Vote for Party

In knapp zwei Wochen ist Bundestagswahl. In der Distillery gab es deshalb eine Podiumsdiskussion mit Leipziger Politikern zu clubrelevanten Themen. Zum Glück gibt es einen Mitschnitt.

Irgendwie ist der Termin im Vorfeld komplett an mir vorbei gegangen. Und so bin ich sehr froh, dass es einen Mitschnitt des „Vote for Party“-Abends gibt. Eingeladen waren Dr. Thomas Feist (CDU), Gesine Märtens (Bündnis 90/Die Grünen), Sören Pellman (Die Linke), Christopher Zenker (SPD) und Markus Vielfeld (FDP).

Ausgangspunkt war ein Positions- und Fragepapier der LiveKomm, dem Bundesverband der Musikspielstätten in Deutschland. Dabei sollte evaluiert werden, wie sich die Parteien zu den Themen Kulturraumschutz für Clubs und Festivals, Abgaben für Kulturbetriebe, Förderung von Clubs und deren Netzwerken sowie die Gesundheit der Gäste und MitarbeiterInnen positionieren.

Es lohnt sich, die zwei Stunden Zeit zu nehmen.

Festival-Marathon im September

Im September finden gleich drei interessante Festivals in Leipzig statt. Bitte die Terminkalender bereithalten.

In dieser Woche feiert das SeaNaps-Festival sein Debüt. Inspiriert von Les Siestes Electroniques im französischen Toulouse geht es darum, verteilt über die Stadt Kunst, Musik, Politik und Workshops zu vereinen. Das Programm ist riesig und startet am Donnerstag mit einer Opening Party im Gemeinschaftsgarten Annalinde, verlagert sich am Freitag und Samstag in den Park vor dem Grassi-Museum. Im Westwerk gibt es dann am Sonntag eine abschließende Sleep-Over-Party, die bis in den Montag reinreicht. Es wird auch ein Vinyl mit Musik vom SeaNaps-Festival geben. Das Programm ist hier.

Für alle vier Tage hat das Konglomerat-Kollektiv ein Workshop-Programm organisiert – vom Rundgang durch das Vinyl-Presswerk R.A.N.D. Muzik bis zu DJ-, DIY-Synth-Bastel- und Film-Workshops ist da einiges dabei. Hier sind die Details.

Besonders spannend: Das SeaNaps-Festival testet mit dem Blockchain-System eine neue Art der solidarischen Vergütung kreativer Arbeit. Alle Gelder, die aus dem Barbetrieb und Merchandise eingenommen werden, werden in Echtzeit in die Kryptowährung „Lip“ übertragen. Die Blockchain-Software verteilt anschließend sofort die Lips an all die Leute, die zur Organisation des Festivals involviert sind. Dies soll alles auch transparent einsehbar sein, um die Blackbox Festivalfinanzierung zu öffnen. Ein sehr ambitioniertes Experiment.

Und dann ist da noch das Freiraum-Festival an diesem Wochenende, in dessen Rahmen verschiedenste öffentliche oder verborgene Orte des Leipziger Ostens bespielt werden. Mit Filmen, Kunstaktionen, Ausstellungen und Konzerten.

Interessant hier ein weiterer Abend der „Bells Echo“-Konzertreihe mit Stefkovic van Interesse. In der Heilig-Kreuz-Kirche läutet das Konzert das Festival ein. Und dort wird auch das Abschlusskonzert mit Kurt Laurenz Theinert und Sébastien Branche stattfinden, außerdem spielt Schmeichel – in Kooperation mit dem SeaNaps-Festival. Da sind die Netzwerke also schon gut geknüpft.

Mehr zum Freiraum-Festival hier.

Mitte September wird es dann ein Highlight für die Bass-Heads geben. Auch wenn Leipzig in puncto Labels, DJs und Partys eine House- und Techno-Stadt ist, die Bassmusik-Szene hier muss sich nicht verstecken. Alphacut Records, Boundless Beatz und Defrostatica hauen seit Jahren viel beachtete Platten und Tracks zwischenDrum & Bass, Footwork, Dub und Dubstep raus. Und so ist es sehr schlüssig, dass das Tief Frequenz Festival nach Berlin und Hamburg in diesem Jahr in Leipzig stattfindet.

Der Netzwerkgedanke ist hier neben den Partys essentiell, denn es sind Promoter, DJs und Live-Acts aus über zehn deutschen Städten eingeladen, um an zwei Nächten in der Distillery und dem So&So zusammen zu feiern und sich zu connecten. Auch ein Rahmenprogramm ist geplant, das mehr Einblick in eine Subkultur geben soll, die in unseren Breiten eher im Schatten von Techno und House und in unkommerzielleren Strukturen agiert.

Das komplette Line-up gibt es hier.

Afterhour #9 Liebe, Techno, Leipzig – Falko

In unserem letzten Talk Talk-Podcast hatten wir bereits mit dem Türsteher Erkan gesprochen. Nun traf Antoinette Blume für ihre Afterhour-Kolumne Falko, der neben dem Studium an der Clubtür arbeitet. Ja, du kommst rein. Einfach klicken.

Aus dem Club rausstolpern, ein schüchterner Blick Richtung Tür, nochmal leise „Tschühüüss“ rufen und zur Tram verschwinden. Müde sein, das Ich-habe-100-Zigaretten-zuviel-geraucht-Gefühl, einfach nur noch Zähne putzen wollen. Oder noch zwei Minuten nachdem das Licht im Club angeht (denn nur dann weißt du, ob du …) nicht recht wissen wohin – und zur Afterhour taumeln.

Die Nacht der Nächte gehen lassen. Oder nicht, wie auch immer. Gesehen wird man beim Raustreten und beim Eintreten von: Surprise, surprise! Den Türstehern und Türsteherinnen. Die Verwandlung von Raupe zu Schmetterling und wieder zurück innerhalb zwölfstündiger Tanzaerobic (in teilweise anaeroben Zonen) kann von eben diesen wunderbarst begleitend-beobachtet werden. Hach. Und worüber gab es in Leipzig mehr Rumore, Beschwerden, Gerüchte und Geschichten als über die Institutstür? Richtig, mir fällt auch nichts ein.

Steckbrief
Lieblingsclub?Institut fuer Zukunft
ZuhausemusikKlassik und Jazz
Liest gerade …?„Der patagonische Hase“ von Claude Lanzmann

Türsteher, Clubconcierge, Selektor
Falko. Ich würde sagen, einige der Nachteulen (lol, liebe dieses Wort) Leipzigs kennen ihn. Der Mann an der Tür, der gerne auf dem Barhocker im Eingangsbereich sitzt und ab und zu bei Streifgängen durch die Flure und Gänge des Instituts für Zukunft herum- und herüberschwirrt.

Wieder einmal bin ich ganz von den Socken (liebe diesen Ausdruck, Part II), wie nett Falko ist – ich habe ihn mir „ganz anders vorgestellt“, bevor wir zwei-drei Sätze tauschten. Autoritär, vielleicht einen Zacken unnahbar, wie so ein Türsteher eben meistens in unseren Köpfen anmutet. Aber hey, gar nicht.

Falko ist seit 15 (fünfzehn!) Jahren Türsteher. Und versteht sich selbst viel eher als Clubconcierge, um dem üblichen Türsteher-Image zu entgehen. Nicht nur im IfZ, sondern auch auf dem Think!-, Splash!-, Melt- oder Endless Summer-Festival und im Werk 2 steht Falko an der Tür bzw. am Einlass-Point.

Die typischste aller typischen Fragen, die man einem Türsteher eben so beim ersten Treffen stellt: Ob er an den Orten selbst gerne feiert, oder gerne feiern würde? „Ich bin gar nicht so der Feiertyp …“, überlegt Falko. Er würde zwar manchmal gerne auch freizeitlich ins IfZ oder in einer Bar socializen – nur fehlt ihm die Zeit. Unter der Woche studiert er Kulturwissenschaft an der Universität Leipzig, ist gerade mit seiner kulturgeschichtlichen Bachelor-Arbeit über das Thema „Antisemitismus in der Massenkultur“ beschäftigt und steht am Wochenende an der Tür. Auch gerne mal Doppelschichten – hm. „Ich arbeite eben genau dann, wenn andere feiern“ – ja, tadellos, zum Glück. Sonst könnten wir wohl nicht so feiern, wie wir es tun. Stichwort Selektor.

Nein = Nein
In 15 Jahren als Türsteher, was lernt man da so? Was bleibt als Message? Das Unverständnis für das Verhalten von Menschen, in den verschiedensten Abstufungen. Zum Beispiel: Leute, die mit 50 oder 100 Euro Scheinen Einlass verlangen, kleine Bestechung und dann läuft es? Errrm, nein. Nein heißt nein, auch oder besonders an der Tür. „Ohne Auswahl ist das Projekt sinnlos“, sagt Falko. Die Kuration einer Veranstaltung im Institut fuer Zukunft beginnt am Veranstaltungsabend für die Gäste an der Tür. Und entscheidet damit für den einen oder anderen Gast, ob er_sie, auf welche Weise auch immer – tanzend, stehend, kurz, lang, ausufernd, einufernd – teilnehmen wird oder nicht.

Wie in der Schule
Was für mich komplett neu war und was ich das letzte Jahr wohl falsch verstanden habe: Wenn mich der Türsteher oder die Türsteherin fragt, welche Veranstaltung denn ist, dachte ich bisher: Die fragen dich ab, es ist ein Test, wie in der Schule. Gut auswendig lernen, toitoitoi! Völlig falsch. So soll nur ein kurzes Gespräch initiiert werden, um abzuchecken, ob die Party zu den Menschen passt oder umgekehrt. Kein Abfragen, sondern kurzes Kennenlernen. Auswählen, aber auf nette Art und Weise. Der Hocker am Einlass soll ebenfalls nicht als bedrohlicher Thron, sondern als Instrument dienen, auf Augenhöhe mit den Gästen zu kommunizieren.

Wieder was dazugelernt!

Zum Schluss-Schluss noch schnell ein Fazit, bisschen unvermittelt, aber okay, ich möcht‘ es euch erzählen:

„Ich kann mir keinen anderen Nebenjob vorstellen“ (Falko).

Find ich schön.

PS: Ich darf noch etwas ankündigen. Wer gerne sexpositive Texte liest, sie sich noch viel lieber von mir vorlesen lässt, bzw. lassen würde, wenn er die Gelegenheit dazu hätte; vielleicht auch schon mitbekommen hat, dass ich zu diesen Themen schon manches Textlein geschrieben habe; wer es zur letzten No Show-Party nicht geschafft hat oder zu jeder No Show pilgert, der ist herzlichst dazu aufgefordert und eingeladen, am 30. September eine kurze Tanzpause einzulegen und im Trakt III auf eine klitzekleine Lesung zu den Themen Gangbang, Mädchenliebe und Pornos reinzuschauen.
Bin dann mal afk. Man sieht sich.

Foto (as always) von Henry W. Laurisch und Artwork (natürlich) von Manuel Schmieder.

Neue 7″-Releases von Minor und Karl Marx Land

Schallplatten mit sieben Zoll Durchmesser – ein schönes und handliches Format. Die beiden Labels Minor und Karl Marx Land sehen das ähnlich und haben neue Platten herausgebracht.

Flutwacht „13 Jahre Krach und Stahl“ (minoRobscuR / The Tourette Tapes)

Fangen wir mit Minor an: Wenn auf dem eigenen Sublabel minoRobscuR ein Release in Zusammenarbeit mit The Tourette Tapes herauskommt, die den Namen „13 Jahre Krach und Stahl“ trägt und von einem Projekt namens Flutwacht stammt – dann wird es sich wahrscheinlich nicht gerade um kuschelige Wohlfühlmusik handeln. Auch die Promo-Mail des Labels verspricht: „Don’t worry – there will be ‚friendly‘ electronic music on my labels again soon!“

Und ja, beim Durchhören der beiden Seiten der Single kann ich diesem Versprechen einiges abgewinnen. Für ungeübte und genre-fremde Ohren sind diese knappen zehn Minuten Noise durchaus eine Herausforderung, auch wenn beide Tracks repetitiv sind und eine eigene Rhythmik entfalten. Abenteuerlustige DJs können damit durchaus Spaß haben und das eine oder andere Publikum (wahlweise auch den Veranstalter) ein bisschen erschrecken. Für alle Freunde des gepflegten Krachs könnte die Platte hingegen interessant sein.

Vielleicht lässt sich der Sound auch eher über einen Kunst-Zugang erfassen, werden doch Hörgewohnheiten extrem in Frage gestellt. Irgendwie scheint das Cover auch darauf hin zu deuten: Ein leicht angerostetes Stahl-Muster ist hier beigelegt und gibt dem Release auch physisch zusätzliche Schwere. Nicht nur aus Gründen des Gewichts bin ich ehrlich gesagt ganz froh, dass ich an dieser Stelle nur eine 7″ von Flutwacht rezensiere – und nicht z.B. eine gesamte Doppel-LP.

Debmaster vs. Coco Lowres „Gang Of Siwa / Dönerboxen“ (Karl Marx Land)

Viel mehr meinen Hörgewohnheiten entspricht die neue Karl Marx Land, was nicht weiter überrascht, da ich eh Fan bin. Die fünfte Single teilt sich Coco Lowres mit Debmaster, der beispielsweise auf den Compilations von Moniker Eggplant vertreten ist, aber auch auf Labels wie Cock Rock Disco veröffentlicht hat.

Debmasters „Gang Of Siwa“ ist das bisher ravigste Stück der Karl Marx Land-Diskographie, dabei immer noch voll bunter Synthie-Melodien, die zum Ende hin völlig abdrehen. In den Live-Sets von Debmaster ist diese Stelle wohl ein Moment, der den Dancefloor gern auseinandernimmt. Inspiriert ist das Stück von der Berber-Stadt Siwa, in der Debmaster nach einem Auftritt in Kairo landete und deren Eindrücke ihn nachhaltig prägten.

Auf der zweiten Seite drosselt Coco Lowres das Tempo mit „Dönerboxing“ etwas und klingt für seine Verhältnisse fast ein wenig düster. Seine Inspiration für den Track ist geographisch deutlich näher verortet, zumindest wenn man dem in der Auslaufrille eingravierten „I ♥ Neukölln“ Glauben schenkt. Dementsprechend passt der Track auch ziemlich gut zum nicht nur dort üblichen Nightlifestyle: Ein angetäuscht-technoides Intro wird von einem arabisch anmutenden Thema abgelöst, quasi Dönerfrühstück auf dem Nachhauseweg aus der Disko. Dann kippt die Stimmung zum doch recht dunkel gefärbten Bass: Vielleicht haut sich wer aufs Maul, vielleicht fehlt dass passende Kleingeld fürs Essen. Wie die Geschichte auch ausgehen mag – sie hat einen sehr funkigen Soundtrack.

Summer-Backstock – Specials

Auch wenn es hier in den letzten Wochen etwas stiller war – #summerleisure – ist einige neue spannende Musik aus Leipzig herausgekommen. Hier gibt es den ersten Teil unseres Überblicks.

Beginnen wir mit ein paar wirklichen Specials. Special, weil sich diese EPs von den gängigen Techno- und House-Strömungen abheben.

XVII „Nodrums“ (No Label)

Bisher tauchten nur vereinzelte Tracks von IfZ-Mitbetreiber und -Resident XVII auf diversen Compilations auf. Und jedes Mal klangen sie komplett anders. Auch die erste eigene EP „Nodrums“ schlägt eine neue Richtung ein. In den drei Stücken schwingt viel von dem Mash-up-Anspruch der Level-Party-Reihe mit.

Mit Grime als Ausgangspunkt mixt XVII bei „1991“ und „Ohra“ euphorische Rave-Sounds und schwere UK-Basslines dazwischen. Oder eine mächtige, breakige Gabber-Bassdrum, wie bei „Like Almond“, über die die Wahl-Berlinerin Lamb Kebab in expliziter Weise rappt. „Nodrums“ zelebriert die Auflösung der Genres – und zwar sehr anziehend und pushend.

Beate Furcht & Detlef Diamant „DUR004“ (Dur Records)

Mitten im Sommer ließ auch Dur Records wieder aufhorchen. Das Label von Talski und Perm hat sich bisher zwischen düsteren Ambient und Hypno-Techno bewegt. Die „DUR004“ betritt neues Terrain. Wer hinter Beate Furcht & Detlef Diamant steckt, weiß ich nicht genau. Aber irgendwo habe ich aufgeschnappt, dass hier ein Teil der ITOE-Band eine Session zwischen Electronica und Avantgarde aufgenommen hat, Niklas Kraft alias Talski dürfte hier also auch seine Spuren hinterlassen haben.

Es ist eine besondere Listening-Platte, die sich nicht einfach so weghört. Kein Nebenher-Soundtrack, sondern mehr für einen bewussten Genuss am Wechselspiel von frei umher schwirrenden Harmonien und Dissonanzen. Die Stücke suchen keinen Punkt, sie mäandern. Mal äußerst hektisch und wirr, dann wieder gleitend und von einem warmen Bass getragen. Zum Schluss taucht noch ein beiläufig eingefangener Gesang auf, der „DUR004“ für ein paar Momente Mikro-Pop beschert. Die bisher mutigste Platte auf Dur.

Iku Sakan „Cepheidian“ (Planet Almanac)

Ein weiteres Special ist das zweite Release von Planet Almanac. Dieses Mal steht der japanische Musiker Iku Sakan im Mittelpunkt. Er lebt aktuell in Berlin und widmet sich der Minimal Music, bei der Polyrhythmen und wenige mehr oder weniger prägnante Loops zu einem hypnotischen Sound-Fluss bilden.

„Fibernation“ und „Sol Cry“ heißen die beiden Tracks auf der „Cepheidian“-EP. Und beide entfalten eine unglaubliche Sogwirkung. Auch hier wird nicht auf fixe Punkte hingearbeitet. Der Transit ist entscheidend und die kristallinen Sounds, in die man sich einfach fallen lassen kann. Da fällt es auch kaum auf, dass „Sol Cry“ über 20 Minuten durchläuft.

Natürlich ist das auch ein dankbares Remix-Material. Drei Acts haben sich den beiden Tracks angenommen sehr eigenwillige Interpretationen produziert. Konakov geht dabei als einziger auf den Dancefloor, wobei er in der Mitte ordentlich vom Weg abkommt. Jinge überträgt „Fibernation“ in einen kosmischen hektischen Strom. Es sollte mehr von Planet Almanac-EPs geben.

Blac Kolor „Violate EP“ (Basic Unit Productions)

Im August ist außerdem eine neue EP von Blac Kolor herausgekommen. Und die ist natürlich auch special, denn Blac Kolor passt stilistisch nirgendwo exakt rein. Weder in darken Industrial, noch in Techno im engeren Sinne. Auch die „Violate EP“ ist von martialischen und kraftvollen Hybriden geprägt.

„Concrete Soul“ hat mit seinen schlingernden Sounds und den breakig-tänzelnden Bassdrums sogar eine gewisse Leichtigkeit. Die wird später aber von der Schwere und Kühle von „Tagebauten“ weggestoßen. Beim Titel-Track und dem mit DSX produzierten „Dark Sky“ kommen dann wiederum die Industrial-Wurzeln von Blac Kolor sehr deutlich hervor. Inklusive finsterer Vocal-Samples – mit denen ich jedoch meist wenig anfangen kann. Doch die extrem pushende Bassdrum mit dem sakralen Chor-Sample und dem filigranen Synth-Flirren im Hintergrund verleiht „Violate“ ein hohes Hit-Potential.

Various Artists „R.M. Picture001“ (R.A.N.D. Muzik)

Yeah, bei der Weihnachtsplatte von R.A.N.D. Muzik wird es nicht bleiben. Ende Juni ist eine weitere große Compilation als Picture Disk herausgekommen.

R.A.N.D. Muzik hat nicht nur eine neue Heimat in der Brandenburger Straße gefunden, es steht dort nun auch eine Presse für Picture Disks, also Vinyl-Platten mit mehr oder weniger hübschen Bildern drauf. Die neue R.A.N.D. Muzik-Platte steckt also nicht nur voller spannender Listening-Tracks, sie ist auch eine Referenz dafür, was die neue Presse alles kann.

Kuratiert hat die Platte wieder Reece Walker alias Carmel, der auch schon die Tracks für die „RM241216“ ausgewählt bzw. selbst beigesteuert hat. Die „R.M. Picture 001“ setzt ebenfalls auf Vielseitigkeit und verschiedene Elektronik-Ansätze. Sie ist aber auch experimenteller und gedimmter. Panthera Krause und Leibniz steuern jeweils deep gleitende Ambient-Stücke bei. Workshop-Held Lowtec verfängt sich in einer weiteren schön mikroskopischen House-Skizze.

Darüber hinaus pusht Reece Walker auf diese Platte einige Musiker aus seiner Heimat Australien – mit sehr verschiedenen Sounds. Jack Burton fasziniert mit flirrendem Ambient, Tourist Kid mit hektischer Unbeschwertheit und Consulate mit einem durchaus bedrückenden, zehnminütigem Drones-Track namens „Hades Prefecture“, der Kriegs-Field Recordings mit dramatischen Synth-Flächen verbindet. Da bekommt „R.M. Picture 001“ plötzlich eine politische Ebene.

Ebenfalls dunkel eingefärbt klingt „Ta Voix, Tes Yeux“ von dem Berliner Circular Ruins. Durch das Vocal-Sample, die teils grell überzeichneten Harmonien und den verhallten Beat schimmert hier aber schüchtern pluckernder Pop durch. Auf den Dancefloor zielt übrigens nur Degobah mit „5 & 10“ – aber nur ein paar intensive Takte lang.

„R.M. Picture 001“ ist weit mehr als nur ein Picture Disk-Sammlerstück, es ist eine musikalisch super spannende Listening-Compilation, die nebenbei einige neue Namen präsentiert. Limitiert natürlich.

20 Jahre Nachtdigital

Zwischen Leipzig und dem Nachtdigital-Festival bestehen seit vielen Jahren enge Beziehungen. Zum 20. Geburtstag haben wir uns zum Interview mit Jan Bennemann von der ND-Crew verabredet, um über den besonderen Crew-Spirit und die Leipzig-Connections zu sprechen.

Das Schullandheim Olganitz – der ideale Ort, um die Ferien zu verbringen, ein Zufluchtsort in der idyllischen Provinz Nordsachsen. August 1998, das Schullandheim Olganitz – der ideale Ort, um das Nachtdigital dort zu veranstalten. Am Waldrand zwischen See und Bungalows entsteht seitdem jedes erste Augustwochenende ein umkommerzielles Festival in familiärer Atmosphäre. Mit zweihundert Helfern, dreitausend Gästen und mit einem außergewöhnlichen Line-up – dieses Jahr zum zwanzigsten Mal. Jens und ich durften mit Jan Bennemann, der als Crew-Bestandteil die Pressearbeit für das Nachti macht, über Super-Group- und Local-Club-Projekte, über Visionen, Crew-Spirit und Leipzig-Connections sprechen.

Wie ging es mit dem Nachtdigital eigentlich los?

Die Gründer des Nachtdigital sind Leo und Michel, die in Luppa bzw. Großböhla, unweit von Olganitz, aufgewachsen sind. Damals gehörten sie zur Dorfjugend, die gute Partys feiern wollte. Alles begann in einer Scheune in Luppa, die irgendwann zu klein wurde. Außerdem wollten beide auch gern die Veranstaltungen nach draußen bringen. Michel konnte sich an das Bungalowdorf aus Kindertagen erinnern.

Und nachdem beide das Gelände ausgecheckt hatten, war klar: Hier kann man eine Party starten. Das war die Geburtsstunde der Nachtdigital. Michel ist dann an den Wochenenden mit seinem Auto von Club zu Club gefahren und hat sich drei, vier Leute an die Hand genommen, um dort Flyer auszulegen. Das war deren Form von Marketing – Flyer waren damals ohnehin die wichtigste Informationsquelle. So ging alles los.Ging es danach auch mal nicht weiter?

2006 (ND9) stand es auf der Kippe, ob es weitergeht. Auch 2005 (ND8) war uns das Wetter nicht gut gesonnen, es waren nicht genügend Gäste da. Wir standen vor der Entscheidung, es nochmal richtig zu versuchen oder es sein zu lassen. Das bedeutete, Leo nahm einen Kredit auf, sonst geht es nicht weiter. Wir haben sozusagen alles auf eine Karte gesetzt. Das war dann natürlich auch im Line-up spürbar – deshalb wurde 2006 auch der Slogan „Nummer 9 lebt“ ausgerufen.

Und ein Jahr später haben wir die Nachtdigital zum ersten Mal auf 3.000 Karten beschränkt. Dieser Umbruch hat arg zusammengeschweißt. Das kleine Baby „Nachti“ war zwar da, aber jetzt ist es immer älter geworden und irgendwie muss man dem Baby auch eine Art Ausbildung geben, auch mal etwas Geld in die Hand nehmen. Wie die Geschichte uns gezeigt hat, war das genau der richtige Move. Wir sind Leo unglaublich dankbar, denn sonst würde es die große Familie Nachtdigital nicht mehr geben.

Gab es dadurch einen Bruch im Line-up, eine Veränderung von einem alten zu einem neuen Sound?

Ich würde nicht von einem Bruch sprechen. Das ist eine musikalische Entwicklung und die hängt auch sehr vom musikalischen Empfinden des Bookers, also von Steffen Bennemann, ab. Aber auch von seiner Vision, wie er die Entwicklung des Festivals sieht. Anfangs gab es auch eine Booking-Crew, die Vorschläge einbringen konnte. Jetzt ist Steffen großenteils eigenständig am Werk. Trotzdem verändert man seinen Geschmack und will dann irgendwann auch mal woanders hin.
Wohin wollt ihr heute?

Steffen war schon immer der, der nicht das reproduzieren möchte, was ohnehin rundherum schon passiert. Er hatte immer schon eine Vision, wo es hingehen kann und seinen ganz eigenen Forscherdrang: Was kann man hören, was bisher nur wenige oder noch niemand gehört hat? Wie kann ich die Leute mit einem spannenden Sound sozialisieren? Das ist super wesentlich für die Entwicklung der Nachtdigital. Deswegen kommt es zu solchen Line-ups wie dem bei Nachti 20, auf dem es zum Beispiel viele Live-Konzerte geben wird. Da müssen die Gäste erst mal eine ganze Weile warten, bevor sie irgendwo einen Beat hören werden.

Ist es schwer in dieser Luxussituation eines ohnehin jährlich ausverkauften Festivals seine Vision zu behalten?

Es ist schon eine zweischneidige Sache. Einmal sind wir mega happy, dass uns Leute das Vorschussvertrauen geben und wir im Prinzip machen können, was wir wollen. Andererseits wollen wir nicht nur das machen, was wir wollen, sondern wir versuchen auch ein möglichst vielfältiges Programm für alle hinzubekommen. Es geht uns um ein Programm mit einem gewissen qualitativen Anspruch, das nicht einfach Headliner um Headliner runter rattert.

Spielt hier nicht auch eine enorme Erwartungshaltung eine Rolle?

Man spielt mit einer sehr großen Erwartungshaltung. Ist das Line-up vor dem Ticketverkauf schon bekannt, sind die Erwartungen, die ich als Gast haben kann, sehr krass vordefiniert. Man liest, wer spielt und weiß, was einen in etwa erwartet und holt sich ein Ticket oder eben nicht. Aber in so einer Situation wie in unserer ist man schon einem hohen Erwartungsdruck ausgesetzt. So wie wir das machen, finde ich es jedoch ganz gut umgesetzt.

Natürlich veröffentlichen auch wir die Namen des Line-ups, aber erst sehr viel später. Außerdem ist das nicht alles. Zum Beispiel gab es 2016 die ganzen B2B-Kombinationen, die es zuvor so noch nicht gegeben hat. Natürlich stellen wir uns selbst immer einer gewissen Herausforderung. Auch wenn die Namen alle da sind, heißt das noch lange nicht, dass es das ist, was du gewohnt bist zu bekommen. Es gibt immer noch einen besonderen Überraschungsmoment, den man vielleicht nur auf der Nachtdigital hat.

War es ein konkretes Ziel von euch, vom Headliner-Business wegzukommen?

Genau das ist eine der Visionen von Steffen, eben nicht dieses crazy Headliner-Spiel aller Festivals mitzuspielen, sondern eine Möglichkeit zu schaffen, aus diesem Strudel herauszukommen. Sonst müsste man sich jedes Jahr überschlagen. Das ist auch eine Art von Sättigung, die im Festival-Business stattfindet. Das heißt, dass die Festivals sich in ihren Line-ups nur noch um 15 bis 20 Prozent unterscheiden. Das ist ganz klar auch eine Budgetfrage, aber diese kann man sich auch als Grundsatz nehmen, dass wir eben nicht dabei mitmachen wollen. Wir können eben nicht noch mehr wachsen, nicht noch mehr Geld ausgeben. Das geht alles nicht und das ist auch gut so.

Das geht nicht, weil in dem Bungalowdorf nur 3.000 Personen Platz finden oder weil der organisatorische Aufwand nicht zu stemmen wäre?

Beides. Nachtdigital ist ans Bungalowdorf Olganitz gebunden. Das ist ein historischer Ort. Ich wäre sehr traurig, wenn es dort nicht mehr stattfinden würde und viele andere auch. Die sächsische Provinz hat diesen Charme, wir sind dort als Kinder groß geworden und verankert. Ein Weggang wäre undenkbar. Außerdem geht es nicht in Hinblick auf die Produktion. Wir sind eine Crew aus 200 Helfern, die dort mit anpacken. Wir sind keine große Event-Agentur, die einfach sagt, wir haben dort ein Feld am Störmthaler See und ich mach da eine 20.000-Gäste-Bude daraus. Das würden wir gar nicht organisiert bekommen.

Was ist am diesjährigen Line-up besonders?

An dem diesjährigen Line-up sieht man sehr gut, dass es schon eine sehr enge Verbindung zu Leipzig gibt. Ich habe heute noch mal durchgezählt. Es sind etwa 15 Künstler aus Leipzig da. Das ist soviel wie nie zuvor. Aber das ist auch gut so. Nachti ist eben nicht nur ein Festival, was sich von außen Kreativkräfte holt. Sondern es zeigt den Leuten, was in der Stadt hier passiert und welche Künstler hier leben, welchen fortschrittlichen Sound sie machen und welche Ideen sie haben. Damit diese auch eine Plattform bekommen und vielleicht dadurch eine gewisse Sichtbarkeit erreichen.

Für dieses Jahr hat sich Steffen das Super-Group-Thema überlegt. Das heißt, es werden DJs wie auch Produzenten zusammengesteckt, die als Einzelkünstler zwar bekannt sind, sich aber auch in Nebenprojekten engagieren und ihre kleinen Herzensprojekte am Laufen halten. Zum Beispiel hat Barnt mit seinen Label-Kollegen das Cologne Tape-Projekt, das dieses Jahr auftreten wird. Selbst das Giegling-Konzert ist eher untypisch.

Im Kern geht es darum, Projekte vorzustellen, die man sonst nicht sehen würde, wie auch Pandt. Das ist Perm zusammen mit Talski aus Leipzig und Berlin. Auch Morskie Oko ist ein solches Projekt. Das ist Steffen zusammen mit zwei Künstlern aus Krakau, Olivia und Chino.

Welche Leipziger Acts haben das Festival in den letzten Jahren mitgeprägt?

Ich denke da an solche Namen wie die Dreikommanull-Crew. Aber auch Künstler, wie Daniel Stefanik haben das Festival entscheidend mit geprägt. Ebenfalls sehr wichtig waren und sind Manamana. Seit ihrem erster Auftritt haben sie die Geschichte der Nachtdigital entscheidend mit geprägt. Über die Jahre ist der Einfluss von Leipzigern immer größer geworden. Ein weiteres Beispiel ist Heiko Wunderlich alias OneTake. Er hat ab 2014 den Ambient-Floor betreut, um einen Rückzugsort abseits der Hauptbühnen zu schaffen. Er hat das mittlerweile an Sven Michelson und dessen Leute abgegeben – das sind ebenfalls Leipziger.

Außerdem gibt es noch unsere Seebühne. Die wird jedes Jahr an bestimmte Crews weitergegeben. Das war ein Jahr Uncanny Valley aus Dresden, im nächsten Jahr Dreikommanull aus Leipzig oder auch Giegling aus Weimar. Zuletzt durften sich Ortloff & Lunatic da austoben. Dieses Jahr wird es die IO-Crew sein.

„Darin liegt auch die Kraft, die Crews aus der näheren Umgebung zu integrieren.“

Es gibt ja auch eine Nähe zum Conne Island. Entsteht die mit dem Institut fuer Zukunft auch gerade?

Ich würde sagen, dass es sich eher Richtung Island anlehnt. Der erste Anlaufpunkt für die Leute der Nachtdigital war das Island, da es das IfZ damals noch nicht gab. Daraus sind viele Freundschaften entstanden und die Dinge entstanden, die jetzt so prägend für Nachtdigital sind. Der Ambient-Floor ist nur ein Beispiel. Das gipfelt dieses Jahr in dem Projekt „Local Club“. Wir bringen sozusagen einen Club aus Leipzig zur Nachtdigital – dieses Jahr das Conne Island. Wir versuchen es so aussehen zu lassen, dass man wirklich das Gefühl hat, im Conne Island zu sein. Es gibt auch eine Skate-Rampe. Man kann mit seinem Skateboard hinkommen und sich ausprobieren.

Wird es den Spot in den nächsten Jahren dann mit anderen Clubs geben?

Das ist erstmal die Initiation des Projektes. Ich will jetzt noch nicht vorhersagen wollen, in welche Verbindung das umschlägt. Mal sehen, was daraus wird und wie die Leute das wahrnehmen.

Ich finde das auch super: Wir alle wurden mit dem Island sozialisiert, sei es durch die politischen oder anderen Vorstellungen, die in unser Denken eingeflossen sind. Das Island war prägend für uns. Die ganzen Leute, die zur Nachtdigital vom Island übergeschwappt sind, prägen auch das ganze Festival. Zum Beispiel achten wir eben darauf, dass Frauen im Line-up repräsentiert sind. Mal sehen, wie das mit dem IfZ weitergeht, es gibt ja bereits die ein oder andere musikalische Überschneidung.

Das klingt nach einer großen Nachtdigital-Crew. Was macht euren Crew-Spirit aus?

Wir hatten im Januar eine Klausurtagung des inneren Crew-Kerns. Das sind so zwanzig Leute. Wir sind aus Leipzig rausgefahren und haben ein Wochenende miteinander verbracht, um darüber zu sprechen, wo sich jeder in seinem Leben gerade befindet. Das bekommt man sonst ja auch nicht mit, wo der oder die andere gerade eigentlich steht, ob es Probleme mit dem Studium gibt oder der feste Job kacke ist.

Wir haben auch darüber gesprochen, wo jeder gerade bei Nachtdigital steht, was man will und wohin sich die Nachtdigital entwickeln soll – damit wir für unsere kleine Nachti eine Art Zukunftsperspektive aufbauen. Dabei ist sehr klar geworden, wie sehr alle mit der Nachtdigital verwurzelt sind. Wie jeder und jede eine persönliche Beziehung und sein Herzblut dort ausgegossen hat. Jeder oder jede kann etwas erzählen, was ihn oder sie immens geprägt hat. Das war sehr emotional und hat uns nochmal bestärkt, dass es unbedingt weitergehen muss.

Trefft ihr euch regelmäßig?

Wir haben einmal im Monat ein Treffen bei Leo. Dort kommt der innere Kern zusammen. Es kommen Leute vom Stromteam, den Bars, der Produktion, dem Booking, der Presse und alle, die interessiert sind. Rücken wir dem Festival zeitlich näher, ziehen wir nach Olganitz um. Dann können wir vor Ort sehen, wie es dieses Jahr aussieht, was wir hier und da machen wollen und ob wir genug Platz dafür haben. Das Bungalowdorf überrascht uns auch immer mal wieder mit baulichen Maßnahmen: Ah, da ist hier jetzt also so ein Beet. Was machen wir denn da? Dann passt die Bühne ja gar nicht mehr hin.

Gibt es Veränderungen oder Verluste, denen ihr nachtrauert?

Ja, crew-intern schon. In den Jahren, als das Festival gewachsen ist, hat sich natürlich auch die Crew geändert. Wir hatten Bedenken, wie wir die alten Hasen, die das ganze gegründet haben, mit den neuen Hasen, die Bock drauf haben mitzumachen, zusammenbringen. Das hat viel Energie gekostet, aber ich bin der Meinung, dass es super funktioniert hat. Und wir sind nach wie vor sehr bemüht, diese Integration zu schaffen.

Zum Beispiel Jenny, die Frau von Leo, macht sich permanent Gedanken darüber, wie man eine Performance fürs Festival schaffen kann, bei der jeder einzelne aus der Crew mitmacht. Auch wie man eine Aufbauwoche gestalten kann, zu der sich die Leute kennenlernen, obwohl die aus Berlin oder Hamburg kommen. Und wenn es das ist, dass jede/r ihr/sein Projekt vorstellt oder dass jede/r mal das ausprobieren darf, was die anderen machen. Solche kleinen Sachen sind mega wichtig.

Oder wenn es das ist, Spiele zu spielen oder einfach am Frühstückstisch zu sitzen, sich die Hände zu reichen und zu sagen „Piep, Piep, Piep, wir haben uns alle lieb.“ Solche kleinen Rituale haben bewirkt, die Neuen und Alten zusammenzubringen. Natürlich gibt es Leute, die sagen, dass sie es nicht mehr schaffen und es ihnen zu groß wird. Trotzdem werden sie immer ein Teil von Nachti bleiben. Aber das ist ein ganz natürlicher Prozess. Jeder ist frei zu entscheiden, was zu viel ist und wo die Grenzen liegen.

„Es ist auch wichtig, dass die jungen Leute von den alten Hasen lernen, sonst brauchen wir das Ganze nicht machen.“

Gibt es schon Nachwuchs?

Man merkt bei der Auswahl der Helfer schon, dass unzählig viele junge Leute dabei sind, die ohne Ende losballern. Für jeden finden wir auch irgendwas. Es ist nie so, dass wir jemanden nach Hause schicken, nach dem Motto: Du bist doch crazy, komm erstmal runter. Das wird gut mit integriert. Die Kids kommen teilweise aus der Umgebung und machen dort gerade irgendwo Ausbildung. Teilweise kommen sie auch aus Leipzig und entdecken gerade die Clubkultur für sich und merken, dass es die Nachtdigital gibt. Das wollen die sich mal angucken, können es sich aber nicht leisten und fragen, ob sie mitmachen dürfen.

Das ist unheimlich wichtig. Wir wollen eben kein Festival werden, dass ein Elite-Festival ist, bei dem niemand mehr mitmachen darf, der es sich nicht leisten kann. Sondern es geht jedes Jahr aufs Neue darum, die nächste Generation zu erreichen, in Verbindung zu bringen und damit aufwachsen zu lassen. So durchlaufen sie auch eine Sozialisation, die man sich nur wünschen kann.

In welchen Momenten fällt die Anspannung durch den Aufbau und die Organisation ab und ihr realisiert, was da gerade passiert und was ihr geschaffen habt?

Wir haben als feste Eröffnungszeremonie eine Performance, die sich über die Jahre manifestiert hat. 21 Uhr werden die Schleusen geöffnet. Die Leute warten schon davor und können endlich zur Hauptbühne gehen. Das ist feste Tradition. Jede/r bekommt ein Kostüm. Es machen alle die Performance mit, die während der Aufbauwoche mehrmals geübt wurde. Stefan Demuth alias Vai produziert meist noch ein Stück dazu.

Das ist alles eine ziemlich emotionale Nummer. Man hat sich jetzt eine Woche hier hingestellt, das ganze Jahr daran gearbeitet und dann kommen die ganzen Leute und freuen sich, dass es losgeht. Dann fällt uns immer so ein riesengroßer Batzen von den Schultern, wenn man weiß, endlich dürft ihr auch Teil davon sein und ich weiß jetzt schon, dass es gut wird.

Wird das Zelten dieses Jahr bis Montag möglich sein?

Ja, es war uns allen schon immer ein Dorn im Auge, alle sonntags 20 Uhr vom Platz zu scheuchen. Zwar konnten alle noch auf dem Parkplatz zelten, aber wer will das schon. Dieses Jahr machen wir drei Stunden länger Musik und lassen einen ganzen Tag länger zelten. Die Gäste können noch mal frühstücken und ausschlafen. Dann haben wir auch ein besseres Gewissen, die Gäste wieder in ihren Alltag zu entlassen.

Und wird es dieses Jahr wieder eine Platte geben?

Dieses Jahr gibt es sogar ein Doppel-Vinyl. Lasst euch überraschen. Was konzeptionell dort geplant ist, ist auf jeden Fall einem 20. Jubiläum würdig.

Afterhour #8 Liebe, Techno, Leipzig – X*

Das Leben, speziell die Nächte stecken voller Ambivalenzen. Davon handelt auch die neue Ausgabe unserer Afterhour-Kolumne.

Ambivalenz ist eines der Worte, die außerordentlich gut zum Nachtleben passen. Ambivalenz ist dazu eines meiner liebsten Worte. Für mich fühlen sich viele Situationen ambivalent an, gerade beim Feiern. Das Tief nach dem Hoch, das Hoch nach dem Tief, die Liebe zum Ausgehen, manchmal überschwänglich, manchmal desaströs, das Satt-sein danach, unterschwellig-stumpf, die Angst und die Aufregung, das schlechte Gewissen und der Genuss. Ambivalenz trifft das folgende Portrait ebenfalls so gut wie schlecht.

Dazu kommt, es ist Sommer, man möchte von Drogen und Sex, Open-Airs und durchtanzten Nächten lesen und hören, nicht über Klausuren und Geld nachdenken, alles weniger ambivalent und dafür positiv halten. Sex und Drogen – bekommt ihr. Die mitgeschleifte Portion Ambivalenz zwangsweise auch, geht aufs Haus, könnte man sagen.

Steckbrief
Lieblingsclub?Distillery, Institut fuer Zukunft
LieblingsdrogeKeta(min), „G“

Callcenter und Eskapismus
X ist jung, schön, kinky, scheinbar reflektiert, im Nachtleben integriert, natürlich nur in schwarz angekleidet, sehr präsent, eine Art Balletttänzer im Club, 19 Jahre alt (wohl eher jung) und seit zwei Jahren regelmäßig im Berghain, der Distillery und im Institut für Zukunft unterwegs. Was schon mal einigermaßen unfassbar für mich ist, da ich selbst mit 23 zum ersten mal vor Sven Marquardt stand (und Fangirl-like zur Vorbereitung seine Biografie las und fünf bis zehn Schnaps vor Aufregung trinken musste. Sidenote: Sven Marquardt und ich haben am gleichen Tag Geburtstag) und bis dato nicht viel vom Feiern in Electroclubs wusste. Anders ist es bei X – der, schon viel früher als ich, den „Club als Schutzraum“ entdeckt hat. Eben diese Art von Räumlichkeit, die man zum Eskapieren braucht, die andere, magische Welt, die sich vom Callcenter-Alltag abgrenzt.

Ketalympics
Über die Musik kam X zu Technopartys, via der ausschweifend langen Parties zu den Drogen. Nicht ganz unbekannter Werdegang, wenn man sich die Mitfeiernden der historisch gewachsenen (und ebenso neuen) Clubs Leipzigs oder Berlins so anschaut.

Auf die typischste aller Afterhour-Fragen „Was ist deine Lieblingsdroge?“ antwortet X mir prompt: Keta(min). In der Vergangenheit zwar vieles versucht, viel vermischt, viel genossen – jetzt ausschließlich Keta. Diese Aussage deckt sich mit meinen letzten beobachtenden Erfahrungen in Leipzig – Keta is the place to be, the stuff to see und das Must-Have im dunklen Rauschnebel. Die eher dissoziative, gleichzeitig interessante Droge ist gerade bei jungem Publikum extrem gefragt. Dunkel, drauf, laut, Techno. Mehr braucht es manchmal nicht, und wenn doch, kann man sich für den globalen Abriss entscheiden, für die Ketalympics im Club. Von Toilette zu Toilette, im Kreis wandern, Keta ziehen und warten, wer und ob jemand gewinnt.

En Vogue: Der Darkroom
Apropos. Eine einigermaßen kredible Darkroomexpertise fehlt mir zwar (leider), aber dafür kann mir X von seinen (seinerseits krediblen) Erlebnissen berichten. Ein Darkroom gehört für X zum Cluberleben dazu, zum Hedonismus im Nachtleben.

Die fehlende Anonymität erschwert das aktive Darkroom-Treiben in Leipzig zwar, aber zeitweise gibt es Angebote, die mehr oder weniger verhalten genutzt werden. „Den Typen, den ich Montag noch im Darkroom gefistet habe, dem möchte ich Dienstag nicht bei Bäcker Wendl begegnen“, lacht X. In Leipzig also (noch) nicht ganz so einfach. Das kann ich gut nachvollziehen und nicke zustimmend: Klar. Schmusen auf der Toilette kann schon eher auch in Leipzig zum aufregenden Zeitvertreib werden. Zum Leidtragen (oder Verzücken) aller vor der Tür Wartenden. In diesem Fall gibt es ganz real zwei Seiten: Einmal vor, einmal hinter der Tür. Womit wir wieder am Anfang wären.

So war das, als wir uns im Januar zum Interview trafen. Passend-widersprüchlich zog sich die Freigabe des Textes bis August.

*Name und Foto auf Wunsch des Interviewten anonymisiert

Fragen und Antworten zu Ketamin, GBL, GHB und anderen Drogen, ebenfalls Infos zu Sex in Verbindung mit Drogen gibt es hier:
https://www.drugcom.de/?uid=47fd9a09c12d1084eb07f9ddc7743bac&id=start
http://www.bzga.de/bot_suchtpraevention.html
http://drugscouts.de/de/substanzen
http://drugscouts.de/de/page/drogen-sex

Foto von Henry W. Laurisch
Artwork von Manuel Schmieder

Einfach machen – Solid Rotation

In den Party-Tipps ist der Name „Solid Rotation“ im letzten Jahr öfter aufgetaucht. Doch hinter Crew aus Jena und Leipzig steckt mehr als nur eine Party-Reihe.

Die Geschichte hinter Solid Rotation geht so: Jakob, Gabriel, Julius Herfurth und Maik Grötzschel lernten sich während des Studiums in Jena kennen. Und sie hatten sich bald auch zusammengefunden, um gemeinsam Musik zu spielen. Angefangen haben sie beim Offenen Kanal Jahr und bei Radio Lotte, einem freien Sender in Weimar. Von dort wurde im April 2014 die erste Ausgabe der Radioshow Solid Rotation gesendet – dazu werden Gast-DJs eingeladen, die einen Mix jedweder Art beisteuern dürfen. Auf Soundcloud sind die letzten 26 Folgen zu hören.

Im Januar 2015 folgte die erste Party unter dem selben Namen. Da jeder von ihnen auch Musik produziert, musste ein Label her, um die Tracks zu veröffentlichen. Dann machen wir eben auch das! Zack! Im September 2015 wurde die erste eigene Platte gepresst. Darauf sind zwei Tracks von Maik sowie jeweils ein Track von Wulfahrt und Julius Herfurth. Mittlerweile wohnt die Crew zu fast Dreiviertel in Leipzig – und damit nun auch ein Thema für frohfroh.

Unbedarftheit, ein Wort, das mehrmals fällt bei meinem Telefonat mit Maik, beschreibt die Herangehensweise des Labels sehr treffend.

Einfach machen, das ging doch schon immer.

Sieht man auch, denn dieses Jahr sind bereits zwei Platten auf dem kleinen House- und Techno Label herausgekommen. Insgesamt sind es jetzt also vier und das nächste Release ist schon fast fertig und soll noch 2017 erhältlich sein.

Daneben treffen sie sich nach wie vor einmal im Monat bei Radio Lotte, um die Sendung aufzunehmen. Und dann sind da ja noch ein paar Partys, die jährlich geschmissen werden. Maik ist an diesem Donnerstag im Possblthings Pop-up-Store als DJ zu erleben.

Hier noch ein paar Worte zu den letzten beiden EPs auf Solid Rotation.Vokode „Hidden Spaces EP“
Vokode ist ein Gemeinschaftsprojekt von Maik und Jakob. Auf der Platte sind drei sehr stimmungsvolle Tracks zwischen House und leichtem Techno mit Piano und Percussion zu hören, die die beiden im letzten Jahr zusammen auf Rügen produziert haben.

Track 1 hat einen Aufbau wie aus dem Bilderbuch. Feinstes long-mixing-material. Track 2 kommt mit einer guten Portion Raumstationflavour daher.  Funktioniert als Opener ebenso wie für die Afterhour. Hauptsache, die Sektflasche rotiert.

Lekande „As We Walked Through Fields“
Dieser Künstler gehört ausnahmsweise nicht zu den Labelbetreibern, sondern ist ein Freund aus Jena, der auf Solid Rotation seine zweite Veröffentlichung wahrmachen konnte. Der Stil passt durch die gleichermaßen ruhige aber treibende Atmosphäre wunderbar zu den vorangegangenen Releases des Labels.

Track 2 lugt mit seiner düsteren Verspultheit schon stark Richtung Ambientfach. Track 3 – und da benutze ich jetzt eine Vokabel meines guten Freundes E. – geht auf jeden Fall Richtung „Trakt-I-Material“. Augen zu und durch. Das Vinyl ist leider schon ausverkauft.

Another week is possbl

Vom 24. bis 29. Juli öffnet der Possblthings Recordshop seine Pforten – als Pop-Up-Store im Leipziger Westen.

Im April berichteten wir über die temporäre Schließung und der kommenden Neuausrichtung des Possblthings Recordshop in Connewitz. Nun gibt es Neuigkeiten: Mitten im Sommerloch öffnet der Laden für die Woche vom 24. bis 29. Juli jeden Tag von 12 bis 20 Uhr als Pop-Up-Store im Fetti Amore in der Merseburgerstr. 17.

Es besteht nicht nur die Möglichkeit, im Backstock und in ausgewählten 2nd-Hand-Platten zu stöbern, sondern auch frisch bestelltes Vinyl zu erwerben. Nebenbei wird zum gepflegten Abhängen eingeladen – es wird auch für das leibliche Wohl gesorgt. Nicht zuletzt gibt es jeden Tag ab 17.30 Uhr ein musikalisches Rahmenprogramm mit ausgewählten DJs: Esclé, Maik Grötzschel, DJ Rijkaard und Magnetic & Varum sind eingeladen. Weitere Infos dazu hier.

Zum Abschluss zeigt Possblthings-Team im fast benachbarten Dr. Seltsam, was sie so mit ihren Neuerwerbungen anstellen: Am Samstag den 29. Juli findet dort nämlich die Closing-Party für den einwöchigen Ausflug nach Plagwitz statt. Und wenn der Sommer vorbei ist, wird der Laden nach Plänen der Betreiber an neuer Stelle wieder eröffnet.

UPDATE UPDATE

Wir haben frische Bilder aus dem Pop-up-Store bekommen.

Neu entdeckt – 3CUE

Vor einigen Tagen erschien die Debüt-EP „Continuum“ des zweiköpfigen Live-Projekts 3CUE aus Leipzig. Wir haben reingehört – und ein paar Fragen dazu gestellt.

Elektronische Musik von Bands live umgesetzt – das ist inzwischen längst keine Seltenheit mehr. Und doch ist es immer wieder spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Herangehensweisen sein können und wie stark sich die Energie solcher Acts von einem DJ-Set unterscheiden kann. Das ist auch bei den mir bis dato unbekannten 3CUE der Fall. Vor ein paar Wochen trudelte eine Promo-Mail bei der frohfroh-Redaktion zu deren Debüt-EP „Continuum“ ein.

Ja, der erste Eindruck ließ beim ersten Durchzappen schnell das gängige Vorurteilregister herunterspulen: Eine durchaus starke Rave-Attitüde fällt zuerst auf, viele digitale Sounds passen in den EDM-Rave-Zirkus – nein, besonders subtil ist das nicht. Aber bei 3CUE passiert beim genaueren Hinhören mehr. Eben jene Rave-Elemente sind hier clever verpackt, indem ihnen leichtfüßige Synthesizer-Melodien und ideenreiche Track-Strukturen entgegengesetzt werden. Das liegt wahrscheinlich an dem Musiker-Background von Felix und Aron, die in Bands ganz unterschiedlicher musikalischer Ausrichtung unterwegs sind.

Der erste Track „Moondance“ veranschaulicht das ganz gut. Nach einem Reggae-Intro biegt das Stück in Richtung Techno-Stomper ab, der zusätzlich mit darüber gelegten, improvisiert klingenden Synthesizer-Melodien aufwartet. „Bloodclat“ schaukelt sich da schon sehr viel direkter auf und ist vielleicht das am meisten fordernde Stück der EP. Nicht umsonst gibt es dazu auch ein Video, das das handwerkliche Talent der beiden Musiker visuell gekonnt aufbereitet.

Eine eigenständige Interpretation von Dub zeigt uns das Duo mit „Lips Of Wisdom“. „Time Lapse“ klingt nach aufgefrischten Soundtracks alter Sciene-Fiction-Serien. Das Saxophon in „Sunwalk“ droht kurz mit Schunkeligkeit, wird aber schnell wieder weggebratzt.

Bombastisch wird es zum Ende hin bei „Bass Blower“. Eine sich überschlagende Synthesizer-Melodie wechselt sich mit orchestralen Parts ab. Nicht nur dieser Moment erinnert mich stark an die letzten Solo-Alben von Squarepusher, auf denen er ebenfalls Versatzstücke der EDM-Exzesse aufgreift und eine alternative Erzählweise zu deren Formelhaftigkeit anbietet. Oder einfach Bock hat, die Sau rauszulassen.

„Bass Blower“ bildet für mich dann auch den Abschluss der EP, denn leider passen die Raps im Bonus-Stück „Kartoffelsalat“ nicht so richtig zum Instrumental von 3CUE. Das schmälert auch ein bisschen den Gesamteindruck.

Gerade in Live-Situationen macht diese Kombination aus druckvollen Sounds und unerwarteten Einfällen bestimmt sehr viel Spaß. Mit ihrem Ansatz stehen 3CUE irgendwo zwischen Meier & Erdmann und Neonlight, um mal regionale Acts als Vergleich heranzuziehen.

Doch wie genau sieht das Projekt ihren Ansatz selbst? Dazu haben wir Felix einige Fragen gestellt.

Elektronische Musik als Live-Band umzusetzen ist ja häufig ein spezielles Thema. Welche Vorzüge hat dieser Ansatz für euch? Welche Schwierigkeiten treten auf?

Das ist definitiv ein heikles Thema. Sobald man sich in einem Universum der gerasterten Computermusik wiederfindet, ist jede menschliche Komponente grundsätzlich eine Anomalie. Für uns war es in erster Linie wichtig, elektronische Kompostionen im Live-Kontext erlebbar zu machen. Nicht nur für das Publikum, sondern auch aus rein egozentrischen Gründen.

„Musik aufzuflegen bietet uns nicht die nötige Vielseitigkeit und Eingriffsmöglichkeit, die unser Anspruch als Musiker verlangt.“

Vorteil des Duos ist definitiv die Flexibilität, Interaktion mit dem Publikum, der Umgebung und natürlich auch zwischen Aron und mir. Egal wie oft wir einen Song spielen, es kommen immer wieder neue Ideen auf, die uns überraschen. Dadurch bekommt man bei den Proben und Gigs jedes Mal einen ganz individuellen Bezug zu den Songs.

Die Adaption als Live-Act birgt natürlich gewisse Schwierigkeiten. Die liegen vorrangig in Sachen Sound, Spielbarkeit und Performance von stereotypen Wendungen elektronischer Musik sowie der Erwartungshaltung des Publikums. Wir bewegen uns letztendlich zwischen zwei völlig konträren Welten: Die einer Band und die eines DJs. Aber genau dieser Fakt war der Anreiz, es zu probieren. Es ist interessant zu sehen, dass das Publikum manchmal nicht genau weiß, ob es tanzen oder zuhören soll.

Eure Tracks haben oft unerwartete Wendungen. Ist es schwierig, eine Balance zwischen Komplexität und Einfachheit zu finden? Wie geht ihr beim Produzieren vor?

Eigentlich ist unsere Musik für die Bühne gedacht. Auf der können wir uns und unseren Songs die nötige Zeit geben, um durch den Effekt des Loops Improvisation und, daraus resultierend, Veränderungen zu erzeugen. Die überraschenden Wendungen sind dann insofern legitim, dass sie eine Berechtigung zum Hören der Tracks auch außerhalb unserer Konzerte schaffen.

Musik verkommt mehr und mehr zum Beiwerk, das während einer anderen Tätigkeit stattfindet. Was manchmal auch vorteilhaft ist: Zum Beispiel den Abwasch machen, während man Techno hört. Das passt super und steigert die Effizienz. Allerdings gibt es noch eine weitere Ebene, die für uns wesentlich wichtiger ist: Musik soll überraschen.

Auch bei mehrmaligem Hören sollen immer wieder neue Details auffallen, sodass man sich möglicherweise auch mal komplett darauf fixieren kann. Das heißt nicht, dass das der einzige oder richtige Weg ist, unsere Musik zu konsumieren. Aber im Endeffekt ist die Monotonie und festgefahrene Form genau das, was mich an elektronischer Musik oftmals stört.

Ich (meint ist hier Felix) produziere am Anfang allein. Dabei entsteht ein Song, der eingespielte Synthesizer, Vocal-Samples, akustische Instrumente und eine Schlagzeugspur mit Pilotfunktion beinhaltet. Die Live-Version entsteht dann im Proberaum. Es müssen Parts adaptiert werden, es entstehen neue Teile, andere Spielweisen, neue Grooves kommen durch Aron hinzu und vieles mehr.

Natürlich ist das Ganze eine Wechselwirkung, denn ich lerne 3CUE als Formation während des Jammens und Probens besser kennen. Immer häufiger sammle ich Ideen, Sounds, Beats und inkludiere diese in neue Kompositionen. Wenn die Songstruktur komplett steht, beginnen wir mit dem Recording des akustischen Drumsets. Aron entwickelt einen Schlagzeugbeat, der sich sowohl an der Vorproduktion orientert, aber auch innovative Elemente enthält und unterstützt somit die Spannungskurve der Tracks.

Es hat uns einige Zeit gekostet, einen sinnvollen Umgang mit dem Sounddesign eines akustischen Schlagzeugs in diesem Kontext zu finden. Prämisse war, dass der Beat nicht an Druck verliert, zu sehr nach analogem Schlagzeug klingt und trotzdem eine abrundende Wirkung hat. Am Ende waren wir dann aber sehr zufrieden mit dem Sound von „Continuum“!

Habt ihr bereits viele Konzerte spielen können? Wie sind die Reaktionen bisher?

Als Formation im jetzigen Zustand haben wir bereits eine Handvoll Konzerte gespielt, unter anderem im Sektor Evolution in Dresden, im – leider nicht mehr existenten – Sweat-Club, im Leipziger Westwerk sowie auf kleineren Festivals. Allerdings ist die EP unsere erste offizielle Veröffentlichung, deshalb war es bislang schwierig, dem jeweiligen Booker eine konkrete Vorstellung von unserer Performance zu vermitteln.

Inzwischen gibt es aber u.a. auch ein Live-Session-Video zum Track „Bloodclat“, gedreht in den Leipziger Off The Road-Studios, wo man mal sieht, was wir da eigentlich so machen. Wir planen nun Auftritte für das nächste Jahr, unter anderem eine Releaseparty in Leipzig.Die Reaktionen waren bislang sehr gut. Vor allem von Liebhabern der tieffrequenten Musik und alternativeren Partys haben wir viel positives Feedback bekommen. Aber es kommen ja auch selten Leute zu dir und sagen, dass es ihnen gar nicht gefällt. Obwohl das natürlich auch passiert, gerade bei polarisierender Musik wie beispielsweise Dubstep.

Ich kann mir vorstellen, dass der Rahmen sehr wichtig ist: Wir hatten mal einen Auftritt im Programm einer Modenschau, bei der das Klientel vielleicht besser ins Leipziger Nachtcafé gepasst hätte. Da hatten beide Seiten nur bedingt ihren Spaß. Grundsätzlich dürstet es die Leute nach facettenreicher, harter Clubmusik. Uns kann man halt schwer in Schubladen stecken, da wir uns in vielen Stilen wohlfühlen. Es ist auf jeden Fall für jeden etwas dabei, auch wenn unsere Genreausflüge nicht immer sofort auf Zustimmung treffen.

Ihr habt laut den Promo-Infos einen Musiker-Background. Woher kommt ihr musikalisch? In welchen Projekten wart und seid ihr aktiv?

Aron und ich kennen uns schon seit Langem, wir hatten bereits zu Schulzeiten unsere erste eigene Rockband. Später legten wir auf, großteils selbstproduzierte elektronische Musik, damals noch unter dem Pseudonym Sick Flix & Grenzfrequenz.

Seit einigen Jahren ist Aron in diversen Projekten eine feste Komponente am Schlagzeug. Neben der elektronischen Musik hat er mit Zen Zebra eine Postcore-Band am Start, mit LOT etablierte er sich im deutschen Popmusik-Dschungel und bei GrünFeuer wagt er einen Blick in Richtung Funk und Reggae. Zudem wird er oft als Musiker für spontane Projekte angeheuert.

Ich (Felix) komme ursprünglich aus dem Irish Folk-Bereich und bin regelmäßig mit der Formation Fiddle Folk Family in ganz Deutschland unterwegs. Derzeit spiele ich vermehrt Groove-/Jazz- und HipHop-Musik und mugge als Jazz-Geiger oder Keyboarder bei allen möglichen Gelegenheiten. Unter anderem tobe ich mich bei Projekt Hankelmusik, Tsomban!s und FX Kling aus. Neben dem Interesse für die populäre Musik beschäftige ich mich auch mit klassischen Besetzungen und beende dieses Jahr mein Studium in Komposition für Jazz/Rock/Pop in Dresden.

Im Grunde treibt uns Musik, die nach vorne geht und was zu bieten hat aber immer zusammen, weswegen wir die Arbeit bei 3CUE sehr genießen und gespannt sind, was noch kommt.

Lake People „Phase Transition“ (Mule Musiq)

Auf seinem zweiten Album verfolgt Lake People seinen Weg hin zu einem zeitlosen Sound sehr konsequent weiter – allerdings mit einem stärkeren Fokus auf den Dancefloor.

Lake People schafft es noch immer, mit einem nächsten Schritt zu überraschen. Denn „Phase Transition“, sein zweites Album erscheint nicht irgendwo, sondern auf Mule Musiq, einem der bekanntesten japanischen Elektronik-Labels. DJ Sprinkles, Lawrence und Christopher Rau veröffentlichten dort schon neben vielen anderen Acts ihre EPs und Alben.

Doch auch unabhängig von diesem Namedropping kann das zweite Album sehr überzeugen. Denn die zehn neuen Stücke strahlen so viel Classic-Appeal aus, dass ich beim ersten Hören fast Gänsehaut bekam. Und das Beste: Das filigrane Sounddesign und die melancholische Grundstimmung von Lake People ist dabei nicht abhanden gekommen. Es bekommt durch die strafferen House-Bassdrums bei „Mutual Isolated“ und „Spark Eroded“ sowie den Acid-Einfluss von „Delusive“ nur mehr Schub.

Alles klingt hier noch einmal analoger und auf Zeitlosigkeit ausgelegt.

Bei „Catharctic“ und „Charlie Carlisle“ gibt es dann ein Wiederhören mit der sanften und vielschichtigen Lake People-Deepness, wie sie nicht nur das Debüt-Album prägte. Hier wird sie einmal offensiver und das andere Mal hintergründiger von gebrochenen Beats getragen.

Am nachhaltigsten sticht aber der letzte Track heraus: Mit umarmenden Piano-Chords und schnarrenden Jungle-Breakbeats offenbart sich „Tomorrows Happiness“ als endorphingeladene UK-Reminiszenz, die ich so bisher nicht von Lake People erwartet hätte. Neben den tighteren Tracks mein Hit dieses Albums.