Riotvan ist seit sieben Jahren als Label (nicht nur) in Leipzig bekannt. Die gleichnamige Partyreihe gibt es schon ein Stückchen länger, nämlich eben die 13 Jahre, die nun in einer ganzen Jubiläumswoche gefeiert werden.
Warum gerade jetzt so groß und ausgiebig gefeiert wird, mit der Unglückszahl 13 im Banner? „Es hat sich dieses Jahr einfach richtig angefühlt. Wir wollen das Ganze als Danke an all unsere Wegbegleiter*innen aufziehen und unser Jubiläum richtig zelebrieren“, erklären die beiden.
Family Affair
Eine Hommage an die Anfänge also, bei denen die Riotvan-Partys noch als Indie-Partys durchgingen, Markus‘ Oma für all die helfenden Hands im Backstage Kuchen gebacken und Brötchen geschmiert hat und seine Mama Long-Papes für alle Künstler*innen aus ihrer Tankstelle mitbrachte.
Riotvan 2010 im Westwerk Foto: Nora Heinisch
Bei der Frage, welches die wichtigsten, schönsten, besten Erlebnisse während der letzten 13 Jahre waren, überlegen Robert und Markus nicht lange und einigen sich auf zwei Punkte. Gut, Punkt eins umfasst einfach mal die ersten vier Jahre, also die ersten vier Partys – die offenbar wirklich verrückt waren.
Von der allerersten Party im Werk 2 (in Halle D, um genau zu sein) ging es zunächst in die Distillery.
Dort stellten sich manche, außer dem damaligen Booker Marcel Baer, die Frage. „Was wollen die in der Tille mit einer Indie-Party?!“, erinnert sich Markus. Aber die Gäste mochten es. Sogar sehr.
Eine Mischung aus Indie, Rock und Techno machten die Partys angesagt und interessant. Peaches, Mr. Oizo, Mano Le Tough, Keinemusik, Cinthie oder Bonaparte (kannte damals eben noch nicht jede*r) standen beispielsweise im Line-Up. Dazu noch gutes Flair, eine Symbiose von unterschiedlichsten Menschen und ein 3. Floor auf der Toilette. So waren die Riotvan-Partys in der Tille.
Mehr ist mehr
Irgendwann wurde aus der jährlichen Party-Edition dann mehr. Markus bezog mit der Party-Reihe damalige Off-Locations, die wir heute als On- bzw. In-Locations kennen: Westwerk, Spinnerei, Villa Hasenholz, Kunstkraftwerk… „Das hat die Clubkultur früher noch viel mehr zugelassen als heute“, sagt er. Mittlerweile finden die Riotvan-Raves regelmäßig im Institut fuer Zukunft statt.
So, und dann – Punkt zwei – kam die Label-Gründung itself. Das war 2012, als Markus, seine Freundin Linda, Michael aka Mikesh und Flo mit ihrer Band ‚Here Is Why‘ mehrere Verträge verschiedener Plattenfirmen angeboten bekamen. „Da hätte man jeweils auch beim Teufel unterschreiben können“, lacht Markus und drückt seine Zigarette aus.
Gerade der Zusammenschluss von Mikesh und Markus ebnete den Weg für das Label. Er erzählt dazu: „Die Idee ein Label zu gründen gab es zwar schon vorher mal, aber erst durch unser Album wurde es spruchreif.“
Katalognummer #17
Warum nicht einfach selbst die Platte rausbringen? Damit war das Label Riotvan geboren. Also so halb. Denn es brauchte noch zwei Jahre bis Robert aka Panthera Krause dazukam und blieb.
Und jetzt? Seit Kurzem gibt es ein richtiges Headquarter im Westen der Stadt. Die Zeiten, in denen sich die zwei in Cafés und Bars trafen, sind vorbei. „Da blieb auch immer die Hälfte liegen“, lachen beide.
Genki Girl EP von Panthera Krause
Die EP ‚Genki Girl‘ von Panthera Krause ist die 17. Katalognummer und erscheint pünktlich zum 13. Jubiläum. Schickes Studio haben sie auch noch. Klingt alles fast ein bisschen zu glatt, oder?
„Es gab auch ganz andere Zeiten. Das sah nur von Außen nicht immer danach aus“, sagt Robert. „Der enorme Support unserer Wegbegleiter*innen hat das eben ermöglicht, dass es doch immer weiterging. Es ist wirklich an der Zeit, denen mal Danke zu sagen“, vollendet Markus den Satz.
„Die Vision hat uns und das Label manchmal schon am Leben gehalten“
erzählen sie weiter. Das Label-Boss-Life ist eben nicht nur Party und Gästeliste, Sekt und Pulver auf dem Spiegel. Manche glauben das wirklich. Bei den allermeisten Musiker*innen, DJs und Label-Betreiber*innen ist eher das Gegenteil der Fall.
Der Wunsch der beiden, was die persönliche und auch die Zukunft des Labels angeht, ist folglich:
„Einfach mit dem, was wir hier machen, über die Runden kommen. Und weiterhin die Leute um uns herum mit unserer Musik mitreißen.“
Riotvan Headquarter Fotos/Scan: Nastassja von der Weiden
Auf die nächsten 156 Monate
Jetzt aber nochmal zum Geburtstag. Nein, pardon, zur Geburtstagswoche! Es wird ein Wiedersehen mit alten und neuen Unterstützer*innen, Riotvan-Fans, Freund*innen, Mentor*innen… und neuen Gesichtern geben.
Von Ausstellung, Radioshow bis Party wird es eine Woche lang unterschiedlichste Events geben – und Überraschungen! Überraschungen wären keine Überraschungen, würde ich euch jetzt erzählen, welche es sind… aber so viel darf verraten werden: Zwei Protagonisten der Leipziger Musikszene feiern ihre Re-Union auf einem der Geburtstagsevents.
Und vielleicht rollt ja der Riot-VAN, live und physisch, nach 13 Jahren über die Straße? Genau wissen werden es all diejenigen, die zur Party kommen.
Perspektivwechsel: Welche Strategien die Polizei beim Auflösen eines Open Airs anwendet und welche Erfahrungen die Beamt*innen mit Gästen und Kollektiven machen. Außerdem: Tipps von Rechtsanwalt Jürgen Kasek – wie Veranstalter*innen im Fall der Fälle ihre Strafe reduzieren können.
„Jeder war schon mal betroffen“
Die Angst vor einem möglichen Erscheinen der Polizei schwebt wie eine dunkle Wolke über jedem Open Air – die Perspektive von Kollektiven und Gästen auf die Beamt*innen ist klar. Es reicht jedoch nicht aus, nur deren Blickwinkel zu beleuchten. Was denkt die Polizei über diejenigen, die in Wäldern und auf Wiesen tanzen und dabei gegen etliche Gesetze verstoßen?
Andreas Loepki ist der Pressesprecher der Polizeidirektion Leipzig. Außerdem leitet er das Direktionsbüro im Peterssteinweg – hier treffen wir uns. Er ist ein großer Mann Anfang vierzig, seine Haltung gerade. Er lächelt und wirkt gleichzeitig reserviert. Loepki scheint sich seiner Autorität bewusst zu sein.
„Ich glaube, jeder Leipziger und jeder im Speckgürtel von Leipzig war schon mal von illegalen Open Airs betroffen, weil er es nachts am Freitag oder Samstag hat hämmern hören und schlecht oder gar nicht schlafen konnte.“ Loepki schätzt, dass jede Woche mindestens ein bis zwei Veranstaltungen stattfinden. Das Thema beschäftige die Polizei im Sommer jedes Wochenende. Meistens erfahre sie über den Notruf von den Veranstaltungen. „Leute, die am Wochenende oder im Schichtbetrieb arbeiten müssen, sind besonders genervt und informieren uns.“ Manchmal würden es die Beamt*innen auch selbst feststellen, wenn „die Musik durchs ganze Stadtgebiet hallt“, so Loepki.
„Manchmal ist die Sache relativ einfach: Ein gezogenes Stromkabel, eine sichergestellte Musikanlage und eingezogene Getränke können Wunder wirken.“ – Andreas Loepki
Nach dem „Wo-kommt-der-Bass-her“-Suchspiel, das oft auch Feiermotiverte auf der Suche nach dem Open Air ihrer Wahl spielen müssen, versuchen die Polizist*innen vor Ort zunächst, eine Ansprechperson auszumachen: DJs, diejenigen hinter der Bar oder Menschen, die sich als Veranstalter*innen zu erkennen geben. „Das ist auch für die rechtlichen Folgen relevant, die sind dann nämlich von Bußgeldern oder Strafrecht betroffen. Und sie haben die Verantwortung, dass alles ein geordnetes Ende nimmt“, erklärt Loepki. Wie gehen die Beamt*innen vor, wenn sie keine Veranstalter*in ausmachen können? „Manchmal ist die Sache relativ einfach: Ein gezogenes Stromkabel, eine sichergestellte Musikanlage und eingezogene Getränke können Wunder wirken“, sagt Loepki.
Ist das wirklich nötig, um die Crews zum Aufhören zu bewegen? „Um die Veranstaltung zu unterbinden und zu verhindern dass es an anderer Stelle in gleicher Nacht weitergeht, haben wir oft keine andere Wahl. Vor allem bei Uneinsichtigkeit des Personenkreises – und die ist offenkundig, wenn sich niemand bekannt macht.“
Hier kann die beschlagnahmte Anlage gegebenenfalls abgeholt werden: Die Polizeidirektion am Peterssteinweg. Foto: Lea Schröder
„Wenn jemand dem bunten Treiben ein Ende bereiten möchte, liegt es leider in der Natur des Menschen, auch mit Aggressionen zu reagieren. Das trifft dann unsere Kollegen und unsere Fahrzeuge.“ – Andreas Loepki
„Um die Veranstaltung aufzulösen, ist ein gewisses Kräfteaufgebot nötig. Die Besucher empfangen uns schließlich nicht immer mit offenen Armen, weil wir ja die ‚Spaßverderber‘ sind“, fährt Loepki fort. Die Anzahl der Einsatzkräfte sei abhängig von den Gästen – denn die seien „nicht immer friedliebend und freudesuchend, zumindest uns gegenüber“. Grund dafür seien unter Umständen auch enthemmend wirkende Substanzen wie Alkohol und Drogen. „Wenn jemand dem bunten Treiben ein Ende bereiten möchte, liegt es leider in der Natur des Menschen, auch mit Aggressionen zu reagieren. Das trifft dann unsere Kollegen und unsere Fahrzeuge.“
Mit einem Streifenwagen hunderten Leuten gegenüber zu stehen, sei nicht erfolgsversprechend: „Man weiß nicht, wie Gruppeneffekte wirken – gerade, wenn die Gruppe in der Überzahl ist und sich in der Lage fühlt, agierende Beamte zu vertreiben.“ Deshalb taucht die Polizei oft gleich mit mehreren Mannschaftswagen auf. Stolz verkündet er: „Im letzten Sommer haben wir zahlreiche Open Airs aufgelöst, jede Woche circa eins. Wir haben nun ein größeres Kräfteaufgebot haben und kooperieren noch besser mit der Stadt Leipzig.“
Berufsrisiko
„Beleidigungen und Pöbeleien sind an der Tagesordnung. Aber das ist Berufsrisiko, unsere Beamten haben ein dickes Fell“, schildert Loepki. Auch Streifenwagen seien manchmal beschädigt worden. „Es kommt vor, dass irgendwo aus dem Dunkeln Gegenstände herbeifliegen. Da wissen Sie auch nicht immer, ob der mit Flüssigkeit gefüllte Becher Bier enthält – oder etwas anderes.“
Bei den Täter*innen handelt es sich mutmaßlich in erster Linie um Gäste. Die Crews haben wahrscheinlich kein Interesse daran, aufgrund von Beamt*innenbeleidigung oder Sachbeschädigung noch härter bestraft zur werden. Bei einem Open Air auf einer freien Fläche gibt es keinen Eingang – wie also die Gäste selektieren und potentielle Aggressor*innen ausschließen? Auf dem Open Air selbst kann ein Awareness-Team helfen, das sich um das Wohlbefinden aller Gäste kümmert und bei Problemfällen interveniert. Im Vorfeld können Kollektive durch Werbung ausschließlich im nahen Bekanntenkreis zumindest ein wenig Einfluss auf das Publikum nehmen – in Zeiten von schneeballeffektartiger Kommunikation auf Social Media ist das jedoch nur bedingt möglich.
„Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“
Loepki berichtet auch von Fällen, in denen die Veranstalter*innen „Einsicht zeigten“. Andere würden aus Unwissenheit handeln und seien sich nicht bewusst, dass sie im Naturschutzgebiet feiern, steuerrechtliche Fragen und GEMA umgehen. Für letztere hat er wenig Verständnis: „Das mag alles lustig und interessant sein, wir waren ja alle mal jung. Aber es gilt im deutschen Recht einen Grundsatz der heißt: ‚Unwissenheit schützt vor Strafe nicht‘. Im Zeitalter des Internets kann man gerade jungen Menschen zumuten, dass sie sich ein bisschen informieren, was man darf und was nicht.“
Andreas Loepki, Pressesprecher der Polizeidirektion Leipzig. Foto: Direktionsbüro Polizei Leipzig
„Egoismus und Idiotie“
Loepki vermutet, dass Kollektive vor allem aufgrund von Bürokratie und wirtschaftlicher Gründe die Open Airs nicht anmelden: „Es ist einfacher und finanziell lukrativer, das Ganze illegal durchzuführen.“ Das unterstellt auch sein Kollege Uwe Voigt in einer schriftlichen Stellungnahme: „Die Veranstalter der illegalen Partys ‚sparen‘ sich derartige Aufwendungen, entziehen sich durch Anonymität im Schadensfall ihrer Verpflichtung/Haftung gegenüber ihren Gästen und handeln aus schlichtem Profitstreben entgegen der Normen.“
Loepki erzählt, er sei vergangenen Sommer mit seinem Hund durch einen Wald südlich von Markkleeberg spaziert und habe dort gleich mehrere Stellen entdeckt, an denen offenbar Open Airs stattgefunden hatten. „Das war gut an der Vermüllung, an Scherben, Glas- und Plastikflaschen, Kronkorken und Plastikplanen, an Vegetationsschäden und im Umkreis befindlichen Fäkalien zu erkennen.“ Da sich offenbar niemand der Verursacher*innen verantwortlich fühle, habe er dort nun selbst Stück für Stück aufgeräumt.
„Im August 2018 traf ich auf versprengte Reste von sichtlich betrunkenen oder bekifften Tänzern nebst DJ-Pult und Getränkestand. Den Anwesenden galt eine seit Wochen andauernde Dürre auch nicht als Grund, mitten im Wald kein Feuerchen zu unterhalten. Da fielen die Pkw, mit welchen in den Wald eingefahren wurde, schon kaum mehr ins Gewicht.“ Auf Loepkis Eingreifen hin sei das Open Air dann abgebrochen worden. „Wer sich so verhält, ist weder ökologisch, noch rücksichtsvoll unterwegs. Mir fallen da Begriffe wie Egoismus und Idiotie deutlich eher ein.“
Wie es richtig teuer wird
Mit welchen Konsequenzen müssen Kollektive im Fall einer Anzeige rechnen? Antworten darauf erhoffe ich mir von Jürgen Kasek. Der Mittdreißiger ist Grünen-Politiker und setzt sich als Aktivist gegen Rassismus und für Solidarität ein. Außerdem vertritt er als Rechtsanwalt auch Open-Air-Kollektive. Ich treffe ihn in seiner Kanzlei im Zentrum-West. Mit jungenhaftem Grinsen begrüßt er mich in seinem hohen, lichtdurchfluteten Altbaubüro. Er hat seine langen Locken zu einem Zopf zusammengebunden, trägt einen dunklen Anzug und ein Festivalbändchen um sein Handgelenk.
Die Konsequenzen im Falle einer Anzeige seien abhängig vom Tatbestand, erklärt er mir. Kollektive können bereits bei der Locationauswahl Fehler machen: Befindet sich ein Wohngebiet in Hörweite, können sich Anwohnerinnen beeinträchtigt fühlen – Tatbestand Nr. 1: Ruhestörender Lärm. Feiern in einem Naturschutzgebiet schadet nicht nur der Umwelt, sondern könne sogar als Straftat geahndet werden – Tatbestand Nr. 2. Zäune oder Mauern, die das Gelände umgeben, seien ein Hinweis auf ein „umfriedetes“ Privatgelände – Tatbestand Nr. 3: Landfriedensbruch. Selbst wenn all diese Gesetze nicht verletzt werden, wie zum Beispiel in einer beliebten Open-Air-Location in der Nähe der Südvorstadt, hat sich die Legislative etwas einfallen lassen, mit dem Open Airs strafrechtlich verfolgt werden können: Hier ist schlicht das Betreiben eines Generators verboten.
„Wenn jemand in Scherben tritt, machen sich die Veranstalter der fahrlässigen Körperverletzung schuldig“ – Jürgen Kasek
In der Regel habe sich das Kollektiv keine Schanklizenz für die Bar eingeholt und zahle keine Gebühren an die GEMA – auch dafür können die Mitglieder angezeigt werden. Übrigens: Wildpinkeln gelte strafrechtlich als Erregung öffentlichen Ärgernisses und werde mit einem Bußgeld geahndet. Darüber hinaus bedürfe allein das Aufbauen einer Anlage im öffentlichen Raum einer Sondernutzungsgenehmigung, denn öffentliche Plätze wie Parks dienen laut Gesetz dem Allgemeininteresse – laute Musik kommt dem offenbar nicht zugute.
Auch die Polizeiverordnung der Stadt Leipzig verbiete explizit elektronisch verstärkte Musik in öffentlichen Parkanlagen. Konsequenzen drohen jedoch auch aus versicherungsrechtlicher Perspektive: „Wenn zum Beispiel jemand in Scherben tritt, machen sich die Veranstalter der fahrlässigen Körperverletzung schuldig“, so Kasek. Sicherheitsvorkehrungen wie Verbandskasten und Feuerlöscher hinter der Bar können nicht nur im Ernstfall Leben retten, sondern geben Crew und Gästen ein Gefühl der Sicherheit und können im Fall eines Polizeibesuchs die auftretenden Beamt*innen etwas milder stimmen.
Diese Gesetzesverstöße summieren sich, sodass dem veranstaltenden Kollektiv Bußgelder bis hin zu 10.000 Euro drohen könnten, erklärt Kasek. In der Regel seien es jedoch einige hundert Euro, die die Crew aufbringen müsse.
Welche Befugnisse die Polizei hat
„Da keine Erlaubnis vorliegt, dürfen sie alles auflösen“, erklärt Kasek. Das heißt: Die Anlage muss abgebaut werden. „Die Aufgabe der Polizei ist die Unterbindung von Gefahren für öffentliche Sicherheit und Ordnung – dazu gehört auch ruhestörender Lärm.“ Wenn die anwesenden Beamt*innen zu dem Schluss kommen, dass eine Beschlagnahmung der Anlage die einzig wirksame Möglichkeit sei, das Open Air zu unterbinden, seien sie dazu befugt, die Anlage mitzunehmen. Ohne Anlage kann schließlich auch andernorts nicht weitergefeiert werden.
Gibt sich darüber hinaus niemand als Besitzer*in der Anlage zu erkennen, könne die Polizei sie ebenfalls beschlagnahmen. Kasek schlägt kurz in einem Gesetzbuch nach und erklärt dann: „Laut Polizeigesetz kann die Polizei eine Sache sicherstellen, um sie vor Verlust oder Beschädigung zu schützen – eine herrenlose Anlage könnte ja gestohlen werden.“
Rechtsanwalt und Grünen-Politiker Jürgen Kasek, 2018 bei einer Demo gegen Mietenerhöhung und Gentrifizierung in Leipzig. Quelle: Jürgen Kasek
Wie Kollektive ihre Strafe reduzieren können
Wie können Kollektive vorgehen, um die Strafe einzuschränken, wenn die Polizei anrückt? Zunächst sollte der*die DJ hinter dem Pult verschwinden, um nicht als Veranstalter*in belangt werden zu können. Auch die Menschen hinter der Bar sollten ihren Platz verlassen. Die Musik sollte möglichst ausgeschaltet und Getränkekästen vor die Bar geräumt werden – das erweckt den Anschein, es wäre kein Barbetrieb mit Verkauf im Gange. Schichtpläne und vor allem die Kasse sollten so schnell es geht verschwinden. Wichtig ist, dass sich eine Ansprechperson für die Beamt*innen zur Verfügung stellt. Das kann durchaus eine unbeteiligte Gästin sein, die keine Veranstalter*in ist und somit von der Polizei nicht belangt werden kann.
„‚Wollen Sie das?'“ – Folgen aufzeigen
Manchmal sei es klug, die Beamt*innen dazu zu bringen, einen Schritt weiterzudenken. Kasek erzählt von der Auflösung einer illegalen Hausparty im Osten Leipzigs, bei der er selbst anwesend war: „Das komplette Haus war voll, da waren paar hundert Leute. Die Polizei stand schon mit mehreren Einsatzwagen auf der Straße. Ich habe mit den Einsatzleitern gesprochen: ‚Erstens halte ich eine Beschlagnahme der Anlage für nicht rechtmäßig, weil es nicht das mildeste Mittel ist. Sie müssen erst schauen, ob es reicht, wenn die Anlage runtergedreht wird, damit die meisten Menschen die Party verlassen. Punkt zwei: Wenn jetzt ein Hard Cut erfolgt und die Veranstaltung sofort beendet wird, haben wir hier dreihundert Leute, die frustriert in Kleingruppen durch das Viertel ziehen.‘“ Kasek macht eine Kunstpause, grinst breit und zitiert ironisch-gedehnt: „‚Wollen Sie das?‘“
Er fährt fort: „Das war keine Drohung, sondern nur ein Aufzeigen der Folgen des Handels der Polizei. Die Polizei begreift oft nicht, dass Gesetze ausgelegt werden müssen und ich das auf verschiedene Arten tun kann.“ Die Polizei solle im Falle einer Anzeige wegen ruhestörenden Lärms vielmehr – nach der Aufnahme der Daten der Veranstalter*innen – die Auflage erteilen, die Lautstärke der Anlage zu reduzieren und die Party innerhalb der nächsten Stunde zu beenden. Er prognostiziert die Reaktionen von Gästen und Veranstalter*innen: „Im Regelfall werden die Leute sagen: ‚Die Polizei war gerade so cool, wir machen das.‘“
Werde mit der Beschlagnahmung der Anlage gedroht, könne sich die Besitzer*in zu erkennen geben und mit einer einfachen Aussage zumindest für den Moment einer Anzeige vorbeugen: „Ich kenne die Veranstalter*innen nicht und möchte dazu nichts sagen. Ich muss mich nicht selbst belasten“, kann zumindest für den Moment einer Anzeige vorbeugen.
„Da muss ich nicht immer gleich hinfahren und den starken Max markieren“ – Jürgen Kasek
Außerdem gilt: Jede Maßnahme der Beamt*innen müsse verhältnismäßig sein. Es müsse immer das „mildeste Mittel“ angewandt werden, um die Lärmbelästigung der Anwohner*innen zu beseitigen. In der Regel reiche der Abbau der Anlage unter Beobachtung der Polizei aus, eine Beschlagnahmung sei oft unangebracht: „Bei ruhestörendem Lärm gibt es verschiedene Möglichkeiten für die Polizei, den Lärm zu reduzieren – da muss ich nicht immer gleich hinfahren und den starken Max markieren“, resümiert Kasek.
Der Idealfall: Die Polizei wurde nicht aufgrund einer Lärmbeschwerde gerufen, sondern ist selbst auf das Open Air aufmerksam geworden, zum Beispiel durch ungewöhnlich viele Fahrräder an der Straße. Falls die Musik zum Zeitpunkt ihres Eintreffens nicht mehr läuft, stehe Aussage gegen Aussage – vorausgesetzt die Polizist*innen haben die Musik selbst nicht gehört, so Kasek. Denn: Ruhestörender Lärm müsse im Einzelfall nachgewiesen werden.
Im letzten Teil unserer Reihe über die Leipziger Open Air-Kultur erfahrt ihr, welche Bedeutung die Stadträtin Juliane Nagel (Die Linke) Open Airs für Leipzig subkulturelle Landschaft beimisst, ob die Stadt Schritte zur Entkriminalisierung unternimmt und welche Meinungen die Akteur*innen zu festen Spots für legale Open Airs haben – ist Halle ein gutes Beispiel? Außerdem: Ein Kommentar, wieso Freund*innen der Open-Air-Kultur jetzt handeln sollten.
Letztes Jahr traf ich die Macher*innen des Clubs noch auf einer Baustelle, die einmal der Außenbereich des Clubs werden sollte. Eine Couch wurde nach draußen getragen, der Boden war erdig, aufgerissen und staubig. Heute, ein Jahr später, ist genau dieser Platz mit Sand aufgefüllt. Sitzgelegenheiten, mehrere Container und eine Frittenbude umrahmen den Spot.
Zum Interview kommen Adem und Marcus. Adem ist in der Produktion und im Booking tätig. „Und du bist der Besitzer hier, richtig?“, frage ich Marcus, worauf er grinst: „Es gibt keinen Besitzer bei uns. Ich bin einer der Geschäftsführenden, ja.“ Neben dem Mjut ist er Co-Founder der Anlagenfirma Ultraschall.
Dieses Mal setzen wir uns in den Backstage. Ein alter Kronleuchter hängt über uns, zwei Kühlschränke brummen und an den Wänden kleben Plakate vergangener Veranstaltungen. Schön hier, finde ich. Adem und Marcus sitzen mir gegenüber und sind bereit, zu erzählen – von den Schwierigkeiten des ersten Clubjahres, von personeller Umstrukturierung und ihren Plänen für die kommende Saison.
„Ganz nett“
Der Geburtstag zum ersten Jubiläum des Clubs wurde gut beworben, fettes Line-Up, Afrodeutsche als Head-Linerin, diverse, gute Acts zierten den Time-Table. Erneut ein Line-Up nur mit FLINT* DJs und Performenden. Aber in Erinnerung ist den meisten wohl die Meldung, dass kurz vor der Feier im Mjut eingebrochen wurde.
Türen wurden aufgebrochen, ein paar tausend Euro erbeutet. „Letztes Jahr hatten wir ein Loch im Dach, dieses Jahr hatten wir ein Loch im Safe“, resümiert Marcus den drastischen Vorboten zum 1. Geburtstag. Hoffnung, dass der Fall geklärt werde, habe er nicht. Adem und Marcus konnten den Geburtstag daher weniger genießen – zumindest nicht so, wie es wohl gewesen wäre, ohne Loch im Safe. Auf die Frage, wie denn die Party gewesen sei, antwortet Adem etwas verhalten: „Es war… ganz nett.“
Marcus erzählt, er habe gerade kürzlich das alte Interview des IfZ zu deren erstem Jahr bei frohfroh gelesen. Mit den Betreibenden des Clubs unter dem Kohlrabizirkus ist er regelmäßig im Austausch. „Uns geht’s genauso wie denen damals – das erste Jahr ist einfach schwierig“, sagt er.
Zwar fühle es sich natürlich auch schön an, aber vor allem ernüchternd: „Die Realität trifft auf die verklärte Vorstellung dessen, was wir uns anfangs gedacht haben“, meinen die beiden und setzen nach: „Deshalb hieß unser Geburtstag auch Re:Start. Wahrscheinlich werden wir jedes Jahr wieder einen Neustart feiern.“
Die bisherige Zeit im Mjut war also voller Höhen und Tiefen. „Wir hatten Nächte, die waren musikalisch der Wahnsinn, aber finanziell eine Katastrophe – und umgekehrt. Wir haben viele Fehler während des ersten Jahres gemacht. Unsere Wahrnehmung, was die Stadt braucht und unsere Vorstellung, was wir dabei geben wollen und können, das muss mit der Realität nicht übermäßig viel zu tun haben“, meint Marcus und isst ein paar Pommes vom hauseigenen Stand.
An der Strukturfindung während der schnellen Bauphase habe es am meisten gehapert, sagen die beiden. Das wollen sie jetzt angehen beziehungsweise sie sind dabei – welche Struktur in welchem Team sinnvoll ist, wird neu erarbeitet.
Einige der Menschen, die den Club anfänglich mit aufgebaut haben, verließen das Projekt. Anfangs waren es noch um die 80 Menschen, jetzt sind 60 im Mjut aktiv. „Das Team erholt sich langsam wieder. Es kommen und gehen eben immer wieder Leute. Im Kern sind wir jetzt weniger, aber wir halten zusammen und schauen nach vorne.“
Gutes Stichwort. Der Szene-Gossip ließ die letzten Wochen vermuten, das Mjut stünde mit dem Rücken zur Wand.
Dazu wollen sie Stellung nehmen:
„Na ja, wenn man solchen Gerüchten glauben würde, dann hätte die Tille schon sieben Mal zugemacht und das So&So schon drei Mal wieder auf. Und ja, uns geht’s nach dem ersten Clubjahr finanziell nicht gut – wer hätte es gedacht. Aber wer mit dem Rücken zur Wand steht, der kann nur nach vorne schauen. Wir machen weiter. Man könnte auch sagen, wir fangen gerade erst an.“
„Es wird gerade alles viel klarer. Wir treffen uns schon von Beginn an regelmäßig im Plenum und planen dort unter anderem die nächsten Veranstaltungen. Die Herrensauna kommt zum Beispiel demnächst zu uns – wir richten uns neu aus und sind dabei, den Club wieder nach vorne zu arbeiten“, ergänzt Adem.
Was das Booking angeht, komme man in Leipzig um Massenkompatibilität nicht herum, das habe sich deutlich gezeigt. „Wir müssen die Einstiegsbarriere niedriger setzen, damit Menschen angezogen werden – damit sie sich aktiver mit der Musik, die hier gespielt wird, auseinandersetzen können und wollen“, beschreibt Marcus die Situation. Neben Eigenproduktionen wie zum Beispiel der Reihe Futuro Grande oder den Residents-Partys wollen sie verstärkt Kollektive und Veranstaltungscrews in den Club holen.
Leipzig = überdimensionales Dorf?
Das Publikum für experimentelle, eklektische Musik müsse in Leipzig noch wachsen. Das geht nicht von heute auf morgen. Sie würden jeden Tag dazulernen, wie sie ein breiteres Publikum erreichen können:
„Leipzig ist schon eher ein überdimensionales Dorf. Wir spielen mit den anderen Clubs im gleichen Sandkasten – und den wollen wir nicht aufteilen, sondern erweitern.“
Adem und Marcus sind, trotz all der Probleme, trotz des Einbruchs und dem Kommen und Gehen von Mitwirkenden, zuversichtlich, was die Zukunft des Mjuts angeht: „Wir schwimmen – aber mit dem Kopf über Wasser.“
Zwischen den Tiefphasen gab und gibt es auch immer ‚high times‘. An denen merken die Clubbetreiber*innen dann wieder, dass sich der Club gut entwickelt. So fällt das vorläufige Fazit aus.
Zum Abschluss formulieren die beiden noch ihre Wünsche für das zweite Jahr. Einmal, dass sich die Menschen wieder mehr mit dem Musikangebot beschäftigen. Und mehr Ruhe im Clubgeschäft – der ständige Rush setze ihnen schon sehr zu.
Nach dem Gespräch gehen wir wieder raus in den Hof, der sich jetzt wie eine gut besuchte Strandbar anfühlt. Wasser sprudelt aus einer Tonne, vor der Bar hat sich eine Schlange gebildet. Eike, der zweite Teil von Ultraschall, salzt Pommes hinter der Theke, eine DJ sucht nach der nächsten Platte in ihrem Koffer.
Bald geht es wieder los mit dem Tagesgeschäft. Jetzt setzen sich die beiden noch kurz auf eine Holzbank in die Sonne und verschnaufen.
Nach 20 Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit hat die Polizeibehörde in Mecklenburg-Vorpommern das Sicherheitskonzept zum Fusion Festival 2019 zum ersten Mal verweigert. Ob die Veranstaltung trotzdem stattfinden kann, ist unklar. Ein Kommentar.
Gelegentlich muss man bei frohfroh über den räumlichen Tellerrand blicken, vor allem wenn es um eine solche Angelegenheit wie die der Fusion geht. Für die, die es noch nicht mitbekommen haben: die Polizei möchte in diesem Jahr eine Wache mitten auf dem Festivalgelände einführen. Vorhersehbarerweise sind die Veranstalter*innen des Kulturkosmos e.V. damit nicht einverstanden und sehen bei dieser Streitfrage keinen möglichen Mittelweg.
„Es geht der Polizei um die Durchsetzung ihrer Forderung nach Errichtung einer Polizeiwache mitten auf dem Festivalgelände sowie nach anlassloser, polizeilicher Bestreifung und Kontrolle“
– so kommunizieren es die Veranstalter*innen.
Viele meinen, dass die Zeichen auf Schikane deuten. In Zeiten, in denen die Kluft zwischen rechts und links immer größer wird, in Zeiten, in denen der Polizei immer wieder rechtes Sympathisieren vorgeworfen wird, wirkt diese Nachricht gar nicht mehr so überraschend. Das macht sie jedoch nicht weniger verärgernd.
Die Veranstalter*innn haben klar gemacht, dass sie in diesem Konflikt keinen Kompromiss eingehen werden. Die Polizei wiederum hat verständigt, dass die Fusion nur stattfinden kann, wenn eine Wache errichtet und das Sicherheitskonzept erweitert wird. Es ist nun schwer vorhersehbar, wie es weitergehen wird. Das Fusion-Team hat in der Zwischenzeit einen Aufruf veröffentlicht, den ihr noch unterschreiben könnt.
Offen bleibt, wie es abgesehen von der Fusion mit polizeilicher Überwachung und Kontrolle auf subkulturellen Festivals in Zukunft weitergeht. Veranstaltungen, die für ihre Besucher*innen einen Rückzugsort aus dem Alltag bieten; Orte für Freiheit und Hedonismus.
Man kann bis dahin leider nur hoffen, dass die Unterschriften von den Entscheidungsträgern in Betracht gezogen werden und dass die Fusion trotz allem stattfinden wird.
Nach den Schließungen verschiedener Clubs, Kneipen und Spätis in den letzten Monaten, insbesondere des 4rooms und So&So, ist die Diskussion um den Erhalt und Schutz von Kulturräumen in Leipzig längst kein Nischenthema mehr.
Die Debatte findet zunehmend in der Öffentlichkeit statt. Im Endeffekt dreht sie sich um die Fragen: Was passiert in der Stadt und wie wird damit umgegangen? Wer verdrängt eigentlich wen und wem gehört die Stadt? Der Begriff der Gentrifizierung, mit dem von allen Seiten um sich geworfen wird, wird immer populärer.
Zurück auf Anfang. An diesem Abend im Peter K., einer Kneipe im Leipziger Osten, wird über die Vergangenheit, Gegenwart und vor allem Zukunft der Leipziger Clubkultur gesprochen. Die sieht nach der Einschätzung verschiedener Akteur*innen der Szene nicht allzu rosig aus, auch wenn es positive Tendenzen gibt. Das Peter K. ist selbst betroffen. Dem Inhaber Marcel Viola wurde Ende März gekündigt.
Leipzig galt lange als das Paradies, die Utopie einer Stadt voller Freiräume.
Die Musik- und Alltagskultur ist längst über die Ländergrenzen hinweg bekannt. Neben einem Kommerzialisierungsdruck oder Lärmbeschwerden gibt es aber verschiedene Gründe, die zur Verdrängung von Clubs beitragen. Es werden Stimmen laut, die stärkeren Schutz seitens der Politik fordern.
Der Kreisverband des Bündnis 90 / Die Grünen lud deshalb jetzt zu einer Podiumsdiskussion ein, um unter anderem darüber zu sprechen, wie die Politik mit den Entwicklungen der letzten Jahre umgehen kann oder will.
Es sprechen Politiker*innen von der Linken, Grünen und FDP, aber auch ein Wissenschaftler, der zur Stadtentwicklung forscht sowie Steffen Kache, einer der Mitgründer der Distillery. Letztlich kommt es dabei allerdings zu tiefgreifenderen Streitigkeiten darüber, welche Rolle Clubs, Kneipen und alternative Räume überhaupt in einer Gesellschaft spielen.
Man ist sich größtenteils zumindest darüber einig, dass die freie Szene in Leipzig eine tragende Rolle spielt, dass sie Leipzig zu einer lebendigen und lebenswerten Stadt macht. René Hobusch spricht in bester FDP-Manier jedoch von mehr Eigenverantwortung der Kulturräume und versteht diese in erster Linie als Wirtschaftsfaktor. Die Risiken, die damit einhergehen, müssten von den Betreiber*innen getragen werden.
Es verwundert wenig: Seine Fraktion hat im Stadtrat Senkungen der Ausgaben für Kultur um 10 Millionen Euro gefordert. Wo die Grenze zwischen schützenswerter und alleinstehender Kultureinrichtung verlaufen soll, wird jedoch nicht klar.
Die Linke und die Grünen sind hingegen der Meinung, dass Clubs deutlich wichtigere Funktionen haben. Sie sind sozio-kulturelle Treffpunkte, wo Herkunft, Aussehen und soziale Zugehörigkeit keine Rolle spielen. Die Musik verbindet.
Anders als die Hochkultur, haben alternative und subkulturelle Projekte viel häufiger eine integrierende Funktion, ermöglichen Teilhabe und Vielfalt.
Elisa Gerbsch von der Linken betont, dass diese Orte immer auch politisieren, sei es nun der düstere Technoclub oder die Kneipe in der Nachbarschaft. Und für die Geschäftsführer*innen steht in erster Linie die Leidenschaft im Vordergrund, nicht die Aussicht auf Profite. Da ist sich Steffen Kache sicher.
Wie so häufig bleiben viele Fragen offen – niemand weiß, ob die Stadt in Zukunft mit Investor*innen und Immobilienunternehmen wie der CG-Gruppe anders umgehen wird.
In der Vergangenheit zeigte sich jedoch bereits, dass in deren Pläne häufig kein Platz für junge Kultur oder lange Nächte ist.
Kache ist zumindest optimistisch, mehr zu erreichen, wenn man gemeinsam und solidarisch kämpft. Und am 26. Mai Unterstützer*innen in den Leipziger Stadtrat wählt.
Crew und Gäste kratzen die verbliebenen Reserven zusammen, steuern noch ein letztes Mal auf den Dancefloor, öffnen ihr erstes Konter-Bier… Wie ein Open Air schneller vorbei sein kann, als gedacht, ob der Notfallplan beim Besuch der Polizei aufgeht und welches Fazit die Crew aus dem ganzen Spektakel zieht, lest ihr hier.
Das letzte bisschen Energie
Irgendwann am Vormittag. Südlich von Leipzig.
Ich habe mittlerweile jegliches Zeitgefühl verloren. Der Akku meines Handys ist seit einigen Stunden leer. Die Sonne steht recht hoch am wolkenlosen Himmel und brennt uns in den Nacken – es muss also schon fast Mittag sein. Mittlerweile stehen nur noch ungefähr zwanzig Leute auf dem großen Floor zwischen den Hügeln. Neben den Leuten von Nebel, Helfer*innen und Gästen sind noch ein paar Leute von einer anderen Leipziger Crew aufgetaucht. Sie haben ihr Open Air am Nachmittag gestartet, haben am frühen Morgen aufgehört und sind noch immer motiviert zum Nebel-Open Air dazu gestoßen.
Foto von Lea Schröder
Auf der Tanzfläche ist trotz der fortgeschrittenen Stunde von Erschöpfung nichts zu spüren: Die Leute in den ersten Reihen wiegen sich noch immer Schulter an Schulter zu den flirrenden Synthies und brachialen Basslines. Andere sitzen am Rand der Tanzfläche, im Schatten der Bäume und genießen den Anblick der ekstatisch Tanzenden.
Die Anlage ist voll aufgedreht. Der DJ, der gerade hinter den Turntables steht, trägt einen für das Wetter viel zu dicken Wollpulli und verbirgt seine müden Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille. Ohne eine Regung in seinem Gesicht erkennen zu lassen, wippt er sachte im Takt. Mit seinem mitreißenden Sound gelingt es ihm, das letzte bisschen Energie aus den von den Strapazen der letzten Stunden geschwächten Körpern herauszukitzeln.
Foto von Anonym
Das Erwachen
Abrupt verstummt die Musik. Verdutzte Gesichter auf der Tanzfläche, auch der DJ blickt verwirrt auf. Was ist passiert? Schnell klärt sich die Lage: Das seit Stunden kontinuierliche Brummen des Generators ist verstummt. Das Benzin ist aufgebraucht. Die auf der Tanzfläche Verbliebenen sind sichtlich enttäuscht. Eben noch in der Musik versunken und jetzt zurück in der Realität – wie aus einem Traum gerissen.
Ein paar Leute von Nebelbeginnen, mit riesigen Müllsäcken ausgestattet, Flaschen, Zigarettenstummel und anderen Müll einzusammeln. Elena drückt mir auch einen in die Hand. „Ich bin froh, dass wir Mülleimer und Aschenbecher aufgestellt hatten. Das spart uns jetzt einiges an Arbeit. Aber den ganzen übrigen Müll heben wir bis auf den letzten Kronkorken auf. Soll ja am Ende alles schön besenrein sein.“ Sie grinst verschmitzt und setzt ihren Weg über die Wiese fort.
Diesen Tatendrang verspüren offensichtlich nicht alle. Stattdessen hat sich bei vielen Afterhour-Stimmung breitgemacht: In kleinen Grüppchen sitzen und liegen sie auf der Wiese, rauchen die letzte Zigarette, trinken einen großen Schluck Wasser oder ein Konter-Bier, versuchen die Erlebnisse der vergangenen Nacht zu verarbeiten. Aufstehen wollen sie nicht so richtig – nachvollziehbar, nach so vielen Stunden Tanzen.
Die Nebel-Leute haben jetzt noch einiges vor sich: Bar und DJ-Pulte müssen auseinandergeschraubt, CDs und Neon-Fäden aus den Bäumen genommen und die Anlage auseinandergebaut werden. Und dann natürlich alles zusammen mit den Getränke-Kästen zurück in die Transporter.
Ich bin gerade dabei, mich mit einem Akkuschrauber abzumühen, um den Bartresen von den Paletten zu trennen. Max ist neben mir zugange. Sein Handy klingelt, er nimmt ab. Er runzelt kritisch die Stirn und hört zu. Als er auflegt, sagt er nur: „Die Polizei ist da.“
Foto von Lea Schröder
„Wer ist hierfür verantwortlich?“
Auf den Gesichtern der Umstehenden breitet sich eine Mischung aus Verwunderung, Sorge und Frustration aus. Das Open Air lief über zwölf Stunden, wieso kommen sie erst jetzt? Und vor allem: Wie geht es weiter?
Den warnenden Anruf hat Max von einem der Fahrer*innen bekommen. Er wollte gerade auf den Forstweg einbiegen, als er von Beamt*innen aufgehalten wurde. Sie sind also noch nicht ganz am Spot angekommen, aber auf dem Weg zu uns.
Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht auf dem ganzen Open-Air-Gelände, unter den Crew-Mitgliedern und noch verbliebenen Gästen. Plötzlich sprintet ein kleiner Mann mit dunklem Vollbart und glitzernden Wangen an mir vorbei. „Ich hab keinen Ausweis dabei!“, kreischt er leicht panisch und verschwindet in den Büschen zwischen den Hügeln. Auch zwei, drei andere nutzen die wenige verbleibende Zeit, um sich unauffällig aus dem Staub zu machen. Egal was jetzt passiert, es wird auf jeden Fall stressig und unangenehm für alle Beteiligten. Darauf haben manche offensichtlich keine Lust.
„Wieso zum Teufel kommen Sie erst jetzt und nerven uns?“ – Besucherin
„He, Sie da, kommen Sie mal bitte hier her!“, bellt eine tiefe Männerstimme in harschem Befehlston. Ich drehe mich um. Vor mir steht ein Polizist. Am Gürtel seiner schwarzen Einsatzmontur trägt er Schusswaffe und Schlagstock. Anstandslos folge ich ihm, gemeinsam mit ein paar anderen trotten wir den Trampelpfad entlang in Richtung des großen Floors. Hier sind alle versammelt, Gäste wie Kollektiv-Mitglieder sitzen in kleinen Grüppchen auf der Wiese und warten ab.
Eine junge Frau diskutiert gerade aufgebracht mit zwei Polizisten. Die verziehen keine Miene, während die Frau auf sie einredet. „Die Musik ist doch aus, es wurde grade abgebaut, wieso zum Teufel kommen Sie jetzt her und nerven uns?“, fragt sie leicht aggressiv. Einer der beiden Männer antwortet in gelassenem Tonfall. „Wir haben bereits in der Nacht verschiedene Beschwerden wegen ruhestörenden Lärms erhalten. In der Nähe ist ein Campingplatz, die Gäste konnten nicht schlafen. Dem Betreiber ist durch Ihre Veranstaltung ein finanzieller Schaden entstanden, weil manche Gäste nicht zahlen wollen.“
Ein Campingplatz also. Bei der Auswahl des Spots haben die Leute von Nebelnur auf die Entfernung zum Dorf geachtet – an einen Campingplatz hat niemand gedacht. „Und wieso sind Sie dann jetzt erst gekommen, wo’s eh wieder vorbei ist, und nicht schon in der Nacht?“, fragt die Frau mit Nachdruck. „Wir hatten Besseres zu tun“, antwortet der Polizist trocken. „Hier liegen offensichtlich verschiedene Tatbestände vor, neben dem ruhestörenden Lärm ist das hier auch ein Privatgelände. Wir müssen die Veranstalter zur Verantwortung ziehen.“ Mit lauter Stimme richtet er sich an alle Anwesenden: „Wer hat diese Veranstaltung organisiert? Wer ist hierfür verantwortlich?“
Foto von Lea Schröder
„Dann beschlagnahmen wir jetzt die Anlage. Punkt.“ – Polizist
Wie am Abend zuvor vereinbart, bleibt es still. Niemand aus dem Kollektiv möchte sich opfern, die Verantwortung übernehmen und damit Anzeige und Geldstrafe riskieren. Der eben noch gelassene Polizist wird jetzt etwas ungehaltener: „Wenn niemand die Verantwortung übernimmt, dann beschlagnahmen wir jetzt die Anlage. Punkt.“
Till steht auf und geht auf den Polizisten zu. „Die Veranstalter sind schon alle weg. Wir wissen nicht, wer genau für das Open Air verantwortlich war. Wir wollten nur beim Abbau helfen“, erklärt er ruhig. Sichtlich genervt entgegnet der Polizist: „So läuft das nicht. Irgendwer muss ja noch hier sein, die Anlage und Technik würde ja wohl kaum allein im Wald zurückbleiben. Dann nehmen wir eben die Personalien von allen Anwesenden auf.“
Die Leute murren, vereinzelt erhebt sich eine Stimme und ruft etwas von „Polizeistaat“, „Anwalt“ und „ungerechtfertigt“. Sonst bleibt es aber ruhig, auf eine richtige Diskussion hat niemand Lust. Zwei der Polizisten bauen sich am Rand der Wiese auf, auf der vor wenigen Stunden noch vergnügt gefeiert wurde. Sie scheinen die Anwesenden zu bewachen.
Eine Polizistin mit blondem Pferdeschwanz und ernstem Gesichtsausdruck läuft zusammen mit einem anderen Beamten über die Wiese. Sie gehen von Gruppe zu Gruppe, lassen sich von allen die Ausweise reichen, tippen die Daten in einen kleinen Laptop ein und überprüfen die Leute. Läge bei einer Person zum Beispiel ein Eintrag wegen des Besitzes oder Konsums von Betäubungsmitteln vor, dürften die Polizist*innen die entsprechende Person aufgrund eines begründeten Verdachts genau durchsuchen.
Anscheinend ist das bei niemandem der Fall, der Rundgang der beiden Beamt*innen verläuft weitgehend reibungslos.
Foto von Lea Schröder
Nur in der Gruppe neben den beiden Polizisten, die den Zugang zur Tanzfläche bewachen, werden drei Typen immer lauter und hitziger. Sie wollen sich weigern, ihre Personalien anzugeben. Die Polizisten stehen allerdings weiterhin breitbeinig da, mit verschränkten Armen und ungerührtem Gesichtsausdruck. Sie lassen sich nur halbherzig auf die Diskussion ein – ob aufgrund fehlender Argumente oder dem Unwillen, ein Gespräch zu führen, erschließt sich nicht. Fast schon gelangweilt wirken die beiden. Vielleicht haben sie auch einfach keine Lust, an solch einem sonnigen Tag irgendwo in der Pampa rumzuhängen und einer Horde junger Leute auf die Nerven zu gehen, und würden stattdessen viel lieber an den See fahren, Eis essen oder vielleicht sogar selbst auf irgendeiner Wiese tanzen.
Nach circa eineinhalb Stunden des Wartens und Diskutierens ist die Prozedur geschafft. Till ist es gelungen, die Beamt*innen davon zu überzeugen, dass jetzt einfach nur friedlich abgebaut wird und eine Beschlagnahmung der Anlage eine zu strenge Maßnahme sei.
Am Rand der Wiese erscheint ein kleiner, grauer Mann. Scheinbar etwas mitleidig den gescholtenen Raver*innen gegenüber und sich sichtlich unwohl fühlend, lächelt er verlegen in seinen Bart hinein. Er sei der Förster, der für das Gelände verantwortlich ist. Er hätte die Situation gern anders gelöst, sagt er, aber das Gelände sei eben nicht für solche Veranstaltungen gedacht und die Spuren seien unübersehbar. Er wolle nun sichergehen, dass alles abgebaut und aufgeräumt werde.
Damit die Beamt*innen nicht unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen, fotografieren sie die Kennzeichen der gemieteten Transporter, um zumindest die Fahrer*innen belangen zu können. Ob wir alle bald einen Brief von der Polizeidirektion Leipzig im Briefkasten vorfinden werden, weiß niemand so richtig. Wenn die Fahrer*innen eine Geldstrafe erhalten, wird die Summe aus der Kollektiv-Kasse gezahlt, erklärt mir Max.
Laufmaschen und plattgedrücktes Gras
Wir fahren mit dem Abbau fort, sammeln, schrauben, schleppen – alles unter dem kritischen Blick der Beamt*innen. Viele Gäste haben keine Lust mehr und machen sich auf den Weg nachhause – unter die Dusche, zu einer Afterhour oder direkt ins Bett. Die Anwesenheit der Polizei und die Müdigkeit drückt auch auf die Stimmung der Crew. Als der Abbau endlich geschafft ist, verlassen die Polizist*innen grußlos das Gelände.
„Die machen ja auch nur ihren Job.“ – Max
Bevor Max, Elena und ich uns auf den jetzt endlos scheinenden Heimweg machen, setzen wir uns kurz in den Schatten. Wir kratzen die letzten Tabakreste zusammen – „Hast du noch was? Meiner ist leer“ „Bisschen Krümeltabak, nimm dir. Hast du noch Papes?“ – fummeln die letzten Filter aus der Tüte und drehen unsere letzte Zigarette. Dabei rekonstruieren wir die Ereignisse der vergangenen Stunden.
„Ich find es einfach so krass, was alles in einer Nacht passieren kann.“ Elena lächelt. „Wir haben alles aufgebaut, ich habe an der Bar gearbeitet, habe mit tausenden Leuten geredet, war mal mega happy, dann wieder genervt, habe ewig getanzt und dann noch die Sache mit der Polizei am Schluss. War echt krass, aber auch echt nice.“ Auch Max ist zufrieden: „Ich find es ist alles perfekt gelaufen. Ich hatte auch einen wunderbaren Abend. Gut, das mit der Polizei hätte echt nicht sein müssen, aber die machen ja auch nur ihren Job. Und sind immerhin gekommen, als es schon vorbei war.“ Er schmunzelt.
Foto von Lea Schröder
Über meinem Gesicht hat sich ein leichter Sonnenbrand ausgebreitet, einige Laufmaschen zieren meine Strumpfhose und die Schrammen an meinen Armen und Beinen erzählen von den nächtlichen Exkursionen ins Gebüsch. Ich freue mich wahnsinnig auf ein großes Glas Wasser, eine warme Dusche und mein weiches Bett.
Hier im Wald ist es jetzt still. Vogelgezwitscher und das leise Rascheln der Blätter, statt wummernder Bässe und wildem Stimmengewirr. Keine Menge von tanzenden Raver*innen, die sich im Rausch vom treibenden Rhythmus der Musik mitreißen lassen. Nur das plattgedrückte Gras auf der Wiese zwischen den Hügeln zeugt von den Ereignissen der vergangenen Stunden.
Im nächsten Teil unserer Reihe über die Leipziger Open Air-Kultur kommt eine Stimme der Polizei zu Wort: Sie spricht von Strategien und Erfahrungen und bezieht Stellung. Von Rechtsanwalt Jürgen Kasek gibt es Tipps, welche Gesetzesverstöße im Vorfeld vermeidbar sind und wie die Kollektive im Fall der Fälle reagieren können.
Es passiert sehr viel in Leipzig und wir hängen notorisch mit den Reviews hinterher. Einige Veröffentlichungen möchte ich daher im Schnelldurchlauf vorstellen.
Tinkah „Thoughts You Are Not Supposed To Speak Out In Public“ (Human)
Tinkah bringt sechs eigene Tracks im Alleingang auf seinem neu gegründeten Label Human heraus und feilt weiter an seinen verträumten Sounds, die wir vor allem von seinen Tapes auf Pattern // Select kennen. Faszinierend, wie er sich seit seinen Uptempo-Tracks als RUZ mehr und mehr vom Dancefloor wegbewegt und dabei in meinen Ohren an musikalischer Qualität hinzugewinnt. Allein, wie die nächtliche Stimmung von „Thought 4 (Part 1)“ in „Thought 4 (Part 2)“ überführt und dort plötzlich mit Sonnenstrahlen durchflutet wird, reicht für eine definitive Kaufempfehlung aus. Wahnsinn!
Relapse „Your Mouth In My Hands / Multilingual Talk Channel“ (Minor Mora)
Gar nicht soweit weg von Tinkah entfernt ist der Sound von Relapse auf einer neuen 7″ des Minor Labels. Auch hier bildet die vertracktere Seite im Drum’n’Bass die Grundlage für zwei leicht darke Tracks, die aber gerade durch ihre Kürze vom gängigen, DJ-freundlichen Aufbau recht losgelöst sind. Dadurch wirken die Tracks wie Ausschnitte, die kurioserweise direkt zum Punkt kommen und eben gerade dadurch die Frage aufwerfen, ob im Spotify- und Digital-DJ-Zeitalter überhaupt noch längere Track-Strukturen notwendig sind.
WaqWaq Kingdom live at Bassmæssage (Jahtari)
Jahtari dokumentieren den knapp 60-minütigen Auftritt von WaqWaq Kingdom bei der Bassmæssage in digitaler wie auch in Kassetten-Form. Dabei gibt es einerseits Material der ersten beiden EPs zu hören, aber auch unveröffentlichte Musik. Ich bin mir nicht sicher, ob dies für Menschen, die keine Hardcore-Fans der Band sind, als eigenständiges Release Sinn macht. Natürlich ist es unfair, den rohen Live-Mitschnitt mit den ausgearbeiteten Tracks zu vergleichen, dennoch tendiere ich dazu, letzteren den Vorzug zu geben – und schaue mir für Live-Impressionen dann gleich die Videos zum Auftritt an.
Various Artists „Kontrapunkt 03“ (Kontrapunkt)
Schon im Oktober 2018 ist die dritte Kontrapunkt-Compilation erschienen, einer der vielen an dieser Stelle vergessenen Releases. Acht sehr unterschiedliche Sücke teilen sich hier zwei Vinyl-Seiten. Nicht alle überzeugen mich: So schraubt sich „Happy Sledging“ von Schönfeld ein wenig ziellos durch die Gegend, wohingegen das Lo-Fi-Geplucker in „Stardancer“ recht charmant rüberkommt. „~~~~“ von Leo erforscht die breakbeatlastigen Ambient-Klänge der IDM-Neunziger und macht seine Sache auch gut, ruft bei mir aber fieserweise automatisch den Vergleich zu Astrobotnia und Co. hervor und kann sich davon nicht genug emanzipieren. Ebenfalls recht stark in die Vergangenheit schaut Lenny Frings mit „Enjoy Your Meal“: Breakbeats und Acid-Anleihen treffen auf einen sommerlichen Vibe. Schon irgendwie sehr retro, passt dafür wunderbar zum aufkommenden Sommer. Und dann bin ich leider wieder komplett raus: Die Ethno-Gesänge auf Nikita von Tiraspols Dub-Techno-Track „Es sehen bessere Zeiten“ sind so gar nicht mein Hut. Dann doch lieber das schrullige Glockenspiel-Interlude „Myggens Fridag“, das brachiale SDW-Intro und auch gern das spaßige Acid-Gehämmer von Edelberts „Bruuuum“. Ergo eine recht durchwachsene Platte mit guten Momenten, bei der die Tracks in der Gesamtheit nicht so richtig zusammenfinden.
Eine neue 12″ auf Yuyay sowie diverse Kollaborationen von Robyrt Hecht gibt es im Review.
Carl Y. Scheele „Element #8“ (Yuyay Records)
Eine neue Yuyay gibt es auf die Ohren, diesmal von einem weiteren mysteriösen Act namens Carl Y. Scheele. Irgendwie spannend, das Spiel mit den Pseudonymen: Die Musik des Labels ist in seiner Nische zwischen Electro, IDM und auch Synthpop so konsistent, dass ich nicht das Gefühl habe, unbedingt die einzelnen Künstler benennen zu wollen. Es gibt also einen Yuyay-Sound.
Und der beginnt am Anfang dieser EP erstmal quietschig, bevor „Mercuric Oxide“ dann bedrohlich-verspielt loslegt. Die besagten Wave-/Synthpop-Einflüsse folgen danach in „Redox“, bevor das fast schon melancholische „Liquid Phlogiston“ mit seinen verhallten Synthesizern betört. Ebenso bitter-süß erklingt „Saline Principle Of Water“ – eine richtige IDM-Ode, die an alte Warp-Platten erinnert, wenn auch mit weniger Frickeleien. Eine kurze Pause von der Schwermut gibt es mit dem unbekümmerten „Red Vapors“, bevor mit dem verträumten „Phosphorous Match“ die Sonne hereingelassen wird.
„HIL005“ / „Ramiel“ (Hilltown Disco)
Von Yuyay-Chef Robyrt Hecht gibt es zudem neue Musik auf dem britischen Label Hilltown Disco. Auf deren fünften Vinyl-Release „HIL005“ finden sich drei Tracks von ihm auf der A-Seite, die in Zusammenarbeit mit Int Main entstanden sind. Sehr straighter, darker Electro ist das, der mir auch weniger verspielt als auf den Yuyay Releases vorkommt. Verzerrte Vocals geben „Waste“ und „Today“ eine gewisse zusätzliche Roughness mit. Aber mein Favorit ist dann „Meta-Measure“, denn hier zappeln die Beats eine ganze Ecke stärker in Richtung Planet Funk. Kurz noch zur B-Seite: Hier gibt es zwei Tracks von w1b0, die viel stärker in Richtung Breaks schielen, etwas breitbeiniger aufgetragen sind, aber damit auch eine gute Ergänzung zur A-Seite bilden.
Außerdem gibt es eine Kollaboration von Robyrt Hecht mit CC9185 aus Frankreich für die „Ramiel“-Ausgabe in der Art Angel-Serie des Labels. Eine kühle, fast flüsternde Maschinenstimme steht im Zentrum des düsteren „Collecting Crystals“. Im Vergleich zur HIl005 ist hier das Energie-Level etwas heruntergeschraubt, dafür ist die paranoide Qualität der Musik deutlich höher.
Freund*innen auf Vinyl gepresster, vornehmlich elektronischer Musik aufgepasst: Am 4. Mai könnt ihr in der Feinkost von 10 bis 16 Uhr wieder schön Platten lauschen und mauscheln. Wie, was, wann, wo? Dazu zitieren wir den Veranstalter:
„Seit 2004 findet die Elektronische Schallplattenbörse im Leipziger Süden statt. Diesmal sind wir endlich wieder im Freien und genießen den wundervollen kleinen Innenhof alias Carlo’s Garten in der Feinkost, parallel zum Samstagsflohmarkt.
Frische Brise – frische Beats!
Interessierte können wie immer Vinyl, Tapes und CDs kaufen, verkaufen oder tauschen – etliche Kisten nach musikalischen Schätzen durchwühlen oder einfach nur im gemütlichen Kreis ein bisschen fachsimpeln und abnerden. Elektronische Klänge liegen im Fokus, an den Genregrenzen sind wir aber schmerzfrei.
Standanmeldungen sind noch möglich und erfolgen gegen kleine Unkostendeckung und Spende an die Genossenschaft. Infos per Email unter espb-at-vinyl20-dot-com“
Nochmal die Fakten in Kurzform: Samstag, 4. Mai / 10 bis 16 Uhr / Carlo’s Garten in der Feinkost / Karl-Liebknecht-Straße 36 / Anmeldung unter espb-at-vinyl20-dot-com
Bald steht die alljährliche Geburtstagsparty der White Circles vor der Tür. Aus diesem Anlass hat sich unsere Autorin mit den beiden Veranstaltern der Reihe getroffen.
Wenn man vom Namen White Circles ausgeht, führt der erste Gedanke nicht zur „schwarzen Szene“. Doch mit Einflüssen aus Gothic und Punk, Industrial und Wave findet sich die White Circles-Crew seit nunmehr fünf Jahren zusammen, um regelmäßig in und um Leipzig Künstler zu vereinen.
Wie definiert sich White Circles?
Plattform? Kollektiv? Veranstaltungsreihe?
Da müssen selbst Gründer Marco und Kevin (alias aehm und Bigo) überlegen, kommen aber ziemlich schnell auf den Konsens, dass es wohl letzteres sein wird.
White Circles
Als Kevin mit 24 Jahren nach Leipzig zog, veranstaltete er mit Kumpel Ralph Konzerte in diversen Leipziger Locations; 2013 war es dann an der Zeit, dem Ganzen einen Namen zu geben, und so entstand White Circles. Zwei ihrer Lieblingsbands hatten diese Phrase in ihren Texten integriert und „wir wollten keinen plakativen schwarze Szene Namen“, merkt Kevin an.
NOTE NOTE –
Die „schwarze Szene“ kommt beispielsweise in Leipzig jedes Jahr zum Wave-Gotik-Treffen zusammen. Man kann sie nicht als musikalisch homogene Gruppe bezeichnen, doch die Bezeichnung wird als Sammelbegriff für die Gesamtheit der musikalischen Strömungen, wie auch die im Artikel erwähnten, verwendet.
Seit fünf Jahren zieht sich ein roter Faden durch die White Circles-Konzerte: große Acts werden mit kleineren, unbekannteren Acts vereint. Danach gibt es eine Aftershow-Party, die von diversen DJs bespielt wird. Wie es die Veranstalter am liebsten haben? „Am besten eine abgeranzte Location und Leute, die man kennt“. Das lässt sich zwar nicht immer machen, aber wenn, dann wird es besonders lustig.
Während Marco, der nach wenigen ersten Veranstaltungen dazustieß, aus den elektronischen Richtungen kam, sprich Wave, Industrial, und „schon immer was mit Gitarre“, kam Kevin aus der Goth und Punk-Szene. Durch diverse Partys in Halle hatten sie sich schon vorher kennengelernt. Kevin erzählt von Leopardenmustern im lilafarben kolorierten Haar, und obwohl man es ihnen heute nicht ansieht, verspricht Marco lachend, dass es noch Bilder gibt. Ralph nahm sich zu einem späteren Zeitpunkt auf Grund von arbeitstechnischen Gründen aus dem operationellen Geschehen heraus.
Nach der Gründung 2013 ging es 2015 damit so richtig los, Marco und Kevin stellten monatlich, manchmal öfter, Konzerte auf die Beine. Für zwei Leute ein riesiger Aufwand, meine ich, und sie stimmen mir zu.
„Personell wäre das ohne Support nicht möglich gewesen“
sagt Kevin, zuverlässige Ressourcen, auf die man zurückgreifen konnte, wären das A und O gewesen.
So realisierte man 2017 trotzdem, dass es an der Zeit war, einen Gang zurückzuschalten und die Frequenz herunterzuschrauben. Die Jungs begannen, Kooperationen einzugehen und ihre Manpower outzusourcen. So kehrte zumindest ein bisschen Entspannung ein.
KVB
Ihre erste Sold-Out Show (The KVB im UT Connewitz), so sind sich die beiden einig, das wäre einer ihrer größten Meilensteine. Oder endlich die Locations zu bespielen, vor denen man Respekt hatte – Trakt I im IfZ zu füllen, beispielsweise. So ist es keine Überraschung, dass sie auch zwei ihrer Geburtstagspartys im Institut veranstalteten und ebenfalls unter ihren Meilensteinen zählen.
Stolz sind die beiden vor allem auf ihre Berlin-Leipzig Connection, die mit dem aufnahme + wiedergabe Label hergestellt wurde. Dort erschien die White Circles Compilation anlässlich des ersten Jubiläums Ende 2014 – wird es wohl bald mal Zeit für ein zweites Tape? Spätestens zum WGT, teasert Marco an.
Auch die Europa-Tour mit Architect, einem Electronica-Act aus Leipzig, wird unter den Meilensteinen aufgezählt – obwohl sie erst in wenigen Wochen stattfindet. Ein großer Zeitaufwand, den es für die beiden trotz Vollzeit-Job zu bewältigen gilt: Momentan stecken sie pro Woche mindestens zehn Stunden rein. Respekt, denke ich mir, aber die zwei brennen dafür, was sie tun.
Voller Dankbarkeit blicken sie auf ihre letzten Jahre zurück, wie ihr Netzwerk ihnen schon diverse Schlafmöglichkeiten an allen Ecken der Welt ermöglicht hat. So ist es eben, wenn man auf Professionalität und eine gute Betreuung der Künstler achtet. What goes around, comes around.
Was ihre Veranstaltungen besonders macht, das ist neben den selbstverständlich hochwertigen und sorgfältig ausgewählten Acts, die Diversität des Publikums. Frauen in der „schwarzen Szene“ sind meist eine Selbstverständlichkeit, White Circles haben es sich aber trotzdem zum Ziel gemacht, Awareness zu schaffen. Berührungsängste ihrer Szene gegenüber „linken“ Clubs haben sich gelegt; sie wollen durch ihr Netzwerk ständig
Meinungen und Input sammeln und Austausch fördern.
Ein Faktor, der Leipzig als Veranstaltungsort für die schwarze Szene gewissermaßen einzigartig macht, ist das Wave-Gotik-Treffen (WGT), denn der Sommer ist partytechnisch isoliert. Glücklicherweise bedeutet das statt Wettbewerb eher Unterstützung: Kooperationen mit dem WGT sind längst geschehen und stehen weiterhin an.
Und was gibt‘s sonst dieses Jahr bei den White Circles Jungs? Nach dem Frühling und der oben genannten Architect Europa-Tour liegt der Fokus im Sommer entsprechend dem WGT erst einmal auf DJ-Gigs (Highlight: Fusion!). Im Herbst geht es dann weiter mit Konzerten und einer Zusammenarbeit mit dem DEAF ROW FEST in Jena. And don’t forget the tape! Die zweite White Circles Compilation ist in the making.
Phase Fatale
Am Ende unseres Treffens stelle ich die schon fast obligatorische Frage: Könnt ihr euch weitere fünf Jahre White Circles vorstellen? Marco antwortet sofort mit: „Klar, warum nicht.“ Kevin lächelt zustimmend. Ein gutes Omen.
5 Jahre White Circles
Aber erst einmal konzentriert sich die ganze Freude auf den fünften Geburtstag am 27. April im Conne Island. Dort erwarten euch live on stage Architect, Azar Swan und Zanias. Anschließend geht’s auf der Aftershow Party weiter mit aufnahme + wiedergabe-Gründer Philipp Strobel und den drei White Circles Jungs: Bigo, Ralph und aehm.
Geburtstage, Jubiläen – gerade gibt es sie an jeder Ecke, in jedem Club. Es wird nicht nur gefeiert, sondern auch ge-fei-ert. Clubgeburtstag, Labelgeburtstag, Crewgeburtstag…
Die runden und halbrunden Jubiläen sind für uns als Autor*innen natürlich besonders interessant. Auf unserem Blog werden also in nächster Zeit noch mehr Interviews, Retrospektiven und Zukunftsspinnereien stattfinden.
Das letzte Interview mit Vertreter*innen des Institut fuer Zukunft und frohfroh gab es nach dem ersten Jahr nach Eröffnung des Clubs. Das ist mittlerweile vier Jahre her. Es war also nicht nur Zeit, sondern es gab auch einen besonderen Anlass, sich wieder mit dem IfZ zu verabreden. Denn das IfZ feiert sein Jubiläum nicht ‚nur‘ mit Partys und einer Clubnacht nach der anderen, sondern bringt das erste IfZ-Vinyl auf den Markt, organisiert eine Ausstellung namens ‚Trakt IV‘ mit Fotografien und setzt sich mit interner und externer Kritik zum Club innerhalb eines Panels auseinander.
Wir haben anlässlich des 5. Geburtstags nachgefragt: Kommt der Darkroom wieder? Was ist mit der Vertigo? Wo geht es mit dem IfZ hin, wenn das Areal um den Kohlrabizirkus für die „Boom-Stadt“ Leipzig mit Parkdeck, Wohnungen, Fitnessstudio und Kita fit gemacht wird? Wie hat das IfZ in den letzten Jahren auf die Leipziger Szene abgefärbt und ist die Platte nun der Startschuss zum eigenen Label..?
Antworten darauf gaben Markus und Neele, die beide als Booker*innen im IfZ arbeiten.
Past vs. Present
frohfroh: Ihr feiert euer fünfjähriges Bestehen in einer ganzen Woche mit Ausstellung, Diskussion, Record-Release und Party. Worauf freut ihr euch am meisten in der Geburtstagswoche?
Markus: Auf die ganze Woche an sich. Da steckt so viel Arbeit und Herzblut von allen hier drin – jetzt kommt es auf den Punkt, eine Woche lang.
Neele: Dito, ich freue mich auch auf alle fünf Tage. Mir war aber eine inhaltliche, kritische Veranstaltung zum 5. Geburtstag sehr wichtig, die es in Form des Panels geben wird. Auch das Vinyl, dass wir das nun mal geschafft haben – darauf freue ich mich natürlich auch.
Markus: Die Foto-Ausstellung von Dana Lorenz und Sophia Kesting ist auch nochmal sehr besonders, weil von der bisher nicht viele wussten. Das ist über zwei Jahre entstanden und es wird dort (in der Galerie für zeitgenössische Kunst) auch eine Soundinstallation von Perm geben.
Habt ihr euer Ziel (vor fünf Jahren formuliert) etwas zu erschaffen „was ein guter Club bieten sollte“ erreicht?
Neele: Da gibt es zwei Ansichten. Einmal diese Außensicht, vor allem im internationalen Kontext, also von internationalen Künstler*innen und Gästen, die das IfZ besuchen. Da kommt viel Lob für unseren Raum, diesen Freiraum, den wir hier erschaffen haben, der einzigartig ist. Das ist oft Balsam. Und dann gibt es noch diese Innenansicht – von uns, die hier arbeiten. Hier werden niemals alle zufrieden sein, was auch gut so ist. Denn ein Projekt, wie auch dieser Club, ist nur so gut wie seine Kritiker*innen. Es gibt immer wieder Wünsche und Baustellen, die wir beackern können.
Markus: Es ist weiterhin ein fortwährender Prozess.
Vor fünf Jahren war auch der Darkroom ein Teil dessen, was einen guten Club ausmacht. Jetzt ist er zu, er war in letzter Zeit nur unregelmäßig geöffnet. Bleibt der Darkroom für immer geschlossen?
Neele: Wir hoffen, er wird wieder aufgemacht. Also, ja – wir haben es vor. Es ist nicht so einfach, da das Konzept für den Darkroom noch recht unausgereift ist. Der Anspruch ist schon noch da. Alle paar Monate finden sich immer wieder ein paar Leute, die das Thema angehen.
Ist das als Hinweis darauf zu verstehen, dass es auch wieder eine Vertigo geben wird?
Neele: Wir arbeiten tatsächlich daran.
„2019 wollen wir eine Vertigo veranstalten – aber bitte nicht böse sein, wenn es doch 2020 wird.“
Wie viele Menschen sind mittlerweile im IfZ aktiv?
Neele: Es sind viel mehr Leute geworden. 200 Menschen arbeiten hier hauptamtlich, ehrenamtlich oder als Minijobber*in. Jetzt vollzieht sich bei uns auch ein gewisser Generationswechsel, es rücken mehr junge Leute nach.
Markus: Man kennt gar nicht mehr alle, gerade von den vielen neuen Leuten. Das ist auch echt cool, um nicht in so eine Betriebsblindheit zu verfallen – denn die neuen bringen auch oft nochmal Themen auf den Tisch, die in den Hintergrund gerückt sind.
Und gibt es mittlerweile auch noch mehr Arbeitsgruppen?
Neele: Wir haben mittlerweile aufgestockt. Es gibt zum Beispiel jetzt auch eine Aufbau-AG, eine Antisexismus-AG oder eine Antisemitismus-AG. Letzteres kam im Zuge der BDS-Debatte.
Markus: Da finden sich dann auch Leute zusammen, die vielleicht von anderen Clubs stammen oder gar nicht beim IfZ arbeiten.
Neele: Richtig, denn es muss keine*r bei uns arbeiten, die*der den Laden mitgestalten möchte.
Zum Thema Arbeit im IfZ – Ein Zitat von damals: „Die ganze Nummer ist Selbstausbeutung“. Ziel sei es, langfristige Existenzgrundlagen im IfZ zu schaffen. Wie sieht es heute damit aus?
Neele: Den Satz würde ich weiterhin so unterschreiben, denn das trifft auf fast alle (freien) Kulturschaffenden zu. Bei uns arbeiten alle so knapp über Mindestlohn, aber wir arbeiten daran, die Löhne zu steigern. Das geht aber nur über Jahre. Dazu muss man aber noch sagen, dass das IfZ ein sehr cooler Arbeitgeber ist (lacht).
Markus: Da würde ich auch mitgehen. Das IfZ ist ein guter Arbeitgeber – mit uns kann man über alles reden, wir sind beispielsweise mit einem Clubrat organisiert, um empfindliche Themen anzusprechen.
Neele: Das ist auch eine der Fragen, die wir uns beim Panel stellen: Ob das IfZ einfach ein cooler neoliberaler Arbeitgeber ist oder wirklich ein kollektiver Betrieb.
Ihr beide arbeitet ja als Booker bzw. Bookerin hier. Wo ist das IfZ in den letzten fünf Jahren musikalisch hingelangt, wo wollt ihr noch hin?
Neele: Gerade haben wir einen guten Modus gefunden. Das Booking generell hat sich über die Jahre öffnen müssen. Ich finde das nicht schlecht – den Industrialeinfluss hat man anfangs noch extrem gespürt, da sind wir jetzt viel breiter aufgestellt.
Und um sich kleinere Veranstaltung leisten zu können, müssen wir das schon querfinanzieren. Also große Techno- und House-Acts müssen ebenso gebucht werden, um auch mal experimentelle Abende zu finanzieren.
Mir ist wichtig, dass es bei uns divers bleibt. Mir gefällt zum Beispiel eine Housenacht auf Trakt I genau so gut wie brachialer Techno.
Markus: Ich finde, wir haben so einen gewissen pädagogischen Auftrag, genreübergreifend und auch mal gebrochen zu arbeiten. Musik löst ja Schranken im Kopf und das wollen wir weiterhin machen.
Neele: Wir sind eben personell gewachsen und die neuen Mitarbeitenden haben viel mehr unterschiedliche Präferenzen eingebracht. Wir machen keine Party für unser Bookingteam, sondern die Crew soll sich auch mit dem, was musikalisch im IfZ geboten wird, wohlfühlen. Ein schöner Effekt ist dabei, dass das IfZ mehr als sozialer Raum wahrgenommen wird. Man kann hier abhängen, ohne einmal auf der Tanzfläche gewesen zu sein.
Markus: Öfter geht man zwar von seinen eigenen Vorlieben aus, aber das wird oft durch die Crews und Mitarbeitenden unterstützt und vermischt sich.
Neele: Wir holen dafür regelmäßig Feed-Back unserer Crew ein, ob es Wünsche gibt. Das war jetzt zum Beispiel bei Dr. Rubinstein der Fall.
5 I V E Vinyl
Zum Jubiläum gibt es erstmals eine Platte von euch. Ist sie als Aushängeschild des Sounds des IfZ zu verstehen?
Markus: Das Spektrum ist schon sehr breit, Trakt 1 ist eher Techno, EBM, manches etwas dubbiger, manches mehr Industrial. Trakt 2 ist schon housig, aber eigentlich ist es mehr der Future-Sound des IfZ, den man da hören wird. Man könnte aber sicherlich noch tiefer gehen.
Die Platte bringt einiges zusammen, vor allem die Künstler*innen, die vertreten sind. Zum Beispiel Monsanto High, die vorher noch nie etwas zusammen produziert haben, Tsorn oder Leibniz, die regelmäßig im IfZ auftreten, Alex aka X/319, der die Technik macht, Lynxes, der seit fünf Jahren im Hintergrund die Technik des IfZ repariert, Qnete und Carmel, sowie der erste gemeinsame Track von Perm und Wilhelm – und ich selbst war auch seit Ewigkeiten mal wieder mit meinem Freund Florian im Studio.
Es ist damit eher eine Club-Platte und keine Listening-Platte geworden. Dazu kommt, dass es noch einige Überraschungen geben wird…
Konnte man sich für die Platte bei euch bewerben?
Markus: Genau, wir haben erstmal den Resident-Stamm angefragt und dann gab es noch einige Bewerbungen aus der Crew.
5 I V E
Ist das nun eine Label-Gründung, wie bei der Distillery?
Markus: Die Platte ist erstmal nur ein Geschenk an unsere Gäste und uns. Es ist alles offen… Das ist sozusagen unsere runde Geburtstagstorte. Die Vinyl ist aus der gesamten IfZ-Crew heraus entstanden, das war uns und ist uns sehr sehr wichtig. Ob daraus ein Label entsteht, ist jetzt noch nicht abzusehen.
Wie hoch ist die Auflage? Ist die Platte schon ausverkauft?
Markus: 300 Stück gibt es und ja, sie ist auf dem besten Weg, bald ausverkauft zu sein. Erstmal gibt es die Tracks auch nur auf Vinyl, digital wird aber auch noch kommen – später.
Die Zukunft im Institut fuer Zukunft
Ihr habt die Sperrstunde erfolgreich (und nachhaltig) gemeinsam mit anderen Clubbetreibenden bewältigt, dazu habt ihr den Spielstättenpreis ‚APPLAUS‘ der Initiative für Musik letztes Jahr gewonnen… Eine wertvolle Anerkennung für eure Kulturarbeit, die auch durch die Presse ging.
Neele: Der Preis ist auch als Anerkennung von DJs und Liveacts zu verstehen, deshalb ist er so wichtig für uns.
Ist das IfZ damit nicht immun gegenüber Bebauungsplänen oder Verdrängung..?
Markus: Das hofft man vielleicht. Für große Investoren spielt das am Ende keine Rolle, welchen Preis wir gewonnen haben oder was wir kulturell leisten. Man sieht das ja auch an der Distillery, die es seit fast 27 Jahren gibt, die trotzdem nicht in die Pläne der Stadt passt.
Neele: Von den Bebauungsplänen hier auf dem Kohlrabizirkus – Gelände haben mittlerweile alle gehört, es stand ja in der Zeitung. Wir haben von dem Vorhaben auch aus der Zeitung erfahren und uns dann Gedanken gemacht. Was ich sagen kann: Wir haben definitiv vor, an diesem Ort noch fünf bis zehn Jahre zu bleiben. Die Diskussion darüber haben wir geführt, denn das steht dem ganzen voran – die interne Entscheidung.
Wenn es dann irgendwann mal soweit ist, dass das Gelände hier bebaut wird, dann müssen wir konkret sehen, was hier nebenan entsteht. Erst dann können wir einschätzen, ob sich das weiterhin so durchführen lässt und ob das Projekt IfZ hier dann noch Sinn macht.
Und für euch beide persönlich? Wollt ihr noch fünf Jahre hier bleiben und arbeiten?
Markus: Für uns persönlich sieht es so aus, dass wir in unserer Position in diesem Projekt keine Platzwärter*innen sein wollen. Es kann auch gut sein, dass wir in Zukunft den Platz frei machen.
Neele: Das ist auch im Sinne des Projekts. Das muss man sich auch immer wieder bewusst machen, dass es da nicht um einen persönlich geht, sondern um das kollektive Vorankommen.
Gibt es Visionen oder Wünsche für den Club? Wenn ja, welche?
Neele: Es kann sein, dass wir eine neue Räumlichkeit dazubekommen und ich wünsche mir, darin eine Konzertlocation einzurichten. Generell mehr Konzerte und experimentellere Abende stattfinden lassen, wäre schön.
Markus: Ich hätte mir gewünscht, auf dem Betonplatz oben ein Open-Air zu machen, aber das wird immer unwahrscheinlicher, weil so viele Bäume fehlen, die ein wenig Schutz bieten würden. Es gibt auch Überlegungen für ein Festival außerhalb des IfZs, aber das ist nicht wirklich konkret. Es gibt immer mal wieder den Wunsch, aber es ist auch ein riesiger Organisationsaufwand und es sind etliche Dinge zu beachten.
Zum Abschluss: Wo seht ihr das IfZ nach diesen fünf Jahren international?
Neele: Unsere Reputation ist sehr gut. Viele wollen bei uns spielen, das ist ein gewisser Luxus, den wir haben. Es hat sich herumgesprochen, dass wir einen sozialen Ort geschaffen haben, der auch international beachtet wird.
Markus: Wir werden auch als Kollektiv wahrgenommen.
Neele: Wenn wir selbst mal unterwegs sind bzw. als DJs verreisen und international auftreten, dann merken wir auch immer wieder, wie gut unser Ort hier geworden ist. In dieser Form gibt es das nicht nochmal.
Und in Leipzig?
Neele: Man merkt schon, dass unsere Arbeit auf andere Clubs in Leipzig abgefärbt hat, zum Beispiel unser Awareness- oder Security-Konzept. Einheitliche Eintrittspreise waren auch so ein Ding – es wird nicht mehr diskutiert, dass der Eintritt so und so viel Euro kostet. Kultur kostet Geld, das haben wir denke ich ganz gut durchgesetzt. Die Türpolitik hat auch auf andere Clubs rundherum abgefärbt. Unser Konzept wurde über Monate, Jahre ausgearbeitet. Das gab’s vorher in Leipzig einfach nicht.
Ein Teil der IfZ-Crew / Foto von Henry W. Laurisch
37 Minuten Interview waren das. Aber der Tag im IfZ ist noch nicht vorbei, zumindest nicht ganz. Aus dem Büroabteil geht es runter in den Hof, in dem es aussieht als wären die Mitarbeitenden unter die Gärtner*innen gegangen. Im Blaumann und mit Handschuhen wird hier sauber gemacht, Gestrüpp abgeschnitten und Müll weggekehrt. Frühjahrsputz. Alle möglichen Menschen, die am IfZ beteiligt sind, in welcher Arbeitsgruppe oder welcher Position auch immer, helfen mit.
Ein paar Stimmen der Mitarbeiter*innen wollen wir noch aufnehmen, die nicht mit ihren Namen versehen werden – damit sprechen sie natürlich trotzdem für sich persönlich und nicht als Vertreter*innen einer bestimmten AG.
Uns interessiert, worauf sich die Crewmitglieder, die teilweise auch in einer Geburtstags-AG an der Gestaltung der 5-tägigen Geburtstagswoche beteiligt waren, am meisten freuen.
Eine Aktive freut sich besonders auf den Sonntag, „wenn dann die großen Feierlichkeiten vorbei sind“ und auf „alle Menschen, die sich von außerhalb angekündigt haben. Leute von früher, die extra für die 5-Jahres-Feier anreisen“, sagt sie. „Auf Gerd Janson!“, wirft jemand ein.
Öfter klang an, dass die Ausstellung, die das erste zeitgenössische Dokument über das IfZ sein wird, für die Crew besonders im Mittelpunkt steht. Ein Fotoprojekt in einem Club, der sonst eine No-Photo-Policy durchsetzt, ist natürlich ein Aufhänger.
Auch das Panel sei für die Crew eines der wichtigsten Events – genauso wie die Partys itself.
„Ich habe auch richtig Bock zu tanzen und zu feiern – und zu arbeiten.“
Wirklich, selbst auf das Arbeiten freut man sich? „Das was man liebt, ist eigentlich keine Arbeit. Im IfZ zu sein bedeutet für mich auch immer Flucht aus dem Alltag.“
Eine andere Stimme betont, dass die Arbeit im IfZ (in diesem Fall als Nightmanager*in), schon immer mehr als nur ein Job war: „Ich habe hier ein grundlegendes Gefühl von Akzeptanz erfahren, dass mich über die Jahre persönlich hat selbstbewusster werden lassen.“
Und was wünschen sich diejenigen, die den Club jedes Wochenende aufs Neue betreuen, betreiben, sauber halten; die Getränke verkaufen und die Artists rumführen, die Technik auf dem Laufenden halten und für Licht und Sound zuständig sind, für die Zukunft des Instituts? „Dass das Projekt mit dem jetzigen Rückenwind ohne finanziellen Stress weitergeht“, meint eine Stimme des Clubs.
Zur Einstimmung auf das lange Wochenende gibt es von Resident n.akin noch einen speziellen Podcast:
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*Zitat/Überschrift aus „Anzeige der VICUS Group“, die ihren Bebauungsplan für den Kohlrabizirkus im Top Magazin Leipzig (2018/2019, S. 146/147) veröffentlichte.
Sie sind wieder da und gleich wieder weg: Mit Teil III der Kolumne von Antoinette Blume und einem anonymen Gastautor verabschieden sich die beiden zeitweise von unserem Blog.
M. schreibt nicht mehr oft, er ist viel unterwegs und weniger regelmäßig berauscht. Trotzdem schreibt er unserer Autorin noch ab und an – von Verdrängung, Abschalten und geplanten Partynächten.
Ist da vielleicht was zwischen uns?, frage ich mich. „Was, meinst du das ernst?!“, fragt mich meine Freundin mit weit aufgerissenen Augen.
„Guck mich bitte nicht so an, als seist du draufer als er“
Ich lache ein bisschen. Habe ich das gerade echt laut gesagt?
„Hast du mal ein Röhrchen, ich hab keins…“, murmele ich und lenke schnell ab. Ich meine nicht im erotischen Sinne. Nicht wirklich. Der Spiegel glänzt nicht mehr, er ist matt und staubig. „Es ist so komisch sich selbst anzusehen, wenn man zieht, oder?“, sage ich noch.
Ich denke an M. Er hat mir wieder geschrieben:
Es ist Dienstagabend und ich sitze auf einem Balkon eines Hotels in Österreich, habe den Wald direkt vor der Nase und höre die Vögel zwitschern.
Die Sonne geht langsam hinter den Bergen unter und es wird kälter. Den Tag über hatte es 21 Grad und die Sonne hat geknallt. Der Frühling ist da. Endlich. Ein wenig wirkt das, was ich sehe, sehr unwirklich – wenn ich daran denke, dass ich vor weniger als 48 Stunden noch auf einer Afterhour war, die im Zuge meines spontanen Ausflugs in meinen Standartklub zur besten Option für den Sonntag und den Abschluss des Wochenendes ernannt worden war.
Die Party war eher mittelmäßig und hat sich wenig gelohnt, aber es war ein guter Grund mal wieder zu konsumieren, worauf ich mega Lust hatte. Außerdem hab ich mal wieder viele meiner Feierbekanntschaften getroffen und habe diesmal sogar etwas gequatscht. Ein wenig fühlt es sich so an, als würde ich mich vom Feiern lösen, eine Entwicklung, die ich weniger gut finde… Auch wenn ich mit weniger Feiern cool wäre, würde ich nicht auf diesen Teil meines Lebens verzichten wollen…
Mittwochabend, es ist 21:01 Uhr und ich war bis gerade eben mit einem Kollegen auf einer Wiese an einem Hang, mitten im Wald. Wir haben Joints geraucht und uns Sternbilder angeschaut und über die Arbeit und unsere Pläne für die Zukunft geredet. Nichts Persönliches, aber trotzdem hat es gut getan mal über etwas Normales zu reden. Bis jetzt hab ich hier eine gute Zeit.
Sonntag. Ich sitze auf einer Bank im Wald und höre Phosphorescent. Gestern habe ich nach fast 2 Monaten wieder Alkohol getrunken.
Eine Flasche Schnaps und mindestens 8 Bier haben dafür gesorgt, dass ich nachts um 1 Uhr 300 Gramm Schokolade gegessen habe, die ich danach voller inbrunst wieder ins Klo gekotzt habe. Ich hasse Alkohol, aber in den letzten zwei Wochen sind einfach ein paar beschissene Dinge passiert, die mich beschäftigen.
Ich habe nie gelernt anders mit Problemen umzugehen, als mich abzuschalten.
Ist ja auch einfach. Verdrängung. Oft frage ich mich, was andere so verdrängen, von dem niemand weiß… Die mir dann im Club begegnen, in der Toilettenschlange. Die Sonne scheint auf die Bank, links von mir blühen zwei Kirschbäume.
Mir ist schlecht.
Die nächste Party wird wohl an Ostern stattfinden. Ich versuche die Übelkeit zu überwinden, lege mich ausgestreckt auf die Bank und erstelle im Kopf eine Einkaufsliste – eine lange Liste mit Drogen.
Ich grinse, schicke diesen Text an Antoinette und versuche etwas zu dösen.
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Keine Angst, M. und Antoinette Blume sind nicht für immer weg. In der Printausgabe anlässlich des 10. Jubiläums von frohfroh werden beide ihre Geschichte zu Ende erzählen – oder neu anfangen.
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Anmerkung
Du hast ein Problem mit Drogen und/oder Sucht? Dir sind manche Stellen aus dem Text sehr nah? Auf diesen Seiten findest du Listen mit Adressen und Telefonnummern u. a. von Beratungsstellen, die dir Hilfe leisten können:
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