DJ Overdose / Varum „Orphra Clipz“ (Hypress)

Die erste Hypress-EP ist draußen und sie baut eine direkte Verbindung zwischen Rotterdam und Leipzig auf. Sogar ganz konkret: Unsere Review bringt DJ Overdose und Varum zusammen.

Techno und Electro sind die entscheidenden Eckpfeiler für Hypress, erzählt Label-Gründer Templeton in unserem Mini-Interview. Die erste EP „Orphra Clipz“ lässt keinen Zweifel daran. Sowohl DJ Overdose als auch Varum bespielen mit ihren Tracks diesen musikalischen Rahmen.

Während die Electro-Tracks durchaus klassisch ausfallen und gleichermaßen die harschen und harmonischen Seiten des Genres anklingen lassen, gibt es im Techno der beiden eine maximalere, vom Industrial beeinflusste Version zu hören. Bei DJ Overdose passiert dies mit einer gewissen Leichtigkeit, bei Varum hingegen brutaler und breakiger. Das bringt über die gesamten fünf Tracks eine vielfältige Spannung rein, die mit Varums „Floatation Vérsion“ am Schluss in einen euphorischen, weltumarmenden Electro-Techno-Hybriden mündet. Mein Hit auf dieser durchweg gelungenen ersten EP.

Als ich mit René von Hypress über die Labelpläne sprach, kam uns der Gedanke, dass es interessant wäre, beide Musiker miteinander ins Gespräch zu bringen. Denn oft ist es bei Split-EPs wohl eher so, dass sich zwei Acts eine Platte teilen und nichts voneinander wissen. René hat seinen ersten beiden Label-Acts also Fragen geschickt und wir durften daraus einen virtuellen Smalltalk basteln. Hier ist er:

Varum: Hey DJ Overdose. Ich arbeite bei der Telekom als telefonischer Kundenberater. Das klingt lächerlich, ist es auch – wie ist es bei dir?

DJ Overdose: Ich arbeite in einem Kino. Mit der Musik und dem Auflegen kommt aber auch etwas herum. Warum der Name Varum?

Varum: Das hat einen ziemlich lächerlichen Hintergrund. Ich wollte einen Namen, der meinen Musikstil beschreibt. Also habe ich angefangen, das Wort „antreibend“ per Google-Übersetzer in andere Sprachen zu übersetzen. Dabei kam dann Varum heraus. Hat es bei dir eine Bedeutung? DJ Overdose: Ja, weil die Leute wegen der vielen Musik, die ich ihnen hinterherwerfe, mein Haus immer müde verlassen. Ich gebe ihnen eine Überdosis Musik. Was ist dein musikalischer Background?

Varum: Ich war von 2004 bis 2011 im Thomanerchor, habe also nur klassische Kirchenmusik gesungen und Klavier gespielt. Damals wollte ich mich durch die Musik, die ich höre, soweit wie möglich von der Musik abgrenzen, die ich singen musste. Dadurch bin ich zu sehr brachialen Genres gekommen, vor allem Death-Core und alles andere mit -Core am Ende. Gereizt haben mich damals vor allem die Brutalität und die bösen, schnellen Rhythmen. Das hat mich später auch zu Experimental und Industrial gebracht. Anfangs mehr Noise, später dann der industrielle Techno – vor allem durch Ancient Methods, dessen Sound mich bis heute noch reizt. Hast du ein Instrument gelernt?

DJ Overdose: Leider nicht. Obwohl meine Mutter klassische Musik und Klavier gespielt hat. Alles was ich gelernt habe, ist mit Plattenspielern aufzulegen. Ich bin früh, als es mit HipHop losging, mit Electro in Berührung gekommen. Mit Afrika Bambaataa und frühen Sachen aus New York, Detroit und Los Angeles fing das an. Wie war es bei dir?

Varum: Mein erster Kontakt zu Electro kam in Berlin. Damals habe ich mit Gregor alias Milium zusammengewohnt. Er hat die ersten Technasia-Platten gekauft, so kamen auch die ersten Electro-Platten ins Haus. Bei mir hat es allerdings noch eine ganze Weile gedauert bis ich selbst angefangen habe, Electro zu spielen – ungefähr 2014 war das. Wie entsteht Musik bei dir?

DJ Overdose: Ich bin das, was man einen Schlafzimmerproducer nennt – außer, dass es bei mir das Wohnzimmer ist. Denn alles was ich habe, ist Musikstuff, eine Couch und das wars. Ich habe Unmengen unfertiger Skizzen. Manchmal lösche ich einige davon, weil ich sie nach ein paar Anhören doch nicht mehr mag. Bei dir ist es anders? Varum: Mein Workflow ist meist gleich. Ich nehme mir ein altes Projekt und versuche darin weiterzuarbeiten. Meist klappt das nicht, dann suche ich mir die Sounds heraus, mit denen man etwas anfangen kann und baue darauf auf. Selten fange ich bei Null an. Ich habe meist wenigstens ein bis zwei Sounds, die die Grundlage bilden. Oft höre ich Musik, egal welchen Genres und habe dann Melodien im Kopf, die ich versuche umzusetzen. Bei mir hängt viel von meiner Stimmung und Emotion ab, wodurch sich mein Sound oft verändert. Ich habe viele Sachen, die so halb fertig sind, mit denen ich aber nicht hundertprozentig zufrieden bin. Ich lasse sie dann so lange liegen, bis mir etwas neues einfällt und versuche dann, sie zu Ende zu bringen. Ich höre noch immer viel Musik aus den 80ern und heutige Folk-Rock-Sachen – geprägt durch den Geschmack meiner Eltern. Ich brauche oft einen Kontrast zu der ganzen elektronischen Musik, so dass ich zu Hause viel Instrumentelles höre. Es gibt aber auch noch immer Experimentelles, das mich reizt, vor allem Sachen wie Esplendor Geometrico. Hast du ein komisches Genre, das du magst?

DJ Overdose: Ich wüsste nicht, welche Musik man komisch nennen könnte. In jedem Genre gibt es wahrscheinlich Tracks, die ich mag.

Varum: Irgendwelche Pläne? Ich würde gern irgendwann ein Album veröffentlichen.

DJ Overdose. Viel Geld machen und vielleicht ein großes Boot kaufen, um darauf zu leben.

CVBox „So ist es im Nadelwald“ (Uncanny Valley)

In diesem Frühjahr erscheinen gleich zwei Alben von Leipziger Producern auf Uncanny Valley. CVBox macht den Anfang.

In den letzten fünf Jahren hat sich CVBox mit einer ganzen Reihe an EPs auf Uncanny Valley, Lunatic, Ortloff und Blackred in den Herzen vieler Analog-Synth-Fans verewigt. Aus Roland TR-808, TR-707, MC-202, TB-303, Roland SH-7, Roland Juno-60, Korg Monopoly und Akai MPC entstanden mal rauere mal deepere Stücke zwischen Electro, Techno und Ambient.

Dies ist auch der musikalische Rahmen für das Debütalbum „So ist es im Nadelwald“. Allerdings fällt im direkten Vergleich mit den älteren EPs ein viel fokussierterer Sound auf. Viele scharfe Kanten sind geschliffen, auch wenn der analoge Charakter der Maschinen weiterhin zu jedem Zeitpunkt herauszuhören bleibt. Doch es ist insgesamt aufgeräumter und sauberer.

Oft führt genau dies zur Beliebigkeit und die Langeweile lauert. Bei CVBox ist es aber das beste, was passieren konnte. Viele Stücke klingen so subtil ausformuliert und auf das Wesentliche reduziert, dass „So ist es im Nadelwald“ durchaus Klassikerpotential entfaltet. Wie ein roter Faden zieht sich atmosphärisch eine nächtlich gedimmte Innerlichkeit durch das Album. Es ist ein zeitentbundenes, harmonisch-flächiges Gleiten in ausgeglichener Melancholie, teils auch mit dubbigen Elementen. Nur bei „New Oberla“ und „SH7 SHT“ gelangt das neurotische Electro-Flackern der EPs kurz zurück, doch es ist weich eingebettet.

So liebe ich den Nadelwald.

Apollo Static „Flowers Of Despair“ (Ketzerpop)

Im August 2016 gab Apollo Static mit dem Video zu „Flowers of Despair“ einen Ausblick auf das gleichnamige Debüt-Album. Nun ist es da – und es ist Pop im besten Sinne.

Pop ist oft ein schwieriges Thema. Nicht selten bedeutet Pop übertriebenes Pathos, kalkulierte Nostalgie und peinliche Gefühlsduselei. Da hilft es auch nicht, das Kürzel „Indie-“ als Entschuldigung davor zu schreiben.

Andererseits gibt es dann die Momente, in denen alles passt. Vielleicht, weil ein Song mit zeitlichen Abstand erst seine Wirkung entfaltet. Weil bestimmte Ideen beeindrucken, experimentelle Sounds vielleicht pointiert eingesetzt werden und damit auch versponnenere Musik einem größeren Publikum näher gebracht werden.

Disco eignet sich hervorragend als Beispiel dafür, wie Dancefloor-Ideen vom Mainstream aufgesogen wurden und in geglätteter Form dem Publikum verkauft wurde. Aber auch wie dadurch die Club-Kultur eine breitere Akzeptanz erreichte.Apollo Statics „Flowers of Despair“ setzt hier musikalisch an. Der Sound des Ketzerpop-Mitbegründers sehnt sich nach den Dancefloors der 80er und 70er zurück, das Songwriting behandelt eher zeitlose Themen. Das Gefühl, an sich und seiner Umwelt zu (ver-)zweifeln, dabei trotzdem die Momente der Schönheit und Zufriedenheit wahrzunehmen, steht im Zentrum.

Quasi „finding your balance with blood on your knees feet“ wie er in „Evergreen“ zu Klavier-Begleitung singt.

Glücklicherweise wird die vorherrschende Wehmut von Disco-beeinflusster Instrumentierung aufgefangen – mal funky wie in „Falcons Love“, mal balearisch wie in „Symmetry Reduction“. Gleichzeitig nimmt die Melancholie auch so einigen häufig als cheesy empfundenen Stilmitteln ihre Abgeschmacktheit. Das spürt man spätestens, wenn sich zu den 80er-Keyboards in „Sophisticated Heart“ ein Saxophon gesellt.

Und doch wirkt das nicht ironisch oder als Trash gemeint. Hier findet durchaus eine Auseinandersetzung mit der popmusikalischen Vergangenheit statt, die auch die im Nachhinein als albern empfundenen Möglichkeiten ernst nimmt. Auch das fast schon Badesee-taugliche instrumentale Outro „The Dog“ zeugt davon, dessen Konterpart „The Cat“ wiederum verschmitzt über den Dancefloor bolzt.

Apollo Static bringt das Kunststück fertig, zwar eingängige und harmonische, aber immer auch unaufdringliche Songs zu schreiben. Oder anders gesagt: Gut vorstellbar, dass die Stücke im Radio rotieren können, ohne bereits nach wenigen Tagen zu nerven.

KW 04 – Freitag

Was gibt es am KW 04-Freitag? Es gibt eine große Jahtari-Nacht und Aerger. Das ist aber nicht alles.

Partyname:Cosmic Geisha From Outer Space
Datum:27.01.2017 | 23:30 Uhr
Location:Distillery
Line-up:Kiki Hitomi, Roger Robinson, LXC, MRN

Yeah, eine würdige Jahtari-Label-Nacht mit Kiki Hitomi im Konzert. Die Wahlleipzigerin hat im letzten Jahr ein unglaublich smartes Album rausgebracht. Zusammen mit Roger Robinson (aktuell auch mit mit einem Tape auf Jahtari) sind sie Zweidrittel von Hyperdubs King Midas Sound.

Partyname:Aerger
Datum:27.01.2017 | 23:00 Uhr
Location:xxx
Line-up:Hodge, Gramrcy, DJ bwin, DJ aннеттe

Noch einer weiterer super UK-Besuch mit Hodge und Gramrcy  – mit herrlich britischen offenporigen, hybriden Sounds. Hier gibt es einen Video-Flyer.

Partyname:Laut & Luise
Datum:27.01.2017 | 23:55 Uhr
Location:Institut fuer Zukunft
Line-up:Dwig, Wide Awake, Constanijn Lange, Johannes Ton, Dübl & Nase, Maes, Caleesi

Das Köln-Berliner Label-Event-Kollektiv Laut & Luise schlägt in der Stadt auf. Da spielen neben den Residents auch Wide Awake und Dwig live. Es wird schwelgerisch und deep.

Partyname:Kashual Plastik Japanese Disco Tour
Datum:27.01.2017 | 22:00 Uhr
Location:Dr. Seltsam
Line-up:Japan Blues, Herc E. Rillen, Philipp Matalla

Das spannende Kashual Plastik-Label ist auf Tour. Mit exotischen Sounds und großem Eklektizismus. Auch Philipp Matalla scheint irgendwie involviert zu sein.

Partyname:All Night Long
Datum:27.01.2017 | 22:30 Uhr
Location:Blaue Perle
Line-up:Marbert Rocel

Marbert Rocel legen die ganze Nacht auf. Da verschwimmen die Grenzen zwischen House, Pop, HipHop und mehr.

Partyname:Voltage Musique Showcase
Datum:27.01.2017 | 23:00 Uhr
Location:Elipamanoke
Line-up:The Glitz, Marquez Ill, Beth Lydi, Mind Escape, Fujimi, Lars Goldammer, Nienein

Tech House-Showcase mit Voltage aus Berlin, naja. Gekontert vom lokal besetzten Techno-Floor – unsere Empfehlung.

Roger Robinson „Dog Heart City“ (Jahtari) und NoinoNoinoNoino „8“ (Caoutchou)

Aus dem Jahtari-Umfeld gibt es neue Musik. Zwei sehr gute Kassetten erscheinen im Januar.

Jahtari legt nach: Nach dem tollen Dub Poetry-Album „Dis Side Ah Town“ gibt es nun mit „Dog Heart City“ ein weiteres Album von Roger Robinson. Diesmal aber als limitiertes Tape. Im Grunde schließt Robinson hier direkt an das Album an und vertieft die dort aufgegriffenen Themen wie Armut, Rassismus, Gentrifizierung und Arbeitslosigkeit.

Die Riddims stammen von diversen Jahtari-Produzenten wie Bo Marley und John Frum. Das ist diesmal sogar noch eine Spur beklemmender, urbaner, auch trostloser. Auch die Lyrics gehen vom vorher Beschreibenden hin zu deutlicheren Vorschlägen wie in „Bun Bun Bun“. Angesichts des Brexit und des Zustands Großbritanniens anno 2017 auch nicht verwunderlich.

Von Kiki Hitomi gibt es diese Tage ebenfalls ein neues Tape. Dieses Mal im Rahmen des Projekts NoinoNoinoNoino, bei dem außer ihr Dead Fader, DJ Die Soon und DJ Hotel beteiligt sind. Die Aufnahmen stammen aus improvisierten Sessions im Jahr 2014.

Und die haben es in sich: Rauschende Noise-Experimente treffen auf verstörende Beats treffen auf den apokalyptischen Gesang von Kiki Hitomi. Das ist in etwa der finstere, halluzinierende Zwilling zum Debüt-Album „Karma No Kusari“.

Tracks wie „Murderer“ verweisen auch deutlich darauf. „8“ sollte keinesfalls nachts auf dem Nachhauseweg in schlecht beleuchteten Straßen oder Parkanlagen gehört werden. Zu große Paranoia-Gefahr.

Talk Talk – Wie man seinen Sound findet – Leibniz

Bei manchen Artists schält sich mit der Zeit eine bestimmte Sound-Ästhetik heraus, die irgendwie wiedererkennbar ist. Für unseren neuen Talk Talk-Podcast fragten wir Leibniz, wie es dazu kommt.

Leibniz ist gerade schwer berechenbar. Nach den ersten roughen, rasselnden House-Tracks schlägt er quasi mit jeder neuen EP eine andere Richtung ein. Und doch sind da ästhetische Fäden, die den Leibniz-Sound irgendwie zusammenhalten. Wir wollten wissen, wie das geht. Alles weitere erfahrt ihr in unserem neuen Podcast.

Trouble im Westwerk

Es rumort im Westwerk. Neue Pläne sehen mehrere große kommerzielle Nutzer und ein Parkhaus vor, die Mieten wurden stark erhöht – auch das Pferdehaus ist davon betroffen.

Zwischen „Wieder aufblühen“ und „Teuer verkauft“ liegen in manchen Stadtteilen nur wenige Jahre. Plagwitz kann ein Lied davon singen. Nach dem Rückzug des Westbesuchs von der Karl-Heine-Straße scheint nun auch das Westwerk teilweise bedroht. Und so ging gestern die Aktionsseite „Westwerk retten“ online, die zum Erhalt des Plagwitzer Westwerks als „symbolischen Ort für einen unkommerziellen, kreativen und auch subversiven Charakter“ aufruft.

Demnach soll in einer Etage ein großer Billardclub einziehen. Den aktuellen Mietern dort, darunter der Kunstraum Westpol, wurde bereits gekündigt.

Auch ein Konsum und ein Parkhaus sind geplant bzw. im Gespräch.

Darüber hinaus erhöhten sich für alle anderen Mieter die Nebenkosten in wohl drastischer Weise, teilweise um 100 Prozent, wie die Leipziger Internet Zeitung schreibt. Betroffen ist auch der KulturKollektiv Plagwitz e.V., der im Pferdehaus als „offener Raum für Kultur“ u.a. Partys und die Midway-Reihe veranstaltet. Inwieweit sich die gestiegenen Kosten kompensieren lassen, ist für den Verein derzeit noch nicht einzuschätzen, heißt es dort.

Für den 5. Februar ist ein Vortrag mit Diskussionsrunde im Westwerk geplant, am 11. Februar folgt eine Demonstration durch Plagwitz.

Update

Bei LVZ Online kommt nun auch der Westwerk-Verwalter Peter Sterzing zu Wort. U. a. sagt er: „Wir sehen das Westwerk als Stadtteilzentrum und das braucht auch Vielseitigkeit. […] Es wird auch jetzt Umstrukturierungen geben, aber wir werden den Charakter und die Vielseitigkeit des Stadtteilzentrums nicht zerstören.“ Vorbild ist für ihn die Baumwollspinnerei, wo sich neben Galerien und Ateliers zum Querfinanzieren auch ein großes Call Center Platz einreiht. Ob die kleinen Mieter jedoch mit den steigenden Mietkosten zurecht kommen, wird sich erst zeigen.

Foto: westwerk-leipzig.de

Various Artists „RM241216“ (R.A.N.D. Muzik)

R.A.N.D. Muzik presst Platten, klar. Aber eigentlich nur für andere Labels. Zum letzten Weihnachten gab es eine Ausnahme.

Es ist aber nicht die erste: Vor fast sieben Jahren gab es schon einmal eine Platte von R.A.N.D. Muzik, in Zusammenarbeit mit Mikrodisko Recordings. Und nicht zu vergessen die große Zeit von Out Of Lunch, 3B, Science City und United States Of Mars, jenem Label-Quartett, dem R.A.N.D. Muzik ein Dach bot und aus dem schließlich das Presswerk und Lowtecs Workshop-Label entstand.

Nach all der historischen Einordnung soll es aber um die Gegenwart gehen. Die „RM241216“ ist nicht nur das Highlight hinter dem 24. Türchen des R.A.N.D. Muzik-Adventskalenders 2016, es ist zugleich ein schöner Ansatz zum Aufbau einer möglichen Tangente Leipzig-Australien. Denn an der Entstehung der Mini-Compilation war maßgeblich Reece Walker alias Carmel aus Perth beteiligt.

Seit Anfang Herbst des letzten Jahres lebt er in Leipzig und fand über Jens Kuhn alias Lowtec einen guten Kontakt zu R.A.N.D. Muzik. Und weil der Adventskalender so gut ankam, sollte am Ende eine Platte entstehen – mit einer Dance- und einer Listening-Seite.

Natürlich ist es heiß, dass Kassem Mosse mit einem ebenso rasenden wie unbedarft daherkommenden Track dabei ist. Die wirklichen Kicker kommen aber von Reece Walker. Einmal solo mit seinem gedrosselten, leicht ätherischen Jungle-Track „DOC 2“ und in zwei Kollaborationen mit Alex Campell (als Senate) sowie mit Jefferson Burrow (als Fishermans Friend). An dem hektisch bollernden Breaks-Stück „Braunschweig Breaker“ von Senate bin ich sofort hängengeblieben. So simpel, so pur, so energiegeladen. Ich komme nicht daran vorbei, mein Hit dieser Platte.

Als Kontrast wird es mit Fishermans Friend dann wesentlich kontemplativer. Perkussiv und in Südseeromantik getüncht schleicht der „Deep Florist“ schier endlos entlang der Ambient-New Age-Traditional-Linien. Sehr angenehm und unaufgeregt, und vor allem: sehr unkitschig.

Diese extrem gute und vielseitige Compilation gibt es übriges ausschließlich im Possblthings-Plattenladen in Connewitz.

Deko Deko „Neustadt RMX“ (O*RS)

Deko Deko haben uns den letzten Herbst mit ihrem Debüt-Album „Neustadt“ dunkel versüßt. Nun gibt es sehr flashende Remixe.

Das ist mal eine Ansage. Nicht nur ein paar Remixe hauen O*RS und Deko Deko heraus, um „Neustadt“ nochmals in anderen Perspektiven in Erinnerung zu rufen. Nein, es sind zwölf Stück und der Großteil davon haut mich wirklich weg.

Nun sind Deko Deko sicherlich ein dankbarer Ausgangspunkt zum Remixen, liefern die Songs des Duos neben dem einnehmenden Gesang auch eine ganze Reihe an markanten Sounds. Trotzdem scheinen sich die meisten Remixer extra tief in die Deko Deko-Materie eingegraben zu haben.

Hier wurde nicht einfach nur Pop vorwiegend in House übertragen.

Stattdessen wurde einerseits sehr behutsam und filigran die Melancholie entzerrt und neu betont, wie bei Map.ache, Jennifer Touch, Panthera Krause, Lootbeg, Braunbeck und Grizzly.

Oder andererseits: die Düsterheit der Originale in ein sehr überschwängliches Gegenteil gebracht. Jacob Korn, Micronaut und Yandom entschieden sich für diesen Weg.

Und dann gibt es noch zwei Ausreißer: QY lotsen „Tommi“ überzeugend in eine statisch-flimmernde Footwork-Welt mit kurzen Trance-Attacken – mein großer Favorit. Ultralala dimmen dagegen alle Lichter und Harmonien und pitchen „Outside“ zu einem theatralisch-düsteren, undefinierbaren Pop-Performance-Hybriden. Sind das nicht sogar Deko Deko selbst?

Wie auch immer: Eines der besten Remix-Alben aus der Stadt ever.

No Accident In Paradise „Kolekcja“

Neulich haben wir ein Tape aus Halle vorgestellt, nun gibt es ein weiteres aus Jena: No Accident In Paradise haben verstreute Compilationbeiträge neu zusammengetragen.

No Accident In Paradise sind Stachy.DJ, Inannia und der in Leipzig lebende Albrecht Ziepert. Wir hatten sie vor einiger Zeit schon einmal mit ihrem ersten Album vorgestellt. Unabhängig davon entstanden zwischen 2009 und 2016 immer wieder Tracks, die unterschiedlichen Compilations erschienen, verstreut im Internet. Mit „Kolekcja“ bringt das Ambient-Trio sechs dieser Schätze noch einmal gebündelt selbst heraus – digital und als auf 33 Exemplare limitierte Tape-Edition.

Die kleine Werkschau zeigt die verschiedenen Ebenen von No Accident In Paradise auf: stille, filigran geschichtete Passagen neben hörspielartigen Sprachsamples bis hin zu tief verschütteten Techno-Rhythmen. Immer gibt es Wendungen in den Stücken, schälen sich neue Elemente und Dramaturgien heraus. Es gibt keine statischen Momente, alles ist in Bewegung und von großer Erhabenheit. Fast klingt es, als würde hier eine unberechenbare, weithin respektierte Maschine ihre Geschichten erzählen. Zumindest erinnert der Bann an das Zuhören beim Vorlesen einer gewissen Autorität.

Im Vary gibt es seit dieser Woche ein paar Exemplare der Tape-Edition. Oder direkt via Bandcamp.

Bass-Rückblick: Neues von Ulan Bator, Jahtari und Alphacut

In den letzten Monaten gab es aus Leipzig neue Musik im Bass-Bereich. Hier unser Überblick.

Während hier und da Jungle wiederentdeckt wird und in dem ein oder anderen Techno-Track durchschimmert, wird sich andernorts darüber kurz gewundert und einfach weiter kontinuierlich bassige Musik produziert. Auch in Leipzig, denn hier gab es in den letzten Monaten so einiges neues im Bereich Dub, Jungle, Drum & Bass und allen möglichen Kombinationen daraus. Ein kleiner Überblick:

FLeCK & Blue Hill „Aphreka EP“ (Ulan Bator)

Eine neue Platte auf Ulan Bator gibt es seit November letzten Jahres. Nach all den Junglelivity-Releases ein schönes Lebenszeichen der vorrangig als Party-Crew wahrgenommenen Reggae-, Dub- und Jungle-Institution aus Leipzig. Diesmal ist mit von Fleck & Blue Hill ‎aus Griechenland der Fokus stark auf Dub der klassischen Variante gerichtet.

Vier Tracks gibt es auf der 12″ zu hören, allesamt mit Instrumenten eingespielt und durch allerlei Effekte gejagt. Zum Teil schrammt das aufgrund der Instrumenten-Auswahl, der Vocals und der Ernsthaftigkeit leider nah am Weltmusik-Kitsch entlang.

Lee „Scratch“ Perry „The Upsetter Meets Jahtari In The Secret Laboratory“ (On-U Sound)

Irgendwie gab’s wohl zum Record Store Day 2016 eine superrare 7″ mit zwei Jahtari-Versionen zu von Adrian Sherwood produzierten Lee Perry-Tracks auf Sherwoods Label On-U Sound. „Scientific Dancehall“ und „Scientific Dub“ sind dann auch zwei Soundclash-Bomben voller 8bit-Jahtari-Wahnsinn.

Einmal von Rootah, einmal von Disrupt, die sich vermutlich sehr über die Möglichkeit gefreut haben dürften, eine Dub-Legende zu remixen. Neulich gab es noch einige Platten davon im Jahtari-Shop, die aber seit dem ersten Relaunch der Website seit zwölf Jahren nun wieder vergriffen zu sein scheinen.

Various Artists „Bass & Breaksfest“-EP (Alphacut Records)

„Bass & Breaksfest“ heißt die neue EP auf Alphacut. Ich frage mich ja immer, wie LXC auf die Titel kommt und ob es irgendwo ein Kreativ-Büro gibt, das sich den ganzen Tag neue Namen für Drum & Bass-Tracks, -EPs und -DJs ausdenkt. Jedenfalls gibt es hier einen dunklen Stomper von Coleco und ein Drum-Funk-Scratch-Monster von Phuture-T auf der A-Seite, beides ziemlich ruffe und trockene Tracks.

Auf der B-Seite browst dann Hidden Element einmal geschickt durch seine Sample-Library und setzt mit atmosphärischen Sounds einen Kontrast zum Breakbeat-Massaker.

Dissident hinterlässt zum Schluss den stärksten Eindruck. Obwohl die Drums genauso peitschend nach vorne gehen wie bei seinen Kollegen, setzt er sie weniger krachig ein und überrascht außerdem mit einem astreinen Übergang zu einer Art Uptempo-Broken-Techno-Beat. Damit lässt sich so einiges anstellen.

Dissident „Glowworm“-EP (Alpha Cutauri)

Mit der „Glowworm“-EP von Dissident kehrt auch das Alpha Cutauri-Imprint zurück. Schon die ersten Sekunden ziehen mich in den Bann. Verrückt, was passiert, wenn die Drum & Bass-Leute sich Zeit für die Entfaltung ihrer Tracks nehmen und gleichzeitig das produktionstechnische Level ihres Genres beibehalten.

Auch bei Dissident entstehen da fantastisch verträumte Sound-Galaxien, die in EP-Form erst recht ihre Wirkung entfalten. Irgendwann, zwischen den all den Soundscapes und den vertrackten Beats, schleicht sich bei „Bricolage“ eine simple Melodie ein, die den Hörer behutsam aus dem Kopfkino weckt. Ein Gänsehaut-Moment.

Rainforest „Jungle Is Our Dub / Dub To Jungle“ (45 Seven)

Ok, worum es hier geht, ist nicht schwer zu erraten, schon gar nicht bei 45 Seven. Aber auch anhand der Vocal-Samples gibt uns Rainforest hier Nachhilfe in Sachen Soundsystem-Kultur.

Das Fazit: Egal, ob Dub oder Jungle, Hauptsache Bass und am besten gleich die Kombination aus beiden Genres. Rainforest schafft vor allem mit „Dub To Jungle“ den Übergang sehr charmant.

Gesucht: neue Mitmacher/-innen bei frohfroh

Du magst frohfroh, gehst gerne in Leipzig feiern und interessierst dich für elektronische Musik? Dann mach mit bei uns. Wir suchen Verstärkung!

frohfroh lebt von seinem kleinen Team aus Leipziger Musikliebhabern, die ehrenamtlich Musik-Rezis schreiben, Interviews führen und wöchentlich die besten House- und Technopartys der Stadt zusammen suchen. Wir würden uns gern ein wenig vergrößern und suchen eine/n Mitmacher/-in für unsere regelmäßig Blogarbeit.

Was wir bieten:

– Kein Geld, aber eine Mission
– Zugang zu neuer elektronischer Musik aus Leipzig
– Kreative und journalistische Projekte zu Musik- und Subkulturthemen
– Wenn Du magst: eine Praktikums- / Mitarbeitsbescheinigung

Was Du bietest:

– Ein paar Stunden Zeit pro Woche
– Selbstständiges und zuverlässiges Arbeiten
– Viel Idealismus für ein Non-Profit-Projekt

Wofür wir Unterstützung suchen:

– Redaktion der Ausgehtipps. Du weißt genau, wo es am Wochenende hingeht? Wir werden dich lieben!
– Wortredaktion. Du kennst die Leipziger Musikszene und schreibst gern? Yeah!

Was du jetzt tun solltest:

Schick uns deine nicht allzu förmliche Bewerbung an: dance@frohfroh.de. Wenn Du journalistische Arbeitsproben oder einen Blog hast, pack alles mit in die Mail.

Wir freuen uns auf dich!