielt“, „Die meisten Samples die verwendet werden sind Jazz, Disco, Pop“, „Hip-Hop hat seinen Ursprung im Jazz und black music“. Eine Person schreibt: „Das Sampling ist für mich eine Basis von Hip-Hop und das funktioniert elektronisch“ (das war wohl eine der 7 Personen, die für „ja“ gestimmt haben).

Ich merke, Menschen ziehen unterschiedliche Punkte in Erwägung. Wie grenzt man ab, wie schlägt man die Brücke, will man sie schlagen: Über die historische Entwicklung von Genres, über die Machart, die Produktion, über die Message oder die gelebte Kultur?

Shortee –DJ und LoFi Produzent in Leipzig

Shortee ist Leipziger und hat vor 20 Jahren angefangen, klassischen Hip-Hop aufzulegen – East Coast, Old School. Mit Freunden war er Resident im Cad Club, er hat in Leipziger Clubs aufgelegt und war Tour-DJ für Nahost Kommando (Morlokk Dilemma). Er hat gebreakdanced, für Breaker aufgelegt.

Irgendwann hatte er keine Lust mehr, konnte seine alten Platten nicht mehr hören und hat sich mehr dem Drum’n’Bass, Grime, Glitch Hop & Dubstep zugewendet. Im Hip-Hop selbst hat er sich auf Instrumentales konzentriert, Turntablism betrieben. Produziert hat er schon früher, damals mehr just for fun, Freunde haben gerappt, er gescratcht und Beats gebaut. Schulisch und für die Ausbildung hat er dann mehr die gestalterische, kreative Richtung eingeschlagen. Gesprüht hat er natürlich früher auch – seit er 12 war.

Das Musikmachen trat erst mal in den Hintergrund, bis er vor ein paar Jahren wieder Bock hatte und sich mehr auf LoFi konzentrierte. „Ich bin halt alt, ich bin mit C64, Gameboy und so ´nem Kram aufgewachsen. Ich mag den Klang von diesen LoFi-Geräten.“ Vor ein paar Jahren hat er dank einer Keller-Aufräumaktion eine Kiste voller Gameboys bekommen.

„Wenn du dich an den PC setzt, mit Fruityloops, Ableton – du hast alle Möglichkeiten dieser Erde, kannst aus den Vollen schöpfen.

Was das aber auch bedeutet: Man mehrt immer weiter rum und schafft nichts, weil es nie ganz die Ansprüche erfüllt. Auf dem Gameboy ist es so LoFi, du hast so wenige Möglichkeiten, das macht kreativ. Es ist vielleicht ein skurriles Hobby, aber es macht Spaß.“ Ich frage ihn, ob er als Produzent Unterschiede merkt, zwischen den verschiedenen Genres. „Ich denke recht wenig in Genres, wenn ich Musik mache. Ich mache halt Beats. Das reicht von Hip-Hop über Halftime Drum’n’Bass, Dubstep hin zu Gabba manchmal. Keine Ahnung, ich mische gerne. (lacht)“

Jahmica – Rapper in Leipzig

Für Jahmica hängt Musikmachen eng mit Musikhören zusammen. „Ich war schon immer ein Musikfreak, hab viele verschiedene Genre und Musikformate gehört. Mich hat es gereizt, das auch zu machen – und meine Ausdrucksform war halt eher das Sprachliche, und so kam ich in den Hip-Hop, da hab ich dann das Freestylen für mich entdeckt. Ich hab gemerkt, dass man sich damit halt frei, locker machen kann. Je mehr ich mich mit Musik beschäftigt habe, desto mehr bin ich eben auch in die Materie eingetaucht – bevor ich gerappt habe, habe ich mir sogar diverse Programme runtergeladen, Fruityloops usw., und hab dann versucht House, Techno und irgendwelche noisy elektronischen Beats zu produzieren. Je mehr ich eine Vorstellung von der Musik entwickelt habe, desto mehr wollte ich dann natürlich auch am Produktionsprozess beteiligt sein. Ich hab schon ein paar Sachen auf eigenen Beats released, aber meistens ist es so, dass ich mit anderen zusammen produziere – das macht auch einfach mehr Spaß, und der Fokus liegt bei mir schon eher auf dem Rappen.“

Jahmica denkt selten in Genregrenzen. Feiern geht er gerne zu noisy Technosounds und experimenteller elektronischer Musik. Er mag neben Hip-Hop auch Wave & Postpunk.

„Diesen klassischen Hip-Hop hab ich selber auch viel gehört, das ist ein bisschen wie Speed-Reading, in den Songs sind ja auch viele interessante Schilderungen enthalten. Später hab ich dann Techno und ähnliche Genres für mich entdeckt und fand daran schön, dass man selber denken konnte, da war mehr Platz für die eigenen Gedanken.“

Flynn – LoFi Produzent in Leipzig

Flynn haben schon immer am meisten die Beats am Hip-Hop interessiert. Das erste Mal, dass er mit Hip-Hop in Berührung kam, war ein Wu-Tang Album des Freundes seiner großen Schwester.

„Ich fand das super cool, das war ein Comic-Cover, GZA Liquid Swords. Das war als ich so sechs oder sieben war. An englischen Worten hab ich damals nur „Yes“, „No“, „Fuck“ und „Shit“ verstanden – für mich war also Hip-Hop der Beat, und die Leute, die drüber gerappt haben, waren irgendwie Superhelden. Ich glaube, umso älter ich geworden bin und umso mehr Text ich verstanden habe, umso mehr habe ich mich manchmal davon abgewandt. Ich bin einfach nicht empfänglich dafür, wenn du mir erzählst, was für coole Schuhe du hast. So kam ich dann vor zehn, zwölf Jahren zu den Beats: Ich hab das einfach nur gemacht, weil ich Beats hören wollte.“

In der Pubertät hat er mehr Jazz gehört, dann kam „Can I kick it“ von A Tribe Called Quest – mit „walk on the wild side“ von Lou Reed gesamplet. „An der Stelle dachte ich “Krass. Ich verstehe, wie Hip-Hop gemacht wird„ – vorher konnte ich mir nicht vorstellen, wie man das technisch macht. Dann hab ich verstanden, dass im Grunde nur Aufnahmeschnipsel aneinander gereiht werden. Zu der Zeit gab es kein Youtube etc., ich wusste nicht, dass da jemand einen kleinen Drumcomputer nimmt und drauf rumdrückt. Ich weiß nicht, ich dachte, da steht vielleicht eine Band im Studio, die dann immer diese kurzen Passagen spielt. Irgendwann hab ich dann natürlich gecheckt, wie es funktioniert, hab mir meinen ersten Sampler gekauft, einen Roland Sampler, SP606.“

Kenji451 – Produzent in Berlin

Kenji hat vor über 20 Jahren angefangen, Hip-Hop und Trip-Hop aufzulegen. Bei Bruno Fortuno (yeah) und Sikk hat er dann einen AkaiS2000 Sampler gesehen und nicht mehr länger auf der Playstation Beats gebaut. Mit DJ Werd (Sido Fans werden ihn kennen) gründete er um die 00er die Band Long Lost Relative. Später ist er Produzent und Tour-DJ für grim104 (Zugezogen Maskulin), inzwischen hat er auch eine Solo EP released.

Was Kenjis Stil prägt: Die vielen Einflüsse, die Bandbreite der Samples, macht es schwer, ihn genretechnisch genau zu verorten. Irgendwie dreamy, irgendwie atmosphärisch, irgendwie Cloud Rap. Wahrscheinlich ist das genau das Spannende an ihm und der Grund dafür, dass er als Produzent, denen meist noch zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, mit seiner EP so erfolgreich war.

Historische Entwicklung und Einordnung der Genres
Long story short: Wir schreiben Anfang der 70er in New York. In den Ghettos von Harlem beginnt Kool DJ Herc auf Blockparties Funk-und Soul Platten zu loopen, er jongliert mit Beats, die Leute mögen es. B-Boys breakdancen auf den Partys, Leute greifen sich das Mikro und heizen die Partys an – später werden sie MCs genannt. Mehr und mehr DJs lassen sich inspirieren: Grandmaster Flash, Afrika Bambaataa, sie cutten und scratchen. Durch „Rapper’s Delight“ der Sugar Hill Gang wird der Hip-Hop massentauglich. (Über die Entstehung von Hip-Hop gibt es unzählige Dokus, weshalb ich mich hier auf einen kurzen Abriss beschränken werde. Wen es interessiert, empfehlenswert finde ich persönlich „Hip-Hop Evolution“, hosted by Shad, gibt’s auf Netflix.)

Aus der Fusion von Disco und Hip-Hop geht House hervor, als dann Afrika Bambaataa Kraftwerk in „Planet Rock“ samplet kommen Synthesizer ins Spiel: Electro Funk entsteht aus der Kombination von europäischem Synthpop und amerikanischem Hip-Hop bzw. House.

„Afrika Bambaataa, Planet Rock ist einer der ersten Songs, in dem man die 808 Kickdrum richtig prägnant hört. Das hat den Leuten in Miami so gut gefallen, die haben immer nur Planet Rock gehört, weil die gerne in ihren Cabrios rumgefahren sind und der Track hat so ‘ne geile bouncy Kickdrum. Und daraus ist dann Miami Bass entstanden.“ erklärt Flynn. „Und im Miami Bass findet zumindest viel amerikanische elektronische Tanzmusik ihre Wurzeln.“

Ende der 1980er entwickeln sich in der elektronischen Tanzmusik rasend schnell verschiedenste Subgenres, Techno zum Beispiel.
Shortee greift den Einfluss von Hip-Hop und die Fusion von Genres auf. „Ich finde, Hip-Hop ist, nach wie vor, die einflussreichste elektronische Musikrichtung. Es gibt so viele Genres innerhalb von Hip-Hop, die so viel beeinflusst haben. Sei es Electro in den 80ern, Trip-Hop in den 90ern, House Anfang der 80er beispielsweise die Junglebrothers – House mit Rap, das gibt es heute noch. Oder so Kram wie Technotronic mit „Pump up the Jam“. Hip-Hop hat so viele elektronische Spielarten, Glitch, Grime, Dubstep, alles kommt irgendwie zusammen – und am Ende war irgendwo mal Hip-Hop drunter. EDM heute ist, vor allem was das Produzieren angeht, sehr beeinflusst von Hip-Hop.“

Dass „elektronische Musik“ oder „elektronische Tanzmusik“ ein absolut weitläufiger Sammelbegriff ist, macht Jahmica deutlich: „Ich fang mal andersrum an: Ich bin mit Schallplatten und viel „alter“ Musik – aus den 60ern/70ern/80ern – aufgewachsen. Dadurch hab ich diese Trennung zwischen Hip-Hop und elektronischer Musik persönlich gar nicht so krass empfunden. Mir war natürlich klar, dass es irgendwie unterteilt wird und sich auch Communities um die Genres herum bilden. Aber elektronische Musik ist ja erst mal ein relativ weit gefasster Begriff.

Wenn man beispielsweise einen engeren Begriff wie Techno nimmt, würde das ja auch darunter fallen, aber es ist was anderes als Hip-Hop. Das sind Entwicklungen, die sich an bestimmten Punkten vielleicht irgendwie beeinflusst haben, aber es sind ja schon unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen. Elektro in dem Sinne, da erinnere mich an Afrika Bambaataa, der Kraftwerk gesamplet hat oder so Miami Bass Synthlines – das war purer Elektro, der in den 70ern/80ern so entstanden ist. Heutzutage ist alles so verschmolzen, es gibt so viele Subgenres, die Grenzen sind total fließend. Ich finde, Hip-Hop sollte auf jeden Fall mit gemeint werden. Das schließt ja nicht aus, dass es in der Bubble „elektronische“ Musik nicht auch super viele Praktiken, Subgenres und Gruppen geben kann, die sich darum gathern.“

Technische Aspekte und Instrumentals
Als ich Shortee frage, ob Hip-Hop für ihn elektronische Musik ist oder nicht, antwortet er: „Hip-Hop ist elektronische Musik. Punkt.“ Er lacht. Dann erklärt er: „Der klassische Hip-Hop definiert sich meist über Sampling, es wird viel mit Synthesizern eingespielt. Sampling zum Beispiel ist ja erst über elektronische Geräte möglich geworden. Hip-Hop ist eine der ersten Musikrichtungen, in der Drummachines super steil gegangen sind, im Electro Funk, aber auch an der West Coast: Dr. Dre, Snoop Dog. Da gibt’s Synthesizer, Samplings – ganz klassisch elektronisch.

Jungle zum Beispiel ist auch eindeutig eine elektronische Musikrichtung, basiert aber komplett auf Amen Breaks, einem Drum-Break-Sample einer 70er Jahre Funk-Combo, also einem analogen Sample. Trotzdem ist das dann elektronische Musik. Oder Drum’n‘ Bass – es gibt so viele Drum’n’Bass Livebands. Ich weiß nicht, warum das so getrennt wird. In meinem Kopf ist das nicht so.“

Jahmica denkt in eine ähnliche Richtung: „Im Hip-Hop hat man auch immer ähnliche Drummachines benutzt wie später dann bei anderer elektronischer Musik. Ich glaube, wenn man den Oberbegriff („elektronische Musik“) nimmt, da gehören ganz viele Stile rein.

Im Grunde alles, wofür elektronische Geräte benutzt werden, wenn man mal richtig abstrakt werden will. Wenn jetzt ein Techno oder Acid-Produzent einen 808 nimmt, unterscheidet es sich von der Ästhetik zwar, von den Produktionsmitteln her aber nicht. Selbst wenn jemand im LoFi Bereich ein Sample flippt, was sich erst mal nach organischer Musik anhört, ist es ja trotzdem meist elektronisch produziert.“

Macht für mich Sinn, auch wenn man die historische Entwicklung von Hip-Hop und den Gebrauch der Technik im Hinterkopf hat. Shortee, der sich viel mit der Kunst des Turntablism auseinander gesetzt hat, betont die technischen Skills der DJs. „Was ich im Hip-Hop immer ganz wichtig finde ist die Position des DJ und die Techniken und Skills die da entwickelt wurden.

Es gibt Weltmeisterschaften im Scratchen & Beat Juggling, wo innerhalb von ein paar Minuten Routines aus 50 Platten gebaut werden. Daraus ist gerade um die Jahrtausendwende echt einflussreiches Zeug entstanden. Die haben live mit ihren Plattenspielern teilweise sehr elektronische Musik gemacht haben, weil sie einerseits Samples gespielt haben, andererseits die Kabel genutzt haben, um ihre Mischpulte kurzzuschließen und damit Geräusche zu modulieren.

Das haben die dann als DJ Combo performed. Gerade im Hip-Hop Insturmental Bereich hat da eine große Rolle gespielt. Turntablism ist ein nicht zu verachtender Einfluss auf Hip-Hop als elektronische Musik, vom Klang und von den Möglichkeiten her.“

Rap /Vocals
Für viele Menschen ist der Rap ein ausschlaggebendes Element für Hip-Hop. Das ist allerdings ein wenig kurz gedacht. Gewachsen ist der Hip-Hop zweifellos in enger Verbindung des DJs und des MCs. Ausschlaggebend sei diese Verknüpfung aber nicht, so Kenji. „Naja es gab am Anfang ja auch nur die „Beats“ – es gab nur DJs, keine Rapper zu Beginn.

Und die DJs haben zu Anfang das gemacht, was später der Sampler gemacht hat: Ein Stück rausgesucht, und das dann immer geloopt, vier fünf Minuten lang. Irgendwann kam dann ein MCs als Partyanheizer, der Texte darauf rausgehauen hat. Hip-Hop ist für mich also getrennt von Rap. Für mich gibt es eben Hip-Hop – die Beats – und Rap. Der heutige Rap hat mit dem von früher auch nicht mehr viel zu tun. Früher ging es ums Partymachen, darum, die Kids von der Straße zu holen und Texte gegen Gewalt zu machen, nicht Gewalt zu verherrlichen. Heute ist es oft umgekehrt. Jetzt geht’s eher darum, zu zeigen, was man hat, da wird übers Crackdealen und Leute erschießen gerappt.“

Jahmica sieht das ähnlich – zumindest in Bezug auf das, was heute Hip-Hop ist. „Von der Kultur her, was damit gemeint wird, was es ausdrücken soll – da gibt es natürlich schon Unterschiede zwischen beispielsweise Techno und Hip-Hop.“ erklärt er. „Hip-Hop ist oft eine sehr textlastige Musikrichtung gewesen, gerade dieser golden Ära Hip-Hop. Hast du früher nen Hip-Hop Text gegooglet, hattest du nen riesigen Text mit vielen Silben pro Takt. Ich würde sagen heute geht es oft auch in eine andere, reduziertere Richtung, Textmenge pro Song.

Bei einem einfachen Trap-Song beispielsweise, wo viel mit Wortwiederholung gearbeitet wird und man vielleicht fünf Zeilen hat, die sich immer wiederholen.“ In gewisser Weise sieht er den Rap auch getrennt von den Beats: Rap funktioniert in vielen Kontexten. „Ich mag es, Rappen als Stilmittel zu sehen. Das klingt erst mal so, als würde man es reduzieren auf eine Technik, aber eigentlich macht man es dadurch größer weil es anschlussfähiger wird und in viel mehr Kontexten stattfinden kann.“

Besonderheiten der gelebten Kultur
„Hip-Hop an sich ist nicht wirklich nur eine Musikrichtung. Du hast jemanden der Beats baut, jemanden der rappt, du hast Graffiti, du hast Beat Box.“ sagt Shortee zu mir. True. Wenn ich an Hip-Hop denke, sehe ich Boys mit weiten Hosen, Caps, die Breakdancen und zwischendrin mal Graffiti malen. Ich denke an Rap und an einen Typen mit fetten Kopfhörern, der scratcht und juggled. Kleiner Einwurf: es ist ja auch bezeichnend, dass man automatisch an Typen denkt, oder geht’s da nur mir so?

Flynn greift dieses Bild auf: „Früher hat man mal gesagt, Hip-Hop hätte vier Elemente: MC, Graffiti, Breakdance und Beats. Heute ist es aber so, dass jemand, der sich im Hip-Hop verortet, nicht zwangsläufig alle diese vier Sachen erfüllt, manchmal auch gar keins davon, oder andersherum: Ich kenne Leute aus der Graffiti-Szene, die hören gar keinen Hip-Hop sondern nur ganz andere Musik. Dass Hip-Hop diese vier Elemente ausmacht finde ich ein bisschen überholt. Klar, in der Entstehungszeit war das wichtig, da hat sich eine ganze Jugendszene dran orientiert.

Aber heute, wenn wir Debatten führen wie „Ist Trap noch Hip-Hop, ist Trip-Hop noch Hip-Hop“, ich glaube da spielt das keine Rolle mehr. Ich denke das ist Teil dieser Abgrenzung zwischen Techno und Hip-Hop. Dass Hip-Hop sich früher in sich als Kultur so ernst genommen hat: Wenn du dazu gehörst, dann gehörst du so richtig dazu. Aber wenn du nicht dazu gehörst, dann gehörst du auch so richtig nicht dazu. Im Techno gibt’s das glaube ich nicht so. Ich denke aber auch, dass Hip-Hop da an vielen Stellen schon raus gewachsen ist, aus diesen Dresscodes und Erkennungsmerkmalen.

Es ist ja auch aus dieser Gang-Kultur erwachsen, Graffiti, dein Revier markieren. Wenn du in der Bronx warst wusstest du dadurch, wo du hingehen kannst und wo nicht, „ok hier ist dieser Tag, die Straße gehört den und den Jungs, da gehe ich jetzt lieber nicht durch, die nehmen mir sonst meine Schuhe ab“ – diese Notwendigkeit haben wir heute nicht mehr, dadurch hat Graffiti sich ja auch in eine ganz andere Richtung entwickelt teilweise.“

Für Kenji gibt es eine klare Unterscheidung zwischen der Szene und dem Hip-Hop als Musik. „Generell ist die Frage, was man als Hip-Hop sieht. Es gibt Menschen, die sagen Hip-Hop ist Graffiti, Breakdance, Beats machen, DJing – mehrere Elemente also. Aber es gab ja Sprüher beispielsweise schon weitaus früher, als es Hip-Hop Musik gab. Ich denke „Hip-Hop“ ist ein Begriff, der ins Leben gerufen wurde, damit man es besser vermarkten konnte, und darunter wurden dann verschiedene jugendliche Trends zusammengefasst.“

Den Wunsch, sich als Szene abzugrenzen, kann Shortee nachvollziehen, früher hätte er es ähnlich gesehen. „Ich kann mir auch vorstellen, dass die Trennung aus der Szene selbst kommt. Hättest du vor 20, 30 Jahren jemanden gefragt, dann hättest du bestimmt die Antwort bekommen „Nee, Hip-Hop ist nicht elektronische Musik“. Also ich hätte das glaube ich damals so gesagt „Elektronische Musik? Ich mache Hip-Hop“ – heute ist das nicht mehr so. Wie gesagt, diese ganzen Spielarten des Hip-Hop, oder was aktuell an Hip-Hop läuft ist alles elektronisch.“

Jahmica denkt noch einen Schritt weiter, weg von den classic four der Hip-Hop Szene hin zu dem historisch-politischen Kontext. „Dass sich so Peer-Groups um etwas herum bilden, ist ja ein noch viel größerer Prozess. Wenn man sich anschaut, aus welchen revolutionären oder Protestideen Techno und Hip-Hop entstanden sind, gibt es teilweise Schnittmengen, nur haben sich die Ausdrucksformen voneinander weg entwickelt.

Im Hip-Hop gab es zwar bestimmte Standpunkte aus der Subkultur heraus, gegen welche gesellschaftlichen Verhältnisse man protestiert – gleichzeitig war die Szene aber auch geprägt von Gewalt und Homophobie, das ist bei Techno vielleicht etwas weniger der Fall gewesen, vielleicht auch aufgrund von einem freieren Umgang mit dem Körper und Sexualität – was sich wiederrum ja auch widerspiegelt in den Ästhetiken und wie man die Musik produziert, wie man ein Event darum strukturiert.

Ein idealisiertes Beispiel im Techno wäre ein Club, der ein Safe Space sein soll. Bei Hip-Hop ging‘s oft ja auch um Competitions und Battles, wo man nicht unbedingt damit rechnen konnte, nicht physisch oder psychisch verletzt zu werden. Auch wenn ich aus meiner Erfahrung spreche, die ich auf den verschiedenen Hip-Hop bzw. Technoevents gemacht habe, kann ich das schon so wiedergeben.“

Allerdings kritisiert er trotz der Unterschiede, die er benennt, den Wunsch, die verschiedenen Genres und damit einhergehenden Kulturen so klar voneinander abzugrenzen. „Ich finde es schwierig, da klare Linien zu ziehen. Ist es nicht ein bisschen anmaßend, zu sagen: Das ist eine Kultur, die soll am besten noch für Freiheit stehen, aber da und da sind die Grenzen. Da packt man Sachen in eine abgeschlossene Bubble.“

Was bleibt zu sagen?
Letztendlich gibt es keine klare Antwort auf die Frage „Ist Hip-Hop elektronische Musik?“, weil viele Menschen ein verschiedenes Verständnis davon haben, was diese Bezeichnungen. Geht es ums rein Technische, geht es um die Szene, wie haben sich die Genres historisch entwickelt?

Flynn fasst es ziemlich gut zusammen. „Wenn man es ganz wissenschaftlich betrachtet ist Hip-Hop für mich elektronische Musik weil er elektronisch hergestellt wird und das seit jeher. Über die 90er, als Hip-Hop und Techno sich in so andere Richtungen entwickelt haben, hat sich ein Konflikt aufgebaut, den es vorher nicht unbedingt gab. Ich glaube Ende der 70er Anfang der 80er waren sich die House- und die Hip-Hop Szene durchaus einig – sie wollten Tanzmusik machen, wollten Musik machen die für jeden zugänglich ist. Da haben sie sehr viel gemein.

Ich glaube vor allem viele Hip-Hopper aus der Generation vor mir sind da engstirniger, für die ist elektronische Musik Loveparade, irgendwelche vollkommen zugekachelten Kids. Ich denke aber mittlerweile sehen das die meisten Leute, die Beats machen, die ich auch so kenne, nicht mehr so.

Elektronische Musik gab es schon vor Hip-Hop, schon vor House – wahrscheinlich schon in den 50ern. Deswegen finde ich können wir uns auch einfach alle gern haben und sagen, dass wir alle elektronische Musik machen, weil wir allesamt Steckdosen brauchen, um unsere Musik zu machen.

Klar, es gibt viel Musik, die ohne Steckdose funktioniert, aber Hip-Hop nicht, Techno nicht, Aphex Twin nicht und Tangerine Dream auch nicht.“

Quo vadis, Distillery?

Die Distillery hat ein neues Zuhause in Aussicht. Über die Hintergründe und die Zukunft haben wir mit Club-Chef Steffen Kache gesprochen.

Seit 1992, also seit unfassbaren 27 Jahren, gibt es die Distillery. Holy guacamole, den Laden gibt es genauso lange wie mich. Nicht nur wegen ihrer langen Bestandszeit ist die Tille eine Art Institution unter den Clubs. Sie ist ein Teil der Geschichte des Technos in Deutschland. Dass ausgerechnet dieser etablierte Laden aus seinen vier Wänden ausziehen muss, bewegt nicht nur Stammgäste und Mitarbeitende des Clubs.

Aber von vorn.

Die Distillery zog 1995 von Connewitz in die Südvorstadt. Jetzt wird der Club einmal mehr umziehen müssen. Die Bagger werden über kurz oder lang anrollen und ihn niederreißen. Denn wo jetzt noch die Distillery ist, wird ein neues Wohngebiet entstehen.

Leipzig wächst, ohne Rücksicht auf Verluste: Der Konsum-Supermarkt in der Westwerkhalle feiert bald Eröffnung und vom So&So-Club ist nichts mehr übrig, er wurde dem Erdboden gleichgemacht – und das ist ganz wörtlich zu verstehen. Auch dort sollen Wohnungen entstehen. Verdrängt wurden Ateliers, das Pferdehaus im Westwerk und eben das So&So.

Wir befinden uns also mitten in der Zeit des Clubsterbens, die wir mit roten Stecknadeln am Zeitstrahl der stadtgeschichtlichen Entwicklung markieren könn(t)en. Im Falle der Distillery wollen wir den Teufel nicht grundlos an die Wand malen, auch wenn er meist im Detail steckt.

Grundstückseigentümer des Areals, das die Distillery (noch) ihr Zuhause nennt, ist die Stadtbau AG. Distillery-Chef Steffen Kache hat Vertreter*innen dieser AG schon mehrfach getroffen und mit ihnen gesprochen. Schon vor zwei Jahren sagte Kache in einem Interview bei uns, er schätze, die Distillery müsse wohl innerhalb der nächsten fünf Jahre das Feld räumen – quite accurate, wie sich herausstellte.

Die gute Nachricht: Die Distillery kann in jedem Fall bis Februar 2022 auf dem heutigen Gelände bleiben, das versicherte zumindest Stadtbau-Vorstand Patrik Fahrenkamp. Einen Vertrag darüber gibt es bislang aber noch nicht.

Noch besser als dieses vorläufige Bleiberecht ist, dass die Club-Betreibenden um Chef Steffen Kache bereits einen neuen Club in Aussicht haben.

„Wenn das alles so klappt, dann wird das ein cooles Ding“,

sagt er mir am Telefon. Noch ist es nicht unter Dach und Fach – trotzdem ist er sehr zuversichtlich, was die Zukunft der Distillery angeht.

Irgendwie wird es weitergehen, das steht außer Frage. Dass sich jetzt schon eine interessante Immobilie aufgetan hat, ist ein gutes Zeichen.

Foto (1) frohfroh / Foto (2) von Stefan Leuschel.

Bye Bye, Nachti

Heute gibt es good und bad news in einem Artikel: Das Nachtdigital hat weitere Line-up-Details veröffentlicht – und zugleich den Abschied von der Festivalbühne verkündet. Jan von der Crew erklärt warum.

Fangen wir mit den guten Nachrichten an: Das Line-up der diesjährigen – MINT Edition genannten – Ausgabe des Nachtdigital-Festivals ist um einige Highlights reicher geworden. So kommen nicht nur Atom TM & Tobias, Gerd Janson, Helena Hauff, Job Jobse und Robag Wruhme nach Olganitz, sondern auch Akiram en, Credit 00, David Cornelissen, Janosch , Lux, Ossia, Paquita Gordon, Steffen Bennemann und YPY.

Auch dieses Jahr spielt Ambient mit einer eigenen Bühne eine große Rolle. Eingeladen sind dort Adel Akram, Brenz Hold, Grand River, Jing, Michelson, Nika Son, Nina, Oceanic, Onetake, Rachel Lyn und Sa Pa.

Um den langen Ausklang am Sonntag kümmert sich der Prager Club Ankali mit Residents und Freunden aus dem Clubumfeld. Bestätigt sind: Diane Barbé, em ju es aj si, Eva Porating, Exhausted Modern, Fabian, Favor & Protection, Fleika, Hoff, Møreti, OGJ / Torr, Psj, Raphael Kosmos, Sinnan und St. Jakob.

Nach der Freude um das Line-up folgte in der offiziellen Pressemitteilung aber ein trauriger Satz: „Es wird das letzte Mal sein, dass ihre treuen Fans und langjährigen BegleiterInnen im Bungalowdorf in Olganitz (bei Leipzig) zusammenkommen. Denn danach ist Schluss. Nach 22 wilden und erfüllenden Jahren haben die MacherInnen Lust auf Veränderung. Was genau das heißt bleibt vorerst ungewiss.“

Ein wenig mehr zu den Beweggründen wollten wir dann doch wissen. Deshalb haben wir Jan von der Nachtdigital-Crew ein paar Fragen gestellt:

Seit wann habt ihr mit dem Gedanken gespielt, das Nachtdigital nicht mehr weiterzuführen?

Seit mehreren Monaten beschäftigen wir uns bereits mit dem Thema „Zukunft“ und was aus uns noch werden soll bzw. wohin wir wollen. Seit dem gab es viele Diskussionen rund um den Gedanken, das Nachtdigital zu beenden. Das ist natürlich auch ein Prozess, den wir gemeinsam mit unserer Crew, in der viele verschiedene Meinungen vertreten sind, erst einmal durchlaufen mussten. Bis dann der Gedanke spruchreif da steht, sind viele Stunden vergangen.

Ihr habt Lust auf Veränderung, gab es noch andere Gründe für das Ende?

Wir haben hauptsächlich gemerkt, dass ganz viel der Energie, die wir früher in das Wochenende selbst stecken konnten, heute auf der Strecke bleibt, um im Getöse des Festival-Business an der Wahrnehmungsgrenze zu bleiben.

Unsere Geschichte zeigt jedoch, dass wir von wo ganz anders herkommen und darauf keinen Bock haben. Für uns steht allein die Musik im Mittelpunkt und die Aufgabe, einen Ort und eine Zeit für unsere Gäste zu schaffen, um diesem ganzen Irrsinn zu entfliehen – darum ist Olganitz ja auch der perfekte Ort dafür. Es wird da zum Beispiel niemals gescheites Internet geben und das ist auch gut so. Ein wenig haben wir Lust dahin zurück zu kehren. Was das aber genau bedeuten mag, lassen wir offen.

Ihr werdet in der einen oder anderen Form von uns hören. Jetzt soll das Hauptaugenmerk aber darauf liegen, was wir mit Nachtdigital aufgebaut haben und was uns alle für immer verbindet: Dass wir eine große Nachti-Family sind, die die Liebe zur Musik teilt, Freunde auf der ganzen Welt gefunden oder gar die Liebe des Lebens zusammen gebracht hat.

Wie fühlt sich die Entscheidung innerhalb der Crew nun an?

Für uns alle war die Entscheidung natürlich sehr schwer zu treffen. Es sagt sich immer so leicht, genau dann aufzuhören, wenn es am schönsten ist. Aber diesen Punkt zu finden, fällt niemandem leicht – auch uns nicht. Dennoch hat diese Entscheidung nochmals sehr viel Energie frei gesetzt. Wir wollen mit einem lauten Knall die Bühne verlassen und alle sollen dabei sein. Das wird toll.

Gibt es noch Specials für die letzte Ausgabe?

Das weiß, nur wer kommt. Wir sehen uns also im Sommer.

Wer mehr zu den Anfängen und der Entwicklung des Nachtdigital erfahren möchte, dem empfehlen wir unser großes Interview zum 20. Geburtstag. Auch wenn Olganitz nicht Leipzig ist – für die lokale Szene war das Nachtdigital ein wichtiger Ort des Zusammenkommens, Ausprobierens und Weiterspinnens. Insofern wird es definitiv fehlen. Vielen Dank!

Behind the nights – For_m

Wer oder was steckt eigentlich hinter For_m? Wir haben uns mit eine*r*m der Macher*innen hinter dem Projekt getroffen und eins-zwei Facts zur neuen Veranstaltungsreihe im Institut fuer Zukunft zusammengetragen.

Kollektiv, Crew, Label?

Eine neue Veranstaltungsreihe, die schon so relativ aus dem Nichts kommt. Wer oder was For_m eigentlich ist, fragt man sich. Kollektiv, Crew, Label..? „Fluide, organisch, subtil“ und „eine Plattform zur Entfaltung diverser musikalischer Randbewegungen“, antwortet Felix, ein Teil des Duos LMB, die hinter dem Projekt stecken. Etwas kryptisch. Und damit sind wir schon mitten im Thema.

Die neue Veranstaltungsreihe im Institut fuer Zukunft ist in erster Linie eine musikalische Fortführung von LMB, wie sich im Laufe des Interviews herausstellt. Das Konzept für ihre Veranstaltung haben die beiden über vier Jahre hinweg entwickelt. For_m ist also kein zufälliges, sondern ein lange durchdachtes
Herzensprojekt.

Interdisziplinärer Austausch: Basel-Leipzig-Berlin

Das DJ-Duo LMB kennt sich schon seit gefühlt 100 Jahren. Früher haben sie sich, als elektronische Musik ihre Tage maßgeblich zu beeinflussen begann, die Nächte in Basel um die Ohren geschlagen und oft den ehemaligen Hinterhof-Club sowie ab der Eröffnung den Club Elysia besucht. Dort wurden sie bereits früh auf Garçon & Agonis aufmerksam.

Dass nun ausgerechnet diese zwei Residents des Elysia-Clubs zur ersten großen For_m-Veranstaltung spielen werden, ist somit kein Zufall.

Zur Auswahl des zweiten Headliners Lux erklärt Felix: „Lux hat eines der besten Sets gespielt, das ich jemals gehört habe… das war zur Eröffnung des Mjuts – Sie versteht es musikalische Verbindungen über Genregrenzen hinaus zu knüpfen und in einen dynamisch-kosmischen Fluss zu bringen.“

For_m: Grenzen dekonstruieren?

Musikalisch lässt sich das Format nicht eindeutig klassifizieren und setzt den Fokus zu jedem Anlass neu. Der Sound der ersten For_m soll von sogenannten Selectors bestimmt sein.

Diese hebeln gekonnt Genre-Grenzen aus und verbinden die „fliegende Masse“ zu Neuem – „deep diggen“ nennt man das wohl. Ein polyrhythmischer, kosmischer Klang aus Techno, Ambient, House bis hin zu Break-Exkursionen wird zumindest für die erste For_m das Sound-Aushängeschild.

Das Hauptanliegen der For_m-Veranstaltungen ist es und wird es sein, eine konsistente Geschichte erzählen zu können – das heißt, ein aufeinander abgestimmtes (und damit – surprise – stimmiges) Line-Up zusammenzustellen. Über den Abend soll diese Geschichte durch jeden Act weitererzählt werden: „Es lohnt sich früh zu kommen, um den Anfang der Geschichte nicht zu verpassen“, sagt Felix.

Knackpunkt bzw. eine Erleuchtung war für die Heads von For_m übrigens das Paral-lel-Festival in Barcelona, welches genau das Geschichtenerzählen und vor allem Erzählen-lassen, also das aktive Zuhören, auf die Spitze treibt.

Die Veranstaltung richtet sich an ein diverses Publikum, das der Hypno-Szene auf die ein oder andere Art nahesteht. „Fans von Aequalis werden die For_m genauso spannend finden wie Proto-Fans“, sagt Felix.

Bei For_m wird es „Musik geben, die das Publikum noch nicht allzu oft oder auch noch gar nicht gehört hat.“

Ob dem so ist und wie die Geschichte weitergeht, können wir am 29.03. im Institut fuer Zukunft herausfinden, heraushören und – um beim Storytelling zu bleiben – herauslesen.

PS: Garçon ist dieses Jahr bei eben jenem Mega-Festival in Barcelona, dem Paral-lel, gebucht. Der Kreis scheint sich zu schließen… Übrigens, die Anlage im Elysia in Basel stammt von den gleichen Expert*innen wie im objekt klein a in Dresden, nämlich von Lambda Labs aus Graz. Falls wer mal in Basel vorbeikommen sollte. Oder in Dresden. 

Artwork(s) von Hagen Schönfeld
Fotos: Garçon und Agonis

Internationaler Austausch: Controlled Violence

Das in Melbourne und Leipzig ansässige Label Controlled Violence feierte am vergangenen Wochenende die erste Labelnight im Elipamanoke. Welche Vision steckt hinter dem Projekt und was kann man sich unter einer australisch-deutschen Soundästhetik vorstellen?

Fragen über Fragen – unsere Autorin Amy hat sich mit zwei Labelmitgliedern getroffen, um sie zu klären. Die australischen Member bleiben abgesehen von ihren Künstlernamen namentlich unerwähnt.

Gleichermaßen in Leipzig und Melbourne beheimatet, machen sich Controlled Violence in Leipzig momentan mehr und mehr einen Namen.

Das Label hat zuletzt die erste deutsche Labelnight im Elipamanoke und die Releaseparty ihrer neuesten Platte im Inch by Inch gefeiert. Hinter dem Projekt stehen motivierte Techno-Liebhaber, die eine internationale Plattform aufbauen.

Controlled Violence wollen den australischen Sound nach Leipzig bringen und umgekehrt. Aber hat jemand diesen musikalischen Stil hier überhaupt auf dem Schirm? Was kann man sich denn unter Australia-Techno vorstellen? Inspiriert vom sonnigen Wetter und der paradiesischen Atmosphäre, möchte man dieses Feeling per Platte in die Clubs bringen, meint Labelchef Hooover.

Good-vibes-only-Mentalität.

Das bedeutet mehr House als Techno, mehr Natur als Industrie. Der australische Sound integriert vor allem aus live-recordings aus der heimischen Natur, die roughen, düsteren Elemente welche die Leipziger Clubs dominieren, kommen eher sporadisch vor. Genau dort wollen Controlled Violence ansetzen, die sich mit dem typisch australischen Techno nicht identifizieren wollen.

Stattdessen haben sie es sich zum Ziel gesetzt, das breite Spektrum der elektronischen Musik abzudecken und dabei eine soundästhetische Kohärenz beizubehalten, die aber vor allem auf energetischen Techno abzielt. Dementsprechend haben sie auf ihren bisher drei veröffentlichten Platten von Ambient über Minimal bis Elektro schon einige Elemente der verschiedenen Subgenres unterbringen können. Der Fokus liegt auf musikalischer Innovation und Weiterentwicklung.

Controlled Violence als Label und Plattform formte sich um die Jahre 2015/16 in Melbourne durch die Freunde Hooover und Administrator. Durch gesetzliche Einschränkungen im Nachtleben Sydneys im Jahre 2012 sahen sich die beiden, wie auch viele andere Kreative, dazu gezwungen aus der Region wegzuziehen und sich in Melbourne anzusiedeln.

Nachdem der Nährboden für ein gesundes Nachtleben gelegt war, folgte nach einigen Digitalreleases im April 2017 die erste Platte und markierte den offiziellen Startschuss für das gemeinsame Projekt. Schon hier konnte das Label seinem internationalen Anspruch gerecht werden, indem Künstler aus Sydney, Leipzig, Russland und der Türkei gefeatured wurden.

Um die Zeit der ersten Platte zog Hooover nach Leipzig um. Für ihn eine neue Welt, in der es sich erstmal zu orientieren galt. Auf der Suche nach Menschen mit ähnlichem Interesse an elektronischer Musik wandte sich Hooover per Facebook an Tobias, der heute unter dem Namen I C S. als Eli-Resident regelmäßig die Platten vor allem im Leipziger Westen kreisen lässt. Nach dem ersten gemeinsamen Treffen kristallisierte sich zwischen den beiden schnell eine selbsternannte Bromance heraus, wodurch Hooover Tobi für das Label gewinnen konnte.

Der Umzug kam deshalb nur passend für die Vision, die Controlled Violence sich von Anfang an zugeschrieben hatte: ein internationales Netzwerk für viele Künstler zu bieten, die sich mit einer ähnlichen Klangästhetik identifizieren können.

So wurden bisher auf 16 Digitalreleases und drei Platten circa 25 Künstler*innen gefeatured. Neben Artists aus Melbourne und Leipzig finden sich heute im Label-Roster außerdem Künstler*innen aus Lyon, Frankreich und Tiflis, Georgien wieder.

Es dauert wohl noch, bis der Wunsch, alle unter ein Dach zu bringen, erfüllt werden kann. Bis dahin finden sich bei Labelnights, wie jene am 16.03. im Elipamanoke, zumindest die deutschen Künstler*innen wieder.

Fürs nächste sind mehr Platten vorgesehen: Die kommenden fünf bis sechs Releases sind schon in Planung oder Arbeit. Der Fokus liegt hierbei zunächst auf Solo-Projekten, um den einzelnen Artists mehr Aufmerksamkeit und vor allem eine Stimme zu geben.

Bis dahin heißt es Ohren spitzen und reinhören:

Read on demand: 45 Minutes of Techno

Es gibt eine neue Rubrik bei uns: Read on demand. Hier stellen wir kurz und bündig Podcasts aus Leipzig vor. Den Anfang macht 45 Minutes of Techno.

Podcast:45 Minutes of Techno
Laufende Nummer:#178
Gibt es seit:03.11.2013
Musikalischer Fokus:Techno

 
NOTE NOTE –

Podcast? Podcast! = ein episodenhafter Audio- oder Videobeitrag, der über das Internet gehört werden kann. Podcast ist ein Kofferwort, welches sich aus den beiden Wörtern iPod, der offenbar maßgeblich am Erfolg der Podcastkultur beteiligt war, sowie cast, einer Abkürzung des Wortes Broadcast (Rundfunk) zusammensetzt.

(Quelle: Oxford English Dictionary)

Dass hinter dem Podcast namens 45 Minutes of Techno Georg Bigalke steckt, ist kein großes Geheimnis. Der Distillery-Resident hat uns ein paar Fragen zu seinem Podcast beantwortet – wie, wann und warum er den Podcast ins Leben gerufen hat, ob sich Künstler*innen bei ihm bewerben können und welches seine Top 3 aus über 5 Jahren und 178 Episoden sind, verrät er im Interview.

ff: Ein Podcast bei dir besteht aus…
Georg Bigalke: Eine Episode bei 45 MOT besteht immer aus einer musikalischen Kurzgeschichte (44:00 – 45:59 Minuten lang), einem 33 Sekunden langen Video als Teaser, um ein Gefühl zu vermitteln und einem der Episode entsprechenden Artwork, welches unabhängig vom jeweiligen Künstler auf den klanglichen Inhalt Bezug nimmt.

Musikalischer Fokus..?
Techno – Wobei man an dieser Stelle ganz klar sagen muss, dass Techno ein Kosmos ist und weitaus mehr als 4-to-the-floor. Techno stellt für mich schon immer eine Idee und ein Gefühl dar und keineswegs musikalische Scheuklappen oder Engstirnigkeit.

Was sind die Rahmenbedingungen bzw. Vorgaben bei einem 45 MOT-Podcast?
Der Rahmen ist relativ weit und dennoch an ein-zwei Stellen begrenzt – Die Länge muss ganz klar zwischen 44:00 und 45:59 Minuten liegen. Alles darüber oder darunter wird normalerweise nicht gesendet… Die Künstler kommen aus aller Welt – ob Live-Künstler*in oder DJ ist egal, nur exklusiv für 45 MOT sollte es entstanden sein und idealerweise kein Schubladen-Mix/Recording. Natürlich gibt es auch immer mal eine Ausnahme, aber das ist dann momentgebunden und vom jeweiligen Fragezeichen abhängig.

Wieso hast du diese Podcast-Reihe ins Leben gerufen?
Das ergab sich aus einem Gefühl heraus – Wenn ich Podcasts oder Mixe fertigte, fiel mir am Ende immer wieder auf, dass 45 Minuten scheinbar meine ganz persönliche Lieblingslänge ist. So ergab sich eines Abends im Bett genau diese Idee, gemeinsam mit Jette. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten…

Wie werden die Künstler*innen ausgewählt? Kann man sich bewerben oder werden die DJs und Liveacts ‚handverlesen‘ von dir ausgesucht?
Ausschlaggebend für eine Episode ist die Inspiration und der Aha-Moment – Unabhängig von der Größe, dem Label, dem Standing oder anderen scheinbar relevanten Größen. Ich wähle 90% aller Künstler*innen selbst aus. Der Rest ergibt sich mal mehr, mal weniger aus Zusendungen oder auch sehr speziellen schönen Zufällen.

Letztlich wird es abgerundet durch meine eigenen Episoden, die auf Grund des von mir unerwünschten Name Droppings als Special Edition laufen:

Gibt es ein bestimmtes Konzept für die Auswahl?
Nein, gibt es nicht. Es muss für mich ganz persönlich einfach passen. Wichtig ist vor allem auch, dass die Künstler*innen bereit sind Mut zu zeigen und gerne aus dem Rahmen fallen dürfen – Think out of the box.

Was motiviert dich, die Podcastreihe zu befüttern, also regelmäßig Zeit und Arbeit zu investieren?

Diese Serie ist mein Inspirationsquell – Ich liebe es neue Musik zu entdecken und neue Künstler*innen kennenzulernen. ​

Welches sind die drei Podcasts, die dir aus 178 Episoden 45 MOT am besten gefallen und sehr besonders für dich waren – erzähl uns gerne auch warum…

1. 45 Minutes of Techno by Lakker

Release: 27 Dezember 2014
Diese Episode ist sowohl künstlerisch als auch für mich persönlich ein Meilenstein. Denn Eomac & Arad aka Lakker sind für mich große musikalische Vorbilder und ich hätte niemals gedacht, dass ich die beiden für 45 MOT gewinnen kann.

2. 45 Minutes of Techno by Anja Zaube

Release: 6 Oktober 2015
Während der ganzen Jahre das beeindruckendste und mitreißendste Intro – Ein Drittel der ganzen Episode hat Anja in das Intro investiert und das auf eine unglaublich künstlerische Art & Weise. Ein genialer Einstieg in eine doch so kurze Reise.

3. 45 Minutes of Techno by The Mover

Release: 21 März 2018 Marc hat es geschafft mich während unzähliger Autofahrten während des vergangenen Jahres mit diesem sehr melodischen, aber dennoch druckvollen Meisterwerks mitzunehmen – Mitzunehmen auf ein Reise des Landens! Und ganz ehrlich? Dass Marc Acardipane aka The Mover bei 45 MOT mitmischt, fühlte sich für mich schon sehr krass an, denn er ist für mich eine Säule der elektronischen Musikkultur.

Jede Episode zeigt auf eine ganz besondere Weise die Denke der jeweiligen Künstler*innen – Nahezu jede Folge schafft es im passenden Moment ein akustisches Zuhause zu werden!

Was du noch erwähnen möchtest:
If life is too small, your ego is too big.

Danke an Georg für den Einblick. Wir hören uns jetzt durch seine Top 3 und surfen noch ein wenig durch die Podcastlandschaft, bis wir hier einen weiteren Leipziger Podcast vorstellen.

PS: Am 21. März erscheint übrigens #179 von 45 Minutes of Techno.

Here you go:

Heute leider nicht – II

Teil II unserer neuen Kolumne von Antoinette Blume und einem anonymen Gastautor ist online. Dieses Mal geht es um lange Wochenenden, die häufig Donnerstag beginnen und erst Montag enden.

Donnerstag fängt für viele Feierwütige, Stammgäste, Haltlose und Neugierige das Wochenende an. Das kleine Wochenende. Früher, zu Westwerk-Zeiten, da war es manchmal schon Mittwoch Zeit loszuziehen. Ab und zu, immer öfter. Leute kennenlernen, Flyer mitnehmen, Tanzen, Sitzen, Nachtbus fahren. Keiner ist allein. Erstmal.

Intimstes wird im Plauderton mit den neuen Bekannten in der Warteschlange der Toilette besprochen. So vielversprechend wie der jährliche Versuch mit dem Rauchen aufzuhören, wird immer wieder eingeworfen, die nächste Woche etwas ruhiger angehen lassen zu wollen, zum Beispiel, weil Prüfungen anstehen, der Job auf der Kippe steht oder sich das Tief nicht gut (genug) mit dem Hoch verträgt.

Die Woche darauf: Selbe Stelle, selbe Welle, die gleichen Reden, das gleiche gelöste Lachen. Spöttisch halb geöffneter Mund, halb geschlossene Augen, sicheres Insta-Posing.

Wie es wohl mit M. weitergeht?, fällt mir ein.

Mein neugewonnener Brieffreund schreibt mir immer wieder kurz. Dann bekomme ich unvermittelt-unerwartet einen längeren Text.

M. schreibt:

Zur Zeit fühlt sich alles, was ich mache, unglaublich belanglos und nichtig an. Meine Ziele, die ich hatte, sind mir egal geworden und ich treibe lustlos durchs Leben… Meine Arbeit lasse ich mehr und mehr schleifen und riskiere immer öfter eine Kündigung.

Die einzigen Momente, in denen ich wahre Freude verspüre, sind am Wochenende auf der Tanzfläche. Hier muss ich nicht denken, keine Verpflichtungen erfüllen und bin niemandem etwas schuldig – hier fühle ich mich endlich frei von der quälenden Last der Realität. Ich merke, wie eine Veränderung in mir vorgeht, die mir überhaupt nicht gefällt, doch selbst das reicht nicht aus, um meine allumfassende Lustlosigkeit auch nur halbherzig herauszufordern. Mal schauen was kommt. Oder geht…

Mittwoch kommt M. zu sich. Das Wochenende war scheinbar lang, die Müdigkeit und Appetitlosigkeit macht schwach. Zu schwach zu schreiben, zu schwach, um raus zu gehen. Ab Mitte der Woche fangen seine Lebensgeister an zu Zwitschern. Er schreibt mir wieder.

Mittwoch

Es ist Mittwochabend und ich liege nach der Arbeit im Bett, heute war ich das erste Mal seit elf Tagen arbeiten… Habe mich davor krankgemeldet. Diese elf Tage habe ich damit verbracht unkontrolliert Drogen zu konsumieren – in Clubs, bei Freund*innen, bei Bekannten und bei Fremden… Ich fühle mich ausgelaugt…

Mein Kopf ist schwer und ich sehne mir schon wieder den Freitag herbei – endlich wieder Tanzen! Mit dem Tanzen kommt auch der Konsum, aber das steht erstmal nicht im Mittelpunkt… Techno und Drogen gehören eben zusammen, so wie Decke und Kissen… Und nur beides zusammen gibt dir ein warmes, wohliges Gefühl, das dich langsam davongleiten lässt. Und mich aufhören lässt zu denken. ‚Living for the weekend‘ – so dämlich sich der Spruch auch anhört, so ist er wohl der, der mein Leben am besten beschreibt.

Bei diesem Gedanken fühle ich mich so erbärmlich und lächerlich, dass mir kurz übel wird. Naja, weitermachen. Immer gut gelaunt und glücklich wirken und bald ist ja auch schon wieder Wochenende. Nur noch zwei Tage. Höchstens.

Donnerstag

Ich merke, dass ich mal wieder die Kontrolle verliere. Mir wird es bald sehr schlecht gehen. Diese Feststellung frisst sich in meinen Kopf, während ich mir zwei Tropfen Benzos in ein Glas gebe. Ich kann sonst nicht schlafen.

„Du bist dir einfach absolut nichts wert“, denke ich und trinke das Glas in einem Zuge aus. Die unerträgliche Leere des Nüchtern-Seins ist abgewendet. Vorerst. Warum ich mir selbst so unwichtig bin, weiß ich auch nicht – ist mir aber auch egal, die Tropfen wirken schnell. Ich schließe die Augen und genieße den Rausch, die Flucht vor der Realität und das ist das einzig wichtige für heute Abend…

Freitag

Es ist Freitag, das bittere Pulver läuft mir langsam von der Nase in den Rachen. Über die Jahre habe ich mich daran gewöhnt und sogar angefangen den Geschmack und das Gefühl des Runterlaufens zu genießen! Ein Startschuss fürs Wochenende… Es ist kurz nach 18 Uhr und ich kann es kaum erwarten! Dieses Wochenende steht – wie immer – Techno im Kalender. Zwei Clubs in zwei Städten – Party bis in die Morgen-, Mittag- und Abendstunden.

Was am Ende bleiben wird? Eine kaputte Hülle meiner selbst, erhalten von allem, was ich nur in die Nase bekommen kann. Ein Mensch, dessen Charakter völlig verschwunden ist, besessen von den Mittelchen der Nacht. Ob ich am Ende noch Spaß habe? Das kommt auf die Dosis an. Spaß ist Sonntag meistens eh nur relativ, oft versucht man nur noch das Ziel, welches man sich selbst gesteckt hat, zu erreichen – eine Uhrzeit zu überstehen, einen Act, einen DJ mitzubekommen. Die Angst davor etwas zu verpassen, das sich jedes Wochenende wiederholt, begleitet mich auch heute aufs Neue.

Kommst du auch noch? Wollte mit dir reden, schreibt mir M. gegen 00:30 Uhr.

Nein, sorry, bin schon im Bett, haha. Wie ist es denn so?

Keine Antwort.

Samstag

Ich sitze in der Küche. Höre Radio, um mich nicht so alleine zu fühlen, während ich Nudeln mit Tomatensauce vor mir auf dem Teller habe. Normalerweise esse ich lieber etwas anderes, aber seit letzter Woche bin ich etwas appetitlos… Es ist Samstag Abend. Ich habe mir für dieses Wochenende vorgenommen mal nüchtern zu bleiben… Hab ich schon viel zu lange nicht gemacht. Bin die letzten Nächte aufgewacht und hatte Angst. Vor was? Das weiß ich nicht.

Warum? Wahrscheinlich, weil ich die 14 Tage zuvor damit verbracht habe Drogen zu nehmen und kaum zu schlafen. Was habe ich denn erwartet? Es ist nicht das erste Mal, dass es mir so geht – aber deshalb langsamer machen? Dafür habe ich keine Zeit, zu viele Partys… Ich schaue den Teller vor mir an und der Ekel überkommt mich.

Ich habe bald Geburtstag. Das einzig gute an diesem Tag ist das Geld, das mir eine ausgedehnte und exzessive Party ermöglichen wird…

‚Erbärmlich‘ denke ich mir, während ich mich über meinen Teller beuge und anfange die verklebte Nudelmasse zu essen.

Während ich seine letzte Nachricht lese, frage ich mich, ob ich wohl zu seinem Geburtstag eingeladen werde.


Anmerkung

Du hast ein Problem mit Drogen und/oder Sucht? Dir sind manche Stellen aus dem Text sehr nah? Auf diesen Seiten findest du Listen mit Adressen und Telefonnummern u. a. von Beratungsstellen, die dir Hilfe leisten können:

Suchthilfe Leipzig (Stadt Leipzig)

Übersicht regionaler Hilfsangebote (erstellt von DrugScouts)

Übersicht überregionaler Hilfsangebote (ebenfalls erstellt von DrugScouts)


Artwork(s)

Zeichnung von Leonard Kliem / Artwork von Manuel Schmieder.

Nyppy „Avoider“ / Nyppy & Funès „Quadra“


Kurze Rückblende: Vor zwei Jahren haben wir den Ambient-Electronica-Mix von Nyppy vorgestellt. Dieses Jahr sind zwei neue Eps von ihm erschienen: Zum einen „Avoider“, zum anderen „Quadra“.

Nyppy „Avoider“ (Verschwinden)

Fangen wir mit der im Januar erschienen EP „Avoider“ an. Verstörende, düstere Sounds prägen die Stimmung der sechs Stücke. Schon der erste Track „Enter“ fühlt sich an, als würde man in einen Strudel aus Horrorfilmbildern hineingezogen werden. Massive, starre Beats wie beim darauffolgenden Titeltrack zeigen die nahe Verwandtschaft zum Industrial-EBM-Dystopie-Techno auf. Etwas unregelmäßigere Bassdrums wie auf „Index“ können aber auch gut an die ganz dunkle Dubstep-Seite andocken – für genauere Referenzen fragt besser die entsprechenden Genre-Enthusiasten. Aber Dystopie passt hier schon ganz gut: Fast schon apokalyptisch muten die sieben Minuten von „Doubter“ an. Und wo viele ähnliche EPs und Alben das begehrte Licht am Ende des Tunnels bereithalten, klingt Nyppys „Avoider“ mit „Tractum.2“ genauso dunkel aus wie es begonnen hat.

Veröffentlicht wurde die EP übrigens von dem Kollektiv und Label Verschwinden, dessen Aktivitäten ihr unter http://verschwinden.org/ auschecken könnt.

Nyppy & Funès „Quadra“

Eine weitere EP von Nyppy in Kollaboration mit Funès ist im Februar erschienen: „Quadra“ beinhaltet zwei gemeinsame Stücke der beiden und jeweils ein Solostück. Im direkten Vergleich ist diese EP stärker im Dub-Techno verwurzelt und beginnt mit Funès‘ „Testa“ schon sehr leichtfüßig. Täusche ich mich oder scheint Nyppys Einfluss dafür zu sorgen, dass die beiden Zusammenarbeiten „Holo“ und „Klasma“ tatsächlich eine stärkere Über-die-Schulter-guck-Paranoia aufweisen als der Solo-Track von Funès? Jedenfalls scheint Nyppys Solo-Track „Naupa“ zum Schluss diese These zu bestätigen, denn hier wird nochmal der ganz dunkle Bass ausgepackt.

Put On Your Dancing Shoes Teil II – Hip Hop Dance

Part II hat ein wenig auf sich warten lassen, aber Dank der Unterstützung von Phil & Ken von Klein Paris und Jenny Sharp geht’s nun in die nächste Runde von Put On Your Dancing Shoes.

Hip Hop ist ja heutzutage ein irres Teekesselchen. Ihr wisst schon, ein Wort, dass mehrere Bedeutungen haben kann. So wie Bank zum Beispiel.

Nun, bei Hip Hip Hop ist es so, dass es unter anderem, aber vor allem, einen Kulturbegriff darstellt. Für die Geburtsstunde dieser Kultur gibt es die mythologisch anmutende Schöpfungsgeschichte einer Geburtstagsfete, die Kool DJ Herc im Jahre 1973 für seine Schwester geschmissen hat.

Dort sind, Gott bezeuge es, die ursprünglichen Kulturbestandteile des Hip Hop aufeinander getroffen, welche da sind: DJing, Breaking, Writing sowie die Zeremonienmeister, die ihren Segen zu diesem Beisammensein im Advent des Hip Hop gegeben haben, die MCs.

Aber euren scharfen Augen ist natürlich nicht entgangen, dass sich namentlich Hip Hop Dance nicht unter diesen vier Elementen befindet. Moment mal, Breakdance steht doch da! Tja, wisst ihr, Breakdance und Hip Hop Dance sind eher wie Geschwister, die von den Tanten, die sie zu selten sehen, dauernd verwechselt werden.

Nein nein, damals haben die DJs virtuos ihre Funkbreaks jongliert, die Breaker haben dazu gebreakt, aber es sollte noch 6 Jahre dauern, bis mit Rappers Delight von der Sugarhill Gang der erste offizielle Hip Hop Radiosong erscheint.

Mit dem musikalischen Rückenwind tatsächlicher Hip Hop Musik hat sich in den 80ern in L.A. die Tanzrichtung New Jack Swing entwickelt, hierzulande auch als Hype bezeichnet. Das entspricht ungefähr dem, was euer Körper natürlicherweise macht, wenn ihr das Intro vom Fresh Prince of Bel Air hört.

In den 90ern hat dieser Tanz seinen Weg nach New York gefunden und dort seine technische Reifung zum Hip Hop Dance als eigenständige Tanzkultur erfahren, wie wir sie heute größtenteils kennen. Insbesondere die Einflüsse des New Yorker Tanzstils Rocking, welcher auch schon dem Breakdance zugrunde liegt, sowie die erste Tempoverlangsamung im Hip Hop in Richtung 90 BPM haben den Stil maßgeblich beeinflusst.

Es wirkt jetzt alles ein bisschen, nun sagen wir, cooler:

Ende der 90er hat sich dann der völlig kommerzielle Erfolg von Hip Hop eingestellt und mit MTV und Co. kamen auch die choreographierten Musikvideos. Hach, was soll sich ein bescheidener Eigentümer einer Tanzschule anderes unter Hip Hop Tanz vorstellen als 10 Menschen, die sich synchron mit geradwinkligen Armen bewegen? So wird – bis zum heutigen Tage – Hip Hop in Tanzschulen unterrichtet, der genauer genommen als Videoclipdance bezeichnet werden müsste.

Allein die inheränt notwendige Imitation widerspricht teilweise den Grundprinzipien des Hip Hop, sodass es sich hier um eine imageschädigende Fehlbenennung handelt. Zur Abgrenzung von diesem Videocliptanz, der der Hollywood-Kultur in L.A. zuzuschreiben ist, wird der in New York gereifte Stil hierzulande auch als Freestyle Hip Hop bezeichnet. Oder kurz: Freestyle.

Und man mag es kaum glauben, aber ja, von diesen Freestyle Tänzer*innen gibt es auch welche in Leipzig. Ken Martin (19) von der Leipziger All Styles Crew Klein Paris ist einer von ihnen.

Kens Tanzkarriere hat bereits von einer Dekade mit choreographiertem Hip Hop in Tanzschulen begonnen. Seit 2012 tanzt er Hip Hop Freestyle, nimmt regelmäßig an Battles Teil und bildet jetzt schon die nächste Generation junger Tänzer aus.

Ken, wie erklärst du dem Nachwuchs, was Hip Hop Dance eigentlich ist?

K: Darauf gibt es nicht die eine Antwort. Hip Hop Dance hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. In den Anfängen – dazu sagen wir auch Oldschool – war Hip Hop Dance gewissermaßen eine Ansammlung von Social Dances, die zu Hip Hop Musik getanzt wurden. Wichtig war dabei vor allem, dass man zusammen groovt. Dabei geht man immer leicht in die Knie, was wir als Bounce bezeichnen. Außerdem kippt man den Oberkörper im Takt, so ein bisschen wie ein Rapper beim Rappen, was wir als Bodyrock bezeichnen. Beim Oldschool Hip Hop Freestyle kombiniert man diese Elemente nach seinen eigenen Vorstellungen.

https://www.youtube.com/watch?v=SqB6zWQaWV0

K: Ganz so uniform sieht Hip Hop Dance mittlerweile aber nicht mehr aus. In den 2000ern wurde die Hip Hop Musik vielfältiger. Und so auch der Tanz. Das lag vor allem am Einfluss unabhängige Beatmaker, die sich dank des Internets selbst vermarkten konnten. Hip Hop klang auf einmal elektronischer und akzentuierter. Und damit wurde auch der Tanz technischer. Das heißt, dass der Old School Social Dance zu Hip Hop New School wurde, Musik wie auch der Tanz. Dabei hat man sich dem Repertoire anderer Tanzstile bedient, zum Beispiel Popping. Diesen Mix verschiedenster Stilrichtungen, der zu Hip Hop Musik getanzt wird, bezeichnen wird als New Style.

K: In der Zeit der Beatmaker habe ich die Szene kennen gelernt.

Wie war das für dich?

K: Mein erster Kontakt mit der Szene war durch ein Battle in der Distillery namens Style Wild, welches bis heute 2 mal im Jahr stattfindet. Bei einem Freestyle Battle improvisieren die Kontrahenten zur Musik, die der DJ auswählt, und eine Jury entscheidet subjektiv über Sieg und Niederlage. Dabei gibt es keine Liga oder Vereinsorganisation wie beim Fußball. Jeder kann sich zum Battle anmelden, auch meine Oma, wenn sie möchte. Seit vielen Jahren sind Battles die dominierende Eventform in unserer Szene. Mittlerweile tritt da aber so eine kleine Sättigung ein. Wir versuchen in unserer wachsenden Community den Wettkampf nicht mehr als Hauptmotivation zu sehen, sondern wollen mehr ungezwungenen Austausch durch Jams und Parties erreichen. Mir persönlich hat das bei meiner tänzerischen Entwicklung viel mehr gebracht.

Einen etwas anderen Weg hat Jenny Sharp beschritten. Vom Tanzboden ging es irgendwann hinter die Plattenteller und dabei ist es durchaus spannend die Szene(erie) durch die Augen einer ehemaligen Tänzerin zu betrachten, welche mittlerweile die Musik selektiert, statt auf sie zu reagieren.

J: Ich habe sieben Jahre aktiv gebreakt. Mich hat am Breaking immer auch die Community, das Beisammensein gereizt – auf Reisen habe ich immer mit Locals trainiert. Mir hat das Tanzen vor allem in Liverpool Spaß gemacht, weil wir da am Wochenende zusammen durch die kleinen Clubs gezogen sind und überall getanzt haben. Allerdings fand ich es schade, dass das Tanzen (hier in Deutschland) meist einen kompetitiven Charakter hatte, was auch der Grund war, dass ich mich irgendwann stärker auf das Auflegen konzentriert habe, weil ich hier eine Community und keinen Wettbewerb (im Battlesinn) hatte.

Was mir immer wieder aufgefallen ist, dass Breaker überall auf der Welt zu den gleichen Tracks tanzen – Breakbeats sind einfach universell, aber eben leider doch begrenzt in ihrer Auswahl, da heute kaum noch Funkbreaks produziert werden. Das empfand ich damals bereits als etwas eintönig.

Ich war auch schon, bevor und während ich noch aktive Tänzerin war, auf sehr vielen verschiedenen Partys unterwegs (von ganz früher Drum´n´Bass, Jungle, Dubstep, zu später Bassmusik, Hip Hop und Instrumentalbeats), sodass ich an meinen persönlichen musikalischen Vorlieben festgehalten habe, als ich von der Tanzfläche an die Decks gewechselt bin. Auch weil es nie mein Ziel war, bei Breakdance-Veranstaltungen zu spielen, sondern in meinem Podcast „Sharp Radio“ eben eine sehr diverse und auch zeitgemäße Selection, die sich seit meinen DJ-Anfängen immer weiterentwickelt, zu präsentieren.

Das Netzwerk, das ich während meiner Breakdance-Zeit aufgebaut habe, also die Connections zur Szene haben mir den Move zum Auflegen überhaupt erst ermöglicht. Durch das Tanzen habe ich sehr viele Leute außerhalb des Tänzer*innendunstkreises kennen gelernt, die musikalisch aktiv sind und die mich dann dabei unterstützt haben, mir Sachen erklärt und mich technisch beraten, mir ihre Technik geliehen, mich gebucht haben etc.

Das Tanzen hat mich natürlich Taktgefühl gelehrt, was beim Auflegen eine Grundvoraussetzung ist. Das aus dem Tanzen so typische Einzählen des Beats auf 5-6-7-8 mache ich heute beim Auflegen immer noch unterbewusst Auch das Gefühl, was tanzbar ist, hilft bei der Selection.

Nun gibt es immer wieder diesen akward Moment für Tänzer*innen, wenn sie sagen „Ich tanze Hip Hop und gehe auf Tanz Battles„ – denn viele schließen direkt auf Filme wie Step Up to 2 the streets, Streetdance und Co, wenn sie von Hip Hop Tanz Battles hören.

J: Das hat nur sehr wenig mit der wahren urbanen Tanzkultur zutun. Auch wenn Elemente aus den Bewegungen dieselben sind, ist die kompetitive Struktur und die Dynamiken zwischen Tänzern ganz anders. Zum Beispiel sieht man bei Step Up andauernd 5er oder 8er Gruppen synchrone Tänze dramatisch unter Regen performen.

Freestyle Hip Hop ist nur selten ein Tanz, den man mit anderen in Form von so genannten „Routines„ – also kurzen Choreographien, die man mit seinen Crew-Mitgliedern zusammen und synchron vorführt. Diese „Routines„ sind wenn überhaupt nur kurz bei Battles zu sehen, wenn 2 vs. 2 Tänzer*innen gegeneinander antreten. Es gibt sogar manchmal die Regel, dass man nur eine Routine pro Runde machen darf.

Eine Plattform hat Hip Hop New School mit den ersten größeren Battles in den 2000ern gefunden. Eines der größten Europäischen Events war und ist noch heute Juste Debout mit seiner ersten Edition 2002 in Paris.

Seit 2006 ist Juste Debout ein internationales Battle, bei dem die Vorauswahl der Gewinner in ca. 7 verschiedenen Ländern stattfindet und im Anschluss das Finale mit all diesen Gewinnern in Paris nochmal gegeneinander antreten. Seitdem erlebt Hip Hop Tanz einen großen Wandel, der schon lange nichts mehr mit Old School Social Dance im Club zutun hat.

Es gibt mittlerweile aber wieder den Trend zurück in den Club zu gehen und dieser Trend wird immer populärer bei Events. So gibt es jetzt Veranstaltungen wie House Dance Forever oder Juste Debout die unter dem Motto „back to clubbing„ stattfinden.

Trotzdem ist das unter den urbanen Tänzern und Zuschauern umstritten, da man Spaß und „Clubbing„ so wenig erzwingen kann, wie jemanden im Club kennenzulernen. Zudem haben sich die Juste Debout Battles seit 2002 erheblich verändert und kommerzialisiert. Hier einmal ein klarer Vergleich von 2002 und 2018:

Die Medaille hat also mehr als zwei Seiten, deshalb wollen wir abschließend nochmals Jennys Perspektive einnehmen und den Blick für das Geschehen schärfen.

J: Ich weiß nicht, ob es da so riesige Unterschiede gibt, auch jede Party Crowd kann sehr unterschiedlich sein. Wenn ich vorher weiß, dass Hip Hop Tänzer am Start sind, pack ich auf jeden Fall ein paar 90 BPM instrumental Beats ins Set, weil sie dazu gut bouncen können. Das Problem bei Breakern auf Partys ist für mich, dass sie auch auf dem dreckigsten Kellerfloor sofort eine Cypher eröffnen, sobald man einen funky Break spielt, was die anderen Gäste manchmal vom Tanzen abhält und wenn kein Breakbeat läuft, wissen einige gar nichts mit sich anzufangen.

Tänzer*innen sind meiner Meinung nach offen und stehen bei deinem Set nie mit dem Handy vor dir und wollen, dass du unbedingt IHREN Lieblingstrack spielst. Sie lassen sich vielleicht mehr darauf ein, was man ihnen zeigt und respektieren den DJ. Wenn Tänzer am Start sind, ist die Energie auf dem Dancefloor spürbar. Also es gibt natürlich auch andere Crowds, bei denen das so ist!

Andererseits finde ich, dass die meisten Tänzer*innen viel öfter auf Partys gehen sollten. Die meisten Tänzer*innen, die ich kenne, gehen quasi nie in Clubs, das habe ich schon, bevor ich mit Auflegen angefangen habe, nie verstanden. Aber es liegt sicher daran, dass viele Tänzer*innen gesund leben, viel trainieren, seltener rauchen und weniger Alkohol trinken.

Vielleicht gefällt ihnen auch einfach das musikalische Angebot nicht – ich weiß es nicht. Aber ich muss auch sagen, dass ich wenige Tänzer*innen kenne, die sich wirklich mit Musik auseinandersetzen und auskennen – für sie steht eben das Tanzen im Mittelpunkt, was ja auch völlig okay ist.

Ich habe das Gefühl, dass die vier Elemente des Hip Hops heutzutage oft eher koexistieren, als dass sie wie ursprünglich miteinander praktiziert werden. Früher haben Breaker auf Partys zu der Musik des DJs getanzt, auf die ein MC gefreestylt hat, während draußen die Writer gesprüht haben.

Heute malen die Graffitiartists Pieces, die DJs legen auf Partys auf, die Rapper rappen auf Konzerten und die Breaker trainieren in ihrem Spot – die Berührungspunkte gibt es natürlich noch, aber nicht mehr im gleichen Maße. Das soll nicht negativ klingen, nur ist das eben der Lauf der Dinge.

Wie versprochen gibt’s auch dieses Mal eine Playlist für all diejenigen unter euch, die Bock haben noch ein wenig mehr abzutauchen:

Update, Update: Pulse Drift Recordings

Freunde des klassischen Electro brauchen sich derzeit nicht über einen Mangel an Neuerscheinungen beklagen. So gibt es aktuell eine neue 12″ von Pulse Drift Recordings – mit vier Tracks von Clear Memory-Member Varum. Aber auch ein Blick in den Katalog lohnt sich: Seit unserem Review zur zweiten Platte sind nämlich vier weitere erschienen.

Varum „Shadow Copy“

Klassisch – das ist eigentlich mein erster Eindruck beim Hören der „Shadow Copy“-EP von Varum. Es ist ja gar nicht so einfach, die passenden Worte zu finden, wenn ein Genre wie Electro mehr oder weniger ausformuliert sind, innerhalb dieser Grenzen aber immer wieder neue Musik herausgebracht wird. Auf der mittlerweile sechsten Veröffentlichung von Pulse Drift Recordings gibt es also recht klassischen Electro von Varum, der natürlich den Formalitäten entspricht und dennoch fresh klingt. Mir gefällt hier vor allem die Ausgewogenheit: Nicht zu sauber, nicht zu roh, nicht zu dark, mit genügend Atmosphäre und gleichzeitig ziemlich funky kommen die Tracks daher. Das macht sie vielseitig einsetzbar und dürfte einen sicheren Platz in vielen Plattentaschen finden.

Various Artists „Artificial Signal Network“

Die vorherige Platte auf Pulse Drift erschien 2018. Natürlich ist eine Compilation wie „Artificial Signal Network“ im direkten Vergleich zu einer Artist-EP abwechslungsreicher. Eine Vielzahl internationaler Musiker*innen pendeln zwischen fiesem Geknarze wie in „Soul Cube“, weirden Vocoder-Spielereien wie in „Zeitkapsel“ und „Energy Vampire“, hochgeschraubtem Tempo wie in „Photochemical Oxidation“ und leichter Paranoia wie in „Subsequence“. Erst zum Ende kommt mein persönlicher Favorit der EP, „Expelled User“ von Krypton 81, zum Zug: Eine Roboter-Stimme diskutiert anhand von Schlagwörtern die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, was 41 Jahre nach Kraftwerks „Mensch Maschine“ nicht nur im Electro ein brisant gebliebenes Thema ist.

kon001 „65489 CETO“

Ebenfalls 2018 erschien „65489 CETO“ mit fünf Tracks von kon001 aus Griechenland. Ganz tief einatmen und untertauchen: Während bei „USO“ noch der Sonnenschein unter der Meeresoberfläche funkelt, sinken wir mit „Project Lyra 705“ Stück für Stück hinab zum Meeresgrund und entdecken mit den weiteren drei Tracks allerlei faszinierende Seltsamkeiten. Dank Drexciya sind die Meere ein beliebtes Narrativ im Electro, vor allem, wenn nicht am Reverb gespart wird. kon001 greift diesen Faden auf und sorgt damit für die vielleicht atmosphärisch dichteste Veröffentlichung auf Pulse Drift.

Iteration Corporation „Gravitropic“

Schon eine Weile her: Release Nummer drei mit vier Tracks von Iteration Corporation wurde im September 2017 veröffentlicht. Gleich zu Beginn ein super-nervöser Einstieg mit „DNA Sequence“, aber der ist bei dem Quatsch, der aus der kleinen Nukleinsäure so manchmal resultiert, natürlich gerechtfertigt. Trockener und etwas zurückgenommener geht es mit „Escape Velocity“, danach folgt das – Verzeihung – wunderbar blumige „Flowers“. Zum Schluss verabschieden wir uns mit „Acacia“ von der Erde, denn wer möchte dazu nicht sofort ein bisschen durch das Weltall schweben?


Heute leider nicht

Ein Gastautor schreibt gemeinsam mit unserer Autorin Antoinette Blume über Rausch, Unerbittlichkeit, Krankmelden am Montag und Techno. Eine subjektive Wahrnehmungsgeschichte, die von Zeit zu Zeit von sehr bitteren Worten bestimmt ist, die Clubszene als den Mittelpunkt des Lebens begreift und dem Techno-Lifestyle alles andere unterordnet.

M. kenne ich flüchtig. Wie kaputt, wie drogenabhängig, wie intellektuell M. ist, hinterfrage ich nicht, brauche ich nicht. Oft gesehen, oft umarmt, hallo, tschüss, hast du vielleicht noch Speed? Follow me on Instagram. Eines Abends eine Nachricht, ein Text für mich. Den lese ich.

Was hältst du davon, was ist das überhaupt und was hat das mit Techno zutun? Viel, schreibe ich ihm. Wir treffen uns, er nimmt ein bisschen G, wir reden.

Lass uns da was draus machen, veröffentlichen, irgendwie, verbinden, zugänglich machen, sage ich. Ständig wird darüber geredet, sinnentleert bei jeder Afterhour geht es nur um Drogen, um Kaputtheit, um Beziehung und Geflechte, Gossip, wer was wie oft und wo, Namedropping, u know what I mean. Oder auch nicht.

Ich möchte diese Textfragmente, M.s Sicht auf die Technoszene dieser Tage, zeigen. Eine Chronik, ein Einblick ins Innere. Non-konnotiert, vielleicht kuratiert und_oder verbunden-unverbunden.

Wir machen das einfach, schreibe ich ihm. Ich bekomme immer wieder Texte, wir bleiben in Kontakt.

Auftakt

M. schreibt:

Ist die Technoszene die Subkultur mit den meisten Drogenabhängigen? Hier treffen sich verschiedenste Charaktere um sich mit Drogen abzuschalten. Eine Subkultur, in der es egal ist ob du weiß, schwarz oder asiatisch bist – hier kompensieren alle. Ob nun eine posttraumatische Belastungsstörung oder eine Depression – hier sind alle gleich und der unerbittliche 4/4 Takt macht uns alle zu seinem Sklaven und wäscht uns vermeintlich rein. Techno macht uns gleichwertig, ist aber nur ein temporärer Zustand und vor allem eine Fiktion. Die bittere Wahrheit wartet außerhalb des kalten, dunklen Gemäuers des Clubs. Jeder von uns setzt sich mit anderen Problemen im Leben auseinander und kommt damit nicht klar – die Flucht ist der düstere Keller, in dem man nicht fühlen muss, sondern einfach nur tanzt und sich den Schein-Emotionen des jeweiligen Pulvers hingibt.

Das letzte Mal / Reisebericht / Trip

Ping. Eine neue Nachricht.

Über 36 Stunden Dauerrausch. Ich komme in die Eingangshalle des Clubs und ziehe mir meine halbwegs gesellschaftstauglichen Klamotten an, zwei Sofas weiter schreit eine Frau ‚Aua‘ und ‚Hilfe‘ während genervte Türsteher versuchen sie wieder aufzurichten. Ich packe meine Sachen in meinen Rucksack, lasse meine kurze Hose liegen, bekomme einen Abschiedskuss von einem Mädchen, mit dem ich mich während der Party wohl gut verstanden habe und warte auf einen Freund, der noch irgendwo im Darkroom sein soll… 

Irgendwann gehe ich alleine los und treffe ihn später, dort, wo unser Bus nach Hause abfahren soll – 50 Minuten Verspätung – mein ‚Partner in crime‘ kotzt hinter die Blumenkästen eines Hotels, während wir in der Kälte warten. Ist das der Hedonismus, von dem alle reden? Wir kommen irgendwann an, es ist mittlerweile Montag. Ich hätte noch 3h bis ich zur Arbeit müsste. Hätte, müsste. Lege mich ins Bett und melde mich später krank.

Tag zwei des Drogengelages, es folgen noch drei weitere Tage. Ich sitze bei meinem besten Freund auf der Couch und schaue mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Zukunft bedeutet bei mir die nächste Woche. Ich lebe im Moment. Frei. Jung. (Un)abhängig. Leih ich mir gerade die gute Laune der nächsten Woche oder bin ich nüchtern immer mies drauf?

Immer wieder weiter

Wochenend-Marathon. Es ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas mache aber trotzdem bin ich aufgeregt, angespannt, voller Motivation. Ich sitze im Fernbus nach Berlin. Hier gehen die Partys länger als in Leipzig. In den letzten Tagen bin ich nur zu zehn Stunden Schlaf gekommen, fühle mich aber trotzdem relativ gut. War gerade auf der Toilette des Busses und habe meine Fanta mit G veredelt. Schmeckt nicht, lohnt sich aber. Irgendwoher muss ja die Motivation für die folgenden 40 Stunden kommen. Spätestens im Club werde ich nicht mehr zu halten sein, denn ich tanze gerne durch. Auf Technopartys rede ich nicht viel, meine Freunde wissen, wo ich tanze und können sich gerne zu mir gesellen. Aber ich bin gerne alleine mit der Musik, die wohl das Einzige ist, was mich im Leben antreibt…. Gespräche, die sich anfühlen als hätte man davon einen Mehrwert, kann ich später auf einer Afterhour führen. „Ekelhaft“, denke ich, während ich einen Schluck trinke. Die Fanta? Oder ich?

Ich schreibe ihm: Keep the good work comin‘! Aber es wird dich runterziehen. Ziehen, haha. Wir sollten eine Brieffreundschaft pflegen. Oder eine Kolumne. (…) Und… du solltest weniger Drogen nehmen, das hört sich alles sehr zerstört an. Nicht zerstörerisch, nein, ZERSTÖRT.

-Was geht es dich an? 

Dann schreib mir, wenn du Texte hast.

-Mach ich. 

Anmerkung: Du hast ein Problem mit Drogen und/oder Sucht? Dir sind manche Stellen aus dem Text sehr nah? Auf diesen Seiten findest du Listen mit Adressen und Telefonnummern u. a. von Beratungsstellen, die dir Hilfe leisten können:

Suchthilfe Leipzig (Stadt Leipzig)

Übersicht regionaler Hilfsangebote (erstellt von DrugScouts)

Übersicht überregionaler Hilfsangebote (ebenfalls erstellt von DrugScouts)

Auf Wiedersehen, So&So

Das So&So musste Ende Januar die Pforten für immer schließen – zumindest an der bisherigen Stätte in der Theresienstraße. Über die Gründe haben nicht nur wir, sondern auch die LVZ und sogar das ARD Mittagsmagazin berichtet. Mittlerweile wurde die letzte Feier gefeiert und der letzte Track gespielt. Jetzt steht der Rückbau an.

Wir haben uns ein letztes Mal im Club umgesehen – dabei entstand ein Abschiedsportrait mit gesammelten Stimmen der Beteiligten.

Ich besuche also das So&So und sein Team beim Abbau des Clubs, spreche mit verschiedenen Menschen, die Akkuschrauber anlegen, Geräte hin- und herschieben, die die Musik im Hof noch laut drehen und das Wichtigste einlagern.

Als erstes läuft mir Alex quasi in die Arme, er hat einen blauen Arbeitsanzug an und kniet an einem Treppenabsatz. „Kann ich dich mal kurz stö-‘‘, will ich gerade fragen, als ein Metallteil scheppert, „Sorry!“ hallt es aus einem anderen Raum. Jetzt scheint etwas gesägt oder vielmehr zersägt zu werden. „Ja, klar, kannst du“, lacht er.

Alex ist Stammgast seit das So&So seine Türen erstmals geöffnet hat. Er weiß es noch ganz genau, denn das war an seinem Geburtstag. Seit der Eröffnung war der Club in seiner Wochenendplanung nicht mehr wegzudenken. Das So&So war Lieblingsclub, ein zweites Zuhause, ein Teil seiner Familie und ein „Sammelort für Quatschköpfe.“

Gerade als es begann brenzlig zu werden, engagierte er sich im Club. Bis zuletzt habe er nicht geglaubt, dass sie wirklich endgültig schließen müssen und werden. Als es dann feststand, sei das ein regelrechter Schock gewesen.

Die letzten Partys waren aber nicht völligst von Traurigkeit überschattet: „Wir haben uns alle immer wieder umarmt, es waren wirklich die schönsten Veranstaltungen. Ziemlich paradox“, erzählt er. Warum er den Club mit abbaut? „Ich will meinem Lieblingsclub etwas zurückgeben – die letzten Male haben wir ihn ganz schön zerfeiert, jetzt müssen wir die letzten Teile noch gut einpacken.“

Einpacken ist das Stichwort. Denn nach Müllverbrennung sieht es im So&So nicht aus. Hier wird nichts dem Erdboden gleichgemacht, hier wird recycelt. Alles wird sorgfältig eingelagert, um so bald wie möglich wieder rausgeholt werden zu können:

„Wir wollen definitiv, dass es weitergeht“, sagen mir alle Stimmen, mit denen ich an diesen Abend spreche.

So wirklich gute Nachrichten gibt es allerdings nicht – denn was noch fehlt, ist eine neue Location.

Die So&So-ler, die um mich herumstehen, die hier Kisten tragen und Baumüll in einen Anhänger für den Wertstoffhof bringen, arbeiten hier unentgeltlich. Das letzte halbe Jahr fanden ausschließlich Soli-Veranstaltungen im So&So statt – Künstler*innen und Musiker*innen, die Leute an der Bar, der Garderobe, die Putzschichten – all das wurde, genau wie der jetzige Rückbau, von einem Teil der So&So-Crew gestemmt, die auf Geld verzichtet und teilweise persönliche Abstriche macht. Für den Club, für die Familie. Familie höre ich öfter, auch als Sika und Klöppel auf eine Zigarette stehen bleiben.

Sika wendet sich mir zu und sagt: „Ich drehe hier gerade die Schrauben raus, die ich damals reingedreht habe. Das wurde alles für die Ewigkeit gebaut“. Dumme Frage, aber wie ist da so das Frustrationslevel? „Hm – das ist scheisse!“, sagt sie und lacht ein bisschen.

„Ich finde hier Sachen, auf denen sich Gäste verewigt haben oder die von einer bestimmten Party stammen“, erzählt mir ein*e Mitarbeiter*in, der*die gerade die Spüle säubert. Das alles fühle sich doch recht ambivalent an. Genau wie die letzte-letzte-letzte Party Ende Januar. „Wir haben geweint, getanzt, es war alles dabei“, sagen sie. „Es haben sich Leute in den Armen gelegen, die sich vorher nicht kannten – die Gäste haben mit uns um den Club getrauert und trotzdem mit uns gefeiert“, erinnert sich Klöppel grinsend. Der emotionalste Moment für ihn? „Als dieser eine Track von Aerosmith lief… danach hatte ich erstmal keine Emotionen mehr in meinem Körper.“

Klar, niemand heult mehr, jetzt beim Rückbau. Draußen im Hof läuft Musik, es sägt und kreischt, Baustellenflair. Aber traurig, um all das was hier gewesen ist, sind natürlich weiterhin alle.

Die Frage nach dem neuen Club ist schon fast nervig – was macht ihr jetzt, wo geht’s denn vielleicht hin? Ihr wollt ja weitermachen?

„Es geht nicht ums Wollen, es geht ums Finden“, erklärt Sika

und ergänzt: „Wir brauchen einen neuen Ort, der uns entspricht. Und natürlich einen Außenbereich. Es sollte kein Down-Grade werden.“

Beim Rausgehen sehe ich einen Mann auf eine Leiter steigen, seine Stirnlampe leuchtet nach oben. Alex kommt vorbei und fragt, wo er den Akkuschrauber laden könne. Martin, der Mann auf der Leiter, zeigt es ihm. „Ich bin jetzt 3 Wochen hier, dann fahre ich wieder nach Fulda“, erzählt Martin. Er ist der Vater von Johannes, dem ehemaligen Betreiber des So&So. „Das kostet hier alles Energie, Zeit und Geld… aber was mich wirklich freut, sind die vielen Unterstützer*innen. Sowas kommt ja nicht von alleine. Das ist schon was Besonderes“, resümiert er und arbeitet weiter.

Mittlerweile ist es dunkel und echt kalt. Als ich in die Bahn steige, merke ich erst, wie eingefroren meine Füße sind. An nach Hause gehen war für die Helfer*innen im So&So noch nicht zu denken.

An der Motivation und Lust, das Projekt So&So an neuer Stelle schnell wieder aufleben zu lassen, wird es nicht scheitern – es braucht nur noch einen neuen Ort, an dem alles wieder aufgebaut werden kann. Und das hoffentlich schon bald.