Für den Support möchten wir eure Aufmerksamkeit auf ein Festival, besser gesagt auf den dortigen Auftritt einer wunderbaren, jungen Leipziger Band lenken. Quasi eine Ankündigung zur Ankündigung: Denn schon bald folgt das komplette Interview mit den Musikerinnen.
Die Rede ist von den drei umwerfenden Frauen Linda, Ilka und Juliane Maria, die sich im Sommer 2017 dazu entschlossen, die Band New Hook zu gründen. Die Mitglieder der „Girlpowerelectrosupergroup“ (danke an einen Facebook-User) bemerkten auf einer Hochzeit, dass es musikalisch und menschlich zwischen ihnen funkt und wollten diese Chance nicht einfach so sausen lassen.
Ein Glück, denn neben ihrem experimentellen, synthie-poppigen, wavigen Sound haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, über den Musik-Tellerrand zu gucken und eine Message weiterzugeben: nämlich einfach zu machen, keine Angst zu haben vor Konventionen, vor „ich kann das doch nicht“ und „nee, ach, lass mal lieber, das habe ich noch nie gekonnt.“
Denn abgesehen von Linda, die Mitglied der Band Here Is Why war, hatte kaum eine der drei etwas mit Musik zu tun. So bemerkte beispielsweise Ilka erst durch New Hook, dass sie gut singen kann. Wie? Weil sie sich traute. Mittlerweile produzieren die Frauen ihre eigenen Videos, designen die Kostüme für ihre Auftritte und können auf eine Reihe von selbst erschaffenen Tracks zurückblicken. Hier ist experimentelle Musik wortwörtlich zu nehmen und Kunst Teil des Ganzen.
Wenn ihr also Lust habt, euch anstecken zu lassen vom DIY-Geist und eine Liebeserklärung erleben wollt, wo Musik nur der Anfang ist, dann habt ihr dieses Wochenende die Möglichkeit: New Hook spielen auf dem „Sacred Ground Festival“ in der idyllischen Uckermark, in der Nähe des Ortes Brüssow. Eine große Ehre für die drei, wie sie mir sagten. Am Samstag, den 13. Juli spielen sie auf der Hauptbühne des Festivals, welches auf einem hundertjährigen Privatbauernhof stattfindet und unter anderem von Ry X kuratiert wird.
Also, nichts wie hin. Noch gibt es Tickets.
Im Riotvan-Radio ist übrigens vor Kurzem der erste DJ-Mix ever von New Hook veröffentlicht wurden. Hier ist er:
Unsere Autorin Paula hat Nice4What zum Thema Sexismus in der Clubkultur befragt – hier lest ihr das ganze Interview.
Was fällt euch als Erstes ein, wenn ihr Sexismus im Zusammenhang mit Clubbing bzw. der elektronischen Musikszene hört?
Isa: Es gibt leider keinen Bereich der Gesellschaft, in dem Sexismus keine Rolle spielt, deswegen ist auch die Clubkultur davon betroffen.
Marlene: Besonders absurd in diesem Kontext finde ich den Kontrast zwischen der Clubkultur als Sehnsuchtsort, an dem gesellschaftliche Konventionen abgelegt werden können und sich jede Person frei ausleben kann – und dem gegenüber die tatsächlich vorherrschenden Zuständen in der Clubkultur.
Sexismus ist im Clubbetrieb, hinter dem DJ-Pult sowie beim Booking mindestens so stark vertreten wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen.
Anna: Vor allem in der Leipziger Clubszene gibt es inzwischen viele Initiativen und Orte, von denen und in denen struktureller Sexismus thematisiert wird und versucht wird, dem entgegenzuwirken. Allerdings gibt es diese Räume nur punktuell – in anderen Städten oder auch teilweise in anderen Kreisen in Leipzig sieht es wohl noch anders aus. Deswegen ist es wichtig, wie Isa schon sagt, neben dem Mikrokosmos Club auch die größeren Zusammenhänge zu sehen: Es geht um Strukturen und Verhältnisse, die sich durch die ganze Gesellschaft ziehen.
Franzi: Aus Künstler*innenperspektive kommen mir dabei vor allem die geschlechterrollenspezifischen Stereotype und daraus folgendes diskriminierendes Verhalten in den Sinn, die sich natürlich auch nach wie vor im Clubkontext offenbaren.
Inwieweit erlebt ihr als Akteurinnen in der Szene Sexismus?
Isa: Das passiert wirklich ständig. Es geht da los, wo man gesagt bekommt, man könne ‘für eine Frau’ gut auflegen, und geht weiter mit Aussagen wie ‘Sie ist bestimmt nur so erfolgreich, weil sie eine Frau ist’. Typen, die einem beim Auflegen im Club in den Mixer/ in die Platte greifen, weil sie denken sie können sich das jetzt einfach so rausnehmen und mir mal zeigen wie man das richtig macht bis hin zu Menschen, die daran zweifeln, dass ich einen Mix selbst aufgenommen habe, ohne mir dabei von einem Mann helfen zu lassen. Die Liste lässt sich ewig so weiterführen.
Franzi: Ja, von zu vielen Seiten! Einige gehen zum Beispiel davon aus, dass Frauen* nicht auf gleichem Niveau wie männliche Kollegen auflegen können. Jede von uns kann von irgendwelchen Erfahrungen erzählen, die sie als DJ erlebt hat. Mann erklärt Frau* ungefragt wie die Technik funktioniert, was auf welchem Floor an Musik nun gut passen würde oder welche bpm-Zahl gerade angemessen wäre. Also, meist kommt das von männlicher Seite, aber geschlechterstereotype Denkmuster sind auf allen Seiten internalisier. Neulich habe ich beispielsweise die Soundtechnik für den Abend vorbereitet und eine Frau kam auf mich zu um mir beschwichtigend mitzuteilen, dass gleich ein Kumpel vorbeikäme, der sich mit Technik auskenne und da mal drüber gucken könne, ohne in Erwägung zu ziehen, dass ich das durchaus alleine bewerkstelligen könnte.
Marlene: Ich erlebe auch immer wieder große Überraschung darüber, dass ich als Frau tatsächlich mit Platten auflege.
Anna: Manchmal habe ich das Gefühl, bei dem was ich tue kritischer beobachtet zu werden. Als müsse man allen nochmal beweisen, dass ich es als Frau mit zwei Jahren DJ-Erfahrung tatsächlich verdient habe, auf einer bestimmten Party oder einem bestimmten Slot zu spielen. Wenn man dann mal einen Mix verhaut, scheint es manchen eine Bestätigung zu sein, dass man an dem Abend nur hinterm DJ-Pult stehen darf, weil man eine Frau ist.
Ihr geht alle mehr oder weniger regelmäßig auch als Gäste feiern – wie erlebt ihr einen Abend im Club als „Frau“?
Franzi: Für mich verläuft eine wünschenswerte Clubnacht so, dass ich an mein „Frau“-Sein bestmöglich keinerlei Gedanken verschwenden muss, sondern mich fallen lassen kann, weil ich mich durch die Leute im Club um mich herum aufgehoben und sicher fühlen kann. Dennoch läuft auf so einer semibewussten Ebene irgendwie von vornherein so eine Hab-Acht-Stellung, weil man sich in einen Raum begibt, in dem Personen eben gerne über die Stränge schlagen und dabei leider manchmal das letzte Fünkchen respektvoller Umgang verschwindet. Als Frau muss ich dann aufgrund patriarchaler Machtstrukturen leider eher damit rechnen, dass mir oder anderen Frauen* diskriminierendes Verhalten widerfährt.
Marlene: Sowohl als Gast als auch hinter der Bar oder hinter dem DJ-Pult erlebe ich immer wieder unangenehme Situationen, wie angestarrt, angetanzt oder unter komischen Vorwänden angequatscht zu werden. Was ungewolltes Angefasst-Werden angeht, kann mich spontan an mindestens fünf Situationen in den letzten Jahren erinnern. Bekomme ich eine solche Situation mit oder erlebe sie selbst, ist der Abend für mich eigentlich gelaufen. Ich glaube, den meisten Personen, von denen diese Situation ausgehen, ist gar nicht bewusst, was sie durch ihr Verhalten gerade auslösen. Deswegen versuche ich sie offen darauf anzusprechen, dass sie gerade eine Grenze überschreiten. Leider treffen solche Aussprachen gerade im Partykontext häufig auf Unverständnis. Umso wichtiger finde ich es, dass Clubs mit Awareness Konzepten arbeiten.
Die vier Mitglieder der Nice4What-Crew
Awareness Maßnahmen
Speaking of Awareness: Welche Maßnahmen kennt ihr, die dieser dienen und der classic sexistischen Szenerie in Clubs vorbeugen bzw. entgegenwirken sollen?
Isa: Das beginnt ja meistens schon vor dem Club, also durch Selektieren an der Tür, zum Beispiel dass große Männergruppen nicht reingelassen werden (und nein, das ist kein Sexismus gegen Männer), oder Menschen, die zu viel konsumiert haben. Und ich finde es wichtig, dass an der Tür darauf aufmerksam gemacht wird, dass es bei Problemen Ansprechpartner*innen gibt. Super sind auch Awareness-Personen oder Safer Clubbing, die ansprechbar sind und sich im Notfall kümmern.
Franzi: Ich würde an Isas Gedanken anknüpfen, denn ich denke, dass sich ein bestimmter, unter den Veranstaltenden als Norm gesetzter Umgang auch nach und nach auf Besucher*innen-Seite reflektiert. Dafür ist eben ein entsprechendes Briefing an der Tür über den gewünschten Habitus im Club wichtig. Im Club tragen alle Beteiligten das dann ja hoffentlich ebenfalls weiter, indem sie sich danach verhalten, unterstützen und gegebenenfalls intervenieren.
Für Notfälle und generellen Safer Use ist Safer Clubbing definitiv eine großartige Errungenschaft. Im Prinzip fänd‘ ich es aber auch grandios, wenn wir irgendwann soweit sind, dass wir keine „extra“ Awareness-Instanz mehr benötigen, weil alle schon ausreichend aufeinander Acht geben.
Anna: Für mich macht es viel aus, wenn in klassischerweise cis-männlich besetzten Positionen, beispielsweise an der Tür, an Licht, Technik und als Abendverantwortung Frauen* zu sehen sind. Im Conne Island gibt es bei Tanzveranstaltungen beispielsweise immer eine Einlass-Schicht, während derer nur Frauen* an Tür und Einlass stehen, was viel zum Setting des Abends beiträgt. Einige Clubs achten schon stark darauf, dass in allen Crews ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis herrscht.
Ich finde auch wichtig, dass man als Gast selbst aufmerksam bleibt, im Club, auf dem Weg und auf der Afterhour, und auf Personen zugeht, die sich unwohl zu fühlen scheinen.
Wie erlebt ihr die Szene (in Leipzig und anderswo) hinsichtlich der Präsenz nicht-männlicher Acts?
Isa: Insgesamt ist da in den letzten Jahren schon einiges passiert, aber da ist noch richtig viel Luft nach oben. Im IfZ wird darauf geachtet, ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu haben, guckt man sich allerdings die ganzen Studenten-/ Mainstream-Clubs in Leipzig oder auch überall anders an, ist die Präsenz von nicht-männlichen Acts immer noch verschwindend gering.
Franzi: Ich glaube in Leipzig haben wir da momentan schon ein Bubble-Phänomen, indem in der vergangenen Dekade bezüglich nicht-männlicher Artists so einiges passiert ist. Seit sich im Conne Island vor zehn Jahren G-Edit und der DJ-Proberaum begründet haben, kamen stetig neue fem* DJs dazu und gerade in den letzten zwei, drei Jahren zeigen immer Acts selbstbewusst, was für ein Potential Leipzig im Hinblick auf Frauen* in der elektronischen Musik besitzt. Selbstverständlich ist das Potential an sich nichts absolut Leipzig-spezifisches, nur hatten wir hier eben das Glück, dass bereits Strukturen initiiert und etabliert wurden, die den Zugang zur elektronischen Musik erleichterten. Vernetzung und gegenseitiges Empowerment sind in dieser Hinsicht wie in vielen Bereichen eben auch hier essentiell.
Marlene: Ich denke auch, dass in den letzten Jahren verstärkt ein Bewusstsein für die Unterrepräsentierung von nicht-männlichen DJs geschaffen wurde und auch schon einige erfolgreiche Maßnahmen ergriffen wurden, gegen diesen Zustand anzukämpfen. Allerdings habe ich auch das Gefühl, dass sich durch female*only line-ups und die Vernetzung vieler Frauen* in female*only Crews sowas wie eine parallele fem* DJ-Szene entwickelt hat und ausgeglichen-gemischte Crews und Veranstaltungen weiterhin eher die Ausnahme bleiben.
Was sagt ihr zu der klassischen Erklärung von Booker(*inne)n, wenn sie wenig bis keine female* acts buchen, es gäbe einfach nicht so viele wie Männer?
Isa:
Es gibt auf den ersten Blick mehr cis-Männer als Frauen*, die auflegen. Aber dass man keine Frau* findet, die musikalisch ins Konzept passt, ist einfach nur Bullshit.
Es gibt female* Kollektive oder auch verschiedene Netzwerke bei denen man sich schlau machen kann, da gibt es ja sogar Seiten wie female:pressure auf denen Artists aufgelistet sind. Was dabei aber noch wichtig ist, dass man nicht einfach irgendwen bucht, um eine „Quotenfrau“ auf dem Lineup zu haben, sondern auch darauf achtet, dass das vom Genre Sinn macht.
Franzi: Durch eigene Bookingerfahrungen musste ich auf jeden Fall feststellen, dass es aus verschiedenen Gründen nicht immer realisierbar ist, ein 50/50-Booking auf die Beine zu stellen.
Nichtsdestotrotz kann mir keine*r erzählen, dass es so wenige female* Acts gibt, dass es immer noch regelmäßig zu komplett männlichen Lineups kommt und es maximal für eine „Quotenfrau“ reicht, völlig schnuppe, ob die musikalisch reinpasst. Dass dient dann eher einem female* friendly Imageanstrich und um mehr muss man sich dann nicht scheren. Sowas nervt mich auf jeden Fall hart.
Anna: Wenn es so scheint, als gäbe es wesentlich weniger nicht-männliche Acts, die auflegen, dann sollte man sich erstmal fragen, warum für diese die Hürden anscheinend höher sind und versuchen, diese abzubauen. Wer wo spielen kann, hat viel mit informellen Netzwerken zu tun. Aber anstatt sich auf die Empfehlung von Kumpel zu Kumpel auszuruhen, kann man sich schon mal aktiv umhören, wer noch so gute Sets auf SoundCloud hat und Newcomerinnen pushen.
Die Zukunft: Künstler*innenförderung
Was muss eurer Meinung nach (noch mehr) passieren, um weibliche* Nachwuchs-Artists zu fördern?
Isa: Booker*innen: Kümmert euch darum, dass die Lineups ausgeglichen sind. Ansonsten: Freund*innen, die anfangen aufzulegen, motivieren, dran zu bleiben. Wer selbst auflegt kann in Sets darauf achten, auch weibliche Produzent*innen zu repräsentieren. Wer als cis-Mann auf eine Party gebucht wird, auf der ansonsten auch nur Männer spielen, kann das ansprechen, Acts vorschlagen.
Franzi: Ich denke auch: Buchen, Austauschen, Netzwerken. Skillz sharen. Untereinander konstruktiv Kritisieren und Selbstbewusstsein fördern für ein solides Standing finde ich persönlich auch sehr wichtig.
Anna: Wenn ihr auflegen könnt, Technik verkabeln oder mit Ableton umgehen könnt, zeigt’s euren Freundinnen und Bekannten – und dann setzt sie in Positionen und gebt ihnen Verantwortung. Und es ist wichtig, Räume zu schaffen, in denen sich Frauen* austauschen, ausprobieren und gegenseitig Skills beibringen können.
Nice4What
Die vier Frauen von Nice4What gründeten sich basierend auf ihrer geteilten, wie sie sagen, grenzenlosen Liebe für House im Oktober 2018. Kennengelernt und angefreundet haben sie sich im Proberaum des Conne Island.
Im Institut fuer Zukunft haben sie bereits mit dem Riotvan-Label, dem No Show-Kollektiv und der G-Edit-Crew, von der sie ebenfalls alle vier Teil sind, kollaboriert. Die FLIRT im Mjut, eine 18-Stunden-Party, geht auf ihre Kappe, genauso wie „Nicer Garden X 10YRS Halftime“ im Island – da treten sie jetzt nämlich in die großen „KANN Garden“ Fußstapfen und übernehmen die Veranstaltungsreihe.
Alle vier mischen auch solo an unterschiedlichen Stellen in Leipzigs Clubszene mit.
Isa kuratiert seit Sommer 2017 die wöchentlich donnerstags stattfindende „Channel“ im IfZ mit. Sie ist Teil von feat.fem und hat im Safer Clubbing Team des IfZ gearbeitet.
Marlene arbeitet seit 1 1/2 Jahren im Ifz an der Bar und organisiert Veranstaltungen mit, wie die Halftime am Conne Island oder mit feat.fem, G-Edit oder mit dem Frauenproberaum
Franzi kam über feat.fem zu G-Edit und kuratiert im LNDT in Lindenau Musikbars und Partys als Teil der „Petrola“-Crew.
Anna organisiert den Frauen-Proberaum im Conne Island mit, gibt regelmäßig DJ-Workshops, betreut Technik und Licht bei Veranstaltungen im Conne Island und im Institut fuer Zukunft, veranstaltet u.a. die Halftime im Conne Island mit und ist dort im Booking tätig.
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[1] In diesem Artikel wird das * verwendet, um all diejenigen Personen einzuschließen, die nicht cis-männlich sind, sprich cis-weibliche, trans- bzw. non-binary Akteur*innen. Es ist ein Versuch, den Lesefluss des Artikels zu verbessern, um nicht an jeder Stelle erneut darauf hinzuweisen, dass all diese Personen gemeint sind. An einigen Stellen, beispielsweise, wenn es um sexistische Stereotype geht, wird bewusst auf das Sternchen verzichtet, um das heteronormative Denkmuster zu verdeutlichen, oder an Stellen, an denen die Interviewten explizit von sich als cis-Frau sprechen. Wird von „Männern“ gesprochen, wird auf das Sternchen verzichtet, um zu verdeutlichen, dass es dabei um cis-männliche Personen geht und trans- bzw. non-binary Personen an dieser Stelle nicht gemeint sind.
Anmerkung: Auch die Visibility von Personen des LGTBQI-Spektrums und Black and Indigenous People/Person(s) of Color ist in der elektronischen Musikkultur wie in anderen Bereichen der Gesellschaft nach wie vor ein Problem.
[2] An anderer Stelle wird statt dem Sternchen der Terminus „nicht-männlich“ verwendet, um klar zu machen, dass es an dieser Stelle um alle Personen des Spektrums geht, die nicht cis-männlich sind.
„We believe in sounds. In noise. And in life“ – mit Kontakt. (Kontaktpunkt) ist letztes Jahr ein neues Label in Leipzig geboren und nach drei Digitalreleases gibt es nun die erste Platte zu hören.
Zwar hat das Kontakt.-Label bisher kein großes Trara um sich gemacht, jedoch haben sie mit zwei Labelnights, einer Hypress-Kollaboration im Mjut und drei Digitalreleases schon ein bisschen was für ein so junges Label vorzuweisen. Mit ihrer ersten Platte verfestigen sie nun ihren Sound, stellen neue Mitglieder vor und bringen einen neuen Schwung ins Label-Dasein.
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A-Seite
Vino Watts aus Nürnberg leitet mit Good Old Analog auf atmosphärische Art und Weise die Platte ein, welcher von Kontaktpunkt selbst als „cheesy house track“ eingestuft wird. Cheesy… I don’t know. Ich würde es eher als melodisch, treibend und mystisch bezeichnen, was den Track nichtsdestotrotz mit Leichtigkeit zum Opening-Banger im Club machen kann. Tipp!
Mystisch geht es auch auf der A2 weiter. Wie umschreibt man schnellen Downtempo mit Goa-Vibes? Kontaktpunkt betiteln Nokents Super als „bouncy tool Track“. Ja, bouncy trifft es gut. Mit verschrobenen und verspielten Elementen, die an eine belebte Nachtwanderung erinnern, wechselt der Track nach der Hälfte ins düstere und behält den Goa-Feel. Sehr interessanter Sound.
B-Seite
B-Seite
Delirium von I C S., die B1, stellt anschließend einen starken Stilbruch dar. Pulsierender Bass und tickende Percussions stehen im Fokus: straighte Club-Vibes. Der Track lässt alle einzelnen Elemente für sich sprechen, allen voran die dominanten Synth-Töne. Insgesamt ein sehr I C S.-typischer, geradliner Techno-Track.
Hooover kombiniert im letzten Track die Mystik aus der A-Seite mit der Geradlinigkeit aus der B1. Er utilisiert Samples, die wie sanfte Blitze im Track einschlagen und setzt dabei nicht auf einen allzu überwältigenden Techno-Sound. Dieser Track ist sorgfältig konstruiert und stimmt nicht unbedingt mit Hooovers sonstiger, härterer Ästhetik überein, aber ergänzt sie auf wunderbare Art und Weise.
Experimentell – so gut es nur geht. Kontaktpunkt haben mit dieser Platte einerseits Vielfältigkeit bewiesen, sich jedoch auch stark positionieren können. Eine klare Hörempfehlung meinerseits!
Am 14.06. erschien die Laponia Space Project EP auf dem in Leipzig und Melbourne ansässigen Label Controlled Violence. Künstler Inter Gritty reflektiert seine Herkunft mit klangbildlichen Eindrücken aus der schwedischen Landschaft.
Nachdem zuletzt im Februar eine vinyl-only Compilation herausgebracht wurde, widmen sich Controlled Violence nun wieder den Solo-EPs. Den Anfang macht Inter Gritty aus Norköppingen im Süden Schwedens. Benannt nach dem schwedischen Raumfahrtzentrum Laponia Space Project, ist die EP „inspiriert von verschiedenen Reisen durch Finnlands Lapplandregion“ und „repräsentiert die expansive, ehrfurchtgebietende Natur seiner Umgebungen“.
Na dann wollen wir mal!
Träumerisch kommt er daher, der erste Track. Sleepy Trees – der Titel sagt schon alles – lädt dazu ein, einen meditationsähnlichen Zustand einzunehmen. Die Grenze zwischen Techno und Ambient, zwischen Rhythmus und Sphäre verschwimmt.
So setzt sich die A1 aus sanften Klängen und Percussions zusammen und setzt somit den Ton für die EP. Weiter geht es mit Cassiope, der in meinen Augen den Signature-Track der EP darstellt und in der letzten Woche bereits auf Shite als Digital-Premiere erschienen ist (siehe unten). Inter Gritty lässt zu Beginn eine ominöse Acid-Line kreisen, welche von einer ebenfalls sanften Melodie und breakigen Percussions unterstützt wird. Eine Reise beginnt.
Während sie vorantreibt, merkt man: Auch hier verschwimmen Grenzen, diesmal zwischen Melancholie und Verträumtheit. Die Acid-Line verschwindet zwischenzeitig und kehrt wieder zurück, um den Track in all seinen Elementen zu vereinen und das Klangbild abzuschließen. Und dann hört das Lied auf. Ohne es zu ahnen, ist die Reise plötzlich vorbei und es sind zehn Minuten vergangen. What a ride.
Inter Gritty „Laponia Space Project“ (Controlled Violence)
Platte umgedreht, B1: TR303. Auch hier lässt der Titel die Inspiration für den Track erahnen. Wavey geht es los, und dann setzt der Beat ein. Controlled Violence selbst beschreiben diesen Track als „eine klare Hommage an die Maschine und die Bewegung, die die moderne elektronische Musik geprägt haben.“
Und obwohl dieser Track einen Bruch in der bisher geschaffenen Ästhetik darstellt, lassen sich auch hier die natürlichen Einflüsse wiederfinden, die bislang referenziert worden sind. Expo Line greift abschließend die nächtliche, wäldliche Umgebung auf, die vor allem die ersten beiden Tracks in sich tragen. Düster, leicht verspult und atmosphärisch.
Mit einem Awarenesskonzept im Club oder auf Open Air – Veranstaltungen soll sichergestellt werden, dass alle eine gute Zeit verbringen können. Und das ist super. Dennoch finde ich, es gibt einen Punkt, der zwar banal ist, aber (noch) zu wenig mitbedacht wird: die Toilettensituation.
Einige Leipziger Clubs und Crews sind Vorreiter, wenn es um Awareness geht – also wenn es unter anderem um sexistisches Angemache, drogen- oder alkoholbedingte Aussetzer, safes Sniefen, Feel-Good-Spaces, um geschnittenes Obst und Gemüse zu späterer bzw. früherer Stunde, um kostenloses Wasser, um den Umgang miteinander geht.
Ich kann jedoch – wie einige andere Personen, die ich in meinem Kommentar unten beschreibe – keine gute Zeit im Club verbringen, wenn ich mich fast einpisse und auf Unverständnis bei Raver*innen stoße, sobald ihr Verhalten in der Toilettenschlange in Frage gestellt wird.
Enjoy the rant und vielleicht lasst ihr das nächste Mal die Pee Only Toilette frei oder lasst diejenigen gewähren, die die Toilette zu ihrem ursprünglichen Zweck aufsuchen. Just a thought.
Toilettenumgang ist auch Awareness
Wenn ich gerade daran denke… und hey, es ist bald Wochenende, also passt es: Was mich viel eher nervt als Fotos der Berghain-Toilette (pls, es ist (fast) alles gesagt und es wurde da drin schon (fast) alles fotografiert, if u like it or not) ist die Toilettenkultur in Clubs per se. Denn für all diejenigen, die sich ganz gerne alleine in einem abgeschlossenen Raum zum Pinkeln aufhalten möchten und sich aus verschiedenen Gründen hinsetzen möchten oder müssen, ist diese bei gut besuchten Veranstaltungen durchaus unangenehm. Erklärt’s mir, warum stellt man seine Schuhe auf dem Toilettenrand ab? Warum wird ‚Pee Only‘ nicht beachtet?
Sorry, auch das ist AWARENESS und da ist die hochgebildete, sensible Clubelite doch hinterher, hier alles richtig zu machen. Pardon, außer wenn’s drum geht nachzulegen und man mit 6 Leuten schon 20 Minuten angestanden hat – ja, nachvollZIEHbar, aber trotzdem ist’s nicht ok alles mit Schmodder auszukleiden und die Kabinen zu belegen, die ausnahmsweise nicht zum Konsumieren reserviert sind. Vor allem ätzend ist das für alle Personen, die nicht die Möglichkeit haben in einem Strahl der Gleichgültigkeit im Stehen zu Pissen und sich beim anschließenden (hoffentlich) Händewaschen zu denken: Nach mir die Sintflut. So ist das.
Den charmanten Plattenladen im Leipziger Westen gibt es mittlerweile schon seit einem Jahr. Nachdem er von frohfroh schon zu seiner Eröffnung vorgestellt wurde, haben wir uns zum Einjährigen erneut mit Betreiber Philipp Weißbach getroffen.
An der Lützner Straße 60 ist es noch immer laut, Großstadtfeeling inklusive. Und obwohl die Good Vibes-Fußmatte unten an der Treppe mittlerweile ein bisschen mitgenommen aussieht, sind auch die Vibes im Inch by Inch noch immer gut. Betreiber Philipp Weißbach alias Drunkenstein steht unterdes hinterm Tresen und stempelt neue Platten ab.
Im letzten Jahr ist einiges passiert, seitdem er den Laden aufgemacht hat. Es haben sich Stammkunden angesammelt, ein paar Releases wurden hier gefeiert und es ist selbstverständlich die eine oder andere Platte über den Tresen gerutscht.
Foto von Janina Stumpp
Naturgemäß sind auch die Platten oberhalb der Treppe in Kategorien eingeteilt, wie beispielsweise Trakt I oder Leipzig. Apropos – hat es da innerhalb des letzten Jahres unter den ganzen heißbegehrten Releases einen Favoriten gegeben? Philipp entscheidet sich für die Clear Memory 001 Electro Bangers only.
Auch die Releases, die hier gefeiert wurden, kann er nicht unerwähnt lassen. Das sind einmal die CVR XVI Compilation von Controlled Violence , sowie Thoughts You Are Not Supposed To Speak Out In Public von Tinkah (über das HUMAN Label) und Buffalo Heart Giant von EB King (über GLYK).
Wie kam es dazu, das alles hier zu feiern?
„Klar hat man Bock, im Laden mal ‘ne kleine Veranstaltung zu starten“
meint Philipp. Dazu kommt, dass man „das ganze Label und ihren Freundeskreis in entspannter Runde kennenlernt“ – das trägt zu den Good Vibes im Inch by Inch bei.
Foto von Janina Stumpp
Auch wenn der Laden nach dem amerikanischen Vorbild aufgebaut wurde, sind die Inch by Inch-Sticker auf den Platten besonders auffällig, welche nach britischem Vorbild eingeführt wurden. Inhalt sind Genre, Erscheinungsort und eine Punchline zum Release. So steht zum Beispiel liebevollerweise unter Interviews – Bitterfeld#03 „Da brand new face slappin‘ gang bang release by Bitterfeld“ geschrieben. Sweet.
Erste von links: connwax 06, zweite: Night Stalker aus dem Hause Riotvan, dritte: Nachtboutique – Dirty Nights and Boogie Lights
So wie schon der Einzug gefeiert wurde, wird es auch der erste Geburtstag. Diesmal jedoch nicht im Inch by Inch direkt, sondern im Plagwitzer Westbahnhof. Wer öfter im Laden ist, weiß, dass die DJs an diesem Abend hier alle regelmäßig anzutreffen sind. Philipp kommentiert, dass er sich darauf freut, diese Kombination an Künstlern endlich auf einer Party hören zu können. Und „mit viel Glück werden es noch tausend weitere Geburtstage, bei denen man noch tausend weitere DJs anfragen kann.“
Let the good times roll!
29.6. – 1 Year Inch by Inch
Also: Am 29. Juni wird gefeiert und davor gibt’s am 21. noch einen 50ct Sale. Get ready to boogie! Mehr dazu auf den Inch by Inch Kanälen.
Öffnungszeiten: Dienstag-Donnerstag 14-19 Uhr / Freitag 11-19 und Samstag 11-16
Egal wohin ihr am Wochenende hin verschwindet – vielleicht habt ihr Lust auf eine Runde Club-Bingo? Das Spiel für zwischendurch, von einem Club zum Nächsten, zwischen Party und Afterhour, zwischen Afterhour und Prehour.
Club-Bingo (druckerfreundlich)
Habt ihr noch mehr Ideen? Schreibt uns einfach einen Kommentar.
Sentimental Rave – kein unbekannter Name. Spätestens nach ihrem Boiler Room – Auftritt und Besuchen in Leipzig dürfte man die DJ aus Paris kennen. „Lässt sich in keine Schublade pressen“ passt nicht nur zu ihrem musikalischen Stil.
Das Balance Club / Culture Festival in Leipzig hat begonnen.
Wir durften uns als lokale*r Medienpartner*in – thanks for that! – einen internationalen Act aussuchen und ihm*ihr vorab ein paar Fragen stellen. Die Wahl fiel hierbei auf – sonst würden die Überschrift und das Intro wohl anders lauten – Sentimental Rave.
6 Fragen an Sentimental Rave
Jetzt zu den sechs Fragen an the one and only Sentimental Rave, die einen kleinen Einblick in das DJ-Leben der Pariserin erlauben – nachfolgend einmal als deutsche Übersetzung und in Englisch.
ff: Du warst vor nicht allzu langer Zeit in Leipzig und hast beim Acid Rave im Institut fuer Zukunft gespielt. Ist dir dabei etwas zu Leipzigs Clubkultur aufgefallen?
Ich habe bereits zwei Mal in Leipzig gespielt und habe beide Male sehr genossen. Ich hatte den Eindruck ein (welt)offenes, multikulturelles Publikum vor mir zu haben – die Gäste waren neugierig drauf, neue Musik zu hören. Für mich ist das wichtig, um mich frei zu fühlen, wirklich alles zu spielen, was ich möchte. Für mich ist das schon sehr unterschiedlich zu dem, was wir in Paris so haben. Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind in Frankreich weit von dem entfernt, was sonst so in Europa in puncto Clubkultur passiert – nicht wegen der Musikszene, sondern wegen der Atmosphäre im Club.
Leider ist es sehr selten, dass ich länger als eine Nacht bleibe, wenn ich als Künstler*in gebucht bin. Ich kann natürlich nicht in einer Nacht die Clubkultur einer Stadt analysieren. Aber wenn ich beispielsweise das Line-Up für das Balance-Festival sehe, habe ich das Gefühl, dass viele gute Dinge passieren. Wenn so ein Festival in einer kleine(re)n Stadt wie Leipzig stattfinden kann – dann gibt es Hoffnung.
Wie hast du das DJing für dich entdeckt?
Ich weiß selbst gar nicht, wie ich eine DJ wurde. Alles passierte step by step. Als Teenager*in spielte ich Gitarre und hörte viel Musik – das ist aber nichts Besonderes, viele Kids machen das. Ursprünglich wollte ich Fotograf*in werden, deshalb fing ich an Kunstgeschichte zu studieren. Ich wollte mehr über Kunst wissen, aber das Studium klappte nicht. Ich wollte es nicht weitermachen, ich war nicht mehr zuversichtlich was das anging. Also verließ ich die Uni und war seit dem auf der Suche nach einem Weg, wie ich mich ausdrücken könnte.
Vor ein paar Jahren organisierte ich dann mit Freund*innen eine Party namens «les amours alternatives», für die wir weibliche Artists aus allen möglichen Musikrichtungen suchten. Eine*r meiner Freund*innen fragte mich, ob ich nicht mal spielen wollen würde… und ab da ging und geht alles einfach super schnell, bis jetzt. Ich verstehe eigentlich bis heute nicht, wie das alles so kam –
aber das ist mein Weg, mich auszudrücken, deshalb genieße ich es.
Du bist Teil eines feministischen Kollektivs in Paris. Wie heißt es, was sind eure Angebote – vielleicht möchtest du ein paar Insights mit uns teilen?
Ja! Unser Kollektiv heißt «Comme nous brulons» (As we burn / Wie wir Brennen). Wir machen jedes Jahr ein Festival, dieses Jahr schon die 3. Edition. Es findet immer in der Location „la Station Gare des Mines“ statt. Die Location wird von einem meiner Lieblingskollektive (MU) geführt, die Leute dort sind super engagiert und ehrlich mit dem, was sie da tun.
Wir sind so 10-15 Menschen bei «Comme nous brulons», die sich regelmäßig engagieren – das Kollektiv wächst an, sobald das Festival näher kommt. Wir wollen einen safe space für FLTIQ*-Menschen schaffen; einen Ort des Austausches, einen Ort an dem du dich frei fühlen kannst und an dem du von anderen respektiert wirst.
Comme nous brulons
Das Festival geht über drei Tage und wir organisieren Talks, Workshops und Ausstellungen innerhalb dieser Tage. Ich bin dieses Jahr nicht so präsent wie die letzten Jahre, da ich viele Auftritte habe und damit weniger frei bin, was das Festival anbelangt – aber ich bin weiterhin involviert. Mit dem Organisationsteam lerne ich enorm viel. Dieser Lernprozess gibt mir den Mut das zu tun, was ich heute mache.
Hast du einen Lieblingstrack momentan? Vielleicht einen, den du auch beim Balance spielen wirst..?
Ich kann mich nicht auf einen einzigen Track festlegen – das ist eine echte Qual für mich. Vielleicht spiele ich Would you stop von DJ Niel & Kristof – aber ich weiß noch nicht, was ich genau spielen werde, haha.
Diesen Track mochte ich auch sehr: Evan Jones – Don’t leave me waiting too long.
Woher nimmst du die Inspiration für deine Sets? Clubbing, Streaming?
Inspiration sammele ich überall – eine Situation auf der Straße, auf Reisen, im Musikladen, wenn ich Musik online höre, in Gesprächen mit Fremden, meinen Freund*innen, Liebe, Hass, Wut, politische Scheisse…
Wir leben größtenteils in unserer Safe-Bubble, aber ich versuche so oft es geht aus ihr herauszutreten. Ich bin mir bewusst, dass mein Lifestyle sehr privilegiert ist. Also sollte ich das für etwas Sinnvolles nutzen.
…Ich wünschte, ich könnte öfter ausgehen, um Inspiration zu sammeln. Das geht aber wegen meiner eigenen Auftritte nur selten. Ich bin aber immer sehr happy darüber, wenn ich in einem Line-Up mit Künstler*innen stehe, die ich mag und deren Musik ich entdecken kann. Wenn ich dann fertig bin, kann ich zuhören und mich mit ihnen austauschen.
Sentimental Rave – ein schöner, mysteriöser und auch softer Name. Wie kamst du darauf und was bedeutet der Name?
Am Anfang wollte ich einen Künstler*innennamen, der mich und meinen Musikstil repräsentiert. Aber vor drei Jahren wusste ich noch nicht, was ich später einmal spielen werde, welche Art DJ ich einmal sein werde. Ich spiele so viele verschiedene Musikarten und Musikstile – und ich will, dass die Leute verstehen, dass ein DJ sich nicht festlegt. Wir sind keine Roboter, die immer das gleiche liefern. Der Style verändert sich. Wir sind von unseren Emotionen abhängig und wir können und werden nicht jede Nacht das gleiche spielen und die gleiche Musik immer und immer wieder hören. Das verbirgt sich hinter „Sentimental“. Und „Rave“, das steht für all das, was mich schon immer zur Club- und Raveszene hingezogen hat, von gestern bis heute.
Merci!
Sentimental Rave @ Balance Club 3
Wer jetzt Lust darauf hat, Sentimental Rave einmal live zu erleben, der hat am 1.6. im Institut fuer Zukunft die Chance. Neben ihr treten Nkisi, Oceanic, Tygapaw, Interviews – live, Solaris, Ostbam und Portable/Bodycode auf.
*Das Interview wurde auf Englisch geführt und für euch frei übersetzt.
Interview w/ Sentimental Rave – english version
Sentimental Rave
ff: You have been in Leipzig for an Acid Rave – event at Institut fuer Zukunft not too long ago. Did you notice something special about Leipzigs club culture?
Sentimental Rave:I played there two times and I really enjoyed it. I had the impression that I had an open-minded audience in front of me, multicultural, and they were curious to hear new stuff. It’s important to me to feel free to play whatever I want. For me this is different from what we have in Paris, sometimes I feel we are far from what is happening in the rest of Europe, not because of our music scene, but because of the atmosphere.
Unfortunately, every time I’m playing in Leipzig or somewhere else it’s rare that I can stay more than one night. I won’t be able to analyze the club scene in one city in one night. But when I see the lineup of Balance club festival, I feel like a lot of good things are happening. If that festival can exist in a small city, there’s still hope for us.
How did you discover music / djing? Was it your passion all along or did a special event/happening/friend/school… brought it to you?
I don’t really know how I became a DJ. Everything happened step by step. I used to play the guitar when I was a teenager, I was listening to a lot of music – but that’s not something special, all kids do that. I started studying history of art, ‚cause originally I wanted to become a photographer. I wanted to know more about art in general, but I failed… I wasn’t confident with myself to do more.
I left university and all I wanted to do was to find a way to express myself.
Some years ago, with some friends when we arrived in Paris we organized « les amours alternatives », it’s was some party about the fact that we have to find some female artists, from almost all kind of music. Then some friend asked me to play, and everything goes super-fast until today, sometimes I still don’t understand how everything bring me there, but this is still a way to express myself, that’s why I enjoyed it.
You are a part of a feminist collective in Paris. What is it called, what are the activities of the group/collective and is it also connected to club culture in France/elsewhere? Maybe you want to share some insights about the project with us.
Yes! The collective is called «Comme nous brulons», that means «As we burn». This year we’re organizing the 3rd Edition, which will take place at la Station Gare des Mines. This is a place one of my favorite collectives in Paris runs. Really engaged and honest with what they are doing.
We are 10 – 15 people and even more when the festival comes closer.
We try to build a safe place, for women, trans and queer people; a place to exchange, a place where you can feel free and you are respected by others.
We only ask female* artists to play. We also have talks, workshops, performances, exhibitions during these three days. I don’t have the time this year to put in the energy I want to – because I am less free with my gigs, but I keep to be involved. I learn a lot with this team and this also gives me the courage to do what I do today.
What is your favorite track at the moment – maybe one you’ll be playing at the Balance Festival – ?
I’m not able to choose one track, it’s always a real torture for me, one that I probably will play this weekend: Would you stop – DJ Niel & Kristof, but I dont’ know what I’m gonna play yet, haha.
And one that I really used to love: Evan Jones – Don’t leave me waiting too long.
Where do you get new ideas for your music? (By going clubbing yourself, by listening to podcasts on soundcloud, by going to the cinema..?)
I find my inspiration everywhere, in one situation in the street, when i’m traveling, digging in a records shop, listening music online, by talking with strangers, talking with my friends, love, hate, anger, politics bullshit. We all have a safe bubble but I’m trying to face the truth as much as possible, I know that my way of life is a privilege, so I have to use it in a senseful way.
I wish I could go clubbing more than this, as I’m playing the weekends and I started to take some more time for myself afterwards. But I’m always happy when I’m sharing a line up with some artists that I really like (like the Balance Club line up, for example), and listening new music when you have finish, share with others artists.
Sentimental Rave – a beautiful, mysterious, soft name. What does it mean/stand for? Is there a story, how you came up with it?
At the start I wanted to have a name which represents who I am and what I’m gonna play. Cause three years ago, I didn’t know what kind of DJ I will be. I play a lot of different kinds of music and I want people to understand that being a DJ, it’s not something that is fixed, it can change. We are not robots. That’s the sentimental way – as we can’t play the same every night, we can’t listen to the same music for the rest of our lives, we depend on our emotions.
And the rave, it’s for all the things we can find in a club, for the rave scene, from yesterday to today, that I always feel attracted by.
Wenige Wochen vor dem Riotvan-Geburtstag erschien Panthera Krauses „Genki Girl“- EP am 3. Mai auf dem Leipziger Label.
Panthera Krause schließt mit seiner neuen „Genki Girl“-EP am bunten, tropischen Sound seiner vorangegangen Platte an. Der endorphin-shakende Titel-Track „Genki Girl“ tritt im Vergleich zum Song „Stonith“ der gleichnamigen EP aus 2017 allerdings geradliniger auf. Zwar werden wie in „Stonith“ oder „Umami“ der namengleichen EP aus 2016 unterschiedliche Storys eröffnet, doch verbinden sich die freundlichen Facetten im Laufe des Songs zu einer Geschichte. Eine treibende Geschichte, die mit charismatischen Synthies und eingängigen, an Chorgesang erinnernden Vocal-Cuts überzeugt. Als spiele sich der House-Track wie eine Sommernachts-Love Story mit Happy End ab. Doch findet sie gezielt auf dem Dancefloor statt und lässt jede Hüfte unfreiwillig in einer 808 kreisen.
Der Track „Spring Irre“ erinnert hingegen an Aprilwetter aus überraschenden Gewitter und blühenden Magnolien. Er kommt mit unerwartenden Cuts und Perspektivwechel. Dabei verzichtet der Song auf Vocals und legt den Fokus auf organische Ups and Downs und Effects. „Spring Irre“ holt den Krausschen Facettenreichtum seiner vorherigen EPs auf die Platte – und auf den Dancefloor.
Kurzum, er hat es schon wieder getan. Wieder eine gelungene Ohrwurm-Platte und wieder auf Riotvan erschienen, trifft sie mit einem breiten Grinsen on point. Neben der Hit-verdächtigen „Genki Girl“-EP voller positiver Tunes gibt es auch noch 156 Monate Riotvan zu feiern – ein absoluter Freudentaumel.
Polizist und Rechtsanwalt haben genau wie Kollektive und Besucher*innen klare Positionen. Was denkt eine Stimme aus der Politik über illegale Open Airs? Wieso Linke-Stadträtin Juliane Nagel Freiluftraves für einen wichtigen subkulturellen Beitrag hält. Ein Blick nach Halle – sind legale Flächen die Lösung? Außerdem: Ein Kommentar, wie es jetzt weitergehen muss.
Foto: Valerie Zöllner
Schmuck für Leipzig
Die Sonne brennt auf die Steinplatten des Gehwegs. Leicht verschwitzt von der Fahrt nach Connewitz schließe ich mein Rad vor dem Linxxnet-Büro an. Hier bin ich mit Juliane Nagel von der Leipziger Linken verabredet, um herauszufinden, wie eine Stimme aus dem Stadtrat über illegale Open Airs denkt. Hinein in den gemütlichen Hauptraum des Linxxnet, ein offenes Projekt- und Abgeordnetenbüro der Partei Die Linke. In Top und kurzer Hose gekleidet betritt die Stadträtin den Raum und begrüßt mich gut gelaunt.
Das Linxxnet in der Brandstraße in Connewitz. Foto: Lea Schröder
„Selbstorganisierte Partys sind ein wichtiger Bestandteil der kulturellen Landschaft Leipzigs. Die Leute organisieren selbst, meist ohne kommerziellen Anspruch. Das ist für die Stadt zwar wenig steuerbar, kostet sie aber auch nicht viel Geld. Auch elektronische Musik gehört zu Kultur und zieht vor allem junge Leute an – ein Wert, mit dem sich die Stadt Leipzig eigentlich schmücken könnte“, findet sie. „Das Segment der elektronischen Partykultur trägt zum Image der Stadt bei, in Bezug auf junge, ‚wilde‘ Kultur.“ Sie sehe jedoch auch die kritische Dimension von Open Airs: Fehlende Kontrolle seitens der Behörden, Lärmbeschwerden durch Anwohner*innen und Umwelt- und Naturschutzinteressen.
Mit einem breiten Lächeln stellt Nagel ihre Lösung dieses Konflikts dar: „Man müsste Flächen identifizieren, wo weder Anwohnerinnen und Anwohner, noch Tiere und Naturschutz-Aspekte in dem Maße bedroht sind und dort Platz für kontrollierte, legale Open Airs schaffen.“
Legal feiern in Halle – das gute Beispiel?
Dieser Vorschlag deckt sich mit dem des Leipziger Jugendparlamentes. Im Frühling 2018 stellte es einen Antrag im Stadtrat. Damit sollen vier, fünf Plätze im Stadtgebiet festgelegt werden, an denen das Veranstalten von Freiluftraves legal sei. Das Ganze solle sich – um einen bürokratischen Aufwand für die Kollektive zu vermeiden – über einen autonom agierenden Verein organisieren. „Die Kollektive, die Open Airs veranstalten, würden selbst diesen Verein betreiben“, erklärt Rechtsanwalt Jürgen Kasek. „So würden sie auch viel stärker darauf achten, dass die Regeln eingehalten werden – weil sie wissen würden, dass jeder Regelverstoß auch allen anderen zur Last fällt. Das Problem: Du wirst nie eine Regelung finden, mit der alle zufrieden sind.“
Das „gute Beispiel“ für das Konzept legaler Open Air Flächen soll hier die Nachbarstadt Halle sein: In der Stadt an der Saale gibt es seit sechs Jahren acht Flächen, an denen unter bestimmten Auflagen Open Airs gestattet sind. Allerdings berichten Menschen, die in Halle leben und feiern, dass Open Airs an diesen Orte aufgrund ihrer Bekanntheit überlaufen und vor allem bei einem sehr jungen Publikum beliebt sind – was für die Kollektive noch ein zusätzliches Problem aufwirft: Jugendschutz. Denn falls es zu einem Notfall kommt, können die Kollektive als Veranstalter*innen ebenfalls dafür belangt werden.
Aufgrund dieser Probleme finden trotz legaler Flächen auch in Halle nach wie vor viele Freiluftraves unter dem Radar der Öffentlichkeit und außerhalb jener Gebiete statt. In Leipzig wurde wiederholt der Versuch gestartet, es der Nachbarstadt gleichzumachen, unter anderem auch von Juliane Nagel im Jahr 2012 – damals scheiterte das Projekt.
Stadträtin Juliane Nagel von der Partei Die Linke. Foto: Martin Neuhof (Herzkampf)
„Die Frage ist, ob die Stadtverwaltung ihre Position der letzten Jahre verändert hat. Und da bin ich ein bisschen skeptisch.“ – Juliane Nagel
„Die Stadträtinnen und -räte damals waren recht alt, es fiel vielen schwer, sich in die Situation hineinzuversetzen und den kulturellen Mehrwert zu verstehen – sie waren einfach noch nicht so weit, der Legalisierung einer bisher in einer Grauzone stattfindenden Praxis zuzustimmen“, resümiert die Politikerin.
Ob sie mittlerweile bessere Chancen sieht? „Der Stadtrat hat 2015 immerhin mehrheitlich entschieden, dass die Stadtverwaltung einen Antrag prüfen soll. Insofern hat der Antrag des Jugendparlaments Chancen. Die Frage ist, ob die Stadtverwaltung ihre Position der letzten Jahre verändert hat. Und da bin ich ein bisschen skeptisch.“
Mit Recht: Im März dieses Jahres hat eine erneute Anfrage des Jugendparlamentes den Stadtrat zu einem mehrheitlichen Beschluss bewegen können, wie die Leipziger Internetzeitung berichtete. Die Stadtverwaltung ist wieder einmal damit beauftragt worden, Orte im Stadtgebiet zu identifizieren, an denen legale Open Airs stattfinden können – orientiert am Beispiel Halle. Ob die Leipziger Stadtverwaltung, wie in den vergangenen Jahren, auch dieses Mal keine Flächen bereitstellen wird oder ob 2019 das Jahr der Entkriminalisierung der Open-Air-Kultur wird, bleibt fraglich.
Ein blinder Fleck im Kulturdezernat
Auch das Kulturdezernat ist Bestandteil der Stadtverwaltung. Die Funktion der Behörde ist unter anderem die politische Interessensvertretung Kulturschaffender. „Wir habe den Aufbruch, die Freiräume, eine unglaublich lebendige, junge Stadt, wo ganz viel passiert, aus sich heraus“, sagt die Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke 2017 in einem Gespräch mit dem Leipziger Stadtmagazin Kreuzer[. In Hinblick auf den mittlerweile abgeschafften Sperrstunden-Paragraph stellt sie fest, dass die Clubszene ein „ganz zentraler Grund“ dafür sei, dass sich Studierende und junge Menschen in der Stadt wohlfühlten. Clubs gehören für Jennicke anscheinend zur schützenswerten Subkultur. Open Airs hingegen werden offenbar im Dezernat Kultur nicht als Kulturgut anerkannt: Meine Interviewanfrage an die Kulturbürgermeisterin wird mit dem Hinweis abgelehnt, das Dezernat sei für dieses Thema nicht zuständig – ich solle mich an das Ordnungsamt wenden.
In dieser Hinsicht scheint es fast ironisch, dass Jennicke die Entwicklungen, deren negative Auswirkungen auch Open Airs betreffen, dem Kreuzergegenüber anerkennt: „Die Probleme mit den weniger werdenden Freiräumen sind schmerzhaft spürbar. Was den Charme von Leipzig lange ausgemacht hat, wovon auch das Image der Stadt profitiert, das schwindet.“
Höherer Aufwand, höhere Ausgaben: Legale Open Airs heute
In und um Leipzig gibt es drei Flächen, an denen Open Airs unter bestimmten Bedingungen auch heute möglich sind: am Lindenauer Hafen, am Nordstrand des Cospudener Sees und im Wilhelm-Külz-Park am Völkerschlachtdenkmal. In letzterem findet zum Beispiel seit 2017 am 1. Mai das angemeldete und damit legale Spektral-Open-Air statt. Die Gästezahlen dieses Open Airs gleichen eher einem kleinen Festival, als einem durchschnittlichen Off-Location-Open-Air – weit über tausend Besucher*innen pro Veranstaltung.
Gefeiert werden kann nicht ohne bürokratieaufwendige Anmeldung bei den Behörden und damit einhergehenden Auflagen: Musik darf in der Regel nur von 10 bis 22 Uhr laufen, GEMA-Gebühren müssen gezahlt und Lautstärkebeschränkungen eingehalten werden – ein kontrollierender Besuch von Ordnungsamt oder Polizei inklusive. Um der Ordnungswidrigkeit Wildpinkeln vorzubeugen, müssen Veranstalter*innen eines legalen Open Airs unter heutigen Bedingungen für ausreichend Dixie-Toiletten sorgen. Abgesehen vom enormen zusätzlichen finanziellen, bürokratischen und organisatorischen Aufwand muss bereits Monate im Voraus ein konkretes Datum feststehen – und dann auf gutes Wetter gehofft werden.
Das legale Spektral-Open Air im Wilhelm-Külz-Park am 1. Mai 2019. Foto: Kathi Groll
Diese Faktoren machen ein legales Open Air für den allergrößten Teil der Open-Air-Kollektive unmöglich. Denn sie müssten nicht nur, wie auch bei einem illegalen Open Air, mehrere hundert Euro Getränkekosten und Anlagen-, Equipment- und Transportermieten vorlegen, sondern auch GEMA-, Dixie- und Behördenkosten zahlen. Zum Beispiel verlange die Stadt 50 Cent pro Besucher*in, berichtet Zwischenwelten-Mitglied Chris Manura in einem Interview mit MDR Sputnik[. Für die in der Regel ehrenamtlich arbeitenden Kollektive bliebe nur eine Möglichkeit, diesen finanziellen Aufwand zu stemmen: Eintrittsgelder zu nehmen oder die Getränkepreise massiv erhöhen.
Die damit einhergehende Kommerzialisierung der Open-Air-Kultur würde mit dem meist kaptialismuskritischen Anspruch der Crews kollidieren und Menschen, die sich einen Clubeintritt oder Getränkepreise einer Bar nicht leisten möchten oder können, von den Veranstaltungen ausschließen. Der Grundgedanke eines Open Airs, freiheitliches Feiern für alle, würde somit ad absurdum geführt.
Sind legale Open-Air-Flächen die Lösung?
Nehmen wir einmal an, dass es in naher Zukunft auch in Leipzig Flächen für legale Open Airs geben würde. Würde das die Situation verbessern? Ja, sagt Rechtsanwalt Jürgen Kasek. „Das wäre eine deutliche Entwicklung. Allerdings würden die vermutlich nicht von allen genutzt werden.“
„Leipzig wäre nie ‚Hypezig‘, das Disneyland des Unperfekten, wenn es solche Möglichkeiten nicht gäbe.“ – Jürgen Kasek
Es stellt sich eine weitere Frage: Was ist für die Umwelt verträglich? „Wenn da oft Veranstaltungen stattfinden, wäre das eine intensive Belastung – irgendwann ist der Rasen hin. Es müsste also ausreichend viele legale Flächen geben“, so Kasek.
Das ist ein essentieller Punkt: Denn eine Auswahl an Orten schont nicht nur die Natur, sondern ermöglicht weiterhin, dass die zahlreichen Kollektive Leipzigs nicht sich nicht jedes Sommerwochenende um die drei, vier einzigen legalen Spots streiten müssen. Außerdem würde es vorbeugen, dass Crews aufgrund von überlaufenen Veranstaltungen oder „totgefeierten“ Flächen wieder Open Airs in Off-Locations veranstalten.
„Eine Stadt wie Leipzig lebt davon, dass es Freiräume gibt“, sagt Kasek. „Leipzig wäre nie ‚Hypezig‘, das Disneyland des Unperfekten, wenn es solche Möglichkeiten nicht gäbe.“
„Wenn es irgendwo einen Trampelpfad gibt, ist das ein Zeichen dafür, dass ein Weg fehlt.“ – Andreas Loepki
Auch Polizeipressesprecher Andreas Loepki sieht den Bedarf an legalen Flächen: „Wenn es irgendwo einen Trampelpfad gibt, ist das ein Zeichen dafür, dass ein Weg fehlt.“ Ein Befürworter dessen scheint er dennoch nicht zu sein: Nur weil die Stadt einen Platz bereitstelle, würden die Veranstalter*innen noch immer ihre Pflichten wahrnehmen müssen.
Er unterstellt den Kollektiven ein „bewusstes Entziehen“ vor jenen Pflichten und vermutet: „Für die feierwütigen Gäste spielt das keine Rolle, so lang die Party gut verläuft. Aber wenn mal was passiert, wie Verletzungen oder ein Brand, sind das die ersten, die schreien werden wegen versicherungsrechtlicher Ansprüche. Und dann bin ich mal gespannt, auf wen die zugehen wollen.“ Konkrete Vorschläge für eine Lösung dieses Interessenskonfliktes hat er nicht.
„Zurzeit wird alles weniger“
Elena und Max vom Nebel-Kollektiv würden sich freuen, sagen sie, wenn es in Leipzig einen Wandel gäbe und die Stadt sich kooperative zeigen würde. Halle sei ein gutes Beispiel. Auch 24 Stunden vorher könne man die Veranstaltung anmelden und die ganze Nacht feiern – nicht nur von 10 bis 22 Uhr.
Max ist sich sicher, dass der Großteil der Leipziger Kollektive solche Flächen nutzen würde. In den letzten beiden Sommern wurden Open Airs wesentlich häufiger als früher und oft sehr schnell von der Polizei aufgelöst. Mit legalen Flächen müsse sich keine*r mehr Sorgen machen. Elena fasst die Situation der Open-Air-Kultur in Leipzig zusammen: „Die Tendenz ist so: Freiräume werden Stück für Stück kleiner. Spots werden totgespielt, sodass die Polizei alles auf dem Schirm hat. Zurzeit wird alles weniger.“
Foto: M. L.
Kommentar: Wie es jetzt weitergehen muss
Freund*innen der Open-Air-Kultur, vereinigt euch!
Offensichtlich muss sich etwas ändern. Und was? Darauf gibt es, wie eigentlich immer, nicht nur eine einzige Antwort. Die Stadtverwaltung muss endlich verstehen, was der Stadtrat anscheinend mittlerweile verstanden hat: Open Airs sind eine essentieller Bestandteil der Leipziger Sub- und Jugendkultur. Und genau die macht unsere Stadt so attraktiv. Verliert Leipzig durch restriktiver werdende Politik und Exekutive sein individuelles Gesicht, wird es damit glatt, aufpoliert und langweilig wie so viele andere Großstädte Deutschlands.
Was können wir, als Liebhaber*innen von guter Musik unter freiem Himmel, tun, um diesen eingerosteten Bürokratieapparat zu beschleunigen? Wir müssen die Politik, vor allem die Stadtverwaltung, dazu bewegen, endlich ihren Job zu machen. Ordnungsamt, Grünflächenamt, Gewerbeaussicht und Versammlungsbehörde müssen gemeinsam Flächen finden, an denen Open Airs gestattet sind, um die Hürden für legale Open Airs zu senken. Denn laut Rechtsanwalt Jürgen Kasek und dem Ökolöwen-Umweltbund Leipzig gibt es durchaus Orte im Stadtgebiet, die alle notwendigen Kriterien erfüllen und aufgrund ihrer Anzahl nicht permanent überlaufen wären – wie in Halle. Das Problem liegt also nicht hier.
Außerdem: Wenn die Open-Air-Kultur vonseiten der Stadt als solche anerkannt würde, könnten Kollektive zum Beispiel Kulturförderungsgelder beantragen, um so den finanziellen Aufwand zu reduzieren. Die Abschaffung der Sperrstunde in Leipziger Clubs im Sommer 2018 hat bewiesen, dass Petitionen und Demos durchaus etwas bewirken können. Warum also nicht auf diese Art aktiv werden?
Hoffnungsträgerin VAK
Hoffnung für die Entkriminalisierung der Open-Air-Kultur gibt es auch vonseiten der Anfang des Jahres frisch gegründeten Interessensvertretung VAK. Die Initiative vereint sowohl sämtliche Open-Air-Kollektive Leipzigs, als auch Kollektive, die kleine, meist inoffizielle Cafés, Bars oder Veranstaltungsräume betreiben und durch Gentrifizierung und restriktive behördliche Maßnahmen ebenfalls in ihrer Existenz bedroht werden.
Die VAK-Mitglieder befinden sich zurzeit noch in einer frühen Findungs- und Strukturierungsphase und haben dementsprechend noch keine konkreten Ziele formuliert. Aber aufgrund geballter Motivation und Kompetenzen sind die Aussichten vielversprechend, dass die Gruppe die Interessen subkultureller Kollektive auf die Agenda der Politik setzen und langfristig eine Verbesserung der Situation erwirken kann.
Foto: Lea Schröder
Keine Einbahnstraße
Die Verantwortung liegt jedoch nicht bei der Stadt allein. Jedes Kollektiv, das Open Airs veranstaltet, muss sich seiner Verantwortung bewusst werden: Es gilt, nachhaltig zu feiern. Eine Location abseits von Naturschutz- oder Wohngebiet zu finden, ein paar Müllbeutel mehr aufhängen und die letzten Gäste zum Flaschen aufsammeln motivieren, ist durchaus möglich: Die meisten anderen Kollektive schaffen das schließlich auch.
Darüber hinaus sollte es im Interesse der Crew liegen, einen Safe Space für Gäste und Kollektivmitglieder kreieren. Das lässt sich am besten über ein Awareness-Team umsetzen, das für das Wohlbefinden aller Anwesenden sorgt. Ist ein solches Awareness-Team auf dem Gelände unterwegs, kann Menschen im Fall von übergriffigem Verhalten oder sexistischen, rassistischen, antisemitischen oder anderweitig diskriminierenden Beleidigungen geholfen werden. Darüber hinaus wird Alkohol- und Drogennotfällen vorgebeugt, denn Betroffene werden rechtzeitig entdeckt und mit Wasser, Obst oder Magnesiumtabletten versorgt. Falls es ernst ist, muss eben ein Krankenwagen gerufen werden – lieber überreagieren, als bewusst oder unbewusst Hilfe unterlassen.
Just a little bit respect
Dasselbe gilt auch für die Gäste: Open Airs sind kostenlos, Getränke günstig – gebt den Kollektiven, die wochenlang Kraft und Mühe investiert haben, etwas zurück und behandelt all diejenigen, die Seite an Seite mit euch tanzen, respektvoll – genau wie die Natur, die euch umgibt.
Denn letztlich sieht es doch so aus: Wer nach einer durchtanzten Nacht Kippenstummel, Scherben und Plastikmüll achtlos im Gras zurücklässt, gefährdet nicht nur die Umwelt, sondern wirft auch ein schlechtes Licht auf andere Kollektive und die gesamte Open-Air-Kultur. Und riskiert, dass die Stadt Open Airs niemals entkriminalisieren und als kulturellen Bestandteil Leipzigs anerkennen wird. Also feiert weiter – mit Respekt und Verantwortungsbewusstsein.
Das Balance ist überall – in der taz, bei das Filter, Facebook und der Groove – das Festival ist omnipräsent in der Szene. Wer es nicht kannte, der*die kennt es jetzt. Wir haben uns mit vier Vertreter*innen des Organisationsteams getroffen, um über so manche Lehre aus dem ersten Jahr, das diesjährige Konzept und das anstehende Festivalprogramm zu sprechen.
Bigger, better, Balance: Mehr Personal, mehr Acts, mehr Programm
Unsere Interviewpartner*innen Anna Jehle (Kunst/Installation), Sarah Ulrich (Diskursprogamm), Jonas Holfeld (Booking) und Anja Kaiser (Grafikdesign) besetzen unterschiedlichste Stellen innerhalb des Festivalteams. Trotzdem überschneiden und befruchten sich ihre Arbeitsfelder immer wieder, wie sie erzählen. Außer den vier Interviewten sind noch Franz Thiem, Kyle van Horn und Ulla Heinrich im festen Kernteam mit dabei.
Schon diese Entwicklung ist bemerkenswert – die erste Ausgabe des Balance-Festivals wurde damals von drei Kuratoren gestemmt. Das Team ist also für die zweite Runde deutlich angewachsen. Eine natürliche Entwicklung, da das Festival in seinem Programm ebenfalls enorm gewachsen ist. Es ist ausdifferenzierter, zugespitzter, aber weiterhin genreübergreifend.
NOTE NOTE –
Was ist Balance?
„Normen werden umgedeutet, Identitäten gebrochen, Diskurse verschärft. Musikalisch, performativ, politisch.“
Das Balance Club / Culture Festival versteht sich als Schnittstelle von Clubkultur und Gesellschaft. Durch die Verschränkung von Diskurs, Kunst und Club schafft es die Möglichkeit, Gegenkultur in seinen vielen Facetten zu erforschen und politische Debatten zu ermöglichen. Balance ist offensiv, interdisziplinär, feministisch, performativ und hybrid. Balance dekonstruiert und materialisiert. Balance lädt zur Ekstase gleichermaßen wie zur Reflexion, zum sich fallen lassen sowie zum neue Allianzen bilden.
Wie lassen sich Identitäten dekonstruieren und Normen aufbrechen? Wie können strukturelle Ungleichheiten destabilisiert werden? Welche musikalischen Manifestationen gibt es abseits des Mainstream? (…) – (u.a.) diesen Fragen widmet sich das Balance Club / Culture Festival.
Die aktuelle Edition fußt auf drei Säulen: performative Kunst, Diskurs und Musik.
Quelle: Balance.ifz.me
Kulturfestival
Schon damals titelten wir in unserem Artikel zur Premiere des Festivals in einem Absatz mit „Kulturfestival“ – dieses Jahr trifft dieser Begriff mehr denn je zu. Installation, Performances, Workshops, Tanz, Diskurs, Film-Screenings und Partys on point.
“Dieses Jahr gibt es noch mehr Politik und Kunst!“ – Sarah
Und um nur ein bisschen Namedropping für die musikalischen Nächte zu betreiben: Helena Hauff, Juliana Huxtable, Solaris und M.E.S.H. kommen – nothing more needs to be said, right? Und gefühlt noch 100 Top-Artists (Angel-Ho, Nkisi, Sentimental Rave,…) mehr.
Artists
Wir haben die vier des Festivalteams als erstes nach ihren Top-Events gefragt, um euch einen Einblick und zwei, drei Infos zur ein oder anderen Party oder Performance zu geben.
Sarah freut sich auf das das, was sie halb scherzhaft „Anti-Männertags-Programm“ nennt. Sie sagt: „Für mich persönlich geht es um das politische Potenzial des Festivals“. Das Programm am „Männertag“ (30.5. aka Christi Himmelfahrt) ist als feministisches Gegenprogramm und als Forum konzipiert. „Eine Sinn-Oase und ein Empowerment-Tag“ wurde dafür vom Team erarbeitet.
Das Programm am 30.5. – u. a. mit Juliana Huxtable
Eine persönliche Empfehlung von ihr sind noch zwei Tanzworkshops. Einmal von Ariclenes Garcia (House of Melody), der einen Voguing-Kursfür Einsteiger*innen geben wird und Isis (Watch mi step) Booty-Workshop. Letzterer wird über die Maßen sexy und empowernd, verspricht sie.
Perspektiven und Positionen im Container
Anna Jehle, Kuratorin des diesjährigen künstlerischen Programms der Balance, stellt die Installation im Festivalzentrum in den Mittelpunkt. Das Festivalzentrum in der Galerie KUB wird der sogenannte Container für alle darin stattfindenden Events sein. Hier entsteht eine Installation namens Convolution des Künstler*innenkollektivs SEXES.
29.5. / 19 Uhr / Eröffnung im Festivalzentrum / Musik von Dorothy Parker / Choreographie von Francisco Baños Diaz / Performer*innen: Natasa Dudar, Luke Francis, Yan Leiva, Lou Thabart
Die Performance von SEXES (and friends) am Eröffnungstag wird beispielsweise inmitten dieser Installation stattfinden, genau wie einige andere Events.
Auf ein Event abseits des Festivalzentrums freut sich Jonas am meisten: den Closingabend in der Pracht am Sonntag. Er sagt: „Dieser Abend entfernt sich musikalisch wahrscheinlich am weitesten von klassischer Club-Musik und gibt eher experimenteller elektronischer Musik einen Rahmen, die sich auf abstraktere, innovative Sounds konzentriert.“
Die Künstler*innen an diesem Abend sind Obsequies, sinosc, Shō und Corazón de Robota. Constanza Piña (aka Corazón de Robota) hält am Freitag (vor ihrem Live-Set am Sonntag) einen Vortrag zum Thema Techfeminist*innen in Lateinamerika und wie sie sich sichere(re) Räume frei von sexistischer Gewalt erschaffen.
Constanza Piña (aka Corazón de Robota) spielt am 2.6. live in der Pracht.
Auf Juliana Huxtable und Koschka Linkerhand ist Anja am meisten gespannt. Juliana Huxtable wurde als eine der ersten Headliner bekannt gegeben – sie wird nicht nur zur Eröffnung am 29.05. (also gleich Mittwoch, der nächste Tag ist frei) auflegen, sondern auch an besagtem Donnerstag eine Lecture namens „Post“ halten. Huxtable ist „the iconic artist“ of our time, kann man sagen. Sie ist Musikerin, Schriftstellerin, Performerin, DJ. Ganz sicher eine der Künstler*innen, die wir auf keinen Fall verpassen sollten. Auch die Leipzigerin Koschka Linkerhand wird am Samstag einen Vortrag zum Thema „Die Frau als politisches Subjekt“ halten. „Und die Live-Performance von Angel-Ho ist mir noch wichtig – das hat uns Kyle von der ‚Traumabar und Kino‘ ermöglicht“, ergänzt sie.
Angel-Ho wird am 1.6. live im UT Connewitz performen.
2nd Edition: Hybride
Bei der nun zweiten Edition der Balance treffen nachweislich verschiedenste Perspektiven, Expertisen und Positionen aufeinander, die trotzdem mäandrisch verbunden sind. So sollen sich Synergie-Effekte entfalten und beim Publikum ankommen. Anna erklärt das näher: „Es werden Hybride geschaffen. Manche denken vielleicht, ein Clubevent, sei nicht so bildend wie ein Panel oder eine Ausstellung. Das stimmt aber einfach nicht. Es sind jeweils andere Erfahrungen, andere Abläufe und vor allem eine andere Sprache“, was nicht gegeneinander aufgewiegelt oder in eine hierarchische Kette gebracht werden kann.
Wenn die Idee des Teams aufgeht, werden Besucher*innen eines Workshops, eines Screenings oder eines Diskurspanels anschließend ungeplant (doch_noch) zur Party abtauchen – und umgekehrt.
„Erfolg misst sich nicht nur an der Besucher*innenzahl“ – Anna
Die Zielgruppe so zu erweitern, das war beispielsweise eine der Erfahrungen, die das letzte Jahr mitbrachte. Ein paar der letztjährigen Veranstaltungen waren nicht wirklich ausverkauft. Das erste Festival war aber keinesfalls ein schlechter Start, sagen sie. „Dass zu einem neuen Festival mit noch ganz neuem Konzept nicht Tausende Leute kommen, ist klar – und das ist auch nicht schlimm“, sagt Sarah. Es war und ist mehr ein Learning-by-doing-Prozess, bei dem man unter anderem festgestellt hat, gerade für Leipzig mehr Perspektiven einbinden zu müssen und zu wollen.
29.5.-2.6.2019
Netzwerke schaffen
Die Organisator*innen, in diesem Falle besonders Ulla Heinrich, die für das Social Media und die Presse zuständig ist (Grüße an dieser Stelle!), arbeiten – und das klang schon zur ersten Balance an – daran, Netzwerke zwischen lokalen und internationalen Künstler*innen zu schaffen.
Menschen zusammenzubringen, die sich seit Jahren genau mit den Themen rund um das Potenzial von feministischer Clubkultur und -politik beschäftigen, ob in Leipzig oder Mexiko, ist eines der Ziele der Balance. Und genau das haben sie teilweise in der Vorbereitung bereits geschafft.
Schlussformel
Das Balance Club / Culture – Festival macht viel, kann viel und ist schon jetzt ein viel beachtetes Festival. Das Programm wird in den Besuchenden Fragen und Antworten hervorrufen und damit zu einer Erfahrung werden, die über den reinen Genuss von Musik oder Tanz hinausgeht. Dafür sprechen das Programm und der persönliche Einsatz der Mitwirkenden.
Das Balance-Team ist über die Zeit nahezu zusammengewachsen, was schon ziemlich besonders ist und sich gerade deshalb auch auf die gesamte Kuration des Festivals überträgt, auswirkt und dem Balance eine vielseitige, dennoch eindeutige Handschrift verleiht. Zwischen ihnen ergaben sich jetzt schon so viele neue Themenfelder, die es zu bearbeiten gilt, dass sie im Hinterkopf schon Ideen für die dritte Edition des Festivals haben.
Als Medienpartner*in des Festivals sind wir mindestens auch ein kleines bisschen co-aufgeregt und freuen uns auf Events voller Musik, People, Input, Tanzen (selbstverständlich auch jenseits der Tanz-Workshops) und Netzwerken. Und noch ganz wichtig: Um das Festival mitzuerleben, müssen wir nicht nach Berlin fahren oder ins Ausland fliegen – das Alles findet wirklich hier bei uns in Leipzig statt. Eigentlich kaum zu glauben.
Das komplette Festival-Programm lest ihr hier. Tickets, für alle Unspontanen wie mich, gibt es bei TixforGigs. Alle Events auf einen Blick bei Facebook.
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