Neues Label – Defrostatica

Der Rückzug von Booga bei It’s Yours scheint mehr Elan als gedacht freigesetzt zu haben: nun startet er ein Label.

Vor wenigen Tagen platzte Booga via Facebook mit der Nachricht heraus, dass er ein Label namens Defrostatica gründen wird. Starten soll das „drum and bass breakbeat jungle footwork electronica thing“ im Herbst.

Auch wenn noch nichts einleitendes zu hören ist, klingt die Ankündigung super spannend, gerade als Impuls für mehr Öffentlichkeit für all die hiesige elektronische Musik abseits der geraden Bassdrums. Verfolgen lassen sich die ersten Gedanken und Schritte und Fehltritte auf dem eigens für das Label aufgesetzten Tumblr-Blog.

Defrostatica Tumblr

Sommer Sommer

Überall Sommer Leisure, Sommerpause, Sommerhose – bei frohfroh in diesem Jahr auch. Zwei Wochen sind wir offline. Ein paar Lektüretipps zum Überbrücken.

Der Computer bleibt zu Hause. Deshalb gibt es hier die nächsten zwei Wochen nichts Neues zu lesen. Außer die Tipps für das kommende Wochenende. Das frohfroh-Archiv ist aber mittlerweile groß genug, um sich in der Zwischenzeit nicht zu langweilen. Zur Sommerlektüre empfehlen wir:

Steffen Bennemann interviewt Johannes Beck zu seinem Kann Records-Album „Beyond Pleasure And Pain“.

LXC interviewt Skweee- und Analogfan und Neu-Leipziger Karl Marx Stadt.

Weitere Interviews der letzten Monate: Friederike Bernhardt über Theatermusik und die Elektronik, Delhia de France über ihr überraschendes Solo-Debüt, Philipp Weber zu seiner herausragenden Solo-EP auf Holger Records und Micronaut zu Leipzig und seinem neuen Album „Panorama“.

Zwischendurch lohnen auch ein paar Musikvideos: von Here Is Why etwa, oder Johannes Beck oder Aaaron.

Oder mitdiskutieren über den Techno-Kapitalitmus und den Boiler Room. Oder Geschichten zur Vinyl-Kultur in Leipzig beisteuern.

Oder einfach unsere Sommer-Playlist anhören. Eine gute Zeit und bis denn.

Micronaut „Polka Dot EP“ (Voltage Musique)

Micronaut legt gar nicht lange nach seinem „Panorama“-Album eine nächste EP nach. Bei alten Bekannten.

Diese EP ist mit einer Zeitreise verbunden. Ins Jahr 2004, als Micronaut seine Mecklenburger Heimat als Live-Act eroberte. Damals erschien auf dem geraden gestarteten Label Voltage Musique eine Compilation mit „Lampen“ darauf. Ein frühes Micronaut-Stück, das aus heutiger Sicht fast schon antik wirkt.

Nicht, weil es solch einen Rumpel-Elektro-Rock heute nicht mehr gäbe. Viel mehr, weil es den großen musikalischen Sprung Micronauts hin zum uniquen überquellenden Electronica-Indie-Hybriden deutlich macht. Zehn Jahre später ist auf Voltage Musique ein anderer Micronaut zu hören.

„Driving Home“ und „Maintain“ fügen sich nahtlos in den aktuellen „Panorama“-Sound ein, sowohl langsam und harmonisch schwingend als auch mit raumgreifender Euphorie. Ein stilistisches Dazwischen, immer wieder.

Wie banal dagegen die beiden Remixe von Andreas Henneberg und Faray wirken. Schön die Rave-Koketterie von Micronaut adaptieren – allerdings ohne die Koketterie. Es soll übrigens noch eine weitere „Polka Dot“-EP geben. Parallel zum ersten Teil erschien auch einen VMR-Podcast von Micronaut.

Micronaut Website
Voltage Musique Website
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Talski „Floating Woven“ (Paradise Now)

Talskis Sound verändert sich, oder erweitert sich. Seine neue EP schlägt eine dunkel-hypnotische Richtung ein.

Wobei: etwas Hypnotisches hatten auch schon die Stücke seines Debüts auf Rivulet Records. Allerdings weitaus mehr im feingliedrig mäandernden House. Diese EP hier – veröffentlicht nur als Vinyl beim Münchner Label Paradise Now – lässt sich von der loopigen Techno-Hypnose mitreißen.

Ein spärliches Set-up an Sounds, das im richtigen Arrangement aber einfach elf Minuten durchlaufen kann, ohne an Spannung zu verlieren. „Gerold Dub“ bohrt sich an der Peaktime vorbei, direkt hinein in einen alles bündelnden Kern, in dem es keine großen Break-Effekte braucht.

Auch „Meridia“ ist gefühlt ein einziger Loop. Weicher gezeichnet, einen Tick heller betont. Mit „Floating Woven“ kommt auch noch ein kontemplatives Stück Ambient auf die Platte. Ähnlich reduziert, nur mit anderem Ziel.

Eine noch weitergehende Reduktion ist der große Aufhänger dieser EP. Und Talski bleibt auch darin höchst versiert. Ist das vom Sound her ein weiterer Vorgeschmack auf Dur, jenes Label, das Talksi noch in diesem Jahr starten möchte?

Ein Stich aber: die Platte soll über Intergroove vertrieben werden. Die haben jedoch diese Woche Insolvenz angemeldet.

Talski Website

„2019 kommt das Album“ – Bernhardt.

Rauschen mit Klavier und vielem Dazwischen – Friederike Bernhardts Musik lebt maßgeblich auf der Theaterbühne. Und darüber hinaus? Ein Interview.

Es war ein Zufall, wie so oft. Bei Soundcloud, Bernhardt. heißt das Profil, darauf gleich zu Beginn eine dramatisch und eingedunkelt schwingende Ballade und fast zwei Dutzend weitere Tracks, Fragmente, Theatermitschnitte. Ein Fall für „Neues aus der Wolke“? Schnell wird klar, dass das Format nicht passt. Und dass es doch irgendwie hier an sich schon rein passt.

Mir war immer unklar, warum der ICE auf der Fahrt nach Berlin in Lutherstadt Wittenberg halten muss. Für Friederike Bernhardt, logisch. Dort kommt sie her, studierte Klavier am Conservatoire Nationale Toulouse, später Dramaturgie und Elektroakustische Komposition an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig.

Eine andere Welt. Bühnenmusik. Viel in der Hartmann-Intendanz hat sie komponiert, aber auch in Düsseldorf, Frankfurt, Berlin und aktuell in Stuttgart. Spätestens seit Niklas Kraft als Talski und mit Pandt hat sich mein staubiger Blick auf den Hochschul-Output verändert. Friederike Bernhardt trägt auch dazu bei. Daher ein ausführlicheres Einführungsinterview.

Erst Klavier, später Dramaturgie und Elektroakustische Komposition – hast du ein Ziel vor Augen, wo du künstlerisch hinmöchtest oder haben sich die verschiedenen Felder nach und nach ergeben?

Das sind eher Handwerke als Felder die ich in dieser Reihenfolge lernen durfte und mit denen ich weniger künstlerische Ziele verfolge als vielmehr Zustände, Nächte, Sehnsüchte oder Tiere abstrahiere. Das Klavier war schon immer da, das mit dem Theater kam eher aus Versehen, die Elektroakustik ist genau genommen irgendwo dazwischen. Ein sehr freundlicher Vermittler sozusagen.

Inwiefern Vermittler? Kann die Elektroakustik besser auf Theatralik eingehen?

Vielleicht, vor allem aber auf mich. Ich habe mit ihr mehr Möglichkeiten, den Raum zu übernehmen oder zu untergraben als mit einem Klavier – von dem ich noch immer ausgehe. Das kann freilich jeder Musiker, dem man eine Steckdose und ein paar Kabel auf die Bühne legt. Das Wort Vermittler meint mir nur einen kleinen privaten Dolmetscher zwischen beidem. Ich habe vom Klavier sehr viel, vom Theater überhaupt keine Ahnung. Die Elektronik übersetzt mir mal meine Gewohnheit, mal einen unaussprechlichen (deswegen Aufführungsverbot einführen, bitte) Kleist, mal lediglich das kollektive Bedürfnis nach einer gewissen Lautstärke.

Deine Arbeiten sind demnach eng verzahnt mit dem Theater. Aber nicht nur, oder?

Doch, eigentlich schon. Zum Erfinden von zusammenhängenden und sinnvollen Tönen ist dieser Raum für mich der luxuriöseste, den es gibt. Daher ist eigentlich in den letzten Jahren jede Musik irgendwo zwischen Bühnenbildern, schreienden Schauspielern, Nebelmaschinen oder unprofessionell belegten Kantinenbrötchen entstanden.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit Regisseuren, Schauspielern, Bühnenbildner etc. vorstellen: Bist du von Anfang an mit eigenen Ideen involviert oder übersetzt du die Vorstellungen der Bühnenleute?

Früher als ich noch jung war, habe ich weit vor Probebeginn komponiert oder skizziert, mir Themen und Songs überlegt. Mittlerweile komme ich lieber nackig, frei, unbefleckt, unbedarft, rein, tolerant und weltoffen in die Proben, ich bin dann leichter zu beeindrucken.

Soll heißen, ich beobachte gern so lang ich kann und fange verhältnismäßig spät an, mir Musik auszudenken – bzw. hat es dann nicht mehr viel mit Denken zu tun, was das Schöne daran ist. Und klar sind es, musikalisch gesehen, eigene Ideen, aber so empfinde ich nicht. Hin und wieder übersetzt jeder jeden.

Wer wann wen wozu inspiriert, erlebe ich als sehr fluktuierend, deswegen hat der Raum im sich-gegenseitig-Bedingen etwas Beflügelndes, in seinen dadurch entstehenden Abhängigkeiten auch etwas Toxisches. Der Rest is in between und in the middle of wasweißich, ich möchte das gar nicht rausfinden.Auf deinem Soundcloud-Profil befindet sich neben den Theaterstücken auch eine Playlist namens „pre//juice//dis“ mit sehr song- und track-ausformulierten Stücken. Stammen die auch aus einem Theaterstück oder entstehen auch unabhängig davon Stücke? Für eine Platte als Album oder EP?

„Happy Battle“ habe ich ursprünglich für Hebbels Nibelungen-Brunhild (Zonen-Moni) geschrieben, der Songtext ist original 1861, übersetzt. Leider kam es nicht zur Premiere dieses Stücks. Die Fehlgeburt wollt ich dennoch gern überwinden, daraus entstand der Hit.

Der zweite Track entstand unlängst auf einer bayrischen Probebühne. Der Souffleur sperrte mich (eventuell) aus Versehen ein und ich verbrachte die Nacht inmitten der Schaumstoffleichen eines argentinischen Puppenspielers. Ich war sehr beleidigt. Und ja, ich bastele auch unabhängig vom Theater an verschiedenen Sachen, ich bin nur so fürchterlich langsam. Man kann aber bereits jetzt gespannt auf ein Album warten, das 2019 erscheinen wird.

Das Tolle am Theater ist ja die Direktheit und dass die Aufführungen nicht konserviert werden können – dein Werk hat also immer etwas Flüchtiges, Unmittelbares und zugleich temporär Begrenztes. Bei Soundcloud werden deine Stücke aus dem Kontext gerissen und zu Fragmenten. Verlieren sie da an Spannung oder meinst du, sie können durchaus für sich stehen?

Ich glaube nicht. Hochladen wollt ich sie trotzdem, ich will ja auch nicht sterben. Zudem ist die Musik zu selten durchkomponiert – bei Apparats „Krieg & Frieden“-Album funktioniert das zum Beispiel toll – daher passt Fragment tatsächlich sehr gut.

Es ärgert mich ab und zu, dass meine Musik zu jeder Derniere verschwindet und ich es grundsätzlich versäume, sie mitschneiden zu lassen. Es ist aber auch gut so. Die Musik hat ihren Sinn nur in dem Raum, für den sie gemacht ist.

„Endspiel“ ist eine Ausnahme. Ich verbinde damit sehr viel, eine MP3-Datei ist in Anbetracht dessen ein sehr rumpeliger Platzhalter. Würde ich das losgelöst von der Arbeit hören und natürlich sofort beurteilen, würde ich mich fragen, ob ich da ernsthaft nur vier  Akkorde aneinandergereiht habe (es sind sieben). Zum Glück höre ich das aber nicht losgelöst und mag also auch den Platzhalter.

Gibt es einen bestimmten Stil oder bestimmte Elemente, die für dich immer wieder wichtig sind – egal in welchem musikalischen Kontext?

Über Stil kann man nur bei anderen reden, Elemente ja, im Sinne von Techniken. Ich kenne mich musikalisch mittlerweile zu gut – sowas ändert sich ja zum Glück hin und wieder – und bin gern schon mal im Voraus von einer Idee gelangweilt. Ich weiß, wie meine Finger auf Tasten klingen, was und wie wer wann aus welchem Effektgerät kommt oder wann mir wohl der Bläsereinsatz einfallen wird.

Aber ich habe mich in ein zwei Geräte und zwei drei Plugins verliebt, die mich darin ganz gut aushebeln bzw. die mir dabei helfen, mich selbst zu veralbern oder wenigstens von mir zu distanzieren. Über nicht-vorhersehbare-und-schwer-beeinflussbare Parameter, wie Gott das eben so macht.

Ich würde natürlich nie verraten um welche Geräte es sich handelt, denn wenn ich noch einmal öffentlich zugebe, dass ich meinen Korg Trinity sehr lieb habe, werde ich gemeuchelt. Und im Theater: Terzen. Ich mag es sehr, wenn Schauspieler singen. Das können sie am besten in Terzen.

Bist du ein gläubiger Mensch und spielst du mit einer spirituellen Ebene des Loslassens?

Oder müsste es heißen, nicht und, dann würde ich mich ertappt fühlen. So hingegen bin ich ein gläubiger Mensch.

Wo siehst du deine konkreten Berührungspunkte zur elektronischen Musik – hauptsächlich in der Avantgarde?

Ich weiß gar nicht, was momentan zur Avantgarde zählt. Beim Festival für Elektroakustische Musik am ZKM in Karlsruhe vor drei Jahren hatte ich den Eindruck, die Raffinesse der für die Kompositionen angewandten Technik bestimmt das Ausmaß an Avantgarde, um nicht zu sagen das vermeintlich künstlerische Niveau. Vor allem unabhängig von Sinnlichkeit.

Vielleicht gehört eine gewisse Verschnurpseltheit derzeit noch zu einem guten Ton oder einem allgemein gängigen Verständnis von Avantgarde, da spiele ich ja auch sehr gern mit. Vielleicht stimmt das aber auch gar nicht.

Und abseits der Avantgarde – verfolgst du, was an elektronischer Musik entsteht? Experimentelle oder cluborientierte Sachen?

Mit cluborientierten Sachen kenne ich mich nicht aus, stelle dahingehend zwar erstaunlich regelmäßig einen ausgeprägten Hang zum Obszönen fest, habe das aber auch fünf Minuten später wieder vergessen. Mittlerweile stehe ich jedoch dazu – hört man öfter von Frauen die auf die 30 zugehen.

Und die ordentliche Seite ist vielmehr ein Nacharbeiten als Verfolgen. Lachenmann doch noch einmal genauer hören, sich heimlich dafür interessieren wie Ferneyhough für Streicher schreibt oder googlen was an Ikeda experimentell sein soll. Eher aber mit einer gewissen Sensationsgeilheit als einem ernsthaft musikalischen Interesse. Letzteres habe ich zum Beispiel für Schostakowitsch. (s Streichquartette!).

Derzeit arbeitest du viel am Schauspiel Stuttgart – zu welchem Stück sollten wir runterfahren?

Zu „Onkel Wanja“ oder „Die Reise“. Näher und bald: zur Premiere von „Der Geizige“ am 25.9. am Deutschen Theater Berlin. Hin!

Bernhardt. Soundcloud
Bernhardt. Facebook

What will I do?

Vor über einem Jahr kam die „Our Fate“-EP von Here Is Why auf Keinemusik heraus. Jetzt kommt das Video dazu.

Was ist schon ein Jahr bei Here Is Why, deren Musik die letzten drei Jahrzehnte mit einbezieht – immer auf der Suche nach zeitlosen Momenten. Die rastlose Wehmut von „Our Fate“ nimmt auch das Video mit seiner Story auf.

Mit Kippe und Stoffbeutel in der ranzigen Regionalbahn, vorbei an Plattenbauten, eine lästige Zankerei, ein geklautes Rad und schlussendlich der Blick vom Rosenthalturm. „What will I do?“.

Blöd nur, dass jetzt die Sehnsucht nach neuen Songs unbändig groß ist.

Here Is Why Website
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Leibniz „Ortloff Elf“ (Ortloff)

Und noch einmal Leibniz in diesem Sommer. Und wieder: Euphorie.

Auch, weil Ortloff dieses Mal zum Zuge kommt. Drei weitere Tracks von Leibniz kommen hier also zum Vorschein. Vom Sound her genau dort, wo auch schon die Stücke der vorherigen drei EPs waren. Kratzig, schwelgerisch, unbeirrt, ungemindert mitzerrend.

Das Tolle hier ist aber, dass sie auch schon in einigen DJ-Sets von Leibniz auftauchten. Durchaus als Höhepunkte im Gesamten. Nur wusste ich damals noch nicht, dass es Leibniz-Stücke waren. Er ist ja nicht der einzige, der die analoge Rauheit mit allem was geht auslebt.

Besonders schroff „Tois“, mit manisch-stakatohafter Bassdrum und einem Gewirr aus schneidend-hellen Strings und kurzen runtergepitchten Vocal-Samples. „34“ kommt dagegen wie ein Hauch daher. Weit entfernt wahrnehmbare Beats mit einem dicht gewebten Vocal-Teppich und ein zwei Chord-Skizzen.

So reduziert war Leibniz bisher noch nicht. Irgendwie auch gut, dass er die Stücke hier so kurz belässt. In vier Minuten ist alles gesagt.

Leibniz Facebook
Ortloff Website
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10 Jahre Jahtari

Im November 2004 erschien die erste Net-7“ auf Jahtari. Zehn Jahre später zählt das Label zu den internationalen Größen des digitalen Dub und Reggae.

Es gibt verschiedene interessante Ebenen bei Jahtari. Eine davon: das Label ist eines wenigen Beispiele, das aus einem Net-Label über die digitalen Nerdgrenzen hinauswachsen konnte. Sehr weit. Disrupt und die Jahtari Riddim Force sind gern gebuchte Live-Acts, quer durch europäische Clubs.

So groß die Zuneigung zum Internet und dem Digitalen bei ihnen war und sicherlich noch ist, so verlockend dürfte auch die Möglichkeit gewesen sein, endlich auch auf physischen Tonträgern zu veröffentlichen. Allein bei der Albumhüllengestaltung war die Freude von Jahtari deutlich sichtbar. Gespart wurde nicht.

Auch beim Laptop als alleiniges Instrument blieb es nicht. Immerhin ein für das Label genreprägendes Element, gingen Disrupt & Co. für Dub- und Reggae-Verhältnisse sehr selbstbewusst mit dem Digital Laptop Reggae-Banner raus. Sicherlich blieb das nicht ohne Naserümpfen bei den Roots-Fraktionen. Mittlerweile hat schrauben die Jahtari an eigenen Geräten und bauen auf Wunsch auch Delays und Synthesizer.

Am Underground-Status in Leipzig hat sich indes nichts geändert. Und dass, obwohl das Label europaweit ein großes Szene-Renommee genießt, aus dem sich auch eine ganze Reihe guter Kontakte zu anderen Musikern ergab.Anfang Juli erschien nun der vierte Teil der „Jahtarian Dubbers“-Compilation-Reihe. Wieder ist es eine Weltreise mit Künstlern von fünf Kontinenten. Kurze Killer, zwei bis drei Minuten lang. Weiter 8Bit-Roots, weiter ungetrübte Bass- und Delay-Exkursionen, weiter mit einem sehr konzentrierten Sound.

Disrupt und Rootah halten sich mit Interludes zurück und überlassen das große Feld ihren Freunden und Bekannten. Monkey Marc, Pupajim und Earlyworm und Cha Cha gefallen mir daraus am besten. Und das Cover? Ein jointziehender Walkman von Doppeldenk. Herzlichen Glückwunsch zur 10!

Die Compilation-Stücke gibt es via You Tube-Playlist komplett im Stream.

Jahtari Website
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12 Stunden Leipzig in Paris

Wer morgen zufällig in Paris verweilen sollte, kann musikalisch nach Leipzig schauen. Das Goethe Institut lädt ein.

Dem Goethe Institut Frankreich scheint der Leipzig-H… (aua) nicht verborgen geblieben zu sein. Okay, Klein-Paris, blabla.

Für den Club Le Batofar hat es zusammen mit Moon Harbour eine 12 Stunden dauernde Party kuratiert, die einen Einblick in die elektronische Musik aus Leipzig bieten soll. Kommen werden Dan Drastic, Manamana, Juno 6, Sven Tasnadi, dem Brockdorff Klang Labor und Krahnstøver. Erst Open Air, später dann im Club – alles direkt an der Seine gelegen.

Überhaupt hat das Institut Leipzig derzeit besonders im Blick. Auf der Website gibt es nicht nur einen Artikel zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Clubkultur in Lyon und Leipzig – beide sind Partnerstädte –, sondern auch ein interessantes Interview mit einem Tontechniker-Kollektiv namens Roy de Rats, das sich in Plagwitz niedergelassen hat.

Ein paar Sätze irritieren in dem Lyon-Leipzig-Artikel: „Mittlerweile gibt es dutzende Diskotheken in Leipzig. Eintritt wird fast nie verlangt, mit billigen Getränken und Aktionen buhlt man um die Gunst der Besucher.“

Doch es gibt auch ein Highlight: „Im 10/40 beispielsweise experimentierte man in den 1990er-Jahren mit dem Schranz, einer besonderen Form der elektronischen Musik, vergleichbar mit einer Kreissäge.“ Komisch auch, dass dem Institut der Unterschied zwischen Club und Diskothek scheinbar nicht ganz geläufig ist.

Es ist nicht das erste Mal, dass Leipziger Musiker in der Ferne vorgestellt werden. Letztes Jahr war Good Guy Mikesh in Sibirien.

Le Batofar Website
Goethe Institut Frankreich Website

Girls sitting down – Johannes Beck

2014 ist ja offizielles Johannes Beck-Jahr. Da darf auch ein Video nicht fehlen. Hier ist es.

Im Mai erschien sein zweites Album „Beyond Pleasure And Pain“ auf Kann Records. Steffen Bennemann interviewte ihn aus diesem Anlass zu Provinz, Stadt, Musik. Immer noch gut zu lesen.

Zu „Girls Sitting Down“, der folk-reduzierten Song-Skizze im Duett mit Stella Eleven ist nun auch ein Video entstanden. Ein erstaunlich szenisches und narratives.

Beteiligt waren der Performer und Choreograf Diego Agulló sowie die Tänzerin Daniela Lehmann.

Kator reloaded

Kator wer? Da war doch was. Genau, vor drei Jahren gab es eine EP von ihm. Noch mit Drum’n’Bass. Heute klingen seine Stücke anders. Ein Geheimnis steckt dahinter.

In der Soundcloud-Beschreibung taucht nämlich ein „formerly known as concerta 54“ auf. Modern Trips also. Neulich erst war mit seinen Dubs bei frohfroh zu hören. Bei Soundcloud hat er vor wenigen Tagen als Kator urplötzlich eine umwerfende Free Download-EP hochgeladen.

„Trill“ heißt sie und featured die Trap-Seite von Kator. Oder Concerta 54. Egal. Vier bassdurchflutete, kurze Stücke mit dem großen faszinierenden Battle zwischen hektisch rasselnden HiHats und langsam schwebenden Synth-Flächen. Dazu ein paar entrückte Rap-Samples. So einfach, so gut.

Im Stream gibt es auch noch einen weiteren neuen Footwork-/Juke-Track. Bitte mehr.

… aber sicher!

In zwei Jahren gibt die Drug Scouts seit 20 Jahren. Wem in all der Zeit deren Informations- und Präventionsarbeit unbekannt blieb, kann das in fünf Minuten ändern.

Seit letzter Woche gibt es nämlich einen Image-Film über die Drug Scouts. Es kommen aber nicht die Initiatoren selbst zu Wort, sondern einige Party-Veranstalter aus Leipzig, die für ihre Veranstaltungen die Drug Scouts-Info-Stände einladen. Warum erklärt jeder aus seinem Blickwinkel.

Mit dabei sind Neele vom Conne Island, Mieze vom Institut fuer Zukunft, Kordula vom Kulturkollektiv Plagwitz e.V. und Steffen vom Nachtdigital. Kurzweilig und schön geschnitten.

Ergänzend einen Blick wert: der gestern veröffentlichte Drogen- und Suchtbericht 2014.

Drug Scouts Website