Tanzen bis zum Hörschaden

Technoliebhaber*innen sind prädestiniert dafür, sich lauter Musik auszusetzen. Die Abende in Clubs ‚wummsen‘ zu 99%iger Wahrscheinlichkeit lauter und bassiger als ein Abend im Kino oder eine kuschelige Nacht mit einem Hörspiel im Bett. Aber wo verläuft die Grenze von ‚laut‘ und ‚zu laut‘?

Nicht selten sieht man einen Teil des Publikums in Clubs stundenlang vor hohen Boxen tanzen. Manche Kandidat*innen schreien sich im Gegenzug in der ersten Reihe regelrecht an, um miteinander zu kommunizieren und dabei anstehende kurzfristige oder auch längerfristige Pläne abzuquatschen. Hier wird deutlich, wie laut Umgebung und Musik sind.

Aber – warum lieben wir es laut? Laute Musik kann den Körper in einen Rausch versetzen, Adrenalin freisetzen, die Musik klingt einfach intensiver und geiler. Dazu kommen im Club immer öfter die üblich-übrigen Rauschmittel, klar, aber viele mögen laute Musik auch im Auto oder über Kopfhörer.

Einige spannende Fragen, die sich daraus ergeben: Was macht laute Musik mit den Ohren und mit dem Hören? Noch viel wichtiger:

Was kann ich tun, um meine Ohren zu schützen? Kann ich dabei weiter wie gewohnt feiern gehen?

Stimmt es, dass gesunde Ohren nicht altern – sich also nur bis zur Schwerhörigkeit über die Jahre abnutzen?

Wir haben zu diesem Thema schon viel gehört (ha-ha), aber wollen euch – als verfrühtes Weihnachtspräsent – einen profunden Gastbeitrag liefern. Dazu haben wir Dr. med. Gabriele von der Weiden, Ärztin und Master of Science im Fach Gesundheitsmanagement, befragt.

Zum Einstieg vor der Lektüre eignet sich dieses kurze Video, das gut erklärt, wie das Ohr funktioniert:

Der Prozess des Hörens

Dr. med. Gabriele von der Weiden

Bei Tageslicht und in der Dunkelheit

Unser Gehör ist ein besonderer Sinn, er funktioniert ununterbrochen, auch im Schlaf. Wir hören gleichermaßen gut im Tageslicht oder in der Dunkelheit, wir hören was hinter uns geschieht, um die Ecke herum oder durch Hindernisse hindurch. In Wahrheit ist das Ohr ein Organ der Stille und dafür geschaffen, feinste Geräusche wahrzunehmen. 

Und ja, Naturvölker, die in einer leisen Umgebung leben, hören als 70-Jährige so fein wie junge Menschen.

Unsere sogenannte Altersschwerhörigkeit ist die Summe vieler Lärmbelastungen, genauer Überlastungen der feinen Sinneshärchen unseres Innenohrs.

Die Dosis macht das Gift

Ob ein kurzandauernder lauter Knall oder nicht so laute, aber andauernde Geräuschpegel, gleichermaßen zu einem Hörschaden führen, lässt sich pauschal nicht beantworten – es kommt hierbei auf die Gesamtdosis an, die sich aus Lautstärke und Dauer der Beschallung ergibt.

 
NOTE NOTE –


+ 10 dB mehr = 10fache Belastung

Lautstärke, also Schalldruck, wird in Dezibel (dB) angegeben. Erhöht sich der Schalldruckpegel um 10 dB, dann bedeutet das die zehnfache Wirkung auf unser Ohr. In der Wahrnehmung ist die Lautstärke aber nur doppelt so laut.

Hören wir Musik mit 85 dB, was einer kräftigen Zimmerlautstärke entspricht, und das 40 Stunden lang, dann belastet das unsere Ohren genauso stark wie 4-stündiges Musikhören bei 95 dB Musik.

Anzeichen eines Hörschadens

Viele fragen sich vielleicht: Was ist passiert, wenn man nach dem Hören lauter Musik „wie durch Watte“ hört oder es plötzlich im Ohr pfeift?

Das Gefühl durch Watte zu hören oder das Auftreten von Ohrgeräuschen nach mehrstündiger Musikbeschallung sind Zeichen eines Hörschadens. Es wurden Haarzellen geschädigt. Zur Erklärung: Die feinen Haarzellen des Innenohrs benötigen, wie jede andere Zelle des Körpers, Energie, also Sauerstoff und Elektrolyte (das sind wichtige Salze und andere Spurenelemente, um die Aufgaben des Organs zu erledigen).

Diese Energie wird durch feinste Blutgefäße zu den Haarzellen gebracht. Die Aufgabe der Haarzellen ist es, den ankommenden Schalldruck, also die Umwandlung einer mechanischen Vibration in ein bioelektrisches Signal, umzuwandeln und weiterzuleiten, damit es schließlich über den Hörnerv in das Hörzentrum des Gehirns gelangt und letztlich für uns – zum Beispiel als Musik – erlebbar wird.

Illustration: Squizzy P
 
NOTE NOTE –


Welche Geräusche sind wie laut? Zur Orientierung hier einige Beipiele:

20 dB – Blätterrauschen
30 dB – sehr ruhiges Zimmer / leichter Wind
40 dB – Flüstern / nachts auf einer ruhigen Wohnstraße
55 dB – Regenplätschern / Kühlschrankbrummen / leise Gespräche
65 dB – normales Gespräch
70 dB – laufender Wasserhahn
75 dB – Kantinenlärm / Waschmaschine beim Schleudern / Lautstärke im Großraumbüro
80 dB – laute Sprache / Streitgespräch
85 dB – Hauptverkehrsstraßenlärm
95 dB – LKW (Spitzenwert)
100 dB – Presslufthammer (Durchschnittswert)
130 dB – Trillerpfeife (Spitzenwert)
140 dB – Schmerzgrenze

Quelle: Hörex

80 – 90 dB

Hohen Schalldruck oder zu langanhaltende Beschallung zu verarbeiten, bedeutet einen erhöhten Energieverbrauch für diese Zellen. Reicht die zur Verfügung stehende Energie nicht mehr aus, tritt eine Minderversorgung der Haarzellen ein. Schon ab einem Schalldruck von 80 dB, stärker noch ab 90 dB, tritt solch ein Energiemangel auf.

Ab 100 dB

Ab 100 dB verengen sich Blutgefäße reflexartig und der Durchfluss zum Ziel wird zusätzlich behindert. Der Energiemangel wird somit verschärft.

Dauert die Minderversorgung zu lange an, führt dies zum Absterben der Haarzelle. Dann ist ein Hörschaden eingetreten, und zwar unwiderruflich. Nicht nur, dass man nun alles leiser hört, auch die Qualität des Hörens kann sich bei einer Schädigung verändern. Das geschieht, wenn beispielsweise Haarzellen, die für hohe Töne verantwortlich waren, besonders betroffen sind.

 
NOTE NOTE –


Rechtliches

Schon ab einem Tageslärmexpositionspegel (8 Stunden) von 85dB(A) beginnt der Schädigungsbereich. Bei Musikveranstaltungen soll daher der Veranstaltende als Schutzmaßnahme für das Publikum ab einem äquivalenten Dauerschallpegel von 85dB(A) entsprechend informieren und ab einem äquivalenten Dauerschallpegel von 95 dB(A) Gehörschutzmittel austeilen. 

Ein Spitzenschalldruckpegel von 135 dB darf an keinem (!) dem Publikum zugänglichen Ort überschritten werden.

99 dB als Dauerpegel, (beurteilt wird eine 30-minütige Messperiode) ist das Limit, das nicht überschritten werden darf.

Leider werden die rechtlichen Vorgaben bei Veranstaltungen nicht immer umgesetzt.

Quelle: VBG Hamburg; Bühnen und Studios

Kann sich ein Hörschaden zurückbilden?

Erste Hilfe: Lärmpause!

Dauert die Minderversorgung nicht zu lange an und sorgen wir dafür, dass daraufhin wieder eine gute Energieversorgung hergestellt wird, dann können sich angegriffene Haarzellen erholen. Wie können wir das Erholen der Haarzellen unterstützen? Mit Lärmpausen. Das bedeutet in den nächsten 10, besser sogar noch für die nächsten 16 Stunden, den eigenen Ohren Ruhe zu gönnen und ihnen maximal eine Lautstärke von 70 dB zuzumuten.

Schlechtes Hören: Teufelskreis

Lärmschwerhörigkeit entwickelt sich schleichend. Wie gut oder schlecht wir Hören ist uns selbst nicht bewußt, da uns der Vergleich fehlt. Hat ein Mensch hingegen eine Sehschwäche, merkt er den Unterschied mit und ohne Brille sehr wohl – jedes Mal, wenn er die Brille an- oder auszieht. Hören wir aber zu wenige Hochtöne, drehen wir am Frequenzregler der Musikanlage. Hören wir unsere*n Gesprächspartner*in zu leise, meinen wir, diese*r rede einfach zu leise. Verstehen wir Beiträge im Fernsehen nicht klar genug, drehen wir den Volume-Pegel hoch. Aber Achtung! Die überlebenden Haarzellen werden durch die erhöhte Lautstärke mehr belastet. Ein Teufelskreis.

Irreparable Hörschädigung

Sehr laute Geräuschpegel, wie ein Knall oder eine Explosion, können die Härchen der Haarzellen im Innenohr mechanisch zerstören. Dieser Hörschaden kann nicht mehr zurückgebildet werden.

Um sich vor Hörschädigungen zu schützen, sollte, zum Beispiel beim Tanzen in Clubs zu lauter Musik oder bei Konzerten, ein Gehörschutz getragen werden. Aber hier ist Vorsicht geboten: Mancher Ohrstöpsel reduziert die Lautstärke gerade mal um 5 dB. Da braucht es im Club definitiv mehr!

Für Musikliebhaber*innen, Musiker*innen und DJs gilt: Es ist technische Finesse notwendig, damit ein Ohrstöpsel die Musik zwar leiser, aber nicht dumpf werden lässt. Testberichte über verschiedene Gehörschutz-Modelle für DJs (die Erklärungen sind aber auch für Gäste im Publikum hilfreich), gibt es bei DJ Lab.

Stay safe – mit Gehörschutz

Bei Einschränkungen und Problemen aktiv werden

Wichtig für Club- und Konzertgänger*innen ist, sich zu schützen – auch wenn die Schädigung der Ohren nicht so klar vernehmbar wie bei einer Sehschädigung ist. Wer für das Thema sensibilisiert ist, wird genauer ‚auf sich hören‘ und damit Veränderungen des eigenen Hörens bewusst(er) wahrnehmen. Auf Clubbesuche muss also nicht verzichtet werden, wenn Gäste informiert, ihre Ohren durch Gehörschutz und Maßnahmen der Clubbetreibenden geschützt werden.

In jedem Falle sollten wir bei auftretenden Hörproblemen ‚hellhörig‘ werden: Redet mein Gegenüber wirklich zu leise? Oder höre ich schlechter, als ich es noch vor ein paar Wochen oder Monaten getan habe? Was könnten die Ursachen sein, welchen Geräuschen setze ich mich aus oder werde ich, zum Beispiel bei der Arbeit im Großraumbüro, ausgesetzt? Das angesprochene Ohrenpfeifen oder ein dumpfes Hören sind Zeichen eines Hörschadens – und diese Schädigungen sollten nicht leichtfertig verdrängt oder ignoriert werden.

Es gilt:

Vorbeugen ist besser als Heilen!

Ihre

Dr. med. Gabriele von der Weiden


Intro: Antoinette Blume / Danke an Benjamin von der Weiden von pro-rec für die redaktionelle Unterstützung zu Note Note – Rechtliches / Illustrationen: Squizzy P

Quellen: „Viel Dezibel aufs Trommelfell“ (Ministerium für Umwelt und Forsten, Rheinland-Pfalz)

„Ganz Ohr“ (Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. / Ministerium für Arbeit, Soziales, Familie und Gesundheit Rheinland-Pfalz / Ministerium für Umwelt und Forsten Rheinland-Pfalz)

Übrigens: Ein spannender Beitrag zu Barrierefreiheit, der auch Schwerhörige in den Blick nimmt, die auf Untertitel im Fernsehen und im Kino angewiesen sind, findet sich derzeit in der ARD Mediathek (unicato | Junger Film im MDR / Barrierefreiheit – mit Markus Kavka).

Minizine Feuertanz

Unser neues Minizine ist da! Es ist ab jetzt bestellbar.

Wir haben 200 frisch gedruckte Exemplare unseres Minizines erhalten – yay! Das erste Mal verkaufen wir unser mittlerweile 3. Printprodukt am 7. Dezember zum Tattoo Flash Day im Studio 394 (Eisenbahnstraße 109).

Zu lesen bekommt ihr alle Teile des siebenteiligen Features unserer Autorin Lea, die nicht nur bei uns, sondern auch für das Groove Magazin schreibt. Gesetzt hat das Zine unser Autor Christoph, der das ganze Vorhaben – mal wieder! – mit seiner Arbeit erst ermöglicht hat. Die Illustrationen für das Cover stammen von Sophie Boche, an die sich einige, nämlich diejenigen, die ein Printmagazin von uns gekauft haben, erinnern dürften.

Hier dürft ihr jetzt schon mal ins Vorwort reinlesen und den Link zu Bandcamp haben wir natürlich auch für euch verlinkt. Alle Teile des Features bleiben auch online (und damit für alle frei zugänglich) bestehen.

Illustrationen und Covergestaltung von Sophie Boche

Reizvoll: Illegale Open Airs

Leipzig und illegale Open Airs – schon fast beschwörerisch wurden mir diese beim Um- und Einzug in meine neue WG in Leipzig von meinen neuen Mitbewohner*innen angepriesen. Was sollte daran bitteschön so besonders sein? War es der Nervenkitzel, vielleicht ein paar hundert Euro blechen zu müssen, wenn man erwischt wird – mitgehangen, mitgefangen?

Feuertanz

Es war an der Zeit, dass sich ein*e Autor*in mit dem Thema journalistisch auseinandersetzt –

et voilà!

frohfroh-Autorin Lea Schröder hat ein Jahr lang recherchiert und lässt in ihrem siebenteiligen Feature zum Thema Open Air-Kultur in Leipzig alle Perspektiven zu Wort kommen: Von den Veranstalter*innen und den Gästen eines Open Airs über den Anwalt Jürgen Kasek und die Stadträtin Juliane Nagel (Die Linke) bis hin zu einer Stimme aus der Polizeidirektion Leipzig. Das Feature ist einerseits im Stil einer Reportage geschrieben, gleichzeitig vielseitig und umfassend recherchiert und damit ein must-read – nicht nur für Leipziger*innen.

Das Feature hat frohfroh nicht nur bereichert, es hat die Auseinandersetzung mit diesem Thema für viele sicherlich erst angestoßen. Grund genug für uns, diese Arbeit nicht nur online, sondern auch als Zine herauszubringen.

Und hier haben wir ihn nun: Einen Print, so groß wie eine Postkarte, dicht beschrieben. Mit einem fantastischen Einschlag von Sophie Boche und dem kompletten Feature von Lea Schröder. Passt in jede Bauchtasche.

Enjoy!

Zehn Jahre zehn Quadratmeter – der Proberaum im Conne Island

Er ist der Grund für Leipzigs Luxusposition und Vorreiterrolle in Sachen female-DJs: der Proberaum im Conne Island. Den 10. Geburtstag des Proberaums nehmen wir zum Anlass, auf seine Geschichte und Philosophie zu blicken.

Dass Leipzig mittlerweile zu einer wahren Talentschmiede für DJs geworden ist, das kann man nicht leugnen. Und das ist auch nicht zuletzt dem Frauen*-DJ-Proberaum im Conne Island zu verdanken. Denkt man an viele weibliche DJ-Größen aus Leipzig, dann kann man sich fast schon sicher sein, dass ihre Wurzeln im Proberaum liegen.

Zehn Jahre „Probi“

Und nun wird er zehn Jahre alt, der Proberaum – eines des vielen Jubiläen, die das Conne Island in diesem Jahr verbuchen kann. Zu diesem Anlass widmen wir uns deshalb folgenden Fragen: wie kam es zur Entstehung des Proberaums, wie hat er sich über die Jahre entwickelt, und wie ist der Status Quo heute? 

Um die ersten beiden Fragen zu beantworten, treffe ich mich mit Katja, Organisatorin der ersten Stunde. Sie war im Jahr 2009 im Conne Island für den Bereich Grafikdesign zuständig, organisierte unter anderem auch das Amplify!-Festival, das schon 2007 Genderrollen in der Gesellschaft und Clubkultur kritisch hinterfragte. Damals gab es für junge DJs im Conne Island bereits eine Übungsplattform: die Benefizdisco, wie es sie auch heute noch gibt. Jedoch gab es den Wunsch, etwas zu schaffen, was über DJ-Workshops und einzelne Veranstaltungen hinausging – Strukturen aufzulösen. So bildete sich ein Bündnis, die das Projekt Proberaum – auch „Probi“ genannt – ins Leben rufen wollten.

Katja sagt, es war von Anfang an so gedacht, dass es ein Frauen*-Proberaum werden solle. Ein Raum, bei dem man sich auf die Benefizdisco vorbereiten konnte, sodass man vor dem ersten Gig nicht zum ersten Mal vor DJ-Technik stand. Ein Raum, bei dem es sich vermeiden ließ, nach Kumpels zu suchen, die Technik Zuhause stehen hatten – sich also nicht mehr von Männern abhängig machen zu müssen.

Ein Raum, der einen Safe Space und Vernetzungschancen für Frauen in der Clubkultur bat.

Vorteile, die der Proberaum noch heute mitbringt.

Strukturen im Wandel

Mithilfe eines Projektantrags stand der Proberaum Ende 2009 schließlich – inklusive Technik, die dem Clubstandard entsprach. „Es war, als hätte es diese Struktur nur so gebraucht; plötzlich waren ganz viele Frauen da, die das mal ausprobieren wollten.“

Auch DJ-Workshops wurden aktiv beworben, es kamen immer wieder neue Personen dazu. Und das hat offensichtlich erheblich dazu beigetragen, dass Leipzigs Clubkultur heute so ist, wie sie ist: „voller selbstbewusster Frauen, die motiviert und gut vernetzt sind“. Katja meint auch, dass es mittlerweile „eine Selbstverständlichkeit erreicht [hat], die [sie sich] früher nie erträumt hätte“. 

Warum braucht es Frauen in der Clubkultur, warum braucht es einen DJ-Proberaum für Frauen*? Hierzu ziehe ich ein Zitat aus einem Text von Vice zum Thema heran: „‚Als Mädchen wirst du eher dazu erzogen, brav zu sein, leise zu sein, Ja und Amen zu sagen. Als Mädchen kommst du nicht so schnell auf die Idee, dich auf eine Bühne oder hinter ein DJ-Pult zu stellen, weil du eher als Konsumentin erzogen wirst.‘ […] Die Vorbildwirkung für Frauen [fehlt], dadurch dass man vorwiegend weiße junge Männer hinter dem DJ-Pult [sieht]“. Booker*innen, die meinen, sie würden nicht auf Geschlecht, sondern nur auf Qualität schauen, machen es sich zu leicht.

Wer Frauen in der Szene sichtbar machen möchte, muss dafür Strukturen schaffen.

Katja legt übrigens selbst als Claire auf; sie meint, es wäre ihr wichtig gewesen, einen Namen auszuwählen, bei dem man klar erkennen könne, dass er weiblich ist. Bevor es den Proberaum gab, zählte sie Plakat für Plakat, wie viele Frauen in Line-Ups standen. Anteile, die meist unter 20% lagen. Circa 2013 hörte sie schließlich im Conne Island auf und gab das Zepter endgültig weiter – unter anderem an Anne (Buzy A) und Neele. 

Neele ist heute Bookerin im Institut fuer Zukunft; mit ihr treffe ich mich, um die restliche Geschichte des Probis aufzuarbeiten. Sie bestätigt, dass es 2012/2013 herum war, als sie mit der neuen Gruppe den Proberaum übernahm. Und dann mussten sie von null anfangen: das Island baute den Saal um, also musste der Raum selbst umziehen, die Technik wurde geklaut, also musste neues Equipment her. Es brauchte neue Fördergelder, neue Projektanträge, ein neues Orga-Konzept.

Neues Konzept: „Mixed Days“

Es wurde entschieden, dass das neue Konzept Mixed-Days beinhalten solle, also auch an zwei von sieben Tagen Männern den Eintritt zu genehmigen – und so ist es auch heute noch; ein Unterschied zum vorherigen Proberaum also. „Das Thema war bei uns schon ein anderes – create your own Proberaum hieß das damals.“ Die Stellschrauben, die die neue Crew drehte, beinhalteten demnach auch welche politischer Natur:

„Wir haben uns bewusst dafür entschieden, dass der Raum vorwiegend für Frauen zugänglich sein sollte, wir aber inklusiv-feministisch […] arbeiten wollen.“

„Das heißt: man braucht halt die Männer zum Überwinden solcher Verhältnisse. Es ist kein Geheimnis, dass sowas an der Sozialisation liegt, dass viele Frauen Kumpels haben, mit denen sie gerne üben wollen. Das haben wir aufgegriffen.“ – sagt Neele. Sie hat sich heute aus der Organisation bewusst zurückgenommen, um Platz für neue Organisator*innen zu schaffen. 

Dass der Proberaum in Leipzig eine wahre Vorreiterrolle gespielt hat, bestätigt mir Neele auch. Das bezieht sich nicht nur auf den Talentschmieden-Aspekt, sondern auch auf den langen Projektlaufzeit-Aspekt. Viele Projekte mussten teilweise schon nach einem Jahr schließen, weil es keine Fördermittel oder Spenden gegeben hat. Anders der Proberaum, den vor allem auch das Ehrenamtsprinzip, das für das Conne Island typisch ist, trägt. 

Es ist aber letztlich tatsächlich dem Proberaum zu verdanken, dass Leipzig eine solche Luxus-Position in Deutschland hat, was female-DJs und alles was sich sonst daraus entwickelt hat, genießt. Das Thema ist allseits präsent, der Bedarf nach solchen Räumen wächst, durch Zuzug und allem drumherum. Und das macht sich bemerkbar: der Proberaum ist ständig ausgebucht, um einen Slot zu bekommen, muss man sich teilweise drei, vier Wochen im Voraus im Kalender eintragen.

IfZ: Neuer Proberaum geplant

Dieser erhöhte Bedarf ist in der Community spürbar. Zurück also zum Institut fuer Zukunft, wo gerade ein neuer Proberaum konzipiert wird, der ebenfalls seinen Fokus auf Frauen*förderung legen soll. Dort wird aller Wahrscheinlichkeit nach im nächsten Jahr das geboten, woran es im Conne Island mangelt – dem Clubfeeling, geschuldet vor allem der Anlage. 

Die Strukturen haben sich nach zehn Jahren offenbar zum Positiven hin gewandelt – gewisse Clubs haben aus solchen Ansprüchen heraus ja schließlich überhaupt erst geöffnet. Aber, so wie Neele es sagt: „Es ist nie genug. Es ist immer noch kein Gleichgewicht erreicht, mit dem man zufrieden sein sollte.“ Der Kampf geht also stetig weiter, Strukturen lösen sich immer noch auf oder werden aus einem Inklusivitätsgedanken heraus geschaffen. 

Jubiläumsparty am 14.12.

Das zehnte Jubiläum des Proberaum wird am 14.12. im Conne Island gebührend gefeiert: mit einem Livestream, einem Talk, einer Plattenversteigerung und – natürlich – einer Party. Gast des Talks und im Gespräch mit Judith van Waterkant wird Gudrun Gut sein, die seit Mitte der 70er Jahre eine zentrale Figur der Technoszene in Berlin ist. „Sie ist Mitbegründerin von Bands wie Mania D und den Einstürzenden Neubauten, betrieb einen Laden für Tapes und Zines, sie schrieb Musik für Hörspiele und gründete die Plattenlabels Moabit Musik und Monika Enterprise. […] Gudrun Gut organisiert auch das „Heroines of Sound“-Festival in Berlin, das Künstlerinnen aus verschiedensten Regionen nachhaltig stärken und Netzwerke schaffen soll und ist im female:pressure-Netzwerk aktiv. The list goes on…“ – so in der Facebook-Veranstaltung. Hier findet ihr außerdem mehr Infos zur Afterparty.

Viel Spaß und happy anniversary!


Dieser Text ist der Auftakt für eine neue Reihe bei frohfroh, die sich mit Frauen* in der Clubkultur beschäftigt. Mehr dazu gibt es im kommenden Jahr.

Alle Bilder wurden von den probenden Künstler*innen selbst auf einer Einwegkamera im Proberaum geschossen. Danke!

In diesem Artikel wird das * verwendet, um all diejenigen Personen einzuschließen, die nicht cis-männlich sind, sprich cis-weibliche, trans- bzw. non-binary Akteur*innen. Es ist ein Versuch, den Lesefluss des Artikels zu verbessern, um nicht an jeder Stelle erneut darauf hinzuweisen, dass all diese Personen gemeint sind.
Wird von „Männern“ gesprochen, wird auf das Sternchen verzichtet, um zu verdeutlichen, dass es dabei um cis-männliche Personen geht und trans- bzw. non-binary Personen an dieser Stelle nicht gemeint sind.

EBM-DJ und Producer Hkkptr

Regelmäßig bringt die ausladende Schriftart von Hkkptr unser WordPress-Backend an seine Grenzen – die Schrift ist so besonders wie der Style des Künstlers, der es innerhalb von drei Jahren auf einige Platten und am 19. Dezember in die Säule in Berlin geschafft hat. 

Von der E-Gitarre zur Drum Machine

Seit sechs Jahren lebt Peter, der unter dem Künstlernamen Hkkptr als DJ und Produzent bekannt ist, in Leipzig. Seinen ersten Auftritt hatte er vor ein paar Jahren auf einer WG-Party in Jena, im Dezember spielt er in der Säule – Grund genug, ihn zu seiner Musik und anstehende Projekte zu befragen. 

Seine Wurzeln hat er in der Metal- und Hardcoreszene, er hat früher E-Gitarre gespielt – bis er Hardcore-Techno und Schranz für sich entdeckte und mit einer Korg Electribe ESX herumexperimentierte. Ab da fing es an, mit Techno. Den ersten Bezugspunkt zu „richtigem Techno“, wie er sagt, gab es dann im Westwerk (RIP) und im Institut fuer Zukunft. Dort kam es zur endgültigen und bis heute anhaltenden Faszination für Clubs:

„Ich kam einfach vom Dorf, hatte solche Abende wie im IfZ noch nie erlebt oder gesehen. Es war alles neu für mich“, erinnert er sich. 

Der gemeinsame Nenner zu seinen Wurzeln war „das Düstere, das ich eh mochte“. Prägende DJs für ihn sind und waren seither Solaris und Subkutan. Und irgendwie ging dann alles ziemlich schnell: Bei Freunden in Berlin lernte er aufzulegen und schon bald hatte er einen seiner ersten Auftritte in Leipzig in der Distillery; den Auftritt verschaffte ihm sein Early-Supporter Georg Biegalke, der nicht nur Tille-Resident ist, sondern auch die bekannte 45-Minutes-of-Techno-Podcastreihe betreibt. 

Hkkptr
Foto von @carcrashchristoph

11qm in Schleußig mit genervten Nachbarn

DJing und Produzieren (früher noch mit FL Studio, heute mit Ableton) liefen immer parallel, daher sind in seinen aktiven drei Jahren auch schon einige namhafte Releases auf bekannten Labels zustande gekommen. Zum Beispiel bei dem im Libanon ansässigen Label Modular Mind, X-IMG und kürzlich Lebendig. Was schon verraten werden darf: Bei Aufnahme und Wiedergabe erscheint nun auch bald eine EP von Hkkptr auf Vinyl. Und ganz nebenbei kündigt er an, noch dieses Jahr in der Säule im Berghain gebucht zu sein. 

Solche Meilensteine kommen nicht einfach so, auch wenn einiges an Glück und Zufall dazugehört, erklärt er. Früher produzierte er

„auf 11qm, in meinem Zimmer, mit beschissenen Boxen und genervten Nachbarn, die ab 19 Uhr klingelten, wenn’s ihnen zu laut war“

und ohne Zugang zu „richtiger“ Technik. Das änderte sich über die Jahre. Viel Input bekam er durch die Ableton User Group, die mittlerweile monatlich im IfZ (früher im Westwerk) stattfindet und auch der Proberaum im Conne Island zählt zu seinen Anlaufstellen in Leipzig.

Clubkultur außerhalb des Mainstreams

Das Institut fuer Zukunft als Club per se habe ihn nicht nur musikalisch geprägt: „Das IfZ hat mich persönlich und politisch geformt, was linke Clubpolitik, Clubkultur außerhalb des Mainstreams, Awareness und Israel-solidarische Politik angeht.“

In eben diesem Club selbst einmal zu spielen, war gleichermaßen Ansporn, in der Musik und beim DJing weiterzukommen. Da passt es, dass er momentan, nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit Inhalt der Nacht und Echoes of October, gerade richtig Lust aufs Auflegen hat. Besser oder spannender als ein Live-Set findet er es aber nicht, beides habe seine Reize. 

Hkkptr
Foto von @carcrashchristoph

Der große Coup, das Booking in der Säule, ist ihm allerdings als DJ gelungen. Und – ich muss sie stellen, die Frage aller Fragen – wie wird man eigentlich im Berghain gebucht? „Man bekommt eine Mail und freut sich“, kurz und knapp. Hier spielte aber wohl auch sein Boiler-Room-Set eine Rolle, vermutet er.

Leipzig oder Berlin?

An einen Umzug in die Technostadt Berlin denkt Hkkptr nicht – im Gegenteil: „Ich will in Leipzig bleiben und nicht nach Berlin ziehen. Aktuell will ich das Ganze auch nicht beruflich machen.“ Am liebsten wären ihm 20h/Woche in einem ‚normalen‘ Job zu arbeiten und den Rest der Zeit mit Musik, Auflegen und Produzieren zu verbringen. Jedes Wochenende auflegen? Lieber nicht. Er findet, dass sich der Spaß verliere, wenn man wirtschaftlich von bezahlten Gigs abhängig sei.

Hkkptr privat

Was mich – und vielleicht auch den*die ein*e oder andere*n, noch interessiert: Woher kommt der doch recht auffallende Style? „Früher war ich Emo und bekam auf dem Dorf in Nordhausen viele dumme Kommentare und Blicke ab. Den Black-Metal-Style habe ich so schon in der 6. Klasse getragen, heute ziehe ich mich immer noch auffällig an.“ Die Tribal-Shirts und der Leder-Mantel sind also Alltagskleidung und keine Bühnenkleidung – so geht er zum Beispiel auch zur Arbeit oder zum Salsa-Kurs. 

IfZ, IfZ, IfZ… Vertigo

Ja, in diesem Text war ziemlich oft vom IfZ die Rede – und es geht sogar noch weiter. Das aktuelle Veranstaltungsprojekt, an dem Peter beteiligt ist, heißt Vertigo und dieser Name lässt so manche Ohren klingeln. Nach drei-jähriger Durststrecke ist es soweit und die sexpositive Party kehrt – endlich – zurück. 

Vertigo – 06.12.2019 / IfZ

Mit Dresscode-only-Policy, Darkroom, Performance und gewohnt düsterem Line-Up geht es am 6. Dezember im IfZ auf Trakt I wieder los. Neben Hkkptr, der mit Subkutan b2b spielen wird, spielen Qual, ArtificialParadise (live), nyt und Carlotta Jacobi. Neben Reaktionen auf das bei Instagram veröffentlichte Look-Book gibt es auch im real life viel Rücklauf, seit bekannt ist, dass der Veranstaltungsreihe wieder neues Leben eingehaucht wird.

„Das Publikum von früher – aus dem E35 und Westwerk – ist schon richtig heiß drauf“, lacht Peter. Spätestens zur Vertigo haben wir also die Gelegenheit uns von seinem darken EBM- und Industrial-Sound mitreißen zu lassen.

Kurzum: Wir werden in nächster Zeit noch viel von Hkkptr sehen und hören…

…zum Beispiel einen Mix, den er exklusiv für frohfroh gemacht hat – danke!

Fotoporträt – Schmeichel

Autorin und Fotografin Paula hat eine neue Reihe für uns begonnen: Studioporträts. Ihr erster Besuch war bei Producer Schmeichel.

Mana, Focus & NoBreakfast

Schmeichel hat gerade eine EP mit sechs Tracks auf dem Label Defrostatica veröffentlicht. Hier könnt ihr bei Bandcamp reinhören.

28.11. Release @ Pracht

28.11. – Release, Shirts und Defrostatica

Und wer jetzt die Chance nutzen möchte, den Künstler live zu erleben und noch gleich die Platte zu kaufen, schaut am 28.11. ab 21 Uhr in der Pracht vorbei – dort spielen BHED, Schmeichel und TINA.

Put On Your Dancing Shoes Teil IV – Voguing

Gleich zu Anfang eines: Madonna hat Voguing nicht erfunden! 

Mit ihrem Hit “Vogue„ aus dem Jahr 1990 wurde Voguing plötzlich einer breiten Öffentlichkeit bekannt; heute könnte man fast sagen, Voguing ist im Mainstream angekommen. Tatsächlich existiert Voguing aber schon sehr viel länger….

Strike a pose! 

Schon in den 60er Jahren gab es Wettbewerbe im Posing, angeregt von Fotostrecken und Werbekampagnen aus Modemagazinen – wie der namensgebenden Vogue. Aus der schnellen Aneinanderreihung von Posen entwickelte sich ein Tanz. Hinzu kamen Einflüsse aus anderen Stilen, wie zeitgenössischem Tanz, Ballet oder Breakdance und Elemente, die von Military, Martial Arts oder dem popkulturellen „antiken Ägypten“ beeinflusst waren. 

POSE! POSE! POSE! Hauptsache ästhetisch und ausgefallen! Voguing ist vor allem individuell!

Mit einer neuen Generation kam ein neuer Stil: Flexibilität, Verrenkungen und bizarre Akrobatik wurden in die Tanzperformance integriert; der „New Way“ war geboren. Der ursprüngliche Tanz, eigentlich “Pop, Spin and Dip„ genannt, wurde zum „Old Way“.  „Vogue Fem“ schließlich war anfangs „nur“ eine femininisierte Spielart als Ausdrucksform der Transfrauen in der Community. Heute ist er der populärste der drei Stile. Er spielt mit übertriebener Weiblichkeit und akzentuiert vorhandene oder imaginäre Attribute weiblicher Sexualität. Man nimmt sich zurück, wofür man in der Gesellschaft ausgegrenzt wird und besetzt es auf positive Weise neu; daraus schöpft sich die Energie von Voguing. 

Old Way
New Way
Vogue Fem

Ballroom is life! 

Man kann allerdings nicht von Voguing sprechen ohne ein Wort über die Ballroom-Szene zu verlieren. 

Ursprünglich kommt Voguing aus New York, genauer dem Stadtteil Harlem. Die mehrheitlich schwarze und latino Bevölkerung lebte dort in prekären Verhältnissen, was es für LGBTQI* dort doppelt so schwer machte. Wirtschaftlich und gesellschaftlich abgehängt, oft von den eigenen Familien verstoßen, war die Ballroom Community nicht nur einen Ort sich auszudrücken und frei zu entfalten, sondern ein Safe Space und eine Ersatzfamilie.

Die Mitglieder der, auch heute noch existierenden und konkurrierenden, „Houses“  lebten damals tatsächlich oft unter einem Dach. Ein House bedeutet nicht nur Unterstützung im Wettkampf, sondern Unterstützung in allen Lebenslagen und ein Ball bot die Gelegenheit für einen Abend dem eigenen Leben zu entfliehen und der ungeschminkten Realität mit Kreativität und Musik zu begegnen. Ballroom bedeutet Empowerment.

Meinen ersten Ball habe ich in Paris erlebt und was ich noch immer in Erinnerung habe ist die unglaubliche Energie, die den Raum erfüllt hat. Die Zuschauer bei einem Ball stehen nicht nur dabei und schauen zu. Sie unterstützen ihre Freunde, ihre Houses und ihre Community; die Stimmung ist, auf eine positive Art und Weise, unbeschreiblich aufgeladen. Dazu die unglaublich kreativen Outfits, die Vielzahl an Kategorien, die wahnsinnigen Performances…ich war überfordert und fasziniert und konnte für Stunden nichts anderes, als dem Spektakel mit offenem Mund zuzuschauen. Noch immer kann mich die Energie eines Balls mitreißen und überraschen, viel mehr noch, wenn man selber daran teilnimmt. 

Paris is burning

Category is …

Ballroom beinhaltet aber nicht nur Voguing: neben den Performance-Categories, in denen man seine Voguing-Skills unter Beweis stellen kann, gibt es noch andere Möglichkeiten sich zu profilieren; im Grunde genommen gibt es eine Kategorie für Jeden.

In Fashion-Categories zeigt man sein Stilbewusstsein und seine Kreativität, bei Runway seine Qualitäten als Supermodel. In den Body-Categories wiederum präsentiert man sein Gesicht, seinen Körper und seine Verführungskünste. Realness schließlich bedeutet die Juroren davon zu überzeugen in der heteronormativen Gesellschaft nicht aufzufallen, „real“ zu sein. Leider für viele eine tatsächlich relevante Fähigkeit. 

Sie alle bedienen den realen Wunsch zur Gesellschaft dazu zu gehören und Anerkennung zu finden, schaffen aber zugleich ihre eigenen Regeln, als Parodie auf die Zwänge ebendieser Gesellschaft. 

DJ, pump the beat! 

Voguing ist eng mit dem Aufkommen von House verbunden. House bietet den Rahmen für jede Art von Voguing-Performance; Posen und Performance-Elemente orientieren sich am Beat. Besonders der Drop, als Höhepunkt der Performance muss ON POINT sein. Anders als bei Disco tritt der Bass mehr in den Vordergrund und schafft eine gleichförmige Grundlage für Freestyle-Tanzperformances. Und darum geht es letzten Endes beim Voguing: nicht einstudierte Choreografien stehen im Vordergrund, sondern freie Interpretation, Reaktion auf die Musik und den Moment, sowie die Interaktion mit den Juroren, dem Publikum und natürlich dem Gegner im Battle. 

Zusätzlich zur Musik moderiert der Commentator den Ball: er kündigt die Kategorien an, organisiert die Battles und kommentiert das Geschehen, zur Unterhaltung des Publikums und zur Motivation für die Teilnehmer. 

Und auch wenn Voguing wettbewerbsmäßig getanzt wird, geht es doch, wie bei jeden Tanz eigentlich, um Gemeinschaft, die Freude am Tanz selbst und die Energie, die die Musik gibt, sodass es eigentlich kein Wunder ist, dass Voguing u.a. durch die queer dominierte New Yorker Club-Kid-Szene Eingang in die Clubkultur gefunden hat. Hier wurde es erstmals einer breiteren, auch weißen, Öffentlichkeit zugänglich, in der schließlich auch Madonna darauf aufmerksam wurde…

Paris is burning 

Sehnsuchtspunkt der Community zu dieser Zeit war Paris, als Sammelpunkt der High Society und Hauptstadt der Mode. Kurz gesagt der Inbegriff all dessen, was man zu erreichen erträumte. Lange Zeit blieb es auch genau das, ein Traum, denn Voguing war ein subkulturelles New Yorker Phänomen. In den 2000er Jahren aber schafft es den Sprung nach Paris und Voguing nahm seinen Anfang in Europa.

Für mich begann Voguing eigentlich fast zufällig während eines Auslandssemesters. Seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen. Es ist mehr, als nur ein Tanzstil, sondern eine Community – eine ganze Lebensart. 

In Leipzig gab es natürlich nichts vergleichbares, selbst die Berliner Community existierte erst seit ein paar Jahren. Dennoch hat sich eine (wachsende) Gruppe unterschiedlichster Menschen zusammen gefunden, verbunden durch die Faszination VOGUING.

In wechselnder Besetzung und in ständiger Re-Evaluation treffen wir uns seit mittlerweile 2 Jahren regelmäßig zu Trainingseinheiten, Sessions und Workshops im Heizhaus. Wir sind sicherlich keine professionelle Tanzgruppe, aber es geht auch nicht um pure Perfektion, sondern darum, sich mit Ausstrahlung und Selbstbewusstsein zu präsentieren, seine Persönlichkeit zu zeigen und vor allem Spaß zu haben. Im Ballroom ist man man selbst und gleichzeitig mehr als das.

Die Geschichte von Voguing ist mit Sicherheit noch nicht zu Ende und das Leipziger Kapitel nimmt gerade erst seinen Anfang. 

Behind the nights – Bake le Cake

Crazy colourful, crazy energetic, crazy crazy – die Bake le Cake-Boys mischen schon seit knapp über zwei Jahren in Leipzigs Szene mit. Zeit wird es also langsam, um herauszufinden, wer hinter den Acid House-Raves steckt.

Obgleich man schon eines ihrer Livesets gehört hat – die Soda Kids dürften jedem, der regelmäßig in Leipzig feiern geht, ein Begriff sein. Treibende Basslines, verspielte Samples und fette Acid House Rhythms definieren ihren Sound, von Leipzigs Partyplakaten sind sie nicht mehr wegzudenken. Und so ist es auch mit ihren Veranstaltungen aus der Bake le Cake Reihe, die in der Clublandschaft ebenfalls zu einem festen Bestandteil geworden sind.

Dass die Jungs aus Kanada kommen, dürften einige wissen, wie aber ist es dazu gekommen, dass sie sich und ihre Veranstaltungen in Leipzig in diesem Maße etablieren könnten?

Allein die Soda Kids stecken nicht hinter der Reihe, so viel sei vorab gesagt. Trotzdem ging es 2015 los, als die Jungs sich dazu entschieden, nach Deutschland zu kommen, um Musik zu machen.

„Of course, we were targetting Berlin, as any foreigners would.“

Eine Freundin aus Leipzig lockte sie dann schließlich hier her. Im Gegensatz zu ihrer Heimatstadt hat die Musik hier einen wahren Stellenwert, meinen sie: „People actually go to parties to listen to music. It’s a healthy scene – in Montréal, this is nonexistent. You’re either making pop [music, Anm. d. Red.], or you’re flipping burgers.“

von links: Niko, Georg, Christophe
Foto von Kim Camille

Das Elipamanoke gab ihnen schließlich eine Chance, zu spielen: dort lernten sie bei ihrem ersten Gig Georg kennen, der ebenfalls spielte – damals unter dem Namen Friedrich, heute als Carrera Paw. Mit ihm starteten sie die Bake le Cake Reihe, die zum ersten Mal im April 2017 im Eli stattfand: „It’s about putting out a place where people feel free and easy, where’s it’s colourful, where it’s non-serious.“

Bei der Frage nach ihrem größten bisherigen Meilenstein, einigen sich die drei auf ihre erste Geburtstagsfeier: Bake le Cake 3D, 46 Stunden Party. „It was like a festival at Eli, it was a movie. […] It’s not really a milestone, but it’s definitely one of our best memories.“ Und dass es ihnen darum geht – die Party zu einem Rave zu machen, loslassen zu können, sich frei zu fühlen – das merkt man nicht nur, wenn sie davon erzählen, das merkt man auch auf den Veranstaltungen selbst. 

„When it becomes too dark, too black and white, too one-genre driven, it becomes boring.“

Stattdessen soll es darum gehen, Genregrenzen verschwinden zu lassen, Musik und Farben zu vermischen – wobei auch Dekoration und Artworks sowie Videos eine starke Rolle spielen. So wie die Party aussieht, so sollen sich die Leute auch fühlen: bunt und verspielt.

„A safe space, where people feel well“, sagt Christophe. „An adult kindergarden!“- so Niko. 

Artworks von Anton aka @good.bad.ok

Bisher haben sie nach sieben Veranstaltungen im Elipamanoke und weiteren Kollaborationen mit dem Acid Rave im mjut, der Channel-Reihe im IfZ, Zur Klappe in Berlin und einer „Cupcake“ in der Kulturlounge mehr als nur einige Erfahrungen sammeln können. Und nun steht das erste Wochenenddatum im Institut mit dem Killekill-Label aus Berlin an; ein Plan, der schon seit einiger Zeit steht: „It’s been a label that’s been really dope for us for a long time; now it’s an honour to have them here.“

Ein weiterer Schritt in der Zukunft sieht Bake le Cake als Label und als Booking-Agentur vor (ja, Bewerbungen sind willkommen!). Es gibt immer noch zu viele talentierte Leute, meinen sie, die noch keine Plattform haben, sie aber verdienen.

Und die wollen sie ihnen bieten – wirft man einen Blick auf die vergangenen Bake le Cake-Bookings, merkt man, dass ihnen das bisher auch ganz gut gelungen ist. Klar ist dabei immer ein lokaler Fokus gegeben und klar wird ein ausgeglichener Geschlechteranteil berücksichtigt, jedoch sind diese Faktoren für sie selbstverständlich und logisch – Stichwort safe space. 

Nun gilt es also, den 29. November abzuwarten, bis der nächste Kuchen aus dem Ofen des IfZ gefahren wird – ach ja, der Name Bake le Cake hat übrigens keine spezifische Bedeutung, für alle, die es wissen wollen. Bis dahin heißt es: „Rave on.“ 


Das Interview wurde auf Englisch geführt.
Fotos von Kim Camille.

S.48-53: Zeichnerin Lisa Merten: „Ich muss damit nicht berühmt werden“

Lisa Merten zeichnet. Seit sie einen Stift halten kann. Kunstschule, Jobben, Clubben – und immer wieder das Einfangen von Momenten im Nachtleben, das macht sie aus.

Zeichnungen aus dem Nachtleben

Lisas Frau ist DJ, zusammen verbringen sie zwangsläufig und liebend gern viel Zeit im Nachtleben. Seit 1,5 Jahren leben sie in Leipzig und tauchen regelmäßig in die Nacht ein. Nicht ohne danach selbst aktiv zu werden – sei es als Producerin oder eben als Zeichnerin. 

Szene aus dem Nachtleben

Die beiden kommen zu mir ins Tapetenwerk zum Interview, Lisa zeigt mir ihre Kunstwerke. Ihre Zeichnungen zeigen Einblicke in Räume, in denen das Fotografieren verboten ist. Wie eine Gerichtszeichnerin hält sie die Stimmung, den Vibe und teilweise konkrete Situationen fest. „Im Club ist es meist zu dunkel, um gleich dort vor Ort zu zeichnen. Ich greife meine Ideen dann Zuhause auf, hole die Erinnerungen des Abends wieder hervor und lege los“, sagt sie.

Instamärchen

Einfach losgelegt hat sie auch, als sie Ellen Allien zeichnete und damit einen unverhofften Coup landete. Ihre Frau postete die Zeichnung des Idols der beiden bei Instagram. Besagte Frau Allien reagierte darauf. Und na ja, damit nicht genug – sie verpflichtete Lisa für alle Vinyl-Cover ihres neuen Labels UFO Inc. Klingt nach einem Instamärchen – ist es auch! Nur wahr. 

Ellen Allien

Für frohfroh zeichnete Lisa ihre Lieblingsorte des Nachtlebens in Leipzig. Die düstere Treppe im Institut fuer Zukunft, den Bratwurststand im Hof der Distillery („mit einer der besten Orte dort!“, lacht sie), eine Ecke des So&So (RIP). Die Bilder sind verändert – es sind keine abgezeichneten Fotos, das ginge ja auch gar nicht. Sie übertragen eine Stimmung und sind unfertig, wie sie erklärt: „Ich sitze zwischen 30 Minuten und sechs Stunden an einer Zeichnung. Immer ohne Unterbrechung. Das Bild ist dann fertig, wenn ich ein gutes Gefühl habe – genau deshalb sind sie oft unvollständig oder sehen unfertig aus.“

Zeichnungen für frohfroh

Institut fuer Zukunft – Trakt I

„Das Bild ist dann fertig, wenn ich ein gutes Gefühl habe.“

Distillery
So & So

Für die beiden, ob nun in der Musik oder beim Zeichnen, ist wichtig, dass Menschen von ihrer jeweiligen Kunst berührt werden. Dann hat Kunst eine Bedeutung. „Ich muss damit nicht berühmt werden. Gar nicht. Ich werde definitiv immer zeichnen, denn ich mache es in erster Linie für mich“, sagt Lisa.

Ein Blick hinter die Kulissen

Ihr Projekt ist also keinesfalls abgeschlossen, die beiden planen gerade ein Buchprojekt. Mit noch mehr Illustrationen, Kohle- und Fineliner-Zeichnungen, Geschichten aus dem Musikbusiness – ein Blick hinter die Kulissen des Nachtlebens als eigene Interpretation.

Vielleicht wird auch der ein oder andere Club, ein Open-Air oder ein Pop-Up-Club aus Leipzig Einzug in ihr Buch finden. Ein Porträt von Ellen Allien wird auch dort ganz sicher zu finden sein. Oder das nächste von Lisa gezeichnete Vinyl-Cover.

TransCentury Update IV

Das TransCentury Update-Festival findet vom 15.-17.11. in Connewitz statt. Mit dabei sind u.a. Derya Yildirim & Grup Simsek, Kokoko!, Sarah Farina, Fenster und das Wisp Kollektiv.

Das Festival („a festival“ heißt es im Untertitel) hält Musiker*innen und progressive Multimedia-Künstler*innen bereit und erforscht die Grenzen verschiedener Genre und bricht dabei mit konservativen Vorstellungen. Verschiedene Orte in Connewitz werden dazu zur Festivalbühne, zwei Clubs laden zum Feiern ein und in der Kinobar Prager Frühling habt ihr Gelegenheit, euch den Film ‚Keyboard Fantasies‘ anzuschauen (Eintritt frei!).

Die Website des Festivals ist sehr zu empfehlen – optisch wie inhaltlich. Das Festival kann auch tageweise besucht werden, wer alle drei Tage mitnehmen möchte, wählt am Besten den Festivalpass.

Hier lest ihr das Line-Up:

Freitag, 15.11.2019

Location: UT Connewitz
P.A. Hülsenbeck
Derya Yildirim & Grup Şimşek
Idris Ackamoor & The Pyramids

Location: Conne Island
Esclé
KOKOKO!
ANTR
Sarah Farina

Samstag, 16.11.2019

Location: UT Connewitz
D o l p h i n s
Fenster
Cate Le Bon
International Music

Location: Ilses Erika
Shari Vari
Opti | Siegfried Service | Albina (DJ Set)

Sonntag, 17.11.2019

Location: Schnellbüffet Süd
The Düsseldorf Düsterboys

Location: UT Connewitz
Beverly Glenn-Copeland
Jessica Pratt

Seanaps Festival 2019

Ein spontaner Hinweis auf das bis Sonntag laufende Seanaps Festival.

Auch dieses Jahr findet das Seanaps Festival wieder statt – und zwar vom 7.11. bis 10.11. Das musikalische Programm ist dabei wieder sehr offen: Grob gesagt stehen hier experimentellere Ansätze der elektronischen und akustischen Klangerzeugung im Mittelpunkt der Konzerte. Aber auch der Partyaspekt kommt nicht zur kurz, wenngleich die DJs laut den Beschreibungen auf weniger klassischen Club-Pfaden wandeln.

Ergänzend dazu finden diverse Workshops statt, wobei vor allem das täglich stattfindende Radiolab heraussticht, das sich mit experimentellen Herangehensweisen des Radiomachens beschäftigt.

Dieses Jahr sind die Veranstaltungsorte ausschließlich im Leipziger Westen angesiedelt: Workshops, Konzerte und DJ-Sets finden im Nochbesserleben, im Westflügel, in der Villa Plagwitz und in der Boxhalle des Westwerks statt.

Sämtliche Infos zum Programm findet ihr hier auf der Seanaps Website und auf Facebook. Im real life könnt ihr ebenso im Nochbesserleben vorbeischauen, wo ein Infostand inklusive Ticket-Verkauf und Merchandise-Abteilung aufgebaut ist.

Unentschlossen? Vielleicht hilft der folgende Teaser:

Premiere, Premiere: Shoplifter Of The Year von Foool (Kann41)

Mal wieder etwas Neues bei uns: eine Videopremiere. Und zwar von ‚Shoplifter Of The Year‘ von Foool, der dem bekannten Leipziger Kann-Label entspringt.

Foool

Der Berliner Künstler macht Musik, die perfekt in den Sommer passen würde. Der Release ist im November-Nebel sowas wie der rosa-orange-farbene Sonnenaufgang nach einer ziemlich durchtanzten Nacht, aber im guten Sinne, sozusagen.

Seine neue EP ist inspiriert vom Erwachsenwerden, Gruppenzwang und der romantischen Liebe von Teenagern im Spätkapitalismus, wie er schreibt. Mit 5 Tracks, die Synthiemelodien, elektronische Beats und Gitarrenriffs verbinden, ist ‚Shoplifter 2000‘ schon der 41. Release bei Kann Records.

Kann x Klub Sonntag

Ok, gut, Foool hier, Kann da, wo bleibt jetzt Leipzig? Leipzig kommt dann nochmal am Sonntag ins Spiel mit einer ganz fabelhaften Rückkehr, dem Klub Sonntag im Conne Island. Ja, richtig gelesen: Nach fast eineinhalb Jahren Pause kehrt die Institution für alle Raver, die Samstag auch gern mal früher ins Bett gehen, endlich wieder ins Island zurück. Außer Foool, der natürlich, wie es sich für einen Producer gehört, live spielt, kommen noch Manamana zum Zuge und Janthe von der Chelsea Hotel Crew macht den Sack zu, fertig ist die Laube. Wir freuen uns jetzt schon darauf.

Jetzt aber zum Video. Enjoy!

Video: Shoplifter Of The Year

FOOOL – Shoplifter Of The Year

Das Bildmaterial des Videos entstand übrigens im Rahmen von Studien der Architektin Pia Brückner in São Paulo. Sie untersuchte Wohntypologien und deren architektonische Parameter – von informellem Wohnungsbau bis zu sogenannten Gated Communities – auf soziale Auswirkungen und Aspekte gesellschaftlicher Teilhabe. 

Foto von Tina Willim.

Talk Talk – Wann sind wir zu alt für Techno?

Ab wann sind wir eigentlich zu alt zum Raven? – Das fragen sich Kathi und Jens in unserer neuen Folge Talk Talk mit dem Leipziger DJ und Producer Filburt.

Westbam wohnt lieber auf Mallorca als in Berlin und gibt ehrlich zu, dass ihn das Altern nervt. Tom Novy zeigt in seiner Kolumne beim Faze Mag immer wieder, dass er die „neue“ Welt mit Social Media und female DJ nicht mehr versteht und Vincent Neumann sagte uns im frohfroh Magazin im Interview kürzlich, dass wir „irgendwann alle vierzig sind, will man dann noch nachts um zwei oder um drei aufstehen, um irgendwo zu spielen?“

Kathi, Jens und Steffen
Foto: Kathi Groll

Wann sind wir zu alt zum Raven? Geht das auch mit Würde?

Darüber haben Kathi, Jens und Filburt bei einer Mate (zum Wachbleiben!) diskutiert und eine neue Folge Talk Talk für euch aufgenommen.

Hier geht’s (altersgerecht) zum Bingo.