Neulich lag ein Brief von Liah im frohfroh-Briefkasten. Darin die erste EP voll mit minimalistischem Dream Pop.
Und „minimalistisch“ müsste eigentlich groß geschrieben werden. Denn Liah widmen sich in sehr konsequenter Weise der musikalischen Reduktion. Wenige Elemente werden eingesetzt, sehr sanft und subtil verwoben.
Dass dies nicht zu karg wirkt, ist in erster Linie den hellen, langsam schwebenden Synth-Sounds und dem dunkleren, verhallten Gesang zu verdanken. Besonders die Reduziertheit sowie die innere Ruhe, die die fünf Songs ausstrahlen, haben mich gepackt. Alles ist sehr offen und entzerrt, fern der klassischen Pop-Strukturen.
„Wir suchen Schönheit in Strukturen, Loops und Überlagerungen.“
So schreibt es mir Drummer Philipp auf meine Mail. Vier Freunde stecken hinter Liah, alle Mitte 20. Vor drei Jahren gründeten sie in Leipzig die Band – stark inspiriert von Shoegaze, Dream Pop und Electronica der späten 1980er. Mit ihrer ersten, selbst veröffentlichten EP wagen sie sich nun erstmals heraus aus ihrem Leutzscher Proberaum.
Zusammen mit dem Filmemacher Paul Schlesier entsteht aktuell für jeden Song ein Video, das die ebenfalls mit elegischen Bildern und Überlagerungen arbeitet. Die ersten sind bereits entstanden. Die EP ist digital oder als CD via Bandcamp erhältlich.
House ist ja nicht gleich House. Zwei Platten machen das in diesen Tagen wunderbar deutlich.
Dass House – wie fast jedes Genre – sehr unterschiedlich temperiert ausfallen kann, ist nun wirklich keine Neuigkeit. Aber die neuen EPs von M.ono & Luvless und Rivulet Records zeigen die Weite des Spektrums gerade sehr schön auf. Hier der ultra positive High-Energy-Deep House mit Pop-Qualitäten, dort die melancholische, dubbig-eingedunkelte und still schwebende Deepness. Peaktime versus Warm-up/Afterhour.
M.ono & Luvless und Rivulet Records knüpfen jeweils exakt da an, wo sie zuletzt aufgehört haben, wobei erstere mir mit ihrer zweiten EP für das US-Label Kolor LTD noch einmal selbstbewusster erscheinen. Besonders „Losing Memory“ tritt als offensichtlicher Hit auf. „Never Gonna Leave You“ ist dagegen ein Re-Issue – auf O*RS kam das Stück 2012 zuerst heraus. Großes Hit-Potential hat übrigens auch der Beitrag zur „Deep Love“-Compilation von Dirt Crew Recordings.
Die neue Rivulet-Compilation liegt mir musikalisch aber doch mehr. Peonies aus Russland hangelt sich hier mit zwei Tracks entlang der Techno-House-Grenze. Mit durchaus erhöhtem Tempo, aber viel vernebelter, rauschender Deepness. Der New Yorker Ital bringt das mit seinem Remix von „Soft Light“ sogar noch einen Tick besser auf den Punkt. Der perfekte Abtauch-Track.
Außerdem gibt es eine Kollaboration von Berni und Jonas Palzer, die mit schärferen Kanten und raueren Bassdrums in die Kann Records-Sphären vordringen. Rivulet macht mein Herz nach wie vor sehr warm.
Abe kommt aus Amsterdam und hat ein extrem feines Gespür für Electronica-Ambient-Schönheit und Avantgarde. Doumen ist begeistert.
Ich bin es auch, soviel gleich vorweg. „Paddy Roy Bates“ ist das Debüt-Album von Abe und es steckt voller Subtexte, die sich mehr oder weniger direkt heraushören lassen. Allein der Titel: Paddy Roy Bates war ursprünglich Major bei der britischen Armee, rief aber Ende der 1960er Jahre eine zurückgelassene Abwehrplattform zu einem eigenen Staat aus – Sealand. Er wollte von dort aus eigentlich einen Piratensender betreiben, um den britischen Rundfunkgesetzen zu entgehen. Stattdessen gab es einigen Trouble mit britischen Behörden und einem deutschen „Einwanderer“, der die Macht auf Sealand übernehmen wollte. Paddy Roy Bates ist mittlerweile gestorben, Sealand gibt es aber weiterhin – auch wenn es nicht als souveräner Staat anerkannt ist.
Tatsächlich tauchen in den Stücken von Abe immer wieder klangliche Hochsee-Assoziationen auf. Möwengeschrei, ein Tankerhorn und metallisches Rasseln beispielsweise. Und auch sonst schimmert permanent eine maritim-spröde Ästhetik durch – sowohl in den rauen Avantgarde- als auch den melodischen Momenten, die den Kontrast zwischen dem unberechenbaren Meer und einer massiven, trotz des Rostes standhaften Stahlfestung sehr gut vertont. Dazu entrückte Synths und unmittelbar wirkende Field Recordings, scharf geschnittene Samples und hintergründige Free Jazz-Ausfahrten.
„Paddy Roy Bates“ ist ein super einnehmendes Listening-Album, wie der Score eines zerkratzten, teilweise unscharfen Dokumentarfilmes.
Mit bedrohlichen, spielerischen und poetischen Phasen. Ein Album, dass sich mehrmals neu entfaltet und doch sehr kongruent als Gesamtwerk auftritt. Eric Dolphy, John Coltrane, Indian Raga sowie afrikanische, polyrhythmische Strukturen sollen Abe dabei musikalisch inspiriert haben. Kein Wunder, dass Doumen sich so freut, „denn für solche Alben haben sie das Label gemacht“, lässt der Info-Text durchblicken. Ein beseeltes Danke dafür.
Komplett übersehen: Bereits seit Mai gibt es eine neue EP auf Break The Surface. Darauf vertreten sind vier Tracks von MZE alias IIx, dessen „Still EP“ auf Break The Surface immer noch in guter Erinnerung ist.
Auf der „Chi EP“ prallen seine beiden Alter Egos MZE und IIx mit jeweils zwei Stücken aufeinander. Dabei scheinen die Grenzen beider Charaktere sehr fließend zu sein. „Dibia“ bedient für mich zunächst Klischee-Kiste des düsteren Drum & Bass: recht trancige Sounds treffen auf Grusel-Ork-Vocals und schaffen eine bedrohliche Atmosphäre. Der Halfstep dreht den Track von allzu offensichtlichen Rave-Eskapaden jedoch weg. „One Six“ ist für mich mit seinem Tribal-Einschlag der gelungenere Track der beiden MZE-Stücke. Hier fügt sich die technische Härte geschickt zu einer geraden Bass-Drum, untermalt von dubbigen Sounds und angedeuteten Vocals.
Die beiden IIx-Tracks „Tsetse“ und „Chineke“ packen mich aber am meisten. „Tsetse“ zeigt mit verspielten Drums und zurückhaltenden Synths, dass die dunkle Grundstimmung auch subtiler funktioniert. „Chineke“ setzt zerhackte Vocals und eine dominante Handclap in den Mittelpunkt, begleitet von dramatischen Flächen. Im richtigen Setting hat das Gänsehaut-Potential. Damit ist der Track der gar nicht so heimliche Hit der EP für mich.
Moon Harbour pflegt seine guten Kontakte nach Spanien und Italien. Von einer Disco Techno Revolution kann aber keine Rede sein.
Luca Donzelli betreibt das Wow!-Label, Mar-T ist Resident-DJ im Amnesia-Club auf Ibiza. Profis für viele Floors also. Als Producer-Duo konnten sie dementsprechend schon ein paar Beatport-Hits abliefern. Auch die vier Tracks auf Moon Harbour dürften dort weit oben in den Tech House-Charts landen.
Flockige Beats mit trockenem Rock-Drums-Appeal, dazu pumpende Basslines und ein paar eingestreute Macho- oder Emo-Vocal-Samples. Effizient getrimmt, effektiv durchrauschend. That’s the Ibiza shit.
Neues von Dur, dem Label von Talski, Perm und Emrauh. Erstmals ist eine reine Artist-EP heraus gekommen.
In dem Trio übernimmt Emrauh bisher den sehr ambienten, reduzierten und verhallten Sound. Mit seinen vier Tracks führt er ganz klar die Dur-Linie zwischen Techno und Ambient weiter. Schlüssel-Track für mich ist „Torrens“, der die in letzter Zeit oft ausgelebte dystopische Techno-Atmosphäre zwar aufgreift, sie mit den federnden Bassdrums und lässig shakenden Hi-Hats bricht. Ein schön-entwaffnender Dreh, der sich gänzlich ohne hell schillernde Synth-Chords ergibt.
Beim zweiten Techno-Stück „Last Juno“ ist alles vom Bass und von den hektisch zischenden Hi-Hats dominiert. Sehr loopig und bedeckt haltend. Mit „Eigengrau“ und „Seul“ wird dann wieder episch und elegisch die Dystopie zelebriert. Darker, in den Flächen zeitlupenhaft gleitender Ambient mit viel räumlicher Weite und Drones-Kühle. Direkt aus der nachtruhenden Industriehalle.
Ihr wollt keine langen Texte lesen? Dann kommen wir doch gleich zur Sache: Die Cover-Version „Pink No Kimono“ ist der offensichtlichste Hit und allein schon Kaufgrund für das Album von Kiki Hitomi, das nun auf Leipzigs Digi-Dub-Institution Jahtari herausgekommen ist. Doch damit kann man den 25-minütigen Album nicht gerecht werden.
Aber von vorn: Letztes Jahr erschien bereits ein fantastisches Album von Roger Robinson bei Jahtari. Mit Kiki Hitomi ist nun erneut ein Teil von King Midas Sound am Start und wie auch bei Robinsons „Dis Side Ah Town“ stammen die Riddims auf „Karma No Kusari“ größtenteils von Disrupt. Musikalische Beat-Beiträge gibt es aber auch von Maffi, Tapes und Stephane Picq. Außerdem ist der verstorbene Space Ape auf einem Track zu hören.
Der typische Jahtari-Sound wird hier nicht nur durch Hip Hop-Einflüsse wie in „Nen Nen Korori“ und „Galaxy“ aufgebrochen.
Vor allem die japanischen Einflüsse, die Kiki Hitomi mit der Dub-Ästhetik kreuzt, machen das Album einzigartig.
Ob sphärischer Gesang wie auf „Samurai Spoon“ oder regelrechte Pop-Songs wie „Yume No Hana“ und das bereits erwähnte „Pink No Kimono“ – immer schwingt dieser faszinierende, melancholische wie auch spirituelle Grundton mit, wie man ihn auch aus Animes wie „Ghost in the Shell“ kennt. Aber auch der Spaß an der bunten Manga-Computerspiele-Popkultur-Welt ist immer präsent. Und der Weltraum sowieso.
Gerade „Pink No Kimono“ macht das deutlich. Vor allem durch den Kill Bill-Soundtrack ist das Original „The Flower Of Carnage“ von Meiko Kaji bekannt. Kiki Hitomis Reggae-Version dürfte allein schon deswegen von der Studenten-Party bis zum Zoro-Fest Publikums-übergreifend funktionieren. Siehe auch dem unten verlinkten Beweis-Material, das die inzwischen in Leipzig ansässige Künstlerin bei einem Auftritt zeigt.
Und doch weist der Titel „Karma No Kusari“ in seiner englischen Übersetzung „Chain Of Karma“ darauf hin, dass hinter dem Album nicht nur erfreuliche Lebenserfahrungen stehen. Mehr dazu erzählt sie in einem lesenswerten Interview mit dem Fact Magazine.
Am letzten Samstag ist das Deko Deko-Album herausgekommen. Wir haben Lena und Tristan zum Interview getroffen.
Vielleicht fehlt mir der Einblick, aber gefühlt entsteht in Leipzig wenig ernstzunehmende elektronische Musik, die souverän Pop und experimentelle Ambitionen verbindet. Deko Deko füllen diese Lücke. Vor fünf Jahren tauchte das Duo mit der EP „Make Death Listen“ aus dem Nichts auf und machte Lust auf mehr. Doch es brauchte vier Jahre, um mehr zu bekommen – mit „Neustadt“ ist soeben das Debüt-Album von Deko Deko erschienen und es gab einiges zu fragen. Hier sind die Antworten von Lena und Tristan.
Eigentlich war das Album für Anfang 2015 angekündigt – warum hat es noch einmal so lange gedauert bis es veröffentlicht wurde?
Lena: Das hatte eigentlich einfache Gründe: Wir hatten kein Label und haben überlegt, wie wir das ganze überhaupt veröffentlichen. Wir haben dann O*RS gefunden – aber das hat von der ersten Absprache bis jetzt auch noch einmal ein Jahr gedauert. Dann haben wir auch ein Kind bekommen. Das hat auch noch einmal alles verzögert.
Tristan: In der Zwischenzeit haben wir eigentlich noch einmal die Platte neu produziert. Es gab schon ein fertiges Konstrukt, aber mit Micha (Good Guy Mikesh) sind wir noch einmal durch alles gegangen, haben Spuren durchgeschaut, fürs Mastering optimiert, hier und da noch etwas weggenommen oder dazu gepackt – eigentlich haben wir noch einmal das Beste herausgeholt.
Also hatte die Pause auch etwas positives oder hättet ihr das Album gern früher herausgebracht?
Lena: Ja, wir hätten es gern schon 2013 veröffentlicht. Das Material war ja da. Aber ich glaube, es hat den Songs total gut getan. Jetzt sind sie richtig kompakt und komplex. Für die ganze moralische Stimmung war dieser zähe Produktionsprozess aber nicht so gut.
Tristan: Wenn man etwas ausproduziert hat, möchte man es ja auch gern rausschieben. Sonst hört man immer wieder rein und baut noch einmal herum. Die Gefahr sich da zu verfrickeln ist groß.
Lena: Ich finde, dass alles seine Zeit braucht. Und die Songs haben die Zeit auch gebraucht, so dass ich jetzt das Gefühl habe, sie sind großartig. Am Ende war ich bei dem Produktionsprozess gar nicht mehr so dabei und ich kann sie jetzt mit Abstand hören und bin weiterhin begeistert. Ich bin Fan meiner eigenen Musik.
Hättet ihr jetzt gleich Lust und Kraft für das nächste Album oder braucht ihr erstmal Abstand?
Tristan: Ja, tatsächlich habe ich das Gefühl, dass man erstmal was herausbringen muss, ehe man etwas neues beginnt. Ich habe aber schon viel neue Dinge produziert, die noch nicht als Songs zu sehen sind. Vom Material her hätten wir genug für ein nächstes Album. Es muss nur noch formuliert werden.
Lena: Ich habe auch Themen, die ich gern bearbeiten würde, aber ich bin noch nicht weiter gekommen. Ich brauche wohl erstmal dieses Abschließen. Ich merke das, wenn mir Tristan neue Sachen zum Hören gibt. Da denke ich dann: Ja, das kann funktionieren, aber wirklich bereit bin ich noch nicht.
Tristan: Es ist eigenartig, dass es diesen Abschluss wohl braucht. Eigentlich könnte uns das egal sein. Aber ich weiß nicht warum, vielleicht gibt es da ein Geheimnis.
Lena: Vielleicht, weil wir Musik nicht beruflich machen. Bei uns dreht sich ja nicht alles um Musik. Das macht schon viel aus. Ich habe viele Einflüsse von Kunst, Menschen und Garten – Tristan ja auch. Da sind viele Felder, die wir bearbeiten und Musik ist eins davon.
Wenn ich zurückschaue: Der Anfang war ja durchaus spektakulär. Als die EP herauskam, gab es ein Konzert im Wald, dann die Tour mit We Have Band, später der Auftritt im Gewandhaus. Gab es nicht doch die Idee, mehr aus der Band zu machen – oder war immer klar, das es ein Projekt nebenher ist?
Lena: Eigentlich war es klar, dass wir nicht davon leben werden. Immer wenn wir uns darüber unterhalten haben, haben uns diese Mechanismen der Musikbranche genervt. Die kleine Tour mit We Have Band sah zwar von außen vielleicht spektakulär aus, aber es war vor allem anstrengend und zum Teil auch ernüchternd. Ich mochte mehr die Auftritte, bei denen wir alles in der Hand hatten und selbst vorbereiten konnten. Wo Publikum kam, das wegen uns gekommen ist. Im Berghain haben sich die Leute auf uns eingelassen, aber in Hamburg wollten alle einfach Party mit We Have Band machen. Das ist auch ok als Vorband.
Tristan: Aber da sind wir nicht Profi genug, wo man in dem Moment einfach abliefert und um das Publikum kämpft. Wir haben auch Freunde, die das professionell betreiben und die haben eine andere Geschwindigkeit, was das betrifft. Da wird mehr Zeit in Promotion, Interviewtermine oder lohnenswerte Auftritte investiert. Das ist uns einfach fremd, uns geht es ums Musik machen. Dass aber der große Teil der Arbeit erst danach kommt, sehen viele ja nicht.
Die kleine Tour hat sich in dem Sinne durch einen glücklichen Zufall ergeben. Jan Barich (Map.ache) hat uns damals vermittelt, jetzt greift uns Filburt unter die Arme. Es hat immer am besten zusammen mit Leuten funktioniert, die wir kannten. Wir wollten nicht einfach Promogeld ausgeben, damit irgendwelche Seiten unseren Promotext veröffentlichen.
Für uns war das irgendwann auch ein Ansporn: Wir wollten das ein bisschen zurückerobern. Die Musik gibt einem ja was – egal ob während des Entstehens oder wenn sie fertig ist. Und dass wollten wir uns von dem Apparat nicht vermiesen lassen. Wir haben uns und es gibt Leute, die das gut finden und wenn das jetzt nicht bis Japan geht, dann ist das eben so. Aber man ist zumindest wieder in einem Modus, in dem man sich gern an neue Musik setzt.
Lena: Obwohl ich es auch wichtig finde, dass es jetzt rauskommt. Sonst hätten wir nicht noch einmal die ganze Kraft aufgewendet. Wir wollen schon, dass das Album gehört wird. Ich habe ja auch etwas zu sagen und trete eigentlich auch in eine Art Diskurs.Warum heißt das Album „Neustadt“?
Lena: Das Wort klingt gut. Aber ursprünglich gab es auf dem Album einen deutschsprachigen Song, der „Alles neu“ heißt – der ist aber wieder rausgefallen. Doch das Thema der Platte dreht sich um Menschen, die abgehängt sind vom Rest der Gesellschaft – vor allem aus Gründen, die in der Kindheit liegen.
„Neustadt ist Synonym für ein Plattenbaugebiet, wie Grünau.“
Und es gibt einen Film von Thomas Heise – „Kinder. Wie die Zeit vergeht.“ Das ist ein Dokumentarfilmer, der sich viel mit den Entwicklungen im Osten beschäftigt hat, vor allem in der Nachwendezeit. In Halle-Neustadt hatte er damals auch Neonazis interviewt. Da gab es einen Eklat, weil er das in einer sehr objektiven Weise gemacht und denen eigentlich eine Stimme gegeben hat. Auf der anderen Seite zeigte er aber damit, woran die Entwicklung liegen könnte.
„Kinder. Wie die Zeit vergeht.“ ist einige Jahre später gedreht worden mit einer anderen Protagonistin, die Mutter von drei Kindern ist. Und man liest quasi wie in einem offenen Buch, was mit Menschen passiert, wenn Dinge schief laufen. Das hat mich in der Phase, in der ich die Texte für das Album geschrieben habe, sehr beschäftigt – und tut es noch heute. Ich lese da auch viel darüber und hatte das Bedürfnis, diesen Kindern, die mittlerweile schon Erwachsene sind, eine Stimme zu geben.
Hattest du konkrete Personen und Biografien im Blick?
Lena: Ja, hatte ich. Zum Beispiel hatte ich einen kleinen Jungen im Blick, den ich selbst kennengelernt habe. Mit sieben Jahren hatte er schon eine totale Verliererbiografie. Mit zwei, drei Jahren wurde er von seiner Mutter weggenommen, weil er dort verwahrlost in der Wohnung gefunden wurde, kam später in eine Wohngemeinschaft, wo es aber auch Zwischenfälle gab. Er war dann natürlich in der Grundschule auffällig und wurde nach der ersten Klasse aussortiert – also versetzt in eine Förderschule, obwohl er total clever war.
Dieses Aussortieren und das ganze System haben mich so wütend gemacht, dass ich das gern nach außen tragen und Leuten mitteilen wollte. Das ist die Geschichte von „Kid“. Ansonsten habe ich auch die Protagonisten aus dem Film als Vorlage gesehen. Es gibt auch zwei Lieder, bei denen es imaginäre Zwiegespräche zwischen dem Kind und seinem erwachsenen Pendant gibt.
Hat der Bandname eigentlich etwas mit dem Dekonstruktionsbegriff zu tun? Habt ihr dieses Zerlegen, Kontexte hinterfragen und interpretieren, Widersprüche aufdecken auch im Hinterkopf beim Musik machen?
Tristan: Lena erzählt ja Geschichten und macht das Songwriting im klassischen Sinne. Das beeinflusst natürlich die Produktion. Meist entsteht erst eine herkömmliche Songstruktur oder ein klassischer Sound und man denkt, dass sich das gut arrangieren lassen könnte, so dass ein guter Song herauskommt.
Das ist aber genau der Punkt: Was kann man zerbrechen von dem, was schön und nett ist, damit es vielleicht interessanter wird oder mehr Raum entsteht.
„Es ist immer ein Spiel zwischen Lärm sowie dem Nicht-Schönen und dem Schönen.“
Das spielt bei uns permanent mit und wir wollten das gern in den Namen reinbringen. Aber so kulturphilosophisch spielt das keine so große Rolle für uns.
Wie entstehen außerdem die Songs?
Tristan: Meist ist ein Beat oder Sound als Fundament da, der als Grundstimmung im Raum schwebt. Dann kommt Lenas Text dazu oder sie probiert verschiedene Varianten, die dazu passen. Nachdem sie eingesungen hat, fange ich an, alles wieder auseinanderzunehmen und Lena singt neue Parts ein. Es sind verschiedene Zweige, von denen einige durchkommen, andere wegfallen. Irgendwann weiß man, dass es jetzt fertig ist.
Lena: „Kid“ war da eine Ausnahme. Den hatten wir im Proberaum eingespielt und dann war er eigentlich fertig. Das war aber auch von einer Wut getrieben. Tristan hat zwar noch etwas verändert, die Essenz ist aber weiterhin spürbar.
Wie seid ihr überhaupt zu diesem düster-sphärischen Sound gekommen?
Lena: Ich finde den eigentlich nicht so düster. Obwohl das viele sagen. Beim Proben für das Release-Konzert denke ich immer, dass es ja total positiv ist. Ganz sensibel mit vielen Dur-Anteilen.
Tristan: Es sind wohl die Sounds. Die treffen schon in eine wavige, finstere Ecke – allein schon durch die Samples und Synthesizer-Auswahl. Was Lena aber auch meint ist, dass die Essenz der Songs eigentlich eine sehr positive ist. Die Frage ist ja auch: Wie kann ich das Thema Wut in elektronischer Musik umsetzen. Bei aktuellen Sachen, wie bei Dubstep und EDM, ist das wie bei McDonald’s: Druck machen und alles in einen Topf hauen. Das verwirrt natürlich dann die Leute, wenn alles etwas zurückgenommen ist: Wir kommen ja aus dem Analogen – unser vorheriges Projekt war Folk. Ansonsten komme ich eben vom Hardcore, Punkrock und HipHop.
Lena, wenn du die Songs eher positiv empfindest, hast du die Geschichten dahinter auch entsprechend angelegt? Haben die dann eher eine hoffnungsvolle Note?
Lena: Nein, es ist eher dokumentarisch. Durch die Symbiose mit der Musik wird es aber tröstlich. So geht es mir bei „Tommi“ und „Sun“, obwohl es nie eine Lösung im positiven oder negativen Sinne gibt. Aber man hat nicht das Gefühl, allein gelassen zu sein. „Kid“ fällt da heraus. Das ist einfach dokumentarisch, ohne gutes Ende, einfach nur schlimm. Aber das Thema an sich erfährt wenigstens musikalisch eine Art Trost.Deko Deko ist ja über die Musik hinaus sehr künstlerisch aufgezogen – mit besonderen Covern, Videos und Online-Anwendungen. Habt ihr konkrete Anknüpfungspunkte zur Bildenden oder Darstellenden Kunst?
Tristan: Ich arbeite auch künstlerisch, aber da geht es eher um Algorithmen. Aber unser Umfeld übt einen großen Einfluss aus. Man schult sich gegenseitig. Wir kommen auch noch aus einer Zeit als man sich ein Album im Laden gekauft hat und das war dann ein Goldstück, das man ewig gehört hat. Zwischendurch fand man es vielleicht auch schlecht, dann wurde es wieder besser. Man ist aber daran gewachsen. Deshalb ist uns das Album als Ganzes wohl auch so wichtig. Wir haben beispielsweise auch viele Videos gemacht, die nach und nach veröffentlicht werden, um dem Ganzen noch eine Illustration zu geben.
Die Videos macht ihr selbst?
Lena: Ja, Videos und Artwork macht Tristan.
Und haben die als künstlerische Ausdrucksform eine ähnliche Relevanz wie die Musik – die scheinen euch ja schon sehr wichtig zu sein?
Lena: Würde ich schon sagen. Das Dekonstruktive findet da auf jeden Fall auch statt.
Tristan: Aber ich finde, dass das der Musik nachsteht. Da muss ich mich selbst kritisieren:
„Die Videos haben nicht dieselbe Kraft wie die Musik.“
Es gibt definitiv Videokünstler, die das besser können, die auch andere Bilder finden.
Lena, hast du Verbindungen zu anderen Kunstformen?
Lena: Ich bin nicht selbst Künstlerin, aber ich vermittle Kunst und ermögliche Projekte – ich bin eigentlich Kulturmanagerin. Viel mit Kindern und Jugendlichen, aber auch mit Erwachsenen. Dadurch beschäftige ich mich natürlich viel mit Kunst. Und eigentlich bin ich in den Projekten immer die, die mit den Leuten zusammen künstlerische Lösungen sucht. Ich begleite die Leute in ihrer Suche nach künstlerischen Ausdrucksformen und mache das quasi jeden Tag selbst mit – aber am Ende doch nur für die anderen. Ich selbst mache keine eigenen Projekte mit eigenen künstlerischen Lösungen – jedenfalls nicht in der Bildenden Kunst.Wollt ihr das Album live spielen?
Tristan: Ja, im Vary haben wir das Release-Konzert im kleinen Rahmen gespielt. Der Plan ist aber, dass wir zum Jahresende noch ein paar größere Sachen machen. Am liebsten an Orten bei denen wir wissen, dass es cool ist. Das Rumtouren ist für uns nichts und geht als Familie auch nicht.
Lena: Rein infrastrukturell geht es nicht. Wir können nicht mit einem kleinen Kind rumtouren.
Wie ist es generell als Duo und Paar Musik zu machen – gibt es da andere Herausforderungen oder Erleichterungen?
Tristan: Ich finde es viel leichter.
Lena: Wir haben uns gut eingespielt. Es gibt manchmal Meinungsverschiedenheiten, aber keinen Streit.
Tristan: Logistisch ist es viel besser. Ich kann sagen, dass ich alles mitbringe und wir machen zu Hause weiter. Es ist nicht so, dass man sich zur Probe trifft und fünf Stunden quatscht, man ist sofort bei der Sache. Manchmal ist das natürlich auch von Nachteil, weil man sich immer in seiner eigenen Suppe dreht, aber ich fand es bisher nicht schwierig.
Ihr habt ein Studio oder passiert alles zu Hause?
Tristan: Den Großteil machen wir zu Hause. Bei der Endproduktion arbeiten wir dann bei Freunden und Bekannten in deren Studios. Es ist eh besser, wenn da noch ein paar Ohren mithört und korrigiert.
Wie kam eigentlich der Kontakt zu O*RS. Das ist ja nach außen hin schon eher ein House-Label. Fühlt ihr euch dennoch gut aufgehoben dort?
Lena: Ich finde schon und glaube auch, dass das für Aufmerksamkeit sorgt. Einmal in der Anhängerschaft von O*RS, weil es ja was total anderes ist. Ich weiß auch, dass einige Leute Filburt fragen, warum er das macht, es würde ja gar nicht passen. Aber allein das ist ja schon ein Aufmerksamkeitsbonus. Ich denke aber auch, dass da Leute dabei sind, die sich nebenher für andere Musik als für House interessieren.
Tristan: Für Filburt ist das aber auch eine Selbstverständlichkeit, dass es sich in verschiedene Bereiche entwickeln kann. Wir haben uns da einfach gefunden und vertrauen uns. Ich finde das auch gut, wenn ein Label so etwas wagt. Wenn ich ein Lieblingslabel habe und das kommt mit einer komischen neuen Platte, setze ich mich trotzdem damit auseinander, weil es ja irgendwo etwas gutes haben muss – sonst würde das Label die Platte ja nicht herausbringen.
Lena: So habe ich früher auch neue Musik entdeckt. Das war immer mit Herausforderungen verbunden, wenn ich neue Sachen entdeckt habe. Wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich auch heute noch die Leute von Musik herausfordern lassen.
Es ist da – das erste Deko Deko-Album. Und das lange Warten hat sich gelohnt.
Vor anderthalb Jahren wurde es bereits angekündigt, dann kamen jedoch ein paar Dinge anders, wie Lena in unserem Interview erzählt. Obwohl Deko Deko lediglich ein Duo ist, öffnen die beiden einen weiten klanglichen Rahmen mit extrem minimalistischen und überaus opulenten Phasen. Deko Deko spielen mit den Widersprüchen. Da strahlt heller Gesang durch einen eingedunkelten, schleppenden Wave-Sound, werden klassische Pop-Strukturen und -elemente aufgegriffen und neu sortiert.
„Neustadt“ klingt mit seinen neun Songs noch einmal selbstbewusster als die vier Stücke der ersten „Make Death Listen“-EP. Nicht nur, weil es konzeptionell nicht auf bequeme Pop-Inhalte setzt und sich stattdessen in gesellschaftliche Randlagen begibt – mehr dazu auch hier im Interview. Auch musikalisch klingt „Neustadt“ super fokussiert und kompakt. Das lässt die Songs noch erhabener wirken, frei von Längen und Ballast. Wie eine Verdichtung der ursprünglichen Idee.
Zugleich gibt es mit Songs wie „Sun“, „Working On“ und „What Happend“ auch eine hörbare Öffnung zu eingängigen und klassischen Pop-Momenten. Direkt neben all der Tragik, Schwere und Wut, die ebenfalls zu Deko Deko gehört. „Neustadt“ hat inhaltlich und musikalisch die Kraft eines Manifests.
Pünktlich zum Ende der Sommerpause gibt es ein Wiederhören mit Defrostatica. Im Mittelpunkt der dritten 12″ steht diesmal Kiat aus Singapur, der bereits auf der ersten EP des Labels einen Remix zu „Connor“ beisteuerte.
Mit Kiat verbindet Label-Chef Booga eine besondere Freundschaft: Nach einem Auftritt mit Storm vom Londoner Über-Label Metalheadz fand Booga eine CD mit Dubplates – Storm hatte sie nach ihrem Gig vergessen. Booga mochte die Tracks auf der CD und fragte Storm, von wem sie sind. Von Kiat & Ash aus Singapur antwortete sie und gab ihm den AIM-Kontakt. Daraufhin führte Booga ein Interview mit den beiden, das bei It’s Yours veröffentlicht wurde. Daraus entwickelte sich ein dauerhafter Kontakt, Booga lud ihn 2007 in die Distillery ein. In diesem Sommer war Kiat nochmals mit seiner Frau in Leipzig: „Er liebt diese Stadt. Als Designer war er vom Druckkunstmuseum so beeindruckt, dass er am liebsten hierher ziehen würde“, schreibt Booga in einer Mail an uns. Am Ende sollte Kiats EP für Defrostatica so heißen, weil für ihn in dieser Stadt der Ursprung eines wunderbaren Zufalls liegt.
Bei den drei Stücken der EP ist seine Zuneigung zum Drum & Bass-Vibe der späten Neunziger zu spüren. Spätsommerlich entspannt knüpft er mit „Brooklyn“ an diesen mittlerweile klassischen Sound an. „Procession“ klingt in seiner nie zu vertrackten Rhythmik und den Drum-Samples nach einer Verbeugung vor den regelrecht legendären frühen Tracks von Photek. Viel dunkler, bedrohlicher eingefärbt kommt Kiat zum Schluss mit „Slider“ daher.
Keine der drei Tracks haut dabei auf die Rave-Alarm-Pauke.
Kiat zeigt vielmehr, dass die Konzentration auf die wesentlichen Elemente – Drums, Bass und diverse Sounds – eine Spannung erzeugen, die länger anhält als vordergründige Ohrwurm-Melodien.
Damit ist die EP aber nicht beendet. Ein vierter Track ist der „Five Boroughs Remix“ vom Frankfurter Urgestein Kabuki zu „Brooklyn“. Für mich völlig überraschend verdichtet Kabuki das Stück zur slammenden Footwork-Nummer, dessen Sound ich seit seinen sonnig-flockigen „Speed of Sound“ so gar nicht auf dem Schirm habe. Ein weiterer, nur digital erschiener und von Agzilla produzierter Remix zu „Brooklyn“ streicht die entspanntere Seite des Tracks hervor.
Neuigkeiten gibt es bei Defrostatica aber auch abseits der neuen „Leipzig EP“. Mittlerweile wird das Label nicht mehr allein von Booga betrieben, sondern von Tina aka Kords+Kajal unterstützt. Als zeitweilige Autorin für itsyours.info hat sie sich bereits um die Drum & Bass-Szene in Leipzig gekümmert. Auf Radio Blau könnt ihr alle vier Wochen zu ihrer Musik in der Sendung Sunday Groove entspannt das Wochenende ausklingen lassen. Zudem kümmert sie sich um das Booking der Freitags-Veranstaltungen in der Distillery. Auch mit ihr ist Booga langjährig befreundet.
Wie gut die beiden sich musikalisch ergänzen, davon konnte man sich beispielsweise zum Pre-Release im Vary überzeugen. Ein gemeinsames Interview gibt es außerdem bei den Elektro-Konsumenten – mit einem Seitenhieb auf die Leipziger Party-Szene: „Ich denke, dass es im Wesentlichen eine Monokultur ist, dass eine Monokultur im House/Technobereich existiert. Wenn du dir mal die Szenenachrichten bei FrohFroh über die Wochenendankündigung anguckst – du kannst dich mit House von vorne bis hinten, von Donnerstag bis in den Montag rein beschäftigen, alles andere Musikalische findet, zumindest in der Wahrnehmung, nicht so statt.“
Frickelige Electronica ist in Leipzig vergleichsweise wenig vertreten. Seit einiger Zeit gibt es mit Antape aber hörenswerten Zuwachs.
Verspielte Electronica hat es in der Wahrnehmung ja oft nicht leicht. Für den einen zu anstrengend, für den anderen nicht tanzbar. Und sowieso ist das nur Musik für hyperaktive Nerds. Über allem thront natürlich Aphex Twin, der vermutlich alle relevanten Ideen schon verwurstet hat, bevor andere auch nur den Anschalt-Knopf für ihre Hardware gefunden haben. Dennoch: Dieser oft absurde, überbordernde und an Effekten überladene Sound macht auch nach 20 Jahren immer noch Spaß. Womit wir bei Lucas alias Antape wären.
Aus Brest in Frankreich hat es ihn und einige Freunde 2012 nach Leipzig verschlagen. Grund dafür war die Gründung des Tonstudios Roy de Rats im Leipziger Westen, in dem die vier Toningeniure ihr Können unter Beweis stellen. Hier wurde zum Beispiel auch das letzte Album von Annaluk aufgenommen. Aber das Projekt beschäftigt sich auch mit Ideen zum DIY-Technik-Bau. Klar: Das geballte Wissen schlägt sich natürlich auch in der Musik von Antape nieder. Vielleicht ist es aber auch Grund für die praktische Sortierung seiner Tracks in „Hardware Tracks“ und „Some Computer Tracks“ auf Soundcloud.
Halsbrecherische Breakbeats, fröhliches Acid-Geschnatter, permanente Wechsel im Track-Aufbau, verspulte Melodien.
Vor allem auf Antapes 2013 veröffentlichten Tape „Primitive Silly Music“ (dessen zweite Seite das Album „Nocturne Pillar“ von Kotekan beinhaltet) lassen sich diese allseits beliebten Zutaten heraushören. Aber auch zurückhaltendere Stücke gibt es: Besonders „Farfade“ hat es mir mit seiner verträumten Atmosphäre angetan. Wie Antape zu seiner Musik kommt, erfahrt ihr im Interview.Electronica scheint der offensichtlichste Einfluss bei Antape zu sein. Woher kommst du musikalisch?
Ich nehme an aus vielen verschiedenen Ecken, aber sicherlich hat alles durch die musikalische Vielfalt angefangen, die mich als Kind durch meine Eltern umgeben hat: Bach, Pink Floyd, Nirvana, Prodigy und Aphex Twin habe ich unter anderem alle im Wohnzimmer entdeckt. Ein paar dieser Künstler begleiten mich noch immer und natürlich habe ich auch im Laufe der Jahre eine Menge neue Musik entdeckt. Manchmal höre ich wochenlang nur elektronische Musik, manchmal fast keine, manchmal auch aus ganz anderen Musikrichtungen. In den letzten Jahren habe ich meine beeindruckendsten Entdeckungen eher in der instrumentalen Musik gemacht, z.B. in traditioneller Musik verschiedener Herkunft. Momentan habe ich eine Schwäche für „orientalische“ Harmonien oder die Musik von John Zorn, die mich immer wieder überrascht.
Gibt es ein bevorzugtes Gerät, Instrument oder Plug-In, mit dem du arbeitest?
Ich habe lange Zeit ausschließlich mit der Software Renoise Musik gemacht, später auch in Kombination mit Reaper. Seitdem und bis heute habe ich fast nur freie Plugins genutzt und so die Erfahrung gemacht, dass man besser lernt, wenn man mit einfachen Werkzeugen experimentiert, sie irgendwann kombiniert, um komplexere Ergebnisse zu erreichen. Nach ein paar Jahren habe ich mein erstes Gerät erworben, ein Electribe SX1 und seitdem hat die Hardware eine immer größere Rolle in meinen Stücken gespielt.
„Seit ungefähr zwei Jahren bin ich in der Lage, Stücke ganz ohne Computer zu spielen.“
Diese Abwechslung ist für mich sehr erfrischend. Meine letzte Neuanschaffung, der Yamaha TX81Z, ist definitiv der beste Synth, mit dem ich in letzter Zeit gearbeitet habe. FM Sounds selber zu programmieren ist eine Welt für sich, in der es für mich immer wieder Neues zu entdecken gibt.
Bei Bandcamp zu deiner Split-EP mit Kotekan steht, dass ihr euch über das IDM-Forum „We Are The Music Makers“ kennengelernt habt. Welche Rolle spielen das Forum und IDM allgemein für dich?
Das Forum hat mir die Gelegenheit gebracht, andere Künstler virtuell kennenzulernen und mich mit ihnen über unsere Beschäftigungen als elektronische Musiker auszutauschen. Kotekan habe ich einfach kontaktiert mit der Idee, einen Split zusammenzubringen, weil ich seine Musik mochte und wusste, dass er meine auch gut fand. Das war eine tolle Zusammenarbeit, über die ich froh bin, sie durchgezogen zu haben, obwohl das Tape schlussendlich nicht sehr viel Aufmerksamkeit bekam. Heute bin ich nicht mehr so viel in dem Forum unterwegs, aber ich behalte einen Überblick darauf. Und was IDM angeht: Ich finde es schwer, diese Künstler, die mich direkt beeinflussen, in eine Schublade zu stecken. Sie machen sehr unterschiedliche Musik, sowohl einzeln als auch als Gruppe. IDM ist für mich eine Art Mythos und sagt nicht wirklich etwas über die Musik aus.
Sind weitere Releases geplant? Bist du an weiteren musikalischen Projekten beteiligt?
Momentan habe ich nur vage Ideen über mögliche Releases: Ich habe mehrere fertige Renoise/Reaper Stücke, mit denen ich eine EP oder ein Album machen könnte. Ebenfalls mit den Stücken, die ich auf meiner Hardware-Installation spiele. Nach der Erfahrung mit der selbst produzierten Kassette möchte ich aber erstmal nicht mehr so viel Energie in die Herstellung und Promotion eines Releases stecken. Ich habe auch weniger Verknüpfungen in irgendeiner Musikszene und keine Lust darauf, als ein Fremder im Internet vielen Labels Demos zu schicken. Gerade ist der Fokus eher, Veranstaltungen zu finden, wo ich mit meiner Live-Installation spielen kann – was ziemlich neu für mich ist. Und auf diese Art – eventuell – Leute zu treffen, die Interesse haben, meine Musik zu fördern. Allerdings bin ich mittlerweile, was die aktuelle Musikindustrie angeht, viel nüchterner geworden: Ich bin nur Teil einer riesigen Masse an Leuten, die Musik machen – elektronisch oder anders. Ich möchte nicht kämpfen, um Anerkennung zu erreichen. Mir macht das Musikmachen an sich Spaß und das ist, was für mich zählt.
Außerdem spiele ich mit einer Gruppe von Freunden traditionelle Stücke, größtenteils aus dem Balkan. An der Seite von einem Kontrabass, zwei Gitarren, einer Geige und einer Querflöte, spiele ich Darbuka und genieße es, Musik machen zu können, ohne irgendein Kabel einstecken zu müssen.Du bist Teil des Tonstudios „Roy de Rats“. Laut eurer Website habt ihr euch in Brest während des Studiums kennengelernt und 2012 das Studio in Leipzig aufgebaut. Wie kam es zur Idee? Und warum in Leipzig?
Richtig, wir haben mit Charles und JB im Laufe des letzten Semesters als Toningenieure die Idee gehabt, im Ausland ein Tonstudio zu gründen. Wir hatten Lust, ein anderes Land zu entdecken und dachten, es könnte irgendwo außerhalb Frankreichs mit wenig Mitteln für den Anfang einfacher sein. Ganz zufällig haben wir von Leipzig gehört und danach so gute Meinungen über die Stadt, dass wir sie besichtigt haben und im Mai 2012 letztendlich zugezogen sind. Mittlerweile sind wir in der Spinnerei und machen sowohl Aufnahmen verschiedener Musikprojekte als auch Mischung und Mastering und nebenbei noch Live-Tontechnik. Uns ist in letzter Zeit wichtig, das Studio mobiler zu machen. Wir möchten gern mehr an verschiedenen Orten arbeiten, die wir je nach Projekt für ihre Akustik oder einfach ihre Atmosphäre auswählen.
Ortloff ist zurück, mehr als ein Jahr nach der letzten, wirklich großartigen QY-EP. Erstmals mit Tracks von einem der zwei Label-Heads selbst.
Ehrlich gesagt war mir aber gar nicht bewusst, dass Fr Fels Till vom Ortloff-Label ist. Als Sebastian Dubiel kannte ich ihn. Allerdings passte der Name irgendwann nicht mehr zu dem sich allmählich verändernden Sound. Und tatsächlich klingen sowohl die vier Stücke der „The Riddle“-EP als auch die DJ-Sets auf Soundcloud weitaus rougher und analoger als die melancholische Deepness bei Sebastian Dubiel.
„The Riddle“ ist „das Resultat langer Nächte inmitten von analogen, zumeist alten, Maschinen und Effektgeräten“, schrieb Till neulich. Die Tracks seien zudem eine Art Destillat der Sachen, die ihn seit frühester Kindheit musikalisch begleitet und unterbewusst geprägt hätten. Verschmolzen wurde dies zu vier pulsierenden Tracks, die deutlich im ursprünglichen Electro-Sound verwurzelt sind. Mit der Verspieltheit von losgelösten Live-Sessions, der Rauheit von alten Synthesizern und all den spontanen Abzweigen, die sich während des Produzierens sicherlich ergeben.
„On The Run“ ist mein Favorit, weil er so fokussiert, leicht hektisch und rastlos davon läuft. Etwas stolpernd in den Beats, in den Sounds und der Bassline aber ganz dicht beisammen gehalten. Mit einer geraden Bassdrum wäre daraus wahrscheinlich ein super mitzerrender Techno-Track geworden. So behält er fast schon was kindliches. Mit „Visite“ halbiert sich gefühlt das Tempo, hin zu mächtig bassdrückendem Slow Electro. Auch super, weil durch die Langsamkeit die einzelnen Sounds mehr Präsenz bekommen. Zugleich erweitert Fr Fels mit dieser Platte mal wieder das musikalische Ortloff-Spektrum. Nice.
Nice auch das Vinyl mit einem phosphoreszierenden Siebdruck.
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