Luna City Express „Hello From Planet Earth Remixes“ (Moon Harbour Recordings)

Das dicke Remix-Paket im Anschluss an ein Künstler-Album scheint zum Moon Harbour-Standard zu werden. Der letzte Herbst gehörte dem Berliner Duo Luna City Express, der Frühling einer Handvoll namhafter Remixer.

Das Luna City Express-Debüt-Album „Hello From Planet Earth“ fiel ja recht vielseitig aus – neben der gewohnten House-Funktionalität schimmerten auch einige ruhige und introvertierte Momente durch. Auf den beiden Remix-EP bleiben die außen vor. Übel kann man ihnen das nicht nehmen, dafür ist das Format zu klar auf den Dancefloor gerichtet.

Mathias Kaden nimmt „Diamonds & Pearls“ die Hektik raus. Das tut dem Track sehr gut. Die schleppenden Beats mit den raschelnden Hi-Hats lotsen die Piano- und Orgel-Chords noch mehr in Richtung Jazz als beim Original. So filigran ausbalanciert und verspielt tänzelnd Kadens Remix klingt, so gegensätzlich ist Ray Okpara.

Wenn ich mich recht erinnere, gehört er zu jenen Rhein-Main-Producern, die wenig von aufgepumpten Tracks halten. Alles soll intuitiv sein, schnell von der Hand gehen. Bei „Celebration Of Life“ ist diese Direktheit zu spüren. Alles ist schlanker und straighter, in der Dramaturgie orientiert sich Okpara an Luna City Express. Was dieser Remix aber nicht schafft ist die elegante Kehrtwendung, die das Original zur Hälfte hin macht. Die verpufft zu schnell.

Catz’n Dogz haben sich mit „Mr. Jack“ den Jack-House-Bouncer des Albums ausgewählt. Und sie marschieren um einiges direkter nach vorn, verzichten auf die charakteristische Funk-Bassline, nehmen die Vocals zurück und rauben dem Track damit die Seele.

Einen der besten Album-Tracks hat sich Simon Flower an sich gerissen: „Heaven’s Gate“. Um das luftige Schweben und den Drive des Originals schert sich der Neuseeländer allerdings gar nicht. Das ist schade, auch wenn er einen echten Lichtblick offenbart: der Break zur Mitte hin. So unspektakulär und runter gedimmt das er beinahe zu überhören ist. Aber genau diese knisternde Ruhe bricht den sonst sehr glatten Track für einen kurzen Moment.

Luna-City-Express-Remixes-2Vier weitere Remixe gönnen sich Luna City Express auf einer zweiten EP. Dan Drastic bearbeitet „MS Gera“, einem Track, der gar nicht auf dem Album ist, oder habe ich ihn übersehen? Auf jeden Fall legt Dan Drastic ein ordentliches Tempo vor. Sehr housig und flott. Zwei Dinge gefallen mir aber nicht: Die komisch schwer rein hauenden Toms (sind das Toms?) und der etwas zu dick aufpeitschende Break.

Einen harschen Kontrast bietet da Robag Wruhme. Auch er hat sich „Mr. Jack“ vorgeknöpft. Allerdings geht er weitaus rougher ran als Catz’n Dogz. Eigentlich ganz schön, wie der Beat durchmarschiert und in den House-Mainstream der restlichen Remixe mit Techno dazwischen grätscht. Die Vocals sind auch nur auf das nötigste gekürzt, aber in diesem Kontext passt es einfach. Schnarrend schiebt sich dieser Track nach vorn und gefällt mir mit seiner entrückten Leichtigkeit definitiv am besten.

Zu Reboot fällt mir nicht viel ein, nur dass sein langer Break die einzige Sequenz ist, die aufhorchen lässt. Der Rest ist mir zu klar.

Zum Schluss dann einmal mehr Martinez. Irgendwie wird der mir immer sympathischer auf Moon Harbour. Erstaunlich auch, wie eindeutig der Däne mit seinem loopig-reduzierten Sound herauszuhören ist.

Und „Time & Space“ ist in seiner Version der zweite Höhepunkt nach Robag Wruhme. Unglaublich, wie viel Zeit sich Martinez nimmt. Einfach ein Beat, erst nach zwei Minuten lässt er die umher fliegenden Fanfaren heraus. Dazu eine trockene Bassline und viel viel Hingabe zur klanglichen Entgrenzung. Ist Martinez eigentlich in einer Dauer-Hypnose?

Im Resümee fällt die zweite EP eindeutig stärker aus.

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Hit Hit

Good Guy Mikesh ist ja seit geraumer Zeit mit Filburt auf Club-Pfaden unterwegs. In diesem Jahr steht allerdings ein neues Solo-Album von ihm an. Als Bonbon vorab gibt es jetzt ein Video zum Stück „Spare“. Und wir sind begeistert.

Im frohfroh-Interview sprach Mikesh im letzten Herbst schon davon, dass seine Club-Ausflüge mit Filburt sich auch auf seine Solo-Arbeiten auswirken würden. Bei „Spare“ ist dies mehr als deutlich zu hören. Song oder Track, Club oder Pop, hier sind die Grenzen fließend. Das klingt nach einem amtlichen Hit, das sich das Kölner Label KI Records sofort unter den Nagel gerissen hat.
Im Juli erscheint „Spare“ dort als Vorab-Single zum Album, das im Herbst folgen wird. Die 12″ geht zwar ganz klar in Richtung Club mit Remixen von Marbert Rocel, Axel Boman und KI-Betreiber Christian Löffler. Das Album selbst dürfte dann wieder näher am ursprünglichen Mikesh-Solo-Pop-Entwurf sein.

Wir sind gespannt und schauen schon seit Stunden dieses Video:

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Rundumschlag Pt. 03

Jaja, die Tage streichen ins Land, und wieder einmal ist einiges untergegangen, was in den letzten Wochen und Monaten aus den Leipziger Label- und Producer-Stuben kam. Hier der überfällige Überblick zu allem Ungeraden.

Zugegeben, diese beiden Veröffentlichungen in einen Topf zu werfen, ist gewagt. Was sie eint, ist die stolpernde Rhythmik. Doch eigentlich trennt sie viel mehr. Dennoch: Special Special.

Hexer / Kodama „Back To Business“ /  „Out Of Time“ (Alphacut Records)

Damit weg von der geraden Bassdrum. Hin zur neuen Alphacut, der Nummer 18 mittlerweile. Und nachdem die letzten beiden Split-EPs ja so schon smooth dahin dämmerten, erhöht sich das Energielevel um ein Vielfaches. Hexer auf der A-Seite schmeichelt anfangs noch mit einem klaren Beat und einem ruhig prickelnden Chord. Dann bricht jedoch ein sehr heftiges Gewitter aus.

Die Beats überschlagen sich in Tempo und Brüchen, dazu ein tolle derbe Synthie-Sequenz, die im Staccato dazwischen grätscht. Aufgefangen wird dieser Sturm immer wieder mal von der anfänglichen, sanft rauschenden Melodie. Tight. Kodama ist wohl noch recht neu dabei. Er startet ähnlich melodisch, um später aufzudrehen. Sehr ravige Synthie-Schwerter und fast sakral-düstere Strings steigern die überladene Atmosphäre. Ist mir zu viel.

Rio-BlancoRio Blanco „Air Whales“ (Analogsoul)

Zum Ausklang dann ein überaus sympathisch verschrobenes Singer/Songwriter-Kleinod aus New York. Rio Blanco ist irgendwie bei Analogsoul gelandet. Und er passt mit seinem Lofi-Avantgarde-Appeal auch ganz gut dahin. Sein Album „Air Whales“ ist voller spannender Kanten, elektronisch und von Hand geschaffen. Mal singt eine Frau, mal ganz schüchtern hauchend Blanco selbst. Lofi-Electronica und Folk-Ambient fallen mir als Schlagwörter spontan ein. Keine Ahnung, wer das schon alles vor ihm gemacht hat. Diese zehn trackhaften Songs reihen sich in diese Plattenschau als schöner Kontrast sehr gut ein.

Alphacut Records Website
Analogsoul Records Website
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Rundumschlag Pt. 02

Jaja, die Tage streichen ins Land, und wieder einmal ist einiges untergegangen, was in den letzten Wochen und Monaten aus den Leipziger Label- und Producer-Stuben kam. Hier der überfällige Überblick an House-Platten.

K-Boys „Untitled“ (Everything)

Super Oldschool und geheimnisvoll ist eine mit invertierten Urlaubsbildern bedruckte Platte. Wer genau hinschaut, wird auch die Leute darauf erkennen. Diese unbetitelte Platte aus dem März ist zugleich der Start für das neue Label Everything. Ob da alles mit rechten Dingen zugeht? Tight geschnittene House-Tracks, wie aus einer anderen Ära leihen sich ihren unmissverständlichen Pop-Appeal auf der A-Seite von Florence And The Machine und Nancy Sinatra. „Bang Bang You Shoot Me Down“… Auf der B-Seite dann ein amtlicher Hit mit unwiderstehlichem Funk.

Jay-Eff-FrankmanJay Eff vs. Frankman „Love Thang“ (FM Musik)

Frankman und sein Label FM Musik kam im April auch zurück mit einer Digital-EP. „Love Thang“ ist ein schnörkelloser und glatter Downbeat-Track in Kooperation mit Jay Eff. Irgendwie berührt mich diese Form von Schönklang nicht mehr allzu sehr. Dass hier alles sitzt und gut ausbalanciert ist, lässt sich nicht bestreiten – die warmen Chords und Vibraphon-Spielereien. Aber da bleibt wenig hängen.

Frankmans „Deep Culture Mix“ macht die Deepness durch die Länge etwas schlüssiger, aber das erinnert mich einfach zu sehr an sein Debüt-Album. Und dass erschien 2002 als die Deep House-Freude schon langsam abebbte. Ron Deacons Remix scheint anfangs auch sehr klassisch, spielt in der Mitte dann aber mit dem Vocal und einigen Sounds. Das hat durchaus experimentelle Züge. Und es zeigt, wie Deep House heute klingen kann.

Workshop-10Various Artists „Workshop 10“ (Workshop)

Und es bleibt bei House. Und der Nummer 10 des Schmalkaldener Lieblingslabels Workshop, die Anfang Mai in die Läden kam. Neben Label-Held Lowtec in gewohnter Stärke und den unbekannten Schweiz Rec. ist auch der Leipziger Ron Deacon aus dem Staubsauger- und Polish Records-Umfeld dabei. Es ist sein Vinyl-Debüt unter diesem Namen, obwohl er wohl schon ein ganzes Archiv an guten Tracks aufgebaut haben soll. Sein unbetiteltes Stück kommt mit Disco-House-Beat und flirrender Sound-Fröhlichkeit. So als ein betrunkener Vogel mit heißerer und digitalisierter Stimme trällert. Sehr beschwingt und erdig. Und demnächst erscheint eine ganze EP auf Farside Records.

Mod.Civil Myspace
FM Musik Website
Workshop Website
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Rundumschlag Pt. 01

Jaja, die Tage streichen ins Land, und wieder einmal ist einiges untergegangen, was in den letzten Wochen und Monaten aus den Leipziger Label- und Producer-Stuben kam. Hier der überfällige Überblick zu Dub-Techno.

Gleich viermal tiefer tiefer Dub-Techno kam in den letzten Wochen aus Leipzig-Gohlis – Instabil und Statik Entertainment lassen in ihrer steten Frequenz nicht nach. Drei Compilations sind dabei.

Various Artists „File Under Dub #2“ (Instabil)

„File Under Dub #2“ scheint zu einer Serie zu avancieren. In zwei Richtungen gehen die fünf Stücke – einerseits recht klassisch, freundlich und mit housiger Erdung bei Ion, Modern Walker und Satore, zum anderen introvertierter und rauer bei MasKinE und Kabana. MasKinE „KfKgs“ ist mein Favorit – sehr reduziert und aufgeräumt und verwunschen. Zum Ende lugt sogar ein vertrackter Funk hervor. Sehr schön.

DeepentertainedVarious Artists „Deepentertained – The Mix“ (Statik Entertainment)

Die andere Compilation ist in der CD-Version ein Mix von Leonid – „Deepentertained“ ist das verspätete Geschenk zum Statik Entertainment-Jubiläum vom letzten Jahr. Sechzehn Tracks aus den letzten Jahren hat der Ire zusammengemixt. Sehr stimmig und für Neuentdecker bestimmt gut, um Statik kennenzulernen.

Quantec-Leap-In-The-DarkQuantec „Leap In The Dark“ (Statik Entertainment)

Ansonsten ist im März die EP „Leap In The Dark“ von Quantec veröffentlicht wurden. In nur drei Jahren hat der sich ja zu einem der bekanntesten Dub-Techno-Producern entwickelt. Und schon von Anfang an war er mit Statik Entertainment verbandelt. Jetzt kam aber erst eine ganze EP mit drei Tracks heraus. „Nabu“ ist erstaunlich am Rhythm & Sound-Kosmos– vom Tempo, der reduzierten Deepness und dem permanenten Rauschen. Bei „Leap In The Dark“ wird es dagegen elegischer und leicht gespenstisch. „Nightshade“ offenbart dann noch eine andere Nuance. Wieder erinnert der Beat an Rhythm & Sound, aber die Dub-Chords sind irgendwie angeraut und dass steht dem Track ziemlich gut.

My-Music-Is-My-SpaceVarious Artists „My Music My Space Vol. 4“ (Statik Entertainment)

Gerade eben – Mitte Mai – hat Statik Entertainment schließlich auch seine vierteilige Compilation-Reihe „My Music Is My Space“ vervollständigt. Hintergedanke war neue Talente via Myspace zu finden. Und auf der Nummer vier sind es Shohei Takata, wieder MasKinE, Havantepe du Sublime Porte. Und hey, wieder sticht MasKinE am hellsten hervor. Wer ist das? Super, wie kleinteilig und nah die Sounds klingen, wie die Deepness darum gebastelt wird und ein schnörkelloser Beat alles dezent antreibt. Die anderen drei Stücke sind dagegen allzu klassisch.

Statik Entertainment Website
Instabil Bandcamp
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Zwischen Nordsee und Pleiße

Das letzte Jahr gehörte Sven Tasnadi. Ein halbes Dutzend neuer Platten kamen von ihm 2009 heraus. Das neue Jahr startete für ihn im April. Mit gleich zwei neuen EPs, die zwei Seiten von Tasnadi aufzeigen.

Ginge es ums Label-Name-Dropping, dann bräuchte sich Sven Tasnadi beileibe nicht zu verstecken: Pokerflat, Liebe*Detail Spezial, Smallville, Ornaments, Cargo Edition und jetzt auch Cocoon Recordings. Dort erschien vor kurzem im Rahmen einer neuen 10“-Reihe eine Split-EP mit dem Tasnadi-Track „Nordsee“.

Irgendwie scheinen die Split-EPs die Orte zu sein, an denen bisher wenig bekannte Seiten von Sven Tasnadi zu entdecken sind. Ich erinnere mich an „Winter“ auf einer Smallville-Platte vom letzten Jahr. Da begeisterte Tasnadi mit ungeahnt schwelgerischer Gelassenheit und einer stillen Deepness.

Markus Fix / Sven Tasnadi „Dark Side Of Bo“ / „Nordsee“ (Cocoon Recordings)

Bei „Nordsee“ und dem Cocoon-Banner im Hinterkopf fällt sofort der massive Klang auf, der sich einerseits stoisch nach vorn schiebt, andererseits fast etwas trancehaft Verschlungenes hat. Das ist ganz klar auf Rave gedreht, das passt zu Cocoon. Und doch sind diese düster-elegische Stimmung und der Drive einfach anziehend.

Ein wenig erinnert es mich auch an Gregor Tresher, der ebenso massiv und organisch klingen kann, der genauso zwischen Groß-Rave und Feingeist changieren kann. Allerdings macht er dies hauptamtlich, bei Sven Tasnadi scheint es eher die Ausnahme zu sein.

Toll auch, wie im fließenden Zenit des Tracks auch Stimmen durchschimmern. Sächselnde Typen, wenn ich es richtig verstehe. So klingt Heimatverbundenheit auch mit Ibiza im Rücken.

Sven Tasnadi & Juno6 „Jam Sessions“ (Cargo Edition)

Dementsprechend entschlackt und rough klingen die zwei neuen Tracks von Sven Tasnadi, die er zusammen mit Juno6 auf Cargo Edition soeben veröffentlicht hat. Aufgeräumter Tech-House mit reduzierter Deepness und einigen Specials.

Bei „Pound Cake“ ist es eine freche Kinderstimme, die erst repetitiv reinfadet und später einfach losplappert. Mit Kindern lassen sich schnell Sympathiepunkte einsammeln. Doch hier klingt es ganz organisch, nicht nach Effekthascherei.

„Take Eleven“ klingt in seiner Bassline ziemlich dumpf im Oldschool-Sinne. Und sie ist recht melodiös und mit einem dezenten Jazz-Einschlag. Dadurch kommt eine gewisse Eleganz rein, die später auch mit der Geige und einer glockenhell summenden Stimme zusammenpasst. „Jam Sessions“ heißt die Platte, so sind die beiden Tracks sicherlich entstanden.

Sven Tasnadi Myspace
Juno6 Website
Cargo Edition Website
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Angst in Plagwitz

Plagwitz kommt. So heißt es seit Jahren. So schmückt sich die Stadt auch offiziell. Kreatives Flair als Standortvorteil. Und seit fünf prägt das Superkronik das Viertel kulturell mit. Allerdings auf höchst steinigem Weg. Jetzt scheint es noch mehr Bedrängnis geben.

Mit Querelen kämpft das Superkronik schon seit seinem Umzug in die neue Location gegenüber des Felsenkellers. Die Odyssee ist also nicht unbekannt. Vielmehr wundert die Ausdauer und Kraft, mit denen die Betreiber den jahrelangen Streitigkeiten mit der Stadtverwaltung trotzen.

Sie haben ihren Laden nach und nach ausgebaut und veranstalten in der Grauzone Partys und Konzerte. Und irgendwie habe ich manchmal mit dem Außenblick den Eindruck, dass es sich in der Grauzone ganz gut agieren lässt. Ein Trugschluss, denn es brodelte permanent und scheint jetzt an einem vorläufigen Höhepunkt angelangt. Das Superkronik steht vor dem Aus und sendet einen öffentlichen Appell an die Stadt. Der ist seit ein paar Tagen im Umlauf. Im Wortlaut heißt es:

„Die Existenz des Superkronik als Veranstaltungsraum in Leipzig-Plagwitz ist derzeit ernsthaft gefährdet.

Das Superkronik ist ein unerlässlicher Veranstaltungsraum für Künstler jeden Genres in Leipzig. Hier finden Kinoveranstaltungen, Life-Konzerte, Ausstellungen, internationale Performances, Partys, etc. statt. Seit 2007 sorgt das Superkronik im Raum Plagwitz für eine Auf wertung des Stadtbildes, durch ein wechselndes Angebot an attraktiver Abendgestaltung. Die Karl-Heine- Straße als Kulturmeile des Leipziger Südwestens wäre keine ohne das Superkronik. Sogar Immobilienscout24 meint hier gäbe es die „Kunst der anderen Art“, liest man was auf der Homepage zu Leipzig Plagwitz steht.

Eine unklare rechtliche Situation führt zu Veranstaltungsverboten, Auflagen und letztlich zur Androhung einer Schließung! Ein Verbot holt das andere ein. Betreiber, Mitarbeiter, die ihre Existenz bangen, Kulturschaffende, Besucher und Anwohner sehen in einer Schließung des Superkronik eine enorme Einschränkung der Nutzung kulturellen Raumes – zum Nachteil aller! Das wäre für das kulturelle Leben fatal und ist politisch eine nicht zu rechtfertigende Konsequenz.

Wir fordern die Stadt auf, dafür zu sorgen, dass das SUPERKRONIK im Leipziger Südwesten erhalten werden kann!“

Wir hoffen, dass sich hier eine Einigung finden wird, denn das Superkronik ist uns ans Herz gewachsen. Hier ist der Offene Brief auch als PDF verfügbar, der gleichzeitig als Petition als Stadt gelten kann. Ausdrucken, unterschreiben und im Superkronik-Briefkasten abgeben.

Various Artists „ACR017“ (Alphacut Records)

Die monatliche Alphacut-Serie befindet sich gerade in ihrer deepen Phase. Schon die vorherige Nummer zelebrierte das Prinzip der Entschleunigung. Die neue Platte tut dies umso mehr. Und dass mit gleich vier verschiedenen Acts.

„Im Winter wird es Platte für Platte immer entspannter, bis es dann in der warmen Jahreszeit wieder richtig zur Sache gehen wird“, sagte Alphacut-Chef LXC zu Beginn der monatlichen Alphacut-Serie im frohfroh-Interview. Dass jetzt im Frühling noch derart gedrosselte und deepe Tracks heraus kommen, mag da erstaunen. Aber gut, der Winter war lang und hartnäckig, und der Frühling tut sich etwas schwer. Doch ganz generell könnte es wegen mir bei dem derzeitigen Tempo bleiben.

Die lodernde Spannung der Langsamkeit, die schon bei den letzten beiden Tracks von Dissident und Paranoid Society zu einer tollen Intensität führte, bleibt auch auf der Nummer 17 erhalten. Dieses Mal allerdings mit vier Künstlern aus Island, Russland, Weißrussland und Großbritannien.

Ein kleiner Segelflieger-Rundflug über das deepe Europa. Im Prinzip haben alle vier Tracks auch diesen schwebenden Charakter, aber in unterschiedlicher Ausrichtung. Eher dubbig mit B Cloud und Despot, durchaus klassisch breakig bei Morphy und sogar Downbeat-beladen bei Muted (Foto).

Was die Langsamkeit angeht ist Despot am konsequentesten. Herrlich gedehnt mit langen Pausen zwischen den einzelnen Beats und der Bassline. Mein Held auf der Platte ist aber doch B Cloud. Die Balance zwischen der lässigen Rhythmik und den rough belassenen Sounds holt irgendwie einen spannenden Funk hervor.

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Jahtarian Dubbers 2010

Viel Neues von Jahtari in diesen Tagen. Die zweite Ausgabe der „Jahtarian Dubbers“-Compilation ist gerade herausgekommen. Trotz des Erfolgs mit den Platten bleibt die Netlabel-Idee weiter Teil von Jahtari, sagt Label-Betreiber Disrupt im frohfroh-Interview.

Label-Compilations zeugen immer auch von einem Innehalten, von einer möglichen Zäsur. Im Fall von Jahtari markiert es den vorläufigen Höhepunkt eines Marathons an neuen Veröffentlichungen – und zwar vorwiegend auf Vinyl. Der parallele Gang vom digitalen zum klassischen haptischen Tonträger scheint also geglückt. Und es passt genau in die Sympathiewelle, die der Jahtari-Sound beispielsweise in Großbritannien losgetreten hat.

„Jahtarian Dubbers Vol. 2“ strahlt viel von dem neuen Selbstbewussstsein aus. Es behält viel von dem schrägen und kantigen 8bit-Reggae und -Dub, für den Jahtari mittlerweile quasi prototypisch steht. Neben den Leipziger Originalen Disrupt, Jahtari Riddim Force und Illyah & Ltd. Candy reihen sich auch die neuen Label-Kollegen aus aller Welt ein, die in den letzten Monaten und Jahren den Sound mit geprägt haben – Soom T, Pupajim, Tapes.

Und es gibt ein paar Neuzugänge: Clause Four sticht da besonders heraus mit seinem langsam schreitenden „Mars“ in zwei Versionen. Schnarrend und sirenenhaft zieht sich die Synthie-Bassline durch und wird auf ganz verschiedene Weise von beinahe hymnischen Melodien aufgefangen. Ziemlich entschleunigt ist auch das Intro mit Black Chow.

Auch John Frum sagte mir vorher noch nichts. Sein „Shreveport Shuffle“ kommt aber mit einem unheimlich lässigen und simplen Arrangement und Beat daher. Wie wenig manchmal ausreichen kann. Solo Banton und Soom T ziehen das Tempo zum Schluss hin noch einmal kräftig an. Vielseitig und sympathisch zusammengestellt ist diese Compilation im Gesamten betrachtet.

Und sie ist uns Anlass genug, Jahtari-Betreiber Disrupt nach einem Resümee über das letzte Jahr zu fragen.

Was für ein Resümee ziehst du nach dem Vinyl-Marathon des letzten halben Jahres?

„Alle Platten liefen gut bis sehr gut und wir haben natürlich eine Menge gelernt. Ist ja deutlich komplexer als CDs oder MP3s zu machen. Aber mittlerweile ist alles bestens eingespielt und gerade R.A.N.D. Muzik, das Presswerk hier in Leipzig, ist top. Am Ende gibt’s nichts Besseres als Musik, die man selber gemacht hat oder gut findet als fertige Platte in der Hand zu halten.“

Bleibt die Netlabel-Idee erhalten?

„Klaro, da kam viel in den letzten Monaten. Eine neue Bo Marley-EP – auch auf Kassette – und drei Net-7″s. Die letzte mit ElFata, einem Sänger aus London und Nigeria. Es ist einfach schön die Tracks raus zu bringen. Man erreicht damit ja auch weitaus mehr Leute als mit 1000 7″s.“

In Großbritannien ist Jahtari ziemlich angesagt. Wie ist euer Standing dort aber konkret, seid ihr als Leipziger mit einem elektronischen Sound eher geschätzte Exoten oder werdet ihr schon von der ganzen Reggae/Dub/Dubstep-Szene wahrgenommen?

„UK läuft nach wie vor bestens, aber vor allem in Frankreich und Japan tut sich sehr viel. Ich war neulich mit Soom T in Shanghai, Hongkong und Japan für ein paar Gigs. Vor allem in Japan kannten schon sehr viele Leute Jahtari und wir mussten Platten signieren – das war krass.

Der Exotenbonus ist schon da, kommt aber eher vom Sound als der Herkunft. Für Leute vom klassischen Reggae klingt es immer abgefahren wegen der rohen 8bit-Ästhetik, und für Leute aus der Elektronik-Ecke sind’s dieselben Sounds, aber mit mehr Bass und Offbeat. Generell sind wir eher immer so das schräge Underground Sound System.

Seitdem jeder Musiker nach Berlin gezogen ist, spielt Herkunft kaum noch eine Rolle. Auch den Mythos, von dem Berlin aus den Neunzigern noch lebt, hat ja mit der Realität nicht mehr viel zu tun. Ich sage immer: Leipzig ist wie Berlin vor zehn Jahren: Platz, Freiräume, Energie, viel illegal.

Es kommen ja immer mal Musiker oder Freunde von anderen Sounds aus Europa auf Urlaub vorbei, und alle sind total beeindruckt von Leipzig. Diese Art von Subkultur ist in London, Paris oder auch in Westdeutschland bis auf Hamburg oder Freiburg schon längst tot oder kommerzialisiert. Soom T zieht eventuell auch bald her, aus genau den Gründen.“

Noch etwas zum Stichwort: Japan. Da sind gerade zwei exklusive Jahtari-Compilations heraus gekommen, die es in Europa nicht geben wird – darunter eine mit dem Titel „Leipzig Dub“. Was für ein Liebesbeweis.

Jahtari Website
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2 Jahre Break The Surface

Das Digital-Label Break The Surface feiert an diesem Wochenende seinen zweiten Geburtstag. Neben einer dick besetzten Party in Plagwitz gibt es auch ein wunderbares Geschenk für alle zu spät gekommenen oder diejenigen, die ihre Sammlung komplettieren wollen.

Break The Surface ist einer der Leipziger Pioniere auf dem Feld der ausschließlich digital veröffentlichten Musik. Seit zwei Jahren veröffentlichen Sie ihre EPs in nahezu allen wichtigen Download-Shops. Erst im Drum’n’Bass-Bereich beheimatet, liegt der Fokus seit gut einem Jahr auf Techno und House. Die Einzelheiten erzählt unser frohfroh-Label-Porträt.

Im Elipamanoke findet die Geburtstagsparty statt mit Juno6 als Headliner und der ganzen Break The Surface. Übertragen wird das Ganze wieder von mottt.fm.

16.4.2010 // 22 Uhr: Juno6, Arsen1Computerklub, Metasound & Lucuis14, Efka, SPDT

Ein anderes Geschenk beschert uns das Label einen Tag darauf. Für 24 Stunden lassen sich nämlich die sechs EPs der aktuellen Techno-Ära kostenlos herunter laden. Tolle Sache. Konkret sind die Leitungen von 17.4., 19 Uhr bis zum 18.4., 19 Uhr offen. Alle weiteren Infos und Zugangsdaten gibt es auf der Break The Surface-Seite.

Holt euch also den Backkatalog und sagt uns anschließend, was eure liebste EP ist. Wir wollen es wissen!

Die volle Dreizehn

Im Sommer gibt es ein Wochenende, an dem sich eigentlich ganz Club-Leipzig aufs Land verzieht. Irgendwie in eine Senke aus der dann die Bässe dröhnen. Eben ist es reingekommen – das komplette Line-up des 13. Nachtdigital Open Airs.

Diese Information wird weinende Augen hinterlassen. Weinen werden all diejenigen, die keins der 3.000 Tickets abbekommen haben. Weinen werden aber auch diejenigen, die stolz eins unter dem Bett versteckt haben. Denn das Line-up ist draußen und es kommt mir ambitionierter und spannender als die letzten Jahre vor. Es gibt eine Menge Bands und Acts, denen man einfach nur Zuhören kann. Da geht es nicht ums Tanzen und Raven.

Und es gibt lauter mehr oder weniger bekannte Newcomer und Geheimtipps. Das Nachtdigital 13 wird zum Entdeckerwochenende zwischen Techno, House, Dubstep und Electronica. Da ist ein wunderbarer Scuba ebenso dabei wie House-Halbgott Theo Parrish. Da sind Leipziger Helden dabei. Da ist eine Menge Liebe dabei. So wie immer, aber in diesem Jahr irgendwie noch mehr. So scheint es zumindest. Allerhand.

Hier das komplette Line-up:

Ada, Band Ane, Chateau Flight, Fantastikoi Hxoi, Feindrehstar, Floating Points, F.S. Blumm, John Roberts, Lusine, Manamana, Margaret Dygas, Mathias Kaden, OneTake, Redshape and Drums, Rik Elmont, Scuba, Sensual., Steffen Bennemann, Supermayer, Theo Parrish

Special – ND loves Border Community:
Avus, James Holden, Luke Abbott, Nathan Fake, Wesley Matsel

Uncanny Valley:
Albrecht Wassersleben, Break.SL, Hombres Discos (Tiny & Spunky), Jacob Korn, Soeren Matschiste, The Moroders

Deko & Visuals:
Convulse, Cinemata, Malte

Nachtdigital Website

Mod.Civil „op.cit.“ (Ornaments)

War nicht „Einfachheit Gewinnt“ das Motto von Gerrit Behrens und René Wettig, den beiden Jungs von Mod.Civil? Hört man in ihre neueste EP auf Ornaments rein, scheinen diese einfachen Zeiten der Vergangenheit anzugehören.

Beide Stücke auf der Ornaments 13 sind deutlich weniger durchsichtig als das, was man von Mod.Civil bisher so kennt. Die letzten Stücke zeichneten sich meist durch ziemlich klare Strukturen aus mit einem Schwerpunkt auf den Club.

Bei „op.cit.“ ist dagegen Vieles versteckter, es klingt als hätten sich Mod.Civil bewusst für eine neue Richtung entschieden. Die A-Seite beginnt noch ganz klassisch mit der Bassdrum und Snare. Dann das Thema, das sich anfangs fast ausschließlich in den tiefen Tonlagen abspielt.

Hier baut sich ein richtig guter deeper Housetrack auf. Doch dann kommt wie eine zweite Schicht ein anderer Rhythmus, der durchgehend leicht versetzt zum eigentlich Beat schlägt und dem Ganzen eine neue Richtung gibt. Während bei anderen Mod.Civil-Tracks voll auf den Höhepunkt zugearbeitet worde, nehmen die Jungs hier kurz vor dem erwarteten Höhepunkt den Schwung raus. Und das ist gut. Die komplexere Struktur mit verschiedenen Rhythmusschichten macht den Track weniger voraussehbar und dadurch aufregender, ohne dabei den Clubcharakter ganz zu verwerfen.

Die B-Seite geht dann noch einen erheblichen Schritt weiter. Der mehr als zehnminütige Track spielt immer wieder mit Rhythmus und Themenwechseln. Vom ersten Schlag an ist hier der Beat leicht versetzt und schleppt sich eher schwerfällig über die ersten Takte, bis die Snare dem Ganzen etwas mehr Schwung gibt.

Langsam baut sich der Track auf, mit einer angedeuteten Melodie in den Tiefen und einem jazzartigen Saxophonsound in den Höhen. Doch sobald man glaubt, die Idee verstanden zu haben, wird eine neue Tür geöffnet und der Track geht in eine ganz andere Richtung weiter. So kommt nach über sechs Minuten in den Höhen eine ganz andere Melodie hinzu, abgerundet durch abstrakte Vocals. Das ist gut zu hören, auch wenn es wahrscheinlich zu verschroben ist, um auf der Tanzfläche wirklich zu funktionieren. Ein Risiko, das durchaus eingegangen werden kann, denn langfristig macht es die Veröffentlichungen von Mod.Civil interessanter.

„op.cit.“ weist in eine neue Richtung. Wenn Mod.Civil dieser Richtung in Zukunft folgen, können sie, was die Produktion ihrer Stücke angeht, einen erheblichen Schritt nach vorne machen. Oder anders gesagt: Komplexität gewinnt.

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