„Es ist work in progress“ – Arpen im Interview

Wir sind sehr geflasht von Arpens Solo-Debüt-Album und wollten mehr zur Entstehung erfahren. Hier ist unser Interview mit ihm.

Letzte Woche haben wir es bereits euphorisch vorgestellt. Vielleicht übertreibe ich auch, aber die Art, wie Arpen die klassischen Pop-Schemen entzerrt, ohne ins Avantgarde zu kommen, bewegt mich gerade sehr. Zum Interview traf ich dann einen ebenso unprätentiös-ernsten wie emotionalen Musiker mit einer scheinbar unermüdlichen Freude am Entdecken und Schreiben neuer Musik. Jemand, der trotz seiner musikalischer Ernsthaftigkeit und Reife auch pragmatisch auf sein Schaffen schaut.

Bisher warst du hauptsächlich in Band-Konstellationen oder als Gastmusiker unterwegs. Wie war es für ein Solo – Album zu arbeiten?

Es ist einen relativ langen Weg gegangen ist. Ich wusste auch gar nicht ganz genau, was am Ende herauskommen sollte. Ich wusste eigentlich nur, mit wem ich das machen will. Aber das ist eigentlich immer so. Wir haben sehr viel gemeinsam im Studio gearbeitet. Da braucht man erstmal Zeit, um in einen Workflow reinzukommen. Die Urteilsfindung in manchen Fragen hat sich manchmal schon gezogen, weil ich erstmal herausfinden musste, was ich eigentlich gerade vorhabe.

Es ist ja elektronischer und offener geworden.

Ja, das ist einer der wenigen Punkte, der mir von vornherein klar war.

Woher kam das – gab es neue Inspirationen?

Es gab schon musikalische Inspirationen. Aber generell ist das einfach die Richtung, in die ich mich entwickelt habe und die ich musikalisch interessant finde – und in dem Zuge ist die Kooperation mit Niklas Kraft entstanden. Aber das hat natürlich auch viel mit Zodiaque aus Berlin, mit denen wir das Album aufgenommen und gemischt haben, zu tun. Da führten ein paar Wege zusammen. Ausschlaggebend ist aber vor allem die eigene musikalische Entwicklung.

Warum wolltest du mit Niklas für das Album zusammenarbeiten?

Wir kannten uns schon eine Weile, hatten aber nie etwas miteinander gemacht, weil er viel in anderen Kontexten gearbeitet hat. Unter anderem hat es mit dem Album so lange gedauert, weil ich es unbedingt mit ihm umsetzen wollte.

„Niklas ist ein sehr interessanter Musiker und ich wollte eben diesen Geist drin haben.“

Eine bestimmte musikalische Herangehensweise, gar nicht so sehr bedacht darauf, was er zum Beispiel für ein Instrument spielt und wo er unterwegs ist. In Kooperationen finde ich die generelle Herangehensweise an Musik von demjenigen am wichtigsten, mit dem ich das gern durchführen möchte. Das ist für mich eine Brain-Sache, um eine ganz bestimmte Persönlichkeit in einer Produktion zu haben.

Das Zusammenarbeiten mit anderen Leuten ist dir generell wichtig?

Ja, immer. Oft ist es so, dass ich eine Idee von etwas habe und dann will ich es mit bestimmten Leuten umsetzen, weil bereits in der Konzeptionierung oft schon etwas steckt, das es von außen benötigt. Das finde ich auch am spannendsten – sowohl die Ideen von anderen aufzunehmen als auch meine eigenen Ideen in diese Kombination einfließen zu lassen. Wahrscheinlich entsteht daraus auch die Tatsache, dass ich bisher musikalisch sehr unterschiedlich gearbeitet habe. Am Ende geht es immer darum, wie man verschiedene Gehirne verbinden kann.

Du bist also ein Puzzleteil von vielen. Oder würdest du bei dem Solo-Album sagen: „Das bin jetzt wirklich ich“?

Ja, das auf jeden Fall. Aber ich sehe mich immer als ein Puzzleteil von einem Ganzen. Ich habe den Release schon bewusst als „Arpen“ betitelt um einen neuen Startpunkt zu setzen und dem keinen anderen Namen gegeben. Aber am Ende entsteht Musik bei mir trotzdem immer gleich. Fast egal in welchem musikalischen Kontext ich arbeite.Im Info-Text ist ein schönes Bild formuliert: Im Prinzip hattest du die Stücke schon lange im Kopf, aber die Form fehlte. Wie überwindet man so etwas? Eben mit anderen Musikern?

Ja, das glaube ich schon. Es ist aber natürlich auch die Frage, was man als Stück oder Song definiert. Darin bin ich wesentlich freier geworden. Am Ende ist für mich wichtig: Was macht das Stück mit mir? Wohin führt es mich? Wenn ich etwas bestimmtes habe und in diesem bestimmten Moment macht es genau dieses oder jenes mit mir, dann erscheint es mir als „richtig“ und ich gehe diesen Weg weiter. Am besten funktioniert das Entstehen von Musik darüber, dass ich weiß, was ich noch nicht darin höre. Und dann nähere ich mich einem Ideal an. Zumindest für diesen Moment. Wenn ich das Album jetzt aufnehmen würde, würde ich viele Sachen schon wieder ganz anders machen.

Noch offener und freier?

Ja, und noch viel länger.

Stimmt, es ist super kurz. Es ist super pointiert mit den Stücken, aber am Ende denke ich, dass da noch eine Viertel Stunde mehr kommen könnte.

Das ist tatsächlich so, ja. Vielleicht ist das auf eine gewisse Art auch eine Schwäche des Albums. Aber so war es und dafür habe ich mich entschieden. Live wird es sich aber anders gestalten.

„Das Album hängt schon noch sehr an der Songform.“

Das ist ein Aspekt, den ich beim nächsten Album anders machen möchte.

Aber eigentlich finde ich schon, dass die Songform an vielen Stellen aufgebrochen ist. Da ist ja viel vom Pop-Ursprung weggelassen.

Ja, auf jeden Fall. Weglassen und Destruktion sind mein Thema. Das zieht sich eigentlich durch fast alles, was ich musikalisch mache. Soweit, bis es am Ende nur noch die Hälfte von dem ist, was ich am Anfang dachte zu brauchen. Gerade der Destruktionsgedanke von Form ist bei mir relativ gegenwärtig. Aber dieser Release jetzt wird einer von mehreren sein – und das ist der jetzige Stand, der in irgendeiner Form erstmal fertiggestellt werden musste. Irgendwann musst du diesen Punkt abschließen, um zum nächsten zu kommen. Man kann nicht ewig daran herumbasteln, unabhängig davon, wie man sich jetzt ein Jahr später dazu positioniert.

Ist für dich in der Kürze des Albums aber alles gesagt, was du sagen wolltest?

Ja. Und um nicht aus allem ein Geheimnis zu machen: Es war einfach das beste Material, was ich zu der Zeit hatte. Ich bin auch immer noch happy damit. Hätte ich es länger machen wollen, hätte das noch einmal mindestens bis jetzt gedauert. Und auch dann verändern sich wieder Dinge, werden Sachen rausgehauen – und am Ende ist es dann wieder so kurz.

Du hast das Album einer Fotografin gewidmet, Taryn Simon. Warum?

Taryn Simon ist eine fantastische Künstlerin, die unter anderem mit Fotografie arbeitet. Fotografie ist ihr Dokumentationsmedium. Sie arbeitet auch stark inhaltlich. Sie hat ein Buch namens „An American Index of the Hidden in Unfamiliar“ herausgebracht, das mich extrem inspiriert hat. Wenn du ein Bild eben nicht nur ästhetisch, sondern genau so intensiv auch inhaltlich betrachtest, bekommt es quasi noch eine inhaltliche Ästhetik. Das finde ich unheimlich interessant.

Also der Kontext, der mit dem Bild verbunden ist.

Genau, der Kontext, der mit dem Moment des Bildes einhergehen muss. Du kannst es nicht losgelöst von dem Inhalt betrachten. Dann wäre es ziemlich unspektakulär. Durch beide Punkte bekommt das Bild aber eine Kraft und Tiefe. Seitdem ich das Buch entdeckt habe, habe ich mich stark mit ihr beschäftigt und in den letzten Jahren ist sie jemand gewesen, dessen Arbeit ich sehr interessiert verfolgt habe. Taryn Simon hat auf jeden Fall viel dafür getan, dass das, was ich jetzt veröffentliche, entstanden ist.

Wie kann man sich das konkret vorstellen: Die Bilder waren vor dem Songwriting da?

Es sind weniger ihre direkten Bilder als die Herangehensweise. Was ich auch interessant an ihr finde: Ich weiß nicht, ob das tatsächlich ihre Intention ist, aber sie macht den Kopf für alles Individuelle auf. Zum Beispiel: Hier ist eine Blume, die sieht aus wie Tausend andere, aber ich rede exakt von dieser einen zu sehenden Blume. Das ist ein interessanter Blick. Sachlich, aber darin steckt auch eine extreme Emotionalität. Unter diesem Blick ist alles einzigartig.

Gibt es inhaltlich eine Linie, die du durchziehen wolltest?

Es ist schon geschlossen, aber nicht kontextuell in sich geschlossen. Oder zumindest nicht so, wie ich das mittendrin dann mal vorhatte. Next time.

Was war die ursprüngliche Konzeption?

Die war viel songlastiger. Am ersten Tag der Session sind wir alle Songs durchgegangen und ich habe gemerkt, dass alles scheiße ist. Da habe ich erstmal drei Songs wieder rausgehauen und ein paar Ideen verworfen. Man muss für sich selbst auch immer erstmal verbalisieren, was daraus werden soll. Das geschieht am besten, indem man Sachen ausschließt und weniger indem genau weiß, wo man hin will. Denn dann hat man nur diese eine Option für sich und für das Material.Bei dem Booklet sind acht Fotos dabei – steht jedes für einen der acht Songs?

Ja.

Und jeder kann es sich selbst zuordnen?

Genau. Das soll sich jeder selbst zusammen assoziieren. Sechs davon sind von mir, zwei sind von Jana Lidolt, die auch das Artwork gestaltet hat.

Du hast für dich eine Sortierung?

Ja, habe ich, verrate ich aber nicht. Es geht darum, dass man den Fotos seinen eigenen Content zuweist. Aber acht Bilder und acht Songs – da gibt eine offensichtliche Parallele. Ich möchte auch nicht so den Über-Metaberg drüber ballern.

Bei den Videos hast du auch eine starke Bildsprache gewählt. Aber theatralischer und überzeichneter, finde ich. Die Fotos haben etwas beiläufiges, dokumentarisches. Bei den Videos wolltest du offensichtlich noch etwas anderes ausdrücken.

Daran merkt man, wie sich die Sicht auf die eigene künstlerische Idee ändert. Als die Konzeptionierung für das Album fertig wurde, gab es da noch eine etwas andere Sicht auf den visuellen Aspekt, den ich damit verbinden möchte. Aber durch die Videos hat das einen komplett anderen Dreh bekommen. Da zeigt sich, wie man die Songs auch inhaltlich in vollkommen andere Interpretationen packen kann. Das ist einfach work in progress und da muss man sich locker machen.

Wird dieses Visuelle auch bei den Konzerten eine Rolle spielen?

Man muss es praktisch sehen: Klar hätte ich gern Visuals und ein komplettes Lichtset dabei, aber gerade ist es mir nicht so umfassend möglich. Auch das benötigt ein Konzept. Das ist nicht das letzte Album und das möchte ich in Zukunft auf jeden Fall wesentlich stärker einbeziehen.

V.A. „Halftime Schmoosteps EP“ & E3 „Higher Science / Trouble“

Business as usual: Wieder eine neue 12″ auf Alphacut mit vier Tracks diverser Halfstep-Frickler – wieder eine 7″ auf 45Seven mit zwei dubbigen Uptempo-Tracks. Ja, man kann schnell den Überblick über den Output beider Labels verlieren, treten doch schon rein optisch die einzelnen Artists und ihre Tracks hinter dem Reihen-Konzept zurück. Nicht nur das: Im Grunde prägen nur wenige Leipziger Labels ein so einheitliches Klangbild durch ihre Track-Auswahl wie Alphcaut und 45Seven. Aber vielleicht ist es auch die hohe Anzahl an Platten, die diesen Eindruck stützt.

Nun erscheint also die sechste Platte der dritten Welle auf Alphacut. Verwirrt? Ein Blick auf Discogs zeigt, dass ähnlich wie bei Comic- oder TV-Serien die Katalog-Nummerierung in einzelnen Staffeln aufbereitet wird. Das macht das Zählen gleich viel praktischer.

Wie der Titel „Halftime Schmoosteps EP“ schon verrät, spielen die vier Stücke wieder mit halbierten Drum & Bass-Grooves. Dominic Ridgway nimmt mit „Hydrocele“ dabei – ohne jede Brachialität – gleich richtig Fahrt auf und liefert die einprägsamsten Melodien der Compilation. Mit dem angezerrten Bass in „Wildfire“ von Out Of Fuel wird es gleich viel dunkler. Besonders ab der Mitte öffnet sich hier Raum für einen hypnotisierenden Groove. Geradliniger und aufgeräumter wirkt dagegen „Step In Line“ von Elemental, während Material mit „16 Tons Dub“ wieder den Bogen zum Dub und damit auch zu 45Seven spannt.acr3006_cover_front457_16

Die sechzehnte 7″ wird diesmal von E3 bespielt, der mit seinem eigenen Label ZamZam Sounds in Portland ein ganz ähnliches Konzept wie 45Seven fährt (und sogar noch mehr Singles veröffentlicht). Orientalische Samples durchziehen das stark verhallte „Higher Science“ auf der A-Seite.

Auf der zweiten Seite umrahmen die Reggae-Versatzstücke die prägnante Bassline von „Trouble“. Zwei sehr deepe und im Vergleich zur Alphacut-EP im Zeitlupen-Tempo rockende Stücke.

Zu Besuch in Leipzig: Workshop & Konzert mit Kondi Band

Mit der Kondi Band wird am 19. und 20.10. ein Highlight in Sachen globaler Bass-Musik in Leipzig zu Gast sein. Chief Boima und Will LV, beide bereits auf Labels wie Brownswood, Dutty Artz und Hyperdub vertreten, treffen hier auf den Kondi-Musiker Sorie Koroma aka Sorie Kondi. Heraus kommt eine „Fusion traditioneller Kondi, U.K. Bass Sounds, karibischen Styles und zeitgenössischer westafrikanischer (elektronischer) Musik“, wie in der Ankündigung festgehalten wurde.

Bevor sie am Donnerstag in der Distillery live spielen, habt ihr bereits am Mittwoch den 19.10. die Möglichkeit, einen tiefen Einblick in das Schaffen der Kondi Band zu bekommen. In einem Workshop der SAE wird die Schnittstelle zwischen afrikanischer und elektronischer Musik sowie der Produktionsprozess des kommenden Albums diskutiert. Aber auch die Wahrnehmung außereuropäischer Musik aus Sicht der Hörer und der Musikindustrie soll zur Sprache kommen. Noch gibt es freie Plätze – hier nochmal die Fakten:

Insights: Kondi Band
Datum: 19. 10. | 17:00 – 20:00 Uhr
Ort: SAE, Dittrichring 10
Weitere Informationen und Anmeldung hier.

Wir verlosen zwei Freikarten für das Konzert in der Distillery am Donnerstag, den 20.10. Schreibt mit dem Betreff „Kondi Band“ an: dance@frohfroh.de

Gegenkrach! – Lärmkunst und Clubkultur

Am kommenden Donnerstag findet der erste Teil der Gegenkrach!-Reihe im IfZ statt. Vorab gibt es einen Diskurs zum Krach mit Kurator Alexander Pehlemann.

In ingesamt drei Teilen schlägt die Gegenkrach!-Reihe zwischen Oktober und Dezember den Bogen von den historischen Anfängen und Entwicklungen der Lärmkunst zur heutigen Clubkultur. Denn die heutige Clubmusik ist durchaus „Resultat langer emanzipatorischer Kämpfe.“

Nicht nur inhaltlich ist diese Reihe definitiv eines der Herbsthighlights im IfZ-Programm. Sie wurde auch extrem schlüssig und hochkarätig von Alexander Pehlemann sowie dem Kulturraum e.V. kuratiert.

Pehlemann gibt seit 1993 das Magazin Zonic heraus, das sich tief in die Geschichten und Eigenheiten verschiedener, internationaler Subkulturen begibt. Er ist außerdem Autor beim Ventil Verlag, beim Kunstraum Kulturny Dom Lipsk / Salon Similde involviert, DJ beim Al-Haca Soundsystem und nebenbei ein wandelndes Lexikon für osteuropäische Subkulturen. In seiner Connewitzer Wohnung beantwortete er mir einige Fragen:Wie kam die Idee für die Reihe?

Ich habe mich mit dem IfZ getroffen und ein paar Ideen lanciert. Eine davon war, einmal daran anzusetzen, was sich für historische Fluchtlinien von elektronischer Clubkultur aufstellen lassen könnten. Jetzt ist dieser Dreischritt daraus geworden.

„Zusammen mit dem Kulturraum e.V. und dem IfZ haben wir vor einem Jahr eine Konzeption entwickelt und geschaut, wie es auch zum Ort passt.“

Das finde ich beim IfZ auch interessant, dass es diese Offenheit zur Bildenden Kunst gibt und dass man dies gern weitertreiben möchte.

Der Titel ruft zwar etwas plakativ eine Gegnerschaft aus. Aber beim Futurismus ging es auch noch um ein Entgegensetzen. Da wurde sich gegen die Übermacht der Vergangenheit in Italien aufgestellt. Aus Sicht der Futuristen war Italien ein riesiges Museum, das in seiner Vergangenheit feststeckt und dem man mit einer großen Ohrfeige die Moderne in die Ohren schlagen muss. Unsere Reihe setzt da auch an, mit dem Manifest „Die Kunst der Geräusche“ von Luigi Russolo aus dem Jahr 1913.

Der Futurismus war die Keimzelle des kunstvollen Lärms?

Ja, in gewisser Weise. Es war zumindest die Ausrufung. Es gab natürlich noch weitere Künstler. Aber es lag wohl in der Luft, andere Klanglandschaften einzuspeisen, die neue Geräusche der Umgebung widerspiegelten. Parallel verlief die Suche nach der Atonalität bei Schönberg und danach mischt Dada die Avantgarde auf – auch ein Aufruf zum totalen Umbruch und offensiven Nonsens.

In die Zeit fällt auch Jazz, der für den klassisch europäisch geschulten Kulturmenschen auch erstmal eine Lärmattacke war. Nach dem ersten Weltkrieg vollzog dann unter anderem in der Sowjetunion die Entwicklung der elektronischen Musik mit ersten handlichen elektronischen Instrumenten entscheidende Fortschritte. In den frühen 1920ern wurde dort auch in sehr radikaler Form der Lärmkunstgedanke aufgegriffen. Da gab es Konzertaufführungen für Fabriksirenen.

Krach in dem Sinne hat schon etwas mit Innovation, Befreien und Aufbrechen von Strukturen zu tun?

Ja, durchaus. Im Bewusstsein der möglichen Ambivalenzen muss aber hinzugefügt werden, dass es auch den regressiven Krach gibt. Krach, der affirmativ an Gewalt appelliert und eine Verkörperung eines Klangsozialdarwinismus ist. Das ist ja eine Diskussion, die man auch anhand von schnöder Rockmusik führen kann. Natürlich ist auch nicht zu vernachlässigen, wie die Dinge manipulativ eingesetzt werden können, im Sinne von Propaganda. Es sind ja Wirkungsmechanismen, die erstmal funktionieren. Gebündelter Krach, zum Ornament geformt ist dann ganz schnell Pathos. Und Pathos ist schnell auch Kitsch, aber auch ein funktionierender Aufwühlmoment.

Gibt es so etwas wie eine Evolution des Krachs?

Es gibt vielleicht eine Ausdifferenzierung. Es gibt heute die extremen Möglichkeiten der digitalen Produktion, die sämtliche sonischen Ausdrucksmittel abrufbar gemacht haben. Russolo hat noch mühselig riesige Apparaturen gebaut, um verschiedene Formen von Krach erzeugen zu können. Er hat sogar Krachfamilien entworfen, Schnarren, Pfeifen, Quietschen, etc. Dann gibt es natürlich den real existierenden Umgebungskrach, der eingespeist wird. Das hat der Futurismus vorher schon eingefordert, beispielsweise mit der Lautpoesie. Da gab es im Futurismus teilweise eine Nachbildung des realen, modernen Krachs der Maschinen, die einen damals plötzlich im Alltag umgeben haben.

Neu war, das überhaupt ästhetisch wahrzunehmen. Nicht als Störelement und als reinen Krach, sondern als etwas, das man ästhetisch vielleicht erstmal nur wahrnehmen, später aber auch goutieren und als Material benutzen kann. Später konnte man die Dinge auch speichern, wodurch sich das gespeicherte Material auch wieder eingespeist werden konnte – das entwickelt sich immer weiter. Es gab ja eine lange Phase, in der mit Manipulationen von Magnetbändern gearbeitet wurde, Loops zerschneiden, Dinge zerlegen und neu zusammenzusetzen. Da ist mit der Digitalisierung nun alles möglich. Alles ist zudem seither auch schon da und permanent abrufbar.

Kann es auch eine Neubewertung von Krach geben? Etwas was ursprünglich als Krach empfunden wurde, wird irgendwann als ästhetisch wahrgenommen? Beim Techno kann das ja so gesehen werden, aber gibt noch andere Beispiele?

In der neuen E-Musik gibt es das, die Gewöhnung an Atonalität und Dissonanz, egal ob mit klassischem Instrumentarium oder mit Zuspielband erzeugt. Das ist generell aber etwas, über das man dann sicher mit Dimitri Hegemann gut sprechen kann. Zumindest kann man sagen: Gut, die Dinge haben ihre Schockwirkung, aber diese Wirkung schlägt auch bald um in eine Art Gewöhnungsrezeptionshaltung und dann muss es irgendwie noch weiter gehen. Zum Beispiel in der Bemühung, die Dinge immer weiter aufzulösen.

Das lässt sich auch in anderen Bereichen wie Black Metal hören. Am Ende geht es da auch fast bis zu einer monochromatischen Auflösung in der Soundwolke und dann ist der Bogen schnell zu einer Band wie Sunn O))) geschlagen, die auch auf Minimal Music und moderne ernste Musik zurückgreift. Da kommen die Dinge plötzlich zusammen und dann spielt so eine Band eben auch im Berghain.

20.10.2016 / Der Kampf um den Lärm – zur Ästhetik der Geräuschmusik

Am ersten Abend wird Dr. Johannes Ullmaier, Mitbegründer und Mitherausgeber der testcard-Reihe einen einleitenden Vortrag halten, der exemplarisch einige Stationen zwischen Luigi Russolos Manifest „L’Arte dei Rumori“ – „Die Kunst der Geräusche“ –, Musique Concrete bis hin zu Industrial als wichtigem Impulsgeber für Techno anreißen wird.

Im Anschluss wird der Dokumentarfilm „Industrial Soundtrack For The Urban Decay“ gezeigt, der in mehreren Artist-Interviews die Entstehung von Industrial nachzeichnet.

25.11.2016 / Kassettentäter Ost/West

Östlich und westlich der innerdeutschen Grenze existierten eigene Szenen, die sich von Punk und Post inspiriert selbst verwirklichten und in Eigenvertrieb Kassetten herausbrachten. Mit Felix Kubin aus Hamburg und Jan Kummer vom weirden Avantgarde-Kollektiv AG Geige aus Chemnitz erzählen zwei Szene-Protagonisten aus ihrer Zeit in den 1980er Jahren.

Danach gibt es ein Live-Set von Karl Marx Stadt, der tatsächlich dort geboren wurde und zufällig ein Schaufensterkonzert von AG Geige erlebte. Am 25.11. wird er alte Original-Aufnahmen mit seinen analogen Synthesizern remixen – teilweise wird sogar Jan Kummer daneben stehen und alte AG Geige-Texte vortragen. Etwas, das so schnell wahrscheinlich nicht wieder passieren wird. Logisch, dass es an dem Abend auch die limitierte AG Geige-Box geben wird. Anschließend mixen Pehlemann und Kubin gemeinsam den Ost-West-Underground zusammen.

gegenkrach_0316.12.2016 / Atonal | Funktional

Im letzten Teil der Reihe wird Dimitri Hegemann aus seinem Leben auf der Tangente (West-)Berlin und Detroit erzählen. Der Begründer des Tresor-Clubs und Atonal-Festivals hat wie kaum ein anderer Akteur den Übergang zwischen Industrial, Post Punk und Wave hin zu Techno mitgeprägt. Heute versucht er in Detroit und in der Provinz des Berliner Umlands neue Strukturen aufzubauen.

Passenderweise spielt an diesem Abend auch Basic Channel-Hero Moritz von Oswald ein DJ-Set. Eine osteuropäische Konzept-Kunst-Legende sind Autopsia, die sich im serbischen Novi Sad 1980 gründeten und heute in Prag leben. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit dem Tod, musikalisch bewegen sie sich zwischen „Industrial, Neoclassical-Ambient und dystopischen Dub“.

Darüber hinaus wird es an diesem letzten Abend mit „Full Zero“ eine audiovisuelle Live-Performance des Dresdner Künstlers Ulf Langheinrich geben. Minimal Sound und hypnotische Bassstrukturen in 4.1-Surround werden mit extrem nahen Kamera der chinesischen Performerin Luo Yuebing verknüpft.

Matthias Tanzmann „Momentum“ (Moon Harbour Recordings)

Acht Jahre hat es gedauert – doch nun ist Matthias Tanzmanns zweites Album herausgekommen.

Vor einem Monat ging recht überraschend die erste Ankündigung raus, das der „Restless“-Nachfolger ansteht. Und es machte sich bei mir eine gewisse Vorfreude breit. Denn einerseits bringen die Artist-Alben auf Moon Harbour meist ein paar gute Verschnaufpausen von der EP-Funktionalität, andererseits ist es natürlich spannend zu hören, was Matthias Tanzmann nach so langer Zeit im Langformat zu sagen hat.

Konzeptionell nicht viel neues: Auch „Restless“ brachte einen Mix aus straighteren, deepen und dubbig-ruhigen Stücken mit sich. Ein Album für verschiedene DJ-Stimmungen, so beschrieb Matthias Tanzmann den Albumansatz 2008 und so tut er es auch 2016. Ästhetisch sind die zehn Tracks auf „Momentum“ aber durchaus auf einem weiteren Level. Da ist einerseits die Reduktion noch mehr verfeinert und abgerundet worden. Da sind aber auch ein paar mehr Tech House-Längen und ab und zu ein cleaner, plastischer Funk mit drin.

Aber die Hälfte des Albums gibt sich eine ordentliche Spur runtergefahrener, entspannter und weniger auf den Dancefloor fokussiert. „Tamarin“ und „Sfumato“ beispielsweise. Beide sind angenehm understatement und subtil minimalistisch. „Rybu“ gefällt durch seine süß melancholische, poetische Grundstimmung. Und mit „Fireworks On The Roof“ sowie „Uptown Vitamins“ besinnt sich Tanzmann auf den Deep House um 2000, super entschlackt, aber mit großer warmer Deepness versehen. Auch „Laika“ geht zu den Wurzeln, hier aber mehr zu den dubbigen House-Ausläufern.

Auch wenn meine Freude an „Momentum“ eher aus einer Nostalgie als einem innovativen Ansatz resultiert: Es bringt mir Matthias Tanzmann und Moon Harbour für einen Moment näher – und bestenfalls dauert es nicht wieder acht Jahre bis zum nächsten Album.

Arpen „s/t“ (Analogsoul)

Es ist soweit: Arpens selbstbetiteltes Debüt-Album ist endlich draußen. Und es ist sehr sehr groß.

Obwohl es so kurz ist. Nach acht Songs und 25 Minuten ist es schon wieder vorbei und hinterlässt eine enorme Sehnsucht nach mehr von diesen entrückten Pop-Elektronik-Hybriden, die Arpen hier erschaffen hat. Bisher war er meist in anderen Konstellationen zu erleben, bei Mud Muhaka und A Forest zum Beispiel. Oder mit einer erdigen Folk-EP.

Dass nun ein derart schlüssiges Verweben von Singer/Songwriter-Pop und den offenen Strukturen von elektronischer Musik herauskommt, war so nicht direkt zu erwarten. Auch wenn Arpen immer schon offen für die verschiedensten Genres war, wie er im Interview erzählt, das nächste Woche bei uns erscheint. Zusammen mit dem Berliner Studio-Duo Zodiaque und Niklas Kraft (Talski) hat Arpen auf diesem Album alles entzerrt und weitgehend von klassischen Pop-Schemen losgelöst.

Besonders ragen hier „For How Long, How Long“, „tmttb“ (mit Friederike Bernhardt) und „Fake“ heraus. Sie stehen prototypisch für das, was uns hoffentlich künftig noch konsequenter von Arpen aufgeführt wird. Nämlich ein faszinierender Spagat zwischen Eingängigkeit und Experimentierfreude, zwischen Emotionalität und Dissonanz, Repetivität und kompositorischer Dichte.

Mit „For All“ und „The Well“ gibt es aber auch noch die Übergangsformen, bei denen der Pop durchaus dominiert. Oder gar ganz klar in Richtung Hit schielt, wie „All The Things“. Sie fügen sie hier sehr gut ein, genauso wie zwei instrumentale Passagen. Jedem Song ist übrigens im Booklet eine Fotografie gewidmet. Sortieren muss sie jeder für sich. Auch hier: Offenheit, die Raum für eigene Interpretationen lässt. Was will man von einem Album mehr?

Randy Barracuda & Stiletti-Ana presents „Mlipuke“ (Rat Life Records)

Rat Life Records bleibt weiterhin unberechenbar. Mit der „Mlipuke“-EP sind nach Monojunk abermals finnische Künstler zu Gast. Skweee- und Electro-Funk-Großmeister Randy Barracuda hat zusammen mit dem nicht minder von Synthesizern begeisterten Stiletti-Ana drei nervös bleepende, roughe Jam-Sessions aufgenommen.

Gerade bei „Mlipuke II“ mäandern allerlei blinkende Synths nahezu krautig am Rande eines kollektiven Schaltkreis-Zusammenbruchs auf einem Afrobeat-beeinflussten Drum-Pattern. Eine Bombe, die so manche Kinnlade nach unten klappen lässt. „Mlipuke I“ greift dieselben Sounds auf, aber augenzwinkert einige Rave-Anleihe-Parodien dazu. Bei „Mlipuke III“ sind dagegen die Retro-Computerspiel-Tendenzen am stärksten ausgeprägt. Clatterbox räumt „Mlipuke III“ dann ein wenig auf und schiebt es lässig ohne Bassdrum in den Weltraum.

Schon seltsam, dass in Zeiten der digitalen Sound-Perfektion ausgerechnet munter herumfiepsende Geräte den verrücktesten rohen Funk hervorbringen. Diese EP zeigt das sehr eindrucksvoll.

Refugees – Support und Diskurs

In der letzten Woche kam das Thema Flüchtlinge aus zwei verschiedenen Perspektiven in den Themenfokus für frohfroh. Als Support- und Diskurs-Aufruf.

Zuerst der Support: Georg Bigalke hat nämlich einen Track zur aktuellen „Loose Lips“-Compilation beigetragen, deren Erlöse zu 100 Prozent an Refugee Community Kitchen gehen. Die Initiative kocht jeden Tag mehrere Tausend warme Mahlzeiten für die festsitzenden Flüchtlinge an der französischen Küste bei Calais und Dunkerque.

Das Londoner Label Loose Lips wiederum widmet sich mit Compilations, Partys in Großbritannien und einem Blog der musikalischen Offenheit. Ohne Genre-Scheuklappen. Nachdem die Einnahmen einer Party bereits gespendet wurden, wollten die Betreiber dies mit einer Compilation wiederholen. Mit dem karg-ruppigen Techno-Track „Pinnt“ ist auch Georg Bigalke dabei. Zeitgleich ruft Refugee Communtiy Kitchen zur Winterkampagne auf, um sein Angebot auch im Winter anbieten zu können. Mit der „Loose Lips“-Compilation lässt sich der Support musikalisch verbinden.

Nun der Diskurs: Das Conne Island-Plenum hat am gestrigen Freitag ein sehr offenes, ebenso selbstkritisches wie mutiges Statement veröffentlicht, das den gesellschaftlich und moralisch heiklen Umgang mit übergriffigen Flüchtlingen im Party-Kontext thematisiert.

Das Island übernahm Ende letzten Jahres ebenfalls eine offene Willkommenskultur und bot Flüchtlingen neben integrativen Projekten gegen einen geringen Spendenbetrag Eintritt zu den Konzerten und Partys. Offenbar kam es in diesem Jahr dabei aber häufiger zu unangenehmen Situationen. „Sexistische Anmachen und körperliche Übergriffe sind in diesem Zusammenhang im Conne Island und in anderen Clubs vermehrt aufgetreten – auch mit der Konsequenz, dass weibliche Gäste auf Besuche verzichten, um Übergriffen und Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen“, heißt es in dem Statement.

Und weiter: „Entgegen unseres üblichen Vorgehens musste beispielsweise in mehr als einem Fall die Polizei eingeschaltet werden, da das Maß an körperlicher Gewalt gegenüber den Secu-Personen nicht mehr zu handhaben war. Aufgrund dieser Überforderung kam sogar die Überlegung auf, Parties vorübergehend auszusetzen.“

Das Conne Island spricht sehr treffend das Dilemma an, mit dem sich sicherlich alle Leipziger Clubs aktuell auseinanderzusetzen haben: Wie umgehen, wenn Sprachbarrieren die Kommunikation erschweren? Wie sich sexistischen Übergriffen, machohaftem Auftreten, antisemitischem, rassistischem und generell diskriminierendem Verhalten von Menschen mit Migrationshintergrund entgegensetzen, ohne in kulturalistische Muster zu verfallen oder dem Rechtspopulismus in die Karten zu spielen. „Die Situation ist jedoch derart angespannt und belastend für viele Betroffene und auch für die Betreiber_innen des Conne Islands, dass ein verbales Umschiffen des Sachverhalts nicht mehr zweckdienlich scheint. Wir halten eine Thematisierung der Problematik innerhalb der Linken für längst überfällig.“

Das ganze Statement gibt es hier zu lesen. Vielleicht läutet es tatsächlich eine weitere öffentliche, ebenso empathische wie kritische Debatte ein. Sie dürfte auch über Leipzig hinaus sehr hilfreich sein.

Bild-Credit: Conne Island-Facebook-Notiz

Neuer Poetry-Drive x Schmutzige Teenager

In der Eisenbahnstraße wildern die Schmutzigen Teenager ja in allen möglichen Genres – mit Ty Grrr, Chi Mofukka und Fritz Prostata haben sie nun auch richtige Stimmen bekommen.

Schmutzige, wer? Es ging bei uns los mit Thigh Gap Boi, den wir im letzten Jahr durch Zufall bei Soundcloud entdeckten und der uns mit seinem Mix aus Electronica, TripHop, Trap und noch vielem mehr sehr flashte. Später fragten wir nach einem Track für unsere Support-Compilation, der unsere Zusammenstellung im besten Sinne ordentlich durcheinander brachte. In den Mails, die damals hin und her gingen, wurde aber deutlich, dass es noch einen Haufen weiterer Leute gäbe, irgendwie vereint als Schmutzige Teenager. Mit eigenem Laden und eigenen Partys.

In den vergangenen Monaten ging deren Output bei Soundcloud mehr in Richtung HipHop, Trap und Cloud Rap. Jedoch auch hier sehr weit von den Classics und aktuellen Standards entfernt. Dafür in einem Wechselspiel aus politisiert aufgeladener Spannung und Dada. Ty Grrr, Chi Mofukka und Fritz Prostata haben mit ihren Rap-Parts entscheidenden Anteil an diesem neuen Drive der Schmutzigen Teenager. Mehr oder weniger diffuser Poetry Slam mit Punk-Attitüde und fetten Trap-8bit-Dubstep-Tracks kommt dabei heraus. Irgendwie erinnert mich das immer auch an die Hamburger Pop-Avantgarde. Ich bin addicted.

Und so klingt das:

Umkehrprozess mit dem Philipp Rumsch Ensemble

Elektronische Musik entsteht ja oftmals aus digitalen, abstrakten Klängen – Philipp Rumsch ist an einem Umkehrprozess interessiert.

Konkret heißt das: Er greift die ästhetischen Prinzipien von elektronischer Musik, wie repetitive, reduzierte und mäandernde Arrangements, auf, erzeugt die Sounds aber mit einem Ensemble aus elf Musikern der Leipziger und Berliner Jazzszene. Klanglich beeinflusst sei das ganze von „Perotin über Erik Satie und Steve Reich bis hin zu Brian Eno, Aphex Twin sowie Ben Frost.“ Wobei aber neben der grundlegenden Ambient- und Electronica-Erdung auch eine gewisse Offenheit für Pop und Klassische Musik vorhanden ist, wie das erste Soundcloud-Set verrät.

Philipp Rumsch selbst studiert gerade an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig Jazzklavier. Im vergangenen Jahr gründete er das Ensemble mit Trompete, Posaune, Saxofon, Klarinette, Vibraphon, Gitarre, Kontrabass, Schlagzeug und Klavier. Dabei ist übrigens auch Joshua Lutz alias The Road Up North – im Frühjahr hatten wir ihn vorgestellt. Und als ob dies nicht alles schon höchst ambitioniert ist, lässt er in diesem Zusammenspiel auch die Improvisation zu.

Das klingt alles nach großer Materialschlacht und Großspurigkeit. Aber hört man die Tracks der „Reflections“-EP auf Soundcloud, dann sind die Arrangements des Philipp Rumsch Ensembles angenehm zurückgenommen und melancholisch eingefärbt. Derzeit ist das Ensemble auf Tour durch Jazzclubs, Galerien und Clubs. In Leipzig treten sie beispielsweise morgen im Elipamanoke auf. Anschließend ist eine Aufnahmesession für das erste Album statt. Es dürfte also demnächst lauter um das Philipp Rumsch Ensemble werden.

Kurt Y. Gödel „Chord Rememory“ (Yuyay Records)

Ein neues Lebenszeichen von Yuyay Records: Nach der „Endomorphism“-EP scheint Label-Chef Robyrt Hecht auf den Geschmack gekommen zu sein und somit ist auch die neunte Veröffentlichung im 12″-Format erschienen. „Chord Rememory“ schaut auf den mittlerweile recht üppigen Katalog des Labels zurück und sammelt vier Remixe des Stücks „Chord Memory“, das auf der sechsten EP „Axiomatic System“ 2015 erschien. Daneben gibt es außerdem zwei neue Tracks von Kurt Y. Gödel alias Nachtzug.

Gleich zu Beginn wird mit Hyboid’s „Galactic Memory“-Mix die große Dancefloor-Bombe ausgepackt. Hyboid packt das aufgeräumte Orginal in ein galaktisches Space Disco Setting und ist damit der Platzhirsch der EP. Hit-Garantie! Robyrt Hecht beleuchtet mit seinem „Pivot Memory“-Mix eher dem verspielt-funkige Seite, die das Stück annehmen kann, und setzt einen entspannnten Kontrast zum dringlichen Remix von Hyboid. Mit „Execute“ von Nachtzug klingt die A-Seite ruhig aus.

Auf der B-Seite zielt der knarzige „Mutiny Memory“-Mix von Milium straight auf dunkle Keller-Partys und erweitert damit auch den Yuyay-Sound um eine düstere Electro-Note. CCO fährt die Geschwindigkeit herunter und kleidet das Stück mit dem „Echoic Memory“-Mix in ein Dub-Techno-Gewand der ebenfalls dunkleren Sorte. Zum Abschluss zieht uns Nachtzug mit sphärischen Ambient-Stück „Memory Loss“ in die Weiten des Alls.

Erstaunlich, wie auf dieser EP die verschiedenen Färbungen zwischen funky und düster zusammenkommen und doch eine einheitliche Erzählung formulieren. Dass „Chord Rememory“ nicht nur in verschiedenen Kontexten zum DJ-Einsatz kommen kann, sondern auch am Stück als Hörerlebnis funktioniert, ist selten für Remix-EPs. Yuyay Records bleibt seinem erzählerischen Ansatz zum Glück weiterhin treu.

Five Favs September 2016

Welche fünf Tracks haben uns im September besonders gefallen? Wir haben noch einmal nachgehört.

Abe „Sealand“ (Doumen)

Der September war ein guter Monat für Alben. Drei haben wir vorgestellt und „Paddy Roy Bates“ vom Amsterdamer Newcomer Abe mögen wir besonders – einfach weil es „ein super einnehmendes Listening-Album [ist], wie der Score eines zerkratzten, teilweise unscharfen Dokumentarfilmes. Mit bedrohlichen, spielerischen und poetischen Phasen.“ Wir einigen uns hier auf „Sealand“, obwohl es durchweg gute Stücke auf dem Album gibt.

Kiki Hitomi „Yume No Hana“ (Jahtari)

Irgendwie scheint es um Jahtari ruhiger geworden zu sein. Doch der Schein trügt: Das Label-Netzwerk ist nach wie vor aktiv und offen für große Würfe. Das letzte Album hat dies wieder deutlich gemacht. Kiki Hitomi aus dem King Midas Sound-Umfeld lebt mittlerweile in Leipzig und hat mit „Karma No Kusari“ ein unglaublich gutes Japan-8bit-Dub-Pop-Album herausgebracht. Fact und Resident Advisor lieben es ebenfalls, vielleicht, weil „immer … dieser faszinierende, melancholische wie auch spirituelle Grundton mit[schwingt], wie man ihn auch aus Animes wie „Ghost in the Shell“ kennt.

Deko Deko „Don’t Get Me Wrong“ (O*RS)

Und noch ein Album stand im September an, ein bereits lang erwartetes: Deko Deko brachten ihr „Neustadt“ heraus und erzählten uns im Interview, warum es alles länger dauerte. Am Ende klingt es „super fokussiert und kompakt. Das lässt die Songs noch erhabener wirken, frei von Längen und Ballast. Wie eine Verdichtung der ursprünglichen Idee.“ Das reduzierte „Don’t Get Me Wrong“ gefiel uns besonders.

Kiat „Procession“ (Defrostatica)

Ein Jahr nach dem Doppel-Debüt ging es bei Defrostatica weiter – und das gab nicht nur neuen Input abseits der geraden Beats, sondern auch eine sehr persönliche EP des in Singapur lebenden Producers Kiat. Mit Leipzig und speziell Label-Head Booga verbindet ihn eine langjährige Freundschaft. Sie brachte nun eine eigene EP hervor, die subtil geschichteten Drum & Bass featured. Unser Hit: „Procession“, ein Track, der „in seiner nie zu vertrackten Rhythmik und den Drum-Samples nach einer Verbeugung vor den regelrecht legendären frühen Tracks von Photek [klingt].

Fr Fels „On The Run“ (Ortloff)

Ein freudiges Wiederhören gab es im September auch mit Ortloff. Dieses Mal nahm sich mit Fr Fels einer der beiden Label-Betreiber die beiden Vinyl-Seiten, um eigene Tracks zu veröffentlichen. Und die klangen erstaunlich analoger, rauer und straight im Oldschool-Electro geerdet, als man es von seinem vorherigen Projekt kannte.  „’On The Run‘ ist mein Favorit, weil er so fokussiert, leicht hektisch und rastlos davon läuft. Etwas stolpernd in den Beats, in den Sounds und der Bassline aber ganz dicht beisammen gehalten. Mit einer geraden Bassdrum wäre daraus wahrscheinlich ein super mitzerrender Techno-Track geworden. So behält er fast schon was kindliches.“