Afterhour #10 Liebe, Techno, Leipzig – Luise

Einem spannenden Thema geht Antoinette Blume in der neuen Ausgabe ihrer Afterhour-Kolumne nach: Gibt es wirklich kein Feierleben mehr, wenn man Kinder hat? Luise kann davon erzählen.

In medias res, mal wieder
Wenn man Kids hat, ist es mit Feiern vorbei. Schluss, Ende, ausdiemaus. Oder? Sicher eine Individualentscheidung. Dann gibt es noch unbeeinflussbare Umstände, glückliche, weniger glückliche oder ambivalente, die machen die Sache eh uneindeutig.

Aber es gibt Eltern, die weiterhin ihr Geld im Nachtleben verdienen, als DJ, Techniker_in, Türsteher_in, Barfrau_mann, whatever. Und weiterhin Menschen mit Kiddies, die auch ab und an noch ausgiebig feiern sind. Eltern in ihren Zwanzigern, Dreißigern, Vierzigern. Ich habe für diesen Text mal eine junge Mutti aus dem Leipziger Nachtleben ausgefragt.

Steckbrief
Clubnest?So&So, Thalysia, IfZ
ZuhausemusikDas Dschungelbuch
Zeit zu gehen …?Wenn der Meisenmann singt

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Luise, Grafikdesignerin, Friend-in-need und in-deed, Feiergängerin und Dschungelkönigin, wenn sie mit dem Rucksack durch Thailand läuft. Ich habe Luise zu einer Sonntagsparty im So&So kennengelernt, auf der ich rumfragte, wer denn jemanden kenne, der schon Kinder hat und trotzdem noch feiern geht. Da wir augenscheinlich die gleichen Clubs frequentieren, liefen wir uns noch ein paar Mal über den Weg – oder trafen uns bei ihr zu Hause, mit „Kind und Kegel“, wie man sagt.

Dabei erfuhr ich, dass sie 32 und selbstständig ist, Filmschnitt und Motiondesign (und so Sachen) macht, ihr Studium in Dessau abgeschlossen und einen Sohn hat. Ihr Sohn ist drei Jahre alt und hat keine allzu großen Sympathiegefühle für mich, da ich seine Mutti in Anspruch nehme. Da fällt mir wieder ein, dass ich generell nicht so die Kinderflüsterin zu sein scheine …

Gästeliste + 1
Luise feiert seit sie 15 ist, gerne auch ausgelassen die Nächte durch, WG-Party, Festival, Club – alles, her damit. Es wäre offensichtlich gelogen, hätte es seit der Geburt ihres Sohnes keine Veränderung gegeben. Man muss sich gemeinsam mit irgendwem organisieren, sei es nun der_die Partner_in, ein enger Freund, die eigene Mama oder der Opa, es muss genau ausgewählt werden, wofür der wortwörtliche Feierabend eingelöst wird, seit die Beziehung zu sich und anderen zwangsweise aus Gästeliste+1 besteht.

Luise ist es aber elementar wichtig, nicht nur eine „verantwortungsfreie“ (aufgepasst, nicht verantwortungslose) Zeit für sich nutzen zu dürfen, sondern auch einfach mal Gespräche und Erlebnisse mit Menschen zu teilen, die keine Kinder haben. Wie das funktionieren kann? Mit dem Partner absprechen und sich einem ganz neuen Genuss hingeben: Vorfreude. Vorfreude. Vorfreude, denn man kann nur noch bewusst und geplant ausgehen, „spontan 2-3 Wein um die Ecke trinken“ geht eher nicht so oft. Eher mal so gar nicht.

Zu manchen Anlässen können auch die Großeltern rangeholt werden, die das Enkelchen mal ein Wochenende bespaßen – während seine Eltern Spaß im Club haben. Man hebt sich diese Gelegenheiten aber auf, zum Beispiel für ein interessantes Line-Up, eine große Opening-Party oder den eigenen Geburtstag.

q.e.d.

Als Mami schwankt Luise ab und an von „Wo ist mein Leben hin?“ zu „Ich vermiss‘ mein Kind“, was ich nur allzu nachempfindenswert finde.

Es gibt aber-trotzdem-gerade-deshalb keinen Widerspruch von Nachtleben und Kinder haben. Das friedliche Co-Existieren ist zwar abhängig von Ressourcen und Interessen, nicht nur den eigenen, sondern von vielerlei Bekannten, Freunden und möglicherweise des/der Partners_in… Trotzdem, alles machbar.

Foto (as always) von Henry W. Laurisch und Artwork (natürlich) von Manuel Schmieder.

Behind the nights – Fiktion+Masse

In dieser Woche haben wir gleich zwei neue Folgen unserer „Behind the nights“-Reihe parat. Diese hier liegt uns besonders am Herzen – Fiktion+Masse.

Es gibt nicht viele Konzert- und Party-Reihen, die sich konstant der experimentelleren elektronischen Musik widmen. In größeren Clubs lässt es sich wahrscheinlich kaum etablieren und in Bars ist es meist zu unruhig.

Doch Fiktion+Masse hat es geschafft, mit Live-Auftritten und DJ-Sets verschiedenen Stilen abseits von House und Techno einen Raum zu geben. Hauptsächlich im Leipziger Osten. Aber auch ins IfZ, wo die 10. Ausgabe der Reihe etwas größer aufgezogen wurde. Mit Tillmann vom Pracht-Kollektiv haben wir über Fiktion+Masse gesprochen.

Wer verbirgt sich hinter Fiktion+Masse?

Bei den Veranstaltungen wirkt eine wechselnde Mischung aus Mitgliedern des Pracht-Kollektivs und Musiknerds aus dem Freundeskreis mit – der personelle Hintergrund ist also recht familiär. Offensichtlich, aber trotzdem nennenswert ist natürlich die Mitgestaltung der jeweiligen Abende durch die eingeladenen Artists.

Ich selbst kümmere mich als Initiator in erster Linie um die Kuration, wobei mir auch hier Austausch und Zusammenarbeit wichtig sind. Für die Jubiläumsausgabe der Fiktion+Masse, die im Juni im IfZ stattgefunden hat, habe ich mich beispielsweise mit partner in crime Maria aka Solaris zusammengeschlossen. Von einer klassischen Crew kann aber nicht wirklich gesprochen werden – als solche nehme ich dann eher den Prachtzusammenhang wahr.

Wie gestaltete sich der Weg von der Idee zur ersten Umsetzung?

Die erste Ausgabe gab’s im Februar 2016 mit dem lokalen Ambient-Projekt Songs for Pneumonia und Pillowman von Pneuma-dor.

Ich fand die Idee gut, experimenteller elektronischer Musik einen eigenen, öffentlichen und vor allem wiederkehrenden Rahmen zu verpassen – also abseits von „Chillout-Floors“ als Nebenschauplätzen der „eigentlichen Party“ und der Wohnzimmercouch. Ich hatte damals wie heute Zugang zu einem für mich sehr wichtigen Veranstaltungsort im Leipziger Osten, wodurch die Umsetzung dieser Grundidee vergleichsweise unkompliziert verlief.

Interesse, Offenheit und Zuspruch durch Publikum und Artists haben mich danach darin bestärkt das Nischenprojekt weiterzuführen. Die Feinheiten des Veranstaltungskonzeptes haben sich dann auch erst über die Veranstaltungen hinweg herausgeschält.Was ist die musikalische Ausrichtung und generell das Konzept der Veranstaltung?

Fiktion+Masse ist ein Format, in dem in möglichst entspanntem Beisammensein außergewöhnliche elektronische Musik gespielt wird, je nach Gelegenheit ergänzt durch Visuals, Performances oder andere Themen-bezogene Inhalte. Musikalisch liegt der Schwerpunkt grob auf Ambient, Noise, Elektroakustischer Musik und Industrial, wobei es eigentlich mehr um einen roten Faden hinsichtlich der Ästhetik gehen soll, als um rote Linien im Hinblick auf Genregrenzen.

Die eingeladenen Artist kommen in der Regel aus sehr unterschiedlichen Backgrounds und bringen entsprechend auch unterschiedliche Vorlieben und Skills mit, wodurch jede Edition automatisch ihren eigenen thematischen Fokus bekommt.

Insgesamt ist die inhaltliche Ausrichtung bewusst nicht darauf ausgelegt, eine breite Masse anzusprechen, sondern ist klar nischenbezogen und edgy – wobei gleichzeitig schon auch versucht wird, das ganze möglichst zugänglich zu halten.

So soll die Fiktion+Masse einen Raum schaffen, in dem sich sowohl Interessierte und Künstler*innen austauschen können, als auch Berührungspunkte für Leute entstehen, die mit dieser Art von Musik bislang vielleicht noch nicht so viel anzufangen wissen. Die Regelmäßigkeit ist für beide Punkte zuträglich, glaube ich.

Wie siehst du den Stellenwert bzw. die Notwendigkeit einer Reihe wie Fiktion+Masse im Leipziger Nachtleben?

Ich würde sich vom Mainstream abhebenden Formaten immer einen gewissen Stellenwert beimessen – schon alleine aus einer tiefen Ablehnung von kulturellem Einheitsbrei heraus. Für mich selbst hat die Fiktion+Masse im Speziellen natürlich einen sehr hohen Stellenwert, da sie einen Spielplatz für mich darstellt.

Ich habe hier die Möglichkeit, Artists, von denen ich Platten im analogen oder digitalen Regal stehen habe oder deren Sets ich auf Soundcloud rauf und runter gespielt habe, in meine Nachbarschaft einzuladen und mit ihnen einen schönen Abend zu verbringen. Ich kann mir wenig Cooleres vorstellen. Umso besser, wenn es dann noch andere gibt, denen das gefällt.

Dass es aber nicht allen so geht wie mir und nicht allen alles gefällt, ist klar und völlig legitim – Geschmäcker sind individuell und jede Person hat eigene Musikbereiche, die sie anziehen oder berühren.

„Cool finde ich, dass in den letzten Jahren das Interesse und die Offenheit gegenüber nischigeren Inhalten gestiegen zu sein scheint.“

Auf Partys sind zuletzt vermehrt „Ambient/Chillout Floors“ zu finden, lokale Labels wie Pneuma-dor, Holger Records oder neuerdings PH17 machen das Releasen von elektronischer Musik abseits des Clubmusik-Mainstreams zum Thema.

Und selbst in einem großen Laden wie dem Institut für Zukunft werden neben dem Techno/House-Programm auch beständig interessante abseitigere Acts eingeladen, etwa bei den Cry Baby-Veranstaltungen. Das von mir selbst als am interessantesten Empfundene findet aber nach wie vor eher in kleineren Läden und Off-Locations statt.Wie sieht die Zukunft aus?

Ich wünsche mir, dass auch in Zukunft noch genug Raum für abseitige Formate und allgemein „Experimente“ dahingehend besteht. Die Existenzen der meisten Orte, an denen eine Offenheit für solche Projekte da ist, sind leider keine Selbstverständlichkeit, genauso wenig wie die Arbeitskraft, die zumeist ehrenamtlich investiert wird, um diese zu betreiben und erhalten.

Vor ein paar Monaten musste aufgrund einer Mieterhöhung das Pferdehaus als einer der wichtigsten Clubs Leipzigs in den letzten fünf Jahren schließen, das mittlerweile weit über Leipzig hinaus bekannte und anerkannte Institut fuer Zukunft musste sich zuletzt aus heiterem Himmel mit abstrusen Sperrstundenauflagen arrangieren. Weniger im öffentlichen Fokus aber nicht weniger kritisch ist die Lage vieler kleiner Läden.

Es bleibt also nur zu hoffen, dass trotz der bekannten Entwicklungen möglichst viele interessante Orte erhalten bleiben. In dem Zusammenhang würde ich mich natürlich freuen, wenn radikalere Formate wie die Fiktion+Masse auch in Zukunft noch andere ermutigen können, eigene Projekte zu starten und ihre Ideen umzusetzen. Damit es hier ja nicht langweilig wird.

Ausblick:
Die nächste Ausgabe findet am 1. Oktober mit Elektroakustik-Koryphäe Valerio Tricoli (PAN) statt, dessen surreal-düstere Klangkollagen durch Live-Manipulationen von diversem Audiomaterial (Fieldrecordings, Mikrophon, Synth) mit Hilfe einer Tonbandmaschine geprägt sind. Neben ihm spielt der lokale Geheimtipp Hobor (PH17) ein ebenfalls elektroakustisches Live-Set mit dem Fokus auf Microsounds. Davor, dazwischen und danach bedienen Albina und Zond die Start/Stop-Knöpfe.

Crssspace x Smog x Selected Loops

In den letzten Monaten haben auch Leipzigs samplefreudige Musiker aus dem Umfeld von Pattern // Select spannendes Material herausgebracht.

Crssspace „All these lights“ (Cosmic Pop Records)

Ein schillernd funkelndes Album legt Crssspace mit „All these lights“ auf dem belgischen Label Cosmic Pop Records vor. Und es hört sich klasse an: Über verwaschen schlurfende Beats glitzern Synthesizer-Klänge, vielleicht moduliert, vielleicht auch aus Samples bestehend, die zugleich neugierig und friedfertig herumschwirren. Damit löst er sich doch sehr vom klassischen Sample-Fundus, der bei „Someofwhicharecollectibles“ noch vorherrschte.

Auch wenn das Intro die Inspiration etwas esoterisch anmutend beschreibt, trifft es die Atmosphäre des Albums ziemlich gut: „I try to connect with time and space through my inner spheres, which guide me and hold my thoughts about human minds, values and emotions.“ Tatsächlich strahlt die Musik eine große Gelassenheit aus, während sie den Hörer ins Universum entführt. Ja, mit „All these lights“ kann man der nächsten intergalaktischen Reise entspannt entgegensehen.

Smog „Reconsider_EP“

Geerdeter hingegen klingen die neun Tracks der „Reconsider_EP“ von Smog, der wie auch Crssspace ein Teil des feinen Labels Pattern // Select ist und die EP im Alleingang im Juli veröffentlichte. Hier scheinen die Samples verschiedener Instrumente klarer durch als bei Crssspace: Stellenweise sind sie wie bei „nichtderkrea_tivste“ so organisch miteinander verwoben, dass es wirkt, als würde man einer selbstvergessenen Band lauschen. Bei Stücken wie „onedone“ behalten sie hingegen den typischen spröden HipHop-Charme bei, der diesen Sound so anziehend macht, aber zumindest mich auch viele Stücke wieder schnell vergessen lassen.

Oh, und wenn wir schon dabei sind: 2016 hat Smog auch die „The End Of Silence EP“ herausgebracht, die uns damals scheinbar durch die Lappen gegangen ist.

Various Artists „Selected Loops“ (The Loop / Pattern // Select)

Ganz frisch erschienen ist zudem das Tape „Selected Loops“, eine Zusammenarbeit des Schweizer Projekts The Loop mit Pattern // Select. Neben Smog und Crssspace sind auch weitere übliche Verdächtige aus Leipzig wie Duktus, Dyze, Schmeichel, DasKidmo usw. vertreten, die zusammen mit einer ganzen Horde Beatmaker auf der Suche nach dem entspanntesten Loop sind.

Insgesamt 48 Beats sind hier versammelt, die perfekt miteinander harmonieren, dabei meistens die Ruhe weghaben und erst etwa ab der Hälfte auch mal an Fahrt aufnehmen. Das macht es gar nicht so einfach, klare Highlights zu benennen, aber vielleicht wäre das für so ein Projekt ohnehin unpassend. Hier entsteht ein Fluss an Beats, hinter denen die Persönlichkeiten verschwinden. Eigentlich ist die Kassette dafür auch das logische Medium.

Auch wenn Beschreibungen wie Klangtapete oft nicht positiv gemeint sind, so sind die „Selected Loops“ gerade das im besten Sinne für den aufkommenden Herbst.

Behind the nights – Cry Baby

Kunst, Performance, Grafik und progressive Clubmusik – in der neuen Behind the nights-Ausgabe hat sich Antoinette Blume mit der Cry Baby-Crew getroffen.

Eines der interessantesten (wäre dieses Wort doch nur nicht so ausgenudelt …) Kollektive mit den meiner Meinung nach nachweislich besten Plakaten in Leipzig: Die Cry Baby-Crew. Sie wollen mit einer anspruchsvollen Konzeption zwischen Kunst, Performance, Grafik, progressiver Clubmusik und einer eigenen Ästhetik eine neue Generation an Künstler_innen und Producer_innen stärken. Aber von vorn.

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Die Kuratoren der Cry Baby-Veranstaltungen heißen Kyle und Anja. Kyle hat die Veranstaltungsreihe 2014 ins Leben gerufen und erst so ziemlich alles in Eigenregie gemacht – „way too much stress“, wie er mir versichert, gleichzeitig-trotzdem vermisst er das Auflegen auf seinen eigenen Veranstaltungen ein bisschen. Seine Wurzeln kommen aus der DIY-Musik-Szene der USA, passend.

Anja kam ein Jahr später erst als Grafikerin für die Veranstaltungsplakate, später auch als Bookerin dazu. Sidenote: Die Plakatdesigns von ihr sind selbst unter denjenigen bekannt, die die Partyreihe noch nie besucht haben. Sie arbeitet im „normalen Leben“ als künstlerische Mitarbeiterin an der Burg Giebichenstein, der Kunsthochschule in Halle, und verortet sich mit ihrer künstlerischen Auseinandersetzung im Bereich Design & Research.

On top: Während ich das schreibe, en ce moment, sehe ich beim sleek mag die Headline „How Leipzig’s Emancipatory Nightlife is Shaping the Young Art Scene. Feminist graphic artist Anja Kaiser explains what drew her to Leipzig“ – das wirft schonmal einige richtige Begriffe zusammen, die Anja Kaiser beschreiben.

Und dann haben wir noch Dorothy Parker, die als einzige Resident DJ natürlich eine besondere Rolle bei den Veranstaltungen einnimmt. Dorothy Parker ist freischaffende Medienkünstlerin, arbeitet am Schauspiel Leipzig in der Videoproduktion und ist darüber hinaus DJ. Und sie ist bei jeder Cry Baby Party dabei, of course.E3 = Eigenwillig, eklektisch und experimentell
Die drei beschreiben ihr Projekt als „Plattform für progressive Clubmusik“ und bewegen sich dabei zwischen Live-Acts, „fun music“ und den zur Zeit aufstrebendsten Musikproduzent_innen aus Leipzig, Berlin und internationalen Gefilden. Aber die Veranstaltungen halten noch mehr bereit, als nur ein progressives Line-Up. Nämlich Raum zur Reflektion. Ahja?

Politisch-philosophische Ansätze inmitten einer Partyveranstaltung – gar nicht mal so befremdlich, wenn man sich die vorausgegangenen Veranstaltungen des Kollektivs anschaut. Die Februar-Ausgabe der Veranstaltungsreihe in Kooperation mit Dgtlfmnsm, bei der es ein Filmscreening des Films Lumapit Sa Akin, Paraiso (Come to me, Paradise) von Stephanie Comilang gab, wäre da so ein Beispiel.

Die kanadisch-philippinische Filmemacherin Comilang kam zusammen mit den Filmmusikkomponisten Why Be und Sky H1 nicht nur zum Artist Talk ins IfZ. Die beiden blieben danach noch, Why Be als DJ und Sky H1 spielte ein Live-Set bei dem Anja Kaiser die Visuals live dazu einspielte. Alles miteinander verbunden, vernetzt und in Zusammenhang – auch mit der Identität der kollaborierenden Künstler_innen. Theorie, Kunst und Party. Diversität (auf Seiten der Veranstalter_innen, Musiker_innen, Künstler_innen sowie auf Seiten des Publikums), (female) Empowerment und die LGBTQ-Szene kommen außerdem als Komponenten seit Beginn bei Cry Baby zusammen.√Clubraum
Ist das dann noch Party? Das lässt sich nicht wirklich beantworten. Das Kollektiv geht mit seinen Veranstaltungen viel eher den Fragen, „was kann ein Club als kultureller Schutzraum leisten?“, „wer begegnet sich zu solchen Veranstaltungen, wen bringen wir zusammen und was entsteht daraus?“ auf den Grund.

Sie stellen eine Institutionsfreiheit inmitten des Projekts heraus, die hiermit wiederum Politik und Reflektion integriert. In diese Richtung soll es bei Cry Baby weitergehen. Kyle und Anja wollen bestehende Netzwerke mit Kollektiven wie No Shade oder Dgtlfmnsm vertiefen, sich mit ähnlichen Projekten vernetzen und mit aufstrebenden Künstler_innen zusammenarbeiten.

Bei all dem Input-Output und Anspruch gibt es aber doch noch das Partyerleben. Cry Baby besteht nicht nur aus Atmosphäre, sondern (natürlich) auch aus Musik und Feiern: „In the end, we want to have an amazing time. Cry Baby is the most fun we have in Leipzig, period. But why not experiment a bit along the way?“. Das kann man als Schlusswort so stehen lassen.

Ich darf euch meinerseits sagen, wenn ihr euch für neue, progressive elektronische Musik interessiert, wenn nicht begeistert und auch politisch-feministischen Veranstaltungen nicht abgeneigt seid: Cry Baby wäre was für euch, go for it.

Am 29. September 2017 findet im Institut fuer Zukunft die nächste Cry Baby statt. Die Party zieht mit RUI HO, Ace of Diamonds und Dorothy Parker dieses Mal auf Trakt III, den „Miniclub im Club“, um.

David Bowie x Filburt x Helden

Vor 40 Jahren wurde David Bowies „Helden“ geschrieben und veröffentlicht. Zum Jubiläum durften zwei Elektronik-Producer den Hit remixen – Filburt ist einer davon.

Und damit schon mal ein großes Wow vorweg. Denn Filburt teilt sich die Ehre eines offiziellen Remixes tatsächlich nur mit dem britischen Drum & Bass-Producer Klax. Dass ein Leipziger Musiker in die Auswahl kam, liegt an der etwas leidigen Heldenstadt-Zuschreibung Leipzigs.

Aber gut. Auch „Heroes“ ist von großem Pathos geprägt. 1977 entstand der Song im Berliner Hansa Studio, das zu dem Zeitpunkt unweit der Berliner Mauer lag. Bowie sah wohl aus dem Paar ein junges Paar, dem es scheinbar nichts ausmachte, sich genau unter einem Grenzwachturm zu küssen.

Filburt bekam schließlich das Angebot für einen Remix aus der Heldenstadt Leipzig. Die Idee für seine Version sei recht schnell entstanden, meint Filburt. Die Zeit danach aber, mit all dem Warten auf Feedback vom Label und Bowies Erben, zog sich und hat ihn wohl einige Nerven gekostet. Der Remix erscheint nun als digitaler Bonus zu einem 7″-Re-Issue von „Heroes“.

Das Ergebnis ist eher eine Cover-Version, denn Filburt hat nicht nur den Refrain gesamplet, er hat Bowies deutschsprachige Strophen komplett eingebettet in seinen disco-schillernden House-Sound. Sehr hot!

Filburt sagt: „Es war eine sehr große Ehre mit dem Originalmaterial arbeiten zu können. Als ich die Basis der Single hörte, bekam ich sofort eine Gänsehaut. Für mich ist David Bowie immer ein Ausnahmetalent gewesen und dieser Song spiegelt den Drang nach Freiheit und Veränderung wider. Während ich am Remix arbeitete, war es mir wichtig, die Atmosphäre des Originals in ein neues, aktuelles Zeitalter zu übertragen, aber auch, mit dem Groove ein klassisches Disco-Feeling zu erzeugen.“

New Label Week – Velours Records

In der dritten Folge unserer New Label Week steht Velours Records im Mittelpunkt. Gegründet wurde es von einem alten Bekannten von Rose Records.

Die Ankündigung kam durchaus überraschend: Luvless gründet ein eigenes Label. Gab es Beef mit Rose Records? Tatsächlich kam mir dies für einen Moment in den Sinn. Doch es schien auch schwer vorstellbar, nachdem ich vier der fünf Rose Records-Betreiber zum fünften Label-Geburtstag interviewen durfte. Damals saß mir eine tief freundschaftlich verbundene Label-Crew gegenüber.

Die Sorgen sind unberechtigt, wie Luvless in unserem Interview zum Velours-Start betont. Weiter unten ist es zu lesen. Zuvor noch ein paar Worte zur ersten Platte. Die kommt von einem italienischen Künstler namens Weast über den nicht viel bekannt ist.

Seine „About You EP“ liefert vier pushende, uplifting Deep House-Tracks. Neu erfunden oder neu justiert wird hier nichts. Dafür gibt es zeitlose Eleganz mit klassischen House-Chords, verspielten Synth-Parts und trocken kickenden Bassdrums. Und genau dieser Kontrast aus druckvollen Beats und sanften Synths kriegt mich eben doch immer. Nun aber mehr zu den Hintergründen von Velours Records.

Weshalb hast du mit Velours Records ein eigenes Label gestartet?

Ich fand es einfach spanned, mich einmal völlig eigenständig und abseits von Rose Records auf die Suche nach Musik und neuen Künstlern zu machen und den Entscheidungsprozess allein zu verantworten. Wie sich herausgestellt hat, war das ein enormer Arbeits- und Zeitaufwand.

Das hatte man irgendwie nach so „langer“ Zeit nicht mehr richtig auf dem Schirm. Aber jetzt ist alles so weit fertig und es fühlt sich sehr gut an. Parallel passierte ja bei Rose auch wieder viel mit M.onos neuer Platte. Das verfolgte ich aufmerksam.

Bei Rose Records bist du aber weiter involviert?

Ja. Ich hatte mich nur für kurze Zeit ausgeklinkt, um mich um das neue Label zu kümmern. Ich sehe Velours Records als eigenständig, aber in gewisser Hinsicht auch als Sprössling von Rose. Denn ohne die gemeinsamen Erfahrungen würde es Velours nicht in der Form geben.

Wo soll es vom Sound her hin?

Es wird ähnlich bleiben wie bei Rose, wobei ich den Fokus schon auch auf neue Künstler gelegt habe. Es muss mich wie immer an erster Stelle berühren. Das kann eine starke Clubnummer sein oder auch ein melodiöses treibendes Stück. Aber es wird schon House in all seinen Facetten bleiben. Ich will einfach Platten machen, die ich im Club zocken kann. Wobei ich mich vom Begriff „funktional“ eher distanziere.Du hast auch eine Partyreihe namens Velours, nun das Label. Was verbindest du mit dem Namen?

Genau, die Idee mit dem Partynamen kam schon etwas eher und den habe ich dann einfach für das Label übernommen. Wenn man den Velours-Stoff, was im Französischen für Samt steht, mit der Musik vergleicht, die ich mag und die mich begleitet, stellen sich für mich Parallelen her.

Velours hat eine weiche und warme Oberfläche, kann aber dennoch aus verschiedenen Materialien bestehen. Das fand ich gut und passend für die Partys als auch fürs Label.

„Der Mensch braucht einfach Wärme und Sonne – sonst wird alles trist und öd.“

Wer ist Weast, der Artist der ersten EP? Und mit wird noch auf Velours Records zu rechnen sein?

Weast ist ein Jungspund aus Bergamo in Italien, der auch kleines Digitallabel betreibt. Mehr weiß ich im Prinzip nicht. Aber seine Musik hat mich vom ersten Moment an begeistert. Ich schrieb ihn an, er hatte Bock. Easy. Entdeckt habe ich ihn über Youtube. Er schickte mir dann im Laufe der Zeit einige Tracks von denen ich mir die Finalen dann rauspickte.

Es gibt so viele junge Talente da draußen, die sehr gute Musik produzieren. Ich fand den Gedanken schön, Ihnen eine Plattform für ihren Shizzle zu geben. Der Entstehungsprozess ist dabei weitestgehend transparent und beruht auf gegenseitigem Vertrauen.

Lizenzverträge oder sowas mache ich in der Regel nicht. Das artet dann schnell in Business aus und darauf habe ich keinen Bock. Die Musik soll im Fokus stehen und das kann schnell zerstört werden, wenn man sich selbst zu wichtig nimmt. Das zieht sich durch die nächsten Releases erstmal so durch. Aber natürlich nutze ich das neue Label auch, um eigene Sachen zu veröffentlichen und freue mich auch auf Releases von bekannten Gesichtern und Freunden aus dem nahen und erweiterten Musikumfeld.

New Label Week – Kontrapunkt

Wir sind mittendrin in unserer New Label Week: Denn im September starten gleich drei neue Leipziger Labels. Heute stellen wir fast pünktlich zum Release-Tag Kontrapunkt vor.

Dass R.A.N.D. Muzik seit letztem Dezember nicht nur Platten für andere presst, sondern auch eigene, sehr gute Musik herausbringt, dürfte sich herumgesprochen haben. Carmel betreut das hauseigene Label. Und irgendwie scheint der gebürtige Australier einen Mitarbeiter von R.A.N.D. Muzik dazu bewegt zu haben, ebenso ein Label zu gründen.

Moritz alias Nikita von Tiraspol heißt er, Kontrapunkt sein Label. Wie der Kontrapunkt in der Fuge, meint er. Johann Sebastian Bach hat viel damit gearbeitet und musikalischen Grundthemen eine weitere Ebene dazugestellt. Sowohl als sinnvoller Zusammenklang als auch komplett eigenständig kann diese zweite Ebene fungieren.Mehrschichtig klingt auch die erste Platte auf Kontrapunkt. Es ist eine Compilation, auf der sich House, Techno und Ambient frei entfalten und teilweise mit arabischen, afrikanischen und nepalesischen Traditionals verschmelzen. Und das mit einem erfreulich experimentellen Ansatz.

Drone Operatør bettet passend zum Labelnamen die erste Kontrapunkt-Werkschau mit einem überragenden Avantgarde-Intro und einem sakralen Ambient-Outro kontrastreich ein. Dazwischen ist auch Carmel ist mit zwei Tracks zu hören. Einmal heftig polternd und zwischen Techno und Jungle switchend mit Nikita von Tiraspol zusammen, dann solo mit tribalistisch-trippigem House. Beide mag ich sehr.

Nikita ist auch mit einem Solo-Track dabei. Sein „PB“ spielt mit reduzierter und subtil eingängiger Electronica – dazu ein kurzer Spoken Word-Part. Noch spannender ist das filigran-perkussive „Allãhu Akbar“ vom Dresdner Musiker Schönfeld. Er schafft es hier tatsächlich den Minimal Techno-Vibe im besten Sinne aufleben zu lassen. Inklusive Ambient-Flächen, polyrhythmischer Exkurse sowie gut eingewebten arabischen Sounds und Gesängen.

Mit der „01“ startet Kontrapunkt super vielseitig. Hoffentlich kommt demnächst mehr davon.

New Label Week – PH17

Im September gab es nicht nur einen Festival-Marathon, es starten auch drei neue Labels aus Leipzig. Deshalb rufen wir die New Label Week aus. Los geht es mit PH17.

Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, dass ein Label aus dem näheren Umfeld des Instituts fuer Zukunft herauswächst. Nun ist es soweit: PH17 startet mit einer viel versprechenden Compilation und dem Anspruch, elektronische Musik abseits der Dancefloor-Diktate zu pushen.

IfZ-Resident Solaris und Stanley Schmidt, ein Mitbegründer von Rivulet Records, stecken hinter PH17 – und sie haben einiges vor. Bereits im Juli erzählten die beiden dem Thump-Magazin, dass sie mit ihrem Label „über Clubmusik hinaussteigen [wollen], ohne sie zu vernachlässigen und damit vermeintliche Widersprüche zu vereinen.“

Es soll bei PH17 den beiden nach also um elektronische Musik gehen, die in der nicht gerade kleinen Leipziger Label-Landschaft unterrepräsentiert ist – experimentellere Sounds und Genre-Merges, Ambient, Lo-Fi, weirde Hits. Oder wie es der Name der ersten PH17-Platte treffend benennt:

„Third Floor Music“, eben.

Ein sehr spannender Ansatz also, der nachhaltig wirkende Musik hervorbringen dürfte. Wobei dieser Pioniervibe einen Tick zu hoch gegriffen ist. Denn in den letzten fünf Jahren haben insbesondere Doumen, Holger Records, PragmatPneuma-dor und Modern Trips gezeigt, dass Leipzig nicht nur Heimat für soliden House ist.Doch jedes weitere Label mit einem Blick jenseits der geraden Bassdrums ist derzeit ein Gewinn. Die erste Compilation steckt das Spektrum entsprechend weit ab: Leibniz hat aus seiner Playstation gleitenden Ambient extrahiert, Hobor besinnt sich als einziger hier auf Techno – er zersetzt ihn aber in einen leiernden, fast naiven LoFi-Loop.

Das Berliner Duo Annanan schiebt sich mit schwerer, übersteuerter und schleppend breakiger Bassdrum durch melancholische Ambient-Flächen. Das New Yorker Duo Ariadne zeigt darüber hinaus, dass das PH17-Netzwerk schon jetzt über Leipzig und Berlin hinausreicht. Ihr „Sore“ ist auch der eigenwilligste Track – kristalline, dunkel-sakrale Elektronik trifft hier auf opernhaft erhabenen Gesang.Mit zwei eigenen Tracks ist auch Label-Mitgründer Stanley auf „Third Floor Music“ vertreten. Und er zerlegt ebenso Erwartungen und Konventionen, indem er bei „Travolta“ Ambient, Acid und Electro verbindet. Super auch sein „Breakdancing Daddy“, das die klassische Ambient-Deepness immer wieder mit Stille, wild modulierenden Synth-Sounds oder freien Rock-Trap-Beats zerreißt.

Wir sagen: Yeah, ein gelungener Start, dem wohl bald mehr folgen wird. Von Hobor soll es ein Album auf Tape geben. Außerdem sind EPs mit Via App sowie Ital & Halal geplant. Morgen gibt es das nächste neue Label bei uns.

Der A Friend In Need-Sommer

Was war denn bei A Friend In Need los? Lootbegs Label hat in diesem Sommer mächtig Gas gegeben und vier EPs herausgebracht. Wir haben uns durchgehört.

A Friend In Need hat sein Soundspektrum ja nach und nach erweitert – da gab es neben dem ultra deepen Deep House in seiner klassischen Form auch Acid und schroffen Techno, dazu ein Wiederhören mit Orange Dot. In diesem Sommer ging es sehr vielseitig weiter. Von Ambient über Lofi-Techno über Breakbeat-Deepness bis zurück zum Classic Deep House. Aber der Reihe nach:Afinss „RA01“

Im Juni ging es los mit „RA01“, einem Ambient-Track in zwei Versionen. Mit leichtem Südsee-Kitsch machen es sich die hellen und sanften Synth-Streicher und Chords in der Luft gemütlich. Herrlich langsam und getragen von einem warm und dezent schiebenden Bass.

Im „Rhythmical Mix“ mischen sich noch – wie der Name es andeutet – Bassdrum und HiHat-Geraschel dazwischen, beim „Ambient Mix“ ist völliger Frieden. So chillig ging der Sommer also los bei A Friend In Need.

Lootbeg & Goodbye Galaxy „Demo Request“

Es blieb nicht so still: Nur zwei Wochen später haute Lootbeg zwei staubige Acid-Techno-Stomper heraus. Super tighte Bassdrums mit einem Haufen Staub dazwischen, dazu das durchdringende Schnarren der Acid-Sounds. Von Null auf Peaktime. Sehr simpel, aber eben auch sehr packend.

Mit Goodbye Galaxy gibt es noch einen weiteren Act auf dieser EP. Soundcloud verrät, dass dahinter auch Lootbeg steckt. Allerdings mit Faktor.Ost. In diesen Sessions scheint der Electro-Vibe groß aufzuleben. Mit verspielt hüpfenden Beats natürlich, aber eher deep als dark. Ein paar Acid-Schlaufen sorgen für Kanten. Sehr lässig.

NMSS „Satori“

Der Belgier NMSS drosselte das Tempo dann wieder merklich. Seine „Satori“-EP gefällt mir von allen A Friend In Need-Releases dieses Sommer am besten. Denn er verbindet hier eingedunkelten, meditativen Downbeat mit beseelt tänzelndem Jungle.

Letzteren webt er sehr stilsicher mit entspannten Deep-House-Synths ein – der Titel-Track wird dadurch zu einem echten Hit. Auch bei „It Felt Strange“ sorgt das für ein schönes Schimmern. „Wudang“ vertont mit seinen Vocal-Mitschnitten und einem Ambient-Downbeat-Mix sehr minimalistisch ein Meditations-Plädoyer. Eine der besten AFIN-Releases.

Little Boy With Glasses „Sad Anthems“

Zuletzt besann sich A Friend In Need wieder auf seine Classic-House-Wurzeln. Der UK-Producer Little Boy With Glasses präsentierte fünf traurige Hymnen, die gar nicht so sad klingen. Eher süß melancholisch, also durchaus genießend.

Ansonsten: Zeitlose Streicher, analog-warme Basslines und Soul-Vocal-Samples. Immer mit einer wohlklingenden und sympathischen Patina überzogen. Doch wie so oft bei solchen Tracks: Die ultimative, immer wieder wiederholte Zeitlosigkeit bringt auch eine gewisse Langeweile mit sich.

Lootbeg „CCCUFO1“ (Luv*Jam)

Neben diesem A Friend In Need-Marathon hat Label-Head Lootbeg im Sommer auch noch woanders eine eigene EP veröffentlichen können. Quasi ein Mini-Album mit drei Tracks und drei Remixen beim britischen Label Luv*Jam. Nach interstellaren Ausflügen klingen die Stücke – wobei der „Luv Jam Re Nip“ von „The Presence Of The Time Travellers“ mit seiner nächtlichen, treibenden Atmosphäre direkt hängenbleibt.

„Abduction Reset“ flasht mich aber am meisten, wohl wegen des prägnanten hymnischen Synths und den dezent drückenden House-Bassdrums. Einen schönen Cosmic Disco-Einschlag hat dann noch „Close Encounter Type III“. Auf Vinyl sind diese Ufo-Cuts erschienen.

Track-Premiere – Philipp Rumsch „Part I“

Dies ist eine besondere Track-Premiere: Denn Philipp Rumsch bringt seine erste EP auf dem renommierten Denovali Records heraus. Hier gibt es „Part I“ erstmals zu hören.

Abgefahren, wie schnell es gerade bei Philipp Rumsch geht. Vor knapp einem Jahr haben wir das erste Mal über sein ambitioniertes Ensemble-Projekt berichtet. Jetzt überrascht der 22-jährige Komponist, Sounddesigner und Pianist mit einer EP auf Denovali. Das Bochumer Label mit eigenem Festival in London und Berlin gehört zu den wichtigsten Adressen für Ambient, Drones, Electronica und andere musikalische Experimente.Mit der EP „A Forward-Facing Review“ debütiert nun Philipp Rumsch auf Denovali Records. Zwei Tracks entstanden in den letzten Monaten seines Studiums am Rytmisk Musikkonservatorium in Kopenhagen. Rumsch arbeitete dafür ausschließlich mit akustischen und elektronischen Tasteninstrumenten. Die verschiedenen Aufnahmen bearbeitete und verfremdete er später noch am Rechner, so dass zwei etwa zehnminütige Tracks entstanden, die unmittelbar und zugleich unwirklich wirken.

„Part I“ dürfen wir heute als Track-Premiere vorstellen. Das Stück klingt so, als würde es still in der Luft schweben. Anfangs ganz still, bäumt es sich nach sechs Minuten ebenso sinfonisch wie bedrohlich auf und kontert die schraubenden Dissonanzen mit einem hintergründigen Piano.

Sehr sehr einnehmend unter dem Kopfhörer.

Ende September erscheint „A Forward-Facing Review“ als Vinyl und Digital. Und im nächsten Jahr erscheint „Reflections“ vom Philipp Rumsch Ensemble auf Denovali.

Perm „Jets“ & „Shtum 014“

Das ist ein gutes Perm-Jahr. Über gleich zwei EPs dürfen wir uns freuen. Und wir freuen uns tatsächlich sehr.

Die Freude ist allein schon deshalb groß, weil es Perm schafft, unberechenbar und zugleich wiedererkennbar zu bleiben. Die trippigen und super minimalistischen Arrangements bilden das konstante Fundament. Doch bei der Wahl der Sounds gibt es immer wieder Verschiebungen.

„Jets“ etwa, Perms Debüt auf Holger Records, offenbart weite Hallräume und schleppende Dub-Bässe. Alles ist verlangsamter und gedehnter. Und es bietet natürlich eine gute Möglichkeit, sich von der geraden Bassdrum zu lösen. Nur „A2“ knüpft an den unterkühlten, durchrauschenden Perm-Sound der Anfänge an. Inklusive schlicht pulsierender Rave-Momente in der Mitte.

Ganz frisch draußen ist „Shtum 014“ auf dem gleichnamigen Uncanny Valley-Sublabel. Dort gehört Perm mittlerweile zum festen Artist-Stamm. Diese EP betont die Techno-Linie wieder stärker, mit all der Reduktion und dem packenden Spiel aus erhöhtem Bassdrum-Puls und lose tänzelnden Melodiefetzen.

Neu hier: Der stromlinienförmige, schön geglättete Sound von „VIII“ – gerade im Kontrast zu den scharfen Kanten von Perms Vorgänger „Shtum 008“. Einen Ausflug in Richtung Classic Electro gibt es schließlich mit „VI“. Super, wie hier ein schwerer, schwingender Synth-Sound den allzu klassischen Beat vor der Retro-Falle bewahrt.

Perm bleibt einer der derzeit spannendsten Producer der Stadt.

Behind the nights – Channel

Dieses Mal porträtieren wir mit unserer „Behind the nights“-Reihe nicht eine bestehende Party-Reihe. Wir sind beim Start mit dabei.

Spazz ist vorbei, Licht aus, hier gibt’s nichts mehr zu sehen. Oder doch? Schalt mal um, vielleicht kommt da noch was. Ah!
Ja, das Spazz-Ende währte nicht lange, da bog schon die neue Partyreihe namens Channel um die Ecke. Was wir ab jetzt donnerstags im Institut fuer Zukunft zu erwarten haben, lest ihr hier.

3sat
Hinter Channel stecken drei Menschen, die alle auf ihre Weise am Nachtleben teilhaben, an verschiedensten Orten arbeiten, feiern und sich schließlich im Institut fuer Zukunft zu einem gemeinsamen Projekt, der Channel-Partyreihe, zusammengetan haben: Ehud (aka DJ Desert Niggu), Isa (I$A) und Sinh (DJ Minusminus).

Ehud ist im IfZ bei vielen Jobs beobachtbar, er arbeitet dort als Garderobenchef, DJ, Donnerstagsverantwortlicher, macht die PR und ist für das Social Media-Management zuständig. Isa studiert Soziale Arbeit in Merseburg, ist dazu noch Feel Good Person (Safer Clubbing) und seit Jahren bei den Drugscouts aktiv. Ab und an steht sie beim RosaLinde e.V. hinter der Theke oder begleitet ehrenamtlich Menschen mit Behinderung ins Kino.

Das Trio wird komplettiert durch Sinh. Er macht ein soziales Jahr (FSJ) im Heizhaus, gibt dort Skate- und DJ-Workshops und ist als DJ Minusminus in Leipzigs Clubszene unterwegs. Ehud, der vorher die SPAZZ Veranstaltungen organisiert hat, hat mit den beiden ein motiviertes und junges Team ins IfZ geholt – unbeschränkt-offen, musikalisch nicht nur auf Techno festgelegt. Isa und Sinh werden daher neben der Organisation und dem Booking auch DJ-technisch als Channel-Residents präsent sein. Mit Isa (dann als I$A) zieht übrigens eine DJ des Frauen-DJ-Proberaums des Conne Islands hinter dem Pult des IfZ ein.Neu, new, Newcomer
Jeden Donnerstag wird die Channel nun also den Trakt III be- und umspielen. Der Umzug von Trakt II auf III (dem Chill-out-Bereich) soll für die Gäste ein echtes „Ankommen, Rumhängen und Reflektieren“ ermöglichen. Nicht zwingend muss non-stop getanzt werden, vielmehr sollen Specials wie eine Tattootombola, ein Plattenflohmarkt oder auch Ideen à la Pop-Up-Store (zuletzt gesehen bei Possblthings Records auf der Merseburger), Performances, Kunst-, Fotografie- und Grafikausstellungen das musikalische Programm aufbrechen. „Wir wollen bei der Channel ein anderes Konzept als sonst integrieren, wir wollen neue Gedanken, einen frischen Vibe und einen neuen Sound“, fassen es die drei zusammen.

„Wir haben Bock auf Leute, die genauso Bock haben wie wir“
Stichwort neuer Sound. Das Opening der Veranstaltungen soll schönstenfalls durch einen Newcomer bespielt werden, danach sind zwei weitere Acts geplant. Für DJ-Newcomer, Liveacts und Nachwuchskünstler_innen aller Façon (Kunst, Performance, Illustration …), die jetzt Lust bekommen haben, einen Donnerstag nicht als Gast, sondern als Künstler_in bei einer Channel dabei zu sein, gilt: Schreibt den drei Channelmacher_innen via channel@ifz.me – das Projekt bietet euch hiermit nicht nur einen Platz für freizeitliches Sozialisieren, „sondern auch eine Plattform für Ausstellungen, Begegnungen und natürlich einen Ort für elektronische Musik, alles gleichzeitig miteinander verzahnt.“Auf Sendung
Man darf gespannt sein! Und sich auf ein channeliges Dekokonzept, Grafikkunst, Newcomer, Abhäng-Atmosphäre für Tanzpausierer oder gar Tanzfaule, auf den Donnerstag allgemein und einen „lieb-cool-freundlichen“ Richtungswechsel freuen. An wen sich die neue Partyreihe richtet? „Alle sind eingeladen!“ – also, keine Ausreden, zappt mal rein.

Premiere: Die erste Channel findet am 14. September 2017, ab 23 Uhr, mit Tim Schlockermann und DJ Carmel statt.

Fotos von Felix Adler // Artworks und Logo von Hagen Tanneberger und Louis Hay.