Sommer Sommer

Überall Sommer Leisure, Sommerpause, Sommerhose – bei frohfroh in diesem Jahr auch. Zwei Wochen sind wir offline. Ein paar Lektüretipps zum Überbrücken.

Der Computer bleibt zu Hause. Deshalb gibt es hier die nächsten zwei Wochen nichts Neues zu lesen. Außer die Tipps für das kommende Wochenende. Das frohfroh-Archiv ist aber mittlerweile groß genug, um sich in der Zwischenzeit nicht zu langweilen. Zur Sommerlektüre empfehlen wir:

Steffen Bennemann interviewt Johannes Beck zu seinem Kann Records-Album „Beyond Pleasure And Pain“.

LXC interviewt Skweee- und Analogfan und Neu-Leipziger Karl Marx Stadt.

Weitere Interviews der letzten Monate: Friederike Bernhardt über Theatermusik und die Elektronik, Delhia de France über ihr überraschendes Solo-Debüt, Philipp Weber zu seiner herausragenden Solo-EP auf Holger Records und Micronaut zu Leipzig und seinem neuen Album „Panorama“.

Zwischendurch lohnen auch ein paar Musikvideos: von Here Is Why etwa, oder Johannes Beck oder Aaaron.

Oder mitdiskutieren über den Techno-Kapitalitmus und den Boiler Room. Oder Geschichten zur Vinyl-Kultur in Leipzig beisteuern.

Oder einfach unsere Sommer-Playlist anhören. Eine gute Zeit und bis denn.

Micronaut „Polka Dot EP“ (Voltage Musique)

Micronaut legt gar nicht lange nach seinem „Panorama“-Album eine nächste EP nach. Bei alten Bekannten.

Diese EP ist mit einer Zeitreise verbunden. Ins Jahr 2004, als Micronaut seine Mecklenburger Heimat als Live-Act eroberte. Damals erschien auf dem geraden gestarteten Label Voltage Musique eine Compilation mit „Lampen“ darauf. Ein frühes Micronaut-Stück, das aus heutiger Sicht fast schon antik wirkt.

Nicht, weil es solch einen Rumpel-Elektro-Rock heute nicht mehr gäbe. Viel mehr, weil es den großen musikalischen Sprung Micronauts hin zum uniquen überquellenden Electronica-Indie-Hybriden deutlich macht. Zehn Jahre später ist auf Voltage Musique ein anderer Micronaut zu hören.

„Driving Home“ und „Maintain“ fügen sich nahtlos in den aktuellen „Panorama“-Sound ein, sowohl langsam und harmonisch schwingend als auch mit raumgreifender Euphorie. Ein stilistisches Dazwischen, immer wieder.

Wie banal dagegen die beiden Remixe von Andreas Henneberg und Faray wirken. Schön die Rave-Koketterie von Micronaut adaptieren – allerdings ohne die Koketterie. Es soll übrigens noch eine weitere „Polka Dot“-EP geben. Parallel zum ersten Teil erschien auch einen VMR-Podcast von Micronaut.

Micronaut Website
Voltage Musique Website
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Talski „Floating Woven“ (Paradise Now)

Talskis Sound verändert sich, oder erweitert sich. Seine neue EP schlägt eine dunkel-hypnotische Richtung ein.

Wobei: etwas Hypnotisches hatten auch schon die Stücke seines Debüts auf Rivulet Records. Allerdings weitaus mehr im feingliedrig mäandernden House. Diese EP hier – veröffentlicht nur als Vinyl beim Münchner Label Paradise Now – lässt sich von der loopigen Techno-Hypnose mitreißen.

Ein spärliches Set-up an Sounds, das im richtigen Arrangement aber einfach elf Minuten durchlaufen kann, ohne an Spannung zu verlieren. „Gerold Dub“ bohrt sich an der Peaktime vorbei, direkt hinein in einen alles bündelnden Kern, in dem es keine großen Break-Effekte braucht.

Auch „Meridia“ ist gefühlt ein einziger Loop. Weicher gezeichnet, einen Tick heller betont. Mit „Floating Woven“ kommt auch noch ein kontemplatives Stück Ambient auf die Platte. Ähnlich reduziert, nur mit anderem Ziel.

Eine noch weitergehende Reduktion ist der große Aufhänger dieser EP. Und Talski bleibt auch darin höchst versiert. Ist das vom Sound her ein weiterer Vorgeschmack auf Dur, jenes Label, das Talksi noch in diesem Jahr starten möchte?

Ein Stich aber: die Platte soll über Intergroove vertrieben werden. Die haben jedoch diese Woche Insolvenz angemeldet.

Talski Website

„2019 kommt das Album“ – Bernhardt.

Rauschen mit Klavier und vielem Dazwischen – Friederike Bernhardts Musik lebt maßgeblich auf der Theaterbühne. Und darüber hinaus? Ein Interview.

Es war ein Zufall, wie so oft. Bei Soundcloud, Bernhardt. heißt das Profil, darauf gleich zu Beginn eine dramatisch und eingedunkelt schwingende Ballade und fast zwei Dutzend weitere Tracks, Fragmente, Theatermitschnitte. Ein Fall für „Neues aus der Wolke“? Schnell wird klar, dass das Format nicht passt. Und dass es doch irgendwie hier an sich schon rein passt.

Mir war immer unklar, warum der ICE auf der Fahrt nach Berlin in Lutherstadt Wittenberg halten muss. Für Friederike Bernhardt, logisch. Dort kommt sie her, studierte Klavier am Conservatoire Nationale Toulouse, später Dramaturgie und Elektroakustische Komposition an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig.

Eine andere Welt. Bühnenmusik. Viel in der Hartmann-Intendanz hat sie komponiert, aber auch in Düsseldorf, Frankfurt, Berlin und aktuell in Stuttgart. Spätestens seit Niklas Kraft als Talski und mit Pandt hat sich mein staubiger Blick auf den Hochschul-Output verändert. Friederike Bernhardt trägt auch dazu bei. Daher ein ausführlicheres Einführungsinterview.

Erst Klavier, später Dramaturgie und Elektroakustische Komposition – hast du ein Ziel vor Augen, wo du künstlerisch hinmöchtest oder haben sich die verschiedenen Felder nach und nach ergeben?

Das sind eher Handwerke als Felder die ich in dieser Reihenfolge lernen durfte und mit denen ich weniger künstlerische Ziele verfolge als vielmehr Zustände, Nächte, Sehnsüchte oder Tiere abstrahiere. Das Klavier war schon immer da, das mit dem Theater kam eher aus Versehen, die Elektroakustik ist genau genommen irgendwo dazwischen. Ein sehr freundlicher Vermittler sozusagen.

Inwiefern Vermittler? Kann die Elektroakustik besser auf Theatralik eingehen?

Vielleicht, vor allem aber auf mich. Ich habe mit ihr mehr Möglichkeiten, den Raum zu übernehmen oder zu untergraben als mit einem Klavier – von dem ich noch immer ausgehe. Das kann freilich jeder Musiker, dem man eine Steckdose und ein paar Kabel auf die Bühne legt. Das Wort Vermittler meint mir nur einen kleinen privaten Dolmetscher zwischen beidem. Ich habe vom Klavier sehr viel, vom Theater überhaupt keine Ahnung. Die Elektronik übersetzt mir mal meine Gewohnheit, mal einen unaussprechlichen (deswegen Aufführungsverbot einführen, bitte) Kleist, mal lediglich das kollektive Bedürfnis nach einer gewissen Lautstärke.

Deine Arbeiten sind demnach eng verzahnt mit dem Theater. Aber nicht nur, oder?

Doch, eigentlich schon. Zum Erfinden von zusammenhängenden und sinnvollen Tönen ist dieser Raum für mich der luxuriöseste, den es gibt. Daher ist eigentlich in den letzten Jahren jede Musik irgendwo zwischen Bühnenbildern, schreienden Schauspielern, Nebelmaschinen oder unprofessionell belegten Kantinenbrötchen entstanden.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit Regisseuren, Schauspielern, Bühnenbildner etc. vorstellen: Bist du von Anfang an mit eigenen Ideen involviert oder übersetzt du die Vorstellungen der Bühnenleute?

Früher als ich noch jung war, habe ich weit vor Probebeginn komponiert oder skizziert, mir Themen und Songs überlegt. Mittlerweile komme ich lieber nackig, frei, unbefleckt, unbedarft, rein, tolerant und weltoffen in die Proben, ich bin dann leichter zu beeindrucken.

Soll heißen, ich beobachte gern so lang ich kann und fange verhältnismäßig spät an, mir Musik auszudenken – bzw. hat es dann nicht mehr viel mit Denken zu tun, was das Schöne daran ist. Und klar sind es, musikalisch gesehen, eigene Ideen, aber so empfinde ich nicht. Hin und wieder übersetzt jeder jeden.

Wer wann wen wozu inspiriert, erlebe ich als sehr fluktuierend, deswegen hat der Raum im sich-gegenseitig-Bedingen etwas Beflügelndes, in seinen dadurch entstehenden Abhängigkeiten auch etwas Toxisches. Der Rest is in between und in the middle of wasweißich, ich möchte das gar nicht rausfinden.Auf deinem Soundcloud-Profil befindet sich neben den Theaterstücken auch eine Playlist namens „pre//juice//dis“ mit sehr song- und track-ausformulierten Stücken. Stammen die auch aus einem Theaterstück oder entstehen auch unabhängig davon Stücke? Für eine Platte als Album oder EP?

„Happy Battle“ habe ich ursprünglich für Hebbels Nibelungen-Brunhild (Zonen-Moni) geschrieben, der Songtext ist original 1861, übersetzt. Leider kam es nicht zur Premiere dieses Stücks. Die Fehlgeburt wollt ich dennoch gern überwinden, daraus entstand der Hit.

Der zweite Track entstand unlängst auf einer bayrischen Probebühne. Der Souffleur sperrte mich (eventuell) aus Versehen ein und ich verbrachte die Nacht inmitten der Schaumstoffleichen eines argentinischen Puppenspielers. Ich war sehr beleidigt. Und ja, ich bastele auch unabhängig vom Theater an verschiedenen Sachen, ich bin nur so fürchterlich langsam. Man kann aber bereits jetzt gespannt auf ein Album warten, das 2019 erscheinen wird.

Das Tolle am Theater ist ja die Direktheit und dass die Aufführungen nicht konserviert werden können – dein Werk hat also immer etwas Flüchtiges, Unmittelbares und zugleich temporär Begrenztes. Bei Soundcloud werden deine Stücke aus dem Kontext gerissen und zu Fragmenten. Verlieren sie da an Spannung oder meinst du, sie können durchaus für sich stehen?

Ich glaube nicht. Hochladen wollt ich sie trotzdem, ich will ja auch nicht sterben. Zudem ist die Musik zu selten durchkomponiert – bei Apparats „Krieg & Frieden“-Album funktioniert das zum Beispiel toll – daher passt Fragment tatsächlich sehr gut.

Es ärgert mich ab und zu, dass meine Musik zu jeder Derniere verschwindet und ich es grundsätzlich versäume, sie mitschneiden zu lassen. Es ist aber auch gut so. Die Musik hat ihren Sinn nur in dem Raum, für den sie gemacht ist.

„Endspiel“ ist eine Ausnahme. Ich verbinde damit sehr viel, eine MP3-Datei ist in Anbetracht dessen ein sehr rumpeliger Platzhalter. Würde ich das losgelöst von der Arbeit hören und natürlich sofort beurteilen, würde ich mich fragen, ob ich da ernsthaft nur vier  Akkorde aneinandergereiht habe (es sind sieben). Zum Glück höre ich das aber nicht losgelöst und mag also auch den Platzhalter.

Gibt es einen bestimmten Stil oder bestimmte Elemente, die für dich immer wieder wichtig sind – egal in welchem musikalischen Kontext?

Über Stil kann man nur bei anderen reden, Elemente ja, im Sinne von Techniken. Ich kenne mich musikalisch mittlerweile zu gut – sowas ändert sich ja zum Glück hin und wieder – und bin gern schon mal im Voraus von einer Idee gelangweilt. Ich weiß, wie meine Finger auf Tasten klingen, was und wie wer wann aus welchem Effektgerät kommt oder wann mir wohl der Bläsereinsatz einfallen wird.

Aber ich habe mich in ein zwei Geräte und zwei drei Plugins verliebt, die mich darin ganz gut aushebeln bzw. die mir dabei helfen, mich selbst zu veralbern oder wenigstens von mir zu distanzieren. Über nicht-vorhersehbare-und-schwer-beeinflussbare Parameter, wie Gott das eben so macht.

Ich würde natürlich nie verraten um welche Geräte es sich handelt, denn wenn ich noch einmal öffentlich zugebe, dass ich meinen Korg Trinity sehr lieb habe, werde ich gemeuchelt. Und im Theater: Terzen. Ich mag es sehr, wenn Schauspieler singen. Das können sie am besten in Terzen.

Bist du ein gläubiger Mensch und spielst du mit einer spirituellen Ebene des Loslassens?

Oder müsste es heißen, nicht und, dann würde ich mich ertappt fühlen. So hingegen bin ich ein gläubiger Mensch.

Wo siehst du deine konkreten Berührungspunkte zur elektronischen Musik – hauptsächlich in der Avantgarde?

Ich weiß gar nicht, was momentan zur Avantgarde zählt. Beim Festival für Elektroakustische Musik am ZKM in Karlsruhe vor drei Jahren hatte ich den Eindruck, die Raffinesse der für die Kompositionen angewandten Technik bestimmt das Ausmaß an Avantgarde, um nicht zu sagen das vermeintlich künstlerische Niveau. Vor allem unabhängig von Sinnlichkeit.

Vielleicht gehört eine gewisse Verschnurpseltheit derzeit noch zu einem guten Ton oder einem allgemein gängigen Verständnis von Avantgarde, da spiele ich ja auch sehr gern mit. Vielleicht stimmt das aber auch gar nicht.

Und abseits der Avantgarde – verfolgst du, was an elektronischer Musik entsteht? Experimentelle oder cluborientierte Sachen?

Mit cluborientierten Sachen kenne ich mich nicht aus, stelle dahingehend zwar erstaunlich regelmäßig einen ausgeprägten Hang zum Obszönen fest, habe das aber auch fünf Minuten später wieder vergessen. Mittlerweile stehe ich jedoch dazu – hört man öfter von Frauen die auf die 30 zugehen.

Und die ordentliche Seite ist vielmehr ein Nacharbeiten als Verfolgen. Lachenmann doch noch einmal genauer hören, sich heimlich dafür interessieren wie Ferneyhough für Streicher schreibt oder googlen was an Ikeda experimentell sein soll. Eher aber mit einer gewissen Sensationsgeilheit als einem ernsthaft musikalischen Interesse. Letzteres habe ich zum Beispiel für Schostakowitsch. (s Streichquartette!).

Derzeit arbeitest du viel am Schauspiel Stuttgart – zu welchem Stück sollten wir runterfahren?

Zu „Onkel Wanja“ oder „Die Reise“. Näher und bald: zur Premiere von „Der Geizige“ am 25.9. am Deutschen Theater Berlin. Hin!

Bernhardt. Soundcloud
Bernhardt. Facebook

What will I do?

Vor über einem Jahr kam die „Our Fate“-EP von Here Is Why auf Keinemusik heraus. Jetzt kommt das Video dazu.

Was ist schon ein Jahr bei Here Is Why, deren Musik die letzten drei Jahrzehnte mit einbezieht – immer auf der Suche nach zeitlosen Momenten. Die rastlose Wehmut von „Our Fate“ nimmt auch das Video mit seiner Story auf.

Mit Kippe und Stoffbeutel in der ranzigen Regionalbahn, vorbei an Plattenbauten, eine lästige Zankerei, ein geklautes Rad und schlussendlich der Blick vom Rosenthalturm. „What will I do?“.

Blöd nur, dass jetzt die Sehnsucht nach neuen Songs unbändig groß ist.

Here Is Why Website
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Leibniz „Ortloff Elf“ (Ortloff)

Und noch einmal Leibniz in diesem Sommer. Und wieder: Euphorie.

Auch, weil Ortloff dieses Mal zum Zuge kommt. Drei weitere Tracks von Leibniz kommen hier also zum Vorschein. Vom Sound her genau dort, wo auch schon die Stücke der vorherigen drei EPs waren. Kratzig, schwelgerisch, unbeirrt, ungemindert mitzerrend.

Das Tolle hier ist aber, dass sie auch schon in einigen DJ-Sets von Leibniz auftauchten. Durchaus als Höhepunkte im Gesamten. Nur wusste ich damals noch nicht, dass es Leibniz-Stücke waren. Er ist ja nicht der einzige, der die analoge Rauheit mit allem was geht auslebt.

Besonders schroff „Tois“, mit manisch-stakatohafter Bassdrum und einem Gewirr aus schneidend-hellen Strings und kurzen runtergepitchten Vocal-Samples. „34“ kommt dagegen wie ein Hauch daher. Weit entfernt wahrnehmbare Beats mit einem dicht gewebten Vocal-Teppich und ein zwei Chord-Skizzen.

So reduziert war Leibniz bisher noch nicht. Irgendwie auch gut, dass er die Stücke hier so kurz belässt. In vier Minuten ist alles gesagt.

Leibniz Facebook
Ortloff Website
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10 Jahre Jahtari

Im November 2004 erschien die erste Net-7“ auf Jahtari. Zehn Jahre später zählt das Label zu den internationalen Größen des digitalen Dub und Reggae.

Es gibt verschiedene interessante Ebenen bei Jahtari. Eine davon: das Label ist eines wenigen Beispiele, das aus einem Net-Label über die digitalen Nerdgrenzen hinauswachsen konnte. Sehr weit. Disrupt und die Jahtari Riddim Force sind gern gebuchte Live-Acts, quer durch europäische Clubs.

So groß die Zuneigung zum Internet und dem Digitalen bei ihnen war und sicherlich noch ist, so verlockend dürfte auch die Möglichkeit gewesen sein, endlich auch auf physischen Tonträgern zu veröffentlichen. Allein bei der Albumhüllengestaltung war die Freude von Jahtari deutlich sichtbar. Gespart wurde nicht.

Auch beim Laptop als alleiniges Instrument blieb es nicht. Immerhin ein für das Label genreprägendes Element, gingen Disrupt & Co. für Dub- und Reggae-Verhältnisse sehr selbstbewusst mit dem Digital Laptop Reggae-Banner raus. Sicherlich blieb das nicht ohne Naserümpfen bei den Roots-Fraktionen. Mittlerweile hat schrauben die Jahtari an eigenen Geräten und bauen auf Wunsch auch Delays und Synthesizer.

Am Underground-Status in Leipzig hat sich indes nichts geändert. Und dass, obwohl das Label europaweit ein großes Szene-Renommee genießt, aus dem sich auch eine ganze Reihe guter Kontakte zu anderen Musikern ergab.Anfang Juli erschien nun der vierte Teil der „Jahtarian Dubbers“-Compilation-Reihe. Wieder ist es eine Weltreise mit Künstlern von fünf Kontinenten. Kurze Killer, zwei bis drei Minuten lang. Weiter 8Bit-Roots, weiter ungetrübte Bass- und Delay-Exkursionen, weiter mit einem sehr konzentrierten Sound.

Disrupt und Rootah halten sich mit Interludes zurück und überlassen das große Feld ihren Freunden und Bekannten. Monkey Marc, Pupajim und Earlyworm und Cha Cha gefallen mir daraus am besten. Und das Cover? Ein jointziehender Walkman von Doppeldenk. Herzlichen Glückwunsch zur 10!

Die Compilation-Stücke gibt es via You Tube-Playlist komplett im Stream.

Jahtari Website
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12 Stunden Leipzig in Paris

Wer morgen zufällig in Paris verweilen sollte, kann musikalisch nach Leipzig schauen. Das Goethe Institut lädt ein.

Dem Goethe Institut Frankreich scheint der Leipzig-H… (aua) nicht verborgen geblieben zu sein. Okay, Klein-Paris, blabla.

Für den Club Le Batofar hat es zusammen mit Moon Harbour eine 12 Stunden dauernde Party kuratiert, die einen Einblick in die elektronische Musik aus Leipzig bieten soll. Kommen werden Dan Drastic, Manamana, Juno 6, Sven Tasnadi, dem Brockdorff Klang Labor und Krahnstøver. Erst Open Air, später dann im Club – alles direkt an der Seine gelegen.

Überhaupt hat das Institut Leipzig derzeit besonders im Blick. Auf der Website gibt es nicht nur einen Artikel zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Clubkultur in Lyon und Leipzig – beide sind Partnerstädte –, sondern auch ein interessantes Interview mit einem Tontechniker-Kollektiv namens Roy de Rats, das sich in Plagwitz niedergelassen hat.

Ein paar Sätze irritieren in dem Lyon-Leipzig-Artikel: „Mittlerweile gibt es dutzende Diskotheken in Leipzig. Eintritt wird fast nie verlangt, mit billigen Getränken und Aktionen buhlt man um die Gunst der Besucher.“

Doch es gibt auch ein Highlight: „Im 10/40 beispielsweise experimentierte man in den 1990er-Jahren mit dem Schranz, einer besonderen Form der elektronischen Musik, vergleichbar mit einer Kreissäge.“ Komisch auch, dass dem Institut der Unterschied zwischen Club und Diskothek scheinbar nicht ganz geläufig ist.

Es ist nicht das erste Mal, dass Leipziger Musiker in der Ferne vorgestellt werden. Letztes Jahr war Good Guy Mikesh in Sibirien.

Le Batofar Website
Goethe Institut Frankreich Website

Girls sitting down – Johannes Beck

2014 ist ja offizielles Johannes Beck-Jahr. Da darf auch ein Video nicht fehlen. Hier ist es.

Im Mai erschien sein zweites Album „Beyond Pleasure And Pain“ auf Kann Records. Steffen Bennemann interviewte ihn aus diesem Anlass zu Provinz, Stadt, Musik. Immer noch gut zu lesen.

Zu „Girls Sitting Down“, der folk-reduzierten Song-Skizze im Duett mit Stella Eleven ist nun auch ein Video entstanden. Ein erstaunlich szenisches und narratives.

Beteiligt waren der Performer und Choreograf Diego Agulló sowie die Tänzerin Daniela Lehmann.

Kator reloaded

Kator wer? Da war doch was. Genau, vor drei Jahren gab es eine EP von ihm. Noch mit Drum’n’Bass. Heute klingen seine Stücke anders. Ein Geheimnis steckt dahinter.

In der Soundcloud-Beschreibung taucht nämlich ein „formerly known as concerta 54“ auf. Modern Trips also. Neulich erst war mit seinen Dubs bei frohfroh zu hören. Bei Soundcloud hat er vor wenigen Tagen als Kator urplötzlich eine umwerfende Free Download-EP hochgeladen.

„Trill“ heißt sie und featured die Trap-Seite von Kator. Oder Concerta 54. Egal. Vier bassdurchflutete, kurze Stücke mit dem großen faszinierenden Battle zwischen hektisch rasselnden HiHats und langsam schwebenden Synth-Flächen. Dazu ein paar entrückte Rap-Samples. So einfach, so gut.

Im Stream gibt es auch noch einen weiteren neuen Footwork-/Juke-Track. Bitte mehr.

… aber sicher!

In zwei Jahren gibt die Drug Scouts seit 20 Jahren. Wem in all der Zeit deren Informations- und Präventionsarbeit unbekannt blieb, kann das in fünf Minuten ändern.

Seit letzter Woche gibt es nämlich einen Image-Film über die Drug Scouts. Es kommen aber nicht die Initiatoren selbst zu Wort, sondern einige Party-Veranstalter aus Leipzig, die für ihre Veranstaltungen die Drug Scouts-Info-Stände einladen. Warum erklärt jeder aus seinem Blickwinkel.

Mit dabei sind Neele vom Conne Island, Mieze vom Institut fuer Zukunft, Kordula vom Kulturkollektiv Plagwitz e.V. und Steffen vom Nachtdigital. Kurzweilig und schön geschnitten.

Ergänzend einen Blick wert: der gestern veröffentlichte Drogen- und Suchtbericht 2014.

Drug Scouts Website

Karl Marx Stadt in Leipzig – Willkommen zu Hause!

Es gibt wieder Zuwachs im Leipziger Musikerdschungel: Karl Marx Stadt erfreut sich jetzt nicht nur des Flairs der Eisenbahnstraße, sondern auch uns: mit einem bunten Strauß voller Melodien nämlich, seinem eigenen Label Karl Marx Land und demnächst sogar waschechten Skweee-Partys im Kiez.

Prolog: Lange hat es gebraucht. Im Frühjahr trafen sich LXC und Karl Marx Stadt zu einem Interview. Nur wie ein Interview unter Freunden aufziehen? Wo anfangen, ernst zu werden, wo den Insiderwitz noch einmal explizit ausweiden? LXC hat es geschafft und einen epischen Einstieg in den Karl Marx Stadt-Mikrokosmos für frohfroh geschaffen. Das Foto oben kommt freundlicherweise von Nancy Göring. Und nun übernimmt LXC:

Wer oder was steckt denn nun eigentlich hinter Karl Marx Stadt und was verschlägt dich nach Leipzig?

Ich bin Christian Gierden, auch bekannt als Society Suckers, auch bekannt als Coco Lowres, auch bekannt als Karl Marx Stadt. Ich wohne jetzt spaßenshalber in Leipzig, damit’s richtig kompliziert wird. Keine Angst, ich werde jetzt keine Schallplatte machen, die „Leipzig“ heißt, denn das hat Herbert schon gemacht. Letztens habe ich schon als Karl Marx Stadt in Dresden gespielt und es stand Leipzig in den Klammern. (lacht)

Ich bin in Connewitz geboren, im Krankenhaus gegenüber des Conne Island. Mit sechs ging es nach Chemnitz, da bin ich aufgewachsen. Ich fand Leipzig aber immer schon sehr gemütlich. Mein erster Auswärtsgig war auch hier in Leipzig, im Zoro. Ich habe also von Anfang an eine enge Verbundenheit mit der Mentalität und dem Ort Leipzig an sich.

Ich mag halt einfach wie hier Sachen gemacht werden. Das geht ganz gut auf für mich. Für den Fall, dass ich irgendwann mal aus der Hauptstadt (Anm: Exil in Berlin 1999-2013) wegziehen sollte, konnte ich mir sowieso nur vorstellen, es hier noch einmal zu versuchen. Irgendwas machen die Leute hier richtig, was die Leute anderswo falsch machen. Ich weiß noch nicht genau was, aber das finde ich heraus. Es muss etwas damit zu tun haben, wie die Leipziger sagen: „Nujaaa, da können wir doch vielleicht einfach nochmal einen Kaffee machen, oder?“


Wie kommt man denn eigentlich an so ein Pseudonym?

Die ganze Verwirrung hat angefangen, als ich tatsächlich Leute getroffen habe, die gesagt haben: „Du bist doch Karl Marx Stadt?!“ Da habe ich mir selber das Ei gelegt.

Der Verleger meiner ersten Platte auf Lux Nigra hatte damals die Idee, verrückte Musik aus komischen Orten zu machen. Die überspitzte Variante wäre extreme Elektronik aus Nordkorea gewesen. Aber da man da ja gar nichts findet, selbst wenn man da suchen wollen würde, sollte es verrückte Musik aus Ostdeutschland werden. 1997 habe ich noch in Chemnitz gelebt. Das war der „wildeste Osten“ damals, jedenfalls von außen betrachtet.

Ich wollte verschiedene Künstler mit reinnehmen und es sollte eigentlich eine Compilation zur Vorstellung von elektronischer Musik aus Chemnitz sein. Ich habe dort viele Leute kennengelernt, die interessante Sachen machen, zum Beispiel bei Frequenzcafé, Echorausch oder Raster Noton. Ich war aber immer rund fünf Jahre jünger als die. Selbst wenn ich die Leute angesprochen habe, kam ich nicht wirklich an deren Tracks. Gleichzeitig habe ich aber dem Label fleißig weiter meine eigenen Sachen gegeben.

Irgendwann wurde dann eine Compilation-EP beschlossen und die Künstlernamen von mir verlangt. Der Labelmacher hat gedacht, dass ich ihm da viele verschiedene Künstler bringe, weil ich ihm immer nur unbeschriftete Tapes gegeben habe. Da stand dann auch nicht mal Karl Marx Stadt drauf. Das war dann eher die Idee vom Labelmacher. Er hat immer mit den Künstlern zusammengearbeitet und wollte versuchen, Gesamtwerke aufzubauen. Auf der ersten Platte war neben mir auch noch Geroyche mit drauf, aber das war’s dann auch schon. Seitdem klebt das so an mir fest und ich versuche da auszubrechen.

Eigentlich wollen die Leute den Sound von Society Suckers (Anm: momentan eingestampfte ostdeutsche Breakcore-Boygroup) hören, weil sie den gewöhnt sind. Uneigentlich wollte ich mich aber befreien von dem ganzen superfiesen bösen Schredder-Breakbeat-Zeug. Ich wollte melodiöser werden dürfen und mehr Musik in allen möglichen Geschwindigkeiten machen. Ich wollte alles ausprobieren wie Techno, Jungle, Videospielmusik und (Detroit-) Electro … Ich wollte das alles machen dürfen ohne mich davor verstecken zu müssen, dass ich eigentlich anderen Sound machen soll. Eben das ging mit dem Karl Marx Stadt-Projekt ganz gut, weil ich das Ganze dann einer ungenannten Künstlerpersönlichkeit zuschreiben konnte.

Dass das dann nach außen nicht wie eine Compilation gewirkt hat, sondern als ein Typ, der Karl Marx Stadt heißt, liegt einfach daran, dass ich keine zehn verschiedenen Künstlernamen zugewiesen habe. Zum Schluss stand mehr oder weniger aus Versehen darunter, dass die Platte von mir ist. Damit ging das los, das war sozusagen mein erstes Soloprojekt, das funktioniert hat.Was sind deine Lieblingsschallplatten zwischen Kindergarten und Breakcore-Szene? Was beeinflusst dich heute?

Ganz groß ist die Kleeblatt Nummer 14 auf Amiga mit der Gruppe Key. Die hatten nämlich den Superhit „Ketchup“. Ich bin auch Fan des „Beatstreet“-Soundtracks. Sagen wir mal noch Tomitas „Bilder einer Ausstellung“. Obwohl natürlich die „Equinoxe“ von Jean-Michel Jarre auch super ist. Sowas fand ich immer schon toll: total überbordende Synthesizermusik.

Aktuell beeinflusst mich die ganze Skweee-Geschichte aus Skandinavien sehr. Ich bin ja zum Beispiel schon lange Fan von DMX Krew oder Drexciya mit Oldskool-Detroit-Electro. Ich suche immer nach neuen Sachen, habe eine Faszination für Equipment und suche nach einem Sound, den man gut live performen kann. Da ist Skweee wahnsinnig spannend; das ist Live-Producing auf der Bühne mit einem gewissen Anspruch an melodische und rhythmische Elemente, Funk, Groovyness und natürlich auch Style. (Hörbeispiele: Skweee-Jukebox auf www.flogstadanshall.com)

Daniel Savio ist da klasse, sein Album „Necropolis“ ist für mich fantastisch, “Ill Eagle“ oder auch das mit der Bombe. Das sind so Gesamtkunstwerke, die betrachte ich wie ein Kraftwerk-Album. All killer, no filler. Auch Mesaks „School of Mesak“ ist ein zeitloser Klassiker.

Ich höre natürlich auch Jahtari und viel obskuren komischen Kram wie diese Wiederveröffentlichung von diesem nigerianischen Electro-Boogie-Sound: William Onjebor. Das ist natürlich genau meine Wellenlänge. Gern auch mal Library Music, gern auch verrückt – Drum & Bass, Acid, Chiptune und Dub. Und am Ende dann noch gern Modularsynthesizer à la Keith Fullerton Whitman.

Wie kamst du denn zu elektronischer Musik?

Als Kind habe ich gemerkt, dass ich alles mag was mit „Br“ anfängt – also Bruckner, Brahms, Breethoven, Brass … (lacht). Dann habe ich Waldhorn gelernt, weil ich nicht auch noch als fünfter in der Familie vor allen anderen, die es schon konnten, Klavier üben wollte. Ich mochte einfach Leitmotive und epische Riesenmusik.

Meine Mutter ging immer abends in die Oper singen und hat mich vor den kleinen orangen Junost-Fernseher gesetzt und gesagt: „Das hier ist übrigens ‚Ring des Nibelungen‘ von Wagner, das kannste zum Beispiel mal angucken, das ist ganz gut.“ (lacht) Dann habe ich mich hingesetzt und das einfach angesehen, alle Teile von vorn bis hinten. Da war ich fünf. Das hat natürlich bleibende Schäden hinterlassen, keine Frage.

Die ganze DDR lang guckte ich mir sowas wie Winterolympiade im Fernsehen an und schaute fasziniert auf irgendwelche LED-Anzeigetafeln auf denen Nummern umschalten. Bei der Oma in Pirna war die Stereoanlage auch sehr interessant, aber die Erwachsenen haben mir das immer verboten. 1987 gab es dann Telespielautomaten und richtige Robotron-Computer in den Schaufenstern.

Danach habe ich mich in Chemnitz fürs Kosmotautenzentrum interessiert und wollte dort an die Rechner ran. (Anm: mit acht!) An Computer rankommen ist das eine, aber dann noch alleine damit sein dürfen und dann noch damit Musik machen dürfen war nochmal next level …

Irgendwann gab es einen Jungen an der Schule, der mich erst verkloppt hat, mir danach aber ein Trackerprogramm (Musiksoftware) auf dem Computer gezeigt hat. Ihn selbst hat das eigentlich gar nicht richtig interessiert. Der fand nur lustig, dass man da „Mr. Vain“ anhören konnte. Ich habe aber gesehen, dass man da etwas reinmachen muss damit etwas wieder rauskommt und habe zur Konfirmation eben gesagt: „Ich brauche unbedingt einen Computer!“

Bei meinem ersten Liveact in Chemnitz hatte ich einen ganzen Tisch mit Maschinen aufgebaut und nach drei Minuten kam der EINE Mensch, von dem ich dachte, dass es IHM gefällt, zu mir und legte mir so die Hand auf die Schulter und sagte: „Lass gut sein, pack mal ein, geh nach Hause, es nervt echt kollosal.“


Das scheint dich ja nicht abgeschreckt zu haben, im Gegenteil. Woran schraubst du im Moment herum?

Ich habe immer etwas gemacht, was keinen interessiert und habe mich zeitgleich aber immer dafür interessiert, was die anderen Leute machen. Ich hab immer geguckt, was die Dancehaller machen, was nun mit Dubstep und HipHop ist und habe das immer alles mit in meine Arbeit reingepackt. Umgekehrt interessiert es die anderen nicht, was ich mache, weil es keine vermarktbare Geschichte ist.

Ich möchte jetzt eigentlich nur noch Sachen machen, bei denen ich weiß, dass da noch andere sind, die auch ihren komischen Kram machen, der total beschruppt ist und von dem eigentlich keiner was wissen will. Wenn man das dann eine Stunde am Stück präsentiert und die richtigen Leute zur richtigen Zeit dabei hat, kann man damit eine Party machen und es funktioniert echt gut. Dann sind alle glücklich und das ist doch total schön.

Im Moment bin ich kurz davor, bei House zu landen, knote mich aber rundherum, indem ich einfach 100-BPM-Zeug mache. Eigentlich interessiert es niemanden so richtig, in Wirklichkeit hab ich so eine abstrakte Modularsynthesizersache am laufen und stelle gerade fest, dass ich so eine Art Liam Gallagher unter den Breakcore-Produzenten bin.

Klar, das ist totales hedonistisches Geld-aus-dem-Fenster-Schmeißen, aber es ist doch ganz hübsch dann: rosa Einhörner fliegen am Himmel vorbei! Das braucht kein Mensch, aber ohne das alles wüsste ich eigentlich gar nicht, warum ich auf der Welt bin. Ich versuche Sachen zu machen, die Spaß machen und die mir gefallen würden, wenn ich sie in der Hand halten würde.Legst du gesteigerten Wert auf Optik und Haptik? Sind dir Schallplatten als Medium besonders wichtig?

Ich bin nach wie vor ein Fan davon. Ich habe mein Lieblingslied zwar gern auf dem Telefon oder dem Computer; das kann man schnell mal an einen Lautsprecher anschließen. Ich habe aber auch Plattenspieler zuhause und ich mag die Platte wahnsinnig gern in der Hand halten, auf die Rillen gucken und mich freuen, wenn es bunt und ein bisschen hübsch gestaltet ist. Das gefällt mir dann schon viel besser. Ich mag kleine bunte Singles und es gibt immer wieder Leute, die das scheinbar auch interessant finden.

Ich weiß, dass es deutlich einfacher wäre, das alles nur über das Internet stattfinden zu lassen, aber das ist mir nichts Richtiges. Wenn es relevant sein soll, beginnt man mit einem Buch auch als Blog im Internet und später geht alles zusammen richtig in den Druck. Genauso sehe ich das auch: Sachen, die man relevant und groß findet und lange aufheben möchte hat man gern als Objekt im Schrank stehen, weil man sich dann später daran erinnern und es wieder herausziehen kann. Der gestalterische Aspekt, das auch bunt und hübsch zu machen, um der Musik auch gerecht zu werden und ihr noch eine dritte und vierte Dimension zu verleihen, ist mir schon wichtig.

Ich freue mich jedesmal wie verrückt, wenn das Produkt aus dem Presswerk kommt und man die Musik wie zum ersten Mal richtig hört. Es gibt dieses euphorische Gefühl, wenn der Briefträger da war und das Paket gebracht hat. Dann packst du es aus und dann steht da dein Name drauf oder der eines Bekannten oder eben eines Musikstücks, das du total super findest. Dann legst du die Nadel auf, es knackt und knistert und dann ballert das los. Das ist natürlich ein tolles Gefühl. Und das teilt man ja auch mit den anderen Leuten, die sich die Platte kaufen.

Toll ist auch, dass man die Musik hoch- und runterpitchen kann, also dass ein physikalischer Tonträger die Musik tatsächlich in der Geschwindigkeit reduziert, weil das mechanisch passiert, ohne Datenreduktion oder ähnliches. Man hat also tatsächlich das Erlebnis dieser Beschleunigung oder Abbremsung. Digital ist das ohne Artefakte ja gar nicht richtig möglich.

Du hast ja schon viel veröffentlicht seit 1997. War die Arbeit der Verlage für dich immer zufriedenstellend oder fehlte dir da noch was?

Nein, das war schon immer ganz Ok so. Ich finde aber auch, dass ich dem ganzen etwas hinzuzufügen habe, was die anderen nicht gehabt hätten. Der Grund warum ich das jetzt selber mache ist, dass ich diese Stücke bei niemandem untergebracht bekommen hätte. Ich finde einfach, dass es das jetzt genau so geben muss und habe mich für dieses musikalische Profil entschieden: langsame funky Sachen mit Option auf Steigerung.

Mir fehlen solche Labels wie Lux Nigra, City Centre Offices oder Morr Music, die zwar so eine Konsistenz in der Qualität haben, aber ein sehr unterschiedliches Profil an Künstlern aufnehmen. Ich möchte zum Beispiel kein reines Dubtechno-Label machen. Es ist immer schon ein bisschen schwierig gewesen, da was zu finden und den ästhetischen Ansprüchen gerecht zu werden.

Gerade bei dem Hardcore-Sound musste es immer so eine Art schwarz-weißer „dirty punk trash“ sein. Im Gegensatz dazu finde ich es eben gerade jetzt interessant, einen quietschebunten, fast kindischen Style zu machen, der ansprechend, fröhlich und nicht verstörend ist. Deshalb mache ich Sachen, die mir persönlich einfach Spaß machen.

Ich habe natürlich auch wirtschaftliche Kenngrößen im Blick. Also wenn keiner eine Platte kauft, dann nehme ich das schon als Botschaft, dass das nicht die Richtung war, für die sich die Leute interessieren. Es soll aber trotzdem immer ein kleines Überraschungselement dabei sein.

Auch wenn die Soundästhetik ähnlich bleiben wird, halte ich mir das Genre offen. Karl Marx Land wird jetzt kein reines Reggae-Label für 100-BPM-Videospielmusik. Es werden verschiedene Geschwindigkeiten und Stimmungen herauskommen, generell bleibt es natürlich fröhlich, funky und mit dickem Bass.

Es muss Spaß machen, instante Euphorie erzeugen und halten.
Wie steht es mit den Tanzflächen und Konzertsälen da draußen? Wirst du viel auftreten oder auch in Leipzig was auf die Beine stellen?

Ja, im Moment bin ich wieder unterwegs. Meine persönliche Ausgehformel im Moment ist aber eher „selten aber schön.“

Wir werden Ende Juli eine Veranstaltung mit Daniel Savio und seinen finnischen Kollegen machen. Dann werden wir ja sehen, wo hier der Hammer hängt und der Funk fliegt. Ich möchte das unbedingt auf einer tollen Anlage anbieten und schön bunt garnieren.

Daniel Savio ist ein fantastischer Performer, den ich unbedingt der Welt zeigen möchte. Er macht eine Mischung aus Run DMC und Ice-T und DJ Premier, aber wie Kraftwerk mit Synthesizern, echt cooles Material; nicht nur Chiptune und 8 Bit, sondern basslastiger Hi-Fidelity-Funk vom Feinsten.

Es wird ein schöner bunter Bassabend, an dem man auch mal anschauen kann, wie sowas live präsentiert wird. Gerade auch Gear-Freaks, die auf Equipment stehen und mal etwas sehen wollen, was nicht nur ein straightes düsteres Techno-Setup ist, sondern auch mit Harmonien funktioniert und mit Grooves spielt, werden sich da mal anschauen können, wie sowas komplett ohne Computer auf der Bühne stattfindet. Ich freue mich wirklich, das präsentieren zu dürfen.

Ebenso freue ich mich darauf, ganz viele Leipziger kennenzulernen. Ein paar kenne ich ja schon. Ich bin zwar schon eher der Wohnzimmer-for-live-Typ, aber freue mich auf ganz viele kuschelige Sommerfestivals in Leipzig und möchte gern nochmehr Menschen treffen (die Modularsysteme haben). (lacht)

Epilog: 
Die beiden 7″-Singles „Karl Marx Land“ und „Acid Reagge 91“ sind unter Coco Lowres auf Karl Marx Land erschienen. Ein Album ist in Arbeit. Die dritte Karl Marx Land 7″ erschien im Mai 2014: Duke Slammer mit „Acid Duke„, erhältlich auf karlmarxland.com und in allen einschlägigen Shops. Weitere Platten werden im Sommer/Herbst folgen. 
Am 26.7. wird Leipzig’s erste „richtige“ Skweee-Party steigen, mit Daniel Savio, Claws Cousteau und Mesak.

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