Sabb & Cuartero „Don’t Kill My Vibe“ (Moon Harbour Recordings)

Moon Harbour arbeitet am digitalen Release-Fließband – nicht einmal zwei Wochen nach der Sable Sheep-EP kommt etwas Neues.

Von Sabb & Cuartero, aus dem Kosovo bzw. Spanien stammen beide und sie waren bisher hauptsächlich solo unterwegs. „Don’t Kill My Vibe“ und „Front Or Back“ haben die beiden gemeinsam produziert. Und wieder sind es die Vocals, die alles reißen sollen. Nach der zuletzt offensiven Ansage von Sable Sheep klingt diese EP aber weit gedämpfter.

Eher darauf ausgelegt, ein smoothes Afterhour-Level zu halten. Der EP-Titel spricht es ja sogar aus. Irgendwie toll in der klanglichen Ausgeglichenheit, aber doch auch schrecklich langweilig. Chris Wood & Meat ziehen den Vibe dann aber doch leicht an, ohne ihn aber natürlich zu killen.

Parallel zu Sabb & Cuartero veröffentlichen Moon Harbour gerade auch eine CD-Compilation von Channel Zoo, einem Label- und Party-Veranstalter-Hybriden, das den jüngeren UK-House-Sound nach Ibiza holt. Wohl recht erfolgreich, dabei aber musikalisch weniger auf die großen Floors schielend.

Drei Vinyl-EPs hat Channel Zoo bereits selbst herausgebracht. Für Moon Harbour wurde ein Ausschnitt des 2012-Closing-Sets von Michael James mitgeschnitten. Tracks von Traumprinz, Dana Ruh, Axel Bomann und Kerri Chandler sind in dem Set verwoben. Eine erstaunliche Zusammenarbeit.

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Das Feuer halten

Die Pentatones sitzen nach wie vor am Nachfolger ihres letzten Albums. Zur Überbrückung gibt es eine weitere Single-Auskoppelung mit Video.

Single-Auskoppelung, irgendwie ein anachronistisch klingendes Wort heute. Als ob Alben und Singles heute noch so hermetisch funktionieren würden.

Für das Überbrücken von Pausen sind sie aber weiter aktuell. Virtuell eben, und mit Video. Das ist wahrscheinlich der größte Spaß an der ganzen Sache, ein Video drehen und später umher kreisen lassen.

Neben des Originals gibt es bei der letzten Single-Auskoppelung von „The Devil’s Hand“ auch einen Klinke Auf Cinch-Remix von „Bonfire“, der die Opulenz und Dramatik rausnimmt. Dafür bauen die Jenenser die Spannung auf dem Floor deutlicher aus.

Die beste Nachricht kommt aber zum Schluss: der Berliner Beat-Held Robot Koch wird das neue Album „ordentlich durchrühren“, heißt es.

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Karocel „Plaited“ (Freude am Tanzen)

Verflochten, so die Übersetzung von „Plaited“ – um eine besondere musikalische Verflechtung handelt es sich auch bei Karocel.

Das Record Release-Konzert fand bereits Ende Mai statt, knapp einen Monat danach kommt das Album von Karocel heraus, das erste. Dass es überhaupt eines gibt, ist überraschend genug. Immerhin war das Zusammenspiel von Marbert Rocel, Mathias Kaden und Michael Nagler bislang ein reines Live-Vergnügen.

Mehr oder weniger offene Sessions mit viel Spaß auf und vor der Bühne. Einfach laufen lassen. 2010 passierte das zum ersten Mal auf dem Nachtdigital. Hätten die Booker damals nicht nach solch einer Kollaboration gefragt, gäbe es Karocel vielleicht gar nicht. Auch wenn sich alle schon länger aus Thüringen kannten und im Hinterkopf eine Zusammenarbeit schlummerte.

Im letzten Herbst wollten Karocel noch mehr Band werden und trafen sich für die Aufnahme eines Albums. Aber wie? Zusammen vor dem Rechner sitzen und Spuren arrangieren? In dem Moment haben alle ihre bisherigen Herangehensweisen über Bord geworfen und sich auf das Rock-Band-Konzept eingelassen. Zumindest das alte, als sich eine Band einfach komplett ins Studio stellte und alles auf einmal aufnahm.

Drei Sessions entstanden aus denen sich zehn Stücke herausschälten, die nun auf „Plaited“ zu hören sind. Zwei Stücke gab es schon auf der Vorab-Single. Karocel sei quasi die House-Variante von Marbert Rocel und die Band-Variante von Mathias Kaden, hatte ich den Sound damals bereits grob heruntergebrochen. Das Organische von Marbert Rocel und Spunks etwas zurückgenommener Gesang prägen hier enorm.

Beim Interview Anfang März meint Mathias Kaden, dass er als bisheriger Solo-Künstler wahrscheinlich am stärksten mit der Kompromissbereitschaft konfrontiert gewesen sei, die solch ein Projekt mit sich bringt. Dass es dennoch alles passt, ist „Plaited“ schlichtweg anzuhören. Alles in Balance, alles in einem sanft wogendem Fluss, alles auf gute Weise gestreckt und reduziert.

Und doch ist das Album kein reines Club-Session-Album, das auf die Open Air-Peaktimes setzt. Es gibt ebenso die ruhigen Momente bzw. eine permanent mitschwingende Sommermelancholie. Nicht bedrückend, eher genießend und nachdenklich.

Das sind dann auch meine Höhepunkte, „Undo“, „Without“, „Parallels“ oder „It’s Me“. Auf den Festivals werden die anderen Stücke aber natürlich ihre große Zeit haben. Ein schönes Album – und schön passt als Wort hier perfekt.

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Die Open Air-Falle

Wenn es nicht so dummdreist wäre, könnte man fast schmunzeln darüber. Ein Berliner Unternehmen möchte nicht nur den Berliner Open Air-Terminmarkt aufmischen, es möchte gleich noch andere Städte wie Leipzig vereinnahmen.

Und zwar mit einer App, die von jedermann mit Informationen zu aktuellen Open Airs gefüttert werden kann. Von jedem, nicht nur dem Veranstalter. In dieser gebündelten und offenen Form ein echtes Geschenk für die Polizei und die städtischen Behörden. Die Hölle aber für Hinterhof-Chiller mit Ghettoblaster (via Audite). Die Betreiber geben sich gelassen und meinen:

„Dass nach diesen Infos über facebook gesucht wird, sind nichts weiter als sich hartnäckig haltende Gerüchte, die insbesondere von kommerziellen Veranstaltern gerne immer wieder geschürt werden, damit die Leute sich eben nicht über facebook organisieren um dann aufgrund mangelnder Alternativen kommerzielle Veranstaltungen besuchen. Bis 22 Uhr ist das Ordnungsamt zuständig und erst danach die Polizei, und da das Ordnungsamt chronisch unterbesetzt ist, dürfte es besseres zu tun haben als facebook nach friedlichen Veranstaltungen zu screenen.“

Noch ist die App nicht veröffentlicht, daher werden die Informationen von den Betreibern selbst über die Facebook-Seite gestreut. Die Koburger Brücke wurde  an diesem Wochenende beispielsweise heraus posaunt. Möglicherweise ein Fake-Testballon aus Leipzig, um zu schauen, wie die Seite ihre Quellen hinterfragt. Leipzig reagiert aktuell mit weiteren Fake-Einträgen auf der Facebook-Seite.

Irritierend und entlarvend zugleich auch der plumpe Ton, mit dem das Unternehmen auf Facebook auftritt. Auf der Hauptseite wird sich sogar auf einen öffentlichen Krieg mit einer anderen Plattform eingelassen. Also, eigentlich eine amüsante Posse, aber eben auch wieder nicht, wenn ein subkultureller Bereich aus seinen Angeln gerissen wird, nur weil ein Schlagwort mittlerweile renditetauglich scheint. Die Nachfrage ist aber natürlich auf jeden Fall da. Fast 5.000 Fans innerhalb von vier Tagen.

NACHTRAG 25.6.13:

Mittlerweile heißt es, dass nur noch DJs und Veranstalter Partys eintragen können. Die Verifizierung der DJs soll via Soundcloud, die der Veranstalter via Email erfolgen. Anders lautende Beschreibungen seien angeblich veraltet, finden sich aber weiterhin auf der Hauptseite.

Unabhängig von den möglichen Anpassungen der App, ist die Kommunikation der Betreiber aber weiterhin ein Paradebeispiel dafür, wie man sich in kürzester Zeit Feinde macht.

Kommentare löschen, Pinnwand-Beiträge erst löschen, dann ganz deaktivieren und schließlich auch pampige Antworten wie „Einer nach dem anderen, sonst funktioniert das hier nicht mit dem konstruktiven Dialog“ – hier hat jemand weder Facebook noch die kulturelle Sensibilität einer weit verzweigten Szene verstanden.

Sven Tasnadi „Slow“ (Oh!Yeah! Music)

Dass Sven Tasnadi sich schwer auf einen Sound festlegen lässt, ist nicht neu. Dass sein Debüt-Album nun aber Electronica einschlägt, ist doch eine große Überraschung.

„Slow“ heißt es. Nicht nur, weil die Stücke sich in fast kontemplativer Langsamkeit entfalten. Sven Tasnadi schätzt sich auch selbst als langsamen Menschen ein. Seinen DJ-Sets und den zahlreichen Club-EPs war dies jedoch bislang nicht unbedingt anzuhören. Auch die Experimentierfreude in Sven Tasnadi nicht. Bei „Slow“ tritt sie nun in geballter Form hervor.

Und auch wenn die unbedarfte Faszination für Electronica ihren Zenit schon viele Jahre hinter sich hat, so wirkt dieser Sound im Kontext von Sven Tasnadis voller Diskografie wie ein helles Leuchten. Intim, in stiller Einsamkeit neue Grenzen auslotend – hier liegt die Stärke von „Slow“. Natürlich in den Stücken an sich, die zwar nicht unbedingt Neuland für das Genre erobern, ihm aber einige wohl proportionierte Momente hinzufügen.

Zwischen wohligem Ambient und rougher Dissonanz tobt sich Sven Tasnadi aus. Und in einem dubbigen HipHop-Stück – „Where Eva“ ist das wahrscheinlich unwirklichste Stück des ganzen Albums. Die schwingenden und brüchig-dubbigen Tracks sind mir am liebsten. Tiefes Reingraben mit „Piece Of Hope“, „Entry Point“ und „Nautilus“. Was Sven Tasnadi selbst zum „Slow“ bewog, erzählt er am besten selbst.

Eine Electronica-Platte als Album-Debüt – wie kam es dazu?

Ich hatte eigentlich immer vor, ein Album zu machen, das in der Stilistik sehr breit aufgestellt ist. Nur habe ich aber festgestellt, dass es nahezu unmöglich ist, einen roten Faden hinzubekommen, ohne das es beim Anhören zu unharmonischen Sprüngen kommt. Es ist schwierig alle Einflüsse auf einem einzigen Album unterzubringen.

Was war der Ausweg?

Das ganze Stück für Stück anzugehen. Ich möchte noch sehr lange Musik machen und hoffe mir bleibt noch genug Zeit, um ein paar weitere Alben zu produzieren, auf denen ich mich auch anderen Themen widmen kann.

Das Electronica-Album entstand aus verschiedenen Gesichtspunkten: ich habe  in den letzten sehr Jahren ausschließlich dancefloor-orientierte EPs gemacht, die eher dem DJ in mir entsprechen. Ich fand es aber an der Zeit zu zeigen, was ich noch alles mache. In meiner Brust schlagen zwei Herzen – der DJ und der Künstler. Und „Slow“ ist dem Künstler gewidmet.

Hörst du selbst viel Electronica?

Von Zeit zu Zeit, ja. Kommt immer darauf an, wie ich mich gerade fühle. Das hat sich aber auch sehr verstärkt, seit ich mit Stefan – Juno6 – und Daniel Stefanik befreundet bin. Daneben hat mich aber auch Future Sound of London schon sehr früh beeinflusst, genauso wie Aphex Twin, Plaid oder Boards Of Canada.

In welcher Zeitspanne sind die Stücke entstanden?

Ich glaube, dass älteste Stück ist drei Jahre alt. Die Stücke sind immer dann entstanden, wenn ich neue Geräte oder Techniken ausprobiert habe. Da gehe ich am unbefangensten an Musik heran. Ohne irgendeine Richtung. Das mache ich meist auch, wenn ich den Kopf von den Dancefloor Produktionen frei haben möchte.

Wo kommen die Raps bei „Where Eva“ her – hattest du Besuch im Studio?

Nein. Die Vocals habe ich beim Vinyl-Stöbern in einem Second Hand-Plattenladen gefunden. Sie sind eigentlich ein Acappela. Leider gibt es keinerlei Möglichkeit, das Label oder den Artist ausfindig zu machen. Die Platte ist von 1997.

Vermutlich gibt es heute weder den Act noch das Label. Wir haben auf der CD-Version aber einen Hinweis gedruckt für den Fall das der Artist davon erfährt. Er kann dann mit uns Kontakt auf nehmen.

Die Track-Titel an sich wirken deutlich persönlicher, verbergen sich hinter den Stücken für dich konkrete Geschichten?

Ja schon. Eigentlich gibt es zu jedem Stück etwas zu erzählen. Bei „Daniel The Painter“ ist zum Beispiel der Noise-Rhythmus eine Aufnahme von Daniel beim Malern seiner Wohnung vor einigen Jahren.

„A Piece Of Hope“ entstand nachdem ich in der Distillery gespielt hatte. Ich war erst gegen Mittag zuhause und war zu wach zum Schlafen und zu müde, um etwas zu unternehmen. Da wollte ich diese Stimmung nutzen, um zu schauen, was dabei herauskommt.

„Thank You“ ist stark von Plaids letztem Album beeinflusst. Es ist in meinen Ohren ein sehr positives Stück und ich habe es meiner Familie gewidmet. Immerhin hatte ich das Glück einer sorglosen Kindheit. Und dafür wollte ich mich einfach mal bedanken.

Und noch was zu „Build 78“. Das ist ein Stück über mein Geburtsjahr, gewidmet den Synthie-Pionieren der Siebziger und inspiriert durch Sensual.

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Mod.Civil „Distanz“ (Ortloff)

Sind wirklich schon zwei Jahre vergangen seit der letzten Mod.Civil-Platte? Unglaublich. Aber sie sind nicht weg, wie die neue EP beweist.

Ich musste eben noch einmal nachschauen, tatsächlich liegt der zweite Teil der „Funktionen“-Reihe knapp zwei Jahre zurück. Auch live haben sie sich rar gemacht in der letzten Zeit. Umso freudiger das Wiederhören, und umso überraschender im Fall von „Distanz“.

Denn die drei Stücke zeigen, dass der UK Bass- und Footwork-Sound nicht spurlos an Mod.Civil vorübergegangen ist. Wunderbar vertrackte Beats, verspulte Basslines und Arrangements, die geradezu vor Spiel- und Experimentierfreude bersten.

„192km“ hält am ehesten noch Kontakt zur sonst spürbar angerauten House-Deepness der beiden. Vielleicht auch, weil er im Gegensatz zu den anderen zwei Stücken aufgeräumter klingt. Doch selbst hier nimmt der Bass eine Menge Raum ein. „10h2m“ ist dagegen der große Befreiungsschlag. Raus aus der House-Falle. Ohne Anbiederung, dafür mit einer erstaunlich rotzigen Lässigkeit. Etwas dunkler und fordernder schließlich „1014km“ – aber irgendwie kommt mir die Bassline bekannt vor.

Bestimmt sind diese Stücke nur ein Abstecher, keine grundlegende Neuausrichtung. Aber sie machen deutlich, dass Mod.Civil Lust auf Neues haben, sich auf Wandlung und Wagnisse einlassen. Und dass sie nicht einfach an dem Punkt weitermachen, an dem sie uns vor zwei Jahren zurückgelassen haben. Große EP, die mutigste der beiden auf jeden Fall.

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Sable Sheep „Upon Burning Skies“ (Moon Harbour Recordings)

Vier Monate nach dem Moon Harbour-Einstand wird der jüngste Label-Zögling Sable Sheep weiter gepusht. Mit der nächsten EP.

Die erste EP des jungen Aachener Producers war tatsächlich eine, die im beschleunigten Moon Harbour-Digital-Rhythmus hängen geblieben ist. Durch den „füllig-basslastigen Sound“ und die ungewohnt offensiven Rave-Anleihen.

„Torn To Pieces“ und „Thy Suffer“ sind ebenfalls davon geprägt. Wenn auch zurückhaltender als beim Moon Harbour-Debüt. Doch eine derart aufgedoppelte Bassline wie bei „Torn To Pieces“ ist auf Moon Harbour eine Seltenheit.

Der DJ-Hit ist aber klar „Upon Burning Skies“. Ein reduziert-perkussives Tech-House-Bett, darüber Vocal-Folklore. Sehr effektiv unter freiem Himmel, wie einige Video-Mitschnitte beweisen.

Was ich an dem Vocal aber doch mag ist die Unaufgeregtheit, wahrscheinlich stammt es von einem Singer/Songwriter oder einem Volkslied. Sable Sheep hält sich beim Arrangement mit seinem Rave-Hang auch gut zurück. Und scheinbar stehen alle gerade auf diese matschig-scheppernden Claps – sie sind aber auch toll.

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Entbarocken für Stellar OM Source

Christelle Gualdi alias Stellar OM Source ist keine Leipzigerin. Aber sie hat die Demos ihres neues Albums hierher geschickt, um sie von Kassem Mosse bearbeiten zu lassen.

Von einer „carte blance“ an Kassem Mosse sprach die Wahl-Belgierin bei Resident Advisor Anfang Mai. Ihre live gereiften Stücke für das Album „Joy One Mile“ kamen ihr zu barock vor, und Kassem Mosse sollte sie entschlacken, abstrakter gestalten – künstlerisch weitgehend frei. So beschreibt es Christelle Gualdi in einem anderen Interview.

Was für ein mutiger Zug, die Zügel in dieser Weise aus der Hand zu geben. Noch dazu an jemanden, den man bis dahin nur von seinem musikalischen Output her kannte. Es ging immerhin nicht um klassische Remixe, sondern um das Mixen und Arrangieren, ein tief greifender Prozess. Doch Christelle Gualdi wollte die Distanz zu den eigenen Stücken, und sie war wohl anfangs schockiert von der Konsequenz mit der Kassem Mosse herangegangen war.

Eigentlich wäre es im Nachhinein auch spannend, die Ur-Versionen einmal zu hören. Aber letztendlich geht es eben auch nicht nur um den Prozess hinter „Joy One Mile“, sondern um das Ergebnis. Und das klingt synthetisch, analog, rau, verbrüdert mit den Vorläufern und Anfängen des Detroit Techno und Electro.

Kassem Mosses Handschrift ist nicht zu überhören. Es kommen aber nach wie vor auch Christelle Gualdis Kraut- und New Age-Wurzeln heraus, die auf den ersten CD-R-Veröffentlichungen ihren Sound bestimmten. Vertonter Sci-Fi-Futurismus ist es nun, mit großen euphorischen Momenten, schon vom Club inspiriert, aber mit einem stärker poetischen, erzählenden Fokus.

Auf der Vorab-12″ war schließlich auch ein Kassem Mosse-Remix von „Elite Excel“ dabei – noch mehr Freiheit von der Freiheit. Bei Bandcamp gibt es das komplette Album im Stream zum Vorhören.

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Next Stop Siberia

Das Goethe Institut hatte Anfang Juni Good Guy Mikesh und Peter Invasion für eine kleine DJ-Tour nach Russland eingeladen. Auf dem Programm standen Shows in Novosibirsk und Omsk sowie Interviews bei lokalen Radiostationen. Für frohfroh lassen sie die Reise noch einmal Revue passieren.

Vor uns lag eine aufregende Reise und wir waren sehr gespannt darauf, was wir erleben würden. Im Zug wurden noch schnell ein paar Russischkenntnisse aufgefrischt.

Unter der Rubrik „Interkulturelle Tipps“ unseres Wörterbuchs erfuhren wir, dass man russischen Männern zur Begrüßung kräftig die Hände schütteln sollte, dass es zu vermeiden ist, sich die Nase mit einem Taschentuch zu putzen und wie es um Trinkpflichten bei fröhlichen Zusammenkünften steht.

Auf unserer Reise haben wir gemerkt, dass wir uns nicht auf die gängigen Klischees über Russen verlassen konnten. Unsere Begegnungen waren allemal für einige Überraschungen gut. Wer also Geschichten über Wodka-Wetttrinken erwartet, kann nur enttäuscht werden.

Auf Erkundungstour in Nowosibirsk
Nach 18 Stunden Reise und insgesamt wir 5.382 km Strecke landeten wir im Morgenrot getönten Novosibirsk. Unser Begrüßungskomitee Mischa hieß uns mit einem freundlichen „Guten Morgen“ willkommen. In einem alten Lada-Taxi ohne Sicherheitsgurte auf der Rückbank ging es dann mit 120 Sachen ins Hotel.

An unserem ersten Tag in Novosibirsk hatten wir Zeit, die Stadt zu erkunden. Beim Mittagsfrühstück mit Irina, Mascha und Johanna vom Goethe-Institut im höchsten Gebäude der Stadt hatten wir eine weite Panoramaaussicht.

Für unsere Stadterkundung wurden uns zwei junge Praktikantinnen zur Seite gestellt, die uns durch die Stadt führten.

Die Architektur der Stadt war durchaus eindrucksvoll. Wir fühlten uns 30 Jahre zurück in eine sozialistische Vergangenheit versetzt. Es gab riesige Neubaublöcke in einer großangelegten Infrastruktur mit klassischen Straßenbahnen, E-Bussen, Oldtimer-Ladas, Schlaglöchern und mächtigen Lenin-Denkmälern.

Hier und da aber auch traditionelle Holzhauser in bunten Farben und aufwendigen Schnitzereien. Daneben sahen wir aber auch riesige Shoppingcenter, Video-Werbetafeln und viele Smartphone-Besitzer.

Am nächsten Tag besuchten wir den DJ-Shop Novosibirsk für ein Interview. Dieser Laden ist das Herz der elektronischen Musikszene der Stadt. Jeder, der sich in Nowosibirsk intensiver mit elektronischer Musik beschäftigt, findet früher oder später den Weg hierher – sicher auch, um tibetischen Tee auf dem Sofa zu schlürfen.

Sofort wurde uns klar, dass wir es hier mit dem sibirischen Pendant des Leipziger Kann Record Stores zu tun hatten. Im Laden war alles zu finden: Technics-Turntables, CDjs, Mixer, DJ-Bags und Midi-Controler. Alles war da. Alles, nur kein Vinyl!

Sibirische Party – von wegen Russendisko
Zum Ausklang des Deutschlandjahres des Goethe-Institutes war eine große Feier im Gange. Im Kunstmuseum gab es eine interessante Fotoausstellung der Agentur Ostkreuz, Lesungen, Graffitikunst-Aktionen, ein Orchesterkonzert und vieles mehr. Unser kultureller Beitrag war die Musik. Die Veranstaltung wurde zur Party und bald wurde im Kreis Breakdance getanzt.

In der selben Nacht spielten wir noch ein Set im Klub „Lebowski“. Wir hatten riesigen Spaß bei unserem Partymarathon und unser Jetlag mit fünf Stunden Zeitrückstand kam uns dabei sehr gelegen.

Vom Klub ging es dann direkt zum Bahnhof. Wir stiegen in die transsibirische Eisenbahn Richtung Omsk und sofort befanden wir uns in einer völlig anderen Welt.

Russischer Schlager und Suppe
Eine neunstündige Reise in einem SprelaCart vertäfeltem Schlafabteil mit lederbezogenen Doppelstockliegen begann. Wir teilten uns diese vier Quadratmeter mit einem russischen Pärchen in den Vierzigern.

Der Zug kam direkt aus Peking und war bereits drei Tage unterwegs. Die meisten Passagiere waren mehrere Tage unterwegs und hatten sich in bequeme Schlafanzüge und Pantoffeln geworfen.

An den Abteilwänden hingen Hygienebeutel und im Wagon lag ein Geruch von Zahnpasta, Suppe und Mensch. Aus den Wagonlautsprechern tönte ein Mix aus russischem Folklore-Schlager und poppigem Trance-Sound.

Wir legten uns auf unsere Pritschen und schauten aus dem Fenster, die Welt zog an uns vorbei. Birken, Büsche und Wiesen und noch mehr Birken. Dieser konstante Fluss und das Rattern der Schienen wiegte uns schließlich in den Schlaf. Stunden später wurden wir mit Narzareth und „Love Hurts“ geweckt und kamen bald in Omsk an.

Zwiebeltürme, DJ-Set in der Großraumdisko über einer Go-Cart-Rennbahn, Kindertags-Ponys bis hin zur Laptop-E-Gitarren-Coverband im kleinem, verschwitztem Klub und Sonnenuntergang am Flussufer des Irtysh. Das sind die Eindrucke, die wir in Omsk sammeln konnten.

Nach zwei Tagen Omsk ging es wieder zurück nach Leipzig. Somit stand ein gut 20-stündiger Nachhauseweg vor uns. Wir sind auf jeden fall sehr dankbar für diesen Trip und vor allem für die zahlreichen Eindrücke, die wir sammeln konnten. Kulturaustausch erfolgreich abgeschlossen. 1 – Setzen!

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Various Artists „Family Horror Remixes“ (Kann Records)

Zwei Jahre nach der großen „Family Horror“-Compilation folgen die Remixe dazu. Alles kann, nichts muss – einmal mehr zeigt sich, wie passend der Label-Name ist.

Zwischen Falke und Traumprinz klaffte eine Lücke im Katalog von Kann Records. Ausgerechnet die Nummer 10, könnte man meinen. Doch es dauerte einfach länger mit den Remixen. Und ob die zehnte Platte besonders herausstechen sollte oder nicht, war auch eine zeitlang nicht klar. Also erst einmal freilassen.

Jetzt wird die Lücke geschlossen. Drei Stücke aus der „Family Horror“-Compilation wurden rausgegeben, an RVDS – einigen vielleicht als Richard von der Schulenburg von Die Sterne bekannt –, Edward aus dem White/Giegling-Umfeld und an Salax Peep Show, einem Zweierprojekt der Schweden Axel Boman und Petter. Interessant besetzt, fern von großen Namedropping-Ambitionen.

Musikalisch hatte Edward wahrscheinlich die schwierigste Aufgabe mit „Rendevous“ von Johannes Beck. Das Stück war der Moment des Durchatmens auf „Family Horror“, ein ambientes House-Fragment. Edward greift sich die hellen Streicher auf und webt sie ab und an in seinen Stakkato-Groove. Die intime Stimmung behält er im Grunde bei, bei spürbar angezogenem Tempo aber.

Auch RVDS ändert die klangliche DNA des Originals kaum. Man erinnere sich: Even Tuells „Dramaqueen“ bestach durch seine roh arrangierte Hypnose, die fast prototypisch für den Workshop-Label-Sound steht. Bei RVDS ist diese analoge Kratzigkeit in den Claps und Percussions noch zu erahnen. Aber er glättet auch enorm. Die „Dramaqueen“ wirkt dadurch aufgeräumter, losgelöster.

Und schließlich „Enola“, Map.aches fröhlich schwingendem Original hauchen die zwei Schweden einerseits deutlich mehr Funk ein, andererseits dosieren sie die Euphorie etwas niedriger. Mit unglaublicher Leichtigkeit, obwohl sie auch sehr spielerisch mit dem Stück umgehen. House-Freestyle auf hohem Niveau. Remix-Kultur auf hohem Niveau.

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Guter Zufall

Der Freitag in der Distillery ist ja bekanntlich die musikalisch-künstlerische Spielwiese. Vor knapp einem Monat fanden dort die Style Wild Battles statt. Nebenbei entstand ein Video.

Und es könnte quasi als Musikclip für Defektos wunderbaren Song „Something Is Coming“ von seiner „Listen“-EP sein. Angeblich ist das Video ein Zufallsprodukt, gedreht von Arvid. Es gingen aber wohl einige Daten verloren, die sonst für die Dokumentation der Battles sinnvoller wären. Das Zufallsprodukt ist aber nun nicht weniger sehenswert.

Sven Tasnadi
„What I’m Living For EP“ (Katermukke)

Kurz vor dem Debütalbum kommt noch eine neue EP von Sven Tasnadi. Wieder einmal auf Katermukke, dem Label des Kater Holzig.

Tasnadi war dort schon einmal – vor genau einem Jahr. Damals schienen sich auf den beiden Tracks die beiden stereotypischen Verknüpfungen mit dem Club heraushören zu lassen. Lang gedehnte Afterhour-Deepness neben Glitzer-Klamauk. Die neue EP klingt da etwas losgelöster. Allein der Titel deutet auf einen persönlicheren Hintergrund.

„Circle Of Love“ und „Searching For Me“ bewegen sich eigentlich eher in dem Bereich, den Sven Tasnadi einmal bei Smallville ausgelebt hat. Stille, in sich gekehrte House-Stücke, die zwischen Tönen einige Zwischenschichten offenbaren. Bei „Circle Of Love“ taucht aber ein komischer Sound auf, bei dem ich jedes Mal denke, dass mein Rechner ein Problem hat.

Weiter aus seinem eigenen Fenster wagt sich Tasnadi aber mit „What I’m Living For“. Nicht, weil er wieder einmal die Acid-Schrauben für sich entdeckt, sondern weil er sehr klar akzentuiert in Richtung Pop vordringt. Auf erstaunlich einnehmende Weise. Vielleicht weil den Vocals nicht zu viel Raum gewährt wird und vielleicht auch, weil die warm-schwingenden Chords im Hintergrund den Acid- und Pop-Einschlag gut einbetten.

Apropos Acid. Es gibt auch ein neues Stück von Dan Drastic & Sven Tasnadi, das ebenfalls recht angeraut klingt. „Placebo Button“ ist mächtig auf Detroit-Kurs. Umher wirbelnde Sounds, Strings, die dumpf schmetternde Bassdrum. Viel packender als die gemeinsame „Panic Room“-EP von neulich. Das Stück ist exklusiv auf der 7. „My Tech House 7 Compilation“ des Labels Push Communications. Krasser Compilation-Name, aber guter Track.

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