Gegenwind für die Sperrstunde

Seit einem Monat ist die Sperrstunde für Leipziger Clubs ein Thema, das eigentlich keines mehr sein sollte. Eine Online-Petition erhöht nun den Druck auf die Stadtverwaltung.

Es ging alles sehr schnell. So schnell, dass ich zwischen Arbeit und Urlaub gar nicht hinterher kam, das Thema bei frohfroh aufzugreifen. Die Geschichte dürfte mittlerweile hinreichend bekannt sein: Thump, Kreuzer und LVZ Online berichteten ausführlich darüber, dass das Institut fuer Zukunft seit Anfang Juni die Sperrstunde von 5 bis 6 Uhr einhalten muss. Obwohl sie bisher trotz einer Landesregelung in Leipzig keine Rolle spielte.

Nach Anwohnerbeschwerden wegen Lärms gegenüber dem IfZ wird die Sperrstunde aber nun plötzlich als Sanktionsmittel vom Ordnungsamt eingesetzt – komischerweise nur gegen das IfZ. Dass dies nicht so bleiben muss, ahnen natürlich auch die anderen Clubs der Stadt. Jürgen Kasek, der das IfZ als rechtlich in der Angelegenheit unterstützt, hat Ende Juni eine Online-Petition gestartet, die dem Stadtrat die Relevanz der Clubkultur für das Leipziger Kulturleben deutlich machen soll und die fordert, dass die völlig überholte Idee einer Sperr- und Putzstunde in Leipzig nicht weiter verfolgt werden sollte.

Denn: So gern sich das Stadtmarketing Leipzig als jung und hip und kreativ hinstellt, so provinziell mutet die derzeitige ordnungspolitische Diskussion um die Sperrstunde an. Am Ende würde sich die Stadt selbst ein Bein stellen, wenn sie der mittlerweile international ausstrahlenden Clubszene Leipzigs einen solchen Brocken in den Weg legt.

Über 6.500 Unterstützer/-innen haben die Petition bereits unterschrieben. Durch verschiedene Gespräche des IfZ mit dem Ordnungs- und Kulturamt sowie Support von einigen Politikern/-innen kommt das Thema Sperrstunde auf die Agenda der nächsten Stadtratssitzung Ende August. Der Gegenwind dürfte im Rathaus bereits jetzt deutlich zu spüren sein.



Neozaïre „Apothecary Dream“ (Fauxpas Musik)

Eine EP zum Versinken: Mit „Apothecary Dream“ wünschen Fauxpas Musik angenehme Träume.

Wenn auch ihr völlig ermattet von der Hitze auf dem Sofa, der Wiese oder dem Fußweg herumliegt, dann hat das inzwischen in Leipzig ansässige Label Fauxpas Musik mit der „Apothecary Dream“-12″ die passende Begleitmusik für euch. Na gut, der Titel deutet darauf hin, dass eher andere Auslöser anstelle klimatischer Bedingungen für jene Mattheit eine Rolle spielen können.

Jedenfalls gibt es auf der 23. Single des Labels fünf atmosphärische Tracks von Neozaïre, die zum Wegdämmern einladen. Das ist nicht negativ gemeint: Die sehr behutsam komponierten, verträumt wirkenden Stücke strahlen eine Friedfertigkeit aus, dass man sich davon fraglos in den Schlaf begleiten lassen kann. Zudem besitzen die Stücke auch ausreichend Bass für den Einsatz besonderer Club-Momente.

Neben der fünf Stücke gibt es noch einen Synkro-Remix von „Blue Bell Treasure“. Glücklicherweise versucht der aber nicht, dem Stück einen Dancefloor-tauglichen Beat zu verpassen, sondern spinnt den Ambient-Ansatz weiter und fügt ihm hier und da eine eigene Note hinzu. Beide Versionen sind hintereinander gestellt, wodurch sie wie ein langer, geteilter Track wirken. Damit fügt sich der Remix in die Gesamterzählung der EP passend ein.

Die EP ist im übrigen bereits als Kassette in einer nicht besonders hohen Auflage von 50 Stück erschienen. Gut also, dass Fauxpas nochmal die Stücke auf Vinyl hinterherschiebt. Welches Format zum Schlummern besser geeignet ist, müsst ihr selbst herausfinden. Angenehme Träume!

Afterhour #7 – Tsorn

Tsorn steht im Mittelpunkt der neuen Afterhour-Kolumne. Und musikalischer Zorn, der aber nicht nur einfache Ballerei ist. Aber lest und hört selbst.

In medias res: Geschlechtslos
Ob ich kategorielos schreiben könnte, fragt mich Tsorn. Was das genau heißt? Auf Pronomen und die Einkategorisierung von Mann/Frau verzichten, einfach immer nur Tsorn schreiben. Ja, klar, kann ich machen – finde ich spannend.

Aber Tsorn einfach nur immer Tsorn nennen, das sieht erstmal ungewohnt für die werten Leser aus. Man sollte es kurz erklären, damit es sinnig ist – was ich hiermit getan habe. Tsorn, kein er, kein sie, keine Gendergap, einfach Tsorn. Ok, wird gemacht und ihr wisst Bescheid. Und jetzt: Lest bestenfalls weiter und klickt alle Links durch.

Steckbrief
Lieblingsclub?Zoro
Zuhausemusik?Punk
Credo?Hauptsache ballern

„Hauptsache ballern“
Das Credo Tsorns könnte man auch falsch verstehen – ist aber eher ein Kokett-Spiel mit der eigenen Lifestyle-Feier-Vergangenheit und der Besessenheit, die eben dieses früher umgab. Heute eher weniger Ballerei, was auch immer das heißen mag, wenn dann nur produktiv als Künstler_in. Denn das ist Tsorn: produzierender Liveact, seit etwa vier Jahren. Tsorn spielte in dieser Zeit schon mehr als einmal im Zoro und im Institut fuer Zukunft in Leipzig, beim Reich x Schön Festival oder im About Blank in Berlin.

Auf Electro-Partys sah man Tsorn schon mit 16, damals in der Gast- und Konsumentenrolle. Mit heute 26 hat Tsorn doch eine ganz ansehnlich-lange-gute Feierexpertise. Vor ein paar Jahren nahm Tsorn sich hiervon dann eine einjährige Pause. Weg vom Feiern, hin zum Künstlersein. Die Feiererfahrung als Lebensinhalt ist vergangen; aus guten Gründen. Ein Besuch oder Auftritt im Nachtleben hat Seltenheitswert, auch wenn Tsorn öfter ausgehen und live spielen könnte, wenn eben genannter Charakter denn wollen würde.

Was ist dann die Motivation hinter der Musik, wenn es nicht das Teilnehmen und Feiern ist? „Es geht mir weniger um Auftritte, als um meine persönliche musikalische Weiterentwicklung. Auch ohne Publikum.“

“Ich will mich eher mal wieder selbst überraschen“

So sagt es Tsorn. Überraschend schön ist es, T. dann doch ab und zu im Nachtleben zu begegnen und gemeinsam die restlichen Entwicklungen des Technos in Leipzig zu erörtern.

Die Männerdominanz im Techno
„Och echt, schon wieder? Hat die eigentlich auch noch andere Themen?“, höre ich es jetzt schon durch die Gänge zischen. Ja, tatsächlich, schon wieder das leidige Thema Umstrukturierung … Nein, ernsthaft. Künstler_innen, Booker_innen, Liveacts, Kollektivisten und DJs werden so lange „schon wieder“ damit anfangen, bis sich nachhaltig (und damit sind auch die großen, internationalen Festivals und Clubs gemeint) eine gleichberechtigte Struktur darstellt, vollzieht und sich „etwas ändert“.

So auch Tsorn, die das Thema offen und oft anspricht. Die Männerdominanz im Techno nervt. Ärgert uns, wir sind uns einig. Tsorn mag daher die Partys der No Show-Crew, bei denen T. auch schon als Liveact gebucht wurde, sehr.

So wie ich. Weil hiermit subtil eine Message und Haltung vertreten wird, ohne die obligatorische Einkategorisierung „Female Line-up“. Wir verstehen uns also auf Anhieb richtig und vor allem gut. Schöner Schluss eines sonst eher tristen Vormittags.
Merci, Tsorn.

Ts = Z
Zum Abschluss verrate ich euch noch die Bedeutung des Künstlernamens, der sich gezwungenermaßen-überdiemaßen oft im Text liest. Eine der sieben Todsünden – Zorn. Voilà.

Übrigens: Tsorn am Bass bei The Heroine Whores.

Foto von Henry W. Laurisch
Artwork von Manuel Schmieder

Talk Talk – Wie an der Clubtür ausgewählt wird – Erkan

Kathi hat sich für unseren neuen Talk Talk-Podcast mit Erkan von Movement Security getroffen und wollte wissen, wie ein Türsteher arbeitet – und, ob Türsteher überhaupt noch der richtige Begriff dafür ist.

Dass zwielichtige Rockerbanden die Clubtüren Leipzigs kontrollieren, scheint lange her. Das Türsteher-Business ist mittlerweile ein professionelles Gewerbe und Secus durchlaufen eine Ausbildung, bei der am Ende ein offizielles Zertifikat erworben werden muss. Sie stehen nicht nur vor der Tür, sondern sorgen für Sicherheit auf der Tanzfläche, wenden Deeskalationsstrategien an, sind Ersthelfer und wählen sorgsam aus, wer rein darf und wer nicht.

In der neuen Talk Talk-Folge erzählt Erkan von Movement Security, wie selektiert wird und was Leipzigs Clubtüren von denen anderer Städte unterscheidet. Außerdem stellen sich die hiesigen Clubs durch ihre Willkommenskultur einer neuen Herausforderung. Das Conne Island führte beispielsweise den „Refugees-Fünfziger“ ein, um Migrant_innen das Mitfeiern zu erleichtern. Das hatte nicht nur positive Folgen – hier geht es zum offiziellen Statement. Was das für die Security-Kräfte bedeutet, erfahrt ihr in dieser Talk Talk-Ausgabe.

Good neighbours – Tim Rosenbaum

Wird der 23. Juni ein Halle-Tag bei frohfroh? Zufällig erschien vor einem Jahr auf das Datum genau auch ein Artikel zu Halle. Auch das Thema ist ähnlich: es geht wieder um Tim Rosenbaum.

Es war etwas still in den letzten Wochen hier, weil alle frohfroh-Autoren viel mit anderen Dingen beschäftigt waren. Und gerade, wenn der Kopf mit essentiellen Dingen voll ist, fällt es schwer, sich auf die schönen Nebenschauplätze zu konzentrieren. Die Pause wird ausgerechnet von einer Ausnahme durchgebrochen.

Denn eigentlich geht es hier um Elektronik aus Leipzig. Doch immer wieder schwappt auch Gutes aus Halle herüber. Die Musik von Tim Rosenbaum etwa. Ich bin ja ein erklärter Rosenbaum-Fan, weil er so einen eklektischen und teils abseitigen Zugang zur elektronischen Musik pflegt. Das spiegelt sich sich nicht nur in seinen eigenen Tracks wider – wie z.B. auf der „From Halle With Love“-Compilation zu hören – sondern auch in seinem Tape-Label Knackless und seinen DJ-Mixen.Da geht es mehr um artifizielle Listening-Erfahrungen, um ein unprätentiöses Eintauchen in verschieden überlagerte Sound-Sphären. Für die Podcast-Reihe des „Kollegen-Blogs“ From Halle With Love hat Tim Rosenbaum kürzlich einen neuen Mix eingespielt, der wie ein Mixtape im besten Sinne klingt. Sehr persönlich, sehr various, mit Anspruch und Liebe kompiliert. Selbst Folk, Dream Pop und Wave reihen sich schlüssig da rein. Wer einen Mix für laue Sommerabende sucht, sollte Tim Rosenbaum hören.

Porträt Rosenbaum: Point Of You

Delta Aquari & Neptune Allümé (Pattern // Select)

Neuigkeiten bei Pattern // Select: Das mittlerweile vierte Tape gibt es seit einigen Wochen.

Nochmal rekapitulieren: Mit Pattern // Select gibt es seit 2016 ein Label in der Stadt, dass sich gern mit dem Format Kassette auseinandersetzt. Nach einer ersten Compilation, die Beiträge verschiedener Beatmaker kombinierte, gab es zwei weitere eher Hip Hop-lastige Releases. Nun richtet das Label mit der vierten Veröffentlichung den Fokus auf deutlich elektronischere Klänge.Wie Soundtrack-Ausschnitte eines avantgardistischen Films wirkt die Musik der ersten Seite. Hier sind acht Tracks von Delta Aquari aus Leipzig versammelt, die aus Jam Sessions mit seinen Modular-Synthesizer stammen. Faszinierende Sound-Skulpturen gibt es hier zu entdecken, ob mit stetigen Grooves unterlegt wie in “Shades„, mit eher vertrackterer Rhythmik versehen wie in „Aspect“ oder auch mal als Ambient-Miniatur umgesetzt wie in „Complex Cycles“. Dabei kann man spüren, wie behutsam Delta Aquari die Stücke entwickelt und stellenweise meditative Qualitäten erreicht.

Deutlich energiegeladener als bei Delta Aquari kommt der Sound von Neptune Allümé auf Seite zwei daher. Elf Stücke zwischen den Polen House, Techno und – ja, nicht mal negativ gemeint – Trance gibt es hier von dem in Poitiers / Frankreich ansässigen Produzenten, der den Yamaha DX7 als Inspiration (und vermutlich auch Quelle) für seine Musik nennt. Und doch ist auch hier ständig eine ähnliche Verträumtheit präsent, die einer pumpenden Bass-Drum wie in „L’eau des Cométes“ Tiefe verleiht. Das liegt vor allem am omnipräsenten Reverb, dessen Einsatz auch die besagte Trance-Assoziation bei mir hervorruft. Glücklicherweise kriegt Neptune Allümé trotz lieblicher Melodien irgendwie immer rechtzeitig die Kurve, wenn die Kitsch-Gefahr am Horizont auftaucht.

Afterhour #6 Liebe, Techno, Leipzig – Black Nakhur

Black Nakhur, einer der Pferdehaus-Organisatoren stand von Anfang an auf der Afterhour-People-Liste von Antoinette Blume. Ihr Text könnte nun nicht passender erscheinen – denn das Pferdehaus schließt im Juni.

Platz im Gefüge
Als DJ ist es einfach, seinen Platz im Nachtleben zu finden. Hinter dem DJ-Pult, that‘s it. Und das stimmt bei so ungefähr keinem DJ, den ich bisher getroffen habe. Die einen machen noch die Licht-/Technik, die Bar, das Booking, die Künstlerbetreuung; vom Putzdienst bis zum Einlass irgendwie alles. Oder alles das auf einmal. Kommen, Spielen, Gehen – scheinbar gar nicht anstrebenswert.

Um wirklich Teil der Gestaltung des Nachtlebens in Leipzig zu sein, engagieren sich viele Künstler über das Künstlersein hinaus. Symptomatisch hierfür sind die vielen Crews, Open-Airs, Kollektive, Partys und nicht zuletzt unterdessen festetablierte Clubs, die überhaupt erst hieraus entstanden und hoffentlich weiterhin entstehen. Viel benutzt, aber auch mir fällt kein besseres Wort ein: Es ging und geht in Leipzig immer noch um Freiraum und ungeachtet der einigermaßen bekannten und teilweise gepflegten Drogenkultur viel eher um das Kultivieren, Sichtbarmachen, Erleben und Kreieren von (elektronischer) Musik.

Steckbrief
Clubnest?Pferdehaus im Westwerk (RIP)
Zuhausemusik? Dub
Zeit zu gehen?Mal früher, mal später. Meistens aber später.

Nowhere: Black Nakhur
Wer auch einst einfach nur mal eine Party in Leipzig (mit)organisieren wollte und nie mehr davon loskam, ist Black Nakhur. Seit sechs Jahren DJ, von der Skyline bis zum Berghain, Mitgründer des Labels Pneuma-Dor und einer der Menschen, die den allerletzten Track im Pferdehaus spielen werden (warum-wieso-weshalb lest ihr hier). Allerdings soll dieser Text kein verschriftlichter Trauergottesdienst um das Pferdehaus werden, welchen man beim Leichenschmaus zeilenweise zitiert wie den Wetterbericht oder das Line-Up des Nachtdigital-Festivals – nein. Lücken bringen Neues, ob es etwas Neues geben wird, wird sich zeigen. Mit dem Ende einer Räumlichkeit besiegelt sich noch nicht das Ende der Welt.

„(…) klingt pathetisch, macht aber glücklich.“
Black Nakhur kommt ursprünglich aus Berlin, hat mal studiert, kam nach Leipzig, hat dann eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann gemacht und seinen Job in eben diesem Metier gekündigt, als es mit dem Pferdehaus ernster wurde. No risk, no Berghain. Dort hat er auch schon aufgelegt, was für jeden mittelmäßig interessierten Technokenner doch beeindruckend ist. Er selbst ist da wesentlich bescheidener:

„Eigentlich ist jeder Auftritt vor Publikum bei dem ich die Musik spielen kann, die ich mag und bei der Menschen dazu tanzen, lachen, weinen, knutschen, … eine Art Traumerfüllung – klingt pathetisch, macht aber glücklich.“

Das sagt Black Nakhur und erklärt, er halte das „ganze Ding“ um das Berghain für etwas hochstilisiert, wenngleich trotzdem auch ein Wunsch in Erfüllung ging, eben dort einmal zu spielen.

Und wie ist das, immer nachts zu arbeiten? Als Veranstalter, DJ und zum eignen Label kommt dazu, dass Freizeit auch Arbeitszeit und umgekehrt ist. Dabei lernt man, nicht jeden Schnaps mitzutrinken – was mir neu war, aber irgendwie schon logisch klingt. Dafür kann man dann morgens noch nett frühstücken, bevor die bessere-andere Hälfte zur Arbeit geht. Und man selbst ins Bett.

Tschüss-Wunsch
Es bleiben zwar die gleichen Themen, fast immer, überall. Partys. Bookings. Feiern. Aber gerade jetzt darf/kann/soll/muss man sich vom festen Etablissement freischwimmen, sich in neuen Kontexten und anderen Erwartungen wiederfinden. Also, auf dass wir Black Nakhur doch mal in ungewohnter Umgebung, nämlich bei Tageslicht und auf einem Festival, auflegen sehen und man ihm endlich seinen geheimen Wunsch eines eigenen Festivalbiers erfülle. Und dass junge Nachwuchskünstler, Crews und Producer wieder einen so freien Ort finden, sich auszuprobieren und zu lernen; mit genauso engagierten Menschen wie es sie im Pferdehaus gab.

Postskriptum
PS: Die letzte Party im WW aka Closing-Party findet am 9. und 10. Juni statt. Wer dem Pferdehaus die letzte Ehre erweisen möchte, der sollte es an diesem Wochenende tun. Un-be-dingt.

PPS: Noch mehr Afterhour gibt es übrigens am 29. Juni zwischen 21 und 22 Uhr bei Radio Blau. Geplaudert wird dort u.a. mit mir über Nachtgeschichten. Ich darf mir fatalerweise sogar Musik wünschen. Ob sich mein allgemein stark überschätzter Musikgeschmack in der letzten Zeit annehmbar verbessert hat, welches meine liebste Gute-Nacht-Geschichte ist und warum das Pferdehaus eigentlich die Geburtsstätte dieser Kolumne ist – findet es heraus. Ich weiß, sonst läuft bei euch nur Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur, aber Radio Blau ist nicht nur an diesem Tag mal ein Reinfrequenzieren wert.

Wir hören uns!

Foto von Henry W. Laurisch
Artwork von Manuel Schmieder

WaqWaq Kingdom & Gl. Harlev Organ Orchestra auf Jahtari

Da sind wir etwas spät dran: Seit April gibt es zwei weitere Releases auf Jahtari, die unterschiedliche Dub-Ansätze erforschen.

WaqWaq Kingdom „Shinsekai“
Beginnen wir mit WaqWaq Kingdom: Nach dem immer noch tollen Album „Karma No Kusari“ und dem Tape des eher experimentellen Projekts NoinoNoinoNoino zeigt uns Kiki Hitomi mit WaqWaq Kingdom eine weitere Facette ihres musikalischen Universums, die sie zusammen mit DJ Scotch Egg auslotet.

Sofort fällt auf, wie stark das Album aus dem gewohnten Jahtari-Katalog heraussticht. Klar, auch hier ist der Sound im Dub verankert, hat hier aber mehr mit den hypnotisierenden Atmosphären britischer Bass-Musik gemein als mit den sich immer noch am Reggae orientierenden Videogame-Vibe des sonstigen Jahtari-Outputs.

Sehr präsent sind zudem die von Andreas Belfi eingespielten Percussions, welche zwar auf ein starkes Interesse an World Music hindeuten, aber gleichzeitig klischeefrei in die Tracks eingebettet sind. „Post-tribal“ nennt der Promo-Text das und mit „Oh It’s Good“ ist das dann auch für Freunde der geraden Bassdrum anschlussfähig.

Gl. Harlev Organ Orchestra „The Organ Sessions“ 
Viel näher am gewohnten Jahtari-Dub ist die „The Organ Sessions“-LP, bei der es sich um eine Neuveröffentlichung einer bereits in Dänemark erschienenen 10″ handelt. Warum die Mühe? Hier handelt es sich um eine Session der drei Dänen Benjamin Lesak, Kristian Nordenthoft und Jesper Kobberoe, die zusammen eine einzige Technics-Orgel sowie einige Effekte bedienten und damit innerhalb eines Tages diese sieben sehr groovigen Stücke mit einem Mikrofon aufnahmen.

Auch mal eine Form der Reduktion – zumindest technisch, denn die Songs sind sehr verspielt und könnten auch ein passender Soundtrack für Retro-Adventure-Games sein. Ja, den offensichtlichen Spaß hört man hier deutlich heraus – nicht zuletzt, wenn sich die drei Musiker zwischendurch auch mal unbeschwert miteinander unterhalten.

Die Experimente von Modern Trips

Modern Trips erlebt gerade eine zweite Blüte. Innerhalb der letzten beiden Monate kamen drei neue EPs heraus. Hier sind sie im Überblick.

Mitte März hatten wir bereits freudig davon berichtet, dass das Label Modern Trips aus einer Pause zurückgekehrt ist. Das Frühjahr bringt aber weit mehr neuen Input mit sich, als ursprünglich erwartet. Und es gibt da eine gute Tendenz zu einem experimentellen Electronica- und Ambient-Sound.

Experimentell sind teilweise auch die Ansätze bei der Entstehung und dem Labeln von Musik. Bei Global Ghettotech werden beispielsweise die hermetischen Werk-Künstler-Grenzen ausgehebelt, indem unter dem Namen in nächster Zeit verschiedene Künstler Tracks produzieren und veröffentlichen werden.

Robin Hase aus Bremen machte den Anfang mit den ersten beiden Tracks der „The Sound Of Global Ghettotech“-Reihe. Dabei perlen in „0“ kristalline, hell und spitz klingende Sounds zusammen, die in ihrer Reduktion fast schon eine kammermusikalische Intimität ausstrahlen. „1“ haut mit festen Tastenschlägen in ein faszinierend blutleeres Keyboard und bringt Glassplitter als Sounds hervor. Wie der Refresh einer alten Cembalo-Miniatur. Sehr speziell, auch für Modern Trips-Verhältnisse.

Ende April folgte eine weitere EP von Robin Hase, „FM8 Works1“. Während das erste Stück ästhetisch an die diffus sakralen Global Ghettotech-Beiträge anknüpft, zersetzen sich bei den zwei anderen Tracks nach und nach die ursprünglich unberührten Harmonien. Einmal in einem zerfasernden Glitch, dann wieder in einem ausladenden Loslassen und Zerleiern. Kleine Spektakel sind das, maximal drei Minuten, doch es ist alles gesagt für den Moment.

Noch einen Schritt dekonstruktiver und von bewährten Formen befreit arbeitet Chang Park aus Seoul. Modern Trips brachte soeben mit „All The Rest Is Silent And Interchangeable“ eine Mini-Album heraus, das auf mikroskopischer Ebene abstrakte Sounds herausschält.

Hier geht es straight in die Avantgarde. Hinein in eine Welt aus scheinbar losen Klängen, losgelöst von jeglichen weltlichen Assoziationen, direkt involviert in eine digitale Dystopie – oder ist es vielleicht sogar eine Utopie? Auf jeden Fall zeigt sich spätestens hier, das sich Modern Trips klanglich komplett neu erfunden hat. Und zwar so, dass hier endlich ein weiterer Raum für konsequente Experimente geschaffen wird – super passend das Artwork. Full Support!

Good bye, Blaue Perle

Der Juni wird ein trauriger Monat für das Nachtleben des Leipziger Westens. Nach dem Ende im Pferdehaus wird auch die Blaue Perle schließen.

In den Titeln einiger Party-Reihen, die sich die Blaue Perle als nächtliche Heimat ausgewählt haben, gab es schon Andeutungen, nun ist aber klar: Ende Juni schließt die Blaue Perle auf der Merseburger Straße.

Zwar war der Laden von Anfang an vom Thrill der Zwischennutzung geprägt, doch in den letzten Jahren hatte sich die Bar mit dem Mini-Dancefloor und der scheppernden Anlage zu einem guten Ort für kleine, verschwitze und stickige Partys mit Locals und interessanten Newcomern von überallher entwickelt. Das Ende tut auch deshalb weh, weil Leipzig durchaus mehr Läden in solch überschaubarer Größe und mit einem konstanten Clubprogramm vertragen könnte – für die Newcomer-Förderung, für neue Veranstaltungskonzepte und für Partys im kleineren Rahmen.

Die Kündigung kam für die Betreiber überraschend. Das Haus soll demnächst saniert werden. Was danach kommt, ist noch unklar, aber es dürfte damit zu rechnen sein, dass es irgendwo anders weitergeht.Btw: Natürlich ist dies nun ein weiteres Puzzleteil in der Gentrifizierungsgeschichte Leipzigs. Doch es darf nicht vergessen werden, dass auch die Blaue Perle in ihrer heutigen Form Teil eines Verdrängungsprozesses war.

Denn die Stammgäste der vorherigen, gleichnamigen Kneipe dürften mit den Künstlern und DJs nur selten gemeinsam gefeiert und getrunken haben. Der Club-Hedonismus ist aus Sicht der Immobilienbesitzer aber sehr wahrscheinlich rendite-fördernder als die verlorenen Bier- und Schnapsseelen von Lindenau. Auch wenn „uns“ die heutige Blaue Perle eine Menge schöner Nächte beschert hat.

Matt Flores „Sidechained Escapism“ (O*RS)

O*RS zeigt mal wieder seine Boutique-Label-Qualitäten und veröffentlicht ein warm umarmendes Beatmaker-Downbeat-Album von Matt Flores. Nicht verpassen: Wir verlosen auch zwei Tapes!

Matt Flores aus Düsseldorf habe ich beiläufig immer als ein Vertreter der Rhein-Ruhr-House-Szene der mittleren Nuller Jahre wahrgenommen, neben Leuten wie Ingo Sänger und Labels wie Combination und Farside. Doch da scheint schon immer eine größere Offenheit für andere Sounds gewesen zu sein. Bei Bandcamp findet sich beispielsweise ein HipHop-beeinflusstes Album von 2005, dazu weitere Releases aus den letzten beiden Jahren, die sich bei Ambient und Beatmaking einordnen lassen.

Und genau in diese langsame Abkehr vom klassischen House reiht sich auch „Sidechained Escapism“, das neue Matt Flores-Album, das O*RS digital und in einer limitierten Tape-Auflage veröffentlicht hat. Alles ist entschleunigt und von eindringlich wohlklingenden, teils elegischen Synth-Sounds getragen. Spannend wird es immer dann, wenn die UK-Einflüsse, wie bei „Haze Void“, „Blue Hour“ und „Take Your Time“, durchschimmern – wenn also die Synths stärker überzeichnet und die Vocals überpitcht sind. Dann wird die Beatmaker-Behäbigkeit, die das Genre immer auch prägt, um eine eskapistische Note ergänzt.Das bedeutet aber nicht, dass der Rest von aufkeimender Altersmilde gedimmt wird. Matt Flores versteht es jederzeit, klanglich einnehmende, nach Fernweh klingende Kulissen zu erschaffen, für die er mit gutem Understatement auch Ausflüge in fernöstliche Folklore und verschlungenen Pop wagt. „Sidechained Escapism“ ist ein Listening-Album, bei dem man beim ersten Hören merkt, dass es mehr zu erzählen hat, als Geschichten von ein paar lässigen Beats.

O*RS erweitert nebenbei seinen Beatmaker-Fokus über den OverDubClub-Radius hinaus und zeigt, dass auch in Düsseldorf der Beatmaker-HipHop gern gepflegt wird.


++++ Win Win ++++ Win Win ++++

Wir verlosen zwei Exemplare des limitierten „Sidechained Escapism“-Tapes. Wer eins möchte, schreibt hier in den Kommentaren, was euer Hit des Albums ist. Bis 31. Mai ist Zeit, dann wir ausgelost. Bitte keine Fake-Mail-Adressen, sonst erreicht euch die eventuelle Gewinner-Mail nicht. 

Mix Mup „Gravity“ (Mikrodisko Recordings)

Im letzten Jahr kehrte Mikrodisko Recordings mit zwei Platten aus einer vierjährigen Pause zurück. Es blieb keine Ausnahme.

Und als wäre das nicht erfreulich genug, ist es auch noch Mix Mup, der die M12 mit drei Tracks bespielt. Es sind drei typische Mix Mup-Tracks, die einerseits von einer spröden Reduktion mit vielen Auslassungen und andererseits von einer mikroskopischen Detailiertheit geprägt sind. Momentaufnahmen, die sich möglicherweise aus forschenden Klangtouren herausschälen. Mit tief schlummernder Deepness, augenzwinkerndem Funk und einer Fülle an Konventionsverschiebungen.

„Diamonds“ und „Périférique“ klingen dabei noch einmal subtiler, ausgeglichener und filigraner als ich die letzten Mix Mup-Stücke in Erinnerung habe. Befreit und offenporig wie Jazz. Auch die Ambient-Zwischenstation „Post / Pre“ entfaltet diesen Appeal, nur mit wesentlich mehr Wärme. Dreimal Mix Mup at it’s best.

„Diamonds“

„Post/Pre“

„Périférique“