FEUERTANZ – Teil V: Zu früh gefreut – Auftritt Polizei


Crew und Gäste kratzen die verbliebenen Reserven zusammen, steuern noch ein letztes Mal auf den Dancefloor, öffnen ihr erstes Konter-Bier… Wie ein Open Air schneller vorbei sein kann, als gedacht, ob der Notfallplan beim Besuch der Polizei aufgeht und welches Fazit die Crew aus dem ganzen Spektakel zieht, lest ihr hier.

Das letzte bisschen Energie

Irgendwann am Vormittag. Südlich von Leipzig.

Ich habe mittlerweile jegliches Zeitgefühl verloren. Der Akku meines Handys ist seit einigen Stunden leer. Die Sonne steht recht hoch am wolkenlosen Himmel und brennt uns in den Nacken – es muss also schon fast Mittag sein. Mittlerweile stehen nur noch ungefähr zwanzig Leute auf dem großen Floor zwischen den Hügeln. Neben den Leuten von Nebel, Helfer*innen und Gästen sind noch ein paar Leute von einer anderen Leipziger Crew aufgetaucht. Sie haben ihr Open Air am Nachmittag gestartet, haben am frühen Morgen aufgehört und sind noch immer motiviert zum Nebel-Open Air dazu gestoßen.

Foto von Lea Schröder

Auf der Tanzfläche ist trotz der fortgeschrittenen Stunde von Erschöpfung nichts zu spüren: Die Leute in den ersten Reihen wiegen sich noch immer Schulter an Schulter zu den flirrenden Synthies und brachialen Basslines. Andere sitzen am Rand der Tanzfläche, im Schatten der Bäume und genießen den Anblick der ekstatisch Tanzenden.

Die Anlage ist voll aufgedreht. Der DJ, der gerade hinter den Turntables steht, trägt einen für das Wetter viel zu dicken Wollpulli und verbirgt seine müden Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille. Ohne eine Regung in seinem Gesicht erkennen zu lassen, wippt er sachte im Takt. Mit seinem mitreißenden Sound gelingt es ihm, das letzte bisschen Energie aus den von den Strapazen der letzten Stunden geschwächten Körpern herauszukitzeln.

Foto von Anonym

Das Erwachen

Abrupt verstummt die Musik. Verdutzte Gesichter auf der Tanzfläche, auch der DJ blickt verwirrt auf. Was ist passiert? Schnell klärt sich die Lage: Das seit Stunden kontinuierliche Brummen des Generators ist verstummt. Das Benzin ist aufgebraucht. Die auf der Tanzfläche Verbliebenen sind sichtlich enttäuscht. Eben noch in der Musik versunken und jetzt zurück in der Realität – wie aus einem Traum gerissen.

Ein paar Leute von Nebelbeginnen, mit riesigen Müllsäcken ausgestattet, Flaschen, Zigarettenstummel und anderen Müll einzusammeln. Elena drückt mir auch einen in die Hand. „Ich bin froh, dass wir Mülleimer und Aschenbecher aufgestellt hatten. Das spart uns jetzt einiges an Arbeit. Aber den ganzen übrigen Müll heben wir bis auf den letzten Kronkorken auf. Soll ja am Ende alles schön besenrein sein.“ Sie grinst verschmitzt und setzt ihren Weg über die Wiese fort.

Diesen Tatendrang verspüren offensichtlich nicht alle. Stattdessen hat sich bei vielen Afterhour-Stimmung breitgemacht: In kleinen Grüppchen sitzen und liegen sie auf der Wiese, rauchen die letzte Zigarette, trinken einen großen Schluck Wasser oder ein Konter-Bier, versuchen die Erlebnisse der vergangenen Nacht zu verarbeiten. Aufstehen wollen sie nicht so richtig – nachvollziehbar, nach so vielen Stunden Tanzen.

Die Nebel-Leute haben jetzt noch einiges vor sich: Bar und DJ-Pulte müssen auseinandergeschraubt, CDs und Neon-Fäden aus den Bäumen genommen und die Anlage auseinandergebaut werden. Und dann natürlich alles zusammen mit den Getränke-Kästen zurück in die Transporter.

Ich bin gerade dabei, mich mit einem Akkuschrauber abzumühen, um den Bartresen von den Paletten zu trennen. Max ist neben mir zugange. Sein Handy klingelt, er nimmt ab. Er runzelt kritisch die Stirn und hört zu. Als er auflegt, sagt er nur: „Die Polizei ist da.“ 

Foto von Lea Schröder

„Wer ist hierfür verantwortlich?“

Auf den Gesichtern der Umstehenden breitet sich eine Mischung aus Verwunderung, Sorge und Frustration aus. Das Open Air lief über zwölf Stunden, wieso kommen sie erst jetzt? Und vor allem: Wie geht es weiter?

Den warnenden Anruf hat Max von einem der Fahrer*innen bekommen. Er wollte gerade auf den Forstweg einbiegen, als er von Beamt*innen aufgehalten wurde. Sie sind also noch nicht ganz am Spot angekommen, aber auf dem Weg zu uns.

Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht auf dem ganzen Open-Air-Gelände, unter den Crew-Mitgliedern und noch verbliebenen Gästen. Plötzlich sprintet ein kleiner Mann mit dunklem Vollbart und glitzernden Wangen an mir vorbei. „Ich hab keinen Ausweis dabei!“, kreischt er leicht panisch und verschwindet in den Büschen zwischen den Hügeln. Auch zwei, drei andere nutzen die wenige verbleibende Zeit, um sich unauffällig aus dem Staub zu machen. Egal was jetzt passiert, es wird auf jeden Fall stressig und unangenehm für alle Beteiligten. Darauf haben manche offensichtlich keine Lust.

„Wieso zum Teufel kommen Sie erst jetzt und nerven uns?“  – Besucherin

„He, Sie da, kommen Sie mal bitte hier her!“, bellt eine tiefe Männerstimme in harschem Befehlston. Ich drehe mich um. Vor mir steht ein Polizist. Am Gürtel seiner schwarzen Einsatzmontur trägt er Schusswaffe und Schlagstock. Anstandslos folge ich ihm, gemeinsam mit ein paar anderen trotten wir den Trampelpfad entlang in Richtung des großen Floors. Hier sind alle versammelt, Gäste wie Kollektiv-Mitglieder sitzen in kleinen Grüppchen auf der Wiese und warten ab.

Eine junge Frau diskutiert gerade aufgebracht mit zwei Polizisten. Die verziehen keine Miene, während die Frau auf sie einredet. „Die Musik ist doch aus, es wurde grade abgebaut, wieso zum Teufel kommen Sie jetzt her und nerven uns?“, fragt sie leicht aggressiv. Einer der beiden Männer antwortet in gelassenem Tonfall. „Wir haben bereits in der Nacht verschiedene Beschwerden wegen ruhestörenden Lärms erhalten. In der Nähe ist ein Campingplatz, die Gäste konnten nicht schlafen. Dem Betreiber ist durch Ihre Veranstaltung ein finanzieller Schaden entstanden, weil manche Gäste nicht zahlen wollen.“

Ein Campingplatz also. Bei der Auswahl des Spots haben die Leute von Nebelnur auf die Entfernung zum Dorf geachtet – an einen Campingplatz hat niemand gedacht. „Und wieso sind Sie dann jetzt erst gekommen, wo’s eh wieder vorbei ist, und nicht schon in der Nacht?“, fragt die Frau mit Nachdruck. „Wir hatten Besseres zu tun“, antwortet der Polizist trocken. „Hier liegen offensichtlich verschiedene Tatbestände vor, neben dem ruhestörenden Lärm ist das hier auch ein Privatgelände. Wir müssen die Veranstalter zur Verantwortung ziehen.“ Mit lauter Stimme richtet er sich an alle Anwesenden: „Wer hat diese Veranstaltung organisiert? Wer ist hierfür verantwortlich?“

Foto von Lea Schröder

„Dann beschlagnahmen wir jetzt die Anlage. Punkt.“  – Polizist

Wie am Abend zuvor vereinbart, bleibt es still. Niemand aus dem Kollektiv möchte sich opfern, die Verantwortung übernehmen und damit Anzeige und Geldstrafe riskieren. Der eben noch gelassene Polizist wird jetzt etwas ungehaltener: „Wenn niemand die Verantwortung übernimmt, dann beschlagnahmen wir jetzt die Anlage. Punkt.“

Till steht auf und geht auf den Polizisten zu. „Die Veranstalter sind schon alle weg. Wir wissen nicht, wer genau für das Open Air verantwortlich war. Wir wollten nur beim Abbau helfen“, erklärt er ruhig. Sichtlich genervt entgegnet der Polizist:  „So läuft das nicht. Irgendwer muss ja noch hier sein, die Anlage und Technik würde ja wohl kaum allein im Wald zurückbleiben. Dann nehmen wir eben die Personalien von allen Anwesenden auf.“

Die Leute murren, vereinzelt erhebt sich eine Stimme und ruft etwas von „Polizeistaat“, „Anwalt“ und „ungerechtfertigt“. Sonst bleibt es aber ruhig, auf eine richtige Diskussion hat niemand Lust. Zwei der Polizisten bauen sich am Rand der Wiese auf, auf der vor wenigen Stunden noch vergnügt gefeiert wurde. Sie scheinen die Anwesenden zu bewachen.

Eine Polizistin mit blondem Pferdeschwanz und ernstem Gesichtsausdruck läuft zusammen mit einem anderen Beamten über die Wiese. Sie gehen von Gruppe zu Gruppe, lassen sich von allen die Ausweise reichen, tippen die Daten in einen kleinen Laptop ein und überprüfen die Leute. Läge bei einer Person zum Beispiel ein Eintrag wegen des Besitzes oder Konsums von Betäubungsmitteln vor, dürften die Polizist*innen die entsprechende Person aufgrund eines begründeten Verdachts genau durchsuchen. 

Anscheinend ist das bei niemandem der Fall, der Rundgang der beiden Beamt*innen verläuft weitgehend reibungslos.

Foto von Lea Schröder

Nur in der Gruppe neben den beiden Polizisten, die den Zugang zur Tanzfläche bewachen, werden drei Typen immer lauter und hitziger. Sie wollen sich weigern, ihre Personalien anzugeben. Die Polizisten stehen allerdings weiterhin breitbeinig da, mit verschränkten Armen und ungerührtem Gesichtsausdruck. Sie lassen sich nur halbherzig auf die Diskussion ein – ob aufgrund fehlender Argumente oder dem Unwillen, ein Gespräch zu führen, erschließt sich nicht. Fast schon gelangweilt wirken die beiden. Vielleicht haben sie auch einfach keine Lust, an solch einem sonnigen Tag irgendwo in der Pampa rumzuhängen und einer Horde junger Leute auf die Nerven zu gehen, und würden stattdessen viel lieber an den See fahren, Eis essen oder vielleicht sogar selbst auf irgendeiner Wiese tanzen.

Nach circa eineinhalb Stunden des Wartens und Diskutierens ist die Prozedur geschafft. Till ist es gelungen, die Beamt*innen davon zu überzeugen, dass jetzt einfach nur friedlich abgebaut wird und eine Beschlagnahmung der Anlage eine zu strenge Maßnahme sei.

Am Rand der Wiese erscheint ein kleiner, grauer Mann. Scheinbar etwas mitleidig den gescholtenen Raver*innen gegenüber und sich sichtlich unwohl fühlend, lächelt er verlegen in seinen Bart hinein. Er sei der Förster, der für das Gelände verantwortlich ist. Er hätte die Situation gern anders gelöst, sagt er, aber das Gelände sei eben nicht für solche Veranstaltungen gedacht und die Spuren seien unübersehbar. Er wolle nun sichergehen, dass alles abgebaut und aufgeräumt werde.

Damit die Beamt*innen nicht unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen, fotografieren sie die Kennzeichen der gemieteten Transporter, um zumindest die Fahrer*innen belangen zu können. Ob wir alle bald einen Brief von der Polizeidirektion Leipzig im Briefkasten vorfinden werden, weiß niemand so richtig. Wenn die Fahrer*innen eine Geldstrafe erhalten, wird die Summe aus der Kollektiv-Kasse gezahlt, erklärt mir Max.

Laufmaschen und plattgedrücktes Gras

Wir fahren mit dem Abbau fort, sammeln, schrauben, schleppen – alles unter dem kritischen Blick der Beamt*innen. Viele Gäste haben keine Lust mehr und machen sich auf den Weg nachhause – unter die Dusche, zu einer Afterhour oder direkt ins Bett. Die Anwesenheit der Polizei und die Müdigkeit drückt auch auf die Stimmung der Crew. Als der Abbau endlich geschafft ist, verlassen die Polizist*innen grußlos das Gelände.

„Die machen ja auch nur ihren Job.“  – Max

Bevor Max, Elena und ich uns auf den jetzt endlos scheinenden Heimweg machen, setzen wir uns kurz in den Schatten. Wir kratzen die letzten Tabakreste zusammen – „Hast du noch was? Meiner ist leer“ „Bisschen Krümeltabak, nimm dir. Hast du noch Papes?“ –  fummeln die letzten Filter aus der Tüte und drehen unsere letzte Zigarette. Dabei rekonstruieren wir die Ereignisse der vergangenen Stunden.

„Ich find es einfach so krass, was alles in einer Nacht passieren kann.“ Elena lächelt. „Wir haben alles aufgebaut, ich habe an der Bar gearbeitet, habe mit tausenden Leuten geredet, war mal mega happy, dann wieder genervt, habe ewig getanzt und dann noch die Sache mit der Polizei am Schluss. War echt krass, aber auch echt nice.“ Auch Max ist zufrieden: „Ich find es ist alles perfekt gelaufen. Ich hatte auch einen wunderbaren Abend. Gut, das mit der Polizei hätte echt nicht sein müssen, aber die machen ja auch nur ihren Job. Und sind immerhin gekommen, als es schon vorbei war.“ Er schmunzelt.

Foto von Lea Schröder

Über meinem Gesicht hat sich ein leichter Sonnenbrand ausgebreitet, einige Laufmaschen zieren meine Strumpfhose und die Schrammen an meinen Armen und Beinen erzählen von den nächtlichen Exkursionen ins Gebüsch. Ich freue mich wahnsinnig auf ein großes Glas Wasser, eine warme Dusche und mein weiches Bett.

Hier im Wald ist es jetzt still. Vogelgezwitscher und das leise Rascheln der Blätter, statt wummernder Bässe und wildem Stimmengewirr. Keine Menge von tanzenden Raver*innen, die sich im Rausch vom treibenden Rhythmus der Musik mitreißen lassen. Nur das plattgedrückte Gras auf der Wiese zwischen den Hügeln zeugt von den Ereignissen der vergangenen Stunden.

Im nächsten Teil unserer Reihe über die Leipziger Open Air-Kultur kommt eine Stimme der Polizei zu Wort: Sie spricht von Strategien und Erfahrungen und bezieht Stellung. Von Rechtsanwalt Jürgen Kasek gibt es Tipps, welche Gesetzesverstöße im Vorfeld vermeidbar sind und wie die Kollektive im Fall der Fälle reagieren können.

FEUERTANZ – TEIL I: RISKANTE RAVES IM GRÜNEN

FEUERTANZ – TEIL II: DER PERFEKTE SPOT UND DISKUSSION IM PLANUNGS-PLENUM

FEUERTANZ – TEIL III: BAUSTELLENAMBIENTE, INVESTITIONEN UND POLIZEI-PRÄVENTION

FEUERTANZ – TEIL IV: GEDANKEN VON BESUCHER*INNEN & ENTWICKLUNGEN DER LETZTEN JAHRE

FEUERTANZ – TEIL V: ZU FRÜH GEFREUT – AUFTRITT POLIZEI

FEUERTANZ – TEIL VI: GESETZE VERSUS RECHTE

Review, Review: Tinkah, Relapse, WaqWaq Kingdom und Kontrapunkt

Es passiert sehr viel in Leipzig und wir hängen notorisch mit den Reviews hinterher. Einige Veröffentlichungen möchte ich daher im Schnelldurchlauf vorstellen.

Tinkah „Thoughts You Are Not Supposed To Speak Out In Public“ (Human)

Tinkah bringt sechs eigene Tracks im Alleingang auf seinem neu gegründeten Label Human heraus und feilt weiter an seinen verträumten Sounds, die wir vor allem von seinen Tapes auf Pattern // Select kennen. Faszinierend, wie er sich seit seinen Uptempo-Tracks als RUZ mehr und mehr vom Dancefloor wegbewegt und dabei in meinen Ohren an musikalischer Qualität hinzugewinnt. Allein, wie die nächtliche Stimmung von „Thought 4 (Part 1)“ in „Thought 4 (Part 2)“ überführt und dort plötzlich mit Sonnenstrahlen durchflutet wird, reicht für eine definitive Kaufempfehlung aus. Wahnsinn!

Relapse „Your Mouth In My Hands / Multilingual Talk Channel“ (Minor Mora)

Gar nicht soweit weg von Tinkah entfernt ist der Sound von Relapse auf einer neuen 7″ des Minor Labels. Auch hier bildet die vertracktere Seite im Drum’n’Bass die Grundlage für zwei leicht darke Tracks, die aber gerade durch ihre Kürze vom gängigen, DJ-freundlichen Aufbau recht losgelöst sind. Dadurch wirken die Tracks wie Ausschnitte, die kurioserweise direkt zum Punkt kommen und eben gerade dadurch die Frage aufwerfen, ob im Spotify- und Digital-DJ-Zeitalter überhaupt noch längere Track-Strukturen notwendig sind.

WaqWaq Kingdom live at Bassmæssage (Jahtari)

Jahtari dokumentieren den knapp 60-minütigen Auftritt von WaqWaq Kingdom bei der Bassmæssage in digitaler wie auch in Kassetten-Form. Dabei gibt es einerseits Material der ersten beiden EPs zu hören, aber auch unveröffentlichte Musik. Ich bin mir nicht sicher, ob dies für Menschen, die keine Hardcore-Fans der Band sind, als eigenständiges Release Sinn macht. Natürlich ist es unfair, den rohen Live-Mitschnitt mit den ausgearbeiteten Tracks zu vergleichen, dennoch tendiere ich dazu, letzteren den Vorzug zu geben – und schaue mir für Live-Impressionen dann gleich die Videos zum Auftritt an.

Various Artists „Kontrapunkt 03“ (Kontrapunkt)

Schon im Oktober 2018 ist die dritte Kontrapunkt-Compilation erschienen, einer der vielen an dieser Stelle vergessenen Releases. Acht sehr unterschiedliche Sücke teilen sich hier zwei Vinyl-Seiten. Nicht alle überzeugen mich: So schraubt sich „Happy Sledging“ von Schönfeld ein wenig ziellos durch die Gegend, wohingegen das Lo-Fi-Geplucker in „Stardancer“ recht charmant rüberkommt. „~~~~“ von Leo erforscht die breakbeatlastigen Ambient-Klänge der IDM-Neunziger und macht seine Sache auch gut, ruft bei mir aber fieserweise automatisch den Vergleich zu Astrobotnia und Co. hervor und kann sich davon nicht genug emanzipieren. Ebenfalls recht stark in die Vergangenheit schaut Lenny Frings mit „Enjoy Your Meal“: Breakbeats und Acid-Anleihen treffen auf einen sommerlichen Vibe. Schon irgendwie sehr retro, passt dafür wunderbar zum aufkommenden Sommer. Und dann bin ich leider wieder komplett raus: Die Ethno-Gesänge auf Nikita von Tiraspols Dub-Techno-Track „Es sehen bessere Zeiten“ sind so gar nicht mein Hut. Dann doch lieber das schrullige Glockenspiel-Interlude „Myggens Fridag“, das brachiale SDW-Intro und auch gern das spaßige Acid-Gehämmer von Edelberts „Bruuuum“. Ergo eine recht durchwachsene Platte mit guten Momenten, bei der die Tracks in der Gesamtheit nicht so richtig zusammenfinden.

Update, Update: Yuyay Records und Robyrt Hecht

Eine neue 12″ auf Yuyay sowie diverse Kollaborationen von Robyrt Hecht gibt es im Review.

Carl Y. Scheele „Element #8“ (Yuyay Records)

Eine neue Yuyay gibt es auf die Ohren, diesmal von einem weiteren mysteriösen Act namens Carl Y. Scheele. Irgendwie spannend, das Spiel mit den Pseudonymen: Die Musik des Labels ist in seiner Nische zwischen Electro, IDM und auch Synthpop so konsistent, dass ich nicht das Gefühl habe, unbedingt die einzelnen Künstler benennen zu wollen. Es gibt also einen Yuyay-Sound.

Und der beginnt am Anfang dieser EP erstmal quietschig, bevor „Mercuric Oxide“ dann bedrohlich-verspielt loslegt. Die besagten Wave-/Synthpop-Einflüsse folgen danach in „Redox“, bevor das fast schon melancholische „Liquid Phlogiston“ mit seinen verhallten Synthesizern betört. Ebenso bitter-süß erklingt „Saline Principle Of Water“ – eine richtige IDM-Ode, die an alte Warp-Platten erinnert, wenn auch mit weniger Frickeleien. Eine kurze Pause von der Schwermut gibt es mit dem unbekümmerten „Red Vapors“, bevor mit dem verträumten „Phosphorous Match“ die Sonne hereingelassen wird.

„HIL005“ / „Ramiel“ (Hilltown Disco)

Von Yuyay-Chef Robyrt Hecht gibt es zudem neue Musik auf dem britischen Label Hilltown Disco. Auf deren fünften Vinyl-Release „HIL005“ finden sich drei Tracks von ihm auf der A-Seite, die in Zusammenarbeit mit Int Main entstanden sind. Sehr straighter, darker Electro ist das, der mir auch weniger verspielt als auf den Yuyay Releases vorkommt. Verzerrte Vocals geben „Waste“ und „Today“ eine gewisse zusätzliche Roughness mit. Aber mein Favorit ist dann „Meta-Measure“, denn hier zappeln die Beats eine ganze Ecke stärker in Richtung Planet Funk. Kurz noch zur B-Seite: Hier gibt es zwei Tracks von w1b0, die viel stärker in Richtung Breaks schielen, etwas breitbeiniger aufgetragen sind, aber damit auch eine gute Ergänzung zur A-Seite bilden.

Außerdem gibt es eine Kollaboration von Robyrt Hecht mit CC9185 aus Frankreich für die „Ramiel“-Ausgabe in der Art Angel-Serie des Labels. Eine kühle, fast flüsternde Maschinenstimme steht im Zentrum des düsteren „Collecting Crystals“. Im Vergleich zur HIl005 ist hier das Energie-Level etwas heruntergeschraubt, dafür ist die paranoide Qualität der Musik deutlich höher.

Frische Brise, frische Beats – die Elektronische Schallplattenbörse im Mai

Freund*innen auf Vinyl gepresster, vornehmlich elektronischer Musik aufgepasst: Am 4. Mai könnt ihr in der Feinkost von 10 bis 16 Uhr wieder schön Platten lauschen und mauscheln. Wie, was, wann, wo? Dazu zitieren wir den Veranstalter:

„Seit 2004 findet die Elektronische Schallplattenbörse im Leipziger Süden statt. Diesmal sind wir endlich wieder im Freien und genießen den wundervollen kleinen Innenhof alias Carlo’s Garten in der Feinkost, parallel zum Samstagsflohmarkt.

Frische Brise – frische Beats!

Interessierte können wie immer Vinyl, Tapes und CDs kaufen, verkaufen oder tauschen – etliche Kisten nach musikalischen Schätzen durchwühlen oder einfach nur im gemütlichen Kreis ein bisschen fachsimpeln und abnerden. Elektronische Klänge liegen im Fokus, an den Genregrenzen sind wir aber schmerzfrei.

Standanmeldungen sind noch möglich und erfolgen gegen kleine Unkostendeckung und Spende an die Genossenschaft. Infos per Email unter espb-at-vinyl20-dot-com“

Nochmal die Fakten in Kurzform:
Samstag, 4. Mai / 10 bis 16 Uhr / Carlo’s Garten in der Feinkost / Karl-Liebknecht-Straße 36 / Anmeldung unter espb-at-vinyl20-dot-com

Behind the nights – White Circles

Bald steht die alljährliche Geburtstagsparty der White Circles vor der Tür. Aus diesem Anlass hat sich unsere Autorin mit den beiden Veranstaltern der Reihe getroffen.

Wenn man vom Namen White Circles ausgeht, führt der erste Gedanke nicht zur „schwarzen Szene“. Doch mit Einflüssen aus Gothic und Punk, Industrial und Wave findet sich die White Circles-Crew seit nunmehr fünf Jahren zusammen, um regelmäßig in und um Leipzig Künstler zu vereinen.

Wie definiert sich White Circles?

Plattform? Kollektiv? Veranstaltungsreihe?

Da müssen selbst Gründer Marco und Kevin (alias aehm und Bigo) überlegen, kommen aber ziemlich schnell auf den Konsens, dass es wohl letzteres sein wird.

White Circles

Als Kevin mit 24 Jahren nach Leipzig zog, veranstaltete er mit Kumpel Ralph Konzerte in diversen Leipziger Locations; 2013 war es dann an der Zeit, dem Ganzen einen Namen zu geben, und so entstand White Circles. Zwei ihrer Lieblingsbands hatten diese Phrase in ihren Texten integriert und „wir wollten keinen plakativen schwarze Szene Namen“, merkt Kevin an.

 


NOTE NOTE –

 

Die „schwarze Szene“ kommt beispielsweise in Leipzig jedes Jahr zum Wave-Gotik-Treffen zusammen. Man kann sie nicht als musikalisch homogene Gruppe bezeichnen, doch die Bezeichnung wird als Sammelbegriff für die Gesamtheit der musikalischen Strömungen, wie auch die im Artikel erwähnten, verwendet.

 

Seit fünf Jahren zieht sich ein roter Faden durch die White Circles-Konzerte: große Acts werden mit kleineren, unbekannteren Acts vereint. Danach gibt es eine Aftershow-Party, die von diversen DJs bespielt wird. Wie es die Veranstalter am liebsten haben? „Am besten eine abgeranzte Location und Leute, die man kennt“. Das lässt sich zwar nicht immer machen, aber wenn, dann wird es besonders lustig. 

Während Marco, der nach wenigen ersten Veranstaltungen dazustieß, aus den elektronischen Richtungen kam, sprich Wave, Industrial, und „schon immer was mit Gitarre“, kam Kevin aus der Goth und Punk-Szene. Durch diverse Partys in Halle hatten sie sich schon vorher kennengelernt. Kevin erzählt von Leopardenmustern im lilafarben kolorierten Haar, und obwohl man es ihnen heute nicht ansieht, verspricht Marco lachend, dass es noch Bilder gibt. Ralph nahm sich zu einem späteren Zeitpunkt auf Grund von arbeitstechnischen Gründen aus dem operationellen Geschehen heraus. 

Nach der Gründung 2013 ging es 2015 damit so richtig los, Marco und Kevin stellten monatlich, manchmal öfter, Konzerte auf die Beine. Für zwei Leute ein riesiger Aufwand, meine ich, und sie stimmen mir zu.

„Personell wäre das ohne Support nicht möglich gewesen“

sagt Kevin, zuverlässige Ressourcen, auf die man zurückgreifen konnte, wären das A und O gewesen.

So realisierte man 2017 trotzdem, dass es an der Zeit war, einen Gang zurückzuschalten und die Frequenz herunterzuschrauben. Die Jungs begannen, Kooperationen einzugehen und ihre Manpower outzusourcen. So kehrte zumindest ein bisschen Entspannung ein. 

KVB

Ihre erste Sold-Out Show (The KVB im UT Connewitz), so sind sich die beiden einig, das wäre einer ihrer größten Meilensteine. Oder endlich die Locations zu bespielen, vor denen man Respekt hatte – Trakt I im IfZ zu füllen, beispielsweise. So ist es keine Überraschung, dass sie auch zwei ihrer Geburtstagspartys im Institut veranstalteten und ebenfalls unter ihren Meilensteinen zählen.

Stolz sind die beiden vor allem auf ihre Berlin-Leipzig Connection, die mit dem aufnahme + wiedergabe Label hergestellt wurde. Dort erschien die White Circles Compilation anlässlich des ersten Jubiläums Ende 2014 – wird es wohl bald mal Zeit für ein zweites Tape? Spätestens zum WGT, teasert Marco an. 

Auch die Europa-Tour mit Architect, einem Electronica-Act aus Leipzig, wird unter den Meilensteinen aufgezählt – obwohl sie erst in wenigen Wochen stattfindet. Ein großer Zeitaufwand, den es für die beiden trotz Vollzeit-Job zu bewältigen gilt: Momentan stecken sie pro Woche mindestens zehn Stunden rein. Respekt, denke ich mir, aber die zwei brennen dafür, was sie tun.

Voller Dankbarkeit blicken sie auf ihre letzten Jahre zurück, wie ihr Netzwerk ihnen schon diverse Schlafmöglichkeiten an allen Ecken der Welt ermöglicht hat. So ist es eben, wenn man auf Professionalität und eine gute Betreuung der Künstler achtet. What goes around, comes around.

Was ihre Veranstaltungen besonders macht, das ist neben den selbstverständlich hochwertigen und sorgfältig ausgewählten Acts, die Diversität des Publikums. Frauen in der „schwarzen Szene“ sind meist eine Selbstverständlichkeit, White Circles haben es sich aber trotzdem zum Ziel gemacht, Awareness zu schaffen. Berührungsängste ihrer Szene gegenüber „linken“ Clubs haben sich gelegt; sie wollen durch ihr Netzwerk ständig

Meinungen und Input sammeln und Austausch fördern.

Ein Faktor, der Leipzig als Veranstaltungsort für die schwarze Szene gewissermaßen einzigartig macht, ist das Wave-Gotik-Treffen (WGT), denn der Sommer ist partytechnisch isoliert. Glücklicherweise bedeutet das statt Wettbewerb eher Unterstützung: Kooperationen mit dem WGT sind längst geschehen und stehen weiterhin an.

Und was gibt‘s sonst dieses Jahr bei den White Circles Jungs? Nach dem Frühling und der oben genannten Architect Europa-Tour liegt der Fokus im Sommer entsprechend dem WGT erst einmal auf DJ-Gigs (Highlight: Fusion!). Im Herbst geht es dann weiter mit Konzerten und einer Zusammenarbeit mit dem DEAF ROW FEST in Jena. And don’t forget the tape! Die zweite White Circles Compilation ist in the making.

Phase Fatale

Am Ende unseres Treffens stelle ich die schon fast obligatorische Frage: Könnt ihr euch weitere fünf Jahre White Circles vorstellen? Marco antwortet sofort mit: „Klar, warum nicht.“ Kevin lächelt zustimmend. Ein gutes Omen.

5 Jahre White Circles

Aber erst einmal konzentriert sich die ganze Freude auf den fünften Geburtstag am 27. April im Conne Island. Dort erwarten euch live on stage Architect, Azar Swan und Zanias. Anschließend geht’s auf der Aftershow Party weiter mit aufnahme + wiedergabe-Gründer Philipp Strobel und den drei White Circles Jungs: Bigo, Ralph und aehm.

Family vibes pur! 

Hier bekommt ihr noch einen Teaser für die neue Compilation von White Circles: bitly.com/WhiteCirclesLeipzig

„Der Zirkus geht weiter“* – 5 Jahre Institut fuer Zukunft

Geburtstage, Jubiläen – gerade gibt es sie an jeder Ecke, in jedem Club. Es wird nicht nur gefeiert, sondern auch ge-fei-ert. Clubgeburtstag, Labelgeburtstag, Crewgeburtstag…

Die runden und halbrunden Jubiläen sind für uns als Autor*innen natürlich besonders interessant. Auf unserem Blog werden also in nächster Zeit noch mehr Interviews, Retrospektiven und Zukunftsspinnereien stattfinden. 

Das letzte Interview mit Vertreter*innen des Institut fuer Zukunft und frohfroh gab es nach dem ersten Jahr nach Eröffnung des Clubs. Das ist mittlerweile vier Jahre her. Es war also nicht nur Zeit, sondern es gab auch einen besonderen Anlass, sich wieder mit dem IfZ zu verabreden. Denn das IfZ feiert sein Jubiläum nicht ‚nur‘ mit Partys und einer Clubnacht nach der anderen, sondern bringt das erste IfZ-Vinyl auf den Markt, organisiert eine Ausstellung namens ‚Trakt IV‘ mit Fotografien und setzt sich mit interner und externer Kritik zum Club innerhalb eines Panels auseinander. 

Wir haben anlässlich des 5. Geburtstags nachgefragt: Kommt der Darkroom wieder? Was ist mit der Vertigo? Wo geht es mit dem IfZ hin, wenn das Areal um den Kohlrabizirkus für die „Boom-Stadt“ Leipzig mit Parkdeck, Wohnungen, Fitnessstudio und Kita fit gemacht wird? Wie hat das IfZ in den letzten Jahren auf die Leipziger Szene abgefärbt und ist die Platte nun der Startschuss zum eigenen Label..?

Antworten darauf gaben Markus und Neele, die beide als Booker*innen im IfZ arbeiten.

Past vs. Present

frohfroh: Ihr feiert euer fünfjähriges Bestehen in einer ganzen Woche mit Ausstellung, Diskussion, Record-Release und Party. Worauf freut ihr euch am meisten in der Geburtstagswoche?

Markus: Auf die ganze Woche an sich. Da steckt so viel Arbeit und Herzblut von allen hier drin – jetzt kommt es auf den Punkt, eine Woche lang.

Neele: Dito, ich freue mich auch auf alle fünf Tage. Mir war aber eine inhaltliche, kritische Veranstaltung zum 5. Geburtstag sehr wichtig, die es in Form des Panels geben wird. Auch das Vinyl, dass wir das nun mal geschafft haben – darauf freue ich mich natürlich auch. 

Markus: Die Foto-Ausstellung von Dana Lorenz und Sophia Kesting ist auch nochmal sehr besonders, weil von der bisher nicht viele wussten. Das ist über zwei Jahre entstanden und es wird dort (in der Galerie für zeitgenössische Kunst) auch eine Soundinstallation von Perm geben.

Habt ihr euer Ziel (vor fünf Jahren formuliert) etwas zu erschaffen „was ein guter Club bieten sollte“ erreicht?

Neele: Da gibt es zwei Ansichten. Einmal diese Außensicht, vor allem im internationalen Kontext, also von internationalen Künstler*innen und Gästen, die das IfZ besuchen. Da kommt viel Lob für unseren Raum, diesen Freiraum, den wir hier erschaffen haben, der einzigartig ist. Das ist oft Balsam. Und dann gibt es noch diese Innenansicht – von uns, die hier arbeiten. Hier werden niemals alle zufrieden sein, was auch gut so ist. Denn ein Projekt, wie auch dieser Club, ist nur so gut wie seine Kritiker*innen. Es gibt immer wieder Wünsche und Baustellen, die wir beackern können.

Markus: Es ist weiterhin ein fortwährender Prozess.

Vor fünf Jahren war auch der Darkroom ein Teil dessen, was einen guten Club ausmacht. Jetzt ist er zu, er war in letzter Zeit nur unregelmäßig geöffnet. Bleibt der Darkroom für immer geschlossen?

Neele: Wir hoffen, er wird wieder aufgemacht. Also, ja – wir haben es vor. Es ist nicht so einfach, da das Konzept für den Darkroom noch recht unausgereift ist. Der Anspruch ist schon noch da. Alle paar Monate finden sich immer wieder ein paar Leute, die das Thema angehen.

Ist das als Hinweis darauf zu verstehen, dass es auch wieder eine Vertigo geben wird?

Neele: Wir arbeiten tatsächlich daran.

„2019 wollen wir eine Vertigo veranstalten – aber bitte nicht böse sein, wenn es doch 2020 wird.“

Wie viele Menschen sind mittlerweile im IfZ aktiv?

Neele: Es sind viel mehr Leute geworden. 200 Menschen arbeiten hier hauptamtlich, ehrenamtlich oder als Minijobber*in. Jetzt vollzieht sich bei uns auch ein gewisser Generationswechsel, es rücken mehr junge Leute nach.

Markus: Man kennt gar nicht mehr alle, gerade von den vielen neuen Leuten. Das ist auch echt cool, um nicht in so eine Betriebsblindheit zu verfallen – denn die neuen bringen auch oft nochmal Themen auf den Tisch, die in den Hintergrund gerückt sind.

Und gibt es mittlerweile auch noch mehr Arbeitsgruppen?

Neele: Wir haben mittlerweile aufgestockt. Es gibt zum Beispiel jetzt auch eine Aufbau-AG, eine Antisexismus-AG oder eine Antisemitismus-AG. Letzteres kam im Zuge der BDS-Debatte.

Markus: Da finden sich dann auch Leute zusammen, die vielleicht von anderen Clubs stammen oder gar nicht beim IfZ arbeiten.

Neele: Richtig, denn es muss keine*r bei uns arbeiten, die*der den Laden mitgestalten möchte. 

Zum Thema Arbeit im IfZ – Ein Zitat von damals: „Die ganze Nummer ist Selbstausbeutung“. Ziel sei es, langfristige Existenzgrundlagen im IfZ zu schaffen. Wie sieht es heute damit aus?

Neele: Den Satz würde ich weiterhin so unterschreiben, denn das trifft auf fast alle (freien) Kulturschaffenden zu. Bei uns arbeiten alle so knapp über Mindestlohn, aber wir arbeiten daran, die Löhne zu steigern. Das geht aber nur über Jahre. Dazu muss man aber noch sagen, dass das IfZ ein sehr cooler Arbeitgeber ist (lacht).

Markus: Da würde ich auch mitgehen. Das IfZ ist ein guter Arbeitgeber – mit uns kann man über alles reden, wir sind beispielsweise mit einem Clubrat organisiert, um empfindliche Themen anzusprechen.

Neele: Das ist auch eine der Fragen, die wir uns beim Panel stellen: Ob das IfZ einfach ein cooler neoliberaler Arbeitgeber ist oder wirklich ein kollektiver Betrieb.

Ihr beide arbeitet ja als Booker bzw. Bookerin hier. Wo ist das IfZ in den letzten fünf Jahren musikalisch hingelangt, wo wollt ihr noch hin?

Neele: Gerade haben wir einen guten Modus gefunden. Das Booking generell hat sich über die Jahre öffnen müssen. Ich finde das nicht schlecht – den Industrialeinfluss hat man anfangs noch extrem gespürt, da sind wir jetzt viel breiter aufgestellt. 

Und um sich kleinere Veranstaltung leisten zu können, müssen wir das schon querfinanzieren. Also große Techno- und House-Acts müssen ebenso gebucht werden, um auch mal experimentelle Abende zu finanzieren. 

Mir ist wichtig, dass es bei uns divers bleibt. Mir gefällt zum Beispiel eine Housenacht auf Trakt I genau so gut wie brachialer Techno.

Markus: Ich finde, wir haben so einen gewissen pädagogischen Auftrag, genreübergreifend und auch mal gebrochen zu arbeiten. Musik löst ja Schranken im Kopf und das wollen wir weiterhin machen. 

Neele: Wir sind eben personell gewachsen und die neuen Mitarbeitenden haben viel mehr unterschiedliche Präferenzen eingebracht. Wir machen keine Party für unser Bookingteam, sondern die Crew soll sich auch mit dem, was musikalisch im IfZ geboten wird, wohlfühlen. Ein schöner Effekt ist dabei, dass das IfZ mehr als sozialer Raum wahrgenommen wird. Man kann hier abhängen, ohne einmal auf der Tanzfläche gewesen zu sein. 

Markus: Öfter geht man zwar von seinen eigenen Vorlieben aus, aber das wird oft durch die Crews und Mitarbeitenden unterstützt und vermischt sich. 

Neele: Wir holen dafür regelmäßig Feed-Back unserer Crew ein, ob es Wünsche gibt. Das war jetzt zum Beispiel bei Dr. Rubinstein der Fall.

5 I V E Vinyl

Zum Jubiläum gibt es erstmals eine Platte von euch. Ist sie als Aushängeschild des Sounds des IfZ zu verstehen? 

Markus: Das Spektrum ist schon sehr breit, Trakt 1 ist eher Techno, EBM, manches etwas dubbiger, manches mehr Industrial. Trakt 2 ist schon housig, aber eigentlich ist es mehr der Future-Sound des IfZ, den man da hören wird. Man könnte aber sicherlich noch tiefer gehen.

Die Platte bringt einiges zusammen, vor allem die Künstler*innen, die vertreten sind. Zum Beispiel Monsanto High, die vorher noch nie etwas zusammen produziert haben, Tsorn oder Leibniz, die regelmäßig im IfZ auftreten, Alex aka X/319, der die Technik macht, Lynxes, der seit fünf Jahren im Hintergrund die Technik des IfZ repariert, Qnete und Carmel, sowie der erste gemeinsame Track von Perm und Wilhelm – und ich selbst war auch seit Ewigkeiten mal wieder mit meinem Freund Florian im Studio.

Es ist damit eher eine Club-Platte und keine Listening-Platte geworden. Dazu kommt, dass es noch einige Überraschungen geben wird…

Konnte man sich für die Platte bei euch bewerben?

Markus: Genau, wir haben erstmal den Resident-Stamm angefragt und dann gab es noch einige Bewerbungen aus der Crew. 

5 I V E

Ist das nun eine Label-Gründung, wie bei der Distillery?

Markus: Die Platte ist erstmal nur ein Geschenk an unsere Gäste und uns. Es ist alles offen… Das ist sozusagen unsere runde Geburtstagstorte. Die Vinyl ist aus der gesamten IfZ-Crew heraus entstanden, das war uns und ist uns sehr sehr wichtig. Ob daraus ein Label entsteht, ist jetzt noch nicht abzusehen.

Wie hoch ist die Auflage? Ist die Platte schon ausverkauft?

Markus: 300 Stück gibt es und ja, sie ist auf dem besten Weg, bald ausverkauft zu sein. Erstmal gibt es die Tracks auch nur auf Vinyl, digital wird aber auch noch kommen – später. 

Die Zukunft im Institut fuer Zukunft 

Ihr habt die Sperrstunde erfolgreich (und nachhaltig) gemeinsam mit anderen Clubbetreibenden bewältigt, dazu habt ihr den Spielstättenpreis ‚APPLAUS‘ der Initiative für Musik letztes Jahr gewonnen… Eine wertvolle Anerkennung für eure Kulturarbeit, die auch durch die Presse ging. 

Neele: Der Preis ist auch als Anerkennung von DJs und Liveacts zu verstehen, deshalb ist er so wichtig für uns. 

Ist das IfZ damit nicht immun gegenüber Bebauungsplänen oder Verdrängung..?

Markus: Das hofft man vielleicht. Für große Investoren spielt das am Ende keine Rolle, welchen Preis wir gewonnen haben oder was wir kulturell leisten. Man sieht das ja auch an der Distillery, die es seit fast 27 Jahren gibt, die trotzdem nicht in die Pläne der Stadt passt.

Neele: Von den Bebauungsplänen hier auf dem Kohlrabizirkus – Gelände haben mittlerweile alle gehört, es stand ja in der Zeitung. Wir haben von dem Vorhaben auch aus der Zeitung erfahren und uns dann Gedanken gemacht. Was ich sagen kann: Wir haben definitiv vor, an diesem Ort noch fünf bis zehn Jahre zu bleiben. Die Diskussion darüber haben wir geführt, denn das steht dem ganzen voran – die interne Entscheidung.

Wenn es dann irgendwann mal soweit ist, dass das Gelände hier bebaut wird, dann müssen wir konkret sehen, was hier nebenan entsteht. Erst dann können wir einschätzen, ob sich das weiterhin so durchführen lässt und ob das Projekt IfZ hier dann noch Sinn macht.

Und für euch beide persönlich? Wollt ihr noch fünf Jahre hier bleiben und arbeiten?

Markus: Für uns persönlich sieht es so aus, dass wir in unserer Position in diesem Projekt keine Platzwärter*innen sein wollen. Es kann auch gut sein, dass wir in Zukunft den Platz frei machen. 

Neele: Das ist auch im Sinne des Projekts. Das muss man sich auch immer wieder bewusst machen, dass es da nicht um einen persönlich geht, sondern um das kollektive Vorankommen. 

Gibt es Visionen oder Wünsche für den Club? Wenn ja, welche? 

Neele: Es kann sein, dass wir eine neue Räumlichkeit dazubekommen und ich wünsche mir, darin eine Konzertlocation einzurichten. Generell mehr Konzerte und experimentellere Abende stattfinden lassen, wäre schön.

Markus: Ich hätte mir gewünscht, auf dem Betonplatz oben ein Open-Air zu machen, aber das wird immer unwahrscheinlicher, weil so viele Bäume fehlen, die ein wenig Schutz bieten würden. Es gibt auch Überlegungen für ein Festival außerhalb des IfZs, aber das ist nicht wirklich konkret. Es gibt immer mal wieder den Wunsch, aber es ist auch ein riesiger Organisationsaufwand und es sind etliche Dinge zu beachten. 

Zum Abschluss: Wo seht ihr das IfZ nach diesen fünf Jahren international?

Neele: Unsere Reputation ist sehr gut. Viele wollen bei uns spielen, das ist ein gewisser Luxus, den wir haben. Es hat sich herumgesprochen, dass wir einen sozialen Ort geschaffen haben, der auch international beachtet wird. 

Markus: Wir werden auch als Kollektiv wahrgenommen. 

Neele: Wenn wir selbst mal unterwegs sind bzw. als DJs verreisen und international auftreten, dann merken wir auch immer wieder, wie gut unser Ort hier geworden ist. In dieser Form gibt es das nicht nochmal. 

Und in Leipzig?

Neele: Man merkt schon, dass unsere Arbeit auf andere Clubs in Leipzig abgefärbt hat, zum Beispiel unser Awareness- oder Security-Konzept. Einheitliche Eintrittspreise waren auch so ein Ding – es wird nicht mehr diskutiert, dass der Eintritt so und so viel Euro kostet. Kultur kostet Geld, das haben wir denke ich ganz gut durchgesetzt. Die Türpolitik hat auch auf andere Clubs rundherum abgefärbt. Unser Konzept wurde über Monate, Jahre ausgearbeitet. Das gab’s vorher in Leipzig einfach nicht.

Ein Teil der IfZ-Crew / Foto von Henry W. Laurisch

37 Minuten Interview waren das. Aber der Tag im IfZ ist noch nicht vorbei, zumindest nicht ganz. Aus dem Büroabteil geht es runter in den Hof, in dem es aussieht als wären die Mitarbeitenden unter die Gärtner*innen gegangen. Im Blaumann und mit Handschuhen wird hier sauber gemacht, Gestrüpp abgeschnitten und Müll weggekehrt. Frühjahrsputz. Alle möglichen Menschen, die am IfZ beteiligt sind, in welcher Arbeitsgruppe oder welcher Position auch immer, helfen mit. 

Ein paar Stimmen der Mitarbeiter*innen wollen wir noch aufnehmen, die nicht mit ihren Namen versehen werden – damit sprechen sie natürlich trotzdem für sich persönlich und nicht als Vertreter*innen einer bestimmten AG. 

Uns interessiert, worauf sich die Crewmitglieder, die teilweise auch in einer Geburtstags-AG an der Gestaltung der 5-tägigen Geburtstagswoche beteiligt waren, am meisten freuen. 

Eine Aktive freut sich besonders auf den Sonntag, „wenn dann die großen Feierlichkeiten vorbei sind“ und auf „alle Menschen, die sich von außerhalb angekündigt haben. Leute von früher, die extra für die 5-Jahres-Feier anreisen“, sagt sie. „Auf Gerd Janson!“, wirft jemand ein. 

Öfter klang an, dass die Ausstellung, die das erste zeitgenössische Dokument über das IfZ sein wird, für die Crew besonders im Mittelpunkt steht. Ein Fotoprojekt in einem Club, der sonst eine No-Photo-Policy durchsetzt, ist natürlich ein Aufhänger. 

Auch das Panel sei für die Crew eines der wichtigsten Events – genauso wie die Partys itself. 

„Ich habe auch richtig Bock zu tanzen und zu feiern – und zu arbeiten.“

Wirklich, selbst auf das Arbeiten freut man sich? „Das was man liebt, ist eigentlich keine Arbeit. Im IfZ zu sein bedeutet für mich auch immer Flucht aus dem Alltag.“ 

Eine andere Stimme betont, dass die Arbeit im IfZ (in diesem Fall als Nightmanager*in), schon immer mehr als nur ein Job war: „Ich habe hier ein grundlegendes Gefühl von Akzeptanz erfahren, dass mich über die Jahre persönlich hat selbstbewusster werden lassen.“ 

Und was wünschen sich diejenigen, die den Club jedes Wochenende aufs Neue betreuen, betreiben, sauber halten; die Getränke verkaufen und die Artists rumführen, die Technik auf dem Laufenden halten und für Licht und Sound zuständig sind, für die Zukunft des Instituts? „Dass das Projekt mit dem jetzigen Rückenwind ohne finanziellen Stress weitergeht“, meint eine Stimme des Clubs.

Uns bleibt nicht viel zu sagen – außer:

Happy Birthday, IfZ! Auf die nächsten fünf Jahre.

5 I V E  / Design: Thomas Wolf

Das Programm für die Feierlichkeiten lest ihr en détail hier:

18.04. 5 I V E – Vernissage Trakt IV & Record Release
19.04. 5 I V E – Young Shields w/ Gerd Janson
20.04. 5 I V E – Clubnacht I w/ Or:la, Voiski
21.04. 5 I V E – Clubnacht II w/ Cassegrain & Difu

Zur Einstimmung auf das lange Wochenende gibt es von Resident n.akin noch einen speziellen Podcast:

***

*Zitat/Überschrift aus „Anzeige der VICUS Group“, die ihren Bebauungsplan für den Kohlrabizirkus im Top Magazin Leipzig (2018/2019, S. 146/147) veröffentlichte. 

Heute leider nicht – III

Sie sind wieder da und gleich wieder weg: Mit Teil III der Kolumne von Antoinette Blume und einem anonymen Gastautor verabschieden sich die beiden zeitweise von unserem Blog.

M. schreibt nicht mehr oft, er ist viel unterwegs und weniger regelmäßig berauscht. Trotzdem schreibt er unserer Autorin noch ab und an – von Verdrängung, Abschalten und geplanten Partynächten.

Ist da vielleicht was zwischen uns?, frage ich mich. „Was, meinst du das ernst?!“, fragt mich meine Freundin mit weit aufgerissenen Augen.

„Guck mich bitte nicht so an, als seist du draufer als er“

Ich lache ein bisschen. Habe ich das gerade echt laut gesagt?

„Hast du mal ein Röhrchen, ich hab keins…“, murmele ich und lenke schnell ab. Ich meine nicht im erotischen Sinne. Nicht wirklich. Der Spiegel glänzt nicht mehr, er ist matt und staubig. „Es ist so komisch sich selbst anzusehen, wenn man zieht, oder?“, sage ich noch.

Ich denke an M. Er hat mir wieder geschrieben:

Es ist Dienstagabend und ich sitze auf einem Balkon eines Hotels in Österreich, habe den Wald direkt vor der Nase und höre die Vögel zwitschern.

Die Sonne geht langsam hinter den Bergen unter und es wird kälter. Den Tag über hatte es 21 Grad und die Sonne hat geknallt. Der Frühling ist da. Endlich. Ein wenig wirkt das, was ich sehe, sehr unwirklich – wenn ich daran denke, dass ich vor weniger als 48 Stunden noch auf einer Afterhour war, die im Zuge meines spontanen Ausflugs in meinen Standartklub zur besten Option für den Sonntag und den Abschluss des Wochenendes ernannt worden war.

Die Party war eher mittelmäßig und hat sich wenig gelohnt, aber es war ein guter Grund mal wieder zu konsumieren, worauf ich mega Lust hatte. Außerdem hab ich mal wieder viele meiner Feierbekanntschaften getroffen und habe diesmal sogar etwas gequatscht. Ein wenig fühlt es sich so an, als würde ich mich vom Feiern lösen, eine Entwicklung, die ich weniger gut finde… Auch wenn ich mit weniger Feiern cool wäre, würde ich nicht auf diesen Teil meines Lebens verzichten wollen…

Mittwochabend, es ist 21:01 Uhr und ich war bis gerade eben mit einem Kollegen auf einer Wiese an einem Hang, mitten im Wald. Wir haben Joints geraucht und uns Sternbilder angeschaut und über die Arbeit und unsere Pläne für die Zukunft geredet. Nichts Persönliches, aber trotzdem hat es gut getan mal über etwas Normales zu reden. Bis jetzt hab ich hier eine gute Zeit.

Sonntag. Ich sitze auf einer Bank im Wald und höre Phosphorescent. Gestern habe ich nach fast 2 Monaten wieder Alkohol getrunken.

Eine Flasche Schnaps und mindestens 8 Bier haben dafür gesorgt, dass ich nachts um 1 Uhr 300 Gramm Schokolade gegessen habe, die ich danach voller inbrunst wieder ins Klo gekotzt habe. Ich hasse Alkohol, aber in den letzten zwei Wochen sind einfach ein paar beschissene Dinge passiert, die mich beschäftigen.

Ich habe nie gelernt anders mit Problemen umzugehen, als mich abzuschalten.

Ist ja auch einfach. Verdrängung. Oft frage ich mich, was andere so verdrängen, von dem niemand weiß… Die mir dann im Club begegnen, in der Toilettenschlange. Die Sonne scheint auf die Bank, links von mir blühen zwei Kirschbäume.

Mir ist schlecht.

Die nächste Party wird wohl an Ostern stattfinden. Ich versuche die Übelkeit zu überwinden, lege mich ausgestreckt auf die Bank und erstelle im Kopf eine Einkaufsliste – eine lange Liste mit Drogen.

Ich grinse, schicke diesen Text an Antoinette und versuche etwas zu dösen.

***

Keine Angst, M. und Antoinette Blume sind nicht für immer weg. In der Printausgabe anlässlich des 10. Jubiläums von frohfroh werden beide ihre Geschichte zu Ende erzählen – oder neu anfangen.

***

Anmerkung

Du hast ein Problem mit Drogen und/oder Sucht? Dir sind manche Stellen aus dem Text sehr nah? Auf diesen Seiten findest du Listen mit Adressen und Telefonnummern u. a. von Beratungsstellen, die dir Hilfe leisten können:

Suchthilfe Leipzig (Stadt Leipzig)

Übersicht regionaler Hilfsangebote (erstellt von DrugScouts)

Übersicht überregionaler Hilfsangebote (ebenfalls erstellt von DrugScouts)


Artwork(s)

Artwork von Manuel Schmieder.

Reisebericht: Balance Club / Culture Festival x Costa Rica + Mexiko

Es gibt eine neue Rubrik bei uns! Schon wieder! Dieses Mal geht es um Reisen. Reisen, die mit internationaler Clubkultur und fernen Musikfestivals, mit Techno in Russland, Kassetten-Labels in Chile oder Kulturpolitik in Costa Rica zu tun haben.

Den Anfang dieser neuen Rubrik machen Sarah Ulrich aka gal und Franz Thiem aka XVII, die im Frühjahr 2019 eine Forschungsreise nach Costa Rica und Mexiko unternommen haben. Ihr Reisebericht gibt einen Einblick in zwei ca. 9.500 km entfernte Länder und die dortige Club-Szene und stellt dabei eindringliche, spannende Fragen – auch an die eigene Lebenswelt.

von Sarah Ulrich und Franz Thiem

Die beiden Mitorganisator*innen des Balance Club / Culture Festival reisten im Rahmen des Hertzflimmern-Programms des Goethe-Instituts nach Costa Rica und Mexiko, um sich dort über feministisch-politische Strategien in der Clubkultur auszutauschen. Im Folgenden erzählen sie von Erfahrungen, Ernüchterungen und Empowerment.

Clubs sind häufig Orte, an dem eine kollektiv erlebte ekstatische Atmosphäre herrscht, die einen die Außenwelt, den Alltag, die Verpflichtungen für einen Moment vergessen lässt. Tanzflächen sind Orte der Alltagsflucht, der Hoffnung, der Freude und der Gemeinschaft. Identitäten werden neu erfunden, Rollenbilder aufgebrochen, soziale Hindernisse überwunden. Hierarchien zwischen Geschlechtern können aufgebrochen, Minderheiten sichtbar werden, Frauen sich sicher fühlen. Clubs können Orte temporärer Utopien sein – zumindest in der Idealvorstellung.

Denn sie sind gleichermaßen auch immer Teil einer Gesamtgesellschaft – und somit von sozialen, politischen und ökonomischen Prämissen abhängig. Wenn die Umgebung also nicht gerade Berlin oder Leipzig heißt, sondern San José, Tijuana oder Mexico City, dann sind die Möglichkeiten gleich ganz andere – und somit auch die Herausforderungen.

Doch wie lassen sich Ideale umsetzen? Welche Potentiale hat Clubkultur, politisch zu sein? Wie können Orte von marginalisierten Gruppen wie LGBTQI* Personen angeeignet werden? Welche Strategien zur Sichtbarkeit und Repräsentation gibt es? Kann Clubkultur auch Gegenkultur sein? Und wie lassen sich all die Erfahrungen auf einem internationalen Level verbinden?

Diesen Fragen haben wir uns im Februar/März auf unserer Recherchereise in Vorbereitung auf das Balance Club / Culture Festival in Kooperation mit dem Goethe-Institut Mexiko gewidmet. Ziel der Reise war es, mittels Podiumsdiskussionen mit lokalen politischen und kulturellen Akteuren sowie DJ-Gigs mehr über die lokalen Szenen und Strategien zu lernen, sich zu vernetzen und Erfahrungen auszutauschen. Im Folgenden wollen wir von unseren Erfahrungen und Erkenntnissen dieser Reise erzählen. Wir konzentrieren uns in diesem Text auf die inhaltlichen Perspektiven.

So viel sei schon mal vorweg gesagt: Wenn uns die Reise eines verdeutlicht hat, dann ist das, dass Clubkultur nur als politische Praxis Sinn macht, die als kulturelle Gegenbewegung agiert, Menschen empowert und Räume der Subversion schafft. Denn letztlich können auch Clubräume nur temporäre Utopien sein, die innerhalb einer Gesellschaft existieren, die eigentlich anders aussieht.

Clubkultur ist für uns also weit mehr als Party.

Clubkultur entspringt für uns einer emanzipatorischen Subkultur. Clubkultur ist Subversion, gesellschaftlicher Gegenentwurf, das Streben nach gesellschaftspolitischen Veränderungen, die Aneignung von Räumen, die Stärkung von Communities. Clubkultur ist unserer Ansicht nach nur dann sinnvoll, wenn sie in die Gesellschaft hinein wirkt und politische Veränderungen vorantreibt. Denn, wie Produzent, Autor und Performer Terre Thaemlitz im Kontext der Verbesserung von Bedürfnissen nach Gleichberechtigung in der Kulturindustrie schreibt: “Jegliche Steigerung der Bedürfnisse wird letztlich von größeren kulturellen Veränderungen abhängen.„

Nicht zuletzt wegen dieser Erkenntnis sind wir daher sehr dankbar für die Möglichkeit, von einem wichtigen kulturellen Akteur wie dem Goethe-Institut eingeladen worden zu sein. Denn der Kooperation geht eine grundlegende Anerkennung von Club- und Subkultur als wichtigen kulturellen Elementen einher – ein nicht immer selbstverständliches Thema, dem wir öfter begegnet sind.

San José (Costa Rica)

Von mangelnder Unterstützung und konservativer Repression

Begonnen hat unsere Reise in San José, Costa Rica. Schon die Vorrecherche gestaltete sich schwierig: Feministische Gruppen in Costa Rica beschäftigen sich vor allem mit Femiziden, also Frauenmorden. Gruppen, die sich vor allem im Bereich Repräsentation, Raumaneignung, Empowerment oder Clubkultur betätigen, waren nur schwer zu finden. Schnell wurde uns klar: Das politische Setting ist ein anderes – die Kämpfe in einem konservativ-katholisch geprägten Land viel grundlegender. Clubkultur ist also auch ein Privileg, das man erst einmal haben muss.

Da es vor Ort kein Goethe-Institut gibt, wurden die Veranstaltungen in Kooperation der Kulturabteilung der Deutschen Botschaft in Costa Rica organisiert. Inhaltlich war die Planung und Themensetzung jedoch uns überlassen – sodass wir auch die Podiumsgäste auswählen konnten. Um unsere Fragestellungen von Protagonist*innen vor Ort beantworten lassen zu können, luden wir drei Personen aus unterschiedlichen Perspektiven ein: Eine Vertreterin von Chicas al Frente, einem feministischen Netzwerk, das Räume von und für Frauen schafft, Ronald Bustamante, einem Musiker, der bereits viel im internationalen Kontext aktiv war sowie Rompiste mis Flores, eine Musikerin und feministische Aktivistin, die sich viel mit den Themen Repräsentation von Frauen und Sexismus beschäftigt.

Was als Podiumsdiskussion geplant war, wurde schließlich zum Talk in kleiner Runde und offenbarte, wie klein die Szene derer, die in irgendeiner Form kulturpolitisch aktiv sind, in der Hauptstadt Costa Ricas tatsächlich ist. Diejenigen, die vor Ort waren, waren jedoch größtenteils sehr an einem Austausch interessiert. Staatliche Repression von konservativer Seite wurde gleichermaßen thematisiert wie die geringe Sichtbarkeit von LGBTQI* Personen und der grassierende Sexismus der Gesellschaft. Fast alle subkulturellen Orte finden in kleinen Bars oder privaten Räumen statt – weder Clubkultur noch alternative Organisierungen werden durch offizielle Stellen als kulturelle Bereicherung wahrgenommen und dementsprechend auch nicht gefördert. Im Gegenteil: Läden werden geschlossen, feministische Aktivitäten als vulgär verpönt. Mit erheblichen Auswirkungen auf die Szene: Es findet kaum Vernetzung im politisch-kulturellen Sinne statt. Die meisten Räume, die existieren, sind sehr männlich geprägt und ein Bewusstsein für Gender Diversity, Diskriminierung und Hierarchien ist nur wenig verbreitet.

Auch das, was die Protagonist*innen über die Musikszene erzählen, ist frustrierend: Die Clubs, die es gibt, sind größtenteils Orte, in denen Mainstream-Musik läuft, Ladies Nights als Promo herhalten und in denen Frauen sich nicht sicher fühlen. Abgesehen von einzelnen Gruppen wie Chicas al Frente gibt es kaum ein Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit. Wenn Frauen im Line-Up auftauchen, dann  meist als schlechter als die männlichen Künstler bezahlter Support Act. Zwar habe sich im Bewusstsein der Kulturakteure über die vergangenen Jahre viel verändert, sagt Rompiste mis Flores, aber diskriminierendes Verhalten sei noch immer an der Tagesordnung.

„Aber es gibt auch einfach nicht so viele Frauen.“ Der zu erwartende Redebeitrag kommt von einem Mann aus dem Publikum. Doch, wie Monika von Chicas al Frente dagegenhält: In insgesamt über 30 Veranstaltungen mit weiblichen Künstlerinnen, die die Gruppe bereits organisiert hat, gab es noch keine einzelne Dopplung im Line-Up.

Es gibt sie also in Costa Rica, die Gegenkultur. Doch sie ist klein und erfährt wenig Unterstützung. Wir als Repräsentant*innen des Balance Festivals wurden viel nach Strategien gefragt, um den Status Quo zu verbessern. Unser Fazit zu dieser Begegnung: Die Szene braucht mehr Unterstützung, auch von außen. Das Bedürfnis nach Vernetzung ist sehr groß, um gemeinsam als politischer Akteur aufzutreten, sich öffentlich zu präsentieren, Forderungen zu stellen. Doch dafür braucht es Ressourcen.

Tijuana (Mexiko)

Das Verlangen nach Community

In Tijuana, der Grenzstadt im Norden Mexikos, die vor kurzem vor allem für die dort gestrandete als “Migrant*innen Karawane„ bezeichnete in den Medien war, fanden wir eine noch weitaus komplexere Community vor. Während die sub- und clubkulturellen Akteure in Costa Rica wenigstens finanziell noch auf gewisse Ressourcen und Infrastruktur zurückgreifen konnten, schien allein das in Tijuana nur schwer realisierbar zu sein.

Umso stärker ist das Bedürfnis der lokalen Community, viel grundlegender anzufangen: Statt einer Podiumsdiskussion, in der unsere Fragen behandelt werden, war es den lokalen Akteuren ein Anliegen, ein Netzwerktreffen zu organisieren, in dem die verschiedenen Themen und Fragen, die wir mitbringen zwar diskutiert werden, aber durch lokalspezifische Problematiken ergänzt werden. Das Ziel war weniger eine Diskussion über Strategien, Clubkultur zu politisieren, als vielmehr eine ganz grundlegende Zusammenkunft und Bestandsaufnahme des Status Quo.

Hauptakteurin war Haydee Jimenez, eine Kulturschaffende, die ihren Community-Space “Nett Nett„, in dem zu dieser Zeit eine Ausstellung über die Auswirkungen illegalisierter Schwangerschaftsabbrüche zu sehen war, als Ort der Zusammenkunft zur Verfügung stellte. Außerdem waren noch diverse weitere Protagonist*innen vor Ort: Feministinnen, Clubbetreiber*innen, kulturpolitisch Aktive. Darunter auch Marjam Oskoui, Inhaberin eines underground culture spaces in Los Angeles und Künstlerin und Damian, Betreiber des Wherehouse Tijuana, einem der wenigen Nachtbetriebe in Tijuana, die sich vom sexistisch-machistisch geprägten Mainstream abheben.

Auch bei dem Treffen in Tijuana wurde schnell deutlich: Zur gemeinsamen kultur- und gesellschaftspolitischen Handlungsfähigkeit braucht es eine Community.Erstaunlich war, dass die wenigen Anwesenden sich zwar größtenteils untereinander kannten, jedoch kaum jemals in Austausch über ihre Probleme und Strategien gekommen sind – was nicht nur zu internen Überforderungen (beispielsweise im Umgang mit Drogenkartellen, staatlicher Repression aber auch sexuellen Übergriffen), sondern auch zu Konflikten untereinander führt.

Nur wenige Orte bieten überhaupt den Raum für unabhängige und unkommerzielle Kulturarbeit, demnach gibt es auch nur wenig Austausch über das Mögliche und Nötige. Die Umsetzung einzelner Ziele wie die Repräsentation von marginalisierten Personen ist inhaltlich kaum Thema. Einzelne Versuche, queerfeministische Partyreihen zu starten, sind an mangelnder Unterstützung gescheitert. Doch auch, wenn der Status Quo in Tijuana mit zunehmender Repression von staatlicher Seite, Verschärfung der gesellschaftlichen wie ökonomischen Lage durch Sanktionen seitens der USA und grassierendem Sexismus innerhalb der Gesellschaft nur wenig Hoffnung auf subkulturelle Community-Arbeit macht – so waren sich die Protagonist*innen doch einig, dass es genau dies braucht, um weiter zu agieren.

Der Fokus in Tijuana lag also vor allem auf dem Austausch von Strategien zum Vernetzen und best practice Beispielen, wie die erfolgreich wirksame, vom Institut fuer Zukunft ins Leben gerufenen Kampagne gegen die Sperrstunde in Leipzig oder auch diverse community-building Maßnahmen, wie wir sie als politisch Aktive kennen. Doch auch hier sind die entscheidenden Faktoren die finanziellen wie infrastrukturellen Ressourcen, die vor Ort an allen Ecken und Enden fehlen. Während die Protagonist*innen in Tijuana vor allem dankbar über unseren Input und Moderation des Treffens waren, wurden für uns dabei vor allem zwei Dinge deutlich: Wie privilegiert wir in unseren Ressourcen und Möglichkeiten sind, kulturpolitisch aktiv und wirksam zu sein, sowie wie wertvoll eine subkulturell-emanzipatorische Szene ist.

Mexiko-Stadt

Viel Potential, wenige Ressourcen

Mexiko-Stadt, die Hauptstadt des Landes und elftgrößte Stadt der Welt, ermöglichte uns nochmal einen Perspektivwechsel auf die Frage nach den politischen Möglichkeiten von Clubkultur. Schon im Vorhinein wurde klar, dass es zahlreiche spannende feministische Aktivist*innen, Musiker*innen und Kulturschaffende gibt – wir konnten uns kaum entscheiden, wen wir tatsächlich für die Podiumsdiskussion einladen. Entschieden haben wir uns schließlich für Lucia Anaya, eine Kulturschaffende, die sich für Repräsentation von Frauen in der Musikindustrie einsetzt und Queer-Parties organisiert, Bruno, einen Repräsentanten des feministischen Postporno-Festivals Anormal, Havis aka DJ Guapis, eine Transfrau, die Räume und Parties für Transpersonen schafft sowie den Label- und Clubbetreiber Carlos Cruz.

Die Infrastruktur wurde hier dankenswerterweise vom Goethe-Institut organisiert, das Podium fand in einem professionellen Saal des spanischen Kulturzentrums statt. Somit war der Charakter der Veranstaltung aber auch ein ganz anderer, als bei den vorherigen aus der Subkultur der Orte entstehenden Treffen. Im Vergleich zu San José und Tijuana war es das erste Podium, das auch als solches, frontal und mit einem größeren Publikum, stattfand.

Was wir vorfinden konnten, war in vielen Weisen beeindruckend: Die Community in Mexiko Stadt ist nicht nur sehr groß und divers, sondern auch sehr gut organisiert und lokal wie auch international vernetzt. Die kulturellen und politischen Angebote sind sehr vielfältig und teilweise auch sehr viel differenzierter als in Deutschland. Die Szene ist international geprägt und wird auch international wahrgenommen – viele politische als auch clubkulturelle Akteure, insbesondere im subkulturellen und independent Bereich, werden auch in Deutschland wahrgenommen. Dennoch erzählten die Podiumsgäste auch hier von prekärer Arbeit, wenig Förderung und hohen Risiken der Selbstorganisierung – seien es finanzielle oder physische Gewalt gegen Transpersonen.

Das Beeindruckende an den Perspektiven der Podiumsgäste war die Gemeinsamkeit, dass alle aus einem politischen Bewusstsein heraus agieren. Ob Club, Festival, feministische Bar oder Party – die Räume existieren aus der Erkenntnis, dass es alternative Gegenentwürfe zum gesellschaftlichen Status Quo geben muss. Die grundlegende Auseinandersetzung mit Konzepten wie Awareness, Repräsentation, Sichtbarkeit oder Sexismus scheint weit fortgeschritten zu sein und in die Räume übertragen zu werden – auch wenn dies insbesondere im Clubkontext teilweise dennoch noch immer an der Realität der machistisch-geprägten mexikanischen Gesellschaft scheitert.

Was uns als Organisator*innen des Balance Club / Culture Festival insbesondere beeindruckt hat, war die enorme Solidarität innerhalb der Community. All die oben beschriebenen Räume sind das Ergebnis von Zusammenschlüssen marginalisierter und diskriminierter Personen, die den Club oder Kulturraum als Ort nehmen, sich gegenseitig zu empowern, solidarische Momente zu generieren und Kollektivität zu leben. Das dezidierte Ziel der Podiumsgäste ist es, diese Erfahrungen mit in den Alltag zu nehmen. Wir waren beeindruckt von der politischen Schlagkraft dieser kulturellen Orte und insbesondere der feministischen Kulturarbeit und sind überzeugt davon, dass Kulturschaffende wie politisch Aktive von dieser Art der kollektiven Organisierung viel lernen können.

Fazit

Ein internationaler emanzipatorischer Kulturaustausch kann nur reziprok funktionieren

Während wir an den drei Stationen unserer Recherchereise für das Balance Club / Culture Festival sowohl aus journalistischer, als auch aus der Perspektive von politisch Aktiven und Kulturschaffenden, viel über Strategien der Politisierung von Clubkultur lernen konnten, so bleibt unser Fazit doch mit einem bitteren Beigeschmack:

Es fehlt an Ressourcen. Während es in Deutschland vielfältige Fördermöglichkeiten und Unterstützung für Projekte gibt (wie beispielsweise die tolle Unterstützung des Goethe-Instituts, das diese Recherchereise erst ermöglicht hat), fehlt es in Mexiko und Costa Rica an genau diesen Stellen. Der Wille und die Ideen, sowie in einigen Fällen auch bereits die Strukturen vor Ort sind vorhanden – doch die mangelnde Anerkennung politisch-kultureller Gegenentwürfe wie der Etablierung einer emanzipatorischen Clubkultur erschwert die Arbeit ungemein.Was es bräuchte, um die internationale Vernetzung und den Austausch zu fördern und so tatsächlich auf Augenhöhe kulturpolitisch zu agieren, sind Modelle wechselseitiger Förderungen politisch und kulturell Aktiver.

Wir als Team des Balance Club / Culture Festival sind uns diesen Hierarchien bewusst und versuchen sie so gut es geht abzubauen. Wir sind daher sehr froh darüber, dass wir dank der Förderung der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Möglichkeit haben, die Musikerin, Techfeministin und Aktivistin Constanza Piña, die in Mexiko-Stadt lebt, zum Festival einladen können. Sie wird neben einem Workshop und einem Konzert auch einen Talk darüber geben, wie Techfeministinnen in Lateinamerika Räume frei von sexistischer Gewalt schaffen – und somit ideal an den durch unsere Reise angestoßenen Austausch über politische Perspektiven auf emanzipatorische Clubkultur anknüpfen. Für die weitere kulturpolitische Arbeit bleibt es essentiell, Privilegien zu hinterfragen und aufzudecken, internationale Perspektiven zu hören, Communities zu stärken und gegenseitig voneinander zu lernen – wir hoffen, dass wir in diesem Feld noch viele weitere spannende und empowernde Perspektiven kennenlernen dürfen.

***

Wir danken dem Goethe-Institut Mexiko, insbesondere Sarah Poppel und Sybille Ellermann für die Unterstützung und das Ermöglichen unserer Recherchereise. Außerdem danken wir den zahlreichen Kulturschaffenden und Aktivist*innen, die uns in San José, Tijuana und Mexiko-Stadt an ihren Erfahrungen und Perspektiven haben teil lassen.

gal + XVII = Carbon Dehydrate

Sarah Ulrich ist Journalistin und beschäftigt sich hauptsächlich mit gesellschafts- und kulturpolitischen Fragen. Sie schreibt u.a. für die taz, moderiert regelmäßig Podiumsdiskussionen und hält eigene Vorträge und Workshops. Zudem ist sie Mitglied des feministischen Netzwerks Feat.Fem und als DJ unter dem Namen gal bekannt.

Franz Thiem ist nicht nur einer der Betreiber*innen und unter dem Namen XVII Resident des Clubs Institut fuer Zukunft, sondern auch Teil des Kurator*innen-Teams des Balance Club / Culture Festivals. Gemeinsam mit Anja Kaiser, Jonas Holfeld, Anna Jehle, Kyle van Horn, Ulla Heinrich und Sarah Ulrich organisiert er das progressive Kulturfestival, das dieses Jahr zum zweiten Mal in Leipzig stattfindet.

Read on demand: Feat. Fem

Es gibt eine neue Rubrik bei uns: Read on demand. Hier stellen wir kurz und bündig Podcasts aus Leipzig vor. In unserer dritten Episode sprechen wir mit den Organisator*innen, die hinter dem (noch recht neuen) Feat.Fem – Podcast stecken.

Podcast:Feat. Fem
Laufende Nummer:#3
Gibt es seit:01.01.2019
Musikalischer Fokus:Divers
 


NOTE NOTE –

Podcast? Podcast! = ein episodenhafter Audio- oder Videobeitrag, der über das Internet gehört werden kann. Podcast ist ein Kofferwort, welches sich aus den beiden Wörtern iPod, der offenbar maßgeblich am Erfolg der Podcastkultur beteiligt war, sowie cast, einer Abkürzung des Wortes Broadcast (Rundfunk) zusammensetzt.

(Quelle: Oxford English Dictionary)

Read on demand geht in die dritte Runde. Dieses Mal mit einem Podcast, der erst dieses Jahr an den Start ging, aber schon in kürzester Zeit die Runde machte: Der Feat. Fem – Podcast.

Nicht ganz unschuldig daran ist der schon etablierte Name – das Netzwerk namens Feat. Fem kennen schon viele Künstler*innen und Clubinteressierte.

Wie sich der Podcast bisher entwickelt hat und wo er sich noch entwickeln kann, haben uns die Macher*innen der Podcast-AG beantwortet.

Der Feat. Fem – Podcast:

ff: Ein Podcast bei euch besteht aus..? Feat. Fem: Einem DJ Mix oder auch Live-Kreationen und einer Künstler*innenvorstellung in Form eines Texts. Dazu posten wir das Ganze bei Insta- und Facebook. Es sollen auch Audiomitschnitte von feministischen Diskussionen, Panels und Interviews hinzukommen.

Der musikalische Fokus liegt auf…? Musikalisch ist unser Podcast recht divers, um die Vielfalt unseres Netzwerks Feat. Fem abzubilden.

Wie sieht es mit den Rahmenbedingungen bzw. Vorgaben bei euch aus? Ein Podcast bei Feat. Fem besteht max. aus 58 Min und die Musik stammt von DJs und Produzent*innen aus und um das Netzwerk herum. Zunächst ist Leipzig und Umgebung dran – aber wir halten uns auch Möglichkeiten an Kooperationen außerhalb (zum Beispiel mit anderen Netzwerken) offen.

Die drei Podcasts… äh, moment, bei Feat. Fem gibt es ja bisher ’nur‘ drei Podcasts. Umso besser, dann ist die Auswahl ganz leicht:

1. #1 Dyscotheque

2. #2 von illousion

3. #3 von ANTR

Wieso habt ihr diese Podcast-Reihe ins Leben gerufen? Die Idee kam vor etwas über einem Jahr aus dem Netzwerk heraus, also haben wir uns dann als Podcast-Gruppe formiert und begonnen, ein Konzept auszuarbeiten.

Der Podcast ist damit u.a. eine Reaktion auf das Argument, es gäbe „nicht genug Frauen*, die man booken könne“.

Weiterhin steht das Empowerment von FLTI*-Personen in der Musik und Kunst ebenfalls im Vordergrund. Da wir kein DJ-Kollektiv sind oder sein wollen, möchten wir in Zukunft auch feministische Diskurse im Podcast abbilden.

Wie werden die Künstler*innen für euren Podcast ausgewählt? Kann man sich bewerben? Bisher sind die Podcasts von Künstler*innen aus dem Netzwerk und Umgebung entstanden.

Wir freuen uns aber über Anfragen und Zusendungen!

Gibt es ein Konzept nach dem ausgewählt wird? Der Feat. Fem Podcast soll eine Plattform sowohl für Newcomer*innen als auch für bekanntere bzw. erfahrenere DJs bieten. Besonders wollen wir FLTI*-Personen in den Podcast miteinbeziehen.

Was motiviert euch, die Podcastreihe zu befüttern, also regelmäßig Zeit und Arbeit reinzustecken? Es ist eine Mischung aus Newcomer*innen fördern, unser Netzwerk stärken,

Sichtbarkeit für weibliche* Kulturarbeiter*innen, DJ*s und Produzent*innen erhöhen…

Auf lange Sicht hoffen wir, damit zu etwas ausgeglicheneren Geschlechterverhältnissen im Bereich des Clubs, der Kultur und der Kunst beizutragen.

Für das neue Design der Grafiken auf Soundcloud ist Stefanie Wittrisch zuständig. Hinter der Organisation des Podcasts stecken übrigens Emily aka Janthe, Judith Van Waterkant, Zoya, Lou aka illousion und Carlotta Jacobi.

Put On Your Dancing Shoes Teil III – Locking – Feel the Funk!

Für gewöhnlich lassen sich Türen abschließen, manche lassen sich gar recht gut und massiv verriegeln. Um Türen soll es heute allerdings nicht gehen, sondern um Locking – und was Verriegeln denn im Tanz zu suchen hat.

Locking aka Campbellocking ist eng mit Soul und Funk verbunden und hat eben genau da auch seine Ursprünge. Also werfen wir einen etwas genaueren Blick zurück in die Geschichte, denn Locking ist 2019 zwar noch lebendig, allerdings droht der Tanzstil immer wieder in Vergessenheit zu geraten.

Und vor allem weil kaum ein urbaner Tanz so sehr mit ‚Social Dance‘, ein Begriff der uns innerhalb der Reihe schon mehrmals untergekommen ist und immer wieder begleiten wird, verbunden ist wie eben Locking.

Die Wurzeln und das Movement von Locking liegen tief in der Social Party Scene, welche Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre ihren Höhepunkt hatte. Viele missverstehen den Begriff und nennen es Soul-Dance, doch die anfängliche Gründung sollte sozial sein und war nicht als Performance oder Wettbewerb ausgelegt.

Der innige Wunsch nach mehr Gemeinschaft und Zusammenhalt wurde durch Tanz und Musik ausgedrückt, denn auf diese Weise konnten gesellschaftliche, alltägliche und persönliche Geschichten weitergetragen werden. Künstler wie Marvin Gaye, James Brown, Curtis Mayfield und Issac Hayes offenbarten dieses Sozialbewusstsein und drückten die Gedanken und Gefühle der Menschen mit ihren Songs aus.

Dabei waren die Tänze und ihre Musik inspiriert von den Themen der 1960er Jahre und der Bürgerrechtsbewegung, die in den Vereinigten Staaten vor allem eine antirassistische, soziale Bewegung war und sich für eine Gleichberechtigung und Durchsetzung der Bürgerrechte Afroamerikaner einsetzte.

Den Durchbruch erlebte der Social Dance mit der US-amerikanischen Fernsehsendung „Soul Train“, die ab 1971 landesweit einmal wöchentlich am Spätnachmittag gesendet wurde. In der Show präsentierte man auf einer kleinen Bühne Funkbands, Rhythm & Blues, Soul und später auch Hip-Hop-Musiker, welche von diversen TänzerInnen umgeben waren.

Soul Train

wurde zum Portal und enthüllte der Welt seine Kreativität. Die afroamerikanische Jugend zeigte sich stolz mit ihren großen Afro-Frisuren und farbenfroher Kleidung. Das wichtigste Element waren jedoch die Line-Dancer, die gemeinsam eine Gasse bildeten durch die man wie auf einem Laufsteg hindurch tanzen musste. Teilnehmen konnte jede*r und am Ende gewann das Team, welches die beste Performance darbieten konnte.

Dieses Tanzformat hat zur Identität sowie Beliebtheit der Show beitrugen und wurde Mittelpunkt der Sendung. Soul Train ist dazu die erste amerikanische Show, die hauptsächlich ein schwarzes Publikum ansprach, da in den 1960er Jahren Afroamerikaner in den Medien nur sehr selten präsent waren. Somit erfüllte sie auch die Ziele der Bürgerrechtsbewegung und erfreute sich einer besonders großen Popularität.

Die Sendung löste einen regelrechten Hype aus und wurde mit über 1100 Episoden zu einer der erfolgreichsten Shows im Land, welche bis 2006 produziert wurde.

Durch die Fernsehsendung wurden nicht nur viele TänzerInnen sondern auch ihre Tänze sehr populär. Rufes Thomas beispielsweise produzierte Songs wie „Breakdown“ oder „Funky Chicken“ und gab Tanzschritten wie „The Funky Chicken“ sozusagen ein musikalisches Gewand.

https://www.youtube.com/watch?v=KB5sMYw37gw

Diese und viele weitere Schritte wurden ursprünglich einfach als Partytänze bezeichnet und waren dementsprechend häufig bei Soul Train zu sehen. Der „Lock“ selbst wurde von Don Campbell entwickelt, als er einige Party-Tänze wie bspw. „The Robot Shuffle“ oder „The Funky Chicken“ tanzte und seinen eigenen Flair mit einbaute, in dem er einfach nach einer Bewegung eingefroren ist. Dieser Stil wurde als „Lock“ bezeichnet.

So hat sich Locking oder Campbellocking zu einer Tanzkunstform mit improvisierten Bewegungen, welche alle groß und teilweise übertrieben dargestellt werden, entwickelt. Typische Locking-Bewegungskombinationen tragen oft Namen aus dem Cartoonbereich wie zum Beispiel „Scooby Doo oder „Skeeter Rabbit“, da die Inspiration einiger TänzerInnen unter anderem aus den Zeichentrickfilmen kam und man versuchte diese typischen und witzigen Bewegungen nach zu ahmen.

Nach dem man den Tanz im Nationalen Fernsehen sah, löste er ein Tanzphänomen aus, das sich von der Innenstadt von Los Angeles über das ganze Land ausbreitete und Nachahmer fand. Die Original Locker´s, bildeten rund um Don Campbell eine der ersten Tanzformationen und erarbeiteten mit dem neuen Tanzstil ganze Shows mit denen sie auf großen Bühnen auftraten.

Sie waren maßgeblich dafür verantwortlich, das Locking sich soweit verbreitet hat und eine der fundamentalen Grundlagen der urbanen kulturellen Bewegung geworden ist.

Es gibt verschiedene historische Berichte über die Entstehung von Locking aber auf hier findet man eine Zusammenstellung der historischen Ereignisse, auf der die Informationen von Augenzeugen, Mitwirkenden und Originalschöpfern erster Hand weitergegeben werden.

Wenn man sich heute in der urbanen Tanz-Szene umschaut, könnte man meinen, dass Locking eher eine Randbewegung ist und nur noch sehr wenig verbreitet ist. Während die meisten Tänzer*innen in den 80er Jahren noch Breakdance, Popping und Locking zusammen tanzten und man die Stile nicht so sehr voneinander getrennt hat, findet man heute eine deutliche Separierung der Tanzformen.

Das hat sicher viele Gründe aber der wichtigste ist wohl die Weiterentwicklung der Musik und Spezialisierung verschiedener Musik-Genre. Interessant ist jedoch, warum es heute so wenig Locking-Tänzer*innen gibt, während man doch die Breaking und Popping-Tänzer*innen kaum noch zählen kann.

Warum das so ist, wollte Daniel von der Leipziger Klein Paris Crew 2017 etwas genauer wissen:

„Auf meiner fünfmonatigen Reise durch Europa habe ich versucht 2017 dieser Frage auf den Grund zu gehen und mich mit den wenigen Locking Tänzer*innen getroffen, die ich damals ausfindig machen konnte. Dies hat im Vorfeld eine umfassende Recherche in den sozialen Medien gebraucht und viele Besuche bei diversen Events, um die nötigen Kontakte zu knüpfen.

Nachdem also mein geliebter VW T4, mein Kumpel Ken und ich viele 1000 km zurückgelegt haben, konnte ich einige interessante Entdeckungen über die seltene und etwas schüchterne Spezies der Locking-Tänzer*innen machen.

Richtig ist, das Locking nur noch von sehr wenigen Tänzer*innen aktiv getanzt wird. Viele kennen Locking und können einige Basics, aber nur sehr wenige haben ihren Fokus auf diesen Tanzstil gelegt und sich fundiertes Wissen angeeignet.

Jedoch findet man in den meisten größeren Städten ein bis zwei Locking- Tänzer*innen, die mehr oder weniger aktiv trainieren und versuchen ihr Wissen an die nächste Generation weiterzugeben.

Ein großer Kritikpunkt über den sich alle einig sind, ist der gefühlte Stillstand der Funk-Musik. Gehen wir heute auf eine Funk-Party hören wir immer noch die gleiche Musik wie vor 40 Jahren, mit wenigen ausnahmen vielleicht. Das heißt während die DJs für Breaking und Hip Hop – Tänzer*innen immer wieder neue Musik suchen und präsentieren, welche auf den Markt strömt, tanzt man bei Funk immer noch zu den gleichen Songs.

Somit ist der Kreislauf: Musiker*in – DJ – Tänzer*in unterbrochen, denn moderne Funkbands oder vom Funk inspirierte Musik gibt es, nur hört man diese zu wenig in Clubs, weil zu wenige DJs nach neuer Musik aus diesem Genre Ausschau halten.

Und ähnlich wie in den Clubs, so bieten auch nur sehr wenige Battles die Kategorie Locking an. Dabei sind Battles mittlerweile fast die einzigen Möglichkeiten für Tänzer*innen zusammenzukommen und sich auszutauschen.

Außerdem gibt es einen großen Generationskonflikt zwischen den Pionieren der ersten Locking Ära und der neuen Generation, welche versucht das Movement von Locking weiter zu entwickeln.

Oldschooler beharren darauf, dass Locking genau so auszusehen hat wie Don Cambell es erfunden hat, was der Weiterentwicklung Grenzen setzt und man sich in einer kleinen Box bewegt.

Voraussetzung für die Weiterentwicklung ist natürlich, dass man sich intensiv mit dem Tanz, den Grundlagen und der Herkunft beschäftigt hat, um nicht nur die Bewegungen nachzuahmen; darüber sind sich alle einig.
Trotzdem erfreut sich Locking heute immer noch einer großen Beliebtheit und ist oft eines der Highlights bei Tanz-Veranstaltungen.

Die Power des Funk und der Spirit des Tanzes

sind definitiv nicht verloren gegangen und die Essenz des Social Dance steht immer noch bei den meisten Vertreter*innen im Vordergrund.

In den letzten Jahren ist das Interesse an diesem Stil wieder deutlich gestiegen und es finden sich immer mehr Tänzer*innen, welche diese in den Hintergrund geratene Form des Ausdrucks erlernen wollen und an Dritte weitergeben.“

Scheint also nicht so ganz einfach mit dem Verriegeln im Jahre 2019. Hat man aber den Vibe und den Funk einmal live gespürt, wird man die positive Energie, welche diese Tanzform umgibt, nicht mehr so schnell los.

Also lasst euch gerne von Daniels Playlist anstecken!

https://www.youtube.com/watch?v=NrROsDDxJas

https://www.youtube.com/watch?v=nwjKPRTqAOU&t=82s

https://www.youtube.com/watch?v=qiqiKdSxuzU

Foto von Enrico Müller.

Homesick „Burnout 2099 EP“ (Defrostatica)

Seit ein paar Wochen ist das zehnte Release auf Defrostatica erhältlich.

Defrostatica startet 2019 mit dem zehnten Release. Sechs Tracks von Homesick aus Kanada befinden sich auf der „Burnout 2099 EP“. Gleich zu Beginn gibt es eine Premiere: Der erste Track auf Defrostatica, auf dem Rap zu hören ist. „Running On Empty“ featuret So Loki am Mic und ist ein klarer Banger. Natürlich eine konsequente Geschichte, bezieht Defrostatica schon immer einen Hip Hop-Einfluss ein.

Herrlich, wie der Kopfnicker-Beat des ersten Track auf „Give It To Em“ auf sehr technische Weise weitergeführt wird und plötzlich im letzten Drittel des Tracks ganz relaxte, fast jazzige Flächen eingeworfen werden und genauso schnell wieder verschwinden.

Mit „Afronta!“ taucht dann ein Dancehall-Flavour auf, den es bisher so noch nicht auf Defrostatica gab und der mit Scratching, Vocal-Samples und Jungle-Breakbeats kombiniert wird. Ruffes Ding!

Der Titeltrack „Burnout 2099“ teast immer wieder Jungle und Footwork an, verharrt aber im Halfstep, bevor es richtig los geht und baut damit eine krasse Spannung auf. Auch „Get Back Up“ deutet die Beats eher an, hinzu kommen zerstückelte oder vielmehr zerblubberte Vocals. Und dann beendet „Carbob“ die EP zunächst mit gephaserten, danach vertrackten Beats, die von relaxten Melodien kontrastiert werden. Tolle Umsetzung!

Es ist wirklich faszinierend, wie lässig und gleichzeitig verspielt Homesick hier die verschiedenen Genres anreißt. Dabei fühlt sich die EP auch fast wie ein Mixtape an, kann also wunderbar am Stück gehört werden, ist aber auch super DJ-Futter. Der Ansatz, auf langatmige Intros zu verzichten und gleich zur Sache zu kommen, zahlt sich also aus.

Ein kleiner Wermutstropfen: Die 12″ ist schon längst vergriffen! Zum Trost könnt ihr aber an diesem Wochenende via Bandcamp die restlichen Platten des Labels für schmale 4 € erwerben.

FLTI* Ableton User Group – Wo, wann und warum?

Produzent*innen (und die, die es werden wollen) aufgepasst! Seit Anfang letzten Jahres hat sich eine Arbeitsgruppe inmitten des Ableton User Group – Workshops, der im Institut fuer Zukunft stattfindet, formiert. Die Gruppe startet ab April mit einem Anfänger*innen-Programm und mischt bereits an mehreren Ecken in Leipzigs Musikszene mit. Grund genug, sich mit einem Teil der Organisator*innen zu verabreden.

 

Von Austausch bis Mentoring: FLTI* AUG

Wer noch nie etwas von Ableton oder den Treffen (User Groups) gehört hat, kann die wichtigsten Facts kurz und knapp im Infokasten nachlesen. Die Neuigkeit: Es gibt seit kurzem eine FLTI*-Group innerhalb des etablierten Workshops in Leipzig. 

Wir wollen genauer wissen, was sie vorhaben, für wen die Workshopreihe gedacht ist und welche strukturellen Probleme auch vor dem elektronischen Musikkosmos in Leipzig nicht Halt machen.

 

 


NOTE NOTE –

Ableton User Group Workshops finden international an vielen verschiedenen Orten statt. Sie sind dazu da, eine gemeinsame Plattform abseits von Foren (im real life!) zum Produzieren (vornehmlich mit Ableton Live, da von der Berliner Softwarefirma organisiert) von Musik zu schaffen. Hier finden Jams, Austausch, Vorträge und intensive Workshops statt. In Leipzig finden die Treffen im Institut fuer Zukunft statt.

FLTI* steht als Abkürzung für Frauen, Lesben, Trans*, Inter* und wird oft für (Schutz-)Räume verwendet, zu denen Cis-Männer keinen Zutritt haben. Der Asterisk* (das Sternchen „*“) am Ende der Abkürzung dient als Platzhalter zur Inklusion (Einbeziehung) von allen nicht-binären Geschlechtsidentitäten.

Das lateinische Präfix „cis-„ (auf dieser Seite, diesseits, binnen, innerhalb) bildet das Antonym also Gegenteil von trans- (über-, hinüber-, durch-, hindurch-). „Cis“ und Begriffe wie „cisgender“, wurden von der trans*-Bewegung eingeführt, um trans* nicht immer als die Abweichung von der Norm zu definieren.

Quelle FLTI*/Cis: Sauer, Arn (2018): LSBTIQ-Lexikon. Grundständig überarbeitete Lizenzausgabe des Glossars des Netzwerkes Trans*Inter*Sektionalität.

 

Finally, könnte man denken. Denn die Idee dazu schwelt schon ein Jahr. Mit einem Organisationsteam und den passenden Anträgen bei verschiedenen Förder*innen hat es nun geklappt und das Workshop-Programm für das Jahr 2019 steht: Regelmäßige Treffen zum Austausch, One-on-One-Mentoring und ein mehrmonatiges Angebot für Anfänger*innen.

Jeden zweiten Dienstag im Monat wird die FLTI* AUG also das Institut fuer Zukunft auf Trakt I belegen. Der bisherige Workshop wird weiterhin am letzten Dienstag des Monats stattfinden.

Dass sich die Termine nicht überkreuzen, war den Macher*innen des FLTI*-Workshops von Anfang an wichtig: „Wir sind keine Konkurrenz-Workshops. Natürlich sind wir stark verquickt, stellen aber ein wichtiges Zusatzangebot dar. Wir haben für uns den Begriff Arbeitsgruppe gewählt – denn am besten besuchen unsere Teilnehmenden auch den ‚großen‘ Workshop. Trotzdem ist es wichtig, dass wir einen intimen Rahmen für FLTI*-Personen schaffen und so einen zusätzlichen Raum einnehmen können“, erklären sie.

„Wir haben bisher das Feedback bekommen, dass es gerade für Einsteiger*innen angenehm ist, keinem so großen Publikum und damit nicht so vielen Ohren ausgesetzt zu sein. So kommt es dann auch viel leichter zum Austausch, was super ist.“

Die Teilnehmenden helfen sich damit selbstverständlich und ganz easy untereinander, was den vier Organizer*innen bei bisher 15-20 Personen nicht nur einiges an Arbeit abnimmt, sondern auch für die einzelnen Produzierenden einen Mehrwert darstellt. Dazu kommt das Mentoring-Angebot, bei dem ein intensives One-on-One-Training im Tandem-Style aufgezogen wird.

 

Kein Tropfen auf den heißen Stein

Die FLTI*-Group ist für die Organizer*innen nicht nur Fun (was es natürlich auch ist!), sondern auch ein Engagement im politischen Sinne. Ihr Angebot richtet sich bewusst an FLTI*-Personen, also an Frauen*Inter*Trans und non-binäre Menschen.

Warum? Ganz einfach: Das Problem struktureller Benachteiligung von FLTI* und mehrfach benachteiligter Menschen (People of Color oder Menschen mit Beeinträchtigung_en) zeigt sich in fehlenden Angeboten, weniger oder fehlender Sichtbarkeit im Vergleich zu (Cis-)Männern und nicht zuletzt in Diskriminierung, wenn es zum Booking oder der Auswahl für Releases kommt.

„Unser Empowerment und Support soll das Bild des (cis-)männlichen Produzierenden aufbrechen.

Wir wollen mit unseren Treffen kein Tropfen auf den heißen Stein sein. Es sollen spürbare Veränderungen angestoßen werden.“

Und dass sie mit ihrer Idee und ihrem Konzept einen Nerv in Leipzigs Subkultur treffen, zeigt sich (unter anderem) am Zulauf der Gruppe. Aus zwei-drei regelmäßigen Besucher*innen wurden schnell 15-20 Interessierte.

Während sich in der bisherigen Gruppe ein Fokus auf Techno ergeben hat, treffen in der FLTI*-Gruppe unterschiedlichste Genres zusammen: Hip Hop-, Trance- oder Deep House-Tracks wurden bisher bei den Treffen abgehört. Natürlich sind auch Techno-Produzierende vertreten.

Die gestellten Förderanträge wurden mittlerweile bewilligt – as I said, das Thema trifft einen Nerv. Mit diesem finanziellen Rückhalt kann es im April mit der ersten aufwändige(re)n Workshop-Reihe losgehen, die sich an Anfänger*innen richtet. Leiten wird die Einsteiger*innen-Workshops, die über fünf Monate angelegt sind, Ableton-Trainer*in SupaKC.

Übrigens: Die Workshops (beider Gruppen) sind kostenlos!

Wer jetzt Blut geleckt hat und auch mit dem Produzieren elektronischer Musik anfangen möchte oder auch schon den ein oder anderen Track auf der Festplatte rumschwirren hat und Feedback oder Tipps dazu einsammeln möchte – das Programm der FLTI*-AUG lest ihr en détail hier:

9. April 2019: FLTI* AUG – Anfänger*innen Workshop mit SupaKC (Teil I) 

Die Macher*innen erklären dazu: „In der ersten zweistündigen Session wird KC uns mit der Oberfläche vertraut machen, damit wir uns zurechtfinden: wie richte ich alles ein, damit ich mit dem Produzieren anfangen kann?  Was muss ich bei den Einstellungen beachten? Was gibt es überhaupt für unterschiedliche Elemente und Ansichten?  Falls nach dem Workshop noch Lust und Kapazität da ist, können wir unsere Tracks abhören und uns austauschen.“

Die FLTI* AUG wird gefördert von Ableton und der Strategie „Leipzig. Ort der Vielfalt“ (Stadt Leipzig). 

Artwork von Stefanie Wittrisch / Foto von SupaKC.