Zweatlana aka Zweaty: Minty Dreams

Zweatlana hat Ende Juni ihre zweite EP Minty Dreams mit zwei Videos rausgebracht; und trifft damit den melancholischen Nerv dieser Zeit. Volle und tiefe Klänge, unzählig geschichtete Ebenen an Sounds und Stimme. frohfroh-Autorin Marie hat die Künstlerin zum Interview getroffen und mit ihr über Farbkonzepte, das neue Album und über Trennungs-Songs gesprochen. 

Zweaty, so wie ’sweaty‘, nur mit Z, ist gebürtige Freiburgerin und in einem winzigen Dorf im Schwarzwald aufgewachsen. Dort hat sie schon sehr früh mit Klavierunterricht angefangen und kurz danach selbst komponiert. Obwohl sie bis heute keine Noten lesen kann (weil sie immer sofort alles auswendig konnte), war ursprünglich geplant, klassische Klavierkomposition zu studieren.

Aber es lief anders: Mit 16 bekam Zweaty eine Gitarre in die Finger und brachte sich selbst das Spielen bei, fing an zu singen und Songs zu schreiben. Ein Jahr später kaufte sie ihr erstes Equipment, um die selbstgeschriebenen Songs aufzunehmen. In die Technik konnte sie sich in der ländlichen Abgeschiedenheit des Schwarzwaldes gut reinfuchsen. Und im Laufe der Zeit wurden es mehr Instrumente, mehr Equipment, mehr Technik.

Fuhrpark an Zeug

Mittlerweile hat sie auf der Bühne „einen ganzen Fuhrpark an Zeug“ stehen, um möglichst viel Sound zu machen. Zwischen Keyboard, Gitarre, Synthesizer, Mic, Effektgeräten, Mischpult und Loopstation steht die Künstlerin mit ihrer Stimme: „Ich wollte immer alleine Musik machen, fand das aber so langweilig immer am Klavier zu sitzen und zu singen und zu spielen oder halt mit der Gitarre. Darüber bin ich auf die ganze Loop Station-Geschichte gekommen.“

Wenn Zweatlana einen Live Gig spielt, wird oft davon ausgegangen, sie komme mit einer Band. Dann sagt sie: „Ich bin die Band.“ Und bisher hat sie auch noch nie jemanden getroffen, der ihr Setup verstanden hat: „Ich bin immer noch die Einzige, die so richtig checkt wie es funktioniert…“

Multikomplex und Multitalent

Inzwischen mixt das Multitalent alles live auf der Bühne. Dafür hat sie ein eigenes Mischpult, mit dem sie alle Spuren, bevor sie in die Loop Station gehen, schon mal durchmixt, sodass am Ende eine Spur wieder rauskommt:

„Ich wollte immer den Sound von einer Band kreieren, ohne eine Band zu haben.“ 

Eine Frau zwischen Pop, Hip Hop, Rap, Klassik und Choral. Genretechnisch lässt die Künstlerin sich nur schwer einordnen, sie bewegt sich lieber in den Welten dazwischen. Am Ende ist es vielleicht Pop mit klassischen Einflüssen, aber immer auch elektronisch und experimentell, mit einer unverkennbaren Stimme. Wenn man sie eine Weile beobachtet, weiß man, dass noch vieles andere kommen kann: „Ich will ich mich aktiv keinem Genre zuordnen.“ Denn das würde einen Druck erzeugen, dem sie gerecht werden müsse und würde sie daran hindern, wie bisher, einfach ihr Ding zu machen.

Ihre erste EP, die Orange EP, hat Zweatlana abgeschieden in der Natur im Schwarzwald produziert und dann 2020 in Freiburg rausgebracht. Das Farbkonzept war ein knalliges Orange mit Wiedererkennungswert, der Sound eher elektronisch. Damals hat sie erst mit dem Produzieren angefangen und hatte „Bock auf alle geilen Sounds, die es so gab“. An einem Album arbeitet sie immer auch konzeptionell und künstlerisch, vor allem auch sehr visuell. Im Gesamten ergibt sich ein gut aufeinander abgestimmtes Bild. Das Orange war damals die Farbe für den Sound, den sie spielte. Musikalisch war das auch ein Ausflug zu Rap und HipHop. 

Zurück nach Leipzig

Im März 2020 kam Zweatlana dann zurück nach Leipzig.  Mit dem aktuellen Album wollte sie „back to the roots“, zurück zu ihren Wurzeln. Dafür legte sie den Fokus auf das, was ihre Musik eigentlich ausmacht und sei vor allem ihr Chorgesang. Auf der Minty Dreams EP erwarten uns also wieder Gesang und Klavier und die unverkennbaren Chöre aus Zweatys Stimmen.

Dazu legt die Künstlerin ihre Stimme in vielfachen Tonspuren übereinander, wodurch die vollen und tiefen und vor allem sehr harmonischen Klänge entstehen, so als stünden wirklich ein paar singende Zweatlanas im Raum. Das hat sie schon von Anfang an gemacht, also ab dem Zeitpunkt, an dem sie aufnehmen konnte. Diese klassischen und mehrstimmigen Elemente sind zu ihrem Markenzeichen geworden. 

Farbkonzept: minty, zart und dreamy

Auch das neue Album verfolgt ein ganz klares Farbkonzept: mint. Und dreamy. Minty dreams eben. Viel rosé und mintgrün, zarte Farbtöne mit einem leichten Hang zum Düsteren. Dazu Rauch, Nebel, schwarz, in den Videos viel nude und Haut. Wolkiger Sound und zartbittere Ästhetik sind in dieser EP bewusst miteinander zusammen- und in Beziehung gesetzt; sie verschmelzen zu einem eigenen Werk.

Die ganzheitlichen Farbkonzepte ergeben sich für Zweatlana beim Produzieren einer EP quasi von allein: „Das ist der Sound und das ist die Farbe dazu.“ Zweatlana ist Synästhetin, ihre Buchstaben, Zahlen und Töne sind mit Farbwahrnehmungen verknüpft. Deshalb sind ihre Kompositionen grundsätzlich farblich, „weil das halt mein System ist.“

Manchmal versuche sie auch, Harmoniefolgen zu finden, die zu einer Farbfamilie passen, aber „man trifft eh nie den Farbton, den man treffen will.“ Meistens ergibt sich ein stimmiges Bild von allein, während des Produktionsprozesses oder durch die fertige Komposition. 

Kollektive Intimität persönlicher Erfahrungen

In der aktuellen EP geht es um gescheiterte zwischenmenschliche Beziehungen. Während sie das Album konzipierte, waren Beziehungen und Trennungen für Zweatlana ein omnipräsentes Thema, sowohl bei ihr selbst als auch in ihrem Umfeld: „viele Leute haben da sehr ähnliche Erfahrungen gemacht“, sagt sie. Das neue Album soll den Menschen um sie herum Songs geben, um diese Erfahrungen auszudrücken und teilbar zu machen.

Und: „Ja, davon gibt es schon sehr viele, also Songs um Trennungen oder beschissenes zwischenmenschliches Verhalten“, deshalb könne man denken, die Welt brauche das nicht mehr. Aber dieses Album kristallisiert auf eine besondere Art und Weise die kollektive Intimität persönlicher und schmerzhafter Erfahrungen. Sie zeigt darin die momentane Unfähigkeit unserer Zeit, zwischenmenschliche Beziehungen zu führen, worin doch jede Zeit ihr ganz eigenes Scheitern hat. „Diese ganze Wut auch mal loszuwerden, das fand ich irgendwie total spannend“ und war für Zweatlana in dieser Direktheit neu. Im Gegensatz zu ihren früheren, eher kryptischen Texten ist sie diesmal dabei, den Prozess konkret zu benennen und authentisch rüberzubringen, was sie und ihr Umfeld denken und fühlen.

Nicht nur Sängerin

Die Künstlerin macht natürlich nicht nur Musik für ihre Freund:innen, sondern träumt (klar) auch davon, Berufsmusikerin zu sein. An den Punkt zu kommen, an dem sie davon leben kann, Leute zu erreichen und ihnen etwas zu geben. Aber eigentlich will sich Zweaty nicht zwischen Liveauftritten oder Produzieren entscheiden müssen. Das sind unterschiedliche Prozesse, die sie als Zweatlana miteinander vereint:

„Natürlich verstehe ich mich auch als Musikerin, aber ich verstehe mich in erster Linie als Künstlerin.“

Sie macht ihre Musikvideos und Fotos größtenteils selbst, ist beim Konzept immer mit dabei und erschafft das komplette Artwork und natürlich den Sound dahinter. Zweatlana nennt das ihr „Gesamtkonzept“ und sie mache alles davon voll gerne, nichts wolle sie weglassen.

Manchmal gibt sie auch Arbeit ab – das neue Video ist zum Beispiel zusammen mit einer Filmstudentin entstanden, die Zweatys Ästhetik verstanden habe. Aber die Künstlerin könnte nie ihre Finger irgendwo ganz rauslassen. Man täte Zweatlana also Unrecht, sie auf ihre Stimme zu reduzieren: „Ich mache viel mehr, ich bin nicht einfach nur Sängerin.“

Konzert am 22. August in Dresden

Daraus ist in den letzten Jahren ein extrem cooler Look entstanden, der sowohl soundtechnisch als auch visuell, ein sehr feines ästhetisches Gespür durchscheinen lässt. Momentan hat Zweatlana aber vor allem eins: Lust zu spielen und endlich wieder auf der Bühne zu stehen.

Wer sie, ihren Sound und das ganze Setup live auf der Bühne erleben möchte, hat am Samstag, den 22. August die Chance dazu: Zweaty spielt beim GrooveGarden Festival des Dresden Open Air – Kultursommer 2021.  

KW 30 – Samstag

Zwei Tipps haben wir für diesen Samstag – online und offline.

Partyname: PVC @ Pittlerwerke
Zeit:31.07.2021, 16:00 Uhr
Location:Pittlerwerke
Acts:amoral, Boeckler, chacha b2b IZA, DJ 4 Never, Hanoj & Ecdyson, Juke Dordan, Medha, Monsoon Traxx, Morrek und Vanta; VJs by hi:frequency

Der Spot im Leipziger Norden ist der neue place to be. Platz zum Tanzen unter freiem Himmel, gewohnt gute Acts des Leipziger Kollektivs PVC, der Vibe rangiert mit den eingeladenen Special-Guests von House bis Techno. Das Ganze bei voraussichtlich 24 C. Tickets bekommt ihr hier. Have fun!

https://soundcloud.com/eintopfkollektiv/eintopf-mix-series-vanta

Live At Robert Johnson & Riotvan
Partyname: Live At Robert Johnson x Riotvan x Beatport
Zeit:31.07.2021, 15:00 Uhr
Location:Online (Twitch + YouTube)
Acts:Ata, Michael Satter, New Hook (live), Chinaski, Jennifer Touch, Peter Invasion & Gregor Habicht (live), Perel, Panthera Krause, Rebolledo und Horkheimer

Leipzig All-Stars gepaart mit dem Robert Johnson. Ab 15 Uhr live im Stream bei Twitch und YouTube. Einfach nach Beatport suchen, klicken, streamen, tanzen.

KW 29 – Samstag

Uh, das Eli ist mal wieder zu erleben – im Exil. Und dazu gibt es ein neues Label im Westen zu entdecken. Unsere Samstagstipps.

Partyname: Grassipamanoke
Zeit:24.07.2021, 15:00 Uhr
Location:Grassi Museum
Acts:Nur Einer Von Vielen, Killlya, Lars Goldammer, Monsoon Traxx, Nienein, Senta Julien, Siegfried

480 Tage war das Eli geschlossen, Wahnsinn. Es bleibt auch erstmal noch zu, aber dafür kann die Eli-Crew heute im Rahmen des out:side Kultursommers im Innenhof des Grassi-Museums zum Open Air-Rave einladen. Yeah!

Partyname: Leider 9 Open Air
Zeit:24.07.2021, 16:00 Uhr
Location:Kunstkraftwerk
Acts:Blank Vision, Emel White, Eva, N3MO, sliN

Ah, hier entsteht scheinbar ein neues Label namens Leider 9 Records. Im Westen kann heute gehört und gefühlt werden, wohin die Reise gehen soll. Deep, dark und techy offenbar.

KW 29 – Freitag

Drei Tipps haben wir für diesen Freitag – drinnen und draußen.

Partyname: Two Play To Play
Zeit:23.07.2021, 20:00 Uhr
Location:Gewandhaus
Acts:Kiki Hitomi, Disrupt, Volker Hemken

Good News aus dem Gewandhaus – das Premierenkonzert der vierten Two Play To Play-Saison wird nun doch nochmals live aufgeführt. Ende Mai war die Zusammenarbeit zwischen den Jahtari-Held:innen Kiki Hitomi und Disrupt sowie dem Bassklarinisten Volker Hemken bereits als Stream aus dem Conne Island zu erleben. Aber live im Gewandhaus dürfte es nochmals more intense sein. Es gibt noch Karten.

yung_womb
Partyname: Air Waves x Polyicious
Zeit:23.07.2021, 18:00 Uhr
Location:Conne Island
Acts:evin, yung_womb, Somali Vendetta, Designer Jens

Im Island-Garten steigt an diesem Freitag ein Summer Rave mit den Air Waves-Radio- und Polyicious-Crews. Mit herrlich sommerlich-leichten House-, Bass-, Leftfield- und Pop-Vibes.

Frida Darko
Partyname: I Love Gardening
Zeit:23.07.2021, 18:00 Uhr
Location:Distillery
Acts:Judith van Waterkant, Frida Darko

Der Distillery-Garten ist an diesem Freitag auch wieder offen – eingehüllt von Slow-, Deep- und Dark House-Sounds.

Interview: DOSIS im Institut fuer Zukunft

Vom Biergarten zum Corona-Testzentrum und nun zur Ausstellungsfläche: Das IfZ bleibt in der Pandemie weiterhin wandelbar und stellt ab dem 15. Juli verschiedene Werke in Kooperation mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst aus. Wir haben zwei Kurator:innen zum Interview gebeten.

Nachdem kürzlich die „7IX“-Platte erschienen ist, feiert das IfZ nun einen weiteren Meilenstein und öffnet seine Tore zwei Monate lang für Kunstinteressierte. Wir haben bei Neele, Bookerin des IfZ, und Stephen Stahn, Mitarbeiter der HGB Galerie, Mitveranstalter der HGB Rundgangsparty und Fotografiestudent an der HGB, nachgefragt, was es mit den Ausstellungen DOSIS I und II auf sich hat.

Ihr habt schon öfter mit der HGB zusammengearbeitet. Wie kam es zur DOSIS Idee und damit zur erneuten Kollaboration?

Neele: Seit einigen Jahren richtet das IfZ die beliebte Rundgangsparty der HGB aus. Dabei verliefen die Grenzen strikter als nun bei der DOSIS, wenngleich auch da schon einige Gemeinsamkeiten zum Vorschein traten. Die Kooperation hat immer sehr viel Spaß gemacht und neue Synergien hervorgebracht. Weiter gab es auch personelle Überschneidungen. So gibt es Mitarbeitende, die an den Kunsthochschulen studieren und natürlich auch Studierende, die wiederum DJs oder Producer sind oder sich gar im KreV engagieren. So kommt es – und das freut mich ganz besonders – dass unser Türsteher eben auch mal im IfZ ausstellt!

Im IfZ selbst wurde sich in der veranstaltungsfreien Zeit sehr viel mit strukturellen und inhaltlichen Fragen beschäftigt. Was ist das IfZ? Was kann es sein? Was passiert mit der Crew und auch den Freund:innen des IfZ, wenn der Ort als solcher wegbricht? Das IfZ ist so viel mehr als Techno. Und eben diese Fragen führten dazu über den „Raum“ IfZ als solchen nachzudenken. Hinzu kam, dass auch für viele Ausstellungsräume aufgrund der pandemischen Situation weggebrochen sind und dies führte schlussendlich dazu, die Idee einer Ausstellung etwas größer und nicht zuletzt kooperativer zu denken.

Das IfZ ist endlich wieder nicht nur im Außenbereich für Besucher:innen geöffnet. Was erwartet uns im Inneren des Clubs, wie ist die Ausstellung aufgebaut?

Stephen: Es wird eine feste Route durch den Club geben. Entlang dieses Rundgangs werden über 30 künstlerische Positionen zu sehen sein, die sich mit den Gegebenheiten der Räumlichkeiten beschäftigt haben. Zum einen sind Arbeiten in den letzten Wochen im IfZ entstanden, aber auch bestehende Kunstwerke wurden in den Club gebracht und vor Ort neu kontextualisiert. Darüber hinaus werden auch Bereiche bespielt, die nicht beim üblichen pre-corona Clubbetrieb zugänglich waren.

Warum „DOSIS“? 

Stephen: Wir wollten einen Namen, der auf vielen Ebenen miteinander verbunden werden kann. Wir verstehen DOSIS I & DOSIS II als eine „dosierte“ Öffnung von Kunst- und Clubbetrieb. Das Wort selbst kommt aus dem griechischen und heißt übersetzt „Geschenk“. Ausstellungen mit über zwei Monaten Laufzeit wären im normalen Clubbetrieb niemals praktizierbar gewesen. Somit sind die DOSIS-Ausstellungen ein einmaliges bzw. zweimaliges Experiment, aber auch trotz aller Umstände eine Art „Glücksfall“. Obendrein hat der Name natürlich einen Corona-Bezug und da recht schnell klar war, dass wir zwei Ausstellungen organisieren wollen, fiel uns die Namensentscheidung leicht. Und, naja, pharmakologisch kann man den Titel der Ausstellung durchaus auch lesen. 

Werden die Werke einen thematischen Bezug zum Namen haben? Beziehungsweise mit welchem Hintergedanken wurden die Werke kuratiert und ausgewählt?

Stephen: Wir wollten mit dem Namen der Ausstellung inhaltlich offener bleiben, anstatt uns an einem bestimmten Themenfeld abzuarbeiten. Die gezeigte Kunst orientiert sich aber stets in einem Bereich wo sich Club und Kunst treffen: sei es in der Materialität, der Form, im Inhalt, in der Vermittlung von einem bestimmten Gefühl oder sogar von Gerüchen. Besonders wichtig war uns, dass die Künstler:innen die Chance haben vor Ort und mit dem Ort Arbeiten zu produzieren. Hierfür haben wir vor allem lokale Künstler:innen ausgesucht und eingeladen.

Wie unterscheiden sich DOSIS I und II? 

Stephen: Ohne DOSIS I keine DOSIS II. Es werden für die Ausstellung nochmal eine Vielzahl weiterer Künstler:innen die Chance bekommen im Non-White-Cube-IfZ auszustellen. Wie genau die Unterscheidung zwischen diesen Ausstellungen aussieht, bleibt eine Überraschung. Wenn beide Ausstellungen abgeschlossen sind, ist auch eine Publikation geplant, welche den ganze Prozess nochmal in publizierter Form mit allen Beiträgen zusammenfasst.

Zu den Grafiken: Wir haben schon euer neues Maskottchen Sekti entdeckt. Was hat es damit und den vielen Logo-Variationen im Hintergrund auf sich?

Ris, Jakob, Coco (Grafik Team): Eine Kunstausstellung im IfZ legitimiert den Clubraum als Ausstellungsfläche und schafft einen kunstinstitutionellen Rahmen. Die von uns gestalteten Logos hijacken ikonische Kunstinstitutionen [etwa das MET, die Tate, das MdbK] und machen aus dem Darkroom einen White Cube. 

Sekti, das Sektglas als Maskottchen, vermittelt zwischen Clubkultur und Vernissage, zwischen scheinbar konträren Welten und dem damit einhergehenden Publikum. 

Ist das der Lockdown für die Spinnerei?


DOSIS I ist ab dem 15. Juli im Institut fuer Zukunft zu sehen, Tickets gibt es bei Tix for Gigs. Mehr über die Veranstaltung erfahrt ihr über die Kanäle des IfZ. Das Headerbild ist von Martin Ruckert.

Various Artists „7IX“ (Institut fuer Zukunft)

Die zweite Various Artist-Compilation des Instituts fuer Zukunft erschien auf Vinyl bereits Anfang Juni, nun ist sie auch digital erhältlich. Booga hat sich das Werk angehört.

In drei weißen Buchstaben auf schwarzer Fläche das Pandemie-Drama 2020-2021 minimalistisch zu verewigen, ist Ausdruck eines konsistenten Designs, gepaart mit reflektiertem Pragmatismus. „7IX“ sollte bereits im Mai 2020 zum sechsten Geburtstag des Clubs erscheinen, vermutlich unter dem Titel „6IX“ und mit einem angemessen Wochenendprogramm.

Doch so kam es nicht. Knapp anderthalb Jahre kämpfte der Laden und seine Mitarbeiter:innen um das Überleben, beobachtete entsetzt die regionale politische Entwicklung im Newsletter, funktionierte als Covid-Test-Zentrum, führte Online-Veranstaltungen des Kulturraum e.V. durch, streamte Showcases im Callshop Radio, setzte sich selbstkritisch mit sexualisierter Gewalt und struktureller Verantwortung auseinander, kassierte den Applaus-Award für außergewöhnliche Programmgestaltung, erlebte einen Vermieterwechsel durch die Stadt Leipzig und eröffnete den Teergarten als Open Air-Alternative.

In der Aufzählung der Krisenmeilensteine fehlt jedoch das für diese Besprechung relevante Ereignis: die Gründung der fünfköpfigen Label-AG innerhalb des IfZ. Das Team hat seit letztem Jahr aktiv Künstler:innen gescoutet und wie zuvor bei „5IVE“ auf Exzellenz und inhaltliche Vielfalt gesetzt.

Markus Krasselt aka Peter Invasion ist Teil der Label-AG und bestätigt auf Nachfrage, dass sich die Veröffentlichungs-Aktivitäten nicht auf jährliche Geburtstags-Compilation beschränken werden. Klassische Label-Arbeit im Sinne der Entwicklung eines spezifischen Sounds oder der Verstärkung eines dezidierten Künstler:innen-Kollektivs sieht er jedoch nicht auf die Arbeitsgruppe zukommen. Die positiven Erfahrungen im Vertrieb und Verkauf der „5IVE“-Compilation bestätigen aus Markus’ Sicht die enge und treue Verflechtung des IfZ mit DJs und Produzent:innen auf der einen sowie den Fans des Ladens auf der anderen Seite. Vinyl wird eine zentrale Rolle spielen, soviel ist klar. Inhaltlich bleibt es spannend.

Die Doppel-12″ mit dem Luftmotiv des Kohlrabizirkus als Etikettendruck konnte ich noch nicht in den Händen halten, daher lege ich jetzt nicht die Nadel in die Rille sondern drücke profan PLAY in Rekordbox für das „7IX“-Erlebnis.

Carlotta Jacobi ist Wahl-Leipzigerin und Resident des Connwax-Labels und der gleichnamigen Party-Reihe. „Possible Futures“ ist eine programmatische Solidarbekundung auf 136 bpm. Ich bekomme das Bild nicht aus dem Kopf, dass mit diesem Track der TRAKT I wiedereröffnet wird, wieder und wieder aneinandergereiht. Der Grundton breitet sich von Mauer zu Mauer aus, Techno’s coming home. Nach einer halben Stunde und der siebenten Ineinander-Blendung des selben Tracks transzendiert eine dreckige offene 909-Hihat auf den Offbeat die kollektive Hypnose in ein physisches Glücksgefühl. Ich meine, was denn sonst?!

„Repeater“ ist unglaublich. Der Beat tropft systematisch und beharrlich wie eine Infusion in der Notaufnahme vor kalten Neonröhren. Eine Ärztin hinter einer Gesichtsmaske kommt näher: „I will repeat everything you say. It feels good. It feels good so let’s go.“ Du willst etwas sagen, aber dein Mund bleibt taub und sie spricht weiter. Du denkst an den Film „Audition“ und bekommst Panik. Hast du dir etwas vorzuwerfen? Dein Blick wird unscharf und du hörst die Stimme erneut. Der Prozess ohne Ende hat begonnen. – Der Pariser Noir Moderne entwirft eine großartige Geschichte im Stil von Femme En Fourrure, deren einziges Manko ist, dass sie zu kurz ist.

Protests – Rioting – Looting. Subʞutan zitiert die Straße Amerikas aus dem Frühsommer 2020. Der gefilmte Mord an George Floyd führte zu massiven Demonstrationen gegen systematische Polizeigewalt und weiße Vorherrschaft. In „Looting“ verdichtet der IfZ-Mitgründer diese Eindrücke der Ohnmacht in einem Techno-Halftempo-Track mit außerordentlichem Groove. Definitiv mehr Dubstep als Industrial. Photek & Pinch könnten es nicht besser.

Die Leipzigerin Tsorn, die mittlerweile Technikleiterin des IfZ ist, bleibt stilistisch im Düsterkeller von Subʞutan. EBM-Kickdrums und -Snares bilden das Stachelbett von „Catarsis“, über das ein konsequenter Bass-Synth-Sirenen-Loop nebelt. Nur selten durchbrochen von einer sphärischen, aber nicht weniger melodramatischen Einblendung. Ich könnte so eine Wave’n’Bass-Klatsche mal wieder live gebrauchen. Andererseits – wer nicht?

Die Thüringerin Lydia Eisenblätter ist eine von vielen Wahl-Leipziger:innen, die das Bundesland für eine bunte Club-Stadt eingetauscht haben. Sie ist Gründerin des OAM-Labels, ehemalige Distillery-Resident und war kürzlich mit einem Track auf der ersten VAYA-Veröffentlichung vertreten. Mit „Confusion“ legt sie einen Acid-Track vor, der rhythmisch leichtfüßig zwischen TwoStep und House wandelt, aber atmosphärisch an engen Basement-Techno erinnert. „So confusing but it feels so right“, gesteht eine Frauenstimme – und ich nicke im Takt dazu.

HAL stammt aus Leipzig und gestaltet die „Space Is The Place“-Reihe im mjut. Dort läuft Jazz und Soul, Blues und Funk hin zu Dub und Disco, weiter zu New Wave und House, Hip Hop und RnB. Mit „Frankfurt“ entwirft er den Soundtrack einer geradlinigen High-Speed-Klang-Autobahn – definitiv eher in Richtung Sonnenaufgang als -untergang. Die Synth-Arpeggios werden besser je länger der Track läuft, zum Glück sind das 8:41 Minuten.

Jolly kommt aus Zürich und ist bei Kashev Tapes involviert. Sein Track „Ison“ trägt diesen 90er-Cybercrime-Film-Vibe in sich, wie es nur Delays von Bassfiguren in mir auslösen können. Und der Bass-Drop, natürlich. Nach fast drei Minuten lässt er den Tiger raus und ich WILL den live erleben. Das kann keine Heimanlage abbilden. Perfekter Track danach wäre „Mercy (Boddika VIP)“ *hint hint.

Sitharas „Leaks“ ist ein wunderbar-surrealer Leftfield-Trap-Track der im Kontext der Compilation wie eine willkommene Atempause wirkt. Subtile Dissonanzen erzeugen eine pulsierende Schwerkraft, die alle weiteren musikalischen Elemente rhythmisch zum Vibrieren bringen. Die Pianofigur erinnert mich an David Bowie, vielleicht weil sie einzigartig im Stück ist – das meiner Meinung nach einen viel zu kurzen Auftritt hat. Ich bin sehr gespannt, was wir von ihr in Zukunft noch hören können.

Das Finale der „7IX“-Compilation stellt „If Only For A Moment“ von Mary Yalex dar. Auch sie zählt zu den Flucht-Erfurtern, die in Leipzig einen kreativen Hafen für ihr Schaffen gefunden haben. Neben Veröffentlichungen auf ihrem Label Yalex Recordings ist sie stolz, ein Teil der KANN Records-Familie zu sein, die sich seinerzeit aus dem Wirken der Electric Island-Reihe gründete. Musikalisch ist der Track der am schnellsten zu erfassende auf 7IX: Über einem perkussiven Machine Drum Loop breitet sich zunehmend ein Zwei-Harmonie-Flächen-Epos aus.

Fazit: Musik auf Vinyl ist das anfassbare Surrogat in der pandemiebedingten Club-Entsagung und das perfekte Geschenk an die Freund:innen des Ladens. Die Label AG hat super kuratiert, die Reihenfolge funktioniert auch digital. Die Vorfreude auf das Club-Erlebnis könnte nicht größer sein. Mission 7IX accomplished.

Die 2×12″-Schallplatten von „7IX“ sind bei Bandcamp, Sleeve++, Inch by Inch, Vary und deinem gut sortierten Vinyl-Dealer erhältlich.

Track-Premiere: DJ Badshape „I See Red“

„Mit Hybrid Hooks“ haut Defrostatica nächste Woche eine große Compilation mit breakigen Rave- und Club-Tracks raus. Vorab gibt’s exklusiv bei uns ein Stück aus Leipzig.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Leipziger Label Defrostatica eine umfangreiche Compilation zusammenstellt – 2018 präsentierte es mit „Future Sound Of Leipzig“ einen großartigen Querschnitt über die verschiedenen Facetten der hiesigen Future Bass-Szene. „Hybrid Hooks“ toppt das nochmals in doppelter Hinsicht: Der Sampler versammelt unglaubliche 21 Tracks und zeigt einmal mehr, wie international das Defrostatica-Netzwerk mittlerweile ist. Aus den USA, Kanada, UK, Österreich, Spanien, Island, Singapur und Deutschland kommen die Producer:innen und Remixer:innen.

DJ Badshape (Bild: Nico Langer)

Eine sehr viel versprechende Musikerin aus Leipzig ist auch mit dabei – DJ Badshape. Sie ist aus dem Bassmæssage-Umfeld und war bereits mit einem Track auf der wunderbaren Human-Compilation „Togetherness“ mit einem Track zu hören. „I See Red“ vereint viele gute Ansätze in einem Track: wohldosierte Tempowechsel, leichten Pop-Appeal, hintergründige Deepness und eine klare Einladung, sich endlich oder nochmals auf die Tanzfläche zu bewegen.

Im Vergleich zu den anderen Tracks der Compilation gehört „I See Red“ zu den ruhigeren, zurückhaltenderen Stücken. In seiner Vielschichtigkeit ist aber ohne Zweifel eines der spannendsten.

Hier ist DJ Badshapes Track erstmals zu hören:

Aber auch so ist „Hybrid Hooks“ ein echtes Strobo-Abenteuer und eine Reise durch die contemporary Sounds der Jungle-, Footwork-, Juke- und Drum & Bass-Welten. Eine Auswahl an Tracks, die ohne Umweg auf die berstend laute Anlage eines Clubs oder Festivals wollen. Neben vielen Defrostatica-Locals sind auch internationale Szene-Größen wie BSN Posse, Kabuki, Kiat, Jon1st und Sinistarr mit dabei.

„Hybrid Hooks“ erscheint am 16. Juli 2021 – digital und auf Wunsch mit exklusiven Stickern mit dem Compilation-Artwork. Und allein wegen der folgenden ganz subjektiv empfundenen Hits lohnt es sich, nächste Woche hineinzuhören:

Anna Morgan „Turbo Moto“
Jon1st „Pantone Suplex“
Detroit’s Filthiest „Throwback“
Dispondant „Subversion“
Jermainesoul „Flora“
Maltin Worf „Odyssey“

KW 28 – Montag

Die Gruppe Gender Equality NOW lädt zur Podiumsdiskussion „Awareness-Konzepte und linke (Sub-)kultur: Versuch einer kritischen Betrachtung“ ein. Online, join for free, if you want!

Diese Podiumsdiskussion findet im Rahmen unserer diesjährigen Ringvorlesung Genderbasierte Gewalt online am 12.07.2021 von 18:30 20:00. Mit ihren Gesprächspartner*innen sollen verschiedene Awareness-Konzepte diskutiert und bestehende Verhaltens- und Denkweisen in Bezug auf genderbasierte sexualisierte Gewalt innerhalb linker Sub- und Clubkultur kritisch betrachtet und hinterfragt werden.

Podiumsdiskussion

Dabei werden sie versuchen, den Begriff „Awareness“ zu fassen und missverständliche Interpretationen zu klären, um im Folgenden über das Konzept der Community Accountability und täter*innenschützende Strukturen zu sprechen. 

Die drei Gesprächspartner:innen sind Paula Kittelmann von frohfroh (yay!), Alex von e*space Dresden und Jaro von Awareness Dresden! 

Link? Link! Hier geht’s lang.

Clubkultur & Politik V: Neoliberalismus in der elektronischen Musikszene

Wir gehen in Clubs, um Musik zu genießen, um zu tanzen, um Zeit mit Freund:innen zu verbringen, um Menschen zu treffen – um (kurz) abzuschalten und uns auszuleben. Teil V der Serie Clubkultur & Politik widmet sich dem neoliberalen und kapitalistischen System, in dem Clubkultur stattfindet.

Dieses eingangs beschriebene „Abschalten“ ist, bei näherem und kritischerem Hinschauen, eine Notwendigkeit, die sich aus unserem täglichen Leben ergibt: Oft gehen wir in Clubs, um uns von der Realität zu befreien. Eine Realität in einem neoliberalen und kapitalistischen System, in der Leistungs- und Wettbewerbsdenken allgegenwärtig sind.

Warum können wir die neoliberalen Strukturen sowie Denk- und Handlungsmuster nicht einfach an der Clubtür abgeben? Es ist wichtig, Neoliberalismus zu verstehen, seine Logik und Funktionsweisen zu beleuchten – damit klar wird, wie neoliberale und, allgemeiner gesprochen, kapitalistische Denk- und Handlungsmuster reproduziert werden, auch innerhalb einer sich selbst als emanzipatorisch und alternativ bezeichnenden Szene und Clubkultur.

Es geht dabei nicht darum, mit dem Finger auf Clubs und Protagonist:innen der Clubszenen zu zeigen. Sondern darum, Mechanismen zu beleuchten, die trotz Bemühungen und bestem Willen vieler Clubbetreiber:innen und Besucher:innen weiterhin bestehen.

Neoliberalismus – was ist das und warum müssen wir darüber sprechen?

Das Wort “Neoliberalismus„ wird viel und gerne verwendet. Jedoch bleibt die genaue Bedeutung oft unklar und erscheint eher als ungenauer Sammelbegriff. Es geht um eine politische und vor allem wirtschaftliche Ideologie, die sich ab den 1970er Jahren schnell etablierte und deren Logik heute Wirtschaft und Gesellschaft bestimmt.

Der Neoliberalismus sollte nicht nur als Ideologie, sondern auch als konkretes politisches und wirtschaftliches Projekt verstanden werden, das durch Finanz- und Kommerzialisierung gekennzeichnet ist. Es ist eine Form des Kapitalismus, dessen Ziel die Reduzierung staatlicher Intervention und Präsenz in der wirtschaftlichen Sphäre zu Gunsten des sogenannten freien Marktes ist. Die neoliberale Ideologie beruht auf dem Vorrang des Marktes bei der Wertbestimmung und Verteilung von Ressourcen.

Diese Logik beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Wirtschaft. Vielmehr wurde es als Gesamtweltbild gedacht, dass das gesamte Leben nach dem Modell des wirtschaftlichen Wettbewerbs strukturiert und in einem Markt organisiert. Das bedeutet, dass nicht nur Konsumgüter nach Wettbewerbsprinzip und Angebot- und Nachfrage auf dem “Markt„ bereitgestellt werden, sondern dass diese Logik sich auch in unserem professionellen Leben sowie Privatleben manifestiert. Zum Beispiel im Studium, das fast immer nur dazu dient, Menschen „wertvoller“ für den Arbeitsmarkt zu machen. Oder die Idee, dass Hobbies profitabel und monetarisiert werden sollten.

Die Gestaltung des privaten und sozialen Lebens ebenso wie unser Verhalten und unsere Mentalität werden in diesem Sinne beeinträchtigt. Solidarität, Selbst- und gegenseitige Fürsorge bleiben auf der Strecke zu Gunsten von monetärem und sozialem Kapitaldenken. Fame und Geld ist gleichbedeutend mit Glück, so sozialisiert uns der Kapitalismus. 

Dabei wurde der Neoliberalismus in den 1970er Jahren von Intellektuellen und Akademiker:innen teilweise als eine Möglichkeit gesehen, eine neue gesellschaftliche Ordnung zu schaffen, die durch den Abbau und Rückzug staatlicher Autorität im wirtschaftlichen sowie sozialen Leben offener gegenüber individueller Autonomie und experimentellen Lebensweisen sein sollte. 

So gesehen hätte der Neoliberalismus für Subkultur und alternative Orte durchaus von Vorteil sein können. Heute ist aber klar: diese Prognose ist unerfüllt geblieben, denn der Neoliberalismus ist voller Widersprüche. 

Einerseits wird die Liberalisierung der Wirtschaft und des öffentlichen Raums gepredigt, andererseits werden Interventionen, sogar Zwang angewandt, um den „freien Markt“ zu verteidigen. Weiterhin ermöglichte die Liberalisierung erst die Ausbreitung der Marktlogik und des Wettbewerb-Denkens in allen Aspekten des öffentlichen und privaten Lebens – welche letztlich Menschen zu einem bestimmten Verhalten bewegt, auf deren wirtschaftliches Umfeld einwirkt. Dazu später mehr.

Neoliberale Strukturen im Clubkontext

Ähnlich wie bei Rassismus und Sexismus in der Clubkultur stellt sich die Frage: Wie kann ein Club außerhalb der herrschenden Machtstrukturen existieren?

Clubs bieten oft den Raum für Eskapismus und ermöglichen einen vermeintlichen Ausbruch aus dem neoliberalen Leistungsdenken, der in den meisten Teilen der Gesellschaft nicht denkbar wäre. Die Möglichkeit dafür entsteht aus der kritischen Stellung gegenüber sozialen Verhaltensnormen sowie dem emanzipatorischen und widerständigen Grundgedanken der elektronischen Musik. Verhaltensweisen und Bestandteile der Clubkultur gingen historisch häufig Hand in Hand mit dem Hinterfragen von gesellschaftlichen Konventionen, Funktionsweisen und sozialen Erwartungen.

‚Der Club‘ stellt einen Raum dar, indem unter anderem das Ausleben der eigenen Sexualität, Substanzkonsum und der Ausbruch aus der gesellschaftlich für angemessen gehaltene Tagesstruktur und dem permanenten Anspruch, leistungsfähig zu sein, ermöglicht werden könnten.

Doch was ist mit den wirtschaftlichen Normen? Das Hinterfragen dieser Normen scheint im Prozess bisher wenig stattzufinden. Vielmehr haben diese Wirkmechanismen des Neoliberalismus und Kapitalismus die ursprünglichen Prinzipien der elektronischen Musik und Clubkultur beseitigt. 

Rave und Clubkultur hörten zum Großteil auf, eine Utopie zu sein, sobald sie etabliert genug waren, um kommerzialisiert zu werden und finanzielles sowie soziales Kapital zu generieren. Mit Utopie sind hier Räume gemeint, die im Zuge des Aufstiegs der Underground-Rave- und Clubkultur entstanden sind: Räume, die außerhalb des rassistischen, sexistischen, queerfeindlichen und kapitalistischen Systems aufgebaut werden sollten, um politische Schutz- und Entfaltungsräume für marginalisierte Menschen zu erschaffen. 

Die Kommerzialisierung ist die Konsequenz des Erfolgs der Clubkultur, da die Popularisierung elektronischer Musik, der Szene und Orten innerhalb eines profitorientierten Systems grundsätzlich zu Kommerzialisierung führen wird.

Die Tatsache, dass Clubs und Menschen, die diese betreiben oder besuchen, zwangsläufig innerhalb des neoliberalen Systems (weil innerhalb unserer Gesellschaft) existieren, bedeutet, dass sie keine andere Wahl haben, als dem wirtschaftlichen Denken zu folgen. Konkret bedeutet das, dass Clubs finanzielle Einnahmen brauchen, um zu überleben, und Clubbesucher:innen Geld in Clubs ausgeben können müssen. Klingt logisch und einfach, ist aber der Kern des Problems.

Eintritt- und Getränkepreise, die Taxifahrt (die für viele, und vor allem marginalisierten Menschen, die einzige Möglichkeit ist, nachts sicher nach Hause zu kommen), – all das sind finanzielle Barrieren für Clubbesucher:innen. Andererseits sehen sich Clubs meistens gezwungen, hohe Preise zu verlangen, um Qualität zu gewährleisten und attraktive Line-Ups anzubieten – um den Club voll zu kriegen und finanziell überleben zu können. Qualität zu gewährleisten bedeutet teure Technik und ausgebildetes Personal.

Attraktive Line-Ups heißt (leider) meistens bekannte Künstler:innen zu buchen, die höhere Gagen verlangen. Ob sie es wollen oder nicht, müssen Clubs bis zu einem gewissen Punkt der Logik des Marktes folgen, um zu existieren, was bedeutet, dass Menschen beim Feiern dieser Logik ebenfalls ausgesetzt werden. Wie sollen sich also Protagonist:innen der Clubszene von der kapitalistischen Realität befreien, wenn deren Existenzen von dieser abhängig ist? 

Neoliberales Denken und Handeln/Neoliberale Mentalität

Das volle Ausmaß der Problematik wird deutlich, wenn Auswirkungen des neoliberalen Kapitalismus auf individuelle und kollektive Handlungen und Denkweisen thematisiert werden. Wie schon erwähnt, handelt es sich beim Neoliberalismus um ein Weltbild, das alle Aspekte des Lebens nach der Logik des Marktes ausrichtet. Es findet zwar nicht unter konkretem Zwang wie Repressionen statt, vor allem aber indirekt: Im Neoliberalismus werden beinahe alle Lebensbereiche unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit und des Profits betrachtet. Kurz gesagt: Unser komplettes Umfeld ist auf Profit ausgelegt.

Und da wir als Menschen immer in Wechselwirkung mit unserem Umfeld denken und handeln, existieren wir gezwungenermaßen als Bestandteil dieses Systems und verinnerlichen dessen Funktionsweise. Ein Beispiel: Wir alle wissen, dass unser Körper sich ausruhen muss – ebenfalls unser Geist. Häufig sind „Auszeiten“ jedoch entweder als Langeweile deklariert, werden mit Faulheit gleichgesetzt oder aber „Auszeiten“ und „Selfcare“ werden zu Luxusgütern, die sich nur diejenigen gönnen können, die es sich auch leisten können. 

Dies ist nun insofern bei alternativen Milieus wie die elektronische Musikszene besonders von Bedeutung, da das Wirken des neoliberalen Gesellschaftssystems nicht unmittelbar als autoritär wahrgenommen wird. Das würde wohl vor allem in linken Kreisen schnell auf starke Ablehnung stoßen. Dadurch, dass wir von klein auf im System der Wirtschaftlichkeit aufwachsen, verinnerlichen wir es indirekt und nehmen dessen Wirkprinzipien teilweise nicht einmal wahr. 

Verdeutlicht an unserem Beispiel: Meistens steht niemand neben uns und droht mit Strafen, wenn wir uns eine Auszeit nehmen. In unserem Kopf tauchen aber Sätze wie „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ auf – oder aber wir möchten uns einen Urlaub leisten können und wissen: Nur wenn ich genug arbeite, also genug verdiene, kann ich mir das ermöglichen. 

In diesem Prozess wird alles (und am wichtigsten: Menschen) zur Ware und in einem Markt organisiert. Die Konsequenz ist die Notwendigkeit sich gegenüber anderen Menschen oder Einrichtungen (zum Beispiel Clubs, Kollektiven…) zu beweisen und durchzusetzen – was maßgeblich zum Individualismus beiträgt. Das Überleben der:des Stärkeren, der:des Erfolgreicheren.

Also: Individualistisches Denken und Handeln reproduzieren die Logik des Marktes und steht in direktem Widerspruch zu einem solidarischen Handeln, was wohl in dem bestehenden System einer der einzigen Wege ist, sich aus der neoliberalen Marktlogik zu befreien. Ohne konkretes solidarisches Handeln reflektieren Eskapismus und Befreiung im hedonistischen Clubkontext einen neoliberalen Freiheitsbegriff, der hauptsächlich aus individueller und oft egoistischer Freiheit auf Kosten anderer besteht. 

Dadurch besteht die Gefahr, dass eine sich als inklusive, antirassistische und feministische verstehende Clubkultur trotzdem und weiterhin auf Kosten marginalisierter Menschen stattfindet, weil Ausgrenzungsmechanismen reproduziert werden, die tief im individualistischen, neoliberalen System verankert sind. Es werden Rassismus, Sexismus und nicht zuletzt Klassismus reproduziert, was beispielsweise bei der Türpolitik oder beim Booking sichtbar wird.

Was bedeutet das konkret für uns?

Eine solidarische, antirassistische und feministische Clubkultur muss es sich zur Aufgabe machen, sich der neoliberalen und kapitalistischen Logik des Marktes entgegenzustellen. Denn darin liegen die Ursachen der sozialen und wirtschaftlichen Ausgrenzungen marginalisierten Menschen, auch in unserer linken Clubkultur. Auseinandersetzungen mit solchen Fragen sowie Maßnahmen gegen Vermarktungslogik und die Konsequenzen gibt es durchaus schon.

Dieser Artikel soll nicht als Anklage verstanden werden, sondern als Anregung, sich noch kritischer und aktiver mit den Orten und Strukturen, in denen wir feiern, auseinanderzusetzen. Damit elektronische Musik, die Orte und die Kultur, die sie umgibt, weiterhin radikal bleibt oder es (wieder) wird. Radikal indem sie Räume schaffen, in denen bestehende Verhältnisse und Normen hinterfragt werden, und in denen neue Organisationsformen entstehen können, die Emanzipationsmöglichkeiten und Alternativen zu Vermarktungslogik bieten. 

Partys auf Spendenbasis, kostenfreie DJ-Workshops oder Soli-Partys sind nur ein paar existierende Beispiele und zeigen, dass es bereits Ansätze gibt, die Marktlogik zu umzugehen oder zumindest zu minimieren. Es ist klar, dass vorerst alles weiterhin im bestehenden System stattfinden muss. Dennoch können neue Organisationsformen und Denkweisen Räume innerhalb des Systems schaffen, die nicht einer kapitalistischen Logik folgen, sondern Orte, die einen möglichen Ausweg zeigen und damit hoffentlich den Grundgedanken elektronischer Musikkultur:

Solidarität und die Möglichkeit, aus dem Alltag auszusteigen – geprägt von Leistungsdenken und Erfahrungen von Diskriminierung – für alle Menschen gleichermaßen zu ermöglichen.


Alle Fotos von Paula Kittelmann, die ihr als frohfroh-Autorin und Fotografin kennt. Hier findet ihr Artikel und Fotoserien von Paula.

KW 25 – True Colours Festival in Leipzig

Weiter geht es mit dem True Colours-Festivals in Leipzig. Pflichttermin! Welches Programm die Macher:innen hinter dem Festival organisiert haben, was sie sich wünschen und wo und wie ihr teilnehmen könnt, lest ihr bei uns.

Vom 26. Juni bis zum 25. Juli findet das True Colours Festival in Leipzig, in einer hybriden Form, online und offline, statt. An unterschiedlichen Orten, zum Beispiel im Pöge Haus, im Institut fuer Zukunft oder im Heizhaus sind jede Woche unterschiedliche Themen geplant. Ein starkes Programm, das glücklicherweise in eine Zeit mit derzeit sehr niedrigen Inzidenzwerten fällt und somit auch ‚analoge‘ Begegnungen und Gespräche (unter den geltenden Hygienemaßnahmen) zulässt.

Workshops, Diskussionen, Konzerte, Film-Screenings und Voguing-Ball

Austausch während des Festivals steht im Fokus

Die Themenschwerpunkte an den fünf Wochenenden sind unter anderem Diskriminierung, Rassismus, Sexualität, Fetische, Vorlieben, Mode, Ästhetik, Mental Health und Self-Expression – Themen, die queere Menschen täglich beschäftigen, wie eine:r der Macher:innen, Lili-Alexander, schreibt. Das Team um Ari, in der Kultur- und Voguingszene bekannt als LaQuefa und Ideen- und Namengeber des Festivals, hat innerhalb weniger Wochen gemeinsam das vielseitige, beeindruckende Programm auf die Beine gestellt: Vorträge, Panel-Diskussionen, Workshops, Konzerte, DJ-Sets, Modenschauen und Meditations-Sessions, all das wird angeboten.

Das komplette Programm und alle Informationen zu den Themenschwerpunkten, Orten und Workshops der fünf Wochenenden findet ihr hier.

Zum Auftakt am 26. Juni wird zum Beispiel der Film „The Death and Life of Marsha P. Johnson“ gezeigt, am 3. Juli gibt es einen Open Talk zu „Trans Bodies“ mit Sanni Est, Jacqueline Boom-Boom und Leif oder – um nur einen weiteren Termin zu nennen, am 17.7. eine Modenschau mit Musik von Music of Color im IfZ. Um den Überblick zu behalten, solltet ihr euch unbedingt die Programm-Tafeln anschauen und euch einen Festival-Plan machen.

Begegnungen, Gespräche und Diskurs

Leif, ebenfalls einer der Festival-Organisator:innen, erklärt, welche Beweggründe bei ihm dazu geführt haben, sich für das Festival einzusetzen:

Ich glaube, bei uns allen hat sich über die Zeit in der Pandemie viel unausgelebte Kreativität angestaut. Statt diese Ideen und Visionen nur für uns persönlich im Kopf zu haben, wollten wir diese Ideen mit andern Menschen teilen. Wichtig ist mir dabei, aber ich denke allen von uns, viele Menschen anzusprechen. Ob queer, nicht queer, älter oder jünger. Egal ob eine Person schon Vorwissen zu manchen Themenfeldern hat oder noch dabei ist, Dinge neu für sich zu entdecken. Schwerpunkt und Ziel ist es, auf Augenhöhe zu diskutieren und Raum für Austausch und Ideen zu bieten.

Rahel betont dabei, warum für sie persönlich, aber auch für uns alle, das True Colors Festival eine echte Chance im Hinblick auf Austausch, Lernen und Entdecken bedeutet: Ich habe gemerkt, dass ich einen Rahmen brauche in dem ich mich komplett anwesend fühlen kann. In dem ich alle Facetten meiner post-migrantisch, Schwarzen und queeren Identität gleichzeitig teile und zur Abwechslung nicht als ‚abnorm‘ betrachtet werde. Beim True Colours Festival geht es mir und uns darum jegliche Normen zu hinterfragen und Dinge wie vor allem Queerness neu zu entdecken.

Voguing und Kiki-Ball im Institut fuer Zukunft

Philipp, ebenfalls im Festival-Team, freut sich auf alle Veranstaltungen, aber auf ein paar natürlich besonders: Bereits am ersten Samstag haben wir zwei wundervolle und sehr bekannte Gäst:innen, Edwin Grewe und Natasha A. Kelly. Am darauffolgenden Samstag kommt dann Malonda, die immer für eine gute Show zu haben ist und auch dafür bekannt ist. Am letzten Wochenende werden wir verschiedene Vertreter der Ballroom Community aus Berlin, aber auch aus internationalen Städten empfangen, um einen Kiki Ball zu veranstalten. Das wird auf jeden Fall ein Highlight und gleichzeitig auch der Abschluss unseres Festivals.

inklusiv, queer, feministisch und intersektional

Er wünscht sich für die Festivaltage vor allem, dass das Publikum eine wunderbare Zeit haben wird. Und: Gleichzeitig erhoffe ich mir, dass die Teilnehmenden respektvoll miteinander umgehen, sodass ein safer space geschaffen werden kann, den normale CSDs leider nicht schaffen. Alles in allem wünsche ich mir, dass queere sowie nicht-queere Menschen nach dem Festival nach Hause gehen und merken, wie schön Vielfalt und Multiperspektivität sein kann und dass Inklusion dazu führt, dass wir alle uns wohler (safer) fühlen können.

Respekt und Positivität

Lili-Alexander ergänzt: Besonders wünsche ich mir, dass jeder Mensch vom Publikum, von den Acts und dem Programm inspiriert wird, sich in allen Facetten anzunehmen, zu feiern und sich miteinander zu connecten.

Wichtig: Spendet!

Das Festival wird durch Spenden finanziert. Durch eure, unsere! Auch ein paar öffentliche und staatliche Gelder konnten organisiert werden, aber damit alle Künster:innen bezahlt werden können, rufen die Organisator:innen auch weiterhin dazu auf, sie finanziell zu supporten. Also, wer die Möglichkeit hat: Spendet! Teilt die Informationen zum Festival und weist eure Freund:innen, Bekannte und Familie darauf hin, dass das Festival nur finanziert werden kann, wenn alle einen Beitrag leisten. Der Eintritt zu den meisten Veranstaltungen ist ebenfalls auf Spendenbasis, damit auch alle diejenigen, die es nicht so dicke im Geldbeutel haben, teilnehmen können. Long story short: Jeder Euro zählt. Nur so kann das Festival umgesetzt werden, also go for it. Auch das Teilen der Spendeninfos hilft!


Unterstützt wird das True Colours-Festival von: Heizhaus, Ideenfonz*, Pögehaus und dem Institut fuer Zukunft.

KW 25 – Sonntag

Remember Queering Defaults? Die queerintersektionale Gruppe ruft am 27. Juni wieder zur Demo auf. Diesmal unter dem Motto: queer liberation. Begleitend dazu wird es in dieser Woche eine Menge tolle Workshops geben. 

Im letzten Sommer haben Queering Defaults mit ihrer Aktionswoche eine Pride gefeiert, die politischer und intersektionaler war als die bestehenden Angebote. Durch kontinuierliche Social Media-Arbeit, Workshops und Textbeiträge hat die Gruppe im Lauf des letzten Jahres immer wieder zur Sichtbarkeit und Vernetzung der queeren Szene in Leipzig beigetragen und so einen inklusiven Safer Space geschaffen. 

Queere Befreiung

Nachdem sie unterschiedliche Perspektiven gehört, geschaut und veröffentlicht haben, soll die Aktionswoche noch einen Schritt weiter gehen: „No Pride For Some of Us Without Liberation For All of Us“ – Marsha P. Johnson, weshalb das diesjährige Motto queere Befreiung ist. 

Dazu werden von Donnerstag, 24. Juni bis Samstag, 26. Juni Workshops, Panels und Vorträge angeboten, die eine queerpolitische Praxis etablieren. In den Workshops wird es unter anderem um die Themen Non-binary und Bi-/Pan-Empowerment sowie weiße Machtstrukturen in der linken Szene gehen. Aber auch Voguing und Drag Quing Performances sind angekündigt. Außerdem gibt es einen Harness-DIY- und einen Zine-Workshop. Der politische Fokus liegt in diesem Jahr auf Identitätspolitik, zudem darf man/dürfen wir auf ein Panel zu intersektionalem Umweltaktivismus gespannt sein. 

Anmeldung per Mail

Um an den Workshops, Panels und Vorträgen teilzunehmen, meldet euch unter qd-contact@riseup.net (mit dem Namen des Workshops im Betreff) an. Für den genaueren Zeitplan und weitere Infos solltet ihr unbedingt via Instagram @queeringdefaults vorbeischauen!

Hier findet ihr den Timetable.

Demo am 27. Juni ab 13 Uhr

Die Demo beginnt am 27.06.21 um 13 Uhr auf dem Marktplatz und endet im Clara-Park. Es wird Redebeiträge, unter anderem zu Polizeikritik, sexualisierter Gewalt, queer liberation und diability justice sowie Drag und Voguing Performances, eine Audiokollage (und mehr!) geben. Die Demo wird in deutsche Gebärdensprache übersetzt.

Bringt eure Masken, genug Wasser und Schutz vor der Sonne mit. Wir sehen uns dort! 

Modellprojekt Kultur: Mit Corona-Tests zurück zum Clubbetrieb?

In den letzten Wochen wurde das Modellprojekt Kultur, ein Reallabor mit mehrstufigen Test-Maßnahmen und anschließenden nahezu normal ablaufenden Veranstaltungen, in Leipzig durchgeführt. Wir waren an einem der Clubabende in der Distillery mit dabei und haben für euch aufgeschrieben, wie das Experiment ablief.

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Eine Clubnacht, legal, ohne Abstand, ohne Maske; ausgelassenes Feiern. Genau das fand bisher an zwei Samstagen in der Distillery mit einem mehrstufigen Coronatest-System und jeweils 200 Gäst:innen pro Abend statt.

Mit dem „Reallabor“ sollen Erkenntnisse gesammelt werden, wie Clubs und andere Kulturorte zu einer Variation, die ihrem Normalbetrieb nahe kommt, zurückkehren können.

Wie kann ein Clubabend unter Pandemie-Bedingungen stattfinden?

Wer das Glück hatte, einen der insgesamt 400 Studienplätze für einen der zwei Samstagstermine zu ergattern, konnte anschließend (online) ein Ticket kaufen und sich für die Corona-Tests vor Ort anmelden.

Ticket buchen → Anmeldung im Test-Portal → Terminbuchung für Schnelltest und PCR-Test → Schnelltest vor Ort am Veranstaltungstag → 15 Minuten Warten → Testergebnis kommt per Mail → bei negativem Schnelltest geht es weiter zum → PCR-Gurgeltest → das Ergebnis des PCR-Tests kommt am gleichen Abend per Mail → nur mit negativem PCR-Test darf die Veranstaltung besucht werden

Aber: Wer die Veranstaltung verlässt, kann nicht wieder zurückkommen. Eine Woche nach der Veranstaltung steht dann eine erneute Kontrolltestung an.

Clubnacht ohne Maske und ohne Abstand

Mit zwei negativen Corona-Tests konnte man sich also schließlich auf den Weg machen. Damit es nicht zu Gedränge vor dem Club kommt, fand der Einlass je nach Ticketnummer gestaffelt statt. Vor dem Club noch mit Maske und Abstand.

Und dann? Dann durfte man hinter der Clubtür die Maske abnehmen und auf zwei Floors und dem Außenbereich der Distillery eine komplette Nacht durchfeiern. Das schreibt sich so easy daher, ist aber, in Anbetracht des strengen Lockdowns, der noch gar nicht allzu lange her ist, schon – ja, irgendwie krass. Nach 15 Monaten wieder feiern, laute elektronische Musik hören, mit fremden Menschen interagieren. Ohne Maske, in Innenräumen.

Hält man trotzdem Abstand, obwohl man es nicht ‚muss‘, aus Gewohnheit? Ist der Überschwang, die Leichtigkeit der übrigen Gäst:innen überfordernd, müssen wir uns an die neue-alte Cluberfahrung womöglich erst wieder rantasten? Hat man „in einen Club gehen“ vielleicht sogar verlernt? Oder war vielleicht noch nie in einem?

Erstaunlich schnell und organisch scheinen die Ängste und sozialen Hemmungen zu verfliegen. Mit ’nur‘ 200 Menschen im Club ist die Distillery angenehm gefüllt. Das heißt: keine langen Schlangen, kein unübersichtliches Gedränge, viel Platz zum Tanzen, Sitzen, Stehen, Kennenlernen und Reden.

Sozial- und Gesprächsraum reaktiviert

Der Sozialraum innerhalb von Clubs, den wir wohl alle sehr, sehr, sehr vermisst haben und weiterhin vermissen, wurde an zwei Samstagen in der Tille reaktiviert. DJs hatten endlich wieder die Möglichkeit, in einem Club zu spielen, vor Publikum. Das analoge Erleben einer Nacht im Club ist und bleibt unvergleichlich. An den zwei Modell-Samstagen war das wieder möglich.

Kann dieses Modellprojekt Hoffnungsträger für Clubbetreibende und die Kulturszene sein? Für diejenigen, die an diesem Experiment teilnahmen, scheint die Antwort, die wir an diesem Abend beobachten konnten, klar auszufallen: Auf jeden Fall.

Für sie bedeutet das Modellprojekt endlich wieder Musik auf einer Clubanlage hören zu können, Inspiration zu sammeln, zufällige Begegnungen und Gespräche zu initiieren, so risikoarm wie möglich – der aktuelle Inzidenzwert von 6 in Sachsen (bundesweit liegt der Inzidenzwert bei 10; Stand: 20. Juni 2021) ist ein weiterer Sicherheitsfaktor.

Begeisterung beim Test-Publikum

Ob eine Clubauslastung mit 200 Personen und einem Ticketpreis von etwas über 16 Euro (inklusive aller Testungen) für einen Club rentabel ist, werden die Studienergebnisse hoffentlich ebenfalls beleuchten – und unter welchen Voraussetzungen, Förderungen und Maßnahmen eine Umsetzung in die regelmäßige Praxis ermöglicht werden könnte. Denn der Mehr-Aufwand ist enorm. Für Distillery-Chef Steffen Kache ist es derzeit aber die einzige Chance, wieder loszulegen, wie er MDR Kultur sagt:

„Es ist nicht nur der Wunsch der Gäste, dass wieder Veranstaltungen stattfinden. Es ist auch der Wunsch der Veranstalter. Wir wollen was machen. Das ist ja im Prinzip auch Teil unserer DNA. Wir haben keinen Club eröffnet, um dann auf der faulen Haut zu liegen.“

Ob der zeitliche Aufwand, der Eintrittspreis und die technische Ausrüstung (ohne Smartphone ist das Durchlaufen der Testschritte zwar möglich, aber mit Smartphone deutlich einfacher) auf Publikumsseite nicht nur innerhalb eines Modellprojekts, sondern auch regelmäßig gut machbar und vereinbar ist, wird durch eine Befragung der teilnehmenden Gäst:innen ausgewertet.

Die Frage, ob der Test-Aufwand für eine Nacht angemessen ist, stellt sich den meisten an diesem Abend nach dem langen Verzicht allerdings nicht:

„Ich fand es okay, die Zeit ist es mir definitiv wert und ich konnte es mir gut einteilen“, sagt ein Gast in der Schlange vor der Garderobe.

„Ich bin viel eher aufgeregt und freue mich riesig, da denke ich gar nicht mehr daran, dass ich heute morgen schon mal hier zum Testen war!“, sagt eine andere Stimme.

Die Stimmung im Club spricht für sich: Viel Applaus für die auftretenden DJs, viele Umarmungen, viele Gespräche, wenig Skepsis – dafür große Freude und Ausgelassenheit. Zumindest während der wenigen Stunden auf dem Tanzfloor sind die Belastungen durch die Corona-Krise nicht zu spüren.

Alle Informationen zum Modellprojekt Kultur // Reallabor findet ihr hier.

Foto von Birk Poßecker.