Nyppy „Avoider“ / Nyppy & Funès „Quadra“


Kurze Rückblende: Vor zwei Jahren haben wir den Ambient-Electronica-Mix von Nyppy vorgestellt. Dieses Jahr sind zwei neue Eps von ihm erschienen: Zum einen „Avoider“, zum anderen „Quadra“.

Nyppy „Avoider“ (Verschwinden)

Fangen wir mit der im Januar erschienen EP „Avoider“ an. Verstörende, düstere Sounds prägen die Stimmung der sechs Stücke. Schon der erste Track „Enter“ fühlt sich an, als würde man in einen Strudel aus Horrorfilmbildern hineingezogen werden. Massive, starre Beats wie beim darauffolgenden Titeltrack zeigen die nahe Verwandtschaft zum Industrial-EBM-Dystopie-Techno auf. Etwas unregelmäßigere Bassdrums wie auf „Index“ können aber auch gut an die ganz dunkle Dubstep-Seite andocken – für genauere Referenzen fragt besser die entsprechenden Genre-Enthusiasten. Aber Dystopie passt hier schon ganz gut: Fast schon apokalyptisch muten die sieben Minuten von „Doubter“ an. Und wo viele ähnliche EPs und Alben das begehrte Licht am Ende des Tunnels bereithalten, klingt Nyppys „Avoider“ mit „Tractum.2“ genauso dunkel aus wie es begonnen hat.

Veröffentlicht wurde die EP übrigens von dem Kollektiv und Label Verschwinden, dessen Aktivitäten ihr unter http://verschwinden.org/ auschecken könnt.

Nyppy & Funès „Quadra“

Eine weitere EP von Nyppy in Kollaboration mit Funès ist im Februar erschienen: „Quadra“ beinhaltet zwei gemeinsame Stücke der beiden und jeweils ein Solostück. Im direkten Vergleich ist diese EP stärker im Dub-Techno verwurzelt und beginnt mit Funès‘ „Testa“ schon sehr leichtfüßig. Täusche ich mich oder scheint Nyppys Einfluss dafür zu sorgen, dass die beiden Zusammenarbeiten „Holo“ und „Klasma“ tatsächlich eine stärkere Über-die-Schulter-guck-Paranoia aufweisen als der Solo-Track von Funès? Jedenfalls scheint Nyppys Solo-Track „Naupa“ zum Schluss diese These zu bestätigen, denn hier wird nochmal der ganz dunkle Bass ausgepackt.

Put On Your Dancing Shoes Teil II – Hip Hop Dance

Part II hat ein wenig auf sich warten lassen, aber Dank der Unterstützung von Phil & Ken von Klein Paris und Jenny Sharp geht’s nun in die nächste Runde von Put On Your Dancing Shoes.

Hip Hop ist ja heutzutage ein irres Teekesselchen. Ihr wisst schon, ein Wort, dass mehrere Bedeutungen haben kann. So wie Bank zum Beispiel.

Nun, bei Hip Hip Hop ist es so, dass es unter anderem, aber vor allem, einen Kulturbegriff darstellt. Für die Geburtsstunde dieser Kultur gibt es die mythologisch anmutende Schöpfungsgeschichte einer Geburtstagsfete, die Kool DJ Herc im Jahre 1973 für seine Schwester geschmissen hat.

Dort sind, Gott bezeuge es, die ursprünglichen Kulturbestandteile des Hip Hop aufeinander getroffen, welche da sind: DJing, Breaking, Writing sowie die Zeremonienmeister, die ihren Segen zu diesem Beisammensein im Advent des Hip Hop gegeben haben, die MCs.

Aber euren scharfen Augen ist natürlich nicht entgangen, dass sich namentlich Hip Hop Dance nicht unter diesen vier Elementen befindet. Moment mal, Breakdance steht doch da! Tja, wisst ihr, Breakdance und Hip Hop Dance sind eher wie Geschwister, die von den Tanten, die sie zu selten sehen, dauernd verwechselt werden.

Nein nein, damals haben die DJs virtuos ihre Funkbreaks jongliert, die Breaker haben dazu gebreakt, aber es sollte noch 6 Jahre dauern, bis mit Rappers Delight von der Sugarhill Gang der erste offizielle Hip Hop Radiosong erscheint.

Mit dem musikalischen Rückenwind tatsächlicher Hip Hop Musik hat sich in den 80ern in L.A. die Tanzrichtung New Jack Swing entwickelt, hierzulande auch als Hype bezeichnet. Das entspricht ungefähr dem, was euer Körper natürlicherweise macht, wenn ihr das Intro vom Fresh Prince of Bel Air hört.

In den 90ern hat dieser Tanz seinen Weg nach New York gefunden und dort seine technische Reifung zum Hip Hop Dance als eigenständige Tanzkultur erfahren, wie wir sie heute größtenteils kennen. Insbesondere die Einflüsse des New Yorker Tanzstils Rocking, welcher auch schon dem Breakdance zugrunde liegt, sowie die erste Tempoverlangsamung im Hip Hop in Richtung 90 BPM haben den Stil maßgeblich beeinflusst.

Es wirkt jetzt alles ein bisschen, nun sagen wir, cooler:

Ende der 90er hat sich dann der völlig kommerzielle Erfolg von Hip Hop eingestellt und mit MTV und Co. kamen auch die choreographierten Musikvideos. Hach, was soll sich ein bescheidener Eigentümer einer Tanzschule anderes unter Hip Hop Tanz vorstellen als 10 Menschen, die sich synchron mit geradwinkligen Armen bewegen? So wird – bis zum heutigen Tage – Hip Hop in Tanzschulen unterrichtet, der genauer genommen als Videoclipdance bezeichnet werden müsste.

Allein die inheränt notwendige Imitation widerspricht teilweise den Grundprinzipien des Hip Hop, sodass es sich hier um eine imageschädigende Fehlbenennung handelt. Zur Abgrenzung von diesem Videocliptanz, der der Hollywood-Kultur in L.A. zuzuschreiben ist, wird der in New York gereifte Stil hierzulande auch als Freestyle Hip Hop bezeichnet. Oder kurz: Freestyle.

Und man mag es kaum glauben, aber ja, von diesen Freestyle Tänzer*innen gibt es auch welche in Leipzig. Ken Martin (19) von der Leipziger All Styles Crew Klein Paris ist einer von ihnen.

Kens Tanzkarriere hat bereits von einer Dekade mit choreographiertem Hip Hop in Tanzschulen begonnen. Seit 2012 tanzt er Hip Hop Freestyle, nimmt regelmäßig an Battles Teil und bildet jetzt schon die nächste Generation junger Tänzer aus.

Ken, wie erklärst du dem Nachwuchs, was Hip Hop Dance eigentlich ist?

K: Darauf gibt es nicht die eine Antwort. Hip Hop Dance hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. In den Anfängen – dazu sagen wir auch Oldschool – war Hip Hop Dance gewissermaßen eine Ansammlung von Social Dances, die zu Hip Hop Musik getanzt wurden. Wichtig war dabei vor allem, dass man zusammen groovt. Dabei geht man immer leicht in die Knie, was wir als Bounce bezeichnen. Außerdem kippt man den Oberkörper im Takt, so ein bisschen wie ein Rapper beim Rappen, was wir als Bodyrock bezeichnen. Beim Oldschool Hip Hop Freestyle kombiniert man diese Elemente nach seinen eigenen Vorstellungen.

https://www.youtube.com/watch?v=SqB6zWQaWV0

K: Ganz so uniform sieht Hip Hop Dance mittlerweile aber nicht mehr aus. In den 2000ern wurde die Hip Hop Musik vielfältiger. Und so auch der Tanz. Das lag vor allem am Einfluss unabhängige Beatmaker, die sich dank des Internets selbst vermarkten konnten. Hip Hop klang auf einmal elektronischer und akzentuierter. Und damit wurde auch der Tanz technischer. Das heißt, dass der Old School Social Dance zu Hip Hop New School wurde, Musik wie auch der Tanz. Dabei hat man sich dem Repertoire anderer Tanzstile bedient, zum Beispiel Popping. Diesen Mix verschiedenster Stilrichtungen, der zu Hip Hop Musik getanzt wird, bezeichnen wird als New Style.

K: In der Zeit der Beatmaker habe ich die Szene kennen gelernt.

Wie war das für dich?

K: Mein erster Kontakt mit der Szene war durch ein Battle in der Distillery namens Style Wild, welches bis heute 2 mal im Jahr stattfindet. Bei einem Freestyle Battle improvisieren die Kontrahenten zur Musik, die der DJ auswählt, und eine Jury entscheidet subjektiv über Sieg und Niederlage. Dabei gibt es keine Liga oder Vereinsorganisation wie beim Fußball. Jeder kann sich zum Battle anmelden, auch meine Oma, wenn sie möchte. Seit vielen Jahren sind Battles die dominierende Eventform in unserer Szene. Mittlerweile tritt da aber so eine kleine Sättigung ein. Wir versuchen in unserer wachsenden Community den Wettkampf nicht mehr als Hauptmotivation zu sehen, sondern wollen mehr ungezwungenen Austausch durch Jams und Parties erreichen. Mir persönlich hat das bei meiner tänzerischen Entwicklung viel mehr gebracht.

Einen etwas anderen Weg hat Jenny Sharp beschritten. Vom Tanzboden ging es irgendwann hinter die Plattenteller und dabei ist es durchaus spannend die Szene(erie) durch die Augen einer ehemaligen Tänzerin zu betrachten, welche mittlerweile die Musik selektiert, statt auf sie zu reagieren.

J: Ich habe sieben Jahre aktiv gebreakt. Mich hat am Breaking immer auch die Community, das Beisammensein gereizt – auf Reisen habe ich immer mit Locals trainiert. Mir hat das Tanzen vor allem in Liverpool Spaß gemacht, weil wir da am Wochenende zusammen durch die kleinen Clubs gezogen sind und überall getanzt haben. Allerdings fand ich es schade, dass das Tanzen (hier in Deutschland) meist einen kompetitiven Charakter hatte, was auch der Grund war, dass ich mich irgendwann stärker auf das Auflegen konzentriert habe, weil ich hier eine Community und keinen Wettbewerb (im Battlesinn) hatte.

Was mir immer wieder aufgefallen ist, dass Breaker überall auf der Welt zu den gleichen Tracks tanzen – Breakbeats sind einfach universell, aber eben leider doch begrenzt in ihrer Auswahl, da heute kaum noch Funkbreaks produziert werden. Das empfand ich damals bereits als etwas eintönig.

Ich war auch schon, bevor und während ich noch aktive Tänzerin war, auf sehr vielen verschiedenen Partys unterwegs (von ganz früher Drum´n´Bass, Jungle, Dubstep, zu später Bassmusik, Hip Hop und Instrumentalbeats), sodass ich an meinen persönlichen musikalischen Vorlieben festgehalten habe, als ich von der Tanzfläche an die Decks gewechselt bin. Auch weil es nie mein Ziel war, bei Breakdance-Veranstaltungen zu spielen, sondern in meinem Podcast „Sharp Radio“ eben eine sehr diverse und auch zeitgemäße Selection, die sich seit meinen DJ-Anfängen immer weiterentwickelt, zu präsentieren.

Das Netzwerk, das ich während meiner Breakdance-Zeit aufgebaut habe, also die Connections zur Szene haben mir den Move zum Auflegen überhaupt erst ermöglicht. Durch das Tanzen habe ich sehr viele Leute außerhalb des Tänzer*innendunstkreises kennen gelernt, die musikalisch aktiv sind und die mich dann dabei unterstützt haben, mir Sachen erklärt und mich technisch beraten, mir ihre Technik geliehen, mich gebucht haben etc.

Das Tanzen hat mich natürlich Taktgefühl gelehrt, was beim Auflegen eine Grundvoraussetzung ist. Das aus dem Tanzen so typische Einzählen des Beats auf 5-6-7-8 mache ich heute beim Auflegen immer noch unterbewusst Auch das Gefühl, was tanzbar ist, hilft bei der Selection.

Nun gibt es immer wieder diesen akward Moment für Tänzer*innen, wenn sie sagen „Ich tanze Hip Hop und gehe auf Tanz Battles„ – denn viele schließen direkt auf Filme wie Step Up to 2 the streets, Streetdance und Co, wenn sie von Hip Hop Tanz Battles hören.

J: Das hat nur sehr wenig mit der wahren urbanen Tanzkultur zutun. Auch wenn Elemente aus den Bewegungen dieselben sind, ist die kompetitive Struktur und die Dynamiken zwischen Tänzern ganz anders. Zum Beispiel sieht man bei Step Up andauernd 5er oder 8er Gruppen synchrone Tänze dramatisch unter Regen performen.

Freestyle Hip Hop ist nur selten ein Tanz, den man mit anderen in Form von so genannten „Routines„ – also kurzen Choreographien, die man mit seinen Crew-Mitgliedern zusammen und synchron vorführt. Diese „Routines„ sind wenn überhaupt nur kurz bei Battles zu sehen, wenn 2 vs. 2 Tänzer*innen gegeneinander antreten. Es gibt sogar manchmal die Regel, dass man nur eine Routine pro Runde machen darf.

Eine Plattform hat Hip Hop New School mit den ersten größeren Battles in den 2000ern gefunden. Eines der größten Europäischen Events war und ist noch heute Juste Debout mit seiner ersten Edition 2002 in Paris.

Seit 2006 ist Juste Debout ein internationales Battle, bei dem die Vorauswahl der Gewinner in ca. 7 verschiedenen Ländern stattfindet und im Anschluss das Finale mit all diesen Gewinnern in Paris nochmal gegeneinander antreten. Seitdem erlebt Hip Hop Tanz einen großen Wandel, der schon lange nichts mehr mit Old School Social Dance im Club zutun hat.

Es gibt mittlerweile aber wieder den Trend zurück in den Club zu gehen und dieser Trend wird immer populärer bei Events. So gibt es jetzt Veranstaltungen wie House Dance Forever oder Juste Debout die unter dem Motto „back to clubbing„ stattfinden.

Trotzdem ist das unter den urbanen Tänzern und Zuschauern umstritten, da man Spaß und „Clubbing„ so wenig erzwingen kann, wie jemanden im Club kennenzulernen. Zudem haben sich die Juste Debout Battles seit 2002 erheblich verändert und kommerzialisiert. Hier einmal ein klarer Vergleich von 2002 und 2018:

Die Medaille hat also mehr als zwei Seiten, deshalb wollen wir abschließend nochmals Jennys Perspektive einnehmen und den Blick für das Geschehen schärfen.

J: Ich weiß nicht, ob es da so riesige Unterschiede gibt, auch jede Party Crowd kann sehr unterschiedlich sein. Wenn ich vorher weiß, dass Hip Hop Tänzer am Start sind, pack ich auf jeden Fall ein paar 90 BPM instrumental Beats ins Set, weil sie dazu gut bouncen können. Das Problem bei Breakern auf Partys ist für mich, dass sie auch auf dem dreckigsten Kellerfloor sofort eine Cypher eröffnen, sobald man einen funky Break spielt, was die anderen Gäste manchmal vom Tanzen abhält und wenn kein Breakbeat läuft, wissen einige gar nichts mit sich anzufangen.

Tänzer*innen sind meiner Meinung nach offen und stehen bei deinem Set nie mit dem Handy vor dir und wollen, dass du unbedingt IHREN Lieblingstrack spielst. Sie lassen sich vielleicht mehr darauf ein, was man ihnen zeigt und respektieren den DJ. Wenn Tänzer am Start sind, ist die Energie auf dem Dancefloor spürbar. Also es gibt natürlich auch andere Crowds, bei denen das so ist!

Andererseits finde ich, dass die meisten Tänzer*innen viel öfter auf Partys gehen sollten. Die meisten Tänzer*innen, die ich kenne, gehen quasi nie in Clubs, das habe ich schon, bevor ich mit Auflegen angefangen habe, nie verstanden. Aber es liegt sicher daran, dass viele Tänzer*innen gesund leben, viel trainieren, seltener rauchen und weniger Alkohol trinken.

Vielleicht gefällt ihnen auch einfach das musikalische Angebot nicht – ich weiß es nicht. Aber ich muss auch sagen, dass ich wenige Tänzer*innen kenne, die sich wirklich mit Musik auseinandersetzen und auskennen – für sie steht eben das Tanzen im Mittelpunkt, was ja auch völlig okay ist.

Ich habe das Gefühl, dass die vier Elemente des Hip Hops heutzutage oft eher koexistieren, als dass sie wie ursprünglich miteinander praktiziert werden. Früher haben Breaker auf Partys zu der Musik des DJs getanzt, auf die ein MC gefreestylt hat, während draußen die Writer gesprüht haben.

Heute malen die Graffitiartists Pieces, die DJs legen auf Partys auf, die Rapper rappen auf Konzerten und die Breaker trainieren in ihrem Spot – die Berührungspunkte gibt es natürlich noch, aber nicht mehr im gleichen Maße. Das soll nicht negativ klingen, nur ist das eben der Lauf der Dinge.

Wie versprochen gibt’s auch dieses Mal eine Playlist für all diejenigen unter euch, die Bock haben noch ein wenig mehr abzutauchen:

Update, Update: Pulse Drift Recordings

Freunde des klassischen Electro brauchen sich derzeit nicht über einen Mangel an Neuerscheinungen beklagen. So gibt es aktuell eine neue 12″ von Pulse Drift Recordings – mit vier Tracks von Clear Memory-Member Varum. Aber auch ein Blick in den Katalog lohnt sich: Seit unserem Review zur zweiten Platte sind nämlich vier weitere erschienen.

Varum „Shadow Copy“

Klassisch – das ist eigentlich mein erster Eindruck beim Hören der „Shadow Copy“-EP von Varum. Es ist ja gar nicht so einfach, die passenden Worte zu finden, wenn ein Genre wie Electro mehr oder weniger ausformuliert sind, innerhalb dieser Grenzen aber immer wieder neue Musik herausgebracht wird. Auf der mittlerweile sechsten Veröffentlichung von Pulse Drift Recordings gibt es also recht klassischen Electro von Varum, der natürlich den Formalitäten entspricht und dennoch fresh klingt. Mir gefällt hier vor allem die Ausgewogenheit: Nicht zu sauber, nicht zu roh, nicht zu dark, mit genügend Atmosphäre und gleichzeitig ziemlich funky kommen die Tracks daher. Das macht sie vielseitig einsetzbar und dürfte einen sicheren Platz in vielen Plattentaschen finden.

Various Artists „Artificial Signal Network“

Die vorherige Platte auf Pulse Drift erschien 2018. Natürlich ist eine Compilation wie „Artificial Signal Network“ im direkten Vergleich zu einer Artist-EP abwechslungsreicher. Eine Vielzahl internationaler Musiker*innen pendeln zwischen fiesem Geknarze wie in „Soul Cube“, weirden Vocoder-Spielereien wie in „Zeitkapsel“ und „Energy Vampire“, hochgeschraubtem Tempo wie in „Photochemical Oxidation“ und leichter Paranoia wie in „Subsequence“. Erst zum Ende kommt mein persönlicher Favorit der EP, „Expelled User“ von Krypton 81, zum Zug: Eine Roboter-Stimme diskutiert anhand von Schlagwörtern die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, was 41 Jahre nach Kraftwerks „Mensch Maschine“ nicht nur im Electro ein brisant gebliebenes Thema ist.

kon001 „65489 CETO“

Ebenfalls 2018 erschien „65489 CETO“ mit fünf Tracks von kon001 aus Griechenland. Ganz tief einatmen und untertauchen: Während bei „USO“ noch der Sonnenschein unter der Meeresoberfläche funkelt, sinken wir mit „Project Lyra 705“ Stück für Stück hinab zum Meeresgrund und entdecken mit den weiteren drei Tracks allerlei faszinierende Seltsamkeiten. Dank Drexciya sind die Meere ein beliebtes Narrativ im Electro, vor allem, wenn nicht am Reverb gespart wird. kon001 greift diesen Faden auf und sorgt damit für die vielleicht atmosphärisch dichteste Veröffentlichung auf Pulse Drift.

Iteration Corporation „Gravitropic“

Schon eine Weile her: Release Nummer drei mit vier Tracks von Iteration Corporation wurde im September 2017 veröffentlicht. Gleich zu Beginn ein super-nervöser Einstieg mit „DNA Sequence“, aber der ist bei dem Quatsch, der aus der kleinen Nukleinsäure so manchmal resultiert, natürlich gerechtfertigt. Trockener und etwas zurückgenommener geht es mit „Escape Velocity“, danach folgt das – Verzeihung – wunderbar blumige „Flowers“. Zum Schluss verabschieden wir uns mit „Acacia“ von der Erde, denn wer möchte dazu nicht sofort ein bisschen durch das Weltall schweben?


Heute leider nicht

Ein Gastautor schreibt gemeinsam mit unserer Autorin Antoinette Blume über Rausch, Unerbittlichkeit, Krankmelden am Montag und Techno. Eine subjektive Wahrnehmungsgeschichte, die von Zeit zu Zeit von sehr bitteren Worten bestimmt ist, die Clubszene als den Mittelpunkt des Lebens begreift und dem Techno-Lifestyle alles andere unterordnet.

M. kenne ich flüchtig. Wie kaputt, wie drogenabhängig, wie intellektuell M. ist, hinterfrage ich nicht, brauche ich nicht. Oft gesehen, oft umarmt, hallo, tschüss, hast du vielleicht noch Speed? Follow me on Instagram. Eines Abends eine Nachricht, ein Text für mich. Den lese ich.

Was hältst du davon, was ist das überhaupt und was hat das mit Techno zutun? Viel, schreibe ich ihm. Wir treffen uns, er nimmt ein bisschen G, wir reden.

Lass uns da was draus machen, veröffentlichen, irgendwie, verbinden, zugänglich machen, sage ich. Ständig wird darüber geredet, sinnentleert bei jeder Afterhour geht es nur um Drogen, um Kaputtheit, um Beziehung und Geflechte, Gossip, wer was wie oft und wo, Namedropping, u know what I mean. Oder auch nicht.

Ich möchte diese Textfragmente, M.s Sicht auf die Technoszene dieser Tage, zeigen. Eine Chronik, ein Einblick ins Innere. Non-konnotiert, vielleicht kuratiert und_oder verbunden-unverbunden.

Wir machen das einfach, schreibe ich ihm. Ich bekomme immer wieder Texte, wir bleiben in Kontakt.

Auftakt

M. schreibt:

Ist die Technoszene die Subkultur mit den meisten Drogenabhängigen? Hier treffen sich verschiedenste Charaktere um sich mit Drogen abzuschalten. Eine Subkultur, in der es egal ist ob du weiß, schwarz oder asiatisch bist – hier kompensieren alle. Ob nun eine posttraumatische Belastungsstörung oder eine Depression – hier sind alle gleich und der unerbittliche 4/4 Takt macht uns alle zu seinem Sklaven und wäscht uns vermeintlich rein. Techno macht uns gleichwertig, ist aber nur ein temporärer Zustand und vor allem eine Fiktion. Die bittere Wahrheit wartet außerhalb des kalten, dunklen Gemäuers des Clubs. Jeder von uns setzt sich mit anderen Problemen im Leben auseinander und kommt damit nicht klar – die Flucht ist der düstere Keller, in dem man nicht fühlen muss, sondern einfach nur tanzt und sich den Schein-Emotionen des jeweiligen Pulvers hingibt.

Das letzte Mal / Reisebericht / Trip

Ping. Eine neue Nachricht.

Über 36 Stunden Dauerrausch. Ich komme in die Eingangshalle des Clubs und ziehe mir meine halbwegs gesellschaftstauglichen Klamotten an, zwei Sofas weiter schreit eine Frau ‚Aua‘ und ‚Hilfe‘ während genervte Türsteher versuchen sie wieder aufzurichten. Ich packe meine Sachen in meinen Rucksack, lasse meine kurze Hose liegen, bekomme einen Abschiedskuss von einem Mädchen, mit dem ich mich während der Party wohl gut verstanden habe und warte auf einen Freund, der noch irgendwo im Darkroom sein soll… 

Irgendwann gehe ich alleine los und treffe ihn später, dort, wo unser Bus nach Hause abfahren soll – 50 Minuten Verspätung – mein ‚Partner in crime‘ kotzt hinter die Blumenkästen eines Hotels, während wir in der Kälte warten. Ist das der Hedonismus, von dem alle reden? Wir kommen irgendwann an, es ist mittlerweile Montag. Ich hätte noch 3h bis ich zur Arbeit müsste. Hätte, müsste. Lege mich ins Bett und melde mich später krank.

Tag zwei des Drogengelages, es folgen noch drei weitere Tage. Ich sitze bei meinem besten Freund auf der Couch und schaue mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Zukunft bedeutet bei mir die nächste Woche. Ich lebe im Moment. Frei. Jung. (Un)abhängig. Leih ich mir gerade die gute Laune der nächsten Woche oder bin ich nüchtern immer mies drauf?

Immer wieder weiter

Wochenend-Marathon. Es ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas mache aber trotzdem bin ich aufgeregt, angespannt, voller Motivation. Ich sitze im Fernbus nach Berlin. Hier gehen die Partys länger als in Leipzig. In den letzten Tagen bin ich nur zu zehn Stunden Schlaf gekommen, fühle mich aber trotzdem relativ gut. War gerade auf der Toilette des Busses und habe meine Fanta mit G veredelt. Schmeckt nicht, lohnt sich aber. Irgendwoher muss ja die Motivation für die folgenden 40 Stunden kommen. Spätestens im Club werde ich nicht mehr zu halten sein, denn ich tanze gerne durch. Auf Technopartys rede ich nicht viel, meine Freunde wissen, wo ich tanze und können sich gerne zu mir gesellen. Aber ich bin gerne alleine mit der Musik, die wohl das Einzige ist, was mich im Leben antreibt…. Gespräche, die sich anfühlen als hätte man davon einen Mehrwert, kann ich später auf einer Afterhour führen. „Ekelhaft“, denke ich, während ich einen Schluck trinke. Die Fanta? Oder ich?

Ich schreibe ihm: Keep the good work comin‘! Aber es wird dich runterziehen. Ziehen, haha. Wir sollten eine Brieffreundschaft pflegen. Oder eine Kolumne. (…) Und… du solltest weniger Drogen nehmen, das hört sich alles sehr zerstört an. Nicht zerstörerisch, nein, ZERSTÖRT.

-Was geht es dich an? 

Dann schreib mir, wenn du Texte hast.

-Mach ich. 

Anmerkung: Du hast ein Problem mit Drogen und/oder Sucht? Dir sind manche Stellen aus dem Text sehr nah? Auf diesen Seiten findest du Listen mit Adressen und Telefonnummern u. a. von Beratungsstellen, die dir Hilfe leisten können:

Suchthilfe Leipzig (Stadt Leipzig)

Übersicht regionaler Hilfsangebote (erstellt von DrugScouts)

Übersicht überregionaler Hilfsangebote (ebenfalls erstellt von DrugScouts)

Auf Wiedersehen, So&So

Das So&So musste Ende Januar die Pforten für immer schließen – zumindest an der bisherigen Stätte in der Theresienstraße. Über die Gründe haben nicht nur wir, sondern auch die LVZ und sogar das ARD Mittagsmagazin berichtet. Mittlerweile wurde die letzte Feier gefeiert und der letzte Track gespielt. Jetzt steht der Rückbau an.

Wir haben uns ein letztes Mal im Club umgesehen – dabei entstand ein Abschiedsportrait mit gesammelten Stimmen der Beteiligten.

Ich besuche also das So&So und sein Team beim Abbau des Clubs, spreche mit verschiedenen Menschen, die Akkuschrauber anlegen, Geräte hin- und herschieben, die die Musik im Hof noch laut drehen und das Wichtigste einlagern.

Als erstes läuft mir Alex quasi in die Arme, er hat einen blauen Arbeitsanzug an und kniet an einem Treppenabsatz. „Kann ich dich mal kurz stö-‘‘, will ich gerade fragen, als ein Metallteil scheppert, „Sorry!“ hallt es aus einem anderen Raum. Jetzt scheint etwas gesägt oder vielmehr zersägt zu werden. „Ja, klar, kannst du“, lacht er.

Alex ist Stammgast seit das So&So seine Türen erstmals geöffnet hat. Er weiß es noch ganz genau, denn das war an seinem Geburtstag. Seit der Eröffnung war der Club in seiner Wochenendplanung nicht mehr wegzudenken. Das So&So war Lieblingsclub, ein zweites Zuhause, ein Teil seiner Familie und ein „Sammelort für Quatschköpfe.“

Gerade als es begann brenzlig zu werden, engagierte er sich im Club. Bis zuletzt habe er nicht geglaubt, dass sie wirklich endgültig schließen müssen und werden. Als es dann feststand, sei das ein regelrechter Schock gewesen.

Die letzten Partys waren aber nicht völligst von Traurigkeit überschattet: „Wir haben uns alle immer wieder umarmt, es waren wirklich die schönsten Veranstaltungen. Ziemlich paradox“, erzählt er. Warum er den Club mit abbaut? „Ich will meinem Lieblingsclub etwas zurückgeben – die letzten Male haben wir ihn ganz schön zerfeiert, jetzt müssen wir die letzten Teile noch gut einpacken.“

Einpacken ist das Stichwort. Denn nach Müllverbrennung sieht es im So&So nicht aus. Hier wird nichts dem Erdboden gleichgemacht, hier wird recycelt. Alles wird sorgfältig eingelagert, um so bald wie möglich wieder rausgeholt werden zu können:

„Wir wollen definitiv, dass es weitergeht“, sagen mir alle Stimmen, mit denen ich an diesen Abend spreche.

So wirklich gute Nachrichten gibt es allerdings nicht – denn was noch fehlt, ist eine neue Location.

Die So&So-ler, die um mich herumstehen, die hier Kisten tragen und Baumüll in einen Anhänger für den Wertstoffhof bringen, arbeiten hier unentgeltlich. Das letzte halbe Jahr fanden ausschließlich Soli-Veranstaltungen im So&So statt – Künstler*innen und Musiker*innen, die Leute an der Bar, der Garderobe, die Putzschichten – all das wurde, genau wie der jetzige Rückbau, von einem Teil der So&So-Crew gestemmt, die auf Geld verzichtet und teilweise persönliche Abstriche macht. Für den Club, für die Familie. Familie höre ich öfter, auch als Sika und Klöppel auf eine Zigarette stehen bleiben.

Sika wendet sich mir zu und sagt: „Ich drehe hier gerade die Schrauben raus, die ich damals reingedreht habe. Das wurde alles für die Ewigkeit gebaut“. Dumme Frage, aber wie ist da so das Frustrationslevel? „Hm – das ist scheisse!“, sagt sie und lacht ein bisschen.

„Ich finde hier Sachen, auf denen sich Gäste verewigt haben oder die von einer bestimmten Party stammen“, erzählt mir ein*e Mitarbeiter*in, der*die gerade die Spüle säubert. Das alles fühle sich doch recht ambivalent an. Genau wie die letzte-letzte-letzte Party Ende Januar. „Wir haben geweint, getanzt, es war alles dabei“, sagen sie. „Es haben sich Leute in den Armen gelegen, die sich vorher nicht kannten – die Gäste haben mit uns um den Club getrauert und trotzdem mit uns gefeiert“, erinnert sich Klöppel grinsend. Der emotionalste Moment für ihn? „Als dieser eine Track von Aerosmith lief… danach hatte ich erstmal keine Emotionen mehr in meinem Körper.“

Klar, niemand heult mehr, jetzt beim Rückbau. Draußen im Hof läuft Musik, es sägt und kreischt, Baustellenflair. Aber traurig, um all das was hier gewesen ist, sind natürlich weiterhin alle.

Die Frage nach dem neuen Club ist schon fast nervig – was macht ihr jetzt, wo geht’s denn vielleicht hin? Ihr wollt ja weitermachen?

„Es geht nicht ums Wollen, es geht ums Finden“, erklärt Sika

und ergänzt: „Wir brauchen einen neuen Ort, der uns entspricht. Und natürlich einen Außenbereich. Es sollte kein Down-Grade werden.“

Beim Rausgehen sehe ich einen Mann auf eine Leiter steigen, seine Stirnlampe leuchtet nach oben. Alex kommt vorbei und fragt, wo er den Akkuschrauber laden könne. Martin, der Mann auf der Leiter, zeigt es ihm. „Ich bin jetzt 3 Wochen hier, dann fahre ich wieder nach Fulda“, erzählt Martin. Er ist der Vater von Johannes, dem ehemaligen Betreiber des So&So. „Das kostet hier alles Energie, Zeit und Geld… aber was mich wirklich freut, sind die vielen Unterstützer*innen. Sowas kommt ja nicht von alleine. Das ist schon was Besonderes“, resümiert er und arbeitet weiter.

Mittlerweile ist es dunkel und echt kalt. Als ich in die Bahn steige, merke ich erst, wie eingefroren meine Füße sind. An nach Hause gehen war für die Helfer*innen im So&So noch nicht zu denken.

An der Motivation und Lust, das Projekt So&So an neuer Stelle schnell wieder aufleben zu lassen, wird es nicht scheitern – es braucht nur noch einen neuen Ort, an dem alles wieder aufgebaut werden kann. Und das hoffentlich schon bald.

10 Jahre frohfroh – Open Call

frohfroh gibt es seit 2009 – also seit 10 Jahren. Und das wollen wir, die Redaktion, mit euch feiern. Auf einem besonderen Wege – mit einem Printmagazin. Lest hier wie, wo, wann und warum wir einen Open Call starten.

Ihr kennt uns seit langem als unabhängiges, werbefreies Online-Medium für elektronische Musik in Leipzig mit einer treuen, interessierten Leserschaft. Wir sind freie Autor*innen, die sich der Subkultur, Musik, Menschen im Feierkosmos, Kollektiven und der Clublandschaft in Leipzig (im wahrsten Sinne) verschrieben haben.

2019 ist nun ein besonderes Jahr – es ist unser 10. Jubiläumsjahr. Was? Schon 10 Jahre?! Ja, schon 10 (ZEHN) Jahre. Und es wird noch krasser: Wir bringen zur Feier dieses runden Jubiläums voraussichtlich im späten Sommer unsere erste Printausgabe heraus.

Groove, Spex, Intro – das Jahr 2018 war das Jahr des Print-Sterbens einiger toller Magazine. Warum wollen wir – ausgerechnet – ein Print-Magazin herausgeben, wo doch nun so viele Magazine ihre Printhefte einstellen und endgültig nur noch auf digital statt analog setzen? Schwer zu sagen. Papierliebe, Schaffenswut und unser Jubiläum sind als Gründe zu nennen. Online kennen wir schon – Print noch nicht.

In eben dieser ersten Ausgabe zum frohfroh-Jubiläum konzentrieren wir uns mit unseren festen Autor*innen auf neue, printexklusive Texte. Das ist aber (noch) zu wenig und damit ist es Zeit für einen Open-Call!

Mit diesem Open Call möchten wir weitere Leipziger Künstler*innen aufrufen, mit ihren Illustrationen, Fotografien, Texten oder Grafikarbeiten Teil der ersten Ausgabe von frohfroh zu werden.

Also, here we go: Du hast einen Text zum Thema elektronische Musik, Clubkultur, Kollektivarbeit (…) geschrieben und weißt nicht wohin damit? Du hast ein passendes Thema gut recherchiert und willst deinen Artikel im Print veröffentlichen? Du bist Fotograf*in und hast Fotos, die sich mit unseren Themen beschäftigen oder sogar eine Reportage im Kopf, auf Papier, digital? Du bist Illustrator*in und möchtest ein ganzes Backcover gestalten? Du bist Grafiker*in und hast ein unfassbar tolles Artwork, das in ein Magazin für elektronische Musik gehört? Schreib uns, schick uns deine unveröffentliche_n Arbeit_en und erzählt es euren Freund*innen, Kolleg*innen, Tanzpartner*innen…

Alle Submissions und/oder Anfragen an: hello@frohfroh.de
Einsendeschluss ist der 30.04.2019

Wir freuen uns auf euch und eure Arbeiten.

Clubkultur & Politik III: Der Club als Schutzraum & Safer Clubbing

Zur Zeit ihrer Entstehung war die Clubkultur ein politischer Schutz- und Entfaltungsraum. Wie können Clubs heute noch als Schutzraum funktionieren und welche Rahmenbedingungen müssen hierfür geschaffen werden?

Safer Clubbing

Um den Clubbesuch genießen zu können, muss für Besucher*innen und Personal das Risiko, das oft mit vermehrtem Konsum einhergeht und besteht, wenn viele unterschiedliche Menschen auf engem Raum zusammen treffen, minimiert werden. Der Begriff „Safer Clubbing“ bezeichnet ein Konzept, welches bestimmte Maßnahmen umfasst, die eben dazu beitragen sollen.

Solche Maßnahmen können beispielsweise das Bereitstellen von Wasser und Säften gegen Dehydrierung sein, Vorhandensein eines Ruheareals oder Schulung des Personals in Erster Hilfe, Deeskalation und psychischen sowie medizinischen Notfällen.

Anlaufstelle Nummer eins in Leipzig was Safer Clubbing angeht ist das Institut für Zukunft. Es ist bekannt für die Arbeit der Safer Clubbing AG und die Zusammenarbeit mit den DrugScouts. Das Safer Clubbing-Konzept gibt es seit Eröffnung des Clubs und wurde hier innovativ gegründet.

Die Denke, den Club zu einem Schutzraum zu machen, findet sich deswegen im Selbstverständnis des Clubs wieder: „Elektronische Tanzmusik findet ihren Ursprung in marginalisierten und diskriminierten Gemeinschaften – daher möchten wir die Tradition am Leben erhalten und eine Atmosphäre schaffen, in der sich jeder willkommen und geborgen fühlt. Mit unserem Safer Clubbing-Konzept konzentrieren wir uns auf das Bewusstsein und die Aufklärung der Clubbesucher, um dies zu ermöglichen. Mit Safer Clubbing sind wir von Anfang an entschlossen, Sexismus und sexuelle Gewalt, Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Trans * -, Inter * – und Homophobie zu bekämpfen und auf diese Formen der Diskriminierung aufmerksam zu machen, die in unserem täglichen Leben vorhanden sind.“
So far, so good.

Die Arbeit der Safer Clubbing AG im Institut fuer Zukunft

Wie sieht es en détail aus, wenn man Übergriffen und Diskriminierung etwas entgegensetzen und einen Schutzraum bieten möchte, in dem sich jede*r wohl und sicher fühlt? Ich spreche mit Marlene. Sie ist seit einem Jahr in der Safer Clubbing AG des IfZ tätig.

„Falls es doch zu Übergriffen kommen sollte, bedeutet Awareness nicht nur die SC AG, sondern die komplette Crew. Wenn Betroffene zu einer Person der Crew gehen, sollte jede*r in der Lage sein, sich damit auseinanderzusetzen, die Situation zu händeln und diese betroffenenorientiert zu lösen. Wenn es dazu kommt, dass jemand einen Übergriff erlebt hat, dann wird die Situation auf jeden Fall ernst genommen und die betroffene Person hat dabei die Definitionsmacht. Wir bieten dann Möglichkeiten wie Rückzugsorte an, um die Situation zu entschleunigen und die Bedürfnisse der Person in Ruhe zu besprechen. Die Betroffenen sollten auf jeden Fall nicht übergangen werden und wir handeln immer einzelfallbezogen“, erklärt mir Marlene.

An einem Abend arbeiten immer zwei Personen der AG im Team. Erkennen kann man sie an weißen Shirts mit einem Hologramm-Print. Sie sind mit Funkgeräten ausgestattet und so jederzeit und überall erreichbar. Das Besondere am Konzept ist aber, dass es den ganzen Club betrifft: Barpersonal, Security, Garderobe – jede*r sollte ein offenes Auge und Ohr haben. Der SC AG kommt dabei ein spezieller Part zu, da sie sich in übergriffigen Situationen besonders um die Betroffenen kümmern. Um Täter*innen beispielsweise kümmern sich eher Secus.

Menschen in Clubs konsumieren, das ist Fakt.
Was den Konsum von Substanzen und das damit einhergehende Risiko angeht, fährt das IfZ die Schiene der Aufklärungsarbeit zur Bewusstseinsbildung statt Repression. Außerdem wird das Personal geschult, im Notfall helfen zu können. An der Theke und am Ausgang bekommt man ab einer bestimmten Uhrzeit Obst, es gibt Wasser und Traubenzucker.

Marlene konkretisiert: „Wir verfolgen was den Konsum von Drogen angeht einen akzeptierenden Arbeitsansatz anstelle eines repressiven. Das sieht im Einzelnen so aus, dass wir super viele Infomaterialen haben, beispielsweise gibt es von den Drugscouts Flyer zu allen möglichen Substanzen und wie man möglichst sicher konsumiert.

Wir sind, genau wie bei Übergriffen, immer ansprechbar und aufgeklärt über Substanzen. Außerdem gibt es Obst an den Bars, und wir bieten auch in diesem Kontext Rückzugmöglichkeiten an – also einen safe space, der ursachenunabhängig zur Verfügung steht, wenn ihn jemand braucht. Wir sorgen auch für Hygieneartikel – Klopapier, Papierhandtücher auswechseln beispielsweise, und es gibt safer use und safer sex Materialien.“

Warum Türpolitik auf den ersten Blick nervt – auf den zweiten aber sehr wichtig ist

Natürlich beginnt und endet gegenseitige Awareness nicht beim Betreten und Verlassen eines Clubs – trotzdem ist die Tür oft ein wichtiger Bestandteil des Verlaufs des Abends. Hier entscheidet sich unter anderem, wie das Publikum zusammengesetzt ist. Oft zieht Türpersonal Groll auf sich wenn sie jemanden wegschicken, es kursieren Mythen über diesen oder jenen Dresscode und Türsteher*innen werden oft mit finsterer Miene und dunklen Klamotten in Verbindung gebracht.

Mich interessiert, was eigentlich dahinter steckt, hinter dieser Politik an der Tür, hinter der oft so genannten und kritisierten „Selektion“, und spreche deswegen mit Malte.

Malte arbeitet seit drei Jahren im Institut für Zukunft und anderen Clubs in Leipzig, er macht Tür, Einlass und Gästebetreuung.

Türpolitik ist ja vor allem hinsichtlich des Clubs als Schutzraum wichtig, es bestehen Risiken durch den Konsum, durch das Aufeinandertreffen diverser Gruppen etc…

Wichtig ist erst mal, zu unterscheiden: Türpolitik ist nicht die Politik, die wir machen, sondern als Türsteher*in ist man eher Dienstleister*in. In anderen Clubs als dem IfZ machen nur die Clubs die Regeln, im IfZ gibt es eine etwas andere Regelung, weil die Türpolitik gleichzeitig die Clubpolitik ist oder repräsentiert – und die wird durch das Kollektiv bestimmt.

Wir an der Tür setzen also die Politik um, die von Veranstalter*innen und dem Club gewünscht ist. Aber natürlich auch sowas wie staatliche Auflagen: Wie viele Leute dürfen in den Club, Drogen sind nicht erlaubt und so weiter. Das wird manchmal durcheinander gebracht. Wir vermitteln also die Regeln, die die Veranstalter*innen erarbeiten. Oder, wie im Falle des IfZ, es im Kollektiv erarbeitet wird.

Wie sieht die Schulung von Türpersonal aus?

Im IfZ speziell gibt es für alle, die da arbeiten wollen, verpflichtend eine Safer Cubbing Schulung bzw. DrugScouts-Schulung, bei der der Umgang mit verschiedenen Substanzen und Zuständen trainiert wird. So klassische Fälle: Jemand hat zu viel Alkohol getrunken, zu viel Ketamin genommen und du musst wissen, wie du im Notfall reagierst. Auch einschätzen zu können, ab wann es ein Notfall ist oder werden kann, gehört dazu. Puls messen, stabile Seitenlage, wie trage ich jemanden und wann trage ich jemanden nicht – manche Menschen darf man z.B. nicht hochheben, wenn sie etwas Bestimmtes genommen haben.

Auch ein bisschen eine psychologische Komponente, wie rede ich mit den Leuten: Dass ich sie nicht anschreie und so weiter. Das ist die Schulung für alle, die nachts im Club arbeiten.

Wir als Tür machen noch Situationstrainings, Szenarientrainings: Wie durchsuche ich Taschen, wie spreche ich Leute an, Deeskalation und grundlegende Selbstverteidigung, was ja elementar ist.

Wofür wird man besonders sensibilisiert? Vielleicht gerade in einem Laden wie dem IfZ, in dem das Safer Clubbing Konzept etabliert ist?

Ganz klassisch sind beispielsweise schlafende Personen. Das ist der Klassiker und kommt am Abend sicher so um die fünf bis zehn mal vor. Das wirkt von außen immer harmlos, jemand liegt halt irgendwo und schläft. Das Ding ist aber: Du musst die Person immer wecken, ansprechen, weil du nicht weißt, ob sie nur schläft, bewusstlos ist, vielleicht sogar Schlimmeres. Atemstillstand oder so. Deswegen wecken wir alle nicht-ansprechbaren Personen auf unseren Runden auf und bitten sie, entweder wach im Club zu sein oder nach Hause zu gehen, bzw. betreuen wir sie dann mit Safer Clubbing oder rufen den Rettungswagen.

Wichtig ist auch, dass wir vermitteln, dass die Leute immer zu uns kommen können, auch wenn sie vielleicht illegalisierte Substanzen genommen haben. Also es sollte nicht so sein, dass sie etwas nehmen, damit nicht klar kommen und dann Angst haben, etwas zu sagen, weil sie Konsequenzen fürchten.

Wir wünschen uns, dass die Leute zu uns kommen können, aber zur Tür zu gehen ist für Viele mit Hemmungen verbunden, weshalb es im IfZ eben das Safer Clubbing gibt, die laufen durch den Club, man kann auch zur Bar oder zur Garderobe gehen. Das ist uns ganz wichtig, diese Ansprechbarkeit von allen im Kollektiv und allen AGs.

Ich glaube nämlich das Hauptproblem ist, dass die Leute erst gar nicht auf uns zukommen. Wir wünschen uns, dass der Club ein Schutzraum sein kann, aber der sexistische Normalzustand existiert eben trotzdem.

Es gibt Übergriffe in welcher Art und Weise auch immer. Manchmal lösen Leute das auch selber. Aber ich würde mir trotzdem wünschen, dass uns dann Bescheid gegeben wird, weil selbst wenn du jetzt beispielsweise einen nervigen Typen losgeworden bist, heißt das nicht, dass der nicht gleich zur nächsten Person geht. Das versuchen wir auch in einem Gespräch zu Beginn zu vermitteln. Und das ist einer der Gründe, warum wir dieses Begrüßungsgespräch führen: Dass sie dann eben auch zu uns kommen und uns Bescheid sagen.

Und klar, es wirkt erst mal abschreckend, alle nur schwarz angezogen und so weiter. Ich meine, das eine bedingt ja das andere – du sorgst für Sicherheit, da ist es auch nicht immer leicht, total locker auszusehen, du hast praktische und warme Klamotten an… Wir versuchen deswegen aber beispielsweise auch immer eine nicht-männliche Person mit am Einlass zu haben.

Gibt es spezifische Vorfälle, die immer wieder vorkommen?

Besoffene Personen sind eigentlich der Klassiker. Besoffene Personen, die zu viert, zu fünft oder auch alleine kommen – später am Abend. Die total betrunken sind, es selbst aber nicht so richtig einschätzen können. Die müssen wir wegschicken, natürlich wollen die dann nicht gehen, meinen sie sind nicht so betrunken wie wir das einschätzen – das ist das häufigste. Leute, die dann frustriert und genervt sind, mit Flaschen werfen – sowas eben. Alkohol ist da echt so der Hauptfaktor.

Oder auch Menschen im Club, die zu viel trinken, kotzen, einschlafen, bewusstlos sind, sich selbst überschätzen, Mischkonsum betreiben und nicht damit klarkommen, also Hilfe brauchen. Das Barpersonal achtet da im IfZ aber beispielsweise auch drauf, wenn jemand zu betrunken ist, bekommt er*sie dann eben keinen Alkohol mehr. Es gibt immer Wasser an der Bar – das ist in vielen Clubs nicht so, und naja, dann trinken die Leute eben einfach weiter Bier. Traubenzucker gibt’s auch an der Bar, Obst, Magentabletten – das ist ja so die Grundidee des Clubs, dass man Hilfe bekommt, in welcher Art und Weise auch immer.

Diese Maßnahmen am Einlass sind ja oft das, was die meisten Besucher*innen stinkig macht bzw. eine Art Groll auf Türsteher*innen schürt – warum ist diese Maßnahme der oft so genannten Selektion aber so wichtig?

Das ist zum Beispiel im Falle des IfZ auch ein bisschen so gewachsen: Es gab Open Air Crews, die ein Publikum hatten, welches sich nicht so benommen, nicht so gefeiert hat, wie die Crews es sich wünschen würden – prollige Machos beispielsweise.

Aus diesem Grund ist dann die Idee gewachsen, einen Club zu gründen, eben mit einem Gespräch zu Beginn, um zu checken, wie die Person so drauf ist. Obwohl man sagen muss, diese scheinbare Auswahl ist nicht, wie viele denken, à la Berghain, dass du nur mit schwarzer Bomberjacke und schwarzer Jogginghose reinkommst. Das ist Quatsch. Wir haben keinen Dresscode außer bei Fetischpartys. Außerdem gibt es natürlich bei explizit queeren/schwulen/lesbischen Partys nochmal ein anderes Selecting.

Ansonsten ist ja auch so ein offenes Geheimnis, dass große Gruppen nicht reinkommen, weil es einfach super nervig ist, wenn du auf der Tanzfläche stehst und da ist so ein Pulk von 15 Leuten – die dann als Gruppe auch noch die Bar blockieren. Auf so Junggesell*innenabschiede und grölende Geburtstagsgesellschaften haben wir halt keinen Bock.

Ich glaube das ist aber in fast jedem Club so, selbst in Clubs die eigentlich nicht selektieren. Und dieses Begrüßungsgespräch am Anfang dient ein bisschen dazu, zu schauen, wie die Leute so drauf sind. Es ist kein „Daumen runter/Daumen hoch, du kommst rein/du nicht“ sondern es geht darum, dass wir uns die Zeit nehmen, um mit den Gästen zu quatschen.

Wenn wir das Gefühl haben, die Leute verstehen, was die Regeln sind und sie Lust auf die Party haben… Wissen die zum Beispiel überhaupt, was an dem Abend für eine Party ist bzw. was für Musik läuft? Wenn Leute das nämlich nicht wissen, reinrennen und es etwas ganz anderes ist als sie erwartet haben, kommen sie nach einer halben Stunde wieder raus und nerven die Kasse, weil sie das Geld wieder haben wollen…

Auch was für ein Publikum so unterwegs ist, zum Beispiel dass bei Fetischpartys eben auch Menschen nackt im Club rumlaufen, ist wichtig. Ich meine da haben ja manche auch keine Lust drauf und/oder sie sollen dann nicht rein und da rumlaufen wie im „Zoo“, genauso auch bei Queerpartys.

Und wir versuchen dann natürlich auch die Stimmung der Leute zu checken. Wenn da jemand ankommt und schon super aggro ist, einen auf Proll macht –  natürlich kommt die Person dann nicht rein, wenn sie schon am Einlass so eine krasse toxische Maskulinität reproduziert und es nicht schafft, mal drei Minuten jemandem am Einlass zuzuhören. Die Person wird es dann genauso wenig schaffen, sich mal zwei Minuten an der Garderobe anzustellen. Also da geht’s auch darum, zu gucken, wie reagieren die Leute auf die Situation.

Zusammenfassend, warum ist deiner Meinung nach diese Türpolitik so wichtig?

Ich glaube, das Konzept des Clubs ist wichtig, und dass die Menschen wissen, was für ein Konzept sie erwartet, weil es ganz verschiedene Clubs gibt, die ganz verschiedene Arten von Feiern und Zusammensein reproduzieren.

Da sind bestimmte Personen in bestimmten Clubs eben einfach falsch aufgehoben. Dass man also einerseits die Person davor bewahrt, auf eine Party zu gehen, auf die sie keinen Bock hat, andererseits wollen wir natürlich auch das Publikum drinnen vor solchen Leuten bewahren.

Für mich ist das irgendwie gesunder Menschenverstand, so grundlegende Sachen, sowas wie Awareness, aufeinander Acht geben, Rücksicht nehmen, auch auf andere, nicht nur auf seine Freund*in – das ist für mich elementar. Aber es gibt eben Menschen, denen ist das nicht so wichtig, die feiern lieber für sich. Dann sind die bei uns aber beispielsweise falsch.

Dafür braucht es eben die Türpolitik – dass klar ist, welches Miteinander drinnen gewünscht wird und so gut es geht darauf hingearbeitet wird, dass der Club ein Schutzraum oder auch Rückzugsraum ist.

Foto oben: SC AG IfZ / Foto von Malte: Marius Hübsch

Various „Clear Memory 001“

Electro ist einfach nicht totzukriegen. Zumindest nicht, wenn es um Produzent*innen, Labels und DJs in Leipzig gibt. Die Clear Memory-Crew hat daran einen gewissen Anteil, sammelt sich hier doch ein beträchtlicher Kreis an eingeschworenen Enthusiast*innen, die Partys veranstalten, auflegen, Musik produzieren – und jetzt eine eigene 12″ herausgebracht haben.

Mysteriös, mysteriös: Fünf Tracks gibt es zu hören, die allesamt von Leuten aus der Crew stammen, welche aber wiederum anonym bleiben möchten und daher andere Artist-Namen verwenden. Kommen wir also ohne weitere Umwege zur Musik, die übrigens straighterweise nur Vinyl-only genossen werden kann.

Seite C beginnt mit „The Bill“ gleich sehr dark, irgendwie auch mit recht fies klingenden Sounds und Roboter-Stimmen – eine Ansage gegen jegliche TechHouse-Schluffigkeit sozusagen. Der Faden wird dann auch mit „Frozon“ weitergesponnen, wobei sich die hier vorherrschende Kühle vor allem in den Vocals und Synthie-Flächen mehr an 80er-Einflüssen orientiert.

Einmal Platte umdrehen, Seite M: Bei „Weltzentralcomputer“ verliert der Sound ein wenig seiner Düsternis. Hier schnattern die Sounds ein wenig unbedarfter durch die Gegend und die Melodien schielen mehr in Richtung Hymne. Vielleicht mein heimlicher Favorit der EP, war ja klar. Danach wecken die Vocals auf „My Name Is Harmony“ komische Electroclash-Assoziationen bei mir, ohne dass der Rest des Tracks darauf hindeutet. Relativ roh und mit viel Freude an quirligen Roboter-Gepiepse beendet „Chelsea Cut“ die EP.

Was ich sehr spannend finde, ist, dass die EP im Sound zwar konsistent ist, die Tracks im Detail aber genug Unterschiede aufweisen und sich eher ergänzen anstatt miteinander zu konkurrieren. Clever, denn damit finden sich viele Gelegenheiten für DJs, die Stücke einzusetzen. Und auch das Durchhören ist kurzweilig.

Various Artists „Cascade Effects I“ (Pattern // Select)

Es gibt eine neue Compilation auf Pattern // Select – eine wunderbar verträumte.

Schön, dass es Pattern // Select gibt: Das Label hat eine weiteres Tape veröffentlicht und versammelt darauf vierzehn Stücke von Musiker*innen aus aller Welt, die sich der modularen Synthese widmen. Mal kommen die Tracks mit, mal ohne Beats aus, aber sie wirken immer verträumt, immer ein wenig der Realität entrückt.

Dabei sorgen allein die unterschiedlichen Ansätze für Abwechslung: Es gibt dubbig verrauschte Stücke wie „A Floor Under“ von Un_Ovule, hell schillerndes Geplucker wie bei „Ellipses“ von Comparative Irrelevance, quirlige Melodien wie bei „Did you see Manolo“ von Gregor Pfeffer, abgehangene Downbeats wie bei „Autumn Glaze“ von Jericho oder auch Tiefsee-Ambient wie bei „Cloud Disintegration“ von Nick Jackson. Ein toller Effekt dabei ist, wie die Gedanken sich einerseits beim Hören verlieren, einige Momente in der Musik dann aber plötzlich ganz präsent sind und die verschwundene Aufmerksamkeit wieder zurückholen.

Die knapp 90 Minuten laden damit also gleichzeitig zum Wegdriften wie auch zum Hinhören ein – perfekt also für winterliche Sonntagnachmittage.

Shortee „Lost“

Funky 8-Bit-Attacke: Shortee hat ein Album mit Gameboy-Musik veröffentlicht.

Mit einem frischen „Guten Morgen, ihr Wichser“ begrüßt uns das Intro von „Lost“, gefolgt von „ready to war“-Cuts und untermalt von einem Beat, der genau das Gefühl spiegelt, den Zumutungen im Alltag wie in einem Game Boy-Spiel ausweichen zu müssen.

Womit wir mitten im Thema sind: Das Album „Lost“ von Shortee, den wir als Teil der Lofi-Travellers bereits vorgestellt haben, besteht aus zehn mit dem Game Boy produzierten Tracks, die zu Beginn zwischen Hip Hop und Dubstep angesiedelt sind, sich später aber in Richtung Uptempo-Pogo-Spaß steigern. Dazu lockern dezent platzierte Cuts und Scratches den 8-Bit-Wahnsinn auf.

Das ist vielleicht sogar ein Alleinstellungsmerkmal von Shortee: Auch wenn ich keine tieferen Einblicke in die 8-Bit-Szene habe, nehme ich an, dass diese prägnanten Hip Hop- und Scratching-Wurzeln eher die Ausnahme sind und seinen Sound in verschiedene Richtungen anschlussfähig machen.

Als Bonus gibt es noch einen Remix von Vault Kid, der den Funk in „Must fly“ nochmal verstärkt.

Hungrig geworden? Zwei weitere Tracks von bzw. mit Shortee gibt es auf den Compilations von Chiplove zu hören:

Put On Your Dancing Shoes Teil I – House Dance

Es ist wohl recht naheliegend auf frohfroh mit dem Thema House zu starten, bevor wir uns den etwas weniger elektronischen Musikstilen und Tanzformen widmen.

Somit begeben wir uns mit der heutigen Ausgabe auf die Spuren des Jack – wer er/sie/es* eigentlich ist, was dieser die letzten Jahre getrieben hat und ob man er/sie/es* auch mal in Leipzig an der Clubbar trifft…

2012 war Osunlade in der Distillery zu Gast. Der Floor hatte sich, wie eigentlich immer, in Richtung DJ gerichtet. Nur in der hintersten linken Ecke des Clubs tummelten sich vier Tänzer*innen, die ihre eigene kleine Welt kreierten. Dieser Kreis war für einige Clubbesucher*innen zunächst sicherlich ein merkwürdiger Anblick, fast schon suspekt. Viele wussten wahrscheinlich gar nicht was da gerade passiert.

Dabei war es mehr als naheliegend, dass es passierte, denn social dance war seit Anbeginn der House-Clubkultur ein wichtiger Bestandteil eben jener. Und wie man auf so manch seltenem Videomaterial der letzten Jahrzehnte erkennt, ist und war der Kreis (Circle) die bevorzugte Form, um den tänzerischen und musikalischen Austausch zu zelebrieren.

Über Warehouse, Muzic Box, das Power Plant oder Franky Knuckles wurde schon oft genug gesprochen. Den Namen DJ Ron Hardy liest man dann doch schon seltener. Dass die House Kultur in und aus der LGBTQ, African American und Latin Community heraus entstand, wird ebenfalls immer mal erwähnt. Allerdings rückt dieser Fakt heute des Öfteren in den Hintergrund – dabei ist diese Tatsache für House dance von großer Bedeutung, denn dieser Stil beruht vor allem auf Tap, Jazz, latein-amerikanischen Schritten, Elementen aus Breakdance oder gar dem Roller Skating.

Er zeichnet sich durch die schnellen Bewegungen mit den Füßen (Footwork), Floorwork (wie z. B. Lofting) und vor allem durch den konstanten Rhythmus im Körper (Jacking) aus. In den ‘Old School’ – House Tracks sind Lyrics wie „Feel the Jack“ oder „Jack your body“ zu hören. Dieser Ausdruck kommt vom sozialen Interagieren im Club, ein bisschen wie „antanzen“. Um Kontakt zu den Anderen im Club aufzubauen und auf sich aufmerksam zu machen, wurde also in besonderer Manier getanzt. Es gibt jedoch verschiedene Auffassungen was noch alles unter den Jack zählt. Ein Gefühl der im ganzen Körper ist, der verbindet und der die Musik im Körper „einschließt“ etwa..
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Das Namedropping soll an dieser Stelle nicht ausfallen. Tänzer*innen, die House dance bis heute maßgeblich beeinflussen bzw. beeinflusst haben sind etwa Marjory Smarth, Ejoe Wilson, Brian „Footwork“ Green und Tony McGregor, um nur ein paar Namen in die Runde zu werfen.

Zwischen Chicago und Leipzig liegen gute 7000 km und viele Stunden Flugzeit. Valeska von der Leipziger KleinParis-Crew war erstmals vor drei Jahren in Chicago und erzählt uns an dieser Stelle welche Erfahrungen sie gemacht hat:

Als ich Chicago in war, wollte ich wissen, ob es dort noch so etwas gibt, wie eine urbane Tanz-Szene. Nach einer langen Facebook-Event Research war ich bei einem Battle in einem Club namens The Mid, wo ich die So Swift-Crew entdeckte. So Swift ist eine all-female Tanzcrew, die House dance und Waacking vereint. Die Swift Crew und Electric Funketeers (Popping Crew) haben mich schnell in die Szene integriert, weil sie Open Dance Session hatten, bei denen jede Woche für $4 trainiert werden konnte. Sie gaben immer eine halbe Stunde Input und dann konnten wir frei trainieren, alleine oder im Cypher.

Tonic und Vero, zwei Mitglieder der So Swift Crew, erzählten mir damals, dass sie oft in House Clubs gehen würden. House Musik kannte ich nur aus schlechten Radio Remixes. Ich hatte keine Ahnung, dass House mein Leben als Tänzerin komplett verändern würde bzw. was alles hinter der Geschichte von House in Chicago steckt. Plötzlich stand ich dann im Cypher in einem der bekanntesten House Clubs in Chicago: Smartbar. House Musik, wie auch der House dance, war wie eine komplett neue Welt, die mich irgendwie total verwirrt hat, im maximal positiven Sinne.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich dazu bewegen sollte. Viel zu schnell. So ein bisschen wie wenn man jemanden kennenlernt und sofort verknallt ist, obwohl man die Person noch nie vorher gesehen hat. Ich stand also im Cypher und habe die Tänzer*innen um mich herum angehimmelt, die abwechselnd und selbstbewusst in den Cypher gingen. Ohne große Kommentare wie „Wow“ oder „Nice“ von außen. Einfach so als würde man für sich tanzen, nur das andere einem eine gewisse Aufmerksamkeit gaben. Als sie dann anfingen zu zweit in den Cypher zu gehen, verstand ich, dass es bei House um die wortlose Connection im Club geht – „Stalking“.

Weiterhin geht es um gegenseitigen Respekt, die Musik und den Austausch. Einmal tanzte ich für drei Stunden am Stück nur mit dem Ziel zu „Jacken“ und dann kam einer meiner jetzigen besten Homies, Brand1, zu mir rüber und meinte: „Just Jack, that’s what everyone else is doing here.“

Ich habe damals geschluckt, genickt und weiter gemacht. Die So Swift Crew war immer darauf bedacht, andere Frauen in die Housedance/Waacking-Szene zu involvieren. Auch im Club animierten sie immer wieder Nicht-Tänzer*innen am Cypher teilzuhaben. Da ich aus der sehr dominanten Hip Hop-Szene in Deutschland kam, hat mich das sehr motiviert und fasziniert.

House im Club in Chicago zu hören, hat mich dazu gebracht, viele weitere Tanzeskapaden im Club zu durchleben, die mich menschlich und tänzerisch unheimlich erweitert haben. In Chicago aber auch in Amsterdam, Tschechien und Leipzig gehe ich in den Club, um zu tanzen. Wenn ich in Chicago bin, bin ich mindestens ein bis zwei mal pro Woche im Club, alleine oder mit anderen zusammen. Mittlerweile traue ich mich auch immer in den Cypher.

Wieder in Leipzig gelandet wollte Valeska diesen Vibe hier aufgreifen und wiederfinden. Dass das nicht so ganz einfach war und ist, liegt auf der Hand, denn Leipzig hatte bis zu diesem Zeitpunkt keine große House dance-Szene.
Immerhin organisierte die ehemalige Troop 23 Crew ab und an Kurse und Workshops. Auf den Partys waren es dann aber meist nur wenige Tänzer*innen, die sich wie im Fall von Osunlade mit Jacking, Freestyle und Footwork auf die Tanzfläche begaben und House dance zelebrierten.

Dass sich Clubkultur und social dance nahezu voneinander verabschiedet haben, ist im House dance besonders deutlich zu erkennen. Vergleichbar ist dieses Phänomen ebenfalls ziemlich gut in der Hip Hop-Kultur zu beobachten, im Hinblick auf die Ausdifferenzierung und Spezialisierung wie beispielsweise Breaking, Writing, Rap und Djing.
House dance spielt nur noch auf wenigen Parties eine Rolle – und das sind dann auch meist die Partys, die von TänzerInnen aus der Szene selbst organisiert werden. Dementsprechend findet sich House dance heutzutage vornehmlich als Battle-Format, in (Tanz)Kursen oder freien Trainings/Sessions wieder.

Warum dem so ist, ist schwer zu beantworten. Die Theorien sind vielfältig. Afrohouse vermag diesem Trend momentan etwas entgegen zu wirken, allerdings auch nur insofern der Sound sich eher an Afrobeats bzw. Dancehall orientiert und nicht zu sehr in Richtung Deep House abdriftet.

In Leipzig passiert es nahezu nie, dass Tänzer*innen im Club jammen oder bewusst House dance praktizieren, ausgenommen die seltenen Partys, an denen die Leipziger Tänzer*innen auftauchen, wenn sie selbst mal nicht zu einem anderen Battle oder einer Jam in Deutschland bzw. Europa unterwegs sind. Die Style Wild-Crew versucht dem ein wenig entgegenzuwirken und integriert u.a. das House Battle mindestens zweimal im Jahr mit anschließender Party.

Und hier sind wir auch schon bei der eigentlichen Intention dieser Reihe angelangt. Manche der Videos scheinen etwas einzuschüchtern, aber aus der Tanz-Community wird euch nie jemand schräg anschauen, wenn ihr euch im Club ausprobiert.

Im Gegenteil, meist ist große Bereitschaft und Respekt für jeden Tanzenden im Raum. Sharing und Support der Szene sind die Fundamente, um diesen Stil überhaupt weitertragen zu können. Natürlich benötigt es Basics, also Grundschritte und Routinen, aber wenn man erstmal angefangen hat, grooved es sich auch viel einfacher und irgendwie auch abwechslungsreicher.

Auf urbandance-leipzig.de finden sich aktuelle Kurse und auch Workshops, welche in Leipzig aktuell stattfinden. Ist also nicht so schwierig die House dance-Szene hier kennenzulernen und mehr über diesen Aspekt der House-Kultur zu erfahren.

Wie bei jedem Artikel der Reihe gibt es zum Abschluss noch eine Videoplaylist. Wer also nicht ins Schlafgemach wandern möchte, einmal hier entlang:

Put On Your Dancing Shoes – Intro

Unsere neue Textreihe ‚Put On Your Dancing Shoes‘ beschäftigt sich in mindestens 8 Teilen mit dem Begriff ‚urban dance‘ – lest hier das Intro.

Packt man die Begriffe „Tanzschuhe“ bzw. „dancing shoes“ in die Bildersuche des Internets, so muss man davon ausgehen, dass die Auswahl recht beschränkt ist. Lackschuhe, Ballettschuhe und Absatzschuhe trifft man eher selten im Club an, wobei letztere etwa beim Voguing und Waacking durchaus präsent sind.

Da wäre dann auch schon die thematische Brücke geschlagen und die ersten zwei Begrifflichkeiten in den Raum geworfen. ‚Put On Your Dancing Shoes‘ wird sich in mehreren Teilen mit dem Begriff ‚urban dance‘ beschäftigen und herausfinden, was sich dahinter verbirgt und was da nun eigentlich wirklich für Schuhe im Regal stehen.

Clubs und Tanz

Clubkultur und Tänzer*innen haben sich nicht erst im Jahr 2018 etwas weiter voneinander entfernt. Und das obwohl viele Musikgenres eng mit sogenannten ‚social dances‘ verwoben sind. House in Chicago und New York war in seinen Anfängen keineswegs ein stampfendes, zum DJ gerichtetes Event. Man interagierte miteinander im Club, tauschte sich aus und drückte sich ganz unterschiedlich zur Musik aus.

https://vimeo.com/249970628

Vor allem in Europa scheint diese Art der Clubkultur bis heute nie so wirklich angekommen zu sein. Mit dieser Textreihe wollen wir auf lokaler Ebene herausfinden woran das eigentlich liegt, also eine Art Bestandsaufnahme machen, offenlegen was urbanen Tanz in und um Leipzig momentan ausmacht und was die Zukunft alles bringen könnte. Den Club werden wir dafür durchaus häufiger verlassen, thematisch hier und da weiter ausholen, auch mal abdriften – allein schon um den Unterschied zwischen Freestyle und choreografierten Inhalten aus dem Tanzstudio deutlich zu machen.

Um das Ganze etwas übersichtlicher zu gestalten werden in 8 bis 10 verschiedenen Teilen Tanzstilen jeweils Musikrichtungen zugeordnet. Das wird nicht immer trennscharf sein, gibt aber eine Richtung vor. Dabei werden, nebst ein wenig Theorie & Geschichte, Tänzer*innen und DJs/Produzent*innen aus Leipzig zu Wort kommen, uns ihre Geschichte(n) erzählen und weitere Einblicke geben. Kaum sichtbar existiert doch eine Community von 50 – 100 Leuten, welche verschiedenen Stilen wie Hip Hop, House, Waacking, Voguing, Locking, Popping, Breakdance, Footwork, Litefeet, Krumping oder Dancehall nachgehen.

Darüber hinaus fanden in den letzten Jahren immer wieder interessante Kooperationen und Fusionen statt, welche den Horizont erweitert haben. Es gab Workshops, bei denen Parallelen zwischen Charleston und House erörtert wurden oder Battleformate wie das Experimental beim Style Wild, bei dem urbaner Tanz, modern dance und zeitgenössischer Tanz zueinander finden.

Fahrplan

Der Fahrplan soll nicht zu streng sein und die Reihenfolge der Stops kann noch variieren. Wer noch immer keine quadratischen Augen nach den ganzen Video(playlists) hat, kann auf YouTube und Instagram mal nach ilovethisdance und YAK films suchen, dort findet ihr regelmäßig schöne Einblicke.