Die 30 Sekunden-Revolution – neue Formate durch Streaming?

Medien, Tonträger, neue Technologien – sie beeinflussen seit jeher den Aufbau von Songs und Tracks. Bringt auch das Musikstreaming neue Formate hervor? Eine Spurensuche mit Analogsoul.

Musikstreaming ist derzeit der Wachstumsmarkt in der Musikwirtschaft. Laut des Bundesverbands Musikindustrie stieg im vergangenen Jahr der Umsatz über die abo- und werbefinanzierten Vertriebskanäle Spotify, Tidal, Apple Music & Co in Deutschland um rund 106 Prozent. Erstmals überholte das Streaming auch den Verkauf von MP3 und anderen digitalen Formaten. Zwar ist die CD aktuell noch das am meisten verkaufteste Tonträgerformat, doch in Zukunft dürften sich den Marktanteile weiter verschieben.

Dabei ist das Streaming nicht unumstritten. Bei Vergütungen zwischen 0,2 bis 0,9 Cent pro Stream-Abruf gab es in der Vergangenheit immer wieder Künstler und Labels, die sich dem jungen Vertriebskanal verweigerten. Es braucht große Reichweiten, um über das massenhafte Streaming einen nennenswerten Betrag zu erwirtschaften. Gerade für kleine Labels und unbekannte Künstler scheint dies wenig rentabel – und doch kann es auch für sie Vorteile bringen. Leipziger Labels sind dem auch keineswegs verschlossen, wie eine kurze Suche zeigt: Kann Records, O*RS, Ortloff, Moon Harbour, Riotvan, Statik Entertainment und Analogsoul sind beispielsweise mit ihren Backkatalogen vertreten.Andreas von Analogsoul erzählt, wie der Stellenwert von Streaming ist:

„Wie die meisten anderen Künstler und Labels wollen wir unsere Musik gern auf möglichst vielen Plattformen zu niedrigen Schwellen verfügbar machen, damit Leute damit in Kontakt kommen können. Streaming als Verbreitungsweg hat ein paar Facetten, die uns gut gefallen und zusagen: Neben der unmittelbaren Verfügbarkeit und der Tatsache, dass Spotify tatsächlich weltweit genutzt wird, sind das z.B. auch Playlisten. Mit dem Erlösmodell können wir natürlich nicht zufrieden sein, erst recht wenn man sich anschaut, wie groß der Unterschied zwischen Majors und Indies an der Stelle ist. Darüber haben wir ja auch mehrfach gebloggt.

Ist Streaming mittlerweile für euch wichtiger als Download-Verkäufe – oder eine nette Ergänzung?

„Wirtschaftlich gesehen ist es eine nette Ergänzung. Aber Streaming ist oft der erste Kontakt eines Hörers zu unserer Musik, was aber nicht automatisch eine fette Umwegrendite generiert.“

Wie ist der geschätzte Streaming-Anteil gegenüber Downloads, CDs und Vinyl?

„Von der Menge der Abrufe her ist Streaming unsere größte Kontaktfläche. Vom wirtschaftlichen Ertrag her machen die physischen Tonträger und digitale Donwloads aber den absoluten Großteil unserer Einnahmen aus. Es kommt aber schon vor, dass ein Track, der es in eine wichtige Playlist geschafft hat, mal 100 Euro in einem Monat über Streaming erlöst.“

Auch Markus von Riotvan sieht das Streaming durch die Playlists als gutes Promo-Tool. Wobei „es schon ziemlich krass ist, wenn man sieht, dass man bei einem Album mit 10.000 Streams am Ende vielleicht 20 bis 30 € rausbekommt.“ Teilweise käme man aber auch auf dieselbe Summe wie bei Digital-Verkäufen über Beatport. Für Markus ist das Genre entscheidend: Mit Pop sei über Streaming-Plattformen mehr zu erreichen als mit House-Künstlern wie Panthera Krause – auch wenn es sich dort ebenfalls seit ein bis zwei Jahren steigert.

Bei O*RS sind Streaming und Downloads auf einer Augenhöhe und so bemerkbar, dass es „ein wichtiger Bestandteil zum eher gleichbleibenden Vinyl-Verkauf“ geworden ist. Die Verschiebung ist also spürbar. Aber hat das Streaming als Vertriebsweg bereits solch eine Relevanz, dass es einen künstlerischen Einfluss ausüben könnte?

Bisher brachte jedes Medium und Format bestimmte Vorgaben mit sich, die auch Einfluss auf das Songwriting hatten. Beim Vinyl sind es zwei Seiten mit, je nach Vinyl-Format, unterschiedlich begrenzten Spielzeiten – maximal 23 Minuten pro Seite. Die CD bietet da etwas mehr Spielraum. Das klassische Pop-Radio wiederum fordert kurze, dreiminütige Songs, um gespielt zu werden. In der elektronischen Musik geben DJs sowie die Konventionen von Clubnächten die Track-Strukturen maßgeblich vor, indem Mixparts und Breaks eingebaut werden. Kann auch das Streaming so weit in Song- und Trackstrukturen eingreifen?

Durchaus: Denn obwohl technisch und physisch beim Streaming keine Beschränkungen bestehen, gibt es einen wirtschaftlich interessanten Aspekt: Spotify zahlt pro Stück ab 30 abgespielten Sekunden. Der US-amerikanische Songwriter und Musikprofessor Mike Errico thematisierte dies in einem überaus spannenden Artikel und stellte die These auf, dass Musikstücke zukünftig nur noch 30 Sekunden lang sein werden. Rein wirtschaftlich gesehen kann nämlich ein Album mit vielen kurzen Songs mehr erlösen als eines mit wenigen langen Stücken. Und da professionell agierende Musiker neben künstlerischen Beweggründen auch ihre Einnahmequellen im Blick haben, sind Erricos Gedanken auf dem ersten Blick gar nicht so abwegig.

Einige Bands spielten bereits mit dieser 30 Sekunden-Schwelle. Die englische Indie-Band The Pocket Gods brachte ein Album mit 100 30-sekündigen Songs heraus. Vulfpeck stellten 31 kurze Songs mit Stille online, die in Endlosschleife gespielt werden sollten. Damit verbunden war jedoch eher der Protest gegenüber den mageren Streaming-Ausschüttungen. Die Frage, welche künstlerischen Auswirkungen die wirtschaftlich relevante Spotify-Vorgabe haben kann, wurde nicht diskutiert. Gibt es jetzt nur noch die Refrains? Oder nur die besten Parts eines House-Loops? All der arrangierte Ballast fliegt raus, um einfach auf den Punkt zu kommen bzw. nur die Filetstücke eines Songs zu veröffentlichen? Wir wollten es von einem Musiker wissen, der sowohl im Pop zu Hause ist, aber auch mit experimentelleren Formen arbeitet.Sind für dich spezielle Beschränkungen oder Freiheiten eines Tonträgerformates generell relevant beim Produzieren, Arpen?

„Ja, ganz klassisch. Die Länge einer Seite beim Vinyl zum Beispiel. Ich finde aber Beschränkungen generell interessant – man wird gezwungen umzudenken und sich künstlerisch auch zu einer bestimmten Situation zu positionieren.“

Beim Streaming verdient man eher durch viele kurze Stücke – wäre das ein Impuls für dich anders zu produzieren?

„Nein. Ich verdiene sehr gern Geld mit meiner Musik, aber ich beziehe in mein eigenes Schreiben nicht das Verhältnis zwischen der Track-Länge und dem möglichen Verdienst ein. Bei konkreten Aufträgen ist das etwas anders.“

Ist die Kürze eines von Spotify anerkannten Songs eine Chance zum Veröffentlichen für gelungene Skizzen oder Loops, die sonst nur unnötig in die Länge gezogen werden würden?

„Möglicherweise. Ja, für Loops könnte das interessant sein. Aber wer hört sich ein 45 Sekunden-Loop an und findet das irgendwie befriedigend? Ich denke das wäre dann für Musiker interessant bzw. auch für MCs. Dann müsste man aber auch damit arbeiten können – bzw. sollte es ein Mix-Tool geben, mit dem man mit diesen Loops live auflegen könnte – das fände ich irgendwie hot.“

Arpens Antwort zeigt auf, dass Erricos These den Hörer außen vor lässt. Die Hörgewohnheiten müssten sich fundamental verändern, um kurze Snippets als befriedigendes Musikerlebnis annehmen zu können. Und besonders in der Clubmusik erzeugen erst der langsame Aufbau und die Länge der Tracks und Sets ihre hypnotischen Wirkungen. Unberücksichtigt scheinen auch die künstlerischen Ambitionen der Musiker: Neben den Sounds geht es immer auch um Dramaturgien – und die benötigen einen gewissen Entfaltungsspielraum. Ob sich den Musiker in so drastischer Weise verkleinern lassen, ist mehr als fraglich. Hinzu kommt, dass die Musikwirtschaft trotz der hohen Wachstumsraten des Streamings auch in naher Zukunft ihre Musik auf verschiedenen Tonträgerformaten anbieten dürfte. Und hier würde die 30-Sekunden-Beschränkung von Spotify mit der 46 Minuten-Option des Vinyls kollidieren. Oder zu komplett unterschiedlichen Varianten eines Albums oder einer EP führen, was schwer vorstellbar ist.

Wie hoch schätzt Andreas von Analogsoul die Chance ein, dass sich durch Streaming alte Formate wie Song-Strukturen, EP- und Alben-Zyklen wirklich verändern werden: „Der Song als solcher wird sich vermutlich nicht weit verändern, Strukturen wie Alben werden sich aber zusehends auflösen oder zumindest stark verändern. Ich denke, dass ähnlich wie im Hip Hop oder im elektronischen Bereich viele Interludes, Skits, Intros oder andere Fragmente Teil von Alben werden.“

Wie es klingen könnte, wenn sich Musiker und Labels komplett dem Spotify-Vergütungsstandard hingeben, hat Analogsoul mit der Compilation „#31s“ ausgelotet. Musiker aus dem direkten Label-Umfeld sowie dem erweiterten Umfeld wurden um 31-sekündige Songs und Tracks gebeten, um herauszufinden, was dies künstlerisch hervorbringt. Die 31 Stücke öffnen stilistisch ein weites Feld zwischen Pop, HipHop, House, Electronica und Post-Rock.

Der Umgang mit der Beschränkung ist indes sehr unterschiedlich. Einige Musiker bringen eine eigenständige, ultrakompakte Komposition hervor. Bei anderen klingt es nach dem Ausschnitt von etwas Größerem – die Stücke enden abrupt, wie abgeschnitten. Irgendwo wird ein Break angekündigt und am Höhepunkt runtergefahren. An anderer Stelle ist nur eine kurze eingesungene Strophe zu hören. Es bleiben 31 Fragmente, Outtakes oder Jingles.

„#31s“ zeigt einerseits, wie viel künstlerische Substanz in solch kurze Zeit passt. Andererseits fühlt es sich am Ende immer wie das unbefriedigende Durchskippen einer Compilation-Tracklist in einem Download-Shop an, bei dem nur Snippets vorgehört werden können. Aus wirtschaftlicher Sicht jedoch ist „#31s“ das optimalste Produkt für Musiker und Label – es wurde nicht mehr Dramaturgie und Länge hineingesteckt als notwendig, um bei Spotify entlohnt zu werden. Um diese Diskrepanz ging es den Analogsoul-Betreibern. Darum, dass „in 31 Sekunden zu wenig Zeit bleibt, um einen Gedanken wirklich auszuformulieren. Wir würden gern für mehr als 31 Sekunden bezahlt werden“, heißt es im begleitenden Projekttext. Angesichts der künftig zu erwartenden Verschiebungen bei den Marktanteilen von physischen und digitalen Tonträgern ein durchaus berechtigter Einwand.

Veröffentlicht wurde „#31s“ übrigens konsequenterweise als Spotify-only-Release.

Five Favs – August 2016

Wir haben noch einmal nachgehört, was wir im August alles an neuer Musik vorgestellt haben. Hier sind unsere fünf Track-Favoriten.

Apollo Static „Flowers Of Despair“ (Ketzerpop)

Bürokollege Apollo Static bewegte uns mit einem ersten Song seines im Januar 2017 erscheinenden Debüt-Albums. Besonders im Zusammenspiel mit dem Video entfaltet „Flowers Of Despair“ seinen „wehmütig-augenzwinkerndem Wave-Elektronik-Funk“, der laut Apollo Static immer von verschiedenen Dualitäten geprägt sei.

Baumfreund „Gehacktesstibbe“ (Laubenpiepers Finest)

Ein Augenzwinkern gehört auch bei Laubenpiepers Finest immer dazu. Das Label hat seine Heimat kürzlich von Dessau nach Leipzig verlegt. Und es zelebriert eine sehr weitere Form von House, bei der auch HipHop, Downbeat und Funk mit einfließen. Die aktuelle EP bespielt Baumfreund mit HipHop-Skits und Dub Techno. Seine „Gehacktesstibbe“ hat uns gut geschmeckt im August.

Alfred Quest „Langsame Liebe“ (Analogsoul)

Das Album „Midlife Wellness“ der Erfurter Band Alfred Quest hat uns dagegen ziemlich umgehauen. Obwohl es so entspannt und friedlich klingt. Doch bei „Langsame Liebe“ – und einigen anderen Stücken – „passt einfach alles perfekt zusammen: die Reduktion, das Wechselspiel aus Harmonie und Vertracktheit und eine herrliche Beseeltheit, wie sie eben nicht aus Maschinen kommen kann.“ Es gibt auch ein durchaus erotisches Video zu dem Stück.

Drunkenstein „Path Of Phusion“

Drunkenstein war unser „Neuer aus der Wolke“ im August. Durch seine Partys ist er uns im letzten Jahr des Öfteren aufgefallen. Dass er auch eigene Tracks produziert, war uns jedoch neu. Besonders „Path Of Phusion“ „sprüht über vor analog klingender House-Spielfreude, bei der Acid und Disco eine ähnlich große Rolle spielen.“

The Moon With Teeth „Requiem X“ (VE-302)

Eine Auszeit auf dem Land nutzte Niklas Kraft alias Talski für ein avantgardes Mini-Album mit cineastischen und performance-artigen Elementen. „’Requiem X‘ „könnte ein perfekt passender Opener für einen alten Gruselfilm sein, leicht mysteriös, aber nur subtil Unheil verkündend.“ Später wird es auch noch verstörender und gruseliger. Interessantes Werk.

Season Preview 2016/17

An den kommenden Wochenenden beginnt für die meisten Leipziger Clubs die neue Saison. Wir haben rumgefragt, was euch erwarten wird.

Conne Island

Der Sommer und Herbst stehen beim Conne Island ganz im Zeichen des 25. Geburtstags. Verteilt über mehrere Monate gibt es verschiedene Highlights – die Konzerte von Autechre und Tortoise gehören da eindeutig dazu. Außerdem freuen wir uns auf DJ Sprinkles im November.

Distillery

Bei der Distillery wurde über die Sommerpause hinweg der Gartenbereich komplett neugestaltet. Bleibt zu hoffen, dass die spätsommerlichen Nächte es mitmachen, um ihn bereits in den ersten Wochen der neuen Distillery-Saison genießen zu können. Ansonsten dann im nächsten Frühling.

Beim Programm bleibt das Konzept gleich: Freitags stilistisch breit zwischen Breaks, Bass und HipHop, samstags House und Techno. Am 23. September gibt es dann eine Leipzig-Premiere des OneBeat SampleSlam. Dabei treten sechs Producer live mit jeweils vier eigenen Tracks an. Zum Produzieren bekamen alle Artists das gleiche SamplePackage. Das Spannende: Jeder ist einem anderen Genre zu Hause.

Highlight im Oktober: Die Distillery feiert ihren 24. Geburtstag.

Elipamanoke

Umbau-News auch aus dem Elipamanoke – es wird einen zweiten Floor geben. Mit einem interessanten Raumkonzept: Das quadratische DJ-Pult steht mitten im Raum, ebenerdig und schlicht gestaltet. Und mit zwei Ausrichtungen angelegt: Auf der einen Seite ein DJ-Set-up, gegenüber Platz für Live-Acts. So wird nicht nur die klassisch-frontale DJ-Publikum-Konstellation aufgebrochen, der Fokus kann innerhalb einer Nacht auch wechseln.

Aphex Twin inspirierte das Elipamanoke zu dieser Idee. In einem Interview erinnerte der sich an frühe Cluberfahrungen, in denen es mehr um die Musik als um die Namen und den Fame der DJs ging. DJ und Publikum waren nicht durch Bühnen getrennt. Diese alte Techno- und Keller-Atmosphäre soll den neuen zweiten Floor nun auch prägen. Im Winter folgen außerdem weitere Nischen zum Abhängen im gesamten Elipamanoke.

Bespielt werden beide Floors entweder allein mit Eli-Bookings oder zusammen mit Crews und Fremdveranstaltern – musikalisch verschieden oder aufeinander abgestimmt. Zwischen Stil vor Talent und der Indoor Edition des Midsommar Festivals ist da viel Spielraum. Was weitergeführt wird, ist die „Homemade“-Reihe, bei der die Live-Acts und DJs vorher nicht angekündigt werden. Auch dies eine kleine Reminiszenz an die Techno-Anfänge.

Highlight im nächsten Frühjahr: Das Elipamanoke feiert seinen 10. Geburtstag. Und im Sommer (11.-13. August 2017) wird es wieder das ZilpZalp-Festival auf einem Bauernhof südlich von Leipzig geben.

Institut fuer Zukunft

Relativ viel ist auch beim IfZ in der Sommerpause passiert. Der zweite Floor wird samstags einen klaren House-Fokus erhalten. Unter dem Namen „Modul“ kuratiert Markus Krasselt alias Peter Invasion in der neuen Saison Partys, die House mit lokalen und internationalen Acts einen regelmäßigeren Platz im IfZ-Programm einräumen soll als das bislang der Fall war.

Dafür wurde auch der Floor etwas umgestaltet – mit einem neuen DJ-Pult, das nicht mehr am Ende des Floors, sondern mitten an der einen Längsseite platziert wird. Zusammen mit einem neuen, helleren Licht-Konzept wird der Raum so geöffnet und hebt sich musikalisch prägnanter vom großen Techno-Floor ab. Mit Johanna Knutsson sowie M.ono & Luvless wird die stilistische Range im September gleich weit ausgelotet. „Slow-, Weird- oder Power-House – bei der Reihe sollen ganz verschiedene Facetten von House vorkommen“, so Markus. Nur zwei bis drei DJs werden dafür eingeladen, die dann aber längere Sets spielen – die Headliner können da auch durchaus das Warm-up oder Closing spielen.

Außerdem neu: Ein separater Chill-out-Bereich, der in bestimmten Nächten bespielt wird. Und „Spazz“, eine Reihe, die jeden Donnerstag stattfinden wird. Eher Special Spaß und Socializing als bloßer Rave. So sind Ausstellungen geplant und eine regelmäßige Tattoo-Tombola – mit einem Gewinnerlos kann man sich sofort vor Ort ein Tattoo stechen lassen.

Ab Oktober beginnt mit „Gegenkrach“ eine höchst interessante Reihe, die zusammen mit Alexander Pehlemann veranstaltet wird. Genaue Informationen folgen noch, aber von einem AG Geige-Release-Konzert, Gesprächsabenden mit Felix Kubin und Dimitri Hegemann sowie einem Auftritt von Moritz von Oswald war bereits die Rede.

Pferdehaus / Westwerk

Durch die „Midway“-Reihe hatte das Pferdehaus im Westwerk ja quasi keine richtige Sommerpause. Bei dem etablierten Mittwochs-Classic gibt es nun eine gute Neuigkeit. Die bisher unregelmäßig veranstaltete „Midway Addition“ mit einem größeren Programm wird künftig einmal im Monat stattfinden – mit einer IO-Edition im September geht es los. Bei den regulären „Midway“-Abenden gibt es weiterhin zwischen 22 und 24 Uhr einen Slot, der von Newcomern ohne Vorgaben genutzt werden kann. Wer Lust darauf, kann sich einfach beim Pferdehaus melden.

Bestehen bleibt auch die Ableton User Group, bei der Ableton User ihre Musik auf einer Clubanlage testen können – wir hatten bereits darüber berichtet. Am 16. September startet dann wieder das Wochenendprogramm mit einer Pneuma-dor-Label-Nacht, inklusive eines Ambient-Floors. Im Oktober feiert schließlich die „Fat Bemme“-Reihe ihr dreijähriges Bestehen mit Ivy Lab und Zacker erweitert seine „No! No! No!“-Reihe um neue Kollaborationen und Sounds – zum Start am 15. Oktober kommt die Herrensauna-Crew aus Berlin angereist.

So&So

Schließlich noch eine kleine Preview auf die neue Saison im So&So. Generell hält man sich dort eher bedeckt. Aber es wird weiter gebaut, musikalisch auf ein bunteres Programm konzentriert und sich für Fremdveranstalter geöffnet – so viel wird verraten. Zum Saison-Opening gibt es auch gleich einen Floor mit Dubstep aus Großbritannien. Außerdem gibt es sein Anfang August einen Proberaumbereich.

Sommer Reviews

Eine Sommerpause gab es dieses Jahr ja nicht wirklich was das Veröffentlichen neuer Musik angeht – hier kommen gleich mehrere Sommer-EPs.

Steppin‘ Wolf „Swipe Till You Find Me, Hermine“ (Mana-All-Nite)

Wir starten sommerlich lässig und vielschichtig mit Mana-All-Nite, dem noch jungen Sub-Label von Kann Records. Dort erschien im Juli „Swipe Till You Find Me, Hermine“ von Steppin‘ Wolf. Und der Frankfurter Newcomer eröffnet auf gerade einmal fünf Tracks eine stilistische Breite, wie man sie von einem guten Album erwarten würde.

Da gibt es subtil-eigenwilligen Pop-Appeal in „This Is A Lovesong“ und „Heart Shakra“, Oldschool-House-Rauheit in „Untitled IV“, runtergestrippte UK-Rave-Zitate in „Try It (Drei)“ sowie ein cineastisches Kammerspiel mit „Noise“. Überall sticht eine hohe Musikalität hervor und ein genau richtig dosierter Grad an Verschrobenheit. Super EP.

Enduro „Cleynen Line“ (XANN)

Auf XANN, einem weiteren Kann-Ableger für einzelne, spontan entstandene Tracks gab es im Sommer ebenfalls einen Neuzugang. „Cleynen Line“ von Enduro entfaltet auf einem reduzierten House-Fundament einen verspielten Orgel-Funk, der sich irgendwann in einen Machine Funk verwandelt. Nach dem opulenten XANN-Debüt ist das hier eher trippig, mit sanften Verschiebungen.

Various Artists „Leipzig Only“ (A Friend In Need)

Dass bei A Friend In Need nichts mit Sommerloch war, hatten wir ja schon. Vor kurzem wurde dann auch die Label-Heimat besonders gewürdigt – mit der „Leipzig Only“-EP, die vier Tracks lokaler Acts featured. Neben Blinds, Iami und Label-Head Lootbeg ist mit Erik Ellmann auch ein für mich neuer Name dabei. Wirklich neu ist er aber nicht: Im letzten Jahr veröffentlichte Ellmann drei Digital-EPs, darunter bei Large Records aus Chicago. Sein „Noe Turn“ auf A Friend In Need vermittelt auch einen überaus versierten Classic Disco House-Sound, der perfekt zu Rose Records passen würde. Patina-überzogene Soul-Vocals und schwelgerische Chords in langsamer Deepness.

Überhaupt verströmt die „Leipzig Only“-Compilation einen großen Hang zum Classic-Sound – wie sonst auch bei A Friend In Need ist das sehr geschichtsbeflissen und perfekt, nur fehlt mir da manchmal der Ansporn für eine Suche nach Neuem. Iami, läuft mal wieder etwas neben der typischen House-Spur. In etwas düsterer, minimalistischerer und aufgeladenerer Weise als sonst setzt er der Sonntagsreihe im Conne Island ein kleines Sound-Denkmal.

Markus Masuhr „The Silent Trepidation“ (Circular Limited)

Iamis dunkler Tracks ist zugleich eine gute Überleitung zu Markus Masuhrs neuester EP – die zweite beim spanischen Label Circular Limited. Bei Markus Masuhr offenbaren sich mittlerweile mehrere Sound-Stränge – harscher Keller-Techno, düster-unterkühlter Drone-Ambient und eben jener fein geschichteter, hypnotischer Session-Techno.

„The Silent Trepidation“ verknüpft die letzten beiden Stränge zu einer sehr schlüssigen EP mit ebenso bedrückend-dunklen wie sanft gleitenden Phasen. Meist angetrieben von verschachtelten Bassdrums. Wirklich neue Impulse gehen von dieser EP zwar auch nicht aus. Aber den stetigen Einladungen zum Versinken im Masuhr-Sound kann ich mich kaum entziehen.

Georg Bigalke & Pranava „Indiscriminate“ (Raven Sigh Records)

Es bleibt hypnotisch und düster, denn auch Georg Bigalke veröffentlichte im Sommer neue Musik. Zusammen mit dem Schweizer Pranava hat er die Idee einer Split-EP auf die Spitze getrieben. Die beiden teilen sich die EP nicht nur mit je einem eigenen Track, sie haben zusätzlich den jeweils anderen Beitrag geremixt. Bigalke verfolgt ja eine eher breakige, extem reduzierte und stoische Art von Techno. Das ergibt neben einer großen Ruppigkeit immer wieder auch gute Leerräume, die es selbst zu füllen gilt.

Durch „Frattarzk“ zieht sich eine bedrohlich schlingernde Soundschleife, entlang des schmalen Grates zwischen spannendem Experiment und überzeichneter Dissonanz. Aber genau den scheint Georg Bigalke generell gern auszuloten. Pranava ist mit seinem Track und dem Remix einerseits noch dissonanter, lässt aber auch mehr Licht in dieses düstere Gefüge. Keine EP für nebenher.

Corecass „Quasar Remix Edition“

Im Frühjahr brachte Corecass ja in Eigenregie eine neue EP mit zwei Tracks heraus und rief zugleich einen Remixe-Contest aus. Das neunminütige, ätherisch gedehnte, teils dramatische Original von „Quasar“ wurde fünfmal neu interpretiert und interessant ist, dass niemand einfach nur einen Dance-Track daraus gemacht hat – nur bei Lose Lose und Sinse schleichen sich manchmal gerade Bassdrums heran.

Ansonsten bleibt der experimentelle Charakter überall erhalten, Patrick Franke geht sogar noch weiter, indem er minutenlang in eine komplette Stille verfällt, um später mit einer Soundwand zurückzukehren. Dyze von Resistant Mindz bringt die zugänglichste Version hervor. Mit schleppenden Rock-Drums und sich langsam aufbäumender Epik. Mein Favorit neben der minimalistischen Drone-Version von Joscha Bauer.

Various Artists „Orbiter II“ (Moon Harbour Recordings)

Ganz frisch ist eine neue Mini-Compilation von Moon Harbour draußen. Bei der „Orbiter“-Reihe werden ja Newcomer und bereits bekanntere Acts zusammengebracht. Die größte Überraschung ist das Moon Harbour-Debüt von Super Flu. Das Hallenser Duo scheint sich etwas von seinem schunkelnden, immer ironisierten Sound zu verabschieden – zumindest deutet ein Skippen durch die letzten Sets das an. Und auch ihr Beitrag „Do Ex“ ist mehr auf das Wesentliche beschränkt, als auf offensichtliche Festival-Effekte. Na gut, das Break ist schon sehr auf Effizienz getrimmt. Aber irgendwie mag ich die scheinbare Wandlung hin zur trippigen Reduktion.

Newcomer Nico Cabeza aus Italien spielt auf entschlackte Weise mit einer klassischen House-Deepness, die leider von dem cleanen Beat aufgesogen wird. Der Beat ist dann aber genau das, was „That’s Fresh“ von Chris Wood & Meat wiederum durchaus interessant macht. Auf leichte Art holprig und perkussiv. Schade, dass die Scratch- und Vocal-Samples den Track dann ins Lächerliche ziehen. Richtig kalkulierte Abfahrt mit aufgeblasener Bassline dann bei „Work My Body“ von Anek.

Feines aus der Laube – Laubenpiepers Finest

House-Deepness auf schwerem Vinyl, mit Siebdruck-Cover und persönlich vorbei gebrachten Promos – das Label Laubenpiepers Finest ist neu in der Stadt.

Leipzig ist ja die Stadt der Schrebergärten, die Kleingartenkultur entstand hier vor rund 200 Jahren – ein eigenes Museum dokumentiert die Geschichte – und noch heute hat die Stadt eine der höchsten Kleingartendichten Deutschlands. Nun ist mein Verhältnis dazu nicht ungetrübt: Auch ich verbrachte meine Kindheit viel in einem Schrebergarten, irgendwann wurde es aber schrecklich langweilig und piefig. Mir ist kein grüner Daumen gewachsen, dafür ein gewaltiges Vorurteil gegenüber Kleingartensiedlungen als Hort von hässlichen Zwergen und konservativen, sonnengegerbten Gärtnern.

Laubenpiepers Finest triggert dies auf ironische Weise an, pflegt mit einer strikten Vinyl Only-Policy auf seine Art auch einen gewissen Konservatismus. Ende 2014 gründete Oliver Bernstein das Label in Dessau. Dort ist er aufgewachsen, seit Mitte der 2000er legt auf und organisierte in der Bauhaus-Stadt kleinere und größere Partys in einer Eckkneipe und am Elbstrand. Mit einigen Partys in der Blauen Perle tauchte der Name Laubenpiepers Finest in den vergangenen Monaten auch in Leipzig immer öfter auf. Ende 2015 zog Oliver hier her und fing an, bei R.A.N.D. Muzik als Schallplattenpresser zu arbeiten.Musikalisch hat er dann aber einen eher unkonventionellen House-Begriff: „House, HipHop, Funk, Downbeat, Genres sind mir egal, irgendwie ist für mich alles House“, meint Oliver.

Und ebenso wie er sich als DJ nicht auf ein Genre beschränken möchte, klingen auch die fünf bisher veröffentlichten Platten von Berliner, Hannoveraner und Dessauer Acts wie Siggatunez, Arsy oder Baumfreund: Da gibt es ruhige Downbeat-Stücke neben klassischem House, Dub-Techno neben HipHop-Skits und – wie im Fall der Arsy-EP auch mal experimentellere und vertracktere Tracks. Eine poetische Deepness und eine omnipräsente Unaufgeregtheit halten alles zusammen, egal wie weit es voneinander entfernt ist.Die Liebhaberei wird auch bei der Cover-Gestaltung deutlich. Von Beatmaker-Held Duktus stammen die Illustrationen, auch er ist ein Ex-Dessauer, den es nach Leipzig verschlagen hat. Und so schließt sich nicht nur lokal der Kreis, auch bei Duktus & Co sind die Genre-Grenzen weniger eng gesetzt. Auf jeden Fall ein guter Neuzugang für die Leipziger Elektronik-Szene, dieser Laubenpieper. Einer, der sogar selbst vorbeikommt und die Platte mit einem Lächeln vorbeibringt.

Mix Mup x Resident Advisor Podcast

Mix Mup beschert uns einen tollen Wochenstart – mit einem Mix auf Resident Advisor.

Der Resident Advisor-Podcast begleitet mich schon seit vielen Jahren, einige Mixe davon sind fest mit bestimmten Lebensphasen verknüpft. Und er war immer auch Inspiration, um neue Musiker zu entdecken.

Umso größer ist die Freude, nun auch Mix Mup dort zu sehen und zu hören – einem „Under-the-radar favourite“. Für Resident Advisor hat er einen entspannt-triftenden Mix eingespielt, mit verschlungenem Funk und analog angerauter Deepness aus eher eigenwilligen House- und Techno-Gefilden.

In einem kurzen Interview erklärt Mix Mup, wie der gut einstündige Mix entstand. Nämlich aus alten und neuen Tracks, mit denen er zeigen wollte, was ihn an Clubmusik interessiert – funky, mit Jack-Momenten und doch auch minimalistisch.

Auch seine Sendung für das Berliner Online-Radio Berlin Community Radio kommt zu Wort. Ein Archiv der Sendungen gibt es hier.

Alfred Quest „Midlife Wellness“ (Analogsoul)

Entspannung und Entschleunigung – das Erfurter Quartett Alfred Quest nimmt sich aus der urbanen und digitalen Hektik heraus und schafft ein Kleinod der Ruhe.

Es ist nicht so, dass es nicht schon genug musikalische Rückzugspunkte gäbe, aber bei Alfred Quest ist irgendwas anders. Die konsequente Langsamkeit, die Wärme des Basses, die subtil eingeflochtene Elektronik, das Knistern, die elegischen Streicher und Gitarren – alles klingt so natürlich und unmittelbar. Als würden sich hier auf selbstverständlichste Weise Dinge zum Guten fügen.

„Midlife Wellness“ heißt das erste Album von Alfred Quest, einer Band, die eigentlich mit einem Rapper zusammenarbeiten wollte, dann aber instrumental der Midlife Crisis entging und in einer wahrscheinlich besseren Welt wieder auftauchte. Patrick Föllmer von Lilabungalow spielt den Bass, Tilmann Jarmer kümmert sich um die Beats und Samples, Sascha Friedrich übernimmt Keyboard und Sorin Paul Stanciu die Gitarre. Heraus kommt eine Zwischenwelt, die nach Slow-Post-Rock oder live gespielter Electronica klingt.

An ein paar wenigen Stellen mag das etwas kitschig werden, doch bei Stücken wie „Neun Über Vier“, „Langsame Liebe“, „Villenviertel“, „Tatra T.“ oder „Praliné“ passt einfach alles perfekt zusammen: die Reduktion, das Wechselspiel aus Harmonie und Vertracktheit und eine herrliche Beseeltheit, wie sie eben nicht aus Maschinen kommen kann. Alles verschwimmt und doch bekommt jedes Element durch die Langsamkeit viel Raum zum Wirken. „Midlife Wellness“ lief daher ziemlich oft bei mir in letzter Zeit. Ein unglaublich gutes Abtauch-Album.

Parallel dazu haben Alfred Quest auch ein Beat Tape mit Skizzen und weiteren kurzen Songs veröffentlicht. Da erweitert sich der stilistische Rahmen noch einmal immens, bis hin zu House, HipHop und schnelleren Stücken.

Lesetipp: Groove 162

Ab heute liegt die neue Groove im Kiosk. Mit dabei ein spannendes Club-Special, das vier Jobs hinter den Kulissen beleuchtet.

„Work it – Arbeiten, wo andere feiern“ heißt das neunseitige Special und porträtiert Booker, Nightmanager, Türsteher und Geschäftsführer verschiedener Clubs. Den Geschäftsführertext durfte ich mit dem Institut fuer Zukunft übernehmen.

Xavi und Alex gaben mir dafür fast zwei Stunden Input in ihre fast durchweg administrative Arbeit. Wer also gern mehr erfahren möchte, was die Leute hinter den Clubkulissen antreibt und bewegt, sollte diese Ausgabe nicht verpassen.

Hier ist sie direkt zu bestellen. 

Ranko „Hypersensitivity“ (O*RS)

Oh, schon zwei Jahre ist es her, dass Rankos Debüt-EP herauskam. Zeit für die Nummer 2.

Und die ist letzte Woche bei O*RS digital herausgekommen. Den Sommer 2016 soll die EP vertonen bzw. musikalisch begleiten, schrieb Ranko neulich selbst über den Ansatz von „Hypersensitivity“. Nun klangen Rankos Stücke immer schon nach sommerlicher Leichtigkeit, doch scheinbar ließ sich da noch mehr Smoothness herausholen.

Die fünf neuen Stücke zelebrieren im gedrosseltem und nickenden, sehr musikalischen Beatmaker-Sound ein großes Abhängen – in der Hängematte, am Strand, im Garten. Dazu umarmende, lang schwingende Synth-Chords und ein dezenter Pop-Appeal. „Hypersensitivity“ ist mehr in den HipHop-Roots Rankos geerdet, die für „Unchained“ ebenso prägenden wie erfrischenden Switches zu House lässt er dieses Mal – abgesehen von „Glittering Beach“ aus. Was nicht unbedingt stört, der EP aber insgesamt ein wenig die Spannung nimmt. Aber 14 Minuten Entspannung sind hier sicher.

The Moon With Teeth „Rhoda Tapes“ (VE-302)

Wie eine Dampfwalze macht mich die EP von Niklas Kraft alias Talski platt, welche unter seinem Alias The Moon With Teeth auf dem Berliner Net-Label VE-302 bereits im Juni herauskam. Was war denn das?

Irgendwo in den Mühlen der frohfroh-Redaktion wurde „Rhoda Tapes“ als Ambient-EP von Niklas Kraft bezeichnet. Nun ja, das trifft die Sache nicht ganz. Um es genauer zu nehmen: Ambient ist hier eher ein Köder für hypnotische, verstörende Sound-Forschung auf acht Tracks. Und wer unter Ambient beschauliches Lounge-Geplucker versteht, ist gleich verkehrt.

Zunächst bewegt sich die EP mit „Requiem X“ in ähnlichen Gefilden. Der Track könnte ein perfekt passender Opener für einen alten Gruselfilm sein, leicht mysteriös, aber nur subtil Unheil verkündend. „Yours Anyhow“ kommt mit spukig verfremdeten Stimmen und Glocken-ähnlichen Klängen direkt zur Sache und leitet mit seiner hypernervösen Geschwindigkeit zu den trockenen Drums von „Feinstoff of Life“ über. Dann: Abgrundtief düsterer, repititiver Sprechgesang mit „Whatever is, is right“ und „Killing Constriction“, verstörend übereinandergeschichtetes Insekten-Geschnattere auf „Lebensrinde“ und Voodoo-Atmosphäre mit „Bronx“. Zum Ende schließt sich der Kreis mit „Illusive“, das den Ambient-Sound des ersten Tracks aufgreift und mit Vocals verschmilzt.

Zugegeben: Die Verwendung von Trommeln und Voodoo-artigen Sprechgesang kann schnell in Gruselfilm-Klischees abgleiten, was man an meinen Beschreibungen ja auch merkt. Vielleicht tut das der Sache auch unrecht. Die Faszination der EP rührt zu großen Teilen auch vom spannend collagierten Sound-Kosmos von The Moon With Teeth her, der vermutlich aus rohen Field-Recordings besteht.

Stellt sich nur noch eine Frage: Wenn dies – wie auf Bandcamp beschrieben – das Resultat einer Auszeit in der ostdeutschen Pampa ist – was zur Hölle erlebt der Mann in seinem Urlaub?

Neues aus der Wolke – Drunkenstein

Drunkenstein fiel uns in letzter Zeit immer wieder durch seine Partys auf. Doch er produziert auch Tracks – er ist unser „Neuer aus der Wolke“.

Zwei selbst veröffentlichte EPs lassen sich aktuell auf Drunkensteins Soundcloud-Profil finden. Und beide sprühen über vor analog klingender House-Spielfreude, bei der Acid und Disco eine ähnlich große Rolle spielen. Das hat einerseits etwas offenherziges, unbeschwertes, leicht naives. Andererseits schwingt immer auch die Wehmut des klassischen Oldschool-Electro-Futurismus mit. Wir mögen die Stücke sehr und wollten wissen, wer hinter Drunkenstein steckt. Unser Interview klärt auf:

Woher kommst du – lokal und künstlerisch?

Ich wurde 1984 in Leipzig geboren. Mit 14 waren in meiner Parallelklasse Graffiti-Sprüher, die mir gezeigt haben, wie das geht. Von da an habe ich gesprüht, Hip Hop gehört und angefangen, Platten zu sammeln. Meine Vorliebe galt vor allem den Eastcoast-Rappern. Mich hat der Sound damals so geflasht und ich habe praktisch jeden Euro in Vinyl oder Sprühdosen investiert. Als ich 20 war habe ich angefangen auch die „Originale“, also die gesampleten Tracks zu hören – nachdem ich gemerkt habe, dass die manchmal noch viel cooler waren, als die HipHop-Tracks davon.

Seitdem wuchs die Bandbreite: Funk, Soul, Jazz, Disco. Da sich das HipHop-Publikum stark vom Electronic-Publikum unterscheidet und ich es liebe, wenn sich Menschen zu Musik bewegen – was bei HipHop leider oft nicht der Fall ist – habe ich angefangen, auch Disco Sets zu spielen. Der wirkliche Sprung zu House kam durch Baltimore Club Music. Das ist praktisch ein Mix aus HipHop, House und Electro und geht echt ziemlich nach vorne. Ich habe gemerkt, wie mich diese Art von Musik auf eine ganz andere Art und Weise verzaubert. Seitdem möchte ich mich musikalisch nicht mehr einschränken.

Was flasht dich musikalisch – von bestimmten Sounds oder Artists her?

Momentan arbeite ich die ganze US House-Geschichte auf. Die alten Acid-House Trax sind echt der Hammer. Leider sind die aber in unseren Breitengraden, abgesehen vom Internet, schwer zu bekommen. Mein Lieblingsartist im elektronischen Bereich ist Mr. Oizo. Viele wissen gar nicht, dass er nach „Flat Beat“ immer weiter Musik gemacht hat. Und dass, wie ich finde, so einzigartig wie ein Aphex Twin. Außerdem ist er Regisseur und seine Filme sind der totale Brainfuck. Im Rap-Bereich bin ich gerade auf Cult Mountain aus London hängen geblieben.

Prägen deine HipHop-Roots deine heutigen Tracks noch irgendwie?

Nach wie vor sample ich gerne in meinen Tracks. Ich glaube außerdem, dass die Drums oft eine hiphop-ähnliche Struktur besitzen. Aber ich versuche natürlich auch zum Teil so zu klingen, wie House-Musik klingen muss oder soll.

Wo willst du mit deiner Musik hin – Lieblingshobby oder Stadion?

Ich mache in erster Linie Musik für mich selbst und Freunde, die auch Musik machen und lieben. Wenn ich damit Erfolg haben sollte, wäre das super. Aber da ich das jetzt seit 17 Jahren mache, weiß ich, dass Geldverdienen mit auflegen und produzieren nicht gerade der einfache Weg ist.

Dein größter Soundcloud/Youtube-Hit?

Ich hab mich lange Target genannt. Auf Soundcloud habe ich einen Erick Sermon-Remix, der knappe 3500mal gespielt wurde. Der Track ist okay. Aber wie das so mit alten Produktionen ist – einem selber gefallen im Grunde nur die letzten zehn produzierten Lieder.

Dein persönlich größter Hit – und warum?

Einen einzelnen Track kann ich leider nicht nennen. Allerdings zählt das Album „Back On Plastic“, welches ich mit meinem jetzt in der USA lebenden Kollegen Roksn aufgenommen habe, zu den besten Produktionen meiner HipHop-Zeit. Von meiner EP ist „Path To Phusion“ mein Lieblings-Track. Er hat, wie ich finde, diese perfekte Symbiose aus analogem und digitalem Sound. Vielleicht erkennt man an diesem Track auch am meisten meine HipHop-Roots.

Du bist auch als Party-Veranstalter sehr aktiv gerade – ein Spaß nebenbei oder ist da mehr geplant?

Nächstes Jahr möchte ich unbedingt eine neue Art von Outdoor-Partys veranstalten. Dazu brauche ich allerdings noch etwas Zeit für eine gute Planung und ein festes Team von Leuten, die mit mir an einem Strang ziehen wollen. Die „Discolution“-Party im Schnellbuffet Süd war echt der Hammer und wird im Winter wiederholt.
Trotzdem werde ich mehr Zeit ins Auflegen, Produzieren und in meinen Job als Grafiker investieren, da dies meine Standbeine sind.

Du hast mit 6Step auch ein eigenes Mode-Label – was hat es damit auf sich?

Ende 2010 hatte ich Lust, einer Handvoll Kumpels ein schönes Siebdruck-Shirt zu Weihnachten zu schenken. Mein Kollege Tonie107 und ich haben uns damals gedacht, dass das auch professioneller geht. 2011 wurde dann 6Step geboren. Unter diesem Namen habe ich außer Kleidung aber auch Plattencover designt und Grafiken für Plakate und Flyer gestaltet. Vor zwei Wochen habe ich seit längerer Zeit wieder eine Mini-Kollektion mit neuen T-Shirts veröffentlicht.

Leider hat mir im letzten Jahr etwas die Zeit gefehlt. Momentan habe ich aber wieder Lust, etwas mehr ins „Klamottengeschäft“ einzusteigen. Hoffentlich bekomme ich das mit den vielen anderen Sachen an denen ich arbeite unter einen Hut.

Lupo „Farbenfroh und Hell“ (Lebensfreude Records)

Zugegeben: Wir sind etwas ratlos, was Chris Manura da geritten hat. Als Lupo verirrt er sich in den House-Pop.

Es kommt nicht oft vor, dass wir innerhalb der frohfroh-Redaktion so lange darüber nachdenken, ob wir eine EP besprechen sollten oder nicht. Meist ist es klar, wenn es nicht passt, weil es musikalisch zu weit entfernt ist von dem, was uns hier bewegt. Über die „Farbenfroh & Hell“-EP von Lupo reden wir jedoch seit Wochen. Immer mal wieder, dann aber durchweg mit großer Verwunderung und einer gewissen Fremdscham.

Was ist passiert: Zusammen mit dem Sänger Alexander Boedewig von den Bands Boe Van Berg und Westbalkonia hat Chris Manura scheinbar ein Pop-House-Projekt namens Lupo gestartet. Mit deutschen Texten und eindeutiger Hit-Eingängigkeit. Nun ist die Mischung von deutschen Texten mit House und Techno eh schon ein Wagnis mit immens großer Fallhöhe – ganz unten lauern entweder Schlager- oder Befindlichkeits-House.

Doch warum es neben Westbalkonia ein nahezu identisch klingendes Projekt gibt, das sehr offensichtlich mit dem betont lasziv-schluffigen Durchi-Appeal von Boedewigs Gesang so etwas wie „Seele“ und „Emotion“ auf den Dancefloor bringen will, ist für uns wenig nachvollziehbar. Alexander Boedewigs Stimme hält nicht allzu viele Nuancen bereit, um Lupo eindeutig von Westbalkonia abzugrenzen. Und auch Chris Manuras Feel Good-House nicht, obwohl er im Vergleich zum von Marc DePulse effizient konstruierten Westbalkonia-Tech House das geringere Übel ist.

Warum wir noch heiß über Lupo diskutieren? Weil der Track nach großem Kalkül klingt. „Farbenfroh & Hell“ schlägt musikalisch in eine Kerbe, die ziemlich unangenehm nach größtmöglichem Konsens riecht. Einmal die Pop- und Open Air-House-Baukästen aufgemacht, verschiedene Elemente rausgeholt, alles für das unkomplizierte Hören zusammengefügt und fertig ist der Dancefloor-Filler – eben wie bei Westbalkonia, Alle Farben, Klangkarussell etc.. Deren Tracks sind ähnlich glattgebügelt, erzwungen tanzbar und schön zum Mitsingen einladend. Lupo klingen, als möchten sie mit der ersten EP diesen einen Hit landen, der im Radio läuft. Oder wenigstens auf Open Airs als leichtgängiger Floorfiller laufen. Doch: „Farbenfroh & Hell“ fehlt der Tiefgang.