Butch „El Camion“ (Moon Harbour Recordings)

Neuer Big Name bei Moon Harbour – Viel-Producer Butch hinterlässt auch in Leipzig seine Spuren.

Sehr trippige und mit einem Vocal aus einem Video, das letztes Jahr zum großen Meme wurde. Bei „El Camion“ ist die Lachnummer des vermeintlichen Fixie-Hochstaplers aber so beiläufig eingestreut, dass sie den Track nicht ins Lächerliche zieht. Überhaupt scheint Ironie – besonders die Selbstironie – ein großes Thema bei Butch zu sein; die zahlreichen Facebook-Videos deuten darauf hin.

Ansonsten sind die beiden Tracks für Moon Harbour klassischer, zeitgenössischer Tech House, nur eben von der trippigeren Sorte. Bei „El Camion“ ergibt es einen nicht uninteressanten Sog, ein Gleiten auf dass man sich leicht einlassen kann. „Vente Con Papi“ ist da gefälliger und langweiliger mit seinem Vögelzwitschern und dem südamerikanischen Beach-Appeal.

Der junge Kanadier Ellroy drängt „El Camion“ komplett in die Peaktime und setzt das Lach-Vocal präsenter nach vorn.

Tech Talk mit Daniel Stefanik

Fette Plug-ins, inspirierende Effekt-Ketten, Mono Machine und mehr – Daniel Stefanik gibt für das Electronic Beats-Magazin Einblick in seine Studioarbeit.

Im Rahmen der „Tech Talk“-Reihe konnte Stefanik ausgiebig fachsimpeln und sein „reduziertes Set-up“ zeigen, vom Patchen und Routen sprechen. Auch um die Produktionsprozesse an sich geht es, vom Unterschied zwischen Musikmachen und Klangforschen. Super spannend.

Meine Lieblingsstelle: „Der Zuhörer weiß ja nicht, wie es entsteht. Wenn es fett klingt, ist es egal, ob da ein 5-Euro-Gerät steht.“ Dass es dafür aber eine Menge Wissen und Erfahrung braucht, lässt sich zwischen den Zeilen deutlich heraushören

The return of Mikrodisko

Erst vier Jahre Pause, dann gleich zwei Platten innerhalb weniger Monate – Mikrodisko Recordings ist zurück.

Es schien lange so, als sei das Mikrodisko-Label eingeschlafen. Die letzte EP mit Mix Mup erschien im April 2012, kurz danach kam noch ein Poncho im Signature Design des Labels, anschließend blieb es bis auf zwei Mix-Tapes still. Dabei ist Mikrodisko mit seinem aus dem Homo Elektrik-Umfeld entwachsenen Artist-Netzwerk eine wichtige Keimzelle für die heutige Leipziger Elektronik-Szene.

Im März 2016 wurde aber klar, dass es nicht zu Ende ist mit der Mikrodisko: Die 3-Track-Compilation „Lifetime Subscription“ beendete die Pause so, als seien anstatt der vier Jahre nur wenige Wochen vergangen. Nahtloses Anknüpfen an den emotionalisierten, zeitlosen Dancefloor und die Freiheit, sich in abseitigen, experimentelleren Gegenden zu tummeln.

Throwing Shades „A High Place Of Darkness And Light“ strahlt da besonders heraus. Als filigran schwebendes Ambient-Stück mit hell und spielerisch aufflackernden Synths. Aber auch die Tracks von Volt.ctrl und MM/KM sind durchströmt von einer kontemplativen Unaufregtheit und einer guten Patina. Special Tracks, für die Mikrodisko eben. Special auch wieder der Promo-Zettel.

Volt.ctrl „Disconnected“

Throwing Shades „A High Place Of Darkness And Light“

MM/KM „Viertausendsechshundert“

In diesen Tagen erscheint die nächste Mikrodisko-Platte – „Electric Fever Underwater“ von Demian, dem Betreiber des Possblthings-Plattenladens. Und auch bei ihm ist es special: seine drei Tracks entfalten sich verspielt und subtil, sehr musikalisch mit verschachtelten Harmonien und federleichten breakigen Beats.

„Electric Fever Underwater“ lebt von der unbefangenen Euphorie früher Elektronik-Momente. Als gleichermaßen Wehmut und Futurismus aus Drumcomputern und Synthesizern drangen.

Trotz der ebenfalls unüberhörbaren Patina-Schicht in den Sounds ist das bei Demian kein ironisches Zitieren, vielmehr gelingt ihm eine entwaffnend fröhliche Zeitreise – auch wenn der poetische Begleit-Text eher diffuse Leere hinterlässt.

Zwei sehr erfreuliche Comeback-Platten.

„Electric“

„Fever“

„Underwater“

Kassem Mosse „Chilazon“ (Honest Jon’s)

Bald kommt ein neues Kassem Mosse-Album – veröffentlicht vom Londoner Traditionslabel Honest Jon’s. Eine Vorab-EP verkürzt das vorfreudige Warten.

Vor einem Monat gab Honest Jon’s seine kommenden Highlights bekannt. Neben Shackleton, Mark Ernestus und Theo Parrish wurde da auch Kassem Mosse erwähnt. Neues Album. Für Ende Juli ist es angekündigt, wobei auf Label-Anfrage von „The album isn’t coming out until later this year“ die Rede ist.

Wie auch immer. Good news. Und wieder ein Ritterschlag mehr. Wenn auch kein überraschender: Kassem Mosse war bereits im letzten Jahr mit seinen „Three Versions“ von drei Simone White-Songs auf Honest Jon’s zu hören. Und die Verbindungen nach Großbritannien waren von früh an sehr intensiv.

Die ersten Ausläufer des neuen Albums kommen als EP mit drei neuen Tracks – und da gibt es schon eine Überraschung: Denn so unbeschwert und federnd wie bei „Chilazon 1“ klang Kassem Mosse noch nie. Zumindest kann ich mich spontan nicht daran erinnern. Eine 12-minütige House-Loop-Miniatur mit super lässigen Hi-Hats und einem knapp verdichteten Synth-Mikrokosmos ist da entstanden. Alles so zusammengefädelt, dass nur minimale dramaturgische Wendungen ausreichen, um endlos dranzubleiben. 

„Chilazon 2“ ist das genaue Gegenstück dazu. Keine leichtfüßige Rastlosigkeit, dafür ein großes Verlangsamen und Dehnen der Zwischenräume. Und doch gewinnt das Stück in der Mitte an Dynamik und Spannung, die sich aber nie recht auflöst. Irgendwie klingt das hier alles klarer, fokussierter, weniger verrauscht.

Auch bei „Lanthanum“ fällt diese neue Klarheit auf. Es ist sehr viel reduzierter und nackter, auch wenn sich die Bassline und die scharfkantigen Synthesizer-Sounds dicht verknäueln. Aber auch hier: Große Loop-Kunst, großes Mäandern und Eintauchen in faszinierende surreale Welten.

„Chilazon 1“

„Chilazon 2“

„Lanthanum“

Film-Tipp: „Freiheit, Freiheit, Wirklichkeit“

Wie ist das Leben als Independent-Musiker in der Gegenwart? Der Dokumentarfilm „Freiheit, Freiheit, Wirklichkeit“ gibt Einblicke.

Vor über einem Jahr feierte die erste große Relativ Kollektiv-Produktion Premiere im Neuen Schauspiel Leipzig. Anschließend ging der 37-minütige Film auf Tour mit Bands und war auf einzelnen Festivals zu sehen. Nun gibt es „Freiheit, Freiheit, Wirklichkeit“ auch auf Youtube in voller Länge.

André und Benjamin vom Relativ Kollektiv wollten herausfinden, was das Leben als unabhängiger Musiker abseits der großen Stadien und Hallen prägt. Lässt es sich davon leben? Was bedeutet Erfolg überhaupt? Was kann ein Indie-Label dafür tun? „Freiheit, Freiheit, Wirklichkeit“ fokussiert in poetisch gefilmter und unaufgeregter Weise die Analogsoul-Musiker A Forest, Arpen, Wooden Peak, Earnest And Without You, Klinke Auf Cinch und Lilabungalow. Und der Film zeigt das Dilemma zwischen unbeirrbarer künstlerischer Leidenschaft und prekären Strukturen auf, die Nebenjobs und ein ständiges Engagement nötig machen.

„Unabhängiger Musiker zu sein, ist eigentlich ein ständiger Kampf. Du bist ständig damit beschäftigt, Freiräume für deine künstlerische Arbeit zu schaffen, in dem du Sachen machst, die damit nichts zu haben“ – so desillusionierend „Freiheit, Freiheit, Wirklichkeit“ beginnen mag, so sehr machen die verschiedenen Akteure die künstlerische Unbedingtkeit deutlich. Musik als Lebensdefinition. Als Selbstzweck. Auch wenn es nur 100 Leute interessiert und der Weg mühsam ist, mehr zu begeistern. Natürlich ist bei allen vorgestellten Musikern der Wunsch groß, davon leben zu können. Aber nicht um jeden Preis. Es sind reife, wenig naive Perspektiven auf die Realitäten und Möglichkeiten, die hier aufgezeigt werden.

Nebenbei entstand übrigens auch die sehr sehenswerte „Landgang“-Reihe, die „Freiheit, Freiheit, Wirklichkeit“ mit Band-Porträts gut ergänzt. Außerdem interessant: ein Kurz-Interview mit André und Benjamin über die Hintergründe des Filme im Analogsoul-Blog.

A Friend In Need-Ambivalenzen

Abgefahren, wie unterschiedlich die letzten drei A Friend In Need-EPs ausfallen. Bei uns finden sie zusammen.

Zwei davon sind schon ein paar Wochen draußen und gehen sehr konträr auseinander: Einmal eine neue House-Compilation namens „Back On Track“, außerdem eine Techno-EP von Tsorn. „Back On Track“ setzt den super klassischen, leicht Oldschool-überzogenen Deep House-Sound der ersten beiden AFIN-Label-Jahre mit vier Tracks nahtlos fort.

Es ist der Perlentaucher-Ansatz: Immer neue Acts steuern einen überaus soliden Track bei. Nur Gregory Dub ist dieses Mal die Ausnahme – vor einem Jahr hatte der Schweizer bei AFIN eine eigene EP. Neu dabei sind Thomas Stieler, Circo De Gais und Toefflinger.

Bei aller Classic-Versiertheit schwingt aber auch eine gewisse Langeweile bei allen vier Tracks mit. Irgendwie sind mir die Strings, warmen Chords und Soul-Samples einen Tick zu perfekt. Nur Thomas Stieler löst sich mit einer dunklen Dub-Schwere davon ab und driftet auf gute Weise ab.

Tsorn „Technoafin Vol. 1“

Ganz anders dagegen „Technoafin Vol. 1“ von Tsorn, einem neuen Alias von Elisa Rost, die wir eine zeitlang als Frau Rost auf Soundcloud verfolgten. Damals klangen ihre Stücke nicht so auf bleiernen Techno konzentriert wie heute. Aber es ist ein Gewinn – auch für A Friend In Need. Denn die drei Tsorn-Tracks öffnen einen weiten Techno-Rahmen zwischen interstellaren Synth-Flächen, extrem drückenden und roughen Bassdrums und maschineller Kühle.

Besonders „Lithium“ und „Divide“ spielen mit einem verschlungenen, klaustrophobischen Drive, der mich schon bei Paula Temple enorm angezogen hat. Sehr fokussiert und kraftvoll und dark. Da sollte unbedingt noch mehr kommen.

Jens Porath und Oliver Rosemann – wir hatten ihn neulich erst verspätet entdeckt – ergänzen die EP noch um Remixe von „Lithium“. Rosemann ist hier mein Held: kalt, verschachtelt und rauschend bekommt seine Version durch ein diffuses Vocal eine extra beängstigende Note. Was für ein Kontrastprogramm zur „Back On Track“-Compilation. Es gab übrigens schon einmal einen derartigen Sidekick: „Acidafin Vol. 1“ hieß der aber.

Roberta „Fatty Cutz“

Ganz frisch sind außerdem gerade Tracks aus Brooklyn bei A Friend in Need herausgekommen. Wer Roberta ist, lässt sich nicht weiter herausfinden – ein perfekter Name, um unerkannt zu bleiben.

Die drei Tracks der „Fatty Cutz“-EP mäandern ebenfalls in der ultra-warmen und weichen Classic House-Deepness umher. Im Gegensatz zu den „Back On Track“-Stücken jedoch rauer und trockener. Das macht sie nicht unbedingt spannender, aber sie entgleiten nicht ganz so leicht meiner Aufmerksamkeit. Trotzdem kommt mir das wie ein nie endender House-Historizismus-Loop vor. Wenn auch ein brilliant authentisch produzierter.

Chino „Hiss“ (Holger Records)

Holger Records hat mit seiner aktuellen EP die Fühler in Richtung Osten ausgestreckt. Mit Chino wird einer von Polens aktivsten Live-Acts gefeatured.

Er spielte auch schon in Leipzig und war vor kurzem auf der Shtum-Compilation zu hören – mit seinem sehr angenehm emotional aufgeladenen „Motor City Racers“. Allerdings hatte ich da nur Ohren für Leibniz und Perm. Jetzt bekommt Chino durch Holger Records hier die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt.

In Krakau lebt er und ist currently in „Polish Brutalist architecture, poster art, 80’s drum machines, FM synthesis, tape hiss, obscure eastern electronics and Tatra mountains.“ Und er sucht die – durchaus schwierige – Balance zwischen „Hi-Tech dreams and lo-fi reality“. Beste Voraussetzungen also für eine waghalsige musikalische Reise durch feuchte, unterkühlte Zeittunnel mit kurzen, intensiven Lichtschimmern.

Auf “Hiss“ wird sie groß inszeniert, die Freude an der analogen Session-Freiheit und der aufgenommenen Übersteuerung, dem Rauschen, Knistern, Imperfekten und Querschlagenden. Da passt Acid gut rein wie bei „Paper Rider“ und „Worker“, aber auch spartanische Avantgarde-Intros für das episch lange „31.08.“, das später doch noch auf einen tief im Keller eingemauerten Dancefloor findet. Und natürlich liegt auch ein Abzweig zum schillernden Oldschool-Electro nahe – „Shifter“ liefert ihn in klassischer und fröhlicher Vertracktheit.

Man hört den vier Tracks an, dass bei Chino viel aus Live-Situationen heraus zu entstehen scheint. Sie entziehen sich immer irgendwelchen Berechenbarkeiten, holen bei aller Kühle und Kantigkeit plötzlich Analog-Synth-Funk hervor. Alles atmet den Moment und spiegelt dessen Beiläufigkeit wider. Ob da jemals ein Track haargenau identisch wiedergegeben wird? „Hiss“ passt perfekt in die aktuell nicht zu stoppende Dancefloor-Kraut-Avantgarde. Holger forever!

Five Favs – Juni 2016

Welche fünf Tracks haben uns im Juni am meisten geflasht? Wir sagen es euch.

Noisy Answer „Präsenz“

Allzu viel wurde von KC bislang noch nicht veröffentlicht. Doch der selbst veröffentlichte Ambient-Track „Präsenz“ ihres neues Alias Noisy Answer hat uns mächtig bewegt. „Mit wenigen Elementen schafft KC hier eine raumgreifende, kontempalative Atmosphäre, die sich für einen kurzen Moment episch aufbäumt und genauso plötzlich wieder in ihre ursprüngliche Ruhe zurückkehrt.“

Gymgym „Bocke (Radio Edit) (XANN)

Für eine Überraschung sorgte im Juni auch Kann Records. Sie haben eine neue One-Hit-Reihe bei Bandcamp gestartet. Spontan entstandene Hits sollen auf diese Weise schnell veröffentlicht werden.

Der Start verlief bestens, „weil ‚Bocke‘ auf super lässige Weise den Bogen zwischen Jungle, House und New Age-angehauchtem Ambient spannt. Kein klassisches Kann Records-Programm also.“

Jaja „El Ritmo“ (YNFND)

Eine gänzliche Neuentdeckung war im Juni das in Leipzig lebende Duo Jaja, das mit „Tropical Bird Club“ ein exotisch-folkloristisches Debüt-Album rausbrachte. Da war nicht alles ohne Schunkelei.

Aber es bracht immer dann gute Momente hervor, wenn „sich herrlich unprätentiös Folklore-Emotionalität und Slow-House-Weite zu stillen Hits überlagern“ – „El Ritmo“ gehört zu diesen großen Momenten. Ab Minute 1:15 ist es kurz in dem Album-Snippet zu hören.

Pumamontana „Moving Or Not“ (Tetmusik)

Ende Juni kam ein neuer Tetmusik-Sampler heraus. Und neben all der musikalishchen Vielseitigkeit ist es immer auch ein Garant für einen neuen Song von Pumamontana und seinem emotionalen Electronica-Vocoder-Pop.

Auch dieses Mal waren wir wieder entzückt von „Moving Or Not“. „Schade, dass es immer nur auf einem Tetsampler ein Wiederhören mit Pumamontana gibt.“

Alex Kaminski „Nesabudka Remake“

Außerdem gab es im Juni ein längst überfälliges Comeback unserer Newcomer-Reihe „Neues aus der Wolke“. Alex Kaminski stellten wir vor, der ursprünglich in Metal- und Hardcore-Bands spielte und irgendwann in elektronische Musik eintauchte.

„In Abständen ließ er uns an seiner Entwicklung teilhaben. Bis neben dem anfangs aufgepumpten Tech-Deep-House-Grundtenor auch ruhigere und experimentellere Stücke dabei waren. Allen voran das wunderbare ‚Nesabudka Remake’“. Im Blick behalten!

Arpen x Bernhardt x Defence

Arpen und Bernhardt im Duett – Wahnsinn. Aber wahr. „Defence“ heißt der gemeinsame Song.

Bei Arpen passiert viel über Kollaborationen. Auch wenn seine ursprüngliche Band Mud Muhaka neulich ihre Auflösung bekannt gab, bleibt das Zusammenarbeiten für ihn ein wichtiger Punkt. Zuletzt setzte sich Arpen mit Friederike Bernhardt zusammen.

„Defence“ gilt quasi also Bonus-Track für das im Herbst erscheinende Arpen-Album – veröffentlicht ausschließlich als Live-Video. Zugleich ist es der erste Song, der nach den Arbeiten am kommenden Album entstand, wie Arpen im Analogsoul-Blog erzählt.

Beide treten bei „Defence“ in einen melancholisch eingehüllten Dialog, spartanisch mit zwei Klavieren begleitet. Anziehung und Wegstoßen klingen hier durch, Stille und lauter Ausbruch.

Es ist nicht die erste Zusammenarbeit von beiden. Für das im Herbst angekündigte Arpen-Album entstand ein weiteres Stück auf dem Friederike Bernhardt zu hören sein wird. Und auf Arpens Tour wird sie als Support bei einigen Konzerten dabei sein.

Neues aus der Wolke – Alex Kaminski

Okay, da wäre sie beinahe ins Vergessen geraten, unsere Reihe für lokale Newcomer, die noch ohne Label sind, aber bereits auf Soundcloud überzeugen – doch wir haben eine Neuentdeckung.

Mit Alex Kaminski lief es anders ab als sonst. Sind wir bisher meist durch Zufall oder Querverweise auf Newcomer bei Soundcloud gestoßen, so schickte uns Alex Kaminski bereits vor über einem Jahr selbst erste Tracks zu. Nur fehlte uns da noch der dramaturgische und klangliche Feinschliff.

In Abständen ließ er uns aber an seiner Entwicklung teilhaben. Bis neben dem anfangs aufgepumpten Tech-Deep-House-Grundtenor auch ruhigere und experimentellere Stücke dabei waren. Allen voran das wunderbare „Nesabudka Remake“ oder das leicht folkloristische Slow House-Stück „Periskop“.

Es schien Zeit für eine „Neues aus der Wolke“-Ausgabe mit Alex Kaminski. Um ihn näher kennenzulernen und vorzustellen. Und endlich erfahren wir auch, woher die abstrakten Bilder für seine Track-Cover stammen.

Woher kommst du – lokal und künstlerisch?

Gute Frage, geografisch kann ich das nicht so richtig beantworten. Kasachstan, wo ich meine ersten Lebensjahre verbracht habe oder vielleicht Wolfsburg, wo ich aufgewachsen bin oder dann doch Leipzig, wo ich gerade lebe und mich am wohlsten fühle?

Musikalisch komme ich aus der Welt der tiefen, derben Gitarren – also Metal und Hardcore. Damit habe ich vor 12 Jahren als Gitarrist und Schreihals/Sänger angefangen – zusammen mit Freunden aus dem Dorf. Wir sind recht schnell im In- und Ausland unterwegs gewesen und ich habe da schon einige elektronische Interludes gebastelt. Das hat immer mehr zugenommen und mittlerweile experimentiere ich nur noch auf dem Gebiet.

Was flasht dich musikalisch – von bestimmten Sounds oder Artists her?

Es sind nicht unbedingt Sounds, die mich flashen, sondern das Gesamtbild eines Tracks. Wenn ich das Gefühl habe, dass der Künstler das tatsächlich so empfindet, was er da im Song verpackt hat, dann flasht mich das. Vom Gesamtsound her finde ich die Jungs von Modeselektor eindrucksvoll. Die Musik ist mitunter ziemlich weird, komplex und trotzdem so eingängig, dass man sie gleichzeitig aus Genuss und Nerdigkeit hören kann.

Generell flashen mich aber eher Artists, die ich beim Musikmachen erleben durfte und die in dem, was sie tun authentisch sind. Mein alter Mitbewohner beispielsweise macht ziemlich abgefahrene Sachen und das nicht, um irgendwie hip zu sein oder zur Avantgarde der elektronischen Musik zu gehören, sondern einfach weil er verrückt ist. Ein Künstler eben, der das mit seinem ganzen Dasein lebt. Bei großen Artists kann ich das nicht einschätzen und halte auch von Personenkult nicht viel.

Kannst du irgendwas aus deiner Hardcore-/Metal-Zeit mit in deine neuen Stücke nehmen?

Ja, definitiv. Die düsteren, tiefen Klänge haben immer noch eine Wirkung auf mich. Auch das ganze Arrangement baue ich noch ziemlich Metal-/Hardcore-orientiert auf – so seltsam das auch klingen mag. Ab und zu kommt auch mal die Kritik, dass ich ja eigentlich keine elektronische Musik mache, da zu viel Auf-und-Ab in den Songs vorhanden ist. Aber ist ja auch Geschmackssache.

Wo willst du mit deiner Musik hin – Lieblingshobby oder Stadion?

Einen Fünf-Jahres-Plan habe ich jetzt nicht in petto. Für mich ist das Musikmachen in erster Linie emotionaler Ausdruck. Daher freue ich mich über die Freiheit, nicht dem Druck von Plattenfirmen oder Fangemeinde ausgesetzt zu sein, sondern die Musik so frei zu gestalten, wie es sich richtig anfühlt. Andererseits wäre es schön, die Zeit und finanzielle Freiheit zu haben, sich wirklich intensiv mit der Musik zu beschäftigen und alles drumherum erledigen zu können. So Social Media und Promotion-Stuff.

Dein größter eigener Soundcloud/Youtube-Hit?

Bei meinen Plays von Hit zu sprechen, ist vielleicht ein bisschen großzügig, aber schaut man sich die Klick- und Like-Zahlen an, dann war das der Track „Dyshat, den ich für „Musik? Das kann ich“ produziert habe. Vom Gefühl her würde ich aber sagen, dass der Track „Krull“ der erfolgreichste ist. Für den bekomme ich sehr gutes Feedback und eine überraschend große Menge Anfragen von DJs, die den Song gerne zum Auflegen hätten.

Dein persönlich größter eigener Hit – und warum?

Mein persönlich größter Hit war „Bosja“. Für mich ist der Track eigentlich hässlich, da er eine Situation der Ohnmacht widerspiegelt. Dadurch ist er aber auch der authentischste und ehrlichste Track, den ich bis jetzt produziert habe. Mittlerweile gibt’s den Track auch bei Beatport, was ich schön finde.

Du hast sehr schöne Cover für deine Tracks. Wo kommen die her?

Vielen Dank. Die Cover sind alles Gemälde von Paul Kaminski, meinem Papa. In echt sind die noch schöner, weil Kameras die Kontraste irgendwie nicht so gut erfassen können. Ich finde es passend, seine Bilder zu verwenden, da vor allem die abstrakten Werke für ihn Produkte seiner Philosophie und Ausdruck seiner Emotionen sind. Das ist bei mir und der Musik ähnlich.

Various Artists „Tetsampler 2016 bntspecht (b/w)-Edition“ (Tetmusik)

Es ist gibt ihn noch, den Tetsampler mit einem heimischen Tier auf dem Cover. 2016 steht im Zeichen des Buntspechts.

Ein Jahr Pause gab es aber. Seit 2012 brachte das Netlabel Tetmusik einmal im Jahr lokale Akteure aus verschiedenen Ecken und Genres zusammen – nun mussten wir etwas länger auf die nächste Ausgabe warten. Es hat sich aber gelohnt. Denn gefühlt geht es 2016 noch einen Schritt weiter weg vom Dancefloor.

Selbst Filburts „First Step“ ist mehr ein beherzt flimmernder Breaks-Track und M.ono von Rose Records bindet seine Disco-Leichtigkeit in einen verschachtelteren Rhythmus. Ansonsten gibt es slow schleppenden Wave mit The Aftercalm, gedämpft hymnischen Pop mit The Chi Chi BBC, unberechenbare Analog-Synth-Sessions mit Fox Pet und der obligatorisch eigenwillige Pumamontana-Beitrag. Schade, dass es immer nur auf einem Tetsampler ein Wiederhören mit Pumamontana gibt.

Doch es darf auch getanzt werden: zu Iami beispielsweise und seinem mit bestem Rave-Gewissen ausholenden und doch gedimmten „Oodal“. Kaubl geht da schroffer und zugleich poppiger heran. Und das Duo Klangbild holt ein Acid-Classic aus der „Insolvenzmasse“ – damit kann selten was schief gehen.

Es ist ein sehr vielseitiger Soundtrack für der Buntspecht, der aber erstaunlich geschlossen klingt. Ein Mix-Tape zum Entdecken, wie man es gern geschenkt bekommen würde. Zum „Name your price“ gibt es es via Bandcamp.

KC x Noisy Answer

Da gibt es zwei sehr verschiedene Tracks von Noisy Answer, einem neuen Alias von KC. Einer davon ein Ambient-Überhit.

Vor drei Jahren hatten wir KC im großen Interview. „Ich kann eigentlich nicht bei einem Genre bleiben“, antwortete sie damals auf die Frage, wo sie sich musikalisch sehen würde.

Die selbstbetitelte EP unter dem neuen Pseudonym Noisy Answer spiegelt diese Einstellung eindrucksvoll wider. Größer könnte der Gegensatz zwischen dem dissonant-breakigen „Start“ sowie dem still schwebenden „Präsenz“ kaum sein: Ein harscher Industrial-Sound trifft auf ein super hell aufleuchtendes Ambient-Stück.

Besonders „Präsenz“ hat es mir sehr angetan. Mit wenigen Elementen schafft KC hier eine raumgreifende, kontemplative Atmosphäre, die sich für einen kurzen Moment episch aufbäumt und genauso plötzlich wieder in ihre ursprüngliche Ruhe zurückkehrt. Was für ein Flash. Ein ebenso stilles Video gibt es dazu.

Update Update

Lootbeg hat „Präsenz“ noch einmal für den Dancefloor fit gemacht. In trocken-scheppender Lofi-House-Manier. Und plötzlich wird aus dem kontemplativen Gleiten eine rastlose, ruppige House-Wehmut. Sehr gut.