10 YRS Esoulate – Georg Bigalke im Interview

Nach Alphacut Records kann in diesem Jahr auch die Booking-Agentur mit angegliedertem Label Esoulate ihr 10-jähriges Bestehen feiern. Der Fäden-zusammen-Halter Georg Bigalke erzählt etwas aus der Geschichte.

Esoulate als Label ist dabei erst relativ jung dabei, seit dem Sommer 2011. Davor spielte der Name eher hinter den Club-Kulissen oder bei den Künstlerzugehörigkeiten eine Rolle. Bevor am kommenden Freitag groß im Elipamanoke gefeiert wird, haben wir Esoulate-Betreiber Georg Bigalke ein paar Fragen gestellt.

Was war 2003 eigentlich ausschlaggebend, esoulate zu gründen?
Diese Frage kann ich leider nicht beantworten, denn zu dieser Zeit hatte ich mit Esoulate noch nichts zu tun. Ich bin erst ein paar Jahre später als DJ in den Pool gekommen, und danach dann zur Arbeit in der Agentur.

Wer hat es denn gestartet – gab es einen anderen Ansatz?

Von DJ Rukey & Mc Rob K. wurde Esoulate gegründet. Anfänglich ging es um eine etwas bereitere Brust: Grafik, Film, Musik, Tonstudio …

Ist das Booking, Partyveranstalten und Auflegen mit Esoulate deine richtige Arbeit geworden, oder machst du es nebenher?

Ich habe lange Zeit sehr verbissen verfolgt, esoulate zu meiner finanziellen Lebensmitte erwachsen zu lassen – irgendwann habe ich aber die
Reißleine gezogen und die Dinge ein wenig entspannter betrachtet. Nein, Esoulate ist ein wichtiger Teil in meinem Arbeitsleben, aber nicht der alleinige Mittelpunkt.

Heikles Thema, aber wie haben sich die Gagen für lokal bis regional aktive DJs und Live-Acts in den letzten Jahren in Leipzig entwickelt – du bist da ja direkt dran. 

Eine klare Tendenz lässt sich da nur mäßig ablesen. Die Gage wird immer davon bestimmt wer sich zur Verhandlung trifft. Somit hat ein jeder Part, wie DJ, Live-Act, Agentur, Club, Veranstalter oder Booker seinen eigenen Stil, um die jeweilige Gage zu verhandeln. Trotz allem ist der lokale und regionale Markt nicht der Platz auf dem die auftretenden Künstler die großen Taler einsammeln. Die Heimat bildet einen wichtig Dreh- und Angelpunkt für die Acts, denn hier startet immer der Aufbau einer Fanbase. Solange ein Künstler sich selbst nicht als eine Art Produkt versteht, ist es schwierig über ernstzunehmende Gagen nachzudenken.

Seit Sommer 2011 gibt es mit esoulate music auch ein eigenes Label – macht sich das auch beim Booking bemerkbar?

Seit wir – Dsant, Efka, Simon Sunset – das Label nun betreiben ist einiges passiert. Esoulate Music wächst mehr denn je und wirkt sich positiv auf das Mutterschiff Esoulate aus.

Was war dein persönlicher Esoulate-Höhepunkt bisher?

Es ist schwierig aus den letzten Jahren lediglich einen Moment zu pflücken. Mein persönliches Highlight ist die Zusammenarbeit mit all den Künstlern und Freunden der Esoulate-Familie. Hier zeigt sich immer wieder aufs Neue, dass diese Crew unglaublich einzigartig ist. Ohne diese Menschen wäre in den letzten Jahren einiges nicht möglich gewesen – meine Verbeugung daher vor folgenden Persönlichkeiten: Gabriel, Marc, Johann, Steffen, Titus, Andi, Steve K, Anett, Mentell, Jette, Martin, Robert, Micele, Katharina, Schubi & Matze, Andresen, Paul, Marcus N, Lütti, Klima, Effe, Zach, Basti, Hendrik, StvW, Konstanze, Anna-Martha & Martin, Greini, Mottthias, Smulla, Gregor, Tournér, Sencha, Ric, David, Micha …

Esoulate Music Website
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Hallo Veränderung!

Wir sind ein Fan von dir und wir haben dich gern reingelassen in unsere Datenbank. Jetzt ist vieles anders als vorher. Besser, finden wir. Übersichtlicher, direkter verlinkt ins Archiv, und überall Artikel mit riesigen Bildern.

Die tanzenden Püppchen mussten dran glauben, sie sind nun in der Grafik-Mottenkiste. Auch die Courier-Schrift. Quicksand heißt die Neue. Der inhaltliche Enthusiasmus hinter frohfroh ist aber geblieben. Und solange sich an der Energie dieser Stadt nichts ändert, wird das auch so bleiben.

Nach dem dicken Pfropfen „Relaunch“ kommt hoffentlich endlich die Zeit für all die anderen Ideen, die bislang im Stillen schwirrten. Wir hoffen, ihr bleibt dabei.

Vielen Dank an Stefan von Frohe Zukunft Export für das Design und an Ingo von imania für die Programmierung.

Ron Deacon „B Sides“ (Team Records)

Team Records kramt ein paar B-Seiten-Tracks von Ron Deacon heraus. Dabei ist Deacon eh ein Typ für die B-Seiten.

Und das ist nicht abschätzig gemeint. Ron Deacon arbeitet sich aber generell nicht an den großen Floor-Killern ab, sondern scheint auf der permanenten Suche nach dem perfekten Moment zu sein. Immer wieder die lang gezogene Spannung, die introvertiert-treibende Deepness, das Hochschrauben in winzigen Nuancen.

Aber auf dieser EP ist Ron Deacon etwas rotziger als sonst unterwegs. „Bitch“? „Kiss My Ass“? Was ist los? Auf der anderen Seite dann aber auch „Housemusic“ und „Summertime“.

Die Vocal-Samples der ersten beiden genannten Stücke stehen im harten Kontrast zu den freundlich-gestimmten House-Wogen. Wahrscheinlich ein großer Spaß im Studio. So gänzlich unbedarft verwirrt es aber doch.

Breitbeinigkeit war den Ron Deacon-Stücken bislang nicht vorzuwerfen. Bei „Bitch“ auch nicht unbedingt, es zeigt aber, wie schnell ein Vocal ohne weiteren inhaltlichen Kontext eine verwirrende Eigendynamik entwickeln kann. Stiller Hit ist „Housemusic“.

Dafür muss man Ron Deacon einfach dankbar sein. Dass er diesen Sound für sich ganz allein in der Stadt entwickelt hat. Völlig losgelöst von irgendwelchen Partyzwängen, einfach treiben lassen, ohne ins Esoterische oder Langatmige zu verfallen. Aber es gibt eben auch den fröhlichen Deacon. Bei „Summertime“ hört man ihn milde tanzen.

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Ekkohaus „Noschool“ (Moon Harbour Recordings)

Ekkohaus schafft es mit seinem Debütalbum von Cargo Edition zu Moon Harbour und gibt dem Mutterschiff etwas von der alten Deepness zurück.

Oldschool, Newschool, Konstantinos Tassopoulos alias Ekkohaus wollte dazwischen grätschen, sich der ewigen Diskussionen über Realness und Retro entziehen. Wahrscheinlich bewegt er sich als Producer in einem gewissen Alter genau auf diesem schmalen Grat, bei dem modulare Synthesizer ebenso eine Rolle spielen wie Plug-ins. Bisher war der in Berlin lebende Ekkohaus eng mit dem Moon Harbour-Sublabel Cargo Edition verbunden. Seit 2008 gehört er dort zum Künstlerstamm.

Für „Noschool“ konnte er sich etwas mehr musikalischen Spielraum gönnen, nicht ausschließlich auf den Dancefloor geeicht. Und Ekkohaus nutzt ihn auf angenehm unprätentiöse Weise. Es geht hier nicht um eine Materialschlacht, auch nicht um die große stilistische Erweiterung.

Vielmehr gräbt er sich in die klangliche Tiefe, arbeitet viel mit warmen, analogen Sounds und längeren Vocals. Und er spielt – besonders bei den ruhigeren Stücken – mit der Rhythmik. Manchmal klingt „Noschool“ wie eine Reminiszenz an den „alten“ Deep House der späten Neunziger. Im Prinzip auch an den anfänglichen Moon Harbour-Sound.

Etwas, dass Ekkohaus wohl eigentlich vermeiden wollte. Doch die lang gedehnten Fender-Chords ziehen das Album unwillkürlich in diese Richtung. Allerdings fühlt sich diese Patina heute auch wieder anders an. Nicht so reduziert und klinisch sauber, mit einem milchigen Schleier überzogen. Träumerischer auch.

Einige Längen bleiben zwar nicht aus, aber insgesamt verbreitet „Noschool“ eine erstaunlich entspannte und in sich schlüssige Klangtemperatur. Mit großer Detailtiefe arrangiert. Die zwei Jahre hinter „Noschool“ sind da eindeutig herauszuhören.

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Ein anderer Sound

2013 wird das Jahr der Club-Neugründungen. Nach dem Täubchenthal steht im Herbst ein weiteres Club-Projekt an. Für den guten Sound könnt ihr schon jetzt etwas tun.

Momentan soll sich in Leipzig keiner aufregen, dass die Dynamik innerhalb der Clubkultur abhanden gekommen sei. In den geordneten Bahnen versteht sich. Bei denen die Behörden im Bilde sind und abnicken sollen. Nach der Meldung vom Täubchenthal in Plagwitz, kann in dieser Woche gleich nachgelegt werden.

Denn in einem Seitenflügel des Kohlrabizirkus – westlich vom alten Messegelände gelegen – entsteht bis zum Herbst das Institut für Zukunft. Als Crew-Name schon länger ein Begriff. Es sind aber nicht die Institut für Zukunft-Leute allein. Vielmehr haben sich verschiedene Akteure mit ähnlichen inhaltlichen Ansätzen, Ansprüchen und musikalischen Vorlieben zusammengefunden. Das Ende der Club- und Location-Diaspora quasi.

Doch ein bloßes Kombinieren von Homoelektrik, Aequalis, Palette700, IO und Vertigo ist sicherlich nicht zu erwarten. Die Zeichen stehen auf gemeinsamen Neuanfang. Im musikalischen Zentrum Techno und House, daneben aber auch andere, experimentelle Genres bis hin zu Vorträgen, Workshops, Performances.

Gegensätzlicher könnten beide neuen Clubs also kaum aufgezogen werden. Der vermutlich gelebte basisdemokratische Ansatz des IfZ schimmert denn auch in der Crowdfunding-Aktion durch, die heute startet. Nicht nur der Gastro-Deal soll die Weichen stellen, die künftigen Besucher gilt es bereits in einem frühen Stadium einzubeziehen.

Und tatsächlich dürfte das Identifikationspotential für einen derartigen Club hoch sein. Innerhalb von drei Monaten sollen mindestens 30.000 Euro zusammengetragen werden, um beim Sound keine Abstriche machen zu müssen. Ein Kirsch Audio-Soundsystem ist als Herzstück des neuen Clubs geplant.

Am beeindruckendsten an der ganzen Sache ist für mich jedoch die breite, „prominente“ Unterstützung, die dem IfZ bereits jetzt ausgesprochen wird. Weit über Leipzig geht die hinaus, wie ein Blick auf die Aktionsseite zeigt.

Auch bei den Präsenten für die zahlenden Unterstützer kommt sie zum Tragen: Kassem Mosse und Mix Mup steuern ein limitiertes Mixtape bei, Modern Trips ihre Grafiken auf Textil und bei den zwei geplanten Support-Compilations finden sich einige renommierte Producer wieder.

Für 2.000 Euro gibt es übrigens eine eigene Party im Club. „Another Sound Is Possible!“ heißt das Motto der Kampagne – in diesem Sinne: wir sind überaus gespannt.

Institut für Zukunft Website

Adam Port & Here Is Why „Our Fate“ (Keinemusik)

Neues von Here Is Why – das erste Mal seit ihrem Debüt-Album vom letzten Jahr. Und gleich abseits der Riotvan-Heimat.

Es war eines der Leipzig-Alben des letzten Jahres und es sprach sich erfreulicherweise durchaus auch im Rest der Republik herum. Ihr Wave-Pop mit tiefen Verneigungen vor den nächtlich-melancholischen Momenten der Achtziger war von Anfang an so konsequent und wohldosiert ausformuliert, dass aller Retro-Müdigkeit zum Trotz hier die wirklich großen Gefühle wach gerufen wurden.

Mit den zwei neuen Songs behalten Here Is Why den Kurs bei, und momentan ist das auch das einzig richtige. Im Proberaum und Studio kam es aber wohl zu Verschiebungen. Zu ineinander verlaufenden Verschiebungen. Die Stücke entstanden nämlich erstmals komplett im Band-Gefüge. Nicht mehr nur Mikesh als Mastermind.

Was bei „Our Fate“ und „Tonight“ noch einmal auffällt, ist das Understatement mit dem die Songs arrangiert und intoniert sind. Still, introvertiert, kaum dramaturgische Eruptionen. Adam Port vom Berliner Label Keinemusik wirft all das über Bord. Er wandelt „Our Fate“ zu einem recht ungeschliffenen House-Stück, mit mächtiger Bassline, scharfen HiHats.

Die Reduktion bleibt aber. Und natürlich kann man mit Mikeshs Vocals nur gewinnen. Dass Here Is Why ein dankbarer Remix-Partner sind, zeigte ja schon „HRSY Perspectives“. Adam Ports Mix toppt das aber noch einmal, gerade auch indem er das Stück krautiger gestaltet. Tolle Platte, tolle Kombination.

Here Is Why Website
Keinemusik Website
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Lass mal reden

Vor einigen Wochen tauchte Elektro-Konsumenten als Begriff in den Ausgehtipps schon einmal auf. Jetzt noch ein paar Worte mehr dazu. Denn hinter dem etwas antiquiert klingenden Namen steckt eine gute Idee.

Und zwar die inhaltliche Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten der Leipziger Clubkultur. Punkt. Diskutieren, Vorstellen, Vernetzen, Fördern, Sensibilisieren – eine klassische Plattform mit weitgehend offenen Strukturen und unterschiedlichen Adressaten.

Nach den ersten beiden Abenden mit Konzerten geht es im Juni gleich mit einer Lesung los. Felix Denk und Sven von Thülen kommen noch einmal und lesen aus ihrem wunderbaren Berlin-Rave-Buch „Der Klang der Familie“.

Richtig spannend könnte es dann ab Herbst werden, wenn die ersten Podiumsdiskussionen anstehen. Thematisch eng angeknüpft an die Belange der hiesigen Szenen. Und vielleicht auch mit entsprechenden Vertretern der Stadtverwaltung. Von Themenabenden ist ebenfalls die Rede, sowie von einem bloßen Zusammenkommen und Austauschen. Denn es sei zwar viel passiert in den vergangenen Jahren, doch oftmals würde jeder für sich hin arbeiten, so Andreas Stephan, einer der Initiatoren.

Mit dem Kafic wollte man bewusst einen neutralen Ort nehmen. Mal sehen, es klingt sehr ambitioniert und in dem regelmäßigen, einmonatigen Turnus fehlt eine derartig fokussierte Plattform in Leipzig bislang tatsächlich.

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Liloba „s/t“ (Kick The Flame)

Nach den Alben von Martin Kohlstedt und Ronny Trettmann in der letzten Woche nun einer weiterer Exkurs abseits der geraden Bassdrums. Heute mit Liloba.

Afrikanische Einflüsse in der europäisch geprägten elektronischen Musik beschränken sich ja oft auf einzelne, aus dem Kontext gerissene Samples. Für den Exotenbonus. Bestimmt gibt es eine Menge Gegenbeispiele, mir fehlt da aber der Einblick. Ein Projekt wie Liloba dürfte aber auch als exemplarisch gelten. Die Auseinandersetzung zwischen Pierre Kalonji Tumba, Elsa Grégoire und Rafael Klitzing klingt nach einem organisch verflochtenen Prozess.

Zugegebenermaßen hätte ich ohne den elektronischen Einfluss jedoch wenig Berührungspunkte mit Liloba. Zu viel Chanson, zu fest im Weltmusik-Pop verankert. Aber genau das macht die Band aus, zu der noch drei weitere Musiker gehören. Mit der selbstbetitelten EP gehen sie nun erstmals raus aus dem Studio.

Pierre Kalonji Tumba und Rafael Klitzing lernten sich zufällig in Leipzig kennen. Da war Kalonji Tumba schon ein Gesangsstar in seiner Heimat Kongo. Der Bürgerkrieg dort zwang ihn aber zur Flucht. Klitzing ist der Link zur Elektronik. Style Confusion und Encephalon waren seine großen Projekte neben zahlreichen Theaterarbeiten. Liloba ist insofern für ihn ebenfalls Neuland.

Fünf Songs sind auf der EP, am traditionellsten noch „Dis-moi“. Bei „Mon Amour“, „Pour Nini“ und „Le Monde“ lenken HipHop- und breakige Beats sowie tief schwingende Basslines den Sound auf eine andere Ebene. Und es flackern sogar kurz Dubstep-Elemente auf.

Aber alles doch sehr dezent und hintergründig arrangiert. Der Fokus liegt auf der Musikalität und den Stimmen. Pop, eben. Und ja: Liloba, heißt übersetzt auch Stimme bzw. Wort.

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Ein Täubchen kommt geflogen

In Plagwitz wird gerade ordentlich gehämmert. In der Wachsmuthstraße, um genau zu sein. Dort entsteht mit dem Täubchenthal eine neue Location für Musik, Clubkultur und mehr.

Getuschelt wurde darüber ja schon einige Zeit. Denn so oft entstehen in Leipzig auch keine neuen Läden. Erst recht nicht komplett neu aufgezogen. Mit dem Pow Wow-Tages-Open Air startet das Täubchenthal im Juni.

Und da wird groß aufgefahren: Tiefschwarz-Ali, Pan-Pot und Aka Aka feat. Thalstroem. Im Juli und August folgen das Kallias Open Air mit Alle Farben und Egokind sowie Waldis Hasentanz mit Britta Arnold und Red Robin.

Musikalisch widmet sich der Einstand also ziemlich deutlich dem breiter aufgestellten Tech-House, der den Blick auf größere Floors nicht scheut. Internationales Niveau, auf jeden Fall. Aber hoffentlich ist da inhaltlich noch mehr drin.

Ab Herbst soll auch die benachbarte Halle bespielt werden – sowohl mit Konzerten als auch Clubveranstaltungen. Tendenziell sind auch Kabarett, Theater und andere Formate denkbar. Ein Ort des Austauschs, in welcher Form auch immer, so wünschen sich die Betreiber ihr Täubchenthal.

Aus Größensicht schließt die Haupthalle quasi eine Lücke zwischen Werk II bzw. Conne Island und Haus Auensee. Für größere Konzerte bestimmt interessant. HipHopper Käptn Peng könnte der erste sein im September.

Neben der Halle und dem Außenbereich entsteht ebenso ein kleiner Club für weit weniger Personen. Wenn nicht gerade die Aftershow-Party eines Konzerts hier ausgetragen wird, könnte dies noch eine viel versprechende, künstlerische Spielwiese werden.

Das Täubchenthal pusht das Gebiet um die Markranstädter Straße damit noch einmal enorm. Der Klinkersteinbau gehört zu den ehemaligen Plagwitzer Gewerbehöfen, die Halle selbst stand über Jahre hinweg leer. Doch sie muss bei den Betreibern einen solch großen Eindruck hinterlassen haben, dass sie ihre Idee einer neuen Location größer aufzogen als eigentlich geplant.

Überhaupt, die Betreiber: aus dem Café Waldi, dem Café Puschkin und der Musik-Promo-Agentur FirstStep stammen die Köpfe hinter dem Täubchenthal. Irgendwann wollten sie ihre Erfahrungen für etwas neues, gemeinsames bündeln. In dem Ausmaß legen sie die Maßstäbe für eine Leipziger Club-Neugründung ungewohnt hoch. Die Groove ist übrigens der offizielle Medienpartner.

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Various Artists „O*RS 1900“ (O*RS)

O*RS toppt sich selbst. Die „1900“ featuret nicht nur drei Producer, sondern auch drei Künstler, die je ein Plakat gestalten konnten.

Aber doch erstmal zum Musikalischen: Krink von Stiff Little Spinners ist mit dabei. Und zwar mit „For You“, einem einstigen Soundcloud-Hit, dem ich auch schon einmal eine Veröffentlichung auf Vinyl gewünscht habe. Filburt holt ihn nun zu O*RS. Endlich, endlich.

Mit Scherbe wird auch die Tagente nach Dresden ein weiteres Mal gepflegt. Sein „Big Dipperz“ ist ein rock-groovendes Stück Slow-House. Mit organisch-warmem Charme und einem passenden Vocal, das auch aus einem Singer/Songwriter-Song stammen könnte. Ein Stück, das hintergründig mit einer permanenten Spannung spielt, sie aber nie auflöst. Understatement-House.

Dem haut RJ – wer auch immer dahinter steht – ein Stück Vocoder-Disco entgegen. Ähnlich gedrosselt, aber durch die ausformulierten Vocals sowie die antiquierten Beats und Synthie-Melodien ganz anders gepolt. Eigentlich ist die „1900“ mehr ein Mixtape.

Gerade wenn man die beigelegten Plakate mit betrachtet. Nora Heinisch, Florian Seidel und Felix Schneeweiß steuern jeweils eine Arbeit in doppelter Covergröße bei. Fotografisch, collagiert und lithografisch. Es liegt aber nicht jeder Platte nur eins der Plakate bei, man muss also genau hin schauen. Oder einfach alle drei Platten kaufen.

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Philip Bader „Crazy EP“ (Moon Harbour Recordings)

Mit dem Digital-Kurs hat Moon Harbour sein Release-Tempo gehörig gesteigert. Dadurch kommt auch der Berliner Philip Bader zu seiner zweiten EP in diesem Jahr.

Crazy sollen sie sein, die beiden neuen Stücke. Ein karnevalesker Einschlag ist ihnen auch nicht abzusprechen. Eigentlich ungewöhnlich für eine so karnevalmuffelige Stadt wie Berlin.

Die Vocals reißen es in erster Linie bei den Verdrehungen. Mit leichtem Vocoder bei „Crazy“ und südamerikanischem Touch bei „Loose Talk“. Letzteres bewegt sich auch durch seine Marimbas noch einmal deutlich expressiver.

Die Sommer-Saison mit Glitzerstaub startet so langsam. Da kommt dieser Sound recht. Den Andrea Oliva-Remix von „Crazy“ verstehe ich aber überhaupt nicht. Einfach nur gerade gezogen, auf Null gesetzt.

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Kohlstedt und Trettmann

Zwei Alben, die so überhaupt nicht zusammen passen, die wahrscheinlich im seltensten Fall zusammen in einem Plattenregal stehen werden. Und genau deswegen hauen wir sie hier zusammen.

Ein bisschen Crisp muss mir schon gegönnt sein. Und dazu gehört, Ronny Trettmann und Martin Kohlstedt in einem Atemzug zu nennen. Was sie eint, ist das Veröffentlichungsdatum ihrer beiden Debütalben. Am 10. Mai kamen sie heraus. Okay, sie leben beide in Leipzig als ihre Wahlheimat. Das war es dann aber mit den Gemeinsamkeiten. Hinzu kommt, dass beide musikalisch eher an den äußersten Rändern des musikalischen frohfroh-Fokus agieren.

Doch Martin Kohlstedt ist als Teil von Marbert Rocel in jedem Fall eine Erwähnung wert. Und Ronny Trettmann ist zwar der „Deutsche Dancehall Direktor“, musikalisch jedoch weit weniger dogmatisch als viele andere. Aber wo ansetzen? Es kann nur über den harten Kontrast gehen.

Angenommen, beide Künstler würden an einem Abend im selben Laden auftreten, es wäre ein wahnsinniger Kultur-Clash. Verstohlenes Beäugen, Gekicher und Grüppchenbildung, Türenknallen. Bei Martin Kohlstedt würden alle sitzen, bei Ronny Trettmann mächtig wippen. Die Anlage wäre überfordert.

Martin Kohlstedt steht für den intimen, introvertierten, poetischen, reduzierten Moment. Nur mit dem Piano arbeitet er, schreibt stille Songs in stillen Kammern, die durch keine Stimme in irgendeine Richtung gedrängt werden. Die Assoziationsketten sind frei zu knüpfen, obwohl sie für den Komponisten selbst mit konkreten Geschichten verbunden sind. Er lässt sie im Impliziten. Bildungsbürgertum deluxe.

Doch die Emotionalität eines einzigen Pianos ist so anziehend. Da kann jeder House-Chord einpacken. Und genau das beherrscht Martin Kohlstedt auf sehr eindringliche und zugleich unaufdringliche Weise. Richtige Klavier-Profis hören bestimmt noch viel mehr heraus – vielleicht mag es wer ergänzen? Sein Album „Tag“ gab es schon seit einigen Monaten als Download und CD. Jetzt brachte Kohlstedt die mit Dia Records Stücke noch einmal auf Vinyl heraus.

Während bei ihm das Understatement zählt, geht es Ronny Trettmann um das Rausposaunen, um Party. Frauengeschichten, Cruisen, Après-Ski, aber auch das hinterhältige Business. Ronny Trettmann könnte sich wahrscheinlich vom Fleck weg von einem großen Label wegkaufen lassen. Er möchte es aber lieber „independant“ angehen, sein eigenes Label Heckert Empire mit der eigenen Crew aufbauen.

Crowdfunding testen und die Fans mit einbeziehen. „Ich habe doch eine Verantwortung meinen Fans gegenüber“, sagt Trettmann im Visionbakery-Video. Das klappte bisher scheinbar bestens, die Riddim-Leser lieben ihn. Nach einem Album mit Ranking Smo ist „Tanz auf dem Vulkan“ nun sein erstes Solo-Album. Verschiedene Producer bauten die Beats, Jr Bender hielt den Sound zusammen. Hinzu kamen eine Menge Gäste am Mikrofon – MC Fitti, K.I.Z.-Nico, Felix Brummer, Johanna Marshall.

Ich feier dieses Album, muss es wohl korrekt heißen. Nicht, weil es mich musikalisch unbedingt flasht, sondern weil es in seiner Überspitzung und der klaren Pop-Ansage sehr ehrlich wirkt. Möglicherweise ist das auch Ronny Trettmanns Joker. Er verstellt sich nicht, obwohl er die Skills für die große Show hätte. Unglaublich seine Ballade „Schwarzer Sonntag“. Also, ruhig sich einmal auf den Kultur-Clash einlassen.

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